Bertram Vogelweid.

Dietrich erschrak: »Was ist mit ihr? Ist sie krank?«»Nein, nein,« darüber beruhigte ihn der Doktor, aber mit sehr wenig Worten; er hatte Brand nur einen Augenblick sehen wollen, setzte sich nichteinmal, griff wieder nicht nach dem Pulse des Patienten, legte bloß die schmale, blasse Hand auf dessen Schulter und sprach mit sanfter Bitte: »Bleiben Sie wenigstens zu Hause.«»Zu Befehl,« erwiderte Brand, worauf ihn der Arzt ein wenig spöttisch und unbeschreiblich gütig ansah und sich mit einem kurzen: »Adieu!« empfahl.Warum in aller Welt hatte er spöttisch dreingesehen? Aus niederträchtiger, ärztlicher Schadenfreude? Oder machte es ihm Spaß, daß ein alter Soldat sich seinen Anordnungen so ängstlich unterwarf wie ein maroder Pfründner? Ja, das war’s, und darüber gedachte ihn Brand eines Besseren zu belehren. Plötzlich entschlossen, streckte er die Rechte aus und drückte den Tasterknopf der elektrischen Glocke an der Wand anhaltend und energisch nieder.Peter eilte herbei.»Meinen Paletot, meinen Hut,« befahl Dietrich, »ich gehe – oder vielleicht ich fahre – zu Frau Major von Müller.«Nicht ein Wort des Widerspruchs kam über Peters Lippen, doch betrachtete er den Gebieter mit der hoffnungslosen und liebevollen Traurigkeit, mitder eine Mutter ihr starrsinniges Kind betrachtet. Brand fühlte die Empfindung seines Dieners nach, und auch er blieb stumm. Man sagt nicht, man beweist, was man kann.Peter sah ihn eine so gewaltige Anstrengung machen, als ob er sich aus einem Sumpfe, in dem er halb versunken war, emporarbeiten wollte, sah ihn aufschnellen – und fast zugleich besinnungslos zu Boden sinken.Es war so schnell geschehen, daß Peter den Sturz nicht verhindern konnte. Jetzt kniete er bei seinem Herrn, hob ihn auf, trug ihn in seinen Armen (welches Glück, daß Brand davon nichts wußte!) auf das Bett, labte ihn und brachte ihn bald wieder zu sich. Als der Rittmeister die Augen aufschlug, stand Peter aber schon abgewendet und ordnete die Kleider im Schranke.»Ich will heute doch lieber zu Hause bleiben,« sagte Dietrich nach einer Weile, »ich hab’ etwas Schwindel, das kommt von den verfluchten Medikamenten.«»Von nichts Anderem, Herr Rittmeister,« versetzte Peter.»Du brauchst dem Doktor nichts davon zu sagen,« nahm Brand nach einer abermaligen Pause wieder das Wort, »es würde ihn kränken, und am Ende bildet er sich noch ein, daß ich ohnmächtig geworden bin wie ein bleichsüchtiger Backfisch.«»Natürlich, Herr Rittmeister, denn wer kann wissen, was ein Zivilist sich einbildet.«Zweimal im Laufe des Vormittags mußte Peter einen Kommissionär in die Berggasse schicken, um Nachrichten zu holen. Nur bei Pauline; die gnädige Frau durfte nicht belästigt werden mit den vielen Anfragen. Pauline ließ den Rittmeister beschwören, sich keine Sorgen zu machen. Er fand die Antwort ungenügend und sendete Peter in Person nach einer Botschaft aus, und der kehrte mit der Meldung zurück:»Die gnädige Frau läßt sich empfehlen, dem kleinen Georg geht’s gut.«»Wirklich, wirklich? Hast Du ihn gesehen?«»Ihn nicht, aber die Frau Majorin ist selbst herausgekommen, sie selbst ...« Eine unbesiegbare Rührung packte und würgte ihn.»Jetzt weint er wieder, der Waschlappen,«murmelte Brand und dankte Gott im Stillen, daß er der armen Mutter ihr Kind wieder geschenkt und auch ihm, der es freilich nicht anders erwartet hatte, seinen lieben Jungen.Es duldete ihn nicht länger im Bette; er ließ sich ankleiden, konnte aber nur auf den Arm seines Dieners gestützt bis zum Lehnsessel gelangen.Gegen die siebente Abendstunde wurde geläutet, und unmittelbar darauf läutete auch Dietrich und befahl Peter, der hereinstürzte, hochroth im Gesicht und mit verklärter Miene:»Niemanden vorlassen, keinen Menschen!«»Herr Rittmeister, es ist die Frau Majorin von Müller.«Brand erhob sich. Mit ihm zugleich erhob sich aber auch der Fußboden und rollte Wellen, die Decke flatterte wie ein Segel. Dietrich war froh, bei dem allgemeinen Aufruhr wieder in die Arme seines Fauteuils zurückkehren zu können:»Werkommt? Wer?...«Da stand sie schon auf der Schwelle.»Gnädige Frau ... Mein höchster Wunsch – Sie bei mir!«Sie konnte nicht gleich sprechen, sie ging langsam auf ihn zu und reichte ihm beide Hände.»Verzeihen Sie,« sagte er. »Nein, daß ich Sie so empfangen muß. Invalid, nicht einmal entgegen gehen, nicht einmal aufstehen ... Nein, daß Sie zu mir kommen ... Es geht also besser. Mein lieber, kleiner Freund – wie hab’ ich mich nach ihm gesehnt!«»Er sich auch nach Ihnen.« Sanft entzog sie ihm ihre Hände, setzte sich ihm gegenüber und schlug den Schleier zurück: »Auch Sie sind sehr leidend.«»Gewesen!« rief er aus.Nie, niemals hatte ihr Anblick ihn so bewegt in allen Herzenstiefen. Nie war sie ihm so erhaben hold erschienen, Majestät und Lieblichkeit in einer Gestalt.Brand ließ sie nicht aus den Augen: »Aufrichtig, gnädige Frau,« sprach er, und seine Stimme zitterte, »wie steht’s mit ihm?«»Gut,« anwortete sie, »ganz gut.«Er athmete auf, er wurde heiter und gesprächig. Er hatte viel nachgedacht in diesen Tagen der Einsamkeit. Was denkt man nicht Alles zusammen in zweimal vierundzwanzig Stunden!Seine ganze Vergangenheit war vor ihm lebendig geworden, und die leuchtende Überzeugung hatte ihn durchdrungen, daß er nur zu danken habe.»Gnädig hat mein Herr und Gott sich mir immer erwiesen, zweimal in meinem Dasein aber allgütig. An dem Tage,« Brand senkte nachdenklich den Kopf, »an dem ich im Begriff war, ein Licht auszulöschen, das er angefacht hatte, und er mich in seiner Huld davor beschützte, den Frevel zu begehen. Ein zweites Mal – da er mich Sie, verehrte Frau, wiederfinden ließ, die ich durch eigene Thorheit verloren hatte und jetzt lieben darf – in Ihren Kindern.«Sie hatte ihm still und teilnehmend zugehört, nun stand sie rasch auf, sagte ihm Lebewohl und wünschte ihm eine recht gute Nacht.Peter erhielt den Auftrag, einen Wagen zu nehmen und die gnädige Frau nach Hause zu bringen. So geschah’s, und er kam zurück mit einem Gruß von ihr, und Dietrich ging zur Ruhe und schlief wie ein Gesunder. Er erwachte gestärkt, glücklich, und obwohl es regnete, war für ihn die Welt voll Sonnenschein.Im Laufe des Vormittags brachte ein Dienstmann einen Brief.»Von der Frau Majorin,« sagte Peter und überreichte ihn ängstlich und zögernd.Der Inhalt des Schreibens lautete:»Lieber gütiger Herr Rittmeister!Seien Sie stark, machen Sie sich auf dasTraurigste gefaßt. Ihr kleiner Freund ist todt,gestern gestorben, als die Kirchenglocken zum Aveläuteten. Selig entschlafen – ich weiß jetzt,was das heißt. Ich bin zu Ihnen gekommen,um es Ihnen zu sagen, und konnte nicht, Siehaben mir zu leid gethan ...«Brand las nicht weiter. Das Blatt entsank seiner Hand. Sie war gekommen, um ihm zu sagen: Das Kind ist todt, und hatte es nicht vermocht; sie wußte, wie weh es ihm thun würde, und hatte es ihm nicht sagen können. Aus Mitleid, aus himmlischem Erbarmen – – – Nein, das war mehr als Mitleid und Erbarmen – unendlich mehr.Bertram Vogelweid.I.Bertram Vogel hatte ein Pack Manuskripte in die ohnehin schon überfüllte Lade seines alten Ungeheuers von Schreibtisch gestopft und bemühte sich nun, sie zuzuschieben. Aber sie leistete Widerstand, und als er böse wurde und anfing, heftig an ihr zu rütteln, spießte sie sich gar. Auf einmal schien sie ein menschliches Gesicht anzunehmen, das einen großen, viereckigen Rachen voll Bosheit gegen ihn aufsperrte.Er trat zurück und seufzte grimmig: »Schon wieder! Schon wieder!«Auch eine Folge seiner entsetzlichen Nervosität, daß alles Leblose, das ihn umgab, sobald er in die geringste Aufregung gerieth, ein höhnisch grinsendes Gesicht annahm, – das Gesicht eines seiner Feinde und Neider. Er hat ihrer zahllose, er, von Natur der friedfertigste und wohlwollendsteMensch, ist mit Feinden und Neidern bespickt, wie der Schild des Achilles mit Speeren. Und daran, und überhaupt an allem Übel, das ihn trifft, ist der Beruf schuld, den er ausübt und haßt, der Beruf, in den die Verhältnisse ihn hineingeschoben haben und für den die zärtlichste, geliebteste, thörichtste Mutter ihn auserwählt glaubte.»Wart’, du Verfluchter, wie ich dich sitzen lasse,« murmelte er und ballte die Fäuste gegen etwas Unsichtbares in der Luft. »Wart’ nur noch ein Jahr! Wartet auch ihr, wie ich euch verlassen werde«, rief er den verrauchten Wänden zu.Nur weil die Wohnstube wohlfeil war, hatte er so lange in ihr ausgehalten. Sie lag im vierten Stock eines alten Zinshauses der inneren Stadt, hatte die Form einer Bratröhre und nur ein einziges Fenster, das nie und niemals von der Glorie eines Sonnenstrahls umspielt wurde. Und das Gäßchen, in dem das alte Haus stand, war so schmal, und die bösartig duftenden Rauchfänge seines Gegenübers waren so nahe! Mit einem langen Pfeifenrohr hätte man die Katzen, die Nachts auf dem Dache herumspazierten und einverachtungswürdiges Konzert aufführten, herunterfegen können. In diese Versuchung gerieth Bertram nicht, er besaß keine lange Pfeife, er war (ebenfalls aus Sparsamkeit) kein Raucher. Er hielt das Fenster überhaupt geschlossen, denn es kam nichts Gutes herein, und für Ventilation war durch die beiden Öffnungen der Bratröhre hinlänglich gesorgt. Die verruchten zwei standen in beständiger, heimtückischer Wechselwirkung und verbanden sich alle Augenblicke zu einem grausamen Attentat gegen den am Schreibtisch sitzenden Mann. Plötzlich legte sich’s ihm wie ein eisernes Band um den Hals, oder es bohrte sich ihm ins Ohr wie ein Dolch, und nun begann das Tosen und Brausen im Kopf und machte ihm die Anstrengung des Denkens zur Höllenqual.Gedacht aber mußte, es mußte sogar erfunden werden, spannend und originell um jeden Preis, ohne weiteres auch – um den des gesunden Menschenverstandes. O greulich!In der Fenstervertiefung, über dem Abreißkalender, der das Datum 25. Juli zeigte, hing der Rasierspiegel. Bertram trat vor ihn hin, betrachtetenach langer Zeit einmal wieder das Bild, das ihm daraus entgegensah, mit Aufmerksamkeit. Sie ging allmählich in zornige Entrüstung über.Achtunddreißig Jahre alt sein und schon so tiefe Falten auf der Stirn haben und so eingefallene Wangen, so rothumränderte, trübe Augen, das ist doch des Teufels! Den verbissenen Zug um den Mund verdeckt glücklicherweise zum Theil der blonde Schnurrbart, dessen Enden sich breit ausgebürstet mit dem kurz gehaltenen Backenbart vereinigen; es sieht fein aus, und der ganze Mensch sieht fein aus, aber schrecklich unruhig und nervös. – Fortwährend muß er blinzeln und von Zeit zu Zeit verzieht ein blitzartiges Zucken ihm das Gesicht. Wie er das häßlich fand, wie er sich darüber kränkte und wie er nun einen neuen Grund zur Kränkung erfuhr! Eine Überraschung – aber was für eine! Mitten im üppigen Wald seiner Haare, gerade auf dem Scheitel, hatte er eine kleine Lichtung entdeckt.»Das hastdumir angethan,« rief er und ballte wieder die Faust, diesesmal gegen den Arm des Gasrohrs an der Wand über dem Schreibtisch.Die Flamme war längst ausgelöscht worden, aber bis zum Morgen hatte sie dem unermüdlichen Arbeiter geleuchtet. Achtstundentag – lächerliches Wort! Sei du ein fleißiger Schriftsteller und Redakteur an der großen Zeitung: »Die junge Grenzenlose« und sprich vom Achtstundentag. Habe allmorgendlich ein halbes Hundert Briefe zu verschlingen, ein paar Dutzend Manuskripte, Brochuren, Bücher durchzublättern, habe gewohnheitsmäßig zwei Romane unter der Feder und sprich vom Achtstundentag. Ein Roman »läuft« in einem Volksblatt, der andere in einem Salonblatt, und: Fortsetzung folgt, heißt’s unerbittlich. Eher dürfte die Zeit in ihrem Laufe innehalten, als so ein Roman in dem seinen.Trotzdem ist die tägliche Arbeit nicht die arge, weil man an sie nur denken braucht, so lange man dabei ist. Die argen, die nervenzerrüttenden Arbeiten sind die, die nur wöchentlich einmal erscheinen, an die man aber beständig denken muß. Da ist der gewisse »Überblick über die neueste Litteratur.« Heißes Pech und brennenden Schwefel über den Erfinder dieses an »über« überreichen Titels.»Ändern wir ihn, er ist zu lügenhaft,« hatte Bertram Vogel dem Chef und den Kollegen vorgeschlagen. »Wenn wir von einem Einblick in den Wust sprächen, wär’s protzig genug von uns. Ordinäre Ehrlichkeit spräche von einem Streif- oder Seitenblick.«Man lachte ihn aus. Der Überblick gehörte zum eisernen Bestand der »Grenzenlosen,« die Abonnenten waren an ihren Überblick gewöhnt, hatten ihn bezahlt und geschluckt und glaubten ihn zu haben.Einer noch größern Beliebtheit als der Überblick erfreute sich das Sonntagsfeuilleton. Es hatte Bertrams Schriftstellerruf begründet, ihn populär gemacht, ihm seinen begeisterten Anhang erweckt und seine ehrenvollen Feindschaften.Niemand sagte mehr: »Das Feuilleton von Vogelweid,« wie niemand sagt: »Der Wein Burgunder.« Es hieß nur noch: »Haben Sie den heutigen Vogelweid gelesen?« Und: »Der ist wieder unerreichbar, macht einen witzig für die ganze Woche. Und das alles nur so hingeworfen, man spürt ordentlich, wie er sich selbst dabei unterhalten hat.«Über die Leichtigkeit, mit der Vogel produzirte, hatten sich Legenden gebildet, die man ihm erzählte, ihm ins bärbeißige Gesicht. Er konnte wüthend werden und widersprechen, so viel er wollte; es half nichts, die Leute schworen auf ihren Unsinn. Auf den zum Beispiel, daß er seine Feuilletons am Setzkasten diktire, oder daß er ihrer zwölf an jedem Samstage hinkritzle, eines davon ziehen lasse von der Hausmeisterin, die übrigen ins Feuer werfe.In Wirklichkeit waren die lustigen Feuilletons, die ins Leben hineingeflattert schienen, lauter Zangengeburten, und Bertram fühlte die Qualen, unter denen sie entstanden, in demselben Verhältniß wachsen, in dem seine Jugend abnahm. Sie war’s, ihr Frohsinn, ihre Lebenslust, was einst in seinen Arbeiten gesprudelt hatte, er besaß kein eigentliches wahres, nur ein Formtalent. Die Form war auch noch immer anmuthig, geschmeidig, tadellos rein, aber der Inhalt bot nichts Neues mehr. Die Feinde und Neider haben es längst gemerkt, die Leser noch nicht. Werden sie sich noch fünfundzwanzig Mal, werden sie sich noch ein Jahr langdarüber täuschen lassen, daß es dieselbe Voltige ist, die ihnen bei veränderter Dekoration in einem fort vorgemacht wird?Noch ein Jahr, nur noch ein Jahr, und mit der widerlichen Tintenkleckserei ist’s vorüber. Bertram Vogelweid ist todt, Bertram Vogel auferstanden. Er lebt in tiefster Zurückgezogenheit auf seinem eigenen Grund und Boden, auf dem Bauerngütchen, das er erworben und allmählich schuldenfrei gemacht hat. Er wird sein Feld bebauen, sein Gärtlein pflegen, Bäume pflanzen, ... Bäume! Was giebt es Schöneres in der Welt? Was hat er je geliebt wie Bäume, der im Wald geborene Försterssohn?Bäume! Bäume! Heute noch wird er Bäume sehen und freies Feld. Es wirbelt ihm im Kopf bei dem Gedanken, es schwindelt ihm, er muß sich setzen. Er sieht wieder überall Gesichter, verträgt nicht einmal die Freude mehr; sein Arzt und Freund hat ihm mit gutem Grunde vor kurzem erst gesagt: »Jetzt wird mir der Mensch in seinen alten Tagen noch hysterisch.«Auf dem Schreibtische liegen die Früchte seineswahnsinnigen Fleißes. Vier Überblicke, vier Feuilletons, die letzten Fortsetzungen seiner, ja, das hat er sich zugeschworen, letzten Romane. Des Volksromans mit seinen idealen Anarchisten, ausbeuterischen Kapitalisten, vom Blut und Schweiß des Volkes lebenden Baronen, Grafen und Fürsten, des Salonromans mit seinen Zweideutigkeiten, seinen Schlüpfrigkeiten. Nur allzu treu nach französischen Mustern, und doch überall Champagner in Bier verwandelt.Ekel und Greuel! Eine plötzliche Wuth erfaßte ihn über sich selbst, über die Wege, die er ging, und über alle die Hunderte von Narren, die sich an ihn herandrängten und seinen Spuren folgen wollten, und denen er davon abgerathen hatte, im Anfang seiner Karriere recht höflich, in der Folge derb und derber.Er besann sich auch der Singvögel männlichen und weiblichen Geschlechts, die ihm scharenweise zugeflogen waren. Erbarmungslos hatte er sie verscheucht, und wer weiß, ob sich unter ihnen nicht vielleicht doch eine Nachtigall befand.Da war eine Anna Mimona, deren er nichtohne eine Art Reue gedenken konnte. Sie hatte ihm ein Heft Gedichte – ein kalligraphisches Meisterwerk – geschickt, und um sein Urtheil gebeten. Ein empfehlendes Wort von ihm, schrieb sie, würde diesen poetischen Versuchen einen Verleger verschaffen und dadurch einer verarmten Familie die Existenz erleichtern.Bertram hatte das Buch nicht aufgeschlagen. Was kann man einer Person zutrauen, die albern genug ist, die Lyrik als Einnahmequelle anzusehen! Als die Poetin nach langer Zeit wieder schrieb und auf das höflichste um Bescheid ersuchte, erhielt sie ihn. Er lautete: »Kaufen Sie sich eine Nähmaschine.«Seitdem hatte sie ihn nicht mehr behelligt, und das gefiel ihm; Anna Mimona war also eine feinfühlige Person und bildete einen gewaltigen Gegensatz zu den vielen, die sich ihm nahten, girrend wie die Tauben, sobald aber der Beifall, den sie verlangten, ausblieb, zu bösartigen Krähen wurden und die Augen des unerbittlichen Kritikers bedrohten.Das alles aber wäre zu verschmerzen, es giebtviel Schlimmeres: die Anhänger und Freunde, die gelobt werden müssen, weil sie loben, die Gegner, die getadelt werden müssen, wenn auch der eignen Überzeugung zum Trotze. So lange gelobt und getadelt, bis aus all dem Müssen eine Art Wollen sich entwickelt und die aufgedrungene Meinung zur eignen wird, weil man um sie gelitten und Anfeindung erduldet hat. Aus dem fortwährenden Bekennen entsteht ein Glauben. Das Vorurtheil ist zur Religion geworden, das Amt hat den Menschen gefressen.Bertram stieß ein höhnisches Gelächter aus und preßte beide Hände konvulsivisch an den Kopf.Eine alte Kuckucksuhr, die in der Nähe der Thür ihr langes Pendel schwang, erhob jetzt ein lautes Geschnarre. Sie hatte die Absicht, elf zu schlagen, konnte sie aber nicht ausführen.In einer Viertelstunde wird der Wagen da sein, der den Reisenden nach dem Bahnhof bringen soll. Bertram hat gestern einem Komfortablekutscher auf dem Stephansplatz das Versprechen abgenommen, sich Punkt ein Viertel auf Zwölf vor dem Hausthor einzufinden. Wenn er nur kommt, derMensch. Im Moment, in dem Vogel ihm das Angeld gegeben und er’s eingesteckt hat, sind dem Besteller die unverläßlichen Augen des Menschen aufgefallen. Wenn er nur Wort hält. Wort halten ist eine große Tugend, und von einem Komfortablekutscher eine große Tugend verlangen die pure Romantik, die reine Thorheit. Aber man begeht sie, man ist so dumm, man ist ein so vertrauensseliger Esel!Bertram spürte einen gallbittern Geschmack im Munde und betrachtete mit Wehmuth das hübsche Kofferchen, das er sich gestern angeschafft hatte. Es stand in der Ecke auf zwei Sesseln sauber zusammengeschnallt. Die Schlösser glänzten wie zwei Augen und schienen zu fragen: Nun – wird’s? Wandern wir? Die Handtasche (auch neu und fertig gepackt) war auf dessen Rücken etablirt und noch offen. Sie wartete auf den Schreibtischschlüssel, den sie aufnehmen sollte. Aber der steckte, und die Lade gähnte wie ein Haifisch. Bertram sprang auf und wollte sie mit einem gewaltigen Ruck zuschieben. Da entfaltete sie eine teuflische Bosheit und spie ihm, soviel sie von ihrem Inhalt nur herausbringen konnte, vor die Füße.Sinnlose Wuth übermannte ihn, er fiel über die Tückische her und rüttelte an ihr, daß sie stöhnte und in allen Fugen bebte.Jetzt wurde an der Thür geklopft und ohne weitere Umstände eingetreten. Frau Hundlgruber, die Hausmeisterin, ein Bild grandioser Gelassenheit, zwang sich zu einem kleinen Schrei beim Anblick des Zimmerherrn, der seinen Schreibtisch prügelte:»Jessas und Joseph, Herr von Vogel, was sein’s denn schon wieder nervios, was regen’s Ihnen denn auf? Kommen’s, gehn’s weg, lassen’s mich her.«Sie schob ihn fort mit einer sanften Macht und Leichtigkeit, wie sie ein Feldsesselchen fortgeschoben hätte, sammelte die auf dem Boden liegenden Schriften und legte sie mit glättenden Händen in die Lade, die, empfänglich für anständige Behandlung, den ganzen Reichthum nun gutwillig aufnahm und sich auch ohne Widerstand absperren ließ.Frau Hundlgruber warf den Schlüssel in die Reisetasche und meldete auch, daß es Zeit, und daß der Einspänner vorgefahren sei.Wieder gerieth Bertram außer sich: »Zeit ist’s;ich versäum’ den Zug! ich versäum’ den Zug!« stieß er hervor, riß seinen Hut und Überzieher vom Kleiderstock und wollte mit Hinterlassung aller seiner Reiseeffekten davonlaufen.Frau Hundlgruber ertheilte ihm eine neue Ermahnung, gab ihm seine Tasche und seinen Regenschirm in die Hand, nahm selbst das Kofferchen unter den kräftigen Arm und fragte, was mit den Sachen auf dem Schreibtisch zu geschehen habe.Bertram rief voll Hast: »Alles Rekommandirte auf die Post ... Die Rezepisse verwahren Sie, die bind’ ich Ihnen auf die Seele, mit Spagat, Frau Hundlgruber. Das große Paket tragen Sie, bitte, auf die Redaktion.«»Jessas und Joseph, das is g’wiß das End’ von Ihrer schönen G’schicht,« sprach Frau Hundlgruber und lächelte seelenvergnügt: »Sagen Sie mir nur noch g’schwind, ich könnt’ ja heut’ nit schlafen vor Neugier: Wird der Baron wirklich lebendig begraben? Verdienen thät er’s, der Schuft der miserable. Is der Pülcher wirklich der Stiftsdam’ ihr Sohn, und wird der brave Anarchist richtig noch Minister bei der Polizei?«»Das alles soll die Zukunft Ihnen enthüllen, jetzt lassen Sie uns scheiden. Leben Sie wohl, Meisterin dieses Hauses,« sprach Bertram pathetisch, »und wenn hier Feuer ausbrechen sollte, dann retten Sie alles, nurden,« er wies mit ausgestrecktem Finger nach dem Schreibtische, »den lassen Sie verbrennen, der ist assekurirt.«Damit rannte er die Treppe hinab, stieg in den, vor dem Hause wartenden offenen Wagen, das Gepäck wurde untergebracht und fort ging’s im Gezottel eines steifen Fliegenschimmels, dem Nordbahnhofe zu.II.Eine peinliche Fahrt. Wohl zehnmal tippte Bertram mit der Spitze seines Regenschirms dem Kutscher auf die Schulter und flehte: »Fahren Sie zu, vorwärts!« Er suchte zu imponiren und befahl: »Vorwärts. Fahren Sie zu!« Es machte keinen Eindruck. Er knirschte in Verzweiflung: »Wir kommen zu spät! Kutscher! Mensch! Zu spät!« Half alles nichts. Der Kutscher, breit wie seinBock, antwortete nur mit undefinirbaren Lauten, einer Art Gegrunze, und sein Fahrgast schalt ihn im Stillen eine Pappendeckelseele, ein stumpfsinniges Halbthier.Wagen um Wagen, alle mit Koffern beladen, fuhren ihnen vor, der Fliegenschimmel schüttelte dazu nicht einmal den Kopf. Sein Lenker war unzugänglich, und er war ohne Ehrgeiz. Bertram rutschte immer weiter vor auf seinem Sitze und saß zuletzt nur noch auf der Polstereinfassung. Er meinte sich dadurch leichter zu machen; er hätte ums Leben gern mitgezogen und erreichte nichts anderes, als daß ihm zuletzt in seiner Aufregung alles vor den Augen tanzte, und daß er statt des breiten Kutscherrückens ein abscheuliches braunes Gesicht mit Hängebacken vor sich sah. Voll Entsetzen wandte er den Blick ab, lehnte sich zurück im Wagen und gab alle Hoffnung auf, noch zurecht zu kommen. Das begab sich ganz in der Nähe seines Zieles, und ein paar Minuten später hatte er den Bahnhof erreicht.Aber welch ein Gewirr und Getreibe herrschte da!»Der Schnellzug is heut’ ungeheuer besetzt,«sagte ein riesenhafter Träger, der an den Wagen Bertrams herantrat und sich des Gepäcks bemächtigte.Ungeheuer besetzt. O du liebes Schicksal! Just heute, an dem ersten Tag nach vier Jahren, an dem Bertram reisen kann, müssen Hunderte von Leuten reisen, die’s wahrscheinlich ebenso gut früher hätten thun können. Er springt aus dem Wagen und will dem Träger folgen, der die Stufen zur Halle hinaufsteigt. Da wird der schläfrige Kutscher plötzlich lebendig und schreit:»Erscht hetzen! und durchgeh’n a no? Halt’s ’n auf!«Bertram erschauderte bei dem Gebrüll. Der Vorwurf, den ihm der Grobian vom Bocke zuschleuderte, traf ihn wie der Blitz vom Himmel. Er hatte vergessen, seine Fahrt, wie es sich gehört, im Voraus zu bezahlen, stand als Betrüger da, die Blicke der Menschen, die sich nach ihm umsahen, sprachen es aus. Er bemerkte auch, daß ein Wachmann ihn fixirte. In zitternder Eile, mit vor Kälte steifen Fingern (am 25. Juli um die Mittagsstunde, bei 28 Graden über Null) entnahm erseinem Portemonnaie eine Banknote und reichte sie dem Grobian, der augenblicklich den Hut zog und kriechend und demüthig bat: »Schaffen Euer Gnaden ein andres Mal wieder.«Bertram eilte dem Träger nach, der schon auf ihn wartete, kurzweg fragte: »Wohin?« und ebenso kurzweg hinzufügte, nachdem er die Antwort: »Hullein« erhalten hatte: »Nehmen’s Ihr Billet.«Ja, nehmen! Das ist leicht gesagt. Bei dem Fenster, durch das die Banknoten hinein- und die Fahrbillete herausgeschoben werden, gab es ein Gedränge, als ob dort Brot vertheilt würde unter Hungernde. Bertram stand als der letzte zwischen den eisernen Schlangen, die zum Schalter führen, und zappelte vor Ungeduld und quälte sich mit gräßlichen Zweifeln: »Wohin ist der Kyklope gerannt, was hat er mit meiner Bagage angefangen? Was hat sein mysteriöses Verschwinden zu bedeuten? Der Kyklope ist am Ende gar kein Träger, sondern ein als Träger verkleideter Strolch, der jetzt das Weite sucht mit meinem Hab und Gut.«Bertram späht ihm vergeblich mit verstörten Blicken nach, möchte nach Hülfe schreien und wagtes doch nicht recht, trotz der Überzeugung, daß er bestohlen ist, beraubt! O die Menschen! die Menschen! Was für ein ausbündiges Gesindel! Fluch über sie und ihre höllische Erfindung, die Eisenbahn, die allen Lastern eine nie dagewesene Fülle von Gelegenheiten bietet, sich auszubreiten, zu wuchern, hereinzustieben, triumphirend mit Dampf in die früher – verhältnißmäßig wenigstens – unschuldige Welt. Bertram seufzte, schnaubte, stampfte und hatte zur Verstärkung seiner Pein ein dumpfes Gefühl, daß er lächerlich sei und sich so ausnehme.Unweit von ihm, neben einer Säule in der Halle, stand eine junge, große, schlanke Frau in hellgrauem Reiseanzug, mit einem allerliebsten Mützchen ohne Schirm auf dem Kopfe. Sie blieb ganz gelassen mitten in dem fürchterlichen Trubel, der sie umgab, hatte ihre Reisetasche (wo ist die meine, dachte Bertram schmerzlich) auf den Boden gestellt und schien in vollkommener Gemüthsruhe auf jemanden zu warten. Dabei beobachtete sie den armen, zwischen den Eisenbarrièren zuckenden Vogel, diskret, mit höchster Wohlerzogenheit, aber offenbar belustigt. Ihre blauen, ehrlichen und unbeschreiblichsympathischen Augen sprachen: Du machst mir Spaß.Der vorletzte Passagier war abgefertigt, Bertram trat an seine Stelle und quetschte mühsam das Wort »Hullein« hervor, während draußen – es fuhr ihm in die Kniee, daß sie zusammenknickten – das erste Läuten erscholl. Der Beamte hinter dem Schalter streifte ihn mit einem flüchtigen Blicke, hielt ihn für einen anderen, schob ihm ein Billet erster Klasse hin und sagte während des Herausgebens auf zwei Zehnernoten:»Eile, Herr Baron, höchste Zeit.«»Träger! Wo ist der Träger?« rief Bertram und vergaß völlig, daß der ein Schuft, ein Strolch war und die Bagage entwendet hatte.»Was für a Nummer?« fragten ein paar Blousenmänner.»Weiß ich’s?« Und noch einmal rief er, aber schon völlig hoffnungslos: »Träger!«Siehe, da kam der Strolch aus dem Magazin herausgelaufen und hatte ein vertraueneinflößendes Gesicht und sprach: »Da drin hat einer an Koffer falsch aufgegeben.«»Den meinen,« stöhnte Bertram.»Na, na, den Ihren nit. Jetzt aber machen’s g’schwind. Wo is Ihr Billet?« Er bemerkte die Aufregung des Reisenden und lächelte – die Nervösen sind die einträglichsten – nahm ihn unter seinen väterlichen Schutz, führte ihn zur Wage und wieder an einen Schalter – was das für unnöthige Förmlichkeiten sind! und wieder hieß es bezahlen, und Bertram glaubte zu bemerken, daß ihm ein Fünfer fehle. Jetzt aber war nicht Zeit, nachzusehen, das zweite Läuten ertönte, und Bertram verlor völlig den Kopf. Er riß seinen Regenschirm dem Träger aus der Hand, rannte durch die Halle über die Treppe, durch den Wartesaal an dem verblüfften Portier vorbei auf den Perron.Dort wieder ein schreckliches Gedränge und grausame Rücksichtslosigkeit gegen den Nächsten. Mit den Ellbogen, den Knieen, den Füßen wird gerungen, gestoßen, gepufft. Die Männer denken nur an sich, die Frauen nur an ihre Brut, nie wird Bertram einen Platz erobern; auf den Faustkampf ist er nicht eingerichtet. Er bleibt stehen, sieht den Anderen nach und hat einen neuen verzweifelten Anfall von Menschenverachtung.»Sie! Herr!« schreit ihm plötzlich jemand in die Ohren. Er wendet sich um, und vor ihm steht sein Träger, der gute Kyklop. Er hat sich Bahn gebrochen bis zu ihm und bringt ihm den Gepäckschein, die Handtasche und das Portemonnaie:»Das alles haben’s bei der Wag liegen lassen,« spricht er, grüßt militärisch und will enteilen. Aber Bertram ruft ihn zurück, sein Herz quillt über vor Beschämung und Rührung. Wie unrecht hat er einem Ehrenmann gethan! Er sucht nach in seiner Geldtasche, ein Fünfer ist noch drin, muß noch drin sein, den Fünfer hat er nicht ausgegeben, aber er findet oder sieht ihn jetzt nicht, knüllt krampfhaft alles Papierene, das ihm zwischen die Finger kommt, zusammen und schenkt es dem Ehrenmann. Dann rennt er weiter, die Ufer der tobenden Menschenfluth entlang. Hinein wirft er sich nicht, das nicht, o pfui! ihm graut.Mit Verzweiflung fand er sich plötzlich fast allein auf dem Perron. Der ungeheure Zug hatte alles geschluckt. Aus den Fenstern, unter denen Bertram herumirrte, zu denen er hülfeflehend emporsah, blickten böse Gesichter, drohende Augen auf ihnnieder. »Alles besetzt!« riefen grausame Stimmen. Einzelne, noch offen stehende Thüren wurden von innen heftig zugeschlagen.»Einsteigen!« donnerte ein Schaffner dem armen Ausgeschlossenen zu, und der stöhnte:»Wo?«»Welche Klasse?«»Erste.«»Was kriechen’s also da herum? Also zurück, ganz hinten!« braust der Schaffner auf, selbst schon im Begriff, seinen luftigen Sitz zu erklettern, und der schreckliche Mensch an der Glocke hebt den Schwengel zum dritten Läuten.Da öffnet sich der Schlag des letzten Waggons, ein junger Mann steckt den Kopf heraus und winkt dem athemlos heranstürmenden Bertram: »Da her, da ist noch Platz!«Wenige Sekunden später setzte Bertram den Fuß auf das erste Trittbrett, sein Retter streckte ihm die Hand entgegen, er ergriff sie und ließ seinen Regenschirm fallen und sah sich nicht einmal nach ihm um, erklomm das zweite Trittbrett und stand im Wagen keuchend, verstört. Im selben Augenblickwurde die Glocke geläutet – ein durchdringender Pfiff – ein Ruck, Bertram taumelte und saß, aber so schlecht, daß er gleich wieder aufsprang.Der junge Mann hatte einen Schrei ausgestoßen: »Donnerwetter, was thun Sie denn? Aber um Gotteswillen, Sie setzen sich ja auf meine Tauben!«III.Auf dem Ecksitze des Halbcoupés, in das Bertram hereingestürzt war, stand ein Vogelbauer, und in dem befanden sich zwei prächtige Ringeltauben, die ganz erschrocken über die plötzliche Verfinsterung ihres Lokals, Töne des Entsetzens ausstießen und mit den Flügeln schlugen. Ihr Eigenthümer bemühte sich, die in eine Plattform verwandelte Kuppel ihres Bauers aus Draht wieder zurecht zu biegen, und Bertram konnte kein Ende finden mit Entschuldigungen:»Es ist hoffentlich nichts geschehen?« fragte er besorgt.»Den Tauben nichts. Aber so lach’ doch nicht,«wandte der junge Mann sich an seine Begleiterin, die in der anderen Ecke saß, und in der Bertram die anmuthige Frau erkannte, deren wenig schmeichelhafte Aufmerksamkeit er schon auf dem Bahnhofe erregt hatte. Trotz der redlichsten Mühe vermochte sie das helle, herzerquickende Lachen, in das sie ausgebrochen war, nicht zu unterdrücken. Sie entschuldigte sich:»Verzeihen Sie, es ist aber zu spaßig gewesen, der Schreck meines Mannes und dann der Ihre.«»O, gnädige Frau, was mich betrifft, lachen Sie weiter, es klingt so schön,« erwiderte Bertram.Da wurde sie sogleich ernst und lud ihn ein, sich zu setzen. Er wollte seinen Platz durchaus mit dem Vogelbauer theilen, durfte aber nicht, mußte sich allein in die Ecke placiren. Der Ehemann, der auffallend schöne, braune Augen hatte und kurzgeschorene, schwarze Haare, stellte die Tauben auf den Mittelsitz, den auch er einnahm und sagte:»Sie müssen sich’s bequem machen, Sie sind unser Gast. Wir haben das ganze Coupé genommen wegen der dummen Viecher und weil die Leute so kurios sind. Wenn einer mit einem Bettsackvon hundert Kilo, sechs Kopfpolstern und drei Decken einrückt, sagt niemand was, bringt man aber einen Kolibri in den Waggon, schreien sie gleich: In den Ochsenwagen damit!«Ein erbitterter Ausdruck tiefster Menschenverachtung lagerte wieder auf Bertrams Zügen: »Dummes, eingebildetes Volk!« brummte er. »Als ob man nicht hunderttausendmal besser aufgehoben wäre in der Nähe einer Taube als in der eines Tabakrauchers!«Bei diesen Worten wechselte das Ehepaar einen Blick, dessen Bedeutung er sich nicht erklären konnte. Das setzte ihn in Verlegenheit; um sie zu verbergen und sich möglichst angenehm zu machen, begann er, die Tauben zu bewundern; ihre Größe, ihre sanfte Cedernholzfarbe, ihre Ringkragen à la Philippine Welser.»Ja, ja, sind schön, wenn sie mir nur nicht davonfliegen,« sprach der junge Mann und betrachtete sie mit halb stolzen, halb bekümmerten Eigenthümerblicken, »ich habe sie in Wien gekauft für meine Zucht.«»Sie züchten Tauben?« fragte Bertram vollBegeisterung. »Ich werde auch Tauben züchten, ja, ja, das ist meine Absicht, ich habe sie eben gefaßt. Ich werde alles thun, was man auf dem Lande thun kann.« Er war wie berauscht. Die kräftige Luft, der Sonnenschein, der Anblick der Felder in ihrer goldigen Pracht, rissen ihn hin. Unbeirrt durch das Erstaunen, das er mit seiner Beredtsamkeit erregte, fuhr er fort: »Ich werde hinter dem Pfluge gehen und singen mit Alexei Koltzow: Vorwärts Gäulchen, vorwärts, zieh die Ackerfurche. O weh!« unterbrach er sich, »ich citire wieder – Werkstattgewohnheit; ich bin wie der Kammerdiener im Proverbe Leclerqs, ich kann in der Freiheit die schönen Tage der Sklaverei nicht vergessen.« Er klopfte mit dem Knöchel des Zeigefingers an seine Stirn: »Nichts als Bücher da drin, todte Buchstaben. Ich bin nämlich – Gott sei’s geklagt, Litterat. Aber nicht lange mehr, bald schon – unnennbare Wonne – Bauer.«Der Mann und die Frau wechselten wieder einen Blick, den Bertram dieses Mal verstand. Sie hatten sich zurückgelehnt, er beugte sich weit vor, um ihnen in die Augen sehen zu können. Eswar ihm so wohlthuend. Diese Menschen schienen so ganz im reinen mit sich selbst, so friedlich, so ausgeglichen.»Gnädige Frau,« sagte Bertram, »und Sie, mein edler Retter, Sie halten mich für geistesgestört, ich bin es nicht, ich bin nur entsetzlich nervös. Das wird man in meinem sogenannten Berufe, der nicht der meine ist. Ich bin ein Försterssohn und durch Natur, Geburt, Neigung zum Forstwesen bestimmt.«Das Ehepaar antwortete mit »So?« – »Ja?« höflich, aber erschreckend kühl, er fühlte, daß er sich unangenehm machte, daß man sein Geschwätz zudringlich fand, und doch war’s, als ob ihm ein Teufelchen auf der Zunge säße, das auf ihr herumhüpfte wie auf einem Trampolin und ihn zwang, all die Überflüssigkeiten vorzubringen.Die junge Frau benutzte die erste Pause, die er machte, um ihn zu fragen: »Ist es Ihnen sehr unangenehm, wenn ich rauche?«Er verneigte sich: »O gnädige Frau, wennSierauchen, ist es mir eine Ehre und ein Glück!«Sie lächelte, jetzt fand sie ihn offenbar wiederkomisch, griff in ihren Reisesack und entnahm ihm eine Cigarrentasche, ein Feuerzeug und die gestrige »Grenzenlose«, die mit dem Sonntagsfeuilleton.»Jetzt will ich meinen Vogelweid erst genießen,« sagte sie zu ihrem Mann, »in der Stadt kommt man zu nichts. Ich hab’ gestern in die Zeitung grad nur hineingeguckt.« Sie brannte einen ziemlich großen Glimmstengel an, drückte sich behaglich in ihre Ecke und rauchte und las und vergaß in ihrer genußreichen Versunkenheit alles um sich her – nur nicht ihren Mann. Der hatte sich tief hinuntergleiten lassen auf seinem Sitze, einen Fuß an die Wand des Waggons gestemmt, den anderen überschlagen und sah unverwandt zu ihr hinauf.»Er ist heut’ besonders gut, nicht wahr?« fragte er, wenn sie sich so recht zu unterhalten schien. Sie antwortete mit stummem Kopfnicken, und er suchte ihr Interesse noch zu erhöhen.»Wart nur, lies nur, es wird immerbesser.«»Excellent!« rief sie plötzlich aus, »nein, der Vogelweid – wie ich den liebe!«Bertram hielt sich nicht länger: »Sie habenUnrecht, gnädige Frau, das ist, ich bitte um Verzeihung, eine Geschmacksverirrung.«Sie wurde roth, ihr Mann fuhr auf: »Erlauben Sie mir« –»In keinem anderen Punkte hätte ich Ihnen etwas zu erlauben oder zu verbieten, Ihnen, meine gnädige Frau, oder Ihnen, mein edler Retter,« versetzte Vogel. »Aber in dem einen Punkte habe ich das Recht einer Meinung und die Pflicht sie auszusprechen. Sie dürfen mir glauben, daß dieses Feuilleton, das Ihnen besonders gut vorkommt, besonders schlecht ist, und daß Sie über etwas mühsam Zusammengequältes lachen. Lauter alte Witze und Späße, denen man aber ihr Alter nicht anmerken soll, immer das alte Ragout, nur mit neuem Überguß.«»Erstens,« erwiderte die junge Dame, »haben Ragouts keine Übergüsse, sondern Saucen, und wenn mir die Sauce schmeckt. –«»Unglücklicherweise. Siesolltensich das Gebräu nicht schmecken lassen und würden auch nicht, wenn Sie wüßten, aus welchen Ingredienzen es besteht und mit wie niederträchtiger Künstlichkeit eseingerührt ist. Künstlichkeit – Karrikatur der Kunst! und natürlich auch Routine. Die Zwei bringen das Tränklein fertig, das dann den Leuten so leicht eingeht, wirklich wie nichts. Sie brauchen nur den Mund aufthun, es läuft von selbst hinein, das charakterlose, für jeden Gaumen berechnete Zeug!«Das Ehepaar hatte dem aufgeregten Reisegefährten schweigend zugehört: »Sie sind vom Fach, man sieht’s,« sprach der Mann, und die Frau erklärte:»Nein, nein! ich lasse mir die Freud’ an meinem Vogelweid nicht verderben. Sie sagen immer wegwerfend: das Zeug. Wie viele würden ihrem Gott danken, wenn sie solches ‘Zeug’ schreiben könnten.«»Das gewiß. Es trägt ja viel mehr Geld ein, als das Herstellen guter, gediegener Kost. Und – Geld! ‘Am Gelde hängt, nach Gelde drängt’ &c. ist heute noch wahr, und bleibt es vielleicht noch ein Weilchen, bis uns die Sozialisten von dem elenden Tauschmittel befreien. Seien Sie ganz aufrichtig mit mir, gnädige Frau,« begann er nach einer kleinen Weile von Neuem. »Oder seien Siees auch nicht – mit Worten, ich weiß doch was Sie denken, ichseheSie denken. Der Neid spricht aus dir, denken Sie, Sie irren. Der litterarische Bajazzo, den Sie in Schutz nehmen, und den ich angreife, der alte, verbitterte, müde Vogelweid flößt mir nicht den geringsten Neid ein, dazu kenne ich ihn zu gut, bin zu genau eingeweiht in die Geheimnisse seiner armseligen Journalistenexistenz. Ich bin ja selbst dieser Vogelweid. Habe die Ehre, mich noch einmal vorzustellen: Bertram Vogel, genannt Vogelweid.«Es entstand eine kleine Verlegenheitspause.»Sie glauben mir nicht?« fragte Bertram.Doch! ja, sie glaubten ihm. Sie besannen sich jetzt, Porträts von ihm in illustrirten Blättern gesehen zu haben. Nicht sehr ähnlich, allerdings. Das entschuldigte, so hofften sie wenigstens. Der Retter nannte sich:»Gerhart Neuhaus.«»Graf Neuhaus,« rief Bertram und lüftete freudig den Hut, »ein Nachbar meines Gönners und Jugendfreundes, Hugo von Weißenberg? Es ist mir eine ganz besondere Ehre.«»Uns auch,« sagten der Graf und die Gräfin, und man schüttelte einander die Hände. »Wir haben nicht nur viel von Ihnen gelesen, wir haben auch viel von Ihnen gehört,« setzte die junge Frau hinzu. »Sie sind doch auf dem Wege nach Obositz, bringen Ihre Ferien bei Weißenbergs zu, nicht wahr? Man kann Ihre Ankunft kaum mehr erwarten, wird Sie ganz anschließend in Beschlag nehmen. ‘Vogelweid will Niemanden sehen, er ist ein bißchen menschenscheu,’ reden Sie uns immer zu Gehör. Nun, daß Sie nervös sind, gebe ich zu, aber menschenscheu? davon haben wir nichts bemerkt.«»Sie freilich nicht, meine Herrschaften, ich habe mich Ihnen an den Kopf geworfen und krame mein Innerstes vor Ihnen aus mit barbarenmäßiger Aufdringlichkeit. Stimmung! alles Stimmung! Ich bin ein Sklave meiner Stimmung! Das ist die Folge des unglückseligen Sichüberarbeitens. Arbeit ist der beste Inhalt unseres Lebens, Weisheit, Tugend, Gesundheit, Glück! Sichüberarbeiten ist Fluch, ist der Tod aller unserer Fähigkeiten, nicht der geistigen allein, auch der moralischen. Mantaugt nichts mehr, man verliert allen Halt ... Sehen Sie mich; ich perorire da unaufhaltsam und weiß, in einer halben Stunde, in fünf Minuten vielleicht, werde ich stumm sein wie ein Stock, nicht eine Silbe herausbringen und nicht mehr wissen, ob man sagt: Schöne Frau, ich habe die Ehre oder: Schöne Ehre, – ich hab’ eine Frau.«Die Gräfin lachte: »Da sind Sie ja sehr zu bedauern.«»In einem Jahre werde ich sehr zu beneiden sein, wenn ich mein Glück erlebe, wenn ich nicht früher überschnappe, es kommen mir manchmal so elend feige Gedanken.«»Sie werden noch eine Menge Gutes erleben,« sagte der Graf. »Der kleine Besitz, den Weißenberg für Sie gekauft hat, ist sehr hübsch. Aber ich darf nichts verrathen, das sollen ja lauter Überraschungen werden.«Die Augen Bertrams leuchteten, doch sprach er ängstlich: »Ich will mir nicht zu große Erwartungen machen. Alles hat zwei Seiten, auch mein Besitz wird sie haben. Vorläufig rechne ich mit Zuversicht nur aufeinungetrübtes Glück. Aufdas Glück, vier volle, gesegnete Wochen in einer unlitterarischen Umgebung zu verleben. Siekönnennicht ermessen, was das bedeutet für einen Tintenmenschen wider Willen. Vier Wochen, in denen er kein Buch in die Hand nehmen braucht, in denen ihm kein Manuskript unter die Augen kommt, Niemand ein Autograph von ihm verlangt, vier Wochen himmlischer Seligkeit! Weißenberg war mein Schulkamerad, er ist mir der treuste Freund, meine Vorsehung ist er. O, wie freudig bin ich ihm zu ewigem Dank verpflichtet; in keines Menschen Schuld stände ich mit solcher Wonne, wie ich in der seinen stehe, und ich bin doch lieblos genug, mich weder auf ihn noch auf die Seinen so zu freuen, wie ich mich auf die absolut litteraturfreie Atmosphäre seines Hauses freue.«Der Graf räusperte sich, die Gräfin sah befremdet aus. »Wann waren Sie zum letztenmal in Obositz?« fragte sie.»Vor vier Jahren.«»Stehen Sie nicht in Korrespondenz mit Ihrem Freunde?«»Alle Jahr zweimal schicke ich ihm Geld, under schickt mir eine Empfangsbestätigung. Ein litterarischer Taglöhner wie ich, schreibt nicht Briefe zu seinem Vergnügen, und Freund Weißenberg schreibt überhaupt nicht. Bei meinem letzten Besuche wollte er einen Überschlag machen, dazu mußten wir in die Kanzlei gehen, weil die Tinte im Schreibzeug des famosen, männlich thätigen Mannes eingetrocknet war. Und seine liebenswürdige Gattin, die keinen Anspruch auf klassische Bildung macht, und ihre schöngeistigen Bedürfnisse mit ein paar Familienblättern bestreitet ... Bei ihrer letzten Anwesenheit in Wien waren wir im Burgtheater und sahen Egmont. Am Schlusse sagte sie: ‘Der Egmont ist doch das schwächste Stück von Laube.’ Eine verehrungswürdige Frau!«Die Thür des Coupés wurde geöffnet, der Schaffner trat ein und bat um die Fahrkarten. Bertram zog sein Portemonnaie heraus, suchte, fand nichts, wurde kreideweiß, griff in die Brusttasche, und fand auch da nichts.»Wie kommt dieser Herr herein, der Herr Graf haben doch das ganze Coupé genommen?« sprach der Schaffner.»Und ich habe eine Karte genommen und bezahlt,« schrie Bertram. Er war aufgesprungen und griff verzweiflungsvoll in alle seine Taschen. »Und dann – was hab’ ich dann gethan?« Ihm ward plötzlich alles klar und die Schamröthe stieg ihm ins Gesicht: »Dann habe ich einem Komfortabler fünf Gulden gegeben, und der Mensch hatte es nicht verdient, denn er war sehr grob; und ich habe einem Träger, einem ausgezeichneten Manne, statt des Trinkgeldes, das ich ihm zudachte, meine Fahrkarte und meinen Gepäckschein in die Hand gedrückt. Nein,« brach er aus, »daß ich reise ohne ein paar Kinderfrauen mitzunehmen, eine zur Rechten und eine zur Linken, daß ich überhaupt reise – ein Mensch, wie ich!«IV.Auch der Graf war aufgestanden, er drückte Bertram auf seinen Sitz zurück und redete ihm zu, sich zu beruhigen. »Sie sind mein Gast im Coupé, Sie fahren mit der Taubenkarte, und Ihren Koffer müssen wir halt schauen ohne Gepäckschein herauszukriegen.Nach Hullein ist er aufgegeben, da steigen wir ohnehin zusammen aus.«Er besprach sich halblaut mit dem Kondukteur, Bertram verstand nur einzelne Worte, es sauste ihm so furchtbar in den Ohren. Aber jetzt erhob sich die Stimme der jungen Frau, die auf eine nur geflüsterte Bemerkung des Schaffners laut erwiderte:»Es war der große Michel, und der Koffer war neu und aus gelbem Leder, ich habe ihn gesehen und erkenne ihn gleich wieder.«Dann schienen der Graf und der Schaffner einen Händedruck zu tauschen, und der Schaffner wurde ein Lauzun an Höflichkeit, gab die tröstlichsten Versicherungen und entfernte sich, alle, auch Bertram grüßend.Der lebte auf, aber noch recht dürftig, war ganz Weichheit und Wehmuth und so voll Dankbarkeit gegen seine Wohlthäter wie ein glücklich Operirter gegen seine Ärzte.Nach Journalistenbrauch dachte er im allgemeinen ziemlich gering von den Aristokraten, und staunte, daß gerade zwei Angehörige dieser Menschenklasse sich frei von der rohen und egoistischen Rücksichtslosigkeitzeigten, die fast jeden ergreift, sobald er einen Bahnhof betritt: »Ja, ja,« sagte er plötzlich laut, »willst du deinen Nächsten kennen lernen? Sieh dir ihn an im Gedränge und im Eisenbahnwaggon!«Vogel wurde allmählich wieder beredtsam, seine Reisegefährten verstanden gar diskret und mit achtungsvoller Theilnahme zuzuhören, und so hatte er, er wußte selbst nicht,wie’sgeschah, den fremden Leuten, bevor man Lundenburg noch erreichte, wo die große Kofferagnoscirung ins Werk gesetzt werden sollte – seine Lebensgeschichte erzählt.Er war der Sohn eines seltsamen Ehepaares, nicht seltsam als einzelne für sich, seltsam als Paar, als glückliches, liebendes Paar. Der Vater, Sohn und Enkel von Forstleuten, ein Jäger durch und durch – alle Jäger sind gute Menschen, sagt Turgeniew – von klassischer Bildung nicht angeleckt. Aber auch kein Feind von Büchern, keineswegs; er las sie nur nicht. Wo hätte er die Zeit hergenommen Allotria zu treiben, er ein Oberförster, verantwortlich für das Thun und Lassen eines großen Personals und für jedes Stück Wild und für jeden Baum in einem Komplex von zweitausendJoch Wald! Er hatte immer zu thun, zu thun, was er gern that, höchste irdische Seligkeit! So mühe- und oft gefahrvoll sein Tagewerk gewesen sein mochte, er kam am Abend zufrieden heim, küßte seine Frau und seinen Jungen, hing sein Jagdzeug an den Rechen, versorgte seine Hunde und setzte sich zu Tisch mit gehörigem Waidmannshunger und -durst. Wenn die gestillt waren, zündete er seine Pfeife an, und nun kam das Plauderstündchen. Meistens sprach der Vater allein, und sein Junge hörte ihm mit begeisterter Aufmerksamkeit zu, weil sich’s um Kulturen handelte, um den Holzschlag, um Hunde, um Wild und Wilddiebe. Und auch die Frau hörte ihn immer gern erzählen, nicht weil ihr Interesse an den Dingen, von denen er sprach, groß war, sondern weil sie ihn liebte, ihren braven alten Mann. Innigst liebte, trotz der großen Verschiedenheit ihres Alters und ihres geistigen Horizonts. Sie war die Tochter eines Professors an der Wiener Universität, und die Umstände, unter denen das hochgebildete schöne Gelehrtenkind den einfachen Jägersmann vom Lande kennen lernte und sich in ihn verliebte, würden den Stoff zueinem wunderlieblichen Novellchen bieten. Nur schade, das Publikum, dem dieses Novellchen gefallen würde, liegt mit unseren Großmüttern begraben.»Kennen Sie,« fragte Bertram, »das liebenswürdige Buch: Als der Großvater die Großmutter nahm? Da hinein würde das Novellchen gehören. Immer begiebt sich dasselbe, das Thun der Menschen bleibt sich beständig gleich, aber was die anderen von diesem Thun wissen wollen, darüber entscheidet die Mode. Alle großen Strömungen in der Weltgeschichte, alle Richtungen in der Wissenschaft, in der Kunst – Sache der Mode, nichts weiter.«Das Ehepaar wollte Einspruch gegen diese Behauptung erheben, Bertram schnitt jede Kontroverse mit dem Ausruf ab:»Ich habe eine glückliche Kindheit gehabt! Die beste Lehrerin, die ich hätte finden können, war auch die einzige, von der ich Unterricht erhielt: meine Mutter. Nun aber das Unglück: ich hatte ein merkwürdig gutes Gedächtniß; es machte mir das Studiren zu leicht und deshalb bis zu einemgewissen Grade unfruchtbar. Das Wissen ‘flog mir am Kopfe vorbei,’ um einmal wieder zu citiren und zwar Lichtenberg. Nur Freude war für mich, was man Arbeit nannte, und Hochgenuß die Erholung – das Wandern durch den Wald mit meinem Vater. Es hat eine Zeit gegeben, in der ich jeden Baum, jeden Strauch, jede Blume kannte, ‘von Namen und von Angesicht,’ und den Gesang jedes unserer Waldvögel nachmachen konnte, daß man ihn selbst zu hören glaubte. Ja, die Kindheit war schön. Und das alles auf einmal wie abgeschnitten. Mein Vater wurde eines Tages nach Hause gebracht – todt. Bauern, die an der Waldgrenze jagten, hatten ihn erschossen. Absicht? Zufall? es ist nie herausgekommen. Von den Geschworenen sind die Thäter freigesprochen worden. Das begab sich kurz bevor das große, wie man einst sagte: herrschaftliche Gut, auf dem mein Vater und seine Vorfahren durch Generationen das Oberförsteramt versahen, unter den Hammer kam. Ein junges, nichtsnutziges Früchtlein von einem Majoratsherrn hatte das väterliche Erbe, wenige Jahre, nachdem er es antrat, verspielt, verlumpt.Meine Mutter wurde abgefertigt mit einer kleinen Summe, die ich aber für einen unerschöpflichen Reichtum hielt. Wir zogen fort aus dem Haus im Walde, nach einem Provinzstädtchen, wo ein Bruder meiner Mutter an der Spitze des Gymnasiums und einer zahlreichen Familie stand. Lauter Buben, und alle studirten, und nun war’s selbstverständlich, daß auch ich studirte. Ich that’s ungern, weiß Gott, aber nicht schlecht, dank meinem lächerlichen Gedächtniß. Als Vorzugsschüler zog ich durch die Klassen. Von Zeit zu Zeit bäumte es sich in mir auf: ‘Mutter, ich will nicht Philologe werden und Bibliothekenstaub schlucken. Ich will ein Förster werden und leben im thauigen Wald, Bäume pflanzen, Wild hegen.’ – ‘Alles schön,’ sagte sie, ‘aber klassische Bildung ist doch das Höchste. Lerne wenigstens den Schatz kennen, den die Menschheit an den Klassikern besitzt, lerne ihre erhebende, veredelnde Macht empfinden.’Sie selbst war eine tüchtige Lateinerin, und wenn wir an Winterabenden beisammen saßen, las sie mir vor aus ihren geliebtesten Autoren, und dabei bebte leises Entzücken in ihrem Tone,und ihr feines weißes Gesicht verklärte sich. Ich wieder deklamirte deutsche Gedichte, ich war zu fünfzehn Jahren eine wandelnde Anthologie. Mein kleinwinziges, musikalisches Talent half das Unheil vollenden. Aus den vielen Versen und dem bißchen Musik entstand ein Summen, das herauskommen mußte und herauskam in einer Form, die blinde Mutterliebe und meine unerfahrene Jugend für Poesie hielten. Es regnete nicht, es schüttete Gedichte. Die Pseudomuse kargte nicht. Sie spendete ihr Reimgeklingel bei jedem Anlaß, bei Geburtstagen der Professoren, beim Schluß des Studienjahres, bei Fahnenweihen &c. Viele dieser Dithyramben erschienen im Wochenblatt, und wenn meine Mutter mich »gedruckt« sehen konnte, war sie glücklich.In vorgerückten Jahren begann sie auf einmal gesellig zu werden. Sie ging regelmäßig bei jedem Wetter und an jedem Wochentage zu Bekannten, wie sie sagte, und kam manchmal je nach der Jahreszeit, erhitzt, regentriefend oder durchfroren heim. Und zu meiner Betrübniß zog sie immer dieselben Kleider an, und die wurden nurnoch mit viel Kunst und Mühe in leidlichem Stand erhalten. Ich sah meine Mutter aber auch elegante Toilettenstücke anfertigen, die sie niemals trug. Sie liebte es nicht, bei solchen Arbeiten von mir überrascht zu werden, verbarg sie gleich im Schranke, wenn ich eintrat. Trotzdem kam es mir einmal vor, als feiere ich ein Wiedersehen beim Anblick einer Sammetmantille auf dem Rücken der Bürgermeisterin.‘Mutter’, sagt’ ich, ‘die Bürgermeisterin hat deine Sammetmantille.’ ‘Wieso? ich werde doch keine Sammetmantille haben.’ ‘Aber gemacht hast du sie, ja, ja, ganz gewiß, und verschenkt, oder – Mutter!’ Ihre Verlegenheit erweckte einen beschämenden Verdacht in mir, und er hatte ein Gefolge von peinlichen Gedanken.Meine Mutter verheimlichte mir allerlei. Es kamen manchmal Briefe mit kleinen Geldbeträgen von räthselhafter Provenienz ins Haus. Meine Mutter arbeitete doch nicht um Geld? Wir waren ja wohlhabend. Und wenn der Hausherr neulich den überhöflichen Bückling, den meine Mutter ihm machte, nur mit einem Kopfnicken erwidert hatte,so hieß das eben: Ich bin ein Flegel, und nicht: Sie sind im Rückstand mit dem Miethzins. Von Geldnoth konnte bei uns keine Rede sein. In der Schule galt ich für reich. Hatte ich nicht alles, was ich brauchte, waren meine Kleider nicht immer in bestem Stand? Fand ich nicht immer beim Heimkehren einen für mich gut besetzten Tisch? Alle diese Fragen konnte ich bejahen und wurde doch den Zweifel nicht los, der mich überkommen hatte und sprach: ‘Wenn die Renten nicht ausreichen, um den Miethzins zu bezahlen, so nimm doch einmal vom Kapital.’ Sie erwiderte mühsam und mit leiser Stimme: ‘Unser Kapital hat einst aus dreitausend Gulden bestanden. Die Renten reichten nicht aus, um uns leben zu machen, ich habe Jahr für Jahr das Kapital angreifen müssen. Da hat es sich denn sehr verringert, das heißt, nein,’ sprach sie und öffnete mir die Arme und zog meinen Kopf an ihre Brust, ‘es hat sich verwandelt, aus sehr Schätzbarem in Unschätzbares. Unser Kapital, das bist jetzt du, das ist deine kräftige Gesundheit, deine rothen Wangen sind’s, deine guten Augen.’Ich war sehr enttäuscht und sagte: ‘Außerdemhaben wir aber doch noch etwas?’ Sie lächelte: ‘Etwas weniges – mich und meine Arbeitskraft.’Einige Tage danach erkrankte sie schwer und verlor das Bewußtsein. Und während sie dalag in Fieberträumen mit geschlossenen Augen, gingen mir die Augen auf. Der Arzt hatte Eisumschläge verordnet, ich mußte die Tücher dazu aus ihrem Schranke, einem Häng- und Legeschrank, nehmen, den sie – gar oft hatte ich sie damit geneckt! – immer vor mir versperrt hielt. Wie ein Dieb kam ich mir vor, als ich den Schlüssel aus der Lade ihres Tisches nahm und den Schrank öffnete.Auf den ersten Blick errieth ich das Geheimniß, das sie darin vor mir verbarg, das Geheimniß ihrer tiefen Armuth. Da hingen ein paar Gewänder, der Rest ihrer einst wohlbestellten Garderobe, und gewannen eine Sprache, in der sie sagten: Sieh uns an, wir sind in Wirklichkeit anders, als wir uns ausnehmen, wenn uns die Herrin trägt; ganz ausgedient und lebensmüde, kein guter Faden ist mehr an uns. Blüthenweiß und fein geplättet war auf den Legebrettern, um sie nur halbwegs zu bedecken, die Wäsche Stückfür Stück nebeneinander gebreitet. Alles geflickt und wieder geflickt mit beispielloser Sorgfalt. Ich hatte meiner Mutter oft einen Vorwurf gemacht aus diesem Sparsamkeitsfleiße. Aber da sagte sie: ‘Nähen kann bald eine, zum Flicken braucht man Bildung,’ und citirte das schöne Gedicht von Annette von Droste: Die junge Mutter. – ‘Ob man den Schleier um die Wiege hing, den Schleier, der am Erntefest zerrissen? Man sieht es kaum, sie flickte ihn so nett, daß alle Frauen höchlich es gepriesen.’Auf einem Taschentuche lag ein Säcklein aus verblichenem Seidenzeug mit Lavendelblüthen gefüllt, eine Erinnerung an unsern Garten am Försterhaus. Die Blüthen einzusammeln, war meine Arbeit. Ich that sie gern und trug dann ihre Spuren als starken, erfrischenden Duft tagelang in meinen Kleidern. Die Blüthen im Säcklein strömten ihn längst nicht mehr aus; sie waren nur noch Staub.Auch Schriften lagen im Schranke. Etwas vom Gericht, die Aufkündigung unserer Wohnung, Rechnungen für Modeartikel, von der Hand meiner Mutter geschrieben, und mit dem offenbar zagendhingesetzten Worte: ‘Duplikat’ versehen, aber nicht abgeschickt. Ein Brief mit der demüthigen Bitte, das Honorar für dreißig Unterrichtsstunden gütigst entrichten zu wollen, gleichfalls nicht abgeschickt. Sie hatte gearbeitet, Unterricht gegeben, um die ihr gebührende Entlohnung gebettelt. Gott weiß, wie oft umsonst. Sie hatte gedarbt und gekargt, schweigend und glücklich, daß sie’s für mich thun konnte – bis sie zusammenbrach.Das alles erzählte mir der alte Schrank, und ich stand vor ihm ... Der Frömmste der Frommen hat noch nie andächtiger vor dem allerheiligsten Tabernakel gestanden.Mit der Andacht war uns aber nicht geholfen, und helfen galt’s, und wenn ich ein Kapital war, galt’s Zinsen tragen.Vor kurzem, da ich in der Redaktion des Wochenblattes mein Honorar für ein Gedicht abholte, das der Herausgeber zu einer offiziellen Feier bestellt hatte, sagte der zu mir: ‘Ihre Gedichte sind recht schön, wenn Sie aber die Leier, von der in jedem die Rede ist, in die Ecke werfen, und mir einige pudelnärrische Feuilletons leistenwollten, würde dabei für mich und Sie mehr herausschauen, als bei all dem Schwung. Aber der Humor! woher nehmen und nicht stehlen? Sie schon gar. Immer umrauscht von Zaubertönen und verheirathet mit den Kamönen. Von Zeit zu Zeit eine kleine Untreue thät nicht schaden, die verzeiht man auch dem besten Ehemann, aber freilich das Zeug dazu müßte man haben.’Teufelmäßig gelockt hatte es mich, ihm gleich zu zeigen, daß ich »das Zeug« besaß, und daß die Kamönen, so eng verbunden ich mich auch mit ihnen hielt, mir doch noch nicht die Schlafhaube über die Ohren gezogen hatten.Meine Herrschaften, am Bette meiner schwerkranken Mutter habe ich mein erstes lustiges Feuilleton geschrieben, und bin dabei – dummer Junge, der ich war – selbst lustig geworden. Eine große Zuversicht erfüllte und beseligte mich durch und durch: Morgen lacht das ganze Städtchen mit mir, und wir bekommen Geld, und meine Mutter wird gesund, denn ich kaufe ihr die theuersten Medikamente und die besten Sachen zum essen und alles was sie freut.Als ich fertig war mit meiner Arbeit und sie überlas, mußte ich mir den Mund zuhalten, um nicht laut aufzulachen, um nicht einen Jubelschrei auszustoßen, der meine Mutter geweckt hätte. Sie schlief sanft, und ich wagte nicht näher zu treten, schickte ihr nur einen langen, innigen Kuß zu und dachte: Meine Mutter ist jetzt auch mein Kind.Meine kühnsten Träume sind in Erfüllung gegangen. Ich habe – welch ein Glück für den Geldmacher, welch ein Unglück für den Künstler! nie einen Mißerfolg gehabt, nur mehr oder weniger Erfolg. Zu zwanzig Jahren war ich Redakteur des ehemaligen Wochenblattes, das ich in ein Journal verwandelt hatte, von dem die großen Zeitungen in Wien Notiz nahmen. Dahin erhielt ich einen ehrenvollen Ruf in die Redaktion der ‘Grenzenlosen’. In Wien ist, jetzt sind es schon zwölf Jahre, meine Mutter, in der Überzeugung, daß sie der Welt in ihrem Sohne einen großen Schriftsteller hinterließ, bis zum letzten Augenblick zufrieden und glücklich, gestorben.«Er hatte immer leiser gesprochen, sich immer mehr vorgebeugt, seine Arme lagen auf seinenausgespreizten Knien, er hielt die flachen Hände an sein Gesicht gepreßt. Plötzlich fiel auf den Teppich des Waggons eine Thräne, die er rasch mit dem Fuße verwischte. Er wandte den Kopf, sah zum Fenster hinaus und sprach mit etwas erzwungenem Entzücken: »Sehen Sie doch das schöne Kartoffelfeld. Ich möchte auch ein Kartoffelfeld haben!«Der Zug fuhr in eine große Station ein. »Lundenburg,« riefen die Condukteurs und öffneten die Thüren der Waggons.»Jetzt wird Ihre Koffergeschichte in Ordnung gebracht,« sagte der Graf, stieg aus, und Bertram mußte ihn zum Gepäckswagen begleiten, wo er von »autoritativer Seite« die Versicherung erhielt, daß sein Kollo in Hullein ausgeladen werden solle.Ins Coupé zurückgekehrt, brauchte er einige Zeit, um sich von seiner neuen Gemüthsbewegung zu erholen, und sprach nur noch so viel als nöthig war, um die teilnehmenden Fragen seiner Reisegefährten zu beantworten.Er hatte nach dem Tode seiner Mutter einen einstigen Schulkameraden, Hugo von Weißenberg,auf dem Lande besucht, und damals schon den Entschluß gefaßt, an Fleiß zu leisten, was ein Mensch nur leisten kann, zu sparen wie ein Geizhals, und wenn er das nöthige Geld zusammengebracht haben würde, ein Gütchen zu kaufen, auf dem er leben wollte nach seinem Sinne als Bauer, als Jäger. Vor mehreren Jahren schon hatte Weißenberg den kleinen Besitz für ihn erworben, aber damals war noch kein Wohnraum da, kein Stück Vieh, kein Ackergeräth, nichts.»Alles Fehlende mußte erschrieben werden. Der beste, fürsorglichste Freund, der sich mit dem Instruiren meines zukünftigen Tusculum plagt, als gälte es seinem eignen Sohn eine Heimstätte einzurichten, sagt immer noch: ‘Arbeite weiter, ein kleines Betriebskapital mußt du haben, du verhungerst ohne Betriebskapital!’Jetzt will ich mich ihm vorstellen, und zu ihm sprechen: ‘Sieh mich an, dahin hat die Litteratur mich gebracht. Ist’s nicht besser im Freien verhungern, als überschnappen in einer zugigen, lichtlosen Kammer? Ich brauche Ruhe, Ruhe vor der Litteratur.’«»Mögen Sie die in Obositz finden,« erwiderte die Gräfin. Sie stand auf und trat ans Fenster, an dem Bertram saß. »In fünf Minuten sind wir angelangt, nehmen wir jetzt schon Abschied.« Auch der Graf trat heran: »Auf baldiges Wiedersehen; sagen Sie Freund Weißenberg, daß wir nächstens kommen, ich bitte, Herr Doktor.«»O, Herr Graf, ich bin nicht Doktor.«»Wie titulirt man Sie also?«»Vogel, ganz einfach.«»Was mich betrifft,« sagte die Gräfin liebenswürdig, »ich bleibe bei Vogelweid. Meine Erklärung habe ich Ihnen schon gemacht und pflege nichts zurückzunehmen.«»Gerhart, da sind die Kinder,« wandte sie sich an ihren Mann.Vor der Bahnhofstation, in Begleitung eines kleinen, alten, unbeschreiblich munter dreinblickenden Kindermädchens, warteten ein braunes, schlankes, etwa sechsjähriges Knäblein und seine noch jüngere, vor Lebhaftigkeit sprühende, blonde Schwester. Sie jubelten: Vater, Mutter, und die Gräfin antwortete ihnen nicht, winkte ihnen nicht zu, hielt dieArme gekreuzt, aber ein Ausdruck von tiefinnerlichem Glück breitete sich über ihr Gesicht, und ihre Augen lachten die Kinder an.

Dietrich erschrak: »Was ist mit ihr? Ist sie krank?«

»Nein, nein,« darüber beruhigte ihn der Doktor, aber mit sehr wenig Worten; er hatte Brand nur einen Augenblick sehen wollen, setzte sich nichteinmal, griff wieder nicht nach dem Pulse des Patienten, legte bloß die schmale, blasse Hand auf dessen Schulter und sprach mit sanfter Bitte: »Bleiben Sie wenigstens zu Hause.«

»Zu Befehl,« erwiderte Brand, worauf ihn der Arzt ein wenig spöttisch und unbeschreiblich gütig ansah und sich mit einem kurzen: »Adieu!« empfahl.

Warum in aller Welt hatte er spöttisch dreingesehen? Aus niederträchtiger, ärztlicher Schadenfreude? Oder machte es ihm Spaß, daß ein alter Soldat sich seinen Anordnungen so ängstlich unterwarf wie ein maroder Pfründner? Ja, das war’s, und darüber gedachte ihn Brand eines Besseren zu belehren. Plötzlich entschlossen, streckte er die Rechte aus und drückte den Tasterknopf der elektrischen Glocke an der Wand anhaltend und energisch nieder.

Peter eilte herbei.

»Meinen Paletot, meinen Hut,« befahl Dietrich, »ich gehe – oder vielleicht ich fahre – zu Frau Major von Müller.«

Nicht ein Wort des Widerspruchs kam über Peters Lippen, doch betrachtete er den Gebieter mit der hoffnungslosen und liebevollen Traurigkeit, mitder eine Mutter ihr starrsinniges Kind betrachtet. Brand fühlte die Empfindung seines Dieners nach, und auch er blieb stumm. Man sagt nicht, man beweist, was man kann.

Peter sah ihn eine so gewaltige Anstrengung machen, als ob er sich aus einem Sumpfe, in dem er halb versunken war, emporarbeiten wollte, sah ihn aufschnellen – und fast zugleich besinnungslos zu Boden sinken.

Es war so schnell geschehen, daß Peter den Sturz nicht verhindern konnte. Jetzt kniete er bei seinem Herrn, hob ihn auf, trug ihn in seinen Armen (welches Glück, daß Brand davon nichts wußte!) auf das Bett, labte ihn und brachte ihn bald wieder zu sich. Als der Rittmeister die Augen aufschlug, stand Peter aber schon abgewendet und ordnete die Kleider im Schranke.

»Ich will heute doch lieber zu Hause bleiben,« sagte Dietrich nach einer Weile, »ich hab’ etwas Schwindel, das kommt von den verfluchten Medikamenten.«

»Von nichts Anderem, Herr Rittmeister,« versetzte Peter.

»Du brauchst dem Doktor nichts davon zu sagen,« nahm Brand nach einer abermaligen Pause wieder das Wort, »es würde ihn kränken, und am Ende bildet er sich noch ein, daß ich ohnmächtig geworden bin wie ein bleichsüchtiger Backfisch.«

»Natürlich, Herr Rittmeister, denn wer kann wissen, was ein Zivilist sich einbildet.«

Zweimal im Laufe des Vormittags mußte Peter einen Kommissionär in die Berggasse schicken, um Nachrichten zu holen. Nur bei Pauline; die gnädige Frau durfte nicht belästigt werden mit den vielen Anfragen. Pauline ließ den Rittmeister beschwören, sich keine Sorgen zu machen. Er fand die Antwort ungenügend und sendete Peter in Person nach einer Botschaft aus, und der kehrte mit der Meldung zurück:

»Die gnädige Frau läßt sich empfehlen, dem kleinen Georg geht’s gut.«

»Wirklich, wirklich? Hast Du ihn gesehen?«

»Ihn nicht, aber die Frau Majorin ist selbst herausgekommen, sie selbst ...« Eine unbesiegbare Rührung packte und würgte ihn.

»Jetzt weint er wieder, der Waschlappen,«murmelte Brand und dankte Gott im Stillen, daß er der armen Mutter ihr Kind wieder geschenkt und auch ihm, der es freilich nicht anders erwartet hatte, seinen lieben Jungen.

Es duldete ihn nicht länger im Bette; er ließ sich ankleiden, konnte aber nur auf den Arm seines Dieners gestützt bis zum Lehnsessel gelangen.

Gegen die siebente Abendstunde wurde geläutet, und unmittelbar darauf läutete auch Dietrich und befahl Peter, der hereinstürzte, hochroth im Gesicht und mit verklärter Miene:

»Niemanden vorlassen, keinen Menschen!«

»Herr Rittmeister, es ist die Frau Majorin von Müller.«

Brand erhob sich. Mit ihm zugleich erhob sich aber auch der Fußboden und rollte Wellen, die Decke flatterte wie ein Segel. Dietrich war froh, bei dem allgemeinen Aufruhr wieder in die Arme seines Fauteuils zurückkehren zu können:

»Werkommt? Wer?...«

Da stand sie schon auf der Schwelle.

»Gnädige Frau ... Mein höchster Wunsch – Sie bei mir!«

Sie konnte nicht gleich sprechen, sie ging langsam auf ihn zu und reichte ihm beide Hände.

»Verzeihen Sie,« sagte er. »Nein, daß ich Sie so empfangen muß. Invalid, nicht einmal entgegen gehen, nicht einmal aufstehen ... Nein, daß Sie zu mir kommen ... Es geht also besser. Mein lieber, kleiner Freund – wie hab’ ich mich nach ihm gesehnt!«

»Er sich auch nach Ihnen.« Sanft entzog sie ihm ihre Hände, setzte sich ihm gegenüber und schlug den Schleier zurück: »Auch Sie sind sehr leidend.«

»Gewesen!« rief er aus.

Nie, niemals hatte ihr Anblick ihn so bewegt in allen Herzenstiefen. Nie war sie ihm so erhaben hold erschienen, Majestät und Lieblichkeit in einer Gestalt.

Brand ließ sie nicht aus den Augen: »Aufrichtig, gnädige Frau,« sprach er, und seine Stimme zitterte, »wie steht’s mit ihm?«

»Gut,« anwortete sie, »ganz gut.«

Er athmete auf, er wurde heiter und gesprächig. Er hatte viel nachgedacht in diesen Tagen der Einsamkeit. Was denkt man nicht Alles zusammen in zweimal vierundzwanzig Stunden!Seine ganze Vergangenheit war vor ihm lebendig geworden, und die leuchtende Überzeugung hatte ihn durchdrungen, daß er nur zu danken habe.

»Gnädig hat mein Herr und Gott sich mir immer erwiesen, zweimal in meinem Dasein aber allgütig. An dem Tage,« Brand senkte nachdenklich den Kopf, »an dem ich im Begriff war, ein Licht auszulöschen, das er angefacht hatte, und er mich in seiner Huld davor beschützte, den Frevel zu begehen. Ein zweites Mal – da er mich Sie, verehrte Frau, wiederfinden ließ, die ich durch eigene Thorheit verloren hatte und jetzt lieben darf – in Ihren Kindern.«

Sie hatte ihm still und teilnehmend zugehört, nun stand sie rasch auf, sagte ihm Lebewohl und wünschte ihm eine recht gute Nacht.

Peter erhielt den Auftrag, einen Wagen zu nehmen und die gnädige Frau nach Hause zu bringen. So geschah’s, und er kam zurück mit einem Gruß von ihr, und Dietrich ging zur Ruhe und schlief wie ein Gesunder. Er erwachte gestärkt, glücklich, und obwohl es regnete, war für ihn die Welt voll Sonnenschein.

Im Laufe des Vormittags brachte ein Dienstmann einen Brief.

»Von der Frau Majorin,« sagte Peter und überreichte ihn ängstlich und zögernd.

Der Inhalt des Schreibens lautete:

»Lieber gütiger Herr Rittmeister!Seien Sie stark, machen Sie sich auf dasTraurigste gefaßt. Ihr kleiner Freund ist todt,gestern gestorben, als die Kirchenglocken zum Aveläuteten. Selig entschlafen – ich weiß jetzt,was das heißt. Ich bin zu Ihnen gekommen,um es Ihnen zu sagen, und konnte nicht, Siehaben mir zu leid gethan ...«

»Lieber gütiger Herr Rittmeister!Seien Sie stark, machen Sie sich auf dasTraurigste gefaßt. Ihr kleiner Freund ist todt,gestern gestorben, als die Kirchenglocken zum Aveläuteten. Selig entschlafen – ich weiß jetzt,was das heißt. Ich bin zu Ihnen gekommen,um es Ihnen zu sagen, und konnte nicht, Siehaben mir zu leid gethan ...«

Brand las nicht weiter. Das Blatt entsank seiner Hand. Sie war gekommen, um ihm zu sagen: Das Kind ist todt, und hatte es nicht vermocht; sie wußte, wie weh es ihm thun würde, und hatte es ihm nicht sagen können. Aus Mitleid, aus himmlischem Erbarmen – – – Nein, das war mehr als Mitleid und Erbarmen – unendlich mehr.

I.

Bertram Vogel hatte ein Pack Manuskripte in die ohnehin schon überfüllte Lade seines alten Ungeheuers von Schreibtisch gestopft und bemühte sich nun, sie zuzuschieben. Aber sie leistete Widerstand, und als er böse wurde und anfing, heftig an ihr zu rütteln, spießte sie sich gar. Auf einmal schien sie ein menschliches Gesicht anzunehmen, das einen großen, viereckigen Rachen voll Bosheit gegen ihn aufsperrte.

Er trat zurück und seufzte grimmig: »Schon wieder! Schon wieder!«

Auch eine Folge seiner entsetzlichen Nervosität, daß alles Leblose, das ihn umgab, sobald er in die geringste Aufregung gerieth, ein höhnisch grinsendes Gesicht annahm, – das Gesicht eines seiner Feinde und Neider. Er hat ihrer zahllose, er, von Natur der friedfertigste und wohlwollendsteMensch, ist mit Feinden und Neidern bespickt, wie der Schild des Achilles mit Speeren. Und daran, und überhaupt an allem Übel, das ihn trifft, ist der Beruf schuld, den er ausübt und haßt, der Beruf, in den die Verhältnisse ihn hineingeschoben haben und für den die zärtlichste, geliebteste, thörichtste Mutter ihn auserwählt glaubte.

»Wart’, du Verfluchter, wie ich dich sitzen lasse,« murmelte er und ballte die Fäuste gegen etwas Unsichtbares in der Luft. »Wart’ nur noch ein Jahr! Wartet auch ihr, wie ich euch verlassen werde«, rief er den verrauchten Wänden zu.

Nur weil die Wohnstube wohlfeil war, hatte er so lange in ihr ausgehalten. Sie lag im vierten Stock eines alten Zinshauses der inneren Stadt, hatte die Form einer Bratröhre und nur ein einziges Fenster, das nie und niemals von der Glorie eines Sonnenstrahls umspielt wurde. Und das Gäßchen, in dem das alte Haus stand, war so schmal, und die bösartig duftenden Rauchfänge seines Gegenübers waren so nahe! Mit einem langen Pfeifenrohr hätte man die Katzen, die Nachts auf dem Dache herumspazierten und einverachtungswürdiges Konzert aufführten, herunterfegen können. In diese Versuchung gerieth Bertram nicht, er besaß keine lange Pfeife, er war (ebenfalls aus Sparsamkeit) kein Raucher. Er hielt das Fenster überhaupt geschlossen, denn es kam nichts Gutes herein, und für Ventilation war durch die beiden Öffnungen der Bratröhre hinlänglich gesorgt. Die verruchten zwei standen in beständiger, heimtückischer Wechselwirkung und verbanden sich alle Augenblicke zu einem grausamen Attentat gegen den am Schreibtisch sitzenden Mann. Plötzlich legte sich’s ihm wie ein eisernes Band um den Hals, oder es bohrte sich ihm ins Ohr wie ein Dolch, und nun begann das Tosen und Brausen im Kopf und machte ihm die Anstrengung des Denkens zur Höllenqual.

Gedacht aber mußte, es mußte sogar erfunden werden, spannend und originell um jeden Preis, ohne weiteres auch – um den des gesunden Menschenverstandes. O greulich!

In der Fenstervertiefung, über dem Abreißkalender, der das Datum 25. Juli zeigte, hing der Rasierspiegel. Bertram trat vor ihn hin, betrachtetenach langer Zeit einmal wieder das Bild, das ihm daraus entgegensah, mit Aufmerksamkeit. Sie ging allmählich in zornige Entrüstung über.

Achtunddreißig Jahre alt sein und schon so tiefe Falten auf der Stirn haben und so eingefallene Wangen, so rothumränderte, trübe Augen, das ist doch des Teufels! Den verbissenen Zug um den Mund verdeckt glücklicherweise zum Theil der blonde Schnurrbart, dessen Enden sich breit ausgebürstet mit dem kurz gehaltenen Backenbart vereinigen; es sieht fein aus, und der ganze Mensch sieht fein aus, aber schrecklich unruhig und nervös. – Fortwährend muß er blinzeln und von Zeit zu Zeit verzieht ein blitzartiges Zucken ihm das Gesicht. Wie er das häßlich fand, wie er sich darüber kränkte und wie er nun einen neuen Grund zur Kränkung erfuhr! Eine Überraschung – aber was für eine! Mitten im üppigen Wald seiner Haare, gerade auf dem Scheitel, hatte er eine kleine Lichtung entdeckt.

»Das hastdumir angethan,« rief er und ballte wieder die Faust, diesesmal gegen den Arm des Gasrohrs an der Wand über dem Schreibtisch.

Die Flamme war längst ausgelöscht worden, aber bis zum Morgen hatte sie dem unermüdlichen Arbeiter geleuchtet. Achtstundentag – lächerliches Wort! Sei du ein fleißiger Schriftsteller und Redakteur an der großen Zeitung: »Die junge Grenzenlose« und sprich vom Achtstundentag. Habe allmorgendlich ein halbes Hundert Briefe zu verschlingen, ein paar Dutzend Manuskripte, Brochuren, Bücher durchzublättern, habe gewohnheitsmäßig zwei Romane unter der Feder und sprich vom Achtstundentag. Ein Roman »läuft« in einem Volksblatt, der andere in einem Salonblatt, und: Fortsetzung folgt, heißt’s unerbittlich. Eher dürfte die Zeit in ihrem Laufe innehalten, als so ein Roman in dem seinen.

Trotzdem ist die tägliche Arbeit nicht die arge, weil man an sie nur denken braucht, so lange man dabei ist. Die argen, die nervenzerrüttenden Arbeiten sind die, die nur wöchentlich einmal erscheinen, an die man aber beständig denken muß. Da ist der gewisse »Überblick über die neueste Litteratur.« Heißes Pech und brennenden Schwefel über den Erfinder dieses an »über« überreichen Titels.

»Ändern wir ihn, er ist zu lügenhaft,« hatte Bertram Vogel dem Chef und den Kollegen vorgeschlagen. »Wenn wir von einem Einblick in den Wust sprächen, wär’s protzig genug von uns. Ordinäre Ehrlichkeit spräche von einem Streif- oder Seitenblick.«

Man lachte ihn aus. Der Überblick gehörte zum eisernen Bestand der »Grenzenlosen,« die Abonnenten waren an ihren Überblick gewöhnt, hatten ihn bezahlt und geschluckt und glaubten ihn zu haben.

Einer noch größern Beliebtheit als der Überblick erfreute sich das Sonntagsfeuilleton. Es hatte Bertrams Schriftstellerruf begründet, ihn populär gemacht, ihm seinen begeisterten Anhang erweckt und seine ehrenvollen Feindschaften.

Niemand sagte mehr: »Das Feuilleton von Vogelweid,« wie niemand sagt: »Der Wein Burgunder.« Es hieß nur noch: »Haben Sie den heutigen Vogelweid gelesen?« Und: »Der ist wieder unerreichbar, macht einen witzig für die ganze Woche. Und das alles nur so hingeworfen, man spürt ordentlich, wie er sich selbst dabei unterhalten hat.«

Über die Leichtigkeit, mit der Vogel produzirte, hatten sich Legenden gebildet, die man ihm erzählte, ihm ins bärbeißige Gesicht. Er konnte wüthend werden und widersprechen, so viel er wollte; es half nichts, die Leute schworen auf ihren Unsinn. Auf den zum Beispiel, daß er seine Feuilletons am Setzkasten diktire, oder daß er ihrer zwölf an jedem Samstage hinkritzle, eines davon ziehen lasse von der Hausmeisterin, die übrigen ins Feuer werfe.

In Wirklichkeit waren die lustigen Feuilletons, die ins Leben hineingeflattert schienen, lauter Zangengeburten, und Bertram fühlte die Qualen, unter denen sie entstanden, in demselben Verhältniß wachsen, in dem seine Jugend abnahm. Sie war’s, ihr Frohsinn, ihre Lebenslust, was einst in seinen Arbeiten gesprudelt hatte, er besaß kein eigentliches wahres, nur ein Formtalent. Die Form war auch noch immer anmuthig, geschmeidig, tadellos rein, aber der Inhalt bot nichts Neues mehr. Die Feinde und Neider haben es längst gemerkt, die Leser noch nicht. Werden sie sich noch fünfundzwanzig Mal, werden sie sich noch ein Jahr langdarüber täuschen lassen, daß es dieselbe Voltige ist, die ihnen bei veränderter Dekoration in einem fort vorgemacht wird?

Noch ein Jahr, nur noch ein Jahr, und mit der widerlichen Tintenkleckserei ist’s vorüber. Bertram Vogelweid ist todt, Bertram Vogel auferstanden. Er lebt in tiefster Zurückgezogenheit auf seinem eigenen Grund und Boden, auf dem Bauerngütchen, das er erworben und allmählich schuldenfrei gemacht hat. Er wird sein Feld bebauen, sein Gärtlein pflegen, Bäume pflanzen, ... Bäume! Was giebt es Schöneres in der Welt? Was hat er je geliebt wie Bäume, der im Wald geborene Försterssohn?

Bäume! Bäume! Heute noch wird er Bäume sehen und freies Feld. Es wirbelt ihm im Kopf bei dem Gedanken, es schwindelt ihm, er muß sich setzen. Er sieht wieder überall Gesichter, verträgt nicht einmal die Freude mehr; sein Arzt und Freund hat ihm mit gutem Grunde vor kurzem erst gesagt: »Jetzt wird mir der Mensch in seinen alten Tagen noch hysterisch.«

Auf dem Schreibtische liegen die Früchte seineswahnsinnigen Fleißes. Vier Überblicke, vier Feuilletons, die letzten Fortsetzungen seiner, ja, das hat er sich zugeschworen, letzten Romane. Des Volksromans mit seinen idealen Anarchisten, ausbeuterischen Kapitalisten, vom Blut und Schweiß des Volkes lebenden Baronen, Grafen und Fürsten, des Salonromans mit seinen Zweideutigkeiten, seinen Schlüpfrigkeiten. Nur allzu treu nach französischen Mustern, und doch überall Champagner in Bier verwandelt.

Ekel und Greuel! Eine plötzliche Wuth erfaßte ihn über sich selbst, über die Wege, die er ging, und über alle die Hunderte von Narren, die sich an ihn herandrängten und seinen Spuren folgen wollten, und denen er davon abgerathen hatte, im Anfang seiner Karriere recht höflich, in der Folge derb und derber.

Er besann sich auch der Singvögel männlichen und weiblichen Geschlechts, die ihm scharenweise zugeflogen waren. Erbarmungslos hatte er sie verscheucht, und wer weiß, ob sich unter ihnen nicht vielleicht doch eine Nachtigall befand.

Da war eine Anna Mimona, deren er nichtohne eine Art Reue gedenken konnte. Sie hatte ihm ein Heft Gedichte – ein kalligraphisches Meisterwerk – geschickt, und um sein Urtheil gebeten. Ein empfehlendes Wort von ihm, schrieb sie, würde diesen poetischen Versuchen einen Verleger verschaffen und dadurch einer verarmten Familie die Existenz erleichtern.

Bertram hatte das Buch nicht aufgeschlagen. Was kann man einer Person zutrauen, die albern genug ist, die Lyrik als Einnahmequelle anzusehen! Als die Poetin nach langer Zeit wieder schrieb und auf das höflichste um Bescheid ersuchte, erhielt sie ihn. Er lautete: »Kaufen Sie sich eine Nähmaschine.«

Seitdem hatte sie ihn nicht mehr behelligt, und das gefiel ihm; Anna Mimona war also eine feinfühlige Person und bildete einen gewaltigen Gegensatz zu den vielen, die sich ihm nahten, girrend wie die Tauben, sobald aber der Beifall, den sie verlangten, ausblieb, zu bösartigen Krähen wurden und die Augen des unerbittlichen Kritikers bedrohten.

Das alles aber wäre zu verschmerzen, es giebtviel Schlimmeres: die Anhänger und Freunde, die gelobt werden müssen, weil sie loben, die Gegner, die getadelt werden müssen, wenn auch der eignen Überzeugung zum Trotze. So lange gelobt und getadelt, bis aus all dem Müssen eine Art Wollen sich entwickelt und die aufgedrungene Meinung zur eignen wird, weil man um sie gelitten und Anfeindung erduldet hat. Aus dem fortwährenden Bekennen entsteht ein Glauben. Das Vorurtheil ist zur Religion geworden, das Amt hat den Menschen gefressen.

Bertram stieß ein höhnisches Gelächter aus und preßte beide Hände konvulsivisch an den Kopf.

Eine alte Kuckucksuhr, die in der Nähe der Thür ihr langes Pendel schwang, erhob jetzt ein lautes Geschnarre. Sie hatte die Absicht, elf zu schlagen, konnte sie aber nicht ausführen.

In einer Viertelstunde wird der Wagen da sein, der den Reisenden nach dem Bahnhof bringen soll. Bertram hat gestern einem Komfortablekutscher auf dem Stephansplatz das Versprechen abgenommen, sich Punkt ein Viertel auf Zwölf vor dem Hausthor einzufinden. Wenn er nur kommt, derMensch. Im Moment, in dem Vogel ihm das Angeld gegeben und er’s eingesteckt hat, sind dem Besteller die unverläßlichen Augen des Menschen aufgefallen. Wenn er nur Wort hält. Wort halten ist eine große Tugend, und von einem Komfortablekutscher eine große Tugend verlangen die pure Romantik, die reine Thorheit. Aber man begeht sie, man ist so dumm, man ist ein so vertrauensseliger Esel!

Bertram spürte einen gallbittern Geschmack im Munde und betrachtete mit Wehmuth das hübsche Kofferchen, das er sich gestern angeschafft hatte. Es stand in der Ecke auf zwei Sesseln sauber zusammengeschnallt. Die Schlösser glänzten wie zwei Augen und schienen zu fragen: Nun – wird’s? Wandern wir? Die Handtasche (auch neu und fertig gepackt) war auf dessen Rücken etablirt und noch offen. Sie wartete auf den Schreibtischschlüssel, den sie aufnehmen sollte. Aber der steckte, und die Lade gähnte wie ein Haifisch. Bertram sprang auf und wollte sie mit einem gewaltigen Ruck zuschieben. Da entfaltete sie eine teuflische Bosheit und spie ihm, soviel sie von ihrem Inhalt nur herausbringen konnte, vor die Füße.

Sinnlose Wuth übermannte ihn, er fiel über die Tückische her und rüttelte an ihr, daß sie stöhnte und in allen Fugen bebte.

Jetzt wurde an der Thür geklopft und ohne weitere Umstände eingetreten. Frau Hundlgruber, die Hausmeisterin, ein Bild grandioser Gelassenheit, zwang sich zu einem kleinen Schrei beim Anblick des Zimmerherrn, der seinen Schreibtisch prügelte:

»Jessas und Joseph, Herr von Vogel, was sein’s denn schon wieder nervios, was regen’s Ihnen denn auf? Kommen’s, gehn’s weg, lassen’s mich her.«

Sie schob ihn fort mit einer sanften Macht und Leichtigkeit, wie sie ein Feldsesselchen fortgeschoben hätte, sammelte die auf dem Boden liegenden Schriften und legte sie mit glättenden Händen in die Lade, die, empfänglich für anständige Behandlung, den ganzen Reichthum nun gutwillig aufnahm und sich auch ohne Widerstand absperren ließ.

Frau Hundlgruber warf den Schlüssel in die Reisetasche und meldete auch, daß es Zeit, und daß der Einspänner vorgefahren sei.

Wieder gerieth Bertram außer sich: »Zeit ist’s;ich versäum’ den Zug! ich versäum’ den Zug!« stieß er hervor, riß seinen Hut und Überzieher vom Kleiderstock und wollte mit Hinterlassung aller seiner Reiseeffekten davonlaufen.

Frau Hundlgruber ertheilte ihm eine neue Ermahnung, gab ihm seine Tasche und seinen Regenschirm in die Hand, nahm selbst das Kofferchen unter den kräftigen Arm und fragte, was mit den Sachen auf dem Schreibtisch zu geschehen habe.

Bertram rief voll Hast: »Alles Rekommandirte auf die Post ... Die Rezepisse verwahren Sie, die bind’ ich Ihnen auf die Seele, mit Spagat, Frau Hundlgruber. Das große Paket tragen Sie, bitte, auf die Redaktion.«

»Jessas und Joseph, das is g’wiß das End’ von Ihrer schönen G’schicht,« sprach Frau Hundlgruber und lächelte seelenvergnügt: »Sagen Sie mir nur noch g’schwind, ich könnt’ ja heut’ nit schlafen vor Neugier: Wird der Baron wirklich lebendig begraben? Verdienen thät er’s, der Schuft der miserable. Is der Pülcher wirklich der Stiftsdam’ ihr Sohn, und wird der brave Anarchist richtig noch Minister bei der Polizei?«

»Das alles soll die Zukunft Ihnen enthüllen, jetzt lassen Sie uns scheiden. Leben Sie wohl, Meisterin dieses Hauses,« sprach Bertram pathetisch, »und wenn hier Feuer ausbrechen sollte, dann retten Sie alles, nurden,« er wies mit ausgestrecktem Finger nach dem Schreibtische, »den lassen Sie verbrennen, der ist assekurirt.«

Damit rannte er die Treppe hinab, stieg in den, vor dem Hause wartenden offenen Wagen, das Gepäck wurde untergebracht und fort ging’s im Gezottel eines steifen Fliegenschimmels, dem Nordbahnhofe zu.

II.

Eine peinliche Fahrt. Wohl zehnmal tippte Bertram mit der Spitze seines Regenschirms dem Kutscher auf die Schulter und flehte: »Fahren Sie zu, vorwärts!« Er suchte zu imponiren und befahl: »Vorwärts. Fahren Sie zu!« Es machte keinen Eindruck. Er knirschte in Verzweiflung: »Wir kommen zu spät! Kutscher! Mensch! Zu spät!« Half alles nichts. Der Kutscher, breit wie seinBock, antwortete nur mit undefinirbaren Lauten, einer Art Gegrunze, und sein Fahrgast schalt ihn im Stillen eine Pappendeckelseele, ein stumpfsinniges Halbthier.

Wagen um Wagen, alle mit Koffern beladen, fuhren ihnen vor, der Fliegenschimmel schüttelte dazu nicht einmal den Kopf. Sein Lenker war unzugänglich, und er war ohne Ehrgeiz. Bertram rutschte immer weiter vor auf seinem Sitze und saß zuletzt nur noch auf der Polstereinfassung. Er meinte sich dadurch leichter zu machen; er hätte ums Leben gern mitgezogen und erreichte nichts anderes, als daß ihm zuletzt in seiner Aufregung alles vor den Augen tanzte, und daß er statt des breiten Kutscherrückens ein abscheuliches braunes Gesicht mit Hängebacken vor sich sah. Voll Entsetzen wandte er den Blick ab, lehnte sich zurück im Wagen und gab alle Hoffnung auf, noch zurecht zu kommen. Das begab sich ganz in der Nähe seines Zieles, und ein paar Minuten später hatte er den Bahnhof erreicht.

Aber welch ein Gewirr und Getreibe herrschte da!

»Der Schnellzug is heut’ ungeheuer besetzt,«sagte ein riesenhafter Träger, der an den Wagen Bertrams herantrat und sich des Gepäcks bemächtigte.

Ungeheuer besetzt. O du liebes Schicksal! Just heute, an dem ersten Tag nach vier Jahren, an dem Bertram reisen kann, müssen Hunderte von Leuten reisen, die’s wahrscheinlich ebenso gut früher hätten thun können. Er springt aus dem Wagen und will dem Träger folgen, der die Stufen zur Halle hinaufsteigt. Da wird der schläfrige Kutscher plötzlich lebendig und schreit:

»Erscht hetzen! und durchgeh’n a no? Halt’s ’n auf!«

Bertram erschauderte bei dem Gebrüll. Der Vorwurf, den ihm der Grobian vom Bocke zuschleuderte, traf ihn wie der Blitz vom Himmel. Er hatte vergessen, seine Fahrt, wie es sich gehört, im Voraus zu bezahlen, stand als Betrüger da, die Blicke der Menschen, die sich nach ihm umsahen, sprachen es aus. Er bemerkte auch, daß ein Wachmann ihn fixirte. In zitternder Eile, mit vor Kälte steifen Fingern (am 25. Juli um die Mittagsstunde, bei 28 Graden über Null) entnahm erseinem Portemonnaie eine Banknote und reichte sie dem Grobian, der augenblicklich den Hut zog und kriechend und demüthig bat: »Schaffen Euer Gnaden ein andres Mal wieder.«

Bertram eilte dem Träger nach, der schon auf ihn wartete, kurzweg fragte: »Wohin?« und ebenso kurzweg hinzufügte, nachdem er die Antwort: »Hullein« erhalten hatte: »Nehmen’s Ihr Billet.«

Ja, nehmen! Das ist leicht gesagt. Bei dem Fenster, durch das die Banknoten hinein- und die Fahrbillete herausgeschoben werden, gab es ein Gedränge, als ob dort Brot vertheilt würde unter Hungernde. Bertram stand als der letzte zwischen den eisernen Schlangen, die zum Schalter führen, und zappelte vor Ungeduld und quälte sich mit gräßlichen Zweifeln: »Wohin ist der Kyklope gerannt, was hat er mit meiner Bagage angefangen? Was hat sein mysteriöses Verschwinden zu bedeuten? Der Kyklope ist am Ende gar kein Träger, sondern ein als Träger verkleideter Strolch, der jetzt das Weite sucht mit meinem Hab und Gut.«

Bertram späht ihm vergeblich mit verstörten Blicken nach, möchte nach Hülfe schreien und wagtes doch nicht recht, trotz der Überzeugung, daß er bestohlen ist, beraubt! O die Menschen! die Menschen! Was für ein ausbündiges Gesindel! Fluch über sie und ihre höllische Erfindung, die Eisenbahn, die allen Lastern eine nie dagewesene Fülle von Gelegenheiten bietet, sich auszubreiten, zu wuchern, hereinzustieben, triumphirend mit Dampf in die früher – verhältnißmäßig wenigstens – unschuldige Welt. Bertram seufzte, schnaubte, stampfte und hatte zur Verstärkung seiner Pein ein dumpfes Gefühl, daß er lächerlich sei und sich so ausnehme.

Unweit von ihm, neben einer Säule in der Halle, stand eine junge, große, schlanke Frau in hellgrauem Reiseanzug, mit einem allerliebsten Mützchen ohne Schirm auf dem Kopfe. Sie blieb ganz gelassen mitten in dem fürchterlichen Trubel, der sie umgab, hatte ihre Reisetasche (wo ist die meine, dachte Bertram schmerzlich) auf den Boden gestellt und schien in vollkommener Gemüthsruhe auf jemanden zu warten. Dabei beobachtete sie den armen, zwischen den Eisenbarrièren zuckenden Vogel, diskret, mit höchster Wohlerzogenheit, aber offenbar belustigt. Ihre blauen, ehrlichen und unbeschreiblichsympathischen Augen sprachen: Du machst mir Spaß.

Der vorletzte Passagier war abgefertigt, Bertram trat an seine Stelle und quetschte mühsam das Wort »Hullein« hervor, während draußen – es fuhr ihm in die Kniee, daß sie zusammenknickten – das erste Läuten erscholl. Der Beamte hinter dem Schalter streifte ihn mit einem flüchtigen Blicke, hielt ihn für einen anderen, schob ihm ein Billet erster Klasse hin und sagte während des Herausgebens auf zwei Zehnernoten:

»Eile, Herr Baron, höchste Zeit.«

»Träger! Wo ist der Träger?« rief Bertram und vergaß völlig, daß der ein Schuft, ein Strolch war und die Bagage entwendet hatte.

»Was für a Nummer?« fragten ein paar Blousenmänner.

»Weiß ich’s?« Und noch einmal rief er, aber schon völlig hoffnungslos: »Träger!«

Siehe, da kam der Strolch aus dem Magazin herausgelaufen und hatte ein vertraueneinflößendes Gesicht und sprach: »Da drin hat einer an Koffer falsch aufgegeben.«

»Den meinen,« stöhnte Bertram.

»Na, na, den Ihren nit. Jetzt aber machen’s g’schwind. Wo is Ihr Billet?« Er bemerkte die Aufregung des Reisenden und lächelte – die Nervösen sind die einträglichsten – nahm ihn unter seinen väterlichen Schutz, führte ihn zur Wage und wieder an einen Schalter – was das für unnöthige Förmlichkeiten sind! und wieder hieß es bezahlen, und Bertram glaubte zu bemerken, daß ihm ein Fünfer fehle. Jetzt aber war nicht Zeit, nachzusehen, das zweite Läuten ertönte, und Bertram verlor völlig den Kopf. Er riß seinen Regenschirm dem Träger aus der Hand, rannte durch die Halle über die Treppe, durch den Wartesaal an dem verblüfften Portier vorbei auf den Perron.

Dort wieder ein schreckliches Gedränge und grausame Rücksichtslosigkeit gegen den Nächsten. Mit den Ellbogen, den Knieen, den Füßen wird gerungen, gestoßen, gepufft. Die Männer denken nur an sich, die Frauen nur an ihre Brut, nie wird Bertram einen Platz erobern; auf den Faustkampf ist er nicht eingerichtet. Er bleibt stehen, sieht den Anderen nach und hat einen neuen verzweifelten Anfall von Menschenverachtung.

»Sie! Herr!« schreit ihm plötzlich jemand in die Ohren. Er wendet sich um, und vor ihm steht sein Träger, der gute Kyklop. Er hat sich Bahn gebrochen bis zu ihm und bringt ihm den Gepäckschein, die Handtasche und das Portemonnaie:

»Das alles haben’s bei der Wag liegen lassen,« spricht er, grüßt militärisch und will enteilen. Aber Bertram ruft ihn zurück, sein Herz quillt über vor Beschämung und Rührung. Wie unrecht hat er einem Ehrenmann gethan! Er sucht nach in seiner Geldtasche, ein Fünfer ist noch drin, muß noch drin sein, den Fünfer hat er nicht ausgegeben, aber er findet oder sieht ihn jetzt nicht, knüllt krampfhaft alles Papierene, das ihm zwischen die Finger kommt, zusammen und schenkt es dem Ehrenmann. Dann rennt er weiter, die Ufer der tobenden Menschenfluth entlang. Hinein wirft er sich nicht, das nicht, o pfui! ihm graut.

Mit Verzweiflung fand er sich plötzlich fast allein auf dem Perron. Der ungeheure Zug hatte alles geschluckt. Aus den Fenstern, unter denen Bertram herumirrte, zu denen er hülfeflehend emporsah, blickten böse Gesichter, drohende Augen auf ihnnieder. »Alles besetzt!« riefen grausame Stimmen. Einzelne, noch offen stehende Thüren wurden von innen heftig zugeschlagen.

»Einsteigen!« donnerte ein Schaffner dem armen Ausgeschlossenen zu, und der stöhnte:

»Wo?«

»Welche Klasse?«

»Erste.«

»Was kriechen’s also da herum? Also zurück, ganz hinten!« braust der Schaffner auf, selbst schon im Begriff, seinen luftigen Sitz zu erklettern, und der schreckliche Mensch an der Glocke hebt den Schwengel zum dritten Läuten.

Da öffnet sich der Schlag des letzten Waggons, ein junger Mann steckt den Kopf heraus und winkt dem athemlos heranstürmenden Bertram: »Da her, da ist noch Platz!«

Wenige Sekunden später setzte Bertram den Fuß auf das erste Trittbrett, sein Retter streckte ihm die Hand entgegen, er ergriff sie und ließ seinen Regenschirm fallen und sah sich nicht einmal nach ihm um, erklomm das zweite Trittbrett und stand im Wagen keuchend, verstört. Im selben Augenblickwurde die Glocke geläutet – ein durchdringender Pfiff – ein Ruck, Bertram taumelte und saß, aber so schlecht, daß er gleich wieder aufsprang.

Der junge Mann hatte einen Schrei ausgestoßen: »Donnerwetter, was thun Sie denn? Aber um Gotteswillen, Sie setzen sich ja auf meine Tauben!«

III.

Auf dem Ecksitze des Halbcoupés, in das Bertram hereingestürzt war, stand ein Vogelbauer, und in dem befanden sich zwei prächtige Ringeltauben, die ganz erschrocken über die plötzliche Verfinsterung ihres Lokals, Töne des Entsetzens ausstießen und mit den Flügeln schlugen. Ihr Eigenthümer bemühte sich, die in eine Plattform verwandelte Kuppel ihres Bauers aus Draht wieder zurecht zu biegen, und Bertram konnte kein Ende finden mit Entschuldigungen:

»Es ist hoffentlich nichts geschehen?« fragte er besorgt.

»Den Tauben nichts. Aber so lach’ doch nicht,«wandte der junge Mann sich an seine Begleiterin, die in der anderen Ecke saß, und in der Bertram die anmuthige Frau erkannte, deren wenig schmeichelhafte Aufmerksamkeit er schon auf dem Bahnhofe erregt hatte. Trotz der redlichsten Mühe vermochte sie das helle, herzerquickende Lachen, in das sie ausgebrochen war, nicht zu unterdrücken. Sie entschuldigte sich:

»Verzeihen Sie, es ist aber zu spaßig gewesen, der Schreck meines Mannes und dann der Ihre.«

»O, gnädige Frau, was mich betrifft, lachen Sie weiter, es klingt so schön,« erwiderte Bertram.

Da wurde sie sogleich ernst und lud ihn ein, sich zu setzen. Er wollte seinen Platz durchaus mit dem Vogelbauer theilen, durfte aber nicht, mußte sich allein in die Ecke placiren. Der Ehemann, der auffallend schöne, braune Augen hatte und kurzgeschorene, schwarze Haare, stellte die Tauben auf den Mittelsitz, den auch er einnahm und sagte:

»Sie müssen sich’s bequem machen, Sie sind unser Gast. Wir haben das ganze Coupé genommen wegen der dummen Viecher und weil die Leute so kurios sind. Wenn einer mit einem Bettsackvon hundert Kilo, sechs Kopfpolstern und drei Decken einrückt, sagt niemand was, bringt man aber einen Kolibri in den Waggon, schreien sie gleich: In den Ochsenwagen damit!«

Ein erbitterter Ausdruck tiefster Menschenverachtung lagerte wieder auf Bertrams Zügen: »Dummes, eingebildetes Volk!« brummte er. »Als ob man nicht hunderttausendmal besser aufgehoben wäre in der Nähe einer Taube als in der eines Tabakrauchers!«

Bei diesen Worten wechselte das Ehepaar einen Blick, dessen Bedeutung er sich nicht erklären konnte. Das setzte ihn in Verlegenheit; um sie zu verbergen und sich möglichst angenehm zu machen, begann er, die Tauben zu bewundern; ihre Größe, ihre sanfte Cedernholzfarbe, ihre Ringkragen à la Philippine Welser.

»Ja, ja, sind schön, wenn sie mir nur nicht davonfliegen,« sprach der junge Mann und betrachtete sie mit halb stolzen, halb bekümmerten Eigenthümerblicken, »ich habe sie in Wien gekauft für meine Zucht.«

»Sie züchten Tauben?« fragte Bertram vollBegeisterung. »Ich werde auch Tauben züchten, ja, ja, das ist meine Absicht, ich habe sie eben gefaßt. Ich werde alles thun, was man auf dem Lande thun kann.« Er war wie berauscht. Die kräftige Luft, der Sonnenschein, der Anblick der Felder in ihrer goldigen Pracht, rissen ihn hin. Unbeirrt durch das Erstaunen, das er mit seiner Beredtsamkeit erregte, fuhr er fort: »Ich werde hinter dem Pfluge gehen und singen mit Alexei Koltzow: Vorwärts Gäulchen, vorwärts, zieh die Ackerfurche. O weh!« unterbrach er sich, »ich citire wieder – Werkstattgewohnheit; ich bin wie der Kammerdiener im Proverbe Leclerqs, ich kann in der Freiheit die schönen Tage der Sklaverei nicht vergessen.« Er klopfte mit dem Knöchel des Zeigefingers an seine Stirn: »Nichts als Bücher da drin, todte Buchstaben. Ich bin nämlich – Gott sei’s geklagt, Litterat. Aber nicht lange mehr, bald schon – unnennbare Wonne – Bauer.«

Der Mann und die Frau wechselten wieder einen Blick, den Bertram dieses Mal verstand. Sie hatten sich zurückgelehnt, er beugte sich weit vor, um ihnen in die Augen sehen zu können. Eswar ihm so wohlthuend. Diese Menschen schienen so ganz im reinen mit sich selbst, so friedlich, so ausgeglichen.

»Gnädige Frau,« sagte Bertram, »und Sie, mein edler Retter, Sie halten mich für geistesgestört, ich bin es nicht, ich bin nur entsetzlich nervös. Das wird man in meinem sogenannten Berufe, der nicht der meine ist. Ich bin ein Försterssohn und durch Natur, Geburt, Neigung zum Forstwesen bestimmt.«

Das Ehepaar antwortete mit »So?« – »Ja?« höflich, aber erschreckend kühl, er fühlte, daß er sich unangenehm machte, daß man sein Geschwätz zudringlich fand, und doch war’s, als ob ihm ein Teufelchen auf der Zunge säße, das auf ihr herumhüpfte wie auf einem Trampolin und ihn zwang, all die Überflüssigkeiten vorzubringen.

Die junge Frau benutzte die erste Pause, die er machte, um ihn zu fragen: »Ist es Ihnen sehr unangenehm, wenn ich rauche?«

Er verneigte sich: »O gnädige Frau, wennSierauchen, ist es mir eine Ehre und ein Glück!«

Sie lächelte, jetzt fand sie ihn offenbar wiederkomisch, griff in ihren Reisesack und entnahm ihm eine Cigarrentasche, ein Feuerzeug und die gestrige »Grenzenlose«, die mit dem Sonntagsfeuilleton.

»Jetzt will ich meinen Vogelweid erst genießen,« sagte sie zu ihrem Mann, »in der Stadt kommt man zu nichts. Ich hab’ gestern in die Zeitung grad nur hineingeguckt.« Sie brannte einen ziemlich großen Glimmstengel an, drückte sich behaglich in ihre Ecke und rauchte und las und vergaß in ihrer genußreichen Versunkenheit alles um sich her – nur nicht ihren Mann. Der hatte sich tief hinuntergleiten lassen auf seinem Sitze, einen Fuß an die Wand des Waggons gestemmt, den anderen überschlagen und sah unverwandt zu ihr hinauf.

»Er ist heut’ besonders gut, nicht wahr?« fragte er, wenn sie sich so recht zu unterhalten schien. Sie antwortete mit stummem Kopfnicken, und er suchte ihr Interesse noch zu erhöhen.

»Wart nur, lies nur, es wird immerbesser.«

»Excellent!« rief sie plötzlich aus, »nein, der Vogelweid – wie ich den liebe!«

Bertram hielt sich nicht länger: »Sie habenUnrecht, gnädige Frau, das ist, ich bitte um Verzeihung, eine Geschmacksverirrung.«

Sie wurde roth, ihr Mann fuhr auf: »Erlauben Sie mir« –

»In keinem anderen Punkte hätte ich Ihnen etwas zu erlauben oder zu verbieten, Ihnen, meine gnädige Frau, oder Ihnen, mein edler Retter,« versetzte Vogel. »Aber in dem einen Punkte habe ich das Recht einer Meinung und die Pflicht sie auszusprechen. Sie dürfen mir glauben, daß dieses Feuilleton, das Ihnen besonders gut vorkommt, besonders schlecht ist, und daß Sie über etwas mühsam Zusammengequältes lachen. Lauter alte Witze und Späße, denen man aber ihr Alter nicht anmerken soll, immer das alte Ragout, nur mit neuem Überguß.«

»Erstens,« erwiderte die junge Dame, »haben Ragouts keine Übergüsse, sondern Saucen, und wenn mir die Sauce schmeckt. –«

»Unglücklicherweise. Siesolltensich das Gebräu nicht schmecken lassen und würden auch nicht, wenn Sie wüßten, aus welchen Ingredienzen es besteht und mit wie niederträchtiger Künstlichkeit eseingerührt ist. Künstlichkeit – Karrikatur der Kunst! und natürlich auch Routine. Die Zwei bringen das Tränklein fertig, das dann den Leuten so leicht eingeht, wirklich wie nichts. Sie brauchen nur den Mund aufthun, es läuft von selbst hinein, das charakterlose, für jeden Gaumen berechnete Zeug!«

Das Ehepaar hatte dem aufgeregten Reisegefährten schweigend zugehört: »Sie sind vom Fach, man sieht’s,« sprach der Mann, und die Frau erklärte:

»Nein, nein! ich lasse mir die Freud’ an meinem Vogelweid nicht verderben. Sie sagen immer wegwerfend: das Zeug. Wie viele würden ihrem Gott danken, wenn sie solches ‘Zeug’ schreiben könnten.«

»Das gewiß. Es trägt ja viel mehr Geld ein, als das Herstellen guter, gediegener Kost. Und – Geld! ‘Am Gelde hängt, nach Gelde drängt’ &c. ist heute noch wahr, und bleibt es vielleicht noch ein Weilchen, bis uns die Sozialisten von dem elenden Tauschmittel befreien. Seien Sie ganz aufrichtig mit mir, gnädige Frau,« begann er nach einer kleinen Weile von Neuem. »Oder seien Siees auch nicht – mit Worten, ich weiß doch was Sie denken, ichseheSie denken. Der Neid spricht aus dir, denken Sie, Sie irren. Der litterarische Bajazzo, den Sie in Schutz nehmen, und den ich angreife, der alte, verbitterte, müde Vogelweid flößt mir nicht den geringsten Neid ein, dazu kenne ich ihn zu gut, bin zu genau eingeweiht in die Geheimnisse seiner armseligen Journalistenexistenz. Ich bin ja selbst dieser Vogelweid. Habe die Ehre, mich noch einmal vorzustellen: Bertram Vogel, genannt Vogelweid.«

Es entstand eine kleine Verlegenheitspause.

»Sie glauben mir nicht?« fragte Bertram.

Doch! ja, sie glaubten ihm. Sie besannen sich jetzt, Porträts von ihm in illustrirten Blättern gesehen zu haben. Nicht sehr ähnlich, allerdings. Das entschuldigte, so hofften sie wenigstens. Der Retter nannte sich:

»Gerhart Neuhaus.«

»Graf Neuhaus,« rief Bertram und lüftete freudig den Hut, »ein Nachbar meines Gönners und Jugendfreundes, Hugo von Weißenberg? Es ist mir eine ganz besondere Ehre.«

»Uns auch,« sagten der Graf und die Gräfin, und man schüttelte einander die Hände. »Wir haben nicht nur viel von Ihnen gelesen, wir haben auch viel von Ihnen gehört,« setzte die junge Frau hinzu. »Sie sind doch auf dem Wege nach Obositz, bringen Ihre Ferien bei Weißenbergs zu, nicht wahr? Man kann Ihre Ankunft kaum mehr erwarten, wird Sie ganz anschließend in Beschlag nehmen. ‘Vogelweid will Niemanden sehen, er ist ein bißchen menschenscheu,’ reden Sie uns immer zu Gehör. Nun, daß Sie nervös sind, gebe ich zu, aber menschenscheu? davon haben wir nichts bemerkt.«

»Sie freilich nicht, meine Herrschaften, ich habe mich Ihnen an den Kopf geworfen und krame mein Innerstes vor Ihnen aus mit barbarenmäßiger Aufdringlichkeit. Stimmung! alles Stimmung! Ich bin ein Sklave meiner Stimmung! Das ist die Folge des unglückseligen Sichüberarbeitens. Arbeit ist der beste Inhalt unseres Lebens, Weisheit, Tugend, Gesundheit, Glück! Sichüberarbeiten ist Fluch, ist der Tod aller unserer Fähigkeiten, nicht der geistigen allein, auch der moralischen. Mantaugt nichts mehr, man verliert allen Halt ... Sehen Sie mich; ich perorire da unaufhaltsam und weiß, in einer halben Stunde, in fünf Minuten vielleicht, werde ich stumm sein wie ein Stock, nicht eine Silbe herausbringen und nicht mehr wissen, ob man sagt: Schöne Frau, ich habe die Ehre oder: Schöne Ehre, – ich hab’ eine Frau.«

Die Gräfin lachte: »Da sind Sie ja sehr zu bedauern.«

»In einem Jahre werde ich sehr zu beneiden sein, wenn ich mein Glück erlebe, wenn ich nicht früher überschnappe, es kommen mir manchmal so elend feige Gedanken.«

»Sie werden noch eine Menge Gutes erleben,« sagte der Graf. »Der kleine Besitz, den Weißenberg für Sie gekauft hat, ist sehr hübsch. Aber ich darf nichts verrathen, das sollen ja lauter Überraschungen werden.«

Die Augen Bertrams leuchteten, doch sprach er ängstlich: »Ich will mir nicht zu große Erwartungen machen. Alles hat zwei Seiten, auch mein Besitz wird sie haben. Vorläufig rechne ich mit Zuversicht nur aufeinungetrübtes Glück. Aufdas Glück, vier volle, gesegnete Wochen in einer unlitterarischen Umgebung zu verleben. Siekönnennicht ermessen, was das bedeutet für einen Tintenmenschen wider Willen. Vier Wochen, in denen er kein Buch in die Hand nehmen braucht, in denen ihm kein Manuskript unter die Augen kommt, Niemand ein Autograph von ihm verlangt, vier Wochen himmlischer Seligkeit! Weißenberg war mein Schulkamerad, er ist mir der treuste Freund, meine Vorsehung ist er. O, wie freudig bin ich ihm zu ewigem Dank verpflichtet; in keines Menschen Schuld stände ich mit solcher Wonne, wie ich in der seinen stehe, und ich bin doch lieblos genug, mich weder auf ihn noch auf die Seinen so zu freuen, wie ich mich auf die absolut litteraturfreie Atmosphäre seines Hauses freue.«

Der Graf räusperte sich, die Gräfin sah befremdet aus. »Wann waren Sie zum letztenmal in Obositz?« fragte sie.

»Vor vier Jahren.«

»Stehen Sie nicht in Korrespondenz mit Ihrem Freunde?«

»Alle Jahr zweimal schicke ich ihm Geld, under schickt mir eine Empfangsbestätigung. Ein litterarischer Taglöhner wie ich, schreibt nicht Briefe zu seinem Vergnügen, und Freund Weißenberg schreibt überhaupt nicht. Bei meinem letzten Besuche wollte er einen Überschlag machen, dazu mußten wir in die Kanzlei gehen, weil die Tinte im Schreibzeug des famosen, männlich thätigen Mannes eingetrocknet war. Und seine liebenswürdige Gattin, die keinen Anspruch auf klassische Bildung macht, und ihre schöngeistigen Bedürfnisse mit ein paar Familienblättern bestreitet ... Bei ihrer letzten Anwesenheit in Wien waren wir im Burgtheater und sahen Egmont. Am Schlusse sagte sie: ‘Der Egmont ist doch das schwächste Stück von Laube.’ Eine verehrungswürdige Frau!«

Die Thür des Coupés wurde geöffnet, der Schaffner trat ein und bat um die Fahrkarten. Bertram zog sein Portemonnaie heraus, suchte, fand nichts, wurde kreideweiß, griff in die Brusttasche, und fand auch da nichts.

»Wie kommt dieser Herr herein, der Herr Graf haben doch das ganze Coupé genommen?« sprach der Schaffner.

»Und ich habe eine Karte genommen und bezahlt,« schrie Bertram. Er war aufgesprungen und griff verzweiflungsvoll in alle seine Taschen. »Und dann – was hab’ ich dann gethan?« Ihm ward plötzlich alles klar und die Schamröthe stieg ihm ins Gesicht: »Dann habe ich einem Komfortabler fünf Gulden gegeben, und der Mensch hatte es nicht verdient, denn er war sehr grob; und ich habe einem Träger, einem ausgezeichneten Manne, statt des Trinkgeldes, das ich ihm zudachte, meine Fahrkarte und meinen Gepäckschein in die Hand gedrückt. Nein,« brach er aus, »daß ich reise ohne ein paar Kinderfrauen mitzunehmen, eine zur Rechten und eine zur Linken, daß ich überhaupt reise – ein Mensch, wie ich!«

IV.

Auch der Graf war aufgestanden, er drückte Bertram auf seinen Sitz zurück und redete ihm zu, sich zu beruhigen. »Sie sind mein Gast im Coupé, Sie fahren mit der Taubenkarte, und Ihren Koffer müssen wir halt schauen ohne Gepäckschein herauszukriegen.Nach Hullein ist er aufgegeben, da steigen wir ohnehin zusammen aus.«

Er besprach sich halblaut mit dem Kondukteur, Bertram verstand nur einzelne Worte, es sauste ihm so furchtbar in den Ohren. Aber jetzt erhob sich die Stimme der jungen Frau, die auf eine nur geflüsterte Bemerkung des Schaffners laut erwiderte:

»Es war der große Michel, und der Koffer war neu und aus gelbem Leder, ich habe ihn gesehen und erkenne ihn gleich wieder.«

Dann schienen der Graf und der Schaffner einen Händedruck zu tauschen, und der Schaffner wurde ein Lauzun an Höflichkeit, gab die tröstlichsten Versicherungen und entfernte sich, alle, auch Bertram grüßend.

Der lebte auf, aber noch recht dürftig, war ganz Weichheit und Wehmuth und so voll Dankbarkeit gegen seine Wohlthäter wie ein glücklich Operirter gegen seine Ärzte.

Nach Journalistenbrauch dachte er im allgemeinen ziemlich gering von den Aristokraten, und staunte, daß gerade zwei Angehörige dieser Menschenklasse sich frei von der rohen und egoistischen Rücksichtslosigkeitzeigten, die fast jeden ergreift, sobald er einen Bahnhof betritt: »Ja, ja,« sagte er plötzlich laut, »willst du deinen Nächsten kennen lernen? Sieh dir ihn an im Gedränge und im Eisenbahnwaggon!«

Vogel wurde allmählich wieder beredtsam, seine Reisegefährten verstanden gar diskret und mit achtungsvoller Theilnahme zuzuhören, und so hatte er, er wußte selbst nicht,wie’sgeschah, den fremden Leuten, bevor man Lundenburg noch erreichte, wo die große Kofferagnoscirung ins Werk gesetzt werden sollte – seine Lebensgeschichte erzählt.

Er war der Sohn eines seltsamen Ehepaares, nicht seltsam als einzelne für sich, seltsam als Paar, als glückliches, liebendes Paar. Der Vater, Sohn und Enkel von Forstleuten, ein Jäger durch und durch – alle Jäger sind gute Menschen, sagt Turgeniew – von klassischer Bildung nicht angeleckt. Aber auch kein Feind von Büchern, keineswegs; er las sie nur nicht. Wo hätte er die Zeit hergenommen Allotria zu treiben, er ein Oberförster, verantwortlich für das Thun und Lassen eines großen Personals und für jedes Stück Wild und für jeden Baum in einem Komplex von zweitausendJoch Wald! Er hatte immer zu thun, zu thun, was er gern that, höchste irdische Seligkeit! So mühe- und oft gefahrvoll sein Tagewerk gewesen sein mochte, er kam am Abend zufrieden heim, küßte seine Frau und seinen Jungen, hing sein Jagdzeug an den Rechen, versorgte seine Hunde und setzte sich zu Tisch mit gehörigem Waidmannshunger und -durst. Wenn die gestillt waren, zündete er seine Pfeife an, und nun kam das Plauderstündchen. Meistens sprach der Vater allein, und sein Junge hörte ihm mit begeisterter Aufmerksamkeit zu, weil sich’s um Kulturen handelte, um den Holzschlag, um Hunde, um Wild und Wilddiebe. Und auch die Frau hörte ihn immer gern erzählen, nicht weil ihr Interesse an den Dingen, von denen er sprach, groß war, sondern weil sie ihn liebte, ihren braven alten Mann. Innigst liebte, trotz der großen Verschiedenheit ihres Alters und ihres geistigen Horizonts. Sie war die Tochter eines Professors an der Wiener Universität, und die Umstände, unter denen das hochgebildete schöne Gelehrtenkind den einfachen Jägersmann vom Lande kennen lernte und sich in ihn verliebte, würden den Stoff zueinem wunderlieblichen Novellchen bieten. Nur schade, das Publikum, dem dieses Novellchen gefallen würde, liegt mit unseren Großmüttern begraben.

»Kennen Sie,« fragte Bertram, »das liebenswürdige Buch: Als der Großvater die Großmutter nahm? Da hinein würde das Novellchen gehören. Immer begiebt sich dasselbe, das Thun der Menschen bleibt sich beständig gleich, aber was die anderen von diesem Thun wissen wollen, darüber entscheidet die Mode. Alle großen Strömungen in der Weltgeschichte, alle Richtungen in der Wissenschaft, in der Kunst – Sache der Mode, nichts weiter.«

Das Ehepaar wollte Einspruch gegen diese Behauptung erheben, Bertram schnitt jede Kontroverse mit dem Ausruf ab:

»Ich habe eine glückliche Kindheit gehabt! Die beste Lehrerin, die ich hätte finden können, war auch die einzige, von der ich Unterricht erhielt: meine Mutter. Nun aber das Unglück: ich hatte ein merkwürdig gutes Gedächtniß; es machte mir das Studiren zu leicht und deshalb bis zu einemgewissen Grade unfruchtbar. Das Wissen ‘flog mir am Kopfe vorbei,’ um einmal wieder zu citiren und zwar Lichtenberg. Nur Freude war für mich, was man Arbeit nannte, und Hochgenuß die Erholung – das Wandern durch den Wald mit meinem Vater. Es hat eine Zeit gegeben, in der ich jeden Baum, jeden Strauch, jede Blume kannte, ‘von Namen und von Angesicht,’ und den Gesang jedes unserer Waldvögel nachmachen konnte, daß man ihn selbst zu hören glaubte. Ja, die Kindheit war schön. Und das alles auf einmal wie abgeschnitten. Mein Vater wurde eines Tages nach Hause gebracht – todt. Bauern, die an der Waldgrenze jagten, hatten ihn erschossen. Absicht? Zufall? es ist nie herausgekommen. Von den Geschworenen sind die Thäter freigesprochen worden. Das begab sich kurz bevor das große, wie man einst sagte: herrschaftliche Gut, auf dem mein Vater und seine Vorfahren durch Generationen das Oberförsteramt versahen, unter den Hammer kam. Ein junges, nichtsnutziges Früchtlein von einem Majoratsherrn hatte das väterliche Erbe, wenige Jahre, nachdem er es antrat, verspielt, verlumpt.

Meine Mutter wurde abgefertigt mit einer kleinen Summe, die ich aber für einen unerschöpflichen Reichtum hielt. Wir zogen fort aus dem Haus im Walde, nach einem Provinzstädtchen, wo ein Bruder meiner Mutter an der Spitze des Gymnasiums und einer zahlreichen Familie stand. Lauter Buben, und alle studirten, und nun war’s selbstverständlich, daß auch ich studirte. Ich that’s ungern, weiß Gott, aber nicht schlecht, dank meinem lächerlichen Gedächtniß. Als Vorzugsschüler zog ich durch die Klassen. Von Zeit zu Zeit bäumte es sich in mir auf: ‘Mutter, ich will nicht Philologe werden und Bibliothekenstaub schlucken. Ich will ein Förster werden und leben im thauigen Wald, Bäume pflanzen, Wild hegen.’ – ‘Alles schön,’ sagte sie, ‘aber klassische Bildung ist doch das Höchste. Lerne wenigstens den Schatz kennen, den die Menschheit an den Klassikern besitzt, lerne ihre erhebende, veredelnde Macht empfinden.’

Sie selbst war eine tüchtige Lateinerin, und wenn wir an Winterabenden beisammen saßen, las sie mir vor aus ihren geliebtesten Autoren, und dabei bebte leises Entzücken in ihrem Tone,und ihr feines weißes Gesicht verklärte sich. Ich wieder deklamirte deutsche Gedichte, ich war zu fünfzehn Jahren eine wandelnde Anthologie. Mein kleinwinziges, musikalisches Talent half das Unheil vollenden. Aus den vielen Versen und dem bißchen Musik entstand ein Summen, das herauskommen mußte und herauskam in einer Form, die blinde Mutterliebe und meine unerfahrene Jugend für Poesie hielten. Es regnete nicht, es schüttete Gedichte. Die Pseudomuse kargte nicht. Sie spendete ihr Reimgeklingel bei jedem Anlaß, bei Geburtstagen der Professoren, beim Schluß des Studienjahres, bei Fahnenweihen &c. Viele dieser Dithyramben erschienen im Wochenblatt, und wenn meine Mutter mich »gedruckt« sehen konnte, war sie glücklich.

In vorgerückten Jahren begann sie auf einmal gesellig zu werden. Sie ging regelmäßig bei jedem Wetter und an jedem Wochentage zu Bekannten, wie sie sagte, und kam manchmal je nach der Jahreszeit, erhitzt, regentriefend oder durchfroren heim. Und zu meiner Betrübniß zog sie immer dieselben Kleider an, und die wurden nurnoch mit viel Kunst und Mühe in leidlichem Stand erhalten. Ich sah meine Mutter aber auch elegante Toilettenstücke anfertigen, die sie niemals trug. Sie liebte es nicht, bei solchen Arbeiten von mir überrascht zu werden, verbarg sie gleich im Schranke, wenn ich eintrat. Trotzdem kam es mir einmal vor, als feiere ich ein Wiedersehen beim Anblick einer Sammetmantille auf dem Rücken der Bürgermeisterin.

‘Mutter’, sagt’ ich, ‘die Bürgermeisterin hat deine Sammetmantille.’ ‘Wieso? ich werde doch keine Sammetmantille haben.’ ‘Aber gemacht hast du sie, ja, ja, ganz gewiß, und verschenkt, oder – Mutter!’ Ihre Verlegenheit erweckte einen beschämenden Verdacht in mir, und er hatte ein Gefolge von peinlichen Gedanken.

Meine Mutter verheimlichte mir allerlei. Es kamen manchmal Briefe mit kleinen Geldbeträgen von räthselhafter Provenienz ins Haus. Meine Mutter arbeitete doch nicht um Geld? Wir waren ja wohlhabend. Und wenn der Hausherr neulich den überhöflichen Bückling, den meine Mutter ihm machte, nur mit einem Kopfnicken erwidert hatte,so hieß das eben: Ich bin ein Flegel, und nicht: Sie sind im Rückstand mit dem Miethzins. Von Geldnoth konnte bei uns keine Rede sein. In der Schule galt ich für reich. Hatte ich nicht alles, was ich brauchte, waren meine Kleider nicht immer in bestem Stand? Fand ich nicht immer beim Heimkehren einen für mich gut besetzten Tisch? Alle diese Fragen konnte ich bejahen und wurde doch den Zweifel nicht los, der mich überkommen hatte und sprach: ‘Wenn die Renten nicht ausreichen, um den Miethzins zu bezahlen, so nimm doch einmal vom Kapital.’ Sie erwiderte mühsam und mit leiser Stimme: ‘Unser Kapital hat einst aus dreitausend Gulden bestanden. Die Renten reichten nicht aus, um uns leben zu machen, ich habe Jahr für Jahr das Kapital angreifen müssen. Da hat es sich denn sehr verringert, das heißt, nein,’ sprach sie und öffnete mir die Arme und zog meinen Kopf an ihre Brust, ‘es hat sich verwandelt, aus sehr Schätzbarem in Unschätzbares. Unser Kapital, das bist jetzt du, das ist deine kräftige Gesundheit, deine rothen Wangen sind’s, deine guten Augen.’

Ich war sehr enttäuscht und sagte: ‘Außerdemhaben wir aber doch noch etwas?’ Sie lächelte: ‘Etwas weniges – mich und meine Arbeitskraft.’

Einige Tage danach erkrankte sie schwer und verlor das Bewußtsein. Und während sie dalag in Fieberträumen mit geschlossenen Augen, gingen mir die Augen auf. Der Arzt hatte Eisumschläge verordnet, ich mußte die Tücher dazu aus ihrem Schranke, einem Häng- und Legeschrank, nehmen, den sie – gar oft hatte ich sie damit geneckt! – immer vor mir versperrt hielt. Wie ein Dieb kam ich mir vor, als ich den Schlüssel aus der Lade ihres Tisches nahm und den Schrank öffnete.

Auf den ersten Blick errieth ich das Geheimniß, das sie darin vor mir verbarg, das Geheimniß ihrer tiefen Armuth. Da hingen ein paar Gewänder, der Rest ihrer einst wohlbestellten Garderobe, und gewannen eine Sprache, in der sie sagten: Sieh uns an, wir sind in Wirklichkeit anders, als wir uns ausnehmen, wenn uns die Herrin trägt; ganz ausgedient und lebensmüde, kein guter Faden ist mehr an uns. Blüthenweiß und fein geplättet war auf den Legebrettern, um sie nur halbwegs zu bedecken, die Wäsche Stückfür Stück nebeneinander gebreitet. Alles geflickt und wieder geflickt mit beispielloser Sorgfalt. Ich hatte meiner Mutter oft einen Vorwurf gemacht aus diesem Sparsamkeitsfleiße. Aber da sagte sie: ‘Nähen kann bald eine, zum Flicken braucht man Bildung,’ und citirte das schöne Gedicht von Annette von Droste: Die junge Mutter. – ‘Ob man den Schleier um die Wiege hing, den Schleier, der am Erntefest zerrissen? Man sieht es kaum, sie flickte ihn so nett, daß alle Frauen höchlich es gepriesen.’

Auf einem Taschentuche lag ein Säcklein aus verblichenem Seidenzeug mit Lavendelblüthen gefüllt, eine Erinnerung an unsern Garten am Försterhaus. Die Blüthen einzusammeln, war meine Arbeit. Ich that sie gern und trug dann ihre Spuren als starken, erfrischenden Duft tagelang in meinen Kleidern. Die Blüthen im Säcklein strömten ihn längst nicht mehr aus; sie waren nur noch Staub.

Auch Schriften lagen im Schranke. Etwas vom Gericht, die Aufkündigung unserer Wohnung, Rechnungen für Modeartikel, von der Hand meiner Mutter geschrieben, und mit dem offenbar zagendhingesetzten Worte: ‘Duplikat’ versehen, aber nicht abgeschickt. Ein Brief mit der demüthigen Bitte, das Honorar für dreißig Unterrichtsstunden gütigst entrichten zu wollen, gleichfalls nicht abgeschickt. Sie hatte gearbeitet, Unterricht gegeben, um die ihr gebührende Entlohnung gebettelt. Gott weiß, wie oft umsonst. Sie hatte gedarbt und gekargt, schweigend und glücklich, daß sie’s für mich thun konnte – bis sie zusammenbrach.

Das alles erzählte mir der alte Schrank, und ich stand vor ihm ... Der Frömmste der Frommen hat noch nie andächtiger vor dem allerheiligsten Tabernakel gestanden.

Mit der Andacht war uns aber nicht geholfen, und helfen galt’s, und wenn ich ein Kapital war, galt’s Zinsen tragen.

Vor kurzem, da ich in der Redaktion des Wochenblattes mein Honorar für ein Gedicht abholte, das der Herausgeber zu einer offiziellen Feier bestellt hatte, sagte der zu mir: ‘Ihre Gedichte sind recht schön, wenn Sie aber die Leier, von der in jedem die Rede ist, in die Ecke werfen, und mir einige pudelnärrische Feuilletons leistenwollten, würde dabei für mich und Sie mehr herausschauen, als bei all dem Schwung. Aber der Humor! woher nehmen und nicht stehlen? Sie schon gar. Immer umrauscht von Zaubertönen und verheirathet mit den Kamönen. Von Zeit zu Zeit eine kleine Untreue thät nicht schaden, die verzeiht man auch dem besten Ehemann, aber freilich das Zeug dazu müßte man haben.’

Teufelmäßig gelockt hatte es mich, ihm gleich zu zeigen, daß ich »das Zeug« besaß, und daß die Kamönen, so eng verbunden ich mich auch mit ihnen hielt, mir doch noch nicht die Schlafhaube über die Ohren gezogen hatten.

Meine Herrschaften, am Bette meiner schwerkranken Mutter habe ich mein erstes lustiges Feuilleton geschrieben, und bin dabei – dummer Junge, der ich war – selbst lustig geworden. Eine große Zuversicht erfüllte und beseligte mich durch und durch: Morgen lacht das ganze Städtchen mit mir, und wir bekommen Geld, und meine Mutter wird gesund, denn ich kaufe ihr die theuersten Medikamente und die besten Sachen zum essen und alles was sie freut.

Als ich fertig war mit meiner Arbeit und sie überlas, mußte ich mir den Mund zuhalten, um nicht laut aufzulachen, um nicht einen Jubelschrei auszustoßen, der meine Mutter geweckt hätte. Sie schlief sanft, und ich wagte nicht näher zu treten, schickte ihr nur einen langen, innigen Kuß zu und dachte: Meine Mutter ist jetzt auch mein Kind.

Meine kühnsten Träume sind in Erfüllung gegangen. Ich habe – welch ein Glück für den Geldmacher, welch ein Unglück für den Künstler! nie einen Mißerfolg gehabt, nur mehr oder weniger Erfolg. Zu zwanzig Jahren war ich Redakteur des ehemaligen Wochenblattes, das ich in ein Journal verwandelt hatte, von dem die großen Zeitungen in Wien Notiz nahmen. Dahin erhielt ich einen ehrenvollen Ruf in die Redaktion der ‘Grenzenlosen’. In Wien ist, jetzt sind es schon zwölf Jahre, meine Mutter, in der Überzeugung, daß sie der Welt in ihrem Sohne einen großen Schriftsteller hinterließ, bis zum letzten Augenblick zufrieden und glücklich, gestorben.«

Er hatte immer leiser gesprochen, sich immer mehr vorgebeugt, seine Arme lagen auf seinenausgespreizten Knien, er hielt die flachen Hände an sein Gesicht gepreßt. Plötzlich fiel auf den Teppich des Waggons eine Thräne, die er rasch mit dem Fuße verwischte. Er wandte den Kopf, sah zum Fenster hinaus und sprach mit etwas erzwungenem Entzücken: »Sehen Sie doch das schöne Kartoffelfeld. Ich möchte auch ein Kartoffelfeld haben!«

Der Zug fuhr in eine große Station ein. »Lundenburg,« riefen die Condukteurs und öffneten die Thüren der Waggons.

»Jetzt wird Ihre Koffergeschichte in Ordnung gebracht,« sagte der Graf, stieg aus, und Bertram mußte ihn zum Gepäckswagen begleiten, wo er von »autoritativer Seite« die Versicherung erhielt, daß sein Kollo in Hullein ausgeladen werden solle.

Ins Coupé zurückgekehrt, brauchte er einige Zeit, um sich von seiner neuen Gemüthsbewegung zu erholen, und sprach nur noch so viel als nöthig war, um die teilnehmenden Fragen seiner Reisegefährten zu beantworten.

Er hatte nach dem Tode seiner Mutter einen einstigen Schulkameraden, Hugo von Weißenberg,auf dem Lande besucht, und damals schon den Entschluß gefaßt, an Fleiß zu leisten, was ein Mensch nur leisten kann, zu sparen wie ein Geizhals, und wenn er das nöthige Geld zusammengebracht haben würde, ein Gütchen zu kaufen, auf dem er leben wollte nach seinem Sinne als Bauer, als Jäger. Vor mehreren Jahren schon hatte Weißenberg den kleinen Besitz für ihn erworben, aber damals war noch kein Wohnraum da, kein Stück Vieh, kein Ackergeräth, nichts.

»Alles Fehlende mußte erschrieben werden. Der beste, fürsorglichste Freund, der sich mit dem Instruiren meines zukünftigen Tusculum plagt, als gälte es seinem eignen Sohn eine Heimstätte einzurichten, sagt immer noch: ‘Arbeite weiter, ein kleines Betriebskapital mußt du haben, du verhungerst ohne Betriebskapital!’

Jetzt will ich mich ihm vorstellen, und zu ihm sprechen: ‘Sieh mich an, dahin hat die Litteratur mich gebracht. Ist’s nicht besser im Freien verhungern, als überschnappen in einer zugigen, lichtlosen Kammer? Ich brauche Ruhe, Ruhe vor der Litteratur.’«

»Mögen Sie die in Obositz finden,« erwiderte die Gräfin. Sie stand auf und trat ans Fenster, an dem Bertram saß. »In fünf Minuten sind wir angelangt, nehmen wir jetzt schon Abschied.« Auch der Graf trat heran: »Auf baldiges Wiedersehen; sagen Sie Freund Weißenberg, daß wir nächstens kommen, ich bitte, Herr Doktor.«

»O, Herr Graf, ich bin nicht Doktor.«

»Wie titulirt man Sie also?«

»Vogel, ganz einfach.«

»Was mich betrifft,« sagte die Gräfin liebenswürdig, »ich bleibe bei Vogelweid. Meine Erklärung habe ich Ihnen schon gemacht und pflege nichts zurückzunehmen.«

»Gerhart, da sind die Kinder,« wandte sie sich an ihren Mann.

Vor der Bahnhofstation, in Begleitung eines kleinen, alten, unbeschreiblich munter dreinblickenden Kindermädchens, warteten ein braunes, schlankes, etwa sechsjähriges Knäblein und seine noch jüngere, vor Lebhaftigkeit sprühende, blonde Schwester. Sie jubelten: Vater, Mutter, und die Gräfin antwortete ihnen nicht, winkte ihnen nicht zu, hielt dieArme gekreuzt, aber ein Ausdruck von tiefinnerlichem Glück breitete sich über ihr Gesicht, und ihre Augen lachten die Kinder an.


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