Chapter 6

Bertram wollte ihr beim Aussteigen behülflich sein, sie war schon herabgehüpft und hatte dabei ihre Reisetasche in der Hand behalten, und nicht einmal ihren Regenschirm fallen lassen. Ihr Mann folgte ihr, er trug die Reisetasche Bertrams, und der sah nun, in Aufmerksamkeit ganz versunken, der freudigen Begrüßung zwischen den Eltern und den Kindernzu.»Ich möchte auch Kinder haben,« sagte er plötzlich.»Tauben, Erdäpfelfelder und jetzt auch noch Kinder? Ach, lieber Herr Nachbar, zu denen kommt man, ehe man sich’s versieht,« sprach der Graf.Bertram aber schrie auf: »All ihr Götter, ich vergesse ja ganz, wo ist mein Koffer?«»Da steht er, auf der Strecke.«Wahrhaftig! Da stand er wie von unsichtbaren Händen hingetragen. Er stand, während der Zug, in dem er sich eben befunden hatte, davonbrauste. Doch eine großartige Erfindung, die Eisenbahn!V.Eine Viertelstunde später fuhr Bertram auf breitem Wege zwischen Baumgruppen, Wiesen und Gebüschen dem Schlosse Obositz zu. Unter den grünumrankten Säulen des Altans erwartete Weißenberg, umringt von seiner ganzen Familie, den werthen Gast. Der Hintergrund wurde von der Dienerschaft ausgefüllt. Sonntäglich angethan, in schneeiger Weste schwenkte der Freund das Taschentuch und schrie aus Leibeskräften: »Willkommen!« In der ganzen Gruppe entstand eine freudige Bewegung, und in den Zuruf des Hausherrn mischten sich einzelne Vivats.Es schien Bertram unmöglich, daß dieser feierliche Empfang ihm gelte; er wendete sich, um zu sehen, ob nicht hinter ihm der Statthalter einherfahre, oder der Bischof. Aber er erblickte nur ein Staubwölkchen, das die Räder des Wagens aufgewirbelt hatten. Ach, und rings dufteten die Wiesen, und im Zweige eines breitblätterigen Lindenbaumes wurde eine Vogelsoirée mit Gesang und Wettflügen abgehalten.Die Pferde waren in vollem Lauf, und ihr Lenker trieb sie noch an. Vom Wunsche beseelt, sich auszuzeichnen, wollte er vor dem Altan plötzlich pariren. Das Kunststück mißlang, die Equipage schoß wie der Blitz an den Herrschaften vorbei und dem Stalle zu.»Holla, halt!« rief der Baron, riefen die männlichen Diener und rannten nach, und sämmtliche Schloßhunde setzten sich mit wüthendem Gebell an die Spitze des Zuges. Nach wenigen Augenblicken riß der Kutscher sein Gespann zusammen, aber Bertram hatte Zeit genug gehabt, um voll Erbitterung vor sich hin zu knirschen: »Bravo! wir liegen schon. Wenn das nicht scheitern heißt im Hafen!«Der Wagen hielt, und in der nächsten Minute reichte Weißenberg dem Freunde die Hand. Sie hatte Schwielen. »Bist einmal da, endlich!«»Endlich!« wiederholte Bertram, stieg aus und trat dem Schoßhündchen der Frau Baronin, das ihn umwedelte, auf die Pfote. Es entfloh heulend und er rief: »Himmel, wieviel Unglück habe ich heute mit Hausthieren!«Die stattliche und gütige Wirthin war herbeigeeilt: »Es thut nichts, gar nichts, trösten Sie sich,« sprach sie huldvoll, »Paffi ist selbst schuld, warum drängt sie sich so heran? Freilich hat sie eine Entschuldigung; die Getreue machte sich zum Dolmetsch unserer Gefühle.«Das Gesicht Weißenbergs leuchtete vor freudigem Stolze, während seine Gemahlin diese vortreffliche Ansprache hielt, und er massirte – bei ihm ein Zeichen hoher Erregung – sein rundes, ausrasirtes Kinn kräftig mit dem ringförmig zusammengebogenen Daumen und Zeigefinger seiner Rechten.Bertram verbeugte sich, küßte der Baronin die Hand und erhaschte einen Blick aus ihren noch immer schönen Augen – er traute den eignen nicht – wahrlich einen zärtlichen Blick. Man trat unter das Portal; alte Bekanntschaften wurden aufgefrischt, neue gemacht.Sieglinde, die Tochter des Hauses, vor vier Jahren ein schmales Backfischchen, prangte jetzt in vorzeitig strotzender Fülle. Sie litt zum Erbarmen unter den Ausbrüchen der Verwunderung, die siedurch ihre bavarienhafte Erscheinung bei aller Welt hervorrief, und kämpfte bis zum Weinen mit beständigem, unmotivirbarem Erröthen.Den Gegensatz zur Schwester bildete Hagen. Das »Jungelchen,« wie seine Mutter ihn nannte, war zwar hoch aufgeschossen, aber mager und fahl; es hatte ziemlich dünne, blonde Haare und blasse Augen von unbestimmter Farbe, ein aufgestülptes Näschen und einen großen Mund mit dünnen Lippen. Er wurde vorgestellt als Lateiner und Grieche:»Ja, ja, bereits Schüler, beinahe Vorzugsschüler der sechsten Klasse. Und hier,« die Baronin machte eine so zierliche Handbewegung wie eine Ballettänzerin, die ein Bouquet überreicht, und deutete auf einen jungen Mann von breiter Statur, mit röthlichen Haaren und röthlichem Schnurr- und Backenbarte: »Herr Doktor Meisenmann, der freundliche Gesellschafter und Professor unseres Sohnes.«Man begrüßte einander, und Bertram hütete sich wohl zu fragen, wozu der Gymnasiast, der beinahe Vorzugsschüler war, einen eignen freundlichen Professor brauche.Der Zimmerwärter kam herbei: »Bitte um den Kofferschlüssel, daß ich auspacken kann,« sprach er mit der Ungenirtheit und Wichtigthuerei verwöhnter alter Diener und nahm das Verlangte in Empfang, indem er dem Gaste vertraulich zunickte.Weißenberg belohnte ihn mit einem: »Sehr gut, Vater Simon,« hieß ihn vorausgehen und nahm den Arm Bertrams. »Wir folgen, komm, ich führe dich. Nicht depreciren! Nein, sag’ ich dir, du findest den Weg nicht, wohnst nicht in deinem alten Quartier, wohnst im ersten Stock, wir wissen, was wir dir schuldig sind, Mann des Tages. Appartement mit Badezimmer und Badewannen,nen!« wiederholte er, die letzte Silbe nachdrücklich betonend.Die Baronin ließ ein bedeutsames Räuspern vernehmen, und Sieglinde erröthete.Der Hausherr fuhr unentwegt fort: »Vorwärts also! Und ihr,« wandte er sich an die Dienerschaft, »habt ihn gesehen, gebt euch zufrieden und tretet ab ... Das gilt nicht dir,« rief er einem jungen Mädchen zu, das hinter der Baronin und ihrer Tochter gestanden hatte wie hinter zwei Ofenschirmenund sich jetzt den abgehenden Leuten anschließen wollte. Sie blieb stehen, sehr verwirrt, mit gesenkten Augen, die sie auch nicht erhob, als Weißenberg sprach: »Gertrud, Herr Vogel, genannt – na, du weißt schon. Bertram, das ist Fräulein von Weißenberg, das heißt unsere Nichte Gertrud.«Er zog den Freund mit fort, sie schritten durch die Halle, über die Treppe. »Beeile dich mit der Wascherei,« empfahl der Baron. »Wir essen gewöhnlich um zwei Uhr, haben aber heute dir zu Ehren die Speisestunde verschoben. In zwanzig Minuten wird die Tischglocke dich rufen, die Köchin ist schon fertig.«»Was sie für Wimpern hat!« sagte Bertram plötzlich, wie aus Träumen erwachend.»Wer?«»Deine Nichte. Und warum ist sie in Trauer?«»Weil ihre Mutter vor einem halben Jahre gestorben ist.«»Eine liebliche Erscheinung, so fein und zart.«»Zart? Ist dir nur so vorgekommen neben unserem Sieglinderl.«»Und warum so verlegen, ja sogar bestürzt?«»Unser Sieglinderl ist immer bestürzt.«»Nein, die andere mein’ ich.«»So, war die auch bestürzt? Ist sonst nicht ihre Sache. Aber du wirst ihr imponirt haben. Kein Wunder, die erste lebendige Berühmtheit, die ihr vor Augen kommt.«»Eine Berühmtheit wie ich! Da müßte sie bis heute in der Wildniß gelebt haben.«»In Wien hat sie gelebt. Freilich seit Jahren wie angeschnallt ans Bett der kranken Mutter.«Sie waren sehr langsam, denn Bertram blieb alle Augenblicke stehen, die sehr hübsche, freitragende Treppe hinaufgegangen. Weißenberg machte seinen Gast auf die Wände und die hochgewölbte Decke des Treppenhauses aufmerksam: »Sauber, nicht wahr? Ich habe einen Italiener da gehabt, der die Stuckaturen aus dem Mörtel herausgearbeitet hat, unter dem sie durch oftmaliges Übertünchen schon halb verschwunden waren.«Bertram bewunderte. »Reizend,« rief er begeistert, »das ist Reichthum ohne Üppigkeit, edle Keuschheit, anmuthige Fülle, Sehnsucht und Fähigkeitsich aus steifen, veralteten Formen zu befreien, ohne Ausartung ins Maßlose. Ich sage dir,« brach er plötzlich aus, »deine Nichte ist eine Dame im österreichischen Barockstil!«Der Baron legte die Hand auf Bertrams Schulter und sprach warnend: »Du, daß du dich nicht verliebst! Es wäre die größte Dummheit, du brauchst Geld, der Ökonom braucht immer Geld, und unsere Nichte – die reine Kirchenmaus. Da sind wir,« unterbrach er sich, und sie blieben abermals stehen vor einer Flügelthür am Ende des bildergeschmückten, teppichbelegten Ganges, den sie durchschritten hatten. »Ich geh’, sonst verplaudern wir uns, und wie gesagt, die Köchin wartet, um anzurichten, nur aufs Glockenzeichen. Nochmals willkommen, und laß dir’s bei uns wohl sein!«Er enteilte geschäftig, und Bertram sah ihm nach. War auch nicht mehr der selbe, der liebe, alte Mensch! Er schien kleiner, sein Hals kürzer geworden, seine Haltung hatte etwas von der früheren Strammheit verloren. So kann man denn auch vorzeitig altern auf dem Lande, in dieser ozonreichenLuft, in herrlichem Frieden, in nervenstärkender Thätigkeit?Simon hatte die Thür geöffnet, ermahnte den Gast einzutreten und weidete sich still und stolz an seinem Staunen über die schönen Räume, die ihn umfingen. Ein Salon in dunkelgrünem Sammet, ein luftiges, behaglich eingerichtetes Schlafzimmer mit Himmelbett und nebenan eine köstliche Badestube.»Bitte, jetzt kommt das Scheenste,« sagte Simon und schwebte auf den Zehen über die ganze Breite des Schlafzimmers. Dem Himmelbett gegenüber befand sich der Eingang zu einem vierten von einer schweren Portière verhüllten Gelaß. Der Diener zog sie zurück, und Bertram blickte in ein großes Arbeitszimmer, in dem ein kolossaler Schreibtisch stand, und das voll war von Bücherschränken, und jeder hatte ein anderes böses Gesicht, das ihn angrinste und triumphirend höhnte: Guck du, wir sind wieder da!Er prallte zurück: »Vorhang zu! Ich bitte Sie um Gotteswillen, Simon, befreien Sie mich von diesem Anblick.«Simon rührte sich nicht. »Der Herr Doktor werden’s da so scheen ruhig haben zur Arbeit, sagt die Frau Baronin. Wir haben die Bicher vom Boden heruntergeschleppt. Der Schreibtisch, der is aus der Kanzlei.«Bertram wußte wohl, daß man den Alten nicht beleidigen durfte, weil er sonst in akute Stummheit verfiel und sich aufs Schmollen verstand, trotz einer Dame des vorigen und einer Kammerjungfer dieses Jahrhunderts.»Lassen Sie mit sich reden, Simon,« sprach er, seine Ungeduld mühsam bemeisternd. »Ich bitte Sie, nennen Sie mich nicht Herr Doktor, ich bin kein Doktor, ich bin Herr Vogel, ein armer ‘Herr’, der von früh bis Abends und manchmal von Abends bis früh dasitzen und reines, weißes Papier in schwarz beschmiertes verwandeln muß.«»Muß?« fragte Simon ungläubig.»Jawohl, um Geld zu verdienen mit meiner Arbeit. Hier aber will ich nicht arbeiten; ich bin gekommen, mich ausruhen vom Lesen und Schreiben und will, solang ich hier bin, kein Buch aufschlagen und keine Feder berühren.«Damit begab er sich in das Waschzimmer, und Simon folgte ihm, um als Lein- und Handtuchständer zu fungiren. »O Jekerle,« seufzte er betrübt auf, »und wir haben sich schon alle so gefreit.«»Worauf?« fragte Bertram ahnungsvoll und tauchte aus dem Riesenlavoir empor, in dem er seinen Kopf gebadet hatte.Aber Simon war ganz Sphinx. »Werden schon hören, bitte,« erwiderte er.VI.Die Familie war vollzählig im kleinen Salon versammelt, als Bertram, sauber gewaschen und elegant angethan, eintrat. Im selben Augenblick wurden beide Flügel der Thür, die in den Speisesaal führte, geöffnet, der Gast bot der Hausfrau seinen Arm und erhielt am zierlich gedeckten Tisch den Platz zu ihrer Rechten und zur Linken des Hausherrn. Neben diesem saß der »Professor« und zwischen ihm und Hagen die ernste »Kirchenmaus«. Dann kam Sieglinde, die ihren Sessel so nahe als möglich an den der Mutter gerückt hatte.»Schau dir das Obst an,« sagte Hugo, »die selben Sorten haben wir in deinem Garten gepflanzt.«Bertram sah den Freund glückverklärt an. »Wann werd’ ich ihn sehen, meinen Garten? Und solches Obst hab’ auch ich?«Entzückt betrachtete er die goldigen Aprikosen, Himbeeren, die dem Rothkäppchen als Kopfbedeckung hätten dienen können, purpurne Kirschen, durchsichtige Weichseln, Erdbeeren von märchenhafter Größe und Gestalt.»Nehmen Sie die Melone nach der Suppe oder zum Dessert?« fragte die Hausfrau und zeigte ihrem lieben Gaste freundlich die blanken Zähne. Sie war wirklich noch eine schöne Frau, trotz ihrer fünfunddreißig Jahre und ihrer überreich entfalteten Spätsommerblüthe.»Verehrte Frau,« erwiderte Bertram, »ich esse Melone, wann Sie erlauben und befehlen.«»Nach der Suppe ist sie gesünder,« bemerkte Weißenberg.»Beirre ihn doch nicht. Bitte, entscheiden Sie.«»Es ist mir wirklich gleich.«Der Gymnasiast, der während dieses Austausches von Höflichkeiten höhnisch gelacht hatte, brach jetzt aus: »Macht keine solchen Geschichten. Ihm ist’s gleich, hat er schon gesagt, wenn er nur überhaupt Melone kriegt.«Bertram sah einen Purpurschein sich verbreiten, er ging vom Gesicht Sieglindens aus, er vernahm ein Gekicher, es hatte sich der Brust Meisenmanns entrungen. Weißenberg zeichnete mit dem Messer die Umrisse einer Scheune auf das Tischtuch, die Hausmutter that unbefangen und winkte plötzlich entschlossen den immer noch auf eine Entscheidung wartenden Bedienten, die Melone zu serviren.»Ich lese jetzt ‘Die Kronenwächter’ von Achim von Arnim«, wandte sie sich von Neuem an Bertram.»Sie lesen, so? die Kronenwächter?« versetzte er und dachte: Sind wahrscheinlich auch vom Boden heruntergeschleppt worden.»Ein merkwürdiges Buch, aber doch mehr merkwürdig als spannend.«»Wie meinst du das?« rief Hagen seine Mutter herausfordernd an. Weißenberg aber sagte rasch:»Sie ist gut, die, was? eine gestrickte. Hast die selbe Sorte in deinen Mistbeeten.«Sieglinde erröthete, und Mutter Bertha berichtigte in rücksichtsvoll gedämpftem Tone: »Frühbeeten.«Der Hausherr begann nun freudig und ausführlich zu erzählen, wie er den Kauf des Bauerngutes – einer ehemaligen Erbrichterei – für Bertram geschlossen, wie er alles in leidlicher Ordnung übernommen habe und in musterhafter zu übergeben gedenke. Dann aber kam er auf sein altes Lied vom Betriebskapital zurück, und Bertram erklärte:»Ich will kein Kapital, ich brauche keins; was würden die Sozialisten sagen, wenn ich ein Kapital aufhäufte.«»In die Gefahr wirst du schwerlich kommen. Nicht ums Aufhäufen handelt sich’s, sondern ums Zustopfen, wenn irgendwo eine gefährliche Lücke entsteht; die Maschine, die zu stocken droht, muß in Gang erhalten werden. Wie schaffst du die Mittel dazu her ohne Reservefond?«»Der Bauer hat keinen und lebt doch auch.«»Bilde dir das nicht ein, der Bauer geht zu Grunde.«»Durch eigne Schuld.«»Nicht immer.«Jetzt gerieth der »Professor« in hohe Erregung und sprach überstürzt mit bebender Stimme und so leise, daß man ihn kaum verstand. Es zischte und pustete aus ihm heraus wie aus einem überheizten Theekessel. Er verwünschte die Juden und die Deutschen, die Feinde und Verderber des mährischen Bauern. Der Judenwirth verleitet den Bauern zum Trinken, giebt ihm Branntwein, so viel er will, bis er Hab und Gut versetzt hat. Dann kommt der Deutsche und kauft den Bauern aus.Den Schluß seiner Rede hatte Meisenmann geradezu an den Baron gerichtet und schien, einmal im Zuge, in immer heftigere Anklagen ausbrechen zu wollen. Aber Hagen fuhr drein:»Sitzt schon! sitzt schon wieder auf seinem Steckenpferd. Du mußt wissen, Vogel, er ist Jungczeche und Antisemit.«»In der Theorie, nicht in der Praxis. Siekönnen überzeugt sein, Hagen, und Fräulein von Weißenberg kann überzeugt sein« ...»Wir sind alle überzeugt,« rief der immer versöhnliche Baron dazwischen. »Sie deklamiren gegen die Juden und die Deutschen, aber Sie thun keinem etwas zu Leide.«»Ein theoretischer Jungczeche also?« sagte Bertram. »Auch das setzt mich in Erstaunen. Wenn man einen uralten deutschen Namen führt –«Die Baronin hatte ein aristokratisches Bedenken: »Uralt?«»Gewiß. Ich ahne zwar nicht, aus welcher Schöpfungsperiode die Meisen und die Männer stammen, aber sicherlich aus einer älteren, als die ältesten Adelsgeschlechter.«»Du sprichstpro domo, Vogel, weil dann auch du einen uralten Namen hast.« Hagen lachte, und es war betrübend, ihn lachen zu hören und zu sehen. Er lachte wie er sprach, stoßweise, bellend, und schien dabei eine unangenehme Empfindung zu haben, seine Züge erheiterten sich nicht, sie verzerrten sich.Sollte der nervöse Bertram unter Menschengerathen sein, noch nervöser als er? An dem jungen Sohn des Hauses mit dem alten Gesichte war alles krankhaft, auch die Hast, mit der er aß, und der prahlerische Übermuth, mit dem er ein Glas Wein nach dem anderen hinunterstürzte.Sein Vater richtete eine schüchterne Ermahnung an ihn, sie blieb wirkungslos und wurde nicht wiederholt; augenscheinlich fürchtete Weißenberg des Sohnes offenen Widerstand heraufzubeschwören.Auch Sieglindchen verrieth eineBoa constrictor-Natur beim Verschlingen der thurmhohen Portionen, die sie sich vorlegte. Das Mittagessen war allerdings ausgezeichnet, und Bertram bedauerte, ihm nicht so viel Ehre erweisen zu können, als seine gastfreien Wirthe gewünscht hätten.Was war’s, das ihm den Appetit raubte? Der Anblick der beiden jungen Fresser am Tische, die beängstigende Liebenswürdigkeit der Hausfrau, oder vielleicht die Nähe des Fräuleins von Weißenberg? Sie wirkte mächtig auf ihn, beschäftigte seine Gedanken, zwang ihn zu fortwährender Selbstüberwindung, um nicht der Versuchung zu unterliegen, sie gar zu oft anzusehen.Eine eigentliche Schönheit konnte man sie nicht nennen, aber es war so vieles an ihr schön! Die Form des Kopfes, ihre Art ihn zu tragen, der wundervolle Ansatz des schlanken Halses, die reichen dunkelbraunen Haare, die Nase, der Mund, der hartnäckig schwieg und der, das glaubte Bertram zu errathen, doch so gern gelacht und gescherzt hätte. Und die streng blickenden Augen, dunkel wie die Flügel des Trauermantels, wie mußten die leuchten können, wenn ein Glücksgefühl sich in ihnen widerspiegelte!»Es ist schrecklich, Sie essen nicht,« sagte die Baronin, und ihr Gast entschuldigte sich:»O, bitte, warten Sie nur, in Kurzem wird sich Heißhunger bei mir einstellen, wenn ich nur erst zu taglöhnern anfange.«»Wie meinen Sie das, zu taglöhnern?«»Ich meine, daß ich arbeiten will wie ein Taglöhner.«Alle lachten, sogar die Bedienten lachten verstohlen.»Wie ein Taglöhner? mit Ihrer Bildung!« sprach die Hausfrau, und Bertram steigerte sich:»Wie zehn Taglöhner,aus Bildung.«»Mit diesen Händen?« Bertha sah bewundernd und Bertram sah verächtlich und grollend auf seine schmalen, wohlgepflegten Hände nieder.»Die werden bald anders aussehen, die werden bald Schwielen haben, wie die deinen, Hugo. Wer keine Schwielen hat, kommt nicht in den Himmel, sagt Tolstoi.«»Ach, Tolstoi,« flötete die Baronin, »der große Tolstoi, glauben Sie an ihn?«Bertram war betroffen. Jetzt wußte sie auch von dem? Sollte sie ihre litterarische Unschuld verloren haben? Er scheute sich, Gewißheit zu erlangen über den heiklen Punkt und fuhr eifrig fort: »Ich will alles lernen, mähen, Garben binden, aufladen, pflügen, säen. Wonne und Erholung wird für mich sein, was Ihr schwere Arbeit nennt, weil Ihr die wirklich schwere nicht kennt.«»Ein Vers,« rief Sieglindchen und verlor einen Augenblick alle Schüchternheit, »Das war ein Vers, Mama!«»Ja wohl, mein Engel. O, sie hat ein Ohr!«Sie hat sogar zwei Ohren und hübsch große,dachte Bertram und betrachtete sie mißtrauisch. Der Teufel soll mich holen, wenn die nicht dichtet.»Wann bereisen wir meine Besitzungen, lieber Hugo?« fragte er.»Morgen mit dem frühesten, natürlich.«»Warum nicht gar schon nachts, wenn die Hähne krähen?« »Was halten Sie von Möricke?« interpellirte Frau von Weißenberg.»Ich habe den größten Respekt vor ihm.«Da fiel Hagen ein: »Respekt! Du wirst just Respekt haben vor so einem verschimmelten Pater. Überlasse die Heuchelei den Frauen, denen sie unabgeleistete Natur ist.«»Unabgeleistete Natur?« wiederholte Bertram. »Oho! Du studirst Nietzsche?«»Ich bet’ ihn an. Ich habe einen Gott gesucht und ihn in Nietzsche gefunden.«»Hast Du? Wenn ich nur wüßte, der wievielte Du bist, von dem ich das höre.«»Und wenn ich der zweite oder tausendste bin – seine Jünger sind wir alle. Das ist euch unheimlich, ihr Alten; das treibt euch alle Haare, die ihr noch habt, zu Berge.«»Aber Hagen! aber Hagen!« hatte Weißenberg einmal ums andere, beängstigt und flehend gesagt und sich dabei nicht an den Sohn, sondern an den Instruktor gewendet. Der zuckte die Achseln:»Es ist heute nichts mit ihm anzufangen, man muß ihn gehen lassen. Er produzirt sich, nicht bloß wie gewöhnlich vor dem Fräulein von Weißenberg, sondern auch vor Herrn Vogel.«»Daneben geschossen, mein Lieber!« erwiderte sein Zögling. »Sich produziren! vor dir, Cousine! Als ob man das dürfte in seiner Gegenwart! Der girrende Ziska – eine neue Ziskaspecies, die girrende – brennt vor Eifersucht wie eine Pechfackel. Nicht wahr, Cousine?«Gertrud hatte während dieses Intermezzos nicht mit einer Wimper gezuckt, nicht das geringste Zeichen von Ungeduld über das Jüngelchen gegeben, die mordbrennerischen Blicke, die Meisenmann ihr verstohlen zuwarf, ruhig ausgehalten. Und bei dem ehrfurchtsvoll auf sie gerichteten Blicke Bertrams wechselte sie wieder die Farbe und gerieth in Bestürzung. Wie sollte er sich das erklären?Was machte sie so verlegen vor ihm, sie, die den andern gegenüber wie eingefroren blieb in majestätische Gelassenheit?VII.Das Mittagsessen war vorbei, die Tafel wurde aufgehoben. Herr Meisenmann machte eine rasche, aggressive Verbeugung, die ganz unverkennbar den Wunsch ausdrückte: Hol euch alle der Teufel! und schoß davon. Mit anmuthigem Neigen des Hauptes verließ auch Gertrud den Speisesaal. Geschah das freiwillig oder auf Befehl? Nahm sie im Hause nicht die Stellung eines Familienmitgliedes, sondern die einer Erzieherin ein, und durfte sie den geheiligten Raum des Rauchzimmers, in das man sich jetzt begab, nicht betreten?Bertram führte die Baronin zu ihrem Platze. Das war ein rechtwinkliges kleines Kanapée mit dünnen Beinen und so steifen Lehnen aus politirten Stäbchen, daß es im Bereiche der Sitzmöbel schwerlich etwas Steiferes gab. Es stand vor einem Tische, auf dem der schwarze Kaffee und verschiedeneLiqueurs servirt waren. Hugo bot dem Freunde Cigarren an, die er aus einer verschlossenen Lade geholt hatte.»Vor dem da,« sagte er auf seinen Sohn deutend, »muß ich sie einsperren, er raucht mich sonst arm. Es sind meine Feiertagscigarren. Nimm, so nimm doch,« nöthigte er.Bertram dankte: »Ich rauche nicht.«»Rauchst nicht?«»Nicht mehr.«»Trinkst nicht, rauchst nicht,« sprach Weißenberg betrübt, »was thust du denn?«»Ich spare, wie du weißt.«Hagen, der schon eine schwere Cigarre angebrannt hatte, tippte mit dem Finger auf die kahle Stelle auf Bertrams Scheitel: »Trinkst nicht, rauchst nicht, eine Tonsur hast dir auch schon angeschafft, fehlt nur noch die Kutte.«Sein Vater schob ihn etwas unsanft weg und entschuldigte sich bei seinem Gaste: »Wir gehen jetzt die Hunde füttern, sind gleich wieder da. Kommst du, Sieglinderl?«Das Töchterchen hatte die Arme um die Tailleihrer Mutter geschlungen und fragte im Tone eines fünfjährigen Kindes: »Mama, darf ich Schifferl fahren?«»Nicht unmittelbar nach dem Essen, mein Herzchen. Begleite jetzt den guten Papa und sieh zu, wie die Hündchen speisen. Dann kannst du Gertrud holen. Ich lasse ihr sagen, daß sie mit dir zum Fischerhause gehen und achtgeben soll, daß du nicht ins Wasser fällst. Du wirst ihr meinen Auftrag bestellen, ich weiß, mein Herzchen ist gewissenhaft.«Mutter und Tochter umarmten einander, nahmen Abschied, als ob ihnen eine jahrelange Trennung bevorstände, und das Herzchen trampelte dem Vater nach.Hagen hatte sein Mißfallen über die sentimentale Scene zwischen Mutter und Tochter in gewohnter Art durch ein mürrisches Gemurmel kund gegeben: »Kriegt man heute Kaffee oder nicht?« stieß er jetzt verdrießlich hervor.Seine Mutter beeilte sich, ihm eine Tasse starken, aromatischen Mokkas einzuschänken, und er titulirte das köstliche Getränk, das reichlich ausder Kanne floß, mit dem beleidigenden Namen »Zwetschkenwasser.« Dann zog er sich mit seinen Vorräthen an Kaffee, Liqueur und Cigarren in die Ecke des Zimmers zurück, nahm dort Platz in einem großen Fauteuil und vertiefte sich in einen Band der Fliegenden Blätter. Sein Gemurmel hörte auch jetzt noch nicht auf: »Fliegende, sauberes Fliegen, sollten die kriechenden heißen. So dumm, zu dumm!« Plötzlich schwieg er, die Cigarre war ausgegangen, das Buch glitt von seinen Knieen zur Erde. Er schlief.Seine Mutter hatte ihn voll Besorgniß beobachtet. Dieses »foudroyante Einschlafen,« wie sie sich ausdrückte, machte ihr unbeschreiblich bange. Es kam öfters über ihn, am Tage heißt das; bei Nacht hingegen, »floh der Schlaf seine Augen.« »O, es ist schwer!« Die Baronin seufzte, und das Kanapée, auf das sie sich setzte, seufzte auch.Draußen erscholl lautes Hundegebell; die Thiere wurden nach der Abfütterung in den Garten hinaus gelassen. Bewegt und leise sprach die Baronin: »Mein guter Mann kommt zurück, und ich hätte Ihnen so gern ... ich muß Sie sprechen.«Ihre mächtige Persönlichkeit bekam etwas gretchenhaft Hinschmelzendes: »Ich muß Sie sprechen, lieber Vogelweid, im Vertrauen sprechen.«»Nun, gnädige Frau, ich bitte, thun Sie es doch.«»Jetzt? nicht jetzt, später.«»Warum erst später?«Sie schwieg, aber ihre flehenden Augen fragten: Verstehst du mich denn gar nicht? »Kein Wort davon, vor meinem guten Manne,« begann sie nach einer peinlichen Pause wieder, »ich beschwöre Sie!«Weißenberg trat ein, und Bertha bemühte sich ihn anzulächeln; der Versuch mißlang kläglich, und die der Verstellung ungewohnte Frau war auf dem Punkte, in Thränen auszubrechen. Ein Schatten überflog das runde, freundliche Gesicht Hugos. Er trat voll Theilnahme heran und keilte sich höchst liebreich, aber mit schwerer Mühe zwischen seine Gemahlin und die Seitenlehne des Kanapées ein.Placirt wären sie, dachte Bertram, wie sie aber wieder aufstehen sollen, das weiß Gott.»Mein Bertherl hat schon mit dir gesprochen, seh’ ich von unserem Kummer;« Hugo wies mit einer Kopfbewegung nach seinem laut schnarchenden Sohne hin. »Ach, der giebt uns was aufzulösen, der!«»Ja,« betätigte die Baronin, »und wir haben auf Sie gewartet und gehofft, Sie werden uns rathen und helfen, ja, auch darin.«»Du hast neulich,« sprach Weißenberg, »ein Buch über Erziehung total in den Grund gebohrt und seinem Autor, einem großen Professor, famos heimgeleuchtet. Meine Bertha und ich, wir haben gleich gesagt: Wer so versteht, daß der andere nichts versteht, der versteht selbst sehr viel.« Er ließ sich durch das betroffene: »O, Nemesis!« das Bertram ausstieß, nicht beirren: »Ja, du verstehst’s, hast recht, unsere Schulen taugen nichts. Wie ausgetauscht ist mein Bub, seitdem er in die Schule geht. Du mußt dich noch erinnern, was für ein lieber Kerl er vor vier Jahren war.«»Gewiß. Etwas verzogen zwar schon damals, aber ein liebes Kind und voll Talent.«»Talent! was das betrifft« – die Eltern überboteneinander an Versicherungen, wie talentvoll, phänomenal talentvoll ihr Sohn sei, das wüßten sie wohl. »Aber,« meinte Weißenberg, »ein so starker Geist in einem noch unentwickelten Körper, das stimmt nicht. Die Mißstimmung ruft Nervosität hervor, und diese eine Menge kurioser Erscheinungen. Zum Beispiel heute sein Benehmen bei Tische. Deine Anwesenheit hat ihn aufgeregt, er wollte sich, wie Meisenmann ganz richtig sagte, vor dir produziren; du dürftest ihn für lümmelhaft gehalten haben, er war aber nur nervös.«Die Baronin kam auf den Geist ihres Hagens zurück, den starken Geist, der Glück und Unglück in sich schließt, und verglich ihren Sohn mit einer Kerze, die einen Scheffel durchbrennt und dabei flackert und züngelt.Bertram sagte, daß er den Scheffel nicht sehe, dem Gatten jedoch gefiel das Bild, und er preßte seinen linken Arm, der auf der Lehne des Kanapées ausgestreckt lag, sehr innig an den Rücken seiner Gemahlin. Ihr war furchtbar heiß, und ihr ästhetisches Gefühl litt unter dem Bewußtsein des unschönen Eindrucks, den die Einpferchung zweierdicker Personen in ein Sitzmöbel, das höchstens für zwei Elfengestalten berechnet war, hervorbringen mußte. So ließ sie denn die schüchterne Frage fallen, ob man nicht in den Garten gehen solle.Weißenberg war dagegen: »Wir müssen ihm, bei dem wir Rath und Hülfe suchen, alles sagen, wir dürfen kein Geheimniß vor ihm haben, und so sollst du wissen, Freund, daß wir’s vor zwei Jahren in den Ferien mit Strenge versucht haben bei dem Burschen. Das war schrecklich, da hat sich die Nervosität bis zu Wuthanfällen gesteigert. Einmal lasse ich mich hinreißen und hau’ ihn, und er, auf mich losgegangen – ja! mit Augen wie rauchende Zündhölzeln, und dann plötzlich niedergestürzt, geschäumt und gezappelt. Wir, nach allen Richtungen um Ärzte ausgeschickt. Drei kommen. Zuerst zwei junge; die sehen ihn an und verordnen ein Gramm Bromnatrium drei Tage nacheinander vor dem Schlafengehen. Zuletzt kommt der Alte, der Kreisphysikus, schaut den Buben auch an und erklärt sich einverstanden mit der Verordnung der Kollegen. Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus, denken wir, und wie die zwei jungenfort sind, sagen wir: ‘Wirklich, Herr Kreisphysikus, hätten Sie dem Patienten auch nichts anderes gegeben als Brom?’ Er – so scheint es uns wenigstens – verbeißt ein Lachen: ‘Vielleicht doch,’ sagt er, ‘wenn ich statt in ein Schloß in eine Hütte gerufen worden wäre. Aber hier würde das Medikament, das ich ordiniren müßte, kaum verabreicht werden.’ Mehr war aus ihm nicht herauszubringen. Verstehst du den Orakelspruch?«»Ich glaube fast.«»Nun denn, leg’ ihn aus und handle danach.«»Ich?« fragte Bertram erschrocken, »das kommt mir nicht zu.«»Wir geben dir unumschränkte Vollmacht. Nimm dich unseres Buben an, er ist unser Glück, der Stolz des Hauses.«»Seien Sie für ihn ein Arzt der Seele! Sie haben doch auch eine große Vorliebe für dieses schöne Buch?« sagte die Baronin gepreßt, nicht nur im bildlichen Sinne, denn ihr Gemahl rückte jetzt mit äußerster Anstrengung auf seinem Sitze vor und legte die mühsam frei gemachte Rechte auf Bertrams Kniee:»Hilf uns, du kannst, du verstehst alles, man sieht’s aus deinen Kritiken. Welche Vielseitigkeit! sagen wir immer, meine Frau und ich.«»Im Tadeln,« erwiderte Bertram. »Die Kunst, alles zu tadeln, erlernt man in meinem Metier. Aber, die Kunst, es besser zu machen, natürlich nicht. So habe ich denn auch von Kinderzucht keinen Dunst, ausgemacht ist mir nur, daß die deine, lieber Alter, und die Ihre, gnädige Frau, nichts taugt.«»Dieser Meinung sind wir selbst,« sprach Weißenberg kleinmüthig, »unsere Kinderzucht hat Mängel. Gieb sie an, sag’ etwas Positives.«»Etwas Positives ... Nun, wenn ich aufrichtig sein darf – diesen Mängeln abzuhelfen, scheint mir Hagens Lehrer nicht der rechte Mann.«»Dich genirt der Czech und der Antisemit. Ja, Verehrtester, finde du mir heutzutage einen Lehrer, der nicht etwas ist, was er besser nicht wäre. Wir haben traurige Erfahrungen gemacht. Meisenmann hat Unarten, aber doch auch Qualitäten. Unterrichtet vorzüglich, ist famos in seinem Fache – Geschichte. Im Herbst wird er Professoram Gymnasium, und mit der Zeit ganz gewiß Direktor.«»So? so!... Das ist das Holz aus dem ...« Ein neuer empörender Gedanke durchkreuzte Bertrams Hirn, eh’ noch der frühere ganz ausgesprochen war, und machte sich Luft in den Worten: »Und in deine Nichte ist er verliebt, der Mensch!«Die Baronin lächelte sanft, Weißenberg massirte sein Kinn und war heiter. »Ja, der ‘Professor’ ist tüchtig verbrannt. Ob hoffnungslos? Jetzt hat’s freilich den Anschein. Doch wer weiß, was noch geschieht, wenn er sich nicht zu früh abschrecken läßt.«»Und du würdest, und Sie, gnädige Baronin, würden zugeben, daß sie ihn nimmt?«»Warum nicht? vorausgesetzt, daß er sie anständig versorgen kann,« sagte Hugo, und seine Gattin seufzte:»Große Ansprüche darf sie nicht machen, die Arme.«Schrecklich! Entsetzlich! Dieser Schwärmer sollte doch nur versuchen, sich um Euer Trampelgrundchen zu bewerben; er käme schön an. Ogute Menschen, wo bleibt Eure Güte, wenn’s abwägen gilt zwischen einer armen Verwandten und Eurer Brut! dachte Bertram und rief: »Ich fasse dich, ich fasse Sie nicht, Frau Baronin. Dieses Mädchen würden Sie wegwerfen an einen bornirten, giftgeschwollenen Taboriten!«»Gieb acht!« warnte Weißenberg mit einem besorgten Blick auf seinen Sohn. Es war zu spät. Hagen regte sich.»Unsinn. Ich habe nicht geschlafen, ich habe nur die Augen zugemacht, ich habe jedes Wort gehört, das ihr geredet habt.«»Was hast du gehört? sag’ es, wenn du nicht als Großsprecher dastehen willst,« sprach Bertram mit unterdrücktem Zorne.»Du hast meinen Korrepetitor beschimpft, hast ihn einen giftgeschwollenen Taboriten genannt.« Der Stolz des Hauses erhob sich: »Das sag’ ich ihm!«»Thu’s, ich gönn’ dir die Freude.«»O, lieber Vogelweid, wohin denken Sie? Es fällt ihm nicht ein. Er liebt es nur, sich selbst zu verleumden. Auch eine seiner Eigenheiten,«versicherte die Baronin. »Aber,« fragte sie in plötzlich verändertem Tone: »Wollen wir nicht jetzt in den Garten gehen?«Ihr Gatte erklärte sich einverstanden, beide erhoben sich rasch und zu gleicher Zeit, und das kleine Kanapée folgte demselben Impulse. Der kurzen Verlegenheitspause, die dadurch entstand, machte Bertram ein Ende, indem er hinzusprang, die Hände auf die Lehne des wanderlustig gewordenen Sitzmöbels drückte und es zwang, seinen gewohnten Platz wieder einzunehmen.VIII.Die Pflege seines Gartens, das war die Erholung Weißenbergs, seine Liebhaberei. Er betrieb sie mit Kunst, mit Wissenschaft und mit Berücksichtigung der Mode, wenn sie nicht gegen ein Schönheitsgesetz verstieß: »Denn das giebt’s! ich glaube dran,« sagte er. »Ich lasse mich auslachen von meinem Buben und glaube an ewige Schönheitsgesetze.«Er machte Bertram auf jede der Neuerungen aufmerksam, die er in den letzten Jahren vorgenommen hatte. Keine flachen Wiesen mehr, alle künstlich gewellt, wie sie vielleicht von Natur aus gewesen waren, bevor man sie, um den Garten anzulegen, »planirt« hatte. Anmuthige Hebungen und Senkungen, Hügel und Mulden, bewachsen mit dichtem, feinem Grase. Die Baumgruppen, nach den verschiedenen Farben des Laubes mit gutem Bedacht gepflanzt, sahen aus wie malerisch angeordnete Riesenbouquets.»Erinnerst du dich des Perrückenstrauches, der bei den Pyramideneichen gestanden hat? Das war fad. Wir haben Blutbuchen hingestellt, kommen prächtig, machen sich besser – was meinst du?« Weißenberg mußte sich umwenden, wenn er mit Bertram sprechen wollte, und der mußte ihm die Antwort zuschreien, denn Hagen hielt ihn fortwährend zurück und brummte:»Laß die Alten vorausgehen. Ich hab’ Dir etwas zu sagen.«Auch du mein Sohn? Nun, wenn der Bursche mir sein Vertrauen schenkt, ist die Gelegenheit da,auf ihn einzuwirken, wie seine Eltern wünschen, dachte Bertram, und als Hugo sich wieder umsah, machte er ihm ein Zeichen. Der Freund verstand ihn sogleich, winkte freudig zustimmend und rief:»Schau dir den Garten nur recht gemächlich an. Wir treffen uns dann bei der Fischerhütte.«Der Vater und die Mutter schlugen einen Sturmschritt ein, um den Liebling so geschwind als möglich von ihrer unerwünschten Gegenwart zu befreien.»Was die schlau sind, wie fein sie alles machen!« spöttelte Hagen. »Davon merk’ ich nichts, meinen sie, daß du auf mich dressirt worden bist und jetzt losgehen und mir ins Gewissen reden sollst. Für einen solchen Esel halten sie mich. Ich sag’ dir aber gleich: Spar’ deine Mühe. Ich bin kein Moraltrottel, ich bin ein überzeugter Nietzscheaner, stehe jenseits von Gut und Böse, und wer mir ins Gewissen spricht, spricht zu etwas, das nicht existirt.«Bertram lachte: »O Nietzsche! großer Krankheitserreger! Welch ein Bacillengezücht hast du in diesem Jünglingsgemüthe ins Leben gerufen!«Er sah den Burschen von der Seite an, der neben ihm dahinschritt, mit verdrießlich aufgeworfenen Lippen, die Nase in die Höhe gehoben, die Augenbrauen zusammengezogen, die Hände in den Taschen seiner Jacke vergraben. Ein Jüngling ohne Jugend, mürrischer Hochmuth die Krankheit, die an ihm zehrte, und den beständig Verletzten in beständiger Aufregung erhielt.»Auf dem Gewissen kannst Du also nichts haben,« sagte Bertram, »aber du hast etwas auf dem Herzen. Sprich dich aus, ich höre.«»Auf dem Herzen ist auch wieder zu viel,« erwiderte Hagen nachlässig. »Ich will dir einfach anzeigen, daß ich eine Novelle geschrieben habe.«»Novelle? Geschrieben?« Bertrams Ton wurde plötzlich dräuend.»Du wirst das Manuskript auf deinem Zimmer finden. Du kannst es lesen. Du kannst es drucken lassen.«Bertram schnaubte ihn an: »Ich werde von deiner Erlaubniß keinen Gebrauch machen; ich bin nicht hierher gekommen um zu lesen, sondern um vom Lesen auszuruhen. Wie oft werde ich dasnoch wiederholen müssen! – Daß du schreibst,« er maß den Jüngling von oben bis unten, »hätte ich mir denken können. In Eurem Städtlein erscheint ein Blättchen, war einmal ehrsam, ist jetzt ein Schandblättchen, das von frechen Bübchen herausgegeben wird. Da mußt du ja Mitarbeiter sein.«Beide waren stehen geblieben. Auf Hagens wuthverzerrtem Gesicht bildeten sich grünliche Schatten; seine Augen schwammen in unheimlich phosphorescirendem Lichte: »Bübchen! Bübchen ... Satisfaktion!« keuchte er, seine Glieder zuckten konvulsivisch, er wankte und schien im Begriffe niederzustürzen. Bertram sah schon eine Wiederholung des Auftritts voraus, den Weißenberg ihm eben geschildert hatte; er empfand einen großen Ekel vor dieser Ohnmacht, die es nicht einmal zu einem tüchtigen Zornesausbruche bringen konnte, und zugleich bereute er, den Rangen so schwer gereizt zu haben.»Beruhige dich, Hagen,« sagte er. »Ich bin ein nervöser Mensch, den gewisse Worte, zum Beispiel: ‘Novelle,’ ‘Manuskript,’ ‘drucken lassen,’ außer Rand und Band bringen. Nun hab’ ich mich wieder im Zaume. Mache mir’s nach, Selbstbeherrschung,mein Lieber! Wenn ich dir sage, ich bedauere, dich geärgert zu haben, ist dir das Satisfaktion genug?«Hagen hatte sich leidlich gesammelt. Ohne den Kopf nach Bertram zu wenden, hartnäckig und steif in die Ferne blickend, brummte er: »Lies meine Novelle, dann reden wir weiter. Die Katz im Sack brauchst du nicht zu kaufen. Aber schweige, das bitte ich mir aus. Für meine Alten schreibe ich nicht. Wirst du meine Novelle lesen?«Ein schreckliches Wesen, der Junge, aber der Sohn des Mannes, dem Bertram so viel verdankt – es sei!»Ich werde sie lesen – in Gottes Namen. ‘In Gottes Namen, sprach sie dann, und weinend hielt er sie umfangen,’« deklamirte er und setzte bärbeißig hinzu: »Das hast du von mir nicht zu befürchten, Miseräbelchen!«»Miseräbelchen?«»Ich citire! Ich citire! Kennst du das schöne Gedicht vom Miseräbelchen nicht?«»Nein,« erwiderte Hagen wegwerfend. »Ich lese keine Gedichte.«»Ich aber soll deine Novelle lesen? Na, ich hab’s gesagt – und ‘wenn was auf Erden heilig ist’« ... Er schüttelte sich.Wäre er jetzt zu Hause gewesen in seiner Bratröhre, am Schreibtisch unter der Gasflamme, die trübseligste Entmuthigung würde ihn ergriffen haben als Rückschlag seines Entschlusses. Aber er war auf dem Lande, in einem reizenden, von Wiesen, Hainen und Wäldern umgebenen Garten. In der Ferne vor ihm bauten sich schön bekuppte Bergketten auf, im Westen, wo das grüne Land mit dem Horizont zu verschwimmen schien, war die Sonne untergegangen und sandte der Erde ihre leuchtenden Abschiedsgrüße zu, lohende Lichtstrahlen, die ein »Auge Gottes« bildend, fächerartig ausgebreitet, hoch hinaufstiegen bis ans Himmelsgewölbe.»Athmen ist Glück!« rief Bertram plötzlich aus und jauchzte in jähem Stimmungswechsel:»HerrlicherSonnenuntergang, dem bald, o Wonne, eine göttliche Sternennacht folgen wird, und morgen wieder ein freier Tag im Freien!«Er lief mehr als er ging der Fischerhütte zu,bewunderte überströmenden Herzens den Teich, der vergrößert worden war, und eine unregelmäßige Form bekommen hatte, gerieth in Entzücken über den Springbrunnen, den »musikalisch niederplätschernden,« wie die Baronin sagte, und war höchlich einverstanden, als die Hausfrau vorschlug nach dem Schlosse zurückzukehren und den Thee auf der Terrasse »einzunehmen.«Nur gegen das letzte Wort erlaubte er sich zu protestiren: »Trinken, Hochverehrte! nicht einnehmen. Einnehmen mahnt an die Apotheke, und wir sind frisch und gesund.«Seine Fröhlichkeit weckte in jedem einzelnen der Gesellschaft ein mehr oder minder lautes Echo. Die Baronin führte munter eine so lange Reihe von Büchertiteln und Autoren an, daß in Bertram der Verdacht aufstieg, sie habe, um ihm ein Fest zu bereiten, einen Leihbibliothekskatalog auswendig gelernt. Er machte unwillkürlich eine abwehrende Bewegung, als alle die Namen ihn umtanzten wie ein unsichtbarer Fliegenschwarm, und sagte mit forcirter Höflichkeit:»Ein neuer Vorzug, gnädige Baronin, Ihr Interesse für Litteratur. Ich bin erstaunt ...«»Sie haben keine Ursache! Sie nicht!... Sie, der Urheber dieses Interesses. O, lieber Vogelweid, Ihre Romane und Ihre ‘Überblicke!’ Stumpf müßte man sein, um nicht von ihnen gepackt und hingerissen zu werden; mitten hinein in den Strom des geistigen Lebens unserer Zeit ...«Sie spricht gut, meine Frau, dachte Weißenberg einmal wieder, und rieb sich vergnügt die Kniee.»Meine ‘Überblicke’,« sagte Bertram schmerzlich, »das Seichteste, das es giebt. – Ist’s möglich?... Über die selbstgeflochtenen Ruthen!«Die Baronin wußte nicht recht, was er damit meinte und bat ihn dann aufs Gerathewohl, nicht so bescheiden zu sein.Ihr Gatte wurde immer heiterer, fing an, Jugenderinnerungen aufzuwärmen, und sang ein lustiges Studentenlied: »Ipse fecit!Und der Text ist von dir, Mann des Tages. Das waren Zeiten! Einige Neidhammel behaupteten freilich Ähnlichkeiten zwischen unserm Meisterwerk und schon Dagewesenem zu entdecken ...«»Ein czechischer Kollege machte sogar Vaterrechteauf das Kind unserer Talente geltend. Halb und halbe Rechte, die wir ihm ganz zugestanden. Hören Sie, Herr Meisenmann, so nachgiebig sind wir von jeher gewesen.«Die röthlichen Bärte des Angeredeten schimmerten siegreich, er zuckte wieder mit den Achseln: »Ja, selbst die Deutschen geben nach, wenn sie nicht anders können,« erwiderte er.Zwischen der Baronin und Sieglinde fand eine leise, aber eifrige Debatte statt: »Mir zu Liebe, Lindchen,« – »Ach, Mama, nein – ich bitte dich!« wurde hin und her geflüstert. Endlich durfte Mama der Versammlung ankündigen, daß Lindchen ein Gedicht vortragen werde. »Es ist nur, um ihr das Verlegensein abzugewöhnen,« hauchte sie Bertram im Vertrauen zu.Sieglinde sprach unter schweren Athembeklemmungen den Wanderer von Friederike Kempner und bereitete damit dem Auditorium ein wahres Vergnügen. Sogar Hagen ließ sich zu einem gnädigen: »Nicht übel!« herbei.Die Kirchenmaus blieb zwar stumm, aber etwas weniger bedrückt, um einen Schein zuversichtlicherals am Nachmittage war sie doch. Es kam sogar einmal vor, daß sie Bertram, der eben sehr lebhaft sprach, ansah,sie ihn– o des lieblichen Wunders! – ganz kurz, aber recht aufmerksam. Und er studirte – o des wonnigen Studiums! – jeden Zug ihres holden Gesichtes, jedes kaum merkliche Stirnrunzeln, jedes Lächeln, das um ihren jungen, klugen, ausdrucksvollen Mund erschimmerte. Es zeigte sich in dem Augenblick, in dem sie ihn ansah und verrieth eine angenehme Überraschung: Schau, schau, du bist nicht so arg, wie ich mir eingebildet hatte, sprach’s ganz deutlich für den, der sich auf solche Sprache versteht.IX.Mit dem Schlage zehn Uhr wünschte Hugo den Seinen eine gute Nacht und forderte den Freund auf, auch zu Bette zu gehen: »Morgen in aller Gottesfrüh reiten wir. Nimm dir Zeit, auszuschlafen.«Bertram stand rasch auf. Sich Zeit nehmen können, ausschlafen können – das war ihm all dieTage als Inbegriff der Seligkeit erschienen. Er empfahl sich und folgte dem Hausherrn nach, der ihn an der Thür erwartete. Sie traten in den hell erleuchteten Gang hinaus:»Du gehst rechts, ich gehe links,« sagte Weißenberg. »Begleite dich nicht, will dir gestehen, ich dusele schon. Morgen also pünktlich ... Aber,« unterbrach er sich, »was hast du denn? Bist roth geworden wie mein Sieglinderl.«»Gute Nacht, du Guter,« erwiderte Bertram, und der Freiherr gab sich mit der Antwort zufrieden und segelte schlaftrunken seinen Gemächern zu.Was hast du? hatte er den armen Bertram gefragt. Daß er sich reif fühlte, aus dem Hause geworfen zu werden, oder sich selbst hinauswerfen zu müssen, das hatte er. Als er eben auf die Baronin zugegangen, um ihr die Hand zu küssen, war sie aufgestanden, ihm entgegengeschritten und hatte ihm zugeraunt:»Ich muß Sie sprechen, Sie wissen.«Und sie war dabei unaussprechlich bewegt gewesen. Wie durfte sie sich erlauben, bewegt zu sein? Donner und Doria! war’s nicht genug, daßseine elenden »Überblicke« ihr Interesse für Litteratur erweckt hatten, sollten seine verdammten Romane einen noch viel ärgern Schaden angerichtet haben? Schwärmereien für Künstler, für Schriftsteller, auf ein Bildwerk, ein Buch hin, kommen vor bei den edelsten Frauen, ja sogar nur bei denen. Geburten der Phantasie, nichts anderes; aber so eine sechsunddreißigjährige Phantasie ist zäh, giebt ihre Geburten nicht leicht wieder her ... Wenn es wäre, wenn er unschuldig schuldig, ahnungslos zum Verräther am Freunde geworden wäre, dann bleibt ihm nichts übrig, als sein Ränzel packen und – entfliehen. Dann ist ihm der Boden unter den Füßen weggerissen, sein eigner Grund und Boden, bevor er ihn noch betreten hat.Von den schmerzlichsten Gedanken gequält, ging er weiter. Sein Weg führte an der Thür des Kammerjungferzimmers vorbei, sie war nur angelehnt, er hörte dahinter kichern und wispern, fast schien es, als ob ihm dort aufgelauert würde. Wenn er in Palermo wäre, könnte er an einige von Hugo gemiethete Banditen denken. Plötzlich stürzte jemand aus dem Zimmer, aber es war kein hagererBandit, sondern eine kleine, dicke Person (in diesem Hause wurden die meisten dick), und wie mit tollkühnem Entschluß auf Bertram zu. Ebenso plötzlich gurgelte sie ein seltsames Gemisch von Angstgeschrei und Gelächter hervor und rannte wieder in das Zimmer zurück, wo das Gekicher und Gewisper sich in verstärktem Maße erneuerte.Die hat sicher gemeint, ihren Liebhaber kommen zu hören und ist jetzt enttäuscht, nur mich getroffen zu haben, sagte sich Bertram, bog um die Ecke des Ganges und betrat seine Wohnung.O Behaglichkeit, was für eine schöne Sache bist du! Wie wohl ist einem da zu Muthe, wo du herrschest! In diesen hohen, geräumigen Stuben genießt man dich, man athmet dich ein. Beide Flügel der Schlafzimmerthür sind geöffnet, das große, herrliche Bett ist zur Nachtruhe sorglich hergerichtet, die schneeweißen Polster, die seidene Decke verbreiten einen zarten Lavendel- und Veilchenduft und schimmern im matten Scheine zweier, von einem Lichtschirme beschatteten Kerzen. Im Wohnzimmer aber, auf dem runden Tische, brennt eine stolze Bronzelampe, so hell, wie Lampen nur inganz gut geführten Häusern brennen. Unter der Lampe liegt ein unheimliches Ding, ein Manuskript in Folio, mit zahlreichen Tinten- und Fettflecken, mit umgebogenen, abgestoßenen Ecken – Hagens Novelle. Bertram gruselte es, er wandte sich rasch um und stand vor Simon, der ihm auf dem Fuße gefolgt war. Der Alte wollte sich dem Herrn Doktor durchaus nützlich machen beim Auskleiden und war trotz alles Protestirens nicht wegzubringen. Bertram täuschte sich nicht über den Grund dieses hartnäckigen Diensteifers.»Sie wollen etwas von mir, ich weiß ja,« sagte er ärgerlich, »kommen Sie nur heraus mit der Sprache.«So aufgemuntert trug Simon sein Anliegen, das der sämmtlichen Dienerschaft und auch der Beamten, vor. Die Sache war die. In acht Tagen feiert der Herr Verwalter seine silberne Hochzeit. Der Herr Verwalter hat zwei Töchter, von denen jede »etwas aufsagen« soll. Die eine etwas Böhmisches, und daran lernt sie schon auswendig, der Herr Meisenmann hat’s gemacht. Aber die Bevölkerung von Obositz besteht auch aus deutschenGemeinden, und der Herr Baron und der Herr Verwalter sind für Gleichberechtigung der Nationalitäten. So braucht man denn für die zweite Tochter eine deutsche Ansprache. Herr Meisenmann hat auch die machen wollen, aber alle Leute haben gesagt: Gott bewahre! Wenn der Herr Doktor da sind, wird man doch von keinem anderen ein Gedicht machen lassen, das wäre ja eine Beleidigung.»Beleidigung!« Bertram donnerte den Alten an, daß er vor ihm zurückwich. »Glauben Sie, daß ich hierher gekommen bin, um Gedichte zu silbernen Hochzeiten zu machen? Sie sind nicht gescheit, Simon.«»Jekerle, bitte,« sprach Simon kleinlaut, »die Frauenzimmer haben mich anstiftet, ich soll dem Herrn Doktor sagen. Die Frauenzimmer haben dem Herrn Doktor selbst sagen wollen, aber nicht können, haben nicht herausbracht. Die Köchin, die ist die Schwester der Frau Verwalterin, und die Kammerjungfer, die eine Cousine der Köchin ist ...«»Könnten Sie mir die Verwandtschaften nicht aufschreiben?« fragte Bertram grimmig.Simon, einmal im Zuge, ließ sich nicht irre machen. Die Köchin, die das beste Mundstück hat, erzählte er weiter, hat dem Herrn Doktor aufgepaßt bei der Kammerjungfer, und wie er vorübergeht, ist sie herausgeschossen und auf ihn zu. Wie sie ihm aber in die Nähe kommt, verliert sie die Kourage und ist wieder hineingeschossen, sie fürchtet sogar – mit Geschrei. Und jetzt schämt sie sich und hat schon geweint und schwört bei allen Heiligen, daß sie sich lieber die Zunge abbeißen, als den Herrn Doktor je wieder ansprechen wird.Bertram erklärte schon sehr aufgeregt: »Einen gescheiteren Entschluß hätte sie nicht fassen können.«Das kränkte den Alten, und er fragte mit großer Bitterkeit, wie es jetzt aussehen werde mit der Gleichberechtigung? Die Landsleute des Herrn Doktors hätten ihm eine Ehre erweisen wollen und nicht erwartet, daß er sie zum Dank dafür ganz und gar von der Gnade des Herrn Meisenmann abhängig machen werde.Bertram erwiderte: »Meine Landsleute sind die Mährer ebenso gut wie die Deutschen. Ichbin ein Österreicher, ich habe ein Vater- und ein Mutterland, und wenn Sie glauben, daß ich hierher gekommen bin, um Öl ins Feuer der ehelichen Zwistigkeiten meiner Elternländer zu gießen, sind Sie auf dem Holzwege.« Er wurde heftig, er verstieg sich derart ins Maßlose, daß er sich vorkam wie eine Feuerwerksrakete, die mit lächerlichem Spektakel in die Höhe fährt, um dort oben gar nichts auszurichten. Das sind die Nerven, dachte er und war auch schon voll Reue, und Simon that ihm leid, der, völlig geknickt, kein Wort von allen, die Bertram hervorsprudelte, verstand, sich aber von jedem im Innersten und Heiligsten beleidigt fühlte. Er nahm sich vor, es genau so zu machen, wie die Köchin und den Herrn Doktor nie mehr um etwas anzusprechen. Mit diesem Entschlusse wollte er das Zimmer verlassen.Aber der stille Kampf Bertrams war ausgekämpft, und er holte Simon zurück: »Sie unbarmherziger Mensch, verfallen Sie nicht in Stummheit, das ist mir schrecklich. Ich gebe nach, ich will den Kelch leeren, den ihr Giftmischer mir zum Willkommsgruß – na! Ich mache euch dasGedicht. Schon gut,« lehnte er die Dankesbezeugungen ab, in die Simon ausbrechen wollte. »Aber Daten brauche ich,« rief er, »geben Sie mir ein paar Daten.«»Wie meinen?«»Ich meine, daß ich etwas wissen muß von Ihrem Herrn Verwalter, wenn ich ihn ansingen soll. Also goldene Hochzeit, sagen Sie?«»Silberne, bitte, Herr Doktor.«»Ganz recht, ich habe mich nur versprochen. Und allgemein beliebt ist er?«»O, und wie, bei alle braven Leut’! Schlechte giebt freilich auch.«»Für die schlechten dichten wir nicht, Simon. Also« – er gähnte. Wie ein Gewappneter kam der Schlaf über ihn; er begann seine Kleider abzulegen und ließ sich dabei Simons Dienste gefallen: »Und sagen Sie mir noch – ist er verheirathet?«»Jekerle, Herr Doktor, wenn er silberne Hochzeit hat!«»Und Kinder hat er auch?«»Aber bitte, ja, die zwei Töchter, bitte, die aufsagen sollen.«Sie waren während dieses Zwiegespräches aus dem Wohn- ins Schlafzimmer und bis ans Bett gelangt. Simon betreute den Gast wie eine Mutter ihre Tochter, die morgen debutiren soll, zog, als er sich auf dem köstlichen Lager ausstreckte, die Decke über ihn und löschte die Lichter. Bertram sah ihn noch die Lampe vom Tisch nehmen und hörte ihn die Thür schließen. Dann war alles dunkel und still.Nach einer Weile lag er aber nicht mehr im Bette, sondern stand auf der Wiese, hatte grüne Arme, einen blauen Helm auf dem Kopf, einen Apfel in der Hand und war ein Rittersporn und zugleich Paris und sollte den Preis der Schönheit ertheilen. Eine Theerose, eine dicke Gretl in der Staude, und eine Wunderblume, dergleichen er nie erschaut hatte, bewarben sich darum. Er wußte wohl: die Theerose ist die Dame aus dem Coupé, und die Gretl in der Staude seine zu gnädige Hausfrau. Wer aber ist die Wunderblume? Und ist sie schön?Daswußte er nicht, er konnte sie nicht einmal deutlich sehen, so nahe sie ihm auch stand. Dennoch trat er auf sie zu und reichte ihr den Preis. Der war aber kein Apfel mehr, sonderneine Goldfeder von Morton in New-York und schrieb mit silbernen Lettern einen Hochzeitscarmen.X.Am nächsten Morgen war Bertram fast so früh auf wie die Sonne und mit dem Ankleiden fertig, als Simon kam, um ihm dabei behülflich zu sein.»Sind schon lange wach, Herr Doktor, haben vielleicht nicht schlafen können?« fragte der Alte und warf suchende Blicke umher, die den leicht gereizten Bertram sofort ungeduldig machten.»Sie suchen umsonst,« sagte er. »Das Gedicht liegt weder da noch da, noch dort,« – er deutete auf das Bett, den Nachttisch und die Badewanne. – »Das Gedicht ist noch nicht gemacht. Sie müssen die Güte haben, zu warten, bis ich nach Hause komme. Jetzt reit’ ich fort.«Simon erwiderte zugleich beschwichtigend und ermunternd: Eine ganze halbe Stunde habe der Herr Doktor vor sich und müsse doch frühstücken;aufgetragen sei schon. Wirklich hatte ein Diener den Tisch im Wohnzimmer gedeckt und mit so guten Sachen besetzt, daß ihr bloßer Anblick jeden gesunden Menschen erheitert hätte. Aber einer, der zum Dichten gepreßt wird, den erheitert nichts, dem gefällt und schmeckt nichts. Bertram trank eine Tasse vorzüglichen Thees und gedachte dabei recht mit Fleiß all des Bösen, das »V. Vischer« diesem edlen Getränk nachgesagt hat. Es rächte sich, wie’s dem Edlen geziemt, es erfüllte seinen Ankläger mit wohligem Behagen, klärte ihm den verträumten Geist und erweckte ihm die erlösende Erinnerung an eine, ihrerzeit vielgerühmte Elegie auf den Tod eines Professors, die er als Student gemacht hatte. Sie ließ sich für die jetzige Gelegenheit adaptiren. Der Enthusiasmus, mit dem darin die Beliebtheit, die Tugend und das Eheglück des Professors besungen wurden, sollte nun den silbernen Hochzeitern zu Ehren noch einmal verwerthet werden. Man brauchte nur jedes »deine« in ein »eure,« jedes »du warst« in ein »ihr seid« zu verwandeln, den Kindersegen bedeutend zu vermindern und das ganze Opus aus der wehmüthigenMoll- in eine freudige Cis-Durtonart zu transponiren. Bertram wollte eben an die Arbeit gehen, als ihm gemeldet wurde, die Pferde seien vorgeführt. Da nahm er seinen Hut und eilte so rasch hinab, als ob er gefürchtet hätte, daß sie wieder davon laufen könnten.Der Freund trat mit ihm zugleich vors Haus. Er kam aus dem Garten, wo er seit einer Stunde schon Gebüsche ausgeschnitten und Gras geschoren hatte. Sein Diener brachte eine Reitpeitsche, an der längst der Smiß fehlte, ein paar große, uralte Handschuhe und Gamaschen, die aus der Haut eines vorsintfluthlichen Thieres gemacht schienen. An den Füßen trug der Baron ein paar starke, sehr abgenützte Schuhe, sein breiter Oberkörper war in einen kurzen, grünen Rock eingepreßt, und auf dem Kopfe saß ihm ein braunes, zerquetschtes Hütlein mit schmaler Krempe, unter dem rückwärts die Glatze hervorguckte.Im Nu war er im Sattel; für Bertram hatte das Aufsteigen einige Schwierigkeit, und als die glücklich besiegt war und sein Pferd sich, ohne eine Aufforderung dazu abzuwarten, in Trab setzte, befielihn ein Schwindel, er wurde blaß und machte die kläglichste Figur.»Was, Teufel, was hast?« fragte Hugo. »Sitz’ grad’, halt’ dich nicht am Zügel. Courage! Das Pferd ist ja gar kein Pferd, ist ja eine Kuh!«Bertram hatte aber vier Jahre lang nicht einmal auf einer Kuh gesessen. Ihn beseelten zwei heiße Wünsche: bald ankommen, und nicht vom Pferde fallen. Die Freunde ritten im gemüthlichen Zotteltrab quer über die Wiese. Rechts von ihnen lag schmuck und wohlgepflegt ein Musterwäldchen, links stieg der Boden sachte auf, und die kleinen Anhöhen, hinter denen die Lepiden blauten, waren von den schneeweiß getünchten Stationen eines Kalvarienberges gekrönt. Vor den Reitern blinkte es manchmal wie Funken auf, am hellen Horizonte. Die vergoldeten Kreuze auf den Kirchen und Kirchthürmen der erzbischöflichen Stadt erglänzten im Morgensonnenschein. Jenseits des Wassers erhoben sie sich, des klaren Gebirgsstromes, der seine Umgebung verschönerte, befruchtete oder auch – verheerte.Bis zum Meierhof, dem der Freiherr undBertram entgegenritten, war er aber noch nie gedrungen. In respektvoller Entfernung von ihm aufgebaut, genoß die stattliche Besitzung die Segnungen seiner Nachbarschaft, ohne von ihren Gefahren bedroht zu werden.Der Weg wurde schmaler, er führte jetzt durch eine Allee von Obstbäumen. Hugo sah sich nach allen Seiten um, sah auch alles, kümmerte sich um alles, nur nicht um sein Pferd. Mit dem war er wie verwachsen, der reine Centaur, der dicke, alte Herr. Er ritt, wie ein anderer zu Fuß geht, lief mit vier Beinen statt mit zweien, das war der Unterschied.»Schau,« sagte er und deutete auf einen frischen, tiefen Hieb, der einem jungen Apfelbaume offenbar mit der Axt beigebracht worden war. »Und schau, da und da!« Eine ganze Reihe von Bäumen war so bis aufs Mark zerhauen.»Dumme Verwüstung,« rief Bertram, »wer thut das? Und warum geschieht’s?«»Sagen wir aus Übermuth,« erwiderte Hugo achselzuckend, und der Freund bewunderte seine Gelassenheit, sein geistiges, moralisches, und in diesemAugenblick ganz besonders, und mit entschiedenem Neide, sein physisches Gleichgewicht.In der Nähe des Meierhofes befand sich eine kleine Ansiedlung. Eine Gruppe von zehn Häusern. Jedes Haus hatte ein Gärtchen, und in jedem Gärtchen standen Bäume, und alles war nett und sauber gehalten und machte den Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit.Der Baron stellte sich auf in den Bügeln, richtete die Spitze seiner Reitgerte auf ein graues Schieferdach, das zwischen dem Meierhofe und dem letzten der kleinen Häuser sichtbar wurde, und sprach: »Da guckt’s schon heraus, dein Palais.«Bertram riß den Hut vom Kopfe, schwenkte ihn in der Luft und jauchzte: »Hoch Palais Vogelweid! Nein, nicht Palais, nicht Vogelweid, Haus. Vogelhaus!«»Gieb acht!« schrie Hugo. Hinter ihnen kam ein Reiter im Galopp einhergesaust. Es war Hagen, der sie einholte, und vorüberjagte, ohne Notiz von ihnen und dem Schrecken ihrer Pferde zu nehmen. Der Braune des Freiherrn machte eine Lançade, die den Reiter aber kaum im Sattel hob.Mit einer Mischung von Ärger und Stolz blickte er dem Sohne nach:»Da reitet er wieder die Fohlenstute, was ihm streng verboten ist. Ich hab’s in meiner Jugend auch weit gebracht im Ungehorsam, aber so weit wie der lange nicht. Und wie er oben sitzt, wie ein Schneider!« Bei diesen Worten wendete er sich nach dem Freunde um, vermißte ihn aber auf seinem früheren Platze. Der Sattel der Kuh war leer, sie begann eben gemüthlich zu grasen, und jenseits von ihr auf der weichen Wiese, die beiden flachen Hände auf den Boden gestemmt, saß Bertram und schien äußerst erstaunt.Weißenberg hielt sein Pferd an und sagte: »O jeh!«»Ja wohl,« erwiderte Bertram. »Wie Hagen so vorbeigewettert ist, da muß sie erschrocken sein, die Kuh, und da hat sie sich geschüttelt.«»Und da hat sie dich hinuntergeschüttelt. Macht nichts, steig’ nur wieder auf.«»Um keinen Preis. Zu Fuß will ich mein zukünftiges Daheim betreten, ehrerbietig wie Washington auf der Rückkehr von seinen Siegensein Mutterhaus betreten hat.« Er hing die Zügel seines Rosses über den Arm und ging wohlgemuth neben Weißenberg, der sein Pferd in Schritt gesetzt hatte, einher. »Das Glück trägt mich, was soll ich mich von einem Pferde tragen lassen!«

Bertram wollte ihr beim Aussteigen behülflich sein, sie war schon herabgehüpft und hatte dabei ihre Reisetasche in der Hand behalten, und nicht einmal ihren Regenschirm fallen lassen. Ihr Mann folgte ihr, er trug die Reisetasche Bertrams, und der sah nun, in Aufmerksamkeit ganz versunken, der freudigen Begrüßung zwischen den Eltern und den Kindernzu.

»Ich möchte auch Kinder haben,« sagte er plötzlich.

»Tauben, Erdäpfelfelder und jetzt auch noch Kinder? Ach, lieber Herr Nachbar, zu denen kommt man, ehe man sich’s versieht,« sprach der Graf.

Bertram aber schrie auf: »All ihr Götter, ich vergesse ja ganz, wo ist mein Koffer?«

»Da steht er, auf der Strecke.«

Wahrhaftig! Da stand er wie von unsichtbaren Händen hingetragen. Er stand, während der Zug, in dem er sich eben befunden hatte, davonbrauste. Doch eine großartige Erfindung, die Eisenbahn!

V.

Eine Viertelstunde später fuhr Bertram auf breitem Wege zwischen Baumgruppen, Wiesen und Gebüschen dem Schlosse Obositz zu. Unter den grünumrankten Säulen des Altans erwartete Weißenberg, umringt von seiner ganzen Familie, den werthen Gast. Der Hintergrund wurde von der Dienerschaft ausgefüllt. Sonntäglich angethan, in schneeiger Weste schwenkte der Freund das Taschentuch und schrie aus Leibeskräften: »Willkommen!« In der ganzen Gruppe entstand eine freudige Bewegung, und in den Zuruf des Hausherrn mischten sich einzelne Vivats.

Es schien Bertram unmöglich, daß dieser feierliche Empfang ihm gelte; er wendete sich, um zu sehen, ob nicht hinter ihm der Statthalter einherfahre, oder der Bischof. Aber er erblickte nur ein Staubwölkchen, das die Räder des Wagens aufgewirbelt hatten. Ach, und rings dufteten die Wiesen, und im Zweige eines breitblätterigen Lindenbaumes wurde eine Vogelsoirée mit Gesang und Wettflügen abgehalten.

Die Pferde waren in vollem Lauf, und ihr Lenker trieb sie noch an. Vom Wunsche beseelt, sich auszuzeichnen, wollte er vor dem Altan plötzlich pariren. Das Kunststück mißlang, die Equipage schoß wie der Blitz an den Herrschaften vorbei und dem Stalle zu.

»Holla, halt!« rief der Baron, riefen die männlichen Diener und rannten nach, und sämmtliche Schloßhunde setzten sich mit wüthendem Gebell an die Spitze des Zuges. Nach wenigen Augenblicken riß der Kutscher sein Gespann zusammen, aber Bertram hatte Zeit genug gehabt, um voll Erbitterung vor sich hin zu knirschen: »Bravo! wir liegen schon. Wenn das nicht scheitern heißt im Hafen!«

Der Wagen hielt, und in der nächsten Minute reichte Weißenberg dem Freunde die Hand. Sie hatte Schwielen. »Bist einmal da, endlich!«

»Endlich!« wiederholte Bertram, stieg aus und trat dem Schoßhündchen der Frau Baronin, das ihn umwedelte, auf die Pfote. Es entfloh heulend und er rief: »Himmel, wieviel Unglück habe ich heute mit Hausthieren!«

Die stattliche und gütige Wirthin war herbeigeeilt: »Es thut nichts, gar nichts, trösten Sie sich,« sprach sie huldvoll, »Paffi ist selbst schuld, warum drängt sie sich so heran? Freilich hat sie eine Entschuldigung; die Getreue machte sich zum Dolmetsch unserer Gefühle.«

Das Gesicht Weißenbergs leuchtete vor freudigem Stolze, während seine Gemahlin diese vortreffliche Ansprache hielt, und er massirte – bei ihm ein Zeichen hoher Erregung – sein rundes, ausrasirtes Kinn kräftig mit dem ringförmig zusammengebogenen Daumen und Zeigefinger seiner Rechten.

Bertram verbeugte sich, küßte der Baronin die Hand und erhaschte einen Blick aus ihren noch immer schönen Augen – er traute den eignen nicht – wahrlich einen zärtlichen Blick. Man trat unter das Portal; alte Bekanntschaften wurden aufgefrischt, neue gemacht.

Sieglinde, die Tochter des Hauses, vor vier Jahren ein schmales Backfischchen, prangte jetzt in vorzeitig strotzender Fülle. Sie litt zum Erbarmen unter den Ausbrüchen der Verwunderung, die siedurch ihre bavarienhafte Erscheinung bei aller Welt hervorrief, und kämpfte bis zum Weinen mit beständigem, unmotivirbarem Erröthen.

Den Gegensatz zur Schwester bildete Hagen. Das »Jungelchen,« wie seine Mutter ihn nannte, war zwar hoch aufgeschossen, aber mager und fahl; es hatte ziemlich dünne, blonde Haare und blasse Augen von unbestimmter Farbe, ein aufgestülptes Näschen und einen großen Mund mit dünnen Lippen. Er wurde vorgestellt als Lateiner und Grieche:

»Ja, ja, bereits Schüler, beinahe Vorzugsschüler der sechsten Klasse. Und hier,« die Baronin machte eine so zierliche Handbewegung wie eine Ballettänzerin, die ein Bouquet überreicht, und deutete auf einen jungen Mann von breiter Statur, mit röthlichen Haaren und röthlichem Schnurr- und Backenbarte: »Herr Doktor Meisenmann, der freundliche Gesellschafter und Professor unseres Sohnes.«

Man begrüßte einander, und Bertram hütete sich wohl zu fragen, wozu der Gymnasiast, der beinahe Vorzugsschüler war, einen eignen freundlichen Professor brauche.

Der Zimmerwärter kam herbei: »Bitte um den Kofferschlüssel, daß ich auspacken kann,« sprach er mit der Ungenirtheit und Wichtigthuerei verwöhnter alter Diener und nahm das Verlangte in Empfang, indem er dem Gaste vertraulich zunickte.

Weißenberg belohnte ihn mit einem: »Sehr gut, Vater Simon,« hieß ihn vorausgehen und nahm den Arm Bertrams. »Wir folgen, komm, ich führe dich. Nicht depreciren! Nein, sag’ ich dir, du findest den Weg nicht, wohnst nicht in deinem alten Quartier, wohnst im ersten Stock, wir wissen, was wir dir schuldig sind, Mann des Tages. Appartement mit Badezimmer und Badewannen,nen!« wiederholte er, die letzte Silbe nachdrücklich betonend.

Die Baronin ließ ein bedeutsames Räuspern vernehmen, und Sieglinde erröthete.

Der Hausherr fuhr unentwegt fort: »Vorwärts also! Und ihr,« wandte er sich an die Dienerschaft, »habt ihn gesehen, gebt euch zufrieden und tretet ab ... Das gilt nicht dir,« rief er einem jungen Mädchen zu, das hinter der Baronin und ihrer Tochter gestanden hatte wie hinter zwei Ofenschirmenund sich jetzt den abgehenden Leuten anschließen wollte. Sie blieb stehen, sehr verwirrt, mit gesenkten Augen, die sie auch nicht erhob, als Weißenberg sprach: »Gertrud, Herr Vogel, genannt – na, du weißt schon. Bertram, das ist Fräulein von Weißenberg, das heißt unsere Nichte Gertrud.«

Er zog den Freund mit fort, sie schritten durch die Halle, über die Treppe. »Beeile dich mit der Wascherei,« empfahl der Baron. »Wir essen gewöhnlich um zwei Uhr, haben aber heute dir zu Ehren die Speisestunde verschoben. In zwanzig Minuten wird die Tischglocke dich rufen, die Köchin ist schon fertig.«

»Was sie für Wimpern hat!« sagte Bertram plötzlich, wie aus Träumen erwachend.

»Wer?«

»Deine Nichte. Und warum ist sie in Trauer?«

»Weil ihre Mutter vor einem halben Jahre gestorben ist.«

»Eine liebliche Erscheinung, so fein und zart.«

»Zart? Ist dir nur so vorgekommen neben unserem Sieglinderl.«

»Und warum so verlegen, ja sogar bestürzt?«

»Unser Sieglinderl ist immer bestürzt.«

»Nein, die andere mein’ ich.«

»So, war die auch bestürzt? Ist sonst nicht ihre Sache. Aber du wirst ihr imponirt haben. Kein Wunder, die erste lebendige Berühmtheit, die ihr vor Augen kommt.«

»Eine Berühmtheit wie ich! Da müßte sie bis heute in der Wildniß gelebt haben.«

»In Wien hat sie gelebt. Freilich seit Jahren wie angeschnallt ans Bett der kranken Mutter.«

Sie waren sehr langsam, denn Bertram blieb alle Augenblicke stehen, die sehr hübsche, freitragende Treppe hinaufgegangen. Weißenberg machte seinen Gast auf die Wände und die hochgewölbte Decke des Treppenhauses aufmerksam: »Sauber, nicht wahr? Ich habe einen Italiener da gehabt, der die Stuckaturen aus dem Mörtel herausgearbeitet hat, unter dem sie durch oftmaliges Übertünchen schon halb verschwunden waren.«

Bertram bewunderte. »Reizend,« rief er begeistert, »das ist Reichthum ohne Üppigkeit, edle Keuschheit, anmuthige Fülle, Sehnsucht und Fähigkeitsich aus steifen, veralteten Formen zu befreien, ohne Ausartung ins Maßlose. Ich sage dir,« brach er plötzlich aus, »deine Nichte ist eine Dame im österreichischen Barockstil!«

Der Baron legte die Hand auf Bertrams Schulter und sprach warnend: »Du, daß du dich nicht verliebst! Es wäre die größte Dummheit, du brauchst Geld, der Ökonom braucht immer Geld, und unsere Nichte – die reine Kirchenmaus. Da sind wir,« unterbrach er sich, und sie blieben abermals stehen vor einer Flügelthür am Ende des bildergeschmückten, teppichbelegten Ganges, den sie durchschritten hatten. »Ich geh’, sonst verplaudern wir uns, und wie gesagt, die Köchin wartet, um anzurichten, nur aufs Glockenzeichen. Nochmals willkommen, und laß dir’s bei uns wohl sein!«

Er enteilte geschäftig, und Bertram sah ihm nach. War auch nicht mehr der selbe, der liebe, alte Mensch! Er schien kleiner, sein Hals kürzer geworden, seine Haltung hatte etwas von der früheren Strammheit verloren. So kann man denn auch vorzeitig altern auf dem Lande, in dieser ozonreichenLuft, in herrlichem Frieden, in nervenstärkender Thätigkeit?

Simon hatte die Thür geöffnet, ermahnte den Gast einzutreten und weidete sich still und stolz an seinem Staunen über die schönen Räume, die ihn umfingen. Ein Salon in dunkelgrünem Sammet, ein luftiges, behaglich eingerichtetes Schlafzimmer mit Himmelbett und nebenan eine köstliche Badestube.

»Bitte, jetzt kommt das Scheenste,« sagte Simon und schwebte auf den Zehen über die ganze Breite des Schlafzimmers. Dem Himmelbett gegenüber befand sich der Eingang zu einem vierten von einer schweren Portière verhüllten Gelaß. Der Diener zog sie zurück, und Bertram blickte in ein großes Arbeitszimmer, in dem ein kolossaler Schreibtisch stand, und das voll war von Bücherschränken, und jeder hatte ein anderes böses Gesicht, das ihn angrinste und triumphirend höhnte: Guck du, wir sind wieder da!

Er prallte zurück: »Vorhang zu! Ich bitte Sie um Gotteswillen, Simon, befreien Sie mich von diesem Anblick.«

Simon rührte sich nicht. »Der Herr Doktor werden’s da so scheen ruhig haben zur Arbeit, sagt die Frau Baronin. Wir haben die Bicher vom Boden heruntergeschleppt. Der Schreibtisch, der is aus der Kanzlei.«

Bertram wußte wohl, daß man den Alten nicht beleidigen durfte, weil er sonst in akute Stummheit verfiel und sich aufs Schmollen verstand, trotz einer Dame des vorigen und einer Kammerjungfer dieses Jahrhunderts.

»Lassen Sie mit sich reden, Simon,« sprach er, seine Ungeduld mühsam bemeisternd. »Ich bitte Sie, nennen Sie mich nicht Herr Doktor, ich bin kein Doktor, ich bin Herr Vogel, ein armer ‘Herr’, der von früh bis Abends und manchmal von Abends bis früh dasitzen und reines, weißes Papier in schwarz beschmiertes verwandeln muß.«

»Muß?« fragte Simon ungläubig.

»Jawohl, um Geld zu verdienen mit meiner Arbeit. Hier aber will ich nicht arbeiten; ich bin gekommen, mich ausruhen vom Lesen und Schreiben und will, solang ich hier bin, kein Buch aufschlagen und keine Feder berühren.«

Damit begab er sich in das Waschzimmer, und Simon folgte ihm, um als Lein- und Handtuchständer zu fungiren. »O Jekerle,« seufzte er betrübt auf, »und wir haben sich schon alle so gefreit.«

»Worauf?« fragte Bertram ahnungsvoll und tauchte aus dem Riesenlavoir empor, in dem er seinen Kopf gebadet hatte.

Aber Simon war ganz Sphinx. »Werden schon hören, bitte,« erwiderte er.

VI.

Die Familie war vollzählig im kleinen Salon versammelt, als Bertram, sauber gewaschen und elegant angethan, eintrat. Im selben Augenblick wurden beide Flügel der Thür, die in den Speisesaal führte, geöffnet, der Gast bot der Hausfrau seinen Arm und erhielt am zierlich gedeckten Tisch den Platz zu ihrer Rechten und zur Linken des Hausherrn. Neben diesem saß der »Professor« und zwischen ihm und Hagen die ernste »Kirchenmaus«. Dann kam Sieglinde, die ihren Sessel so nahe als möglich an den der Mutter gerückt hatte.

»Schau dir das Obst an,« sagte Hugo, »die selben Sorten haben wir in deinem Garten gepflanzt.«

Bertram sah den Freund glückverklärt an. »Wann werd’ ich ihn sehen, meinen Garten? Und solches Obst hab’ auch ich?«

Entzückt betrachtete er die goldigen Aprikosen, Himbeeren, die dem Rothkäppchen als Kopfbedeckung hätten dienen können, purpurne Kirschen, durchsichtige Weichseln, Erdbeeren von märchenhafter Größe und Gestalt.

»Nehmen Sie die Melone nach der Suppe oder zum Dessert?« fragte die Hausfrau und zeigte ihrem lieben Gaste freundlich die blanken Zähne. Sie war wirklich noch eine schöne Frau, trotz ihrer fünfunddreißig Jahre und ihrer überreich entfalteten Spätsommerblüthe.

»Verehrte Frau,« erwiderte Bertram, »ich esse Melone, wann Sie erlauben und befehlen.«

»Nach der Suppe ist sie gesünder,« bemerkte Weißenberg.

»Beirre ihn doch nicht. Bitte, entscheiden Sie.«

»Es ist mir wirklich gleich.«

Der Gymnasiast, der während dieses Austausches von Höflichkeiten höhnisch gelacht hatte, brach jetzt aus: »Macht keine solchen Geschichten. Ihm ist’s gleich, hat er schon gesagt, wenn er nur überhaupt Melone kriegt.«

Bertram sah einen Purpurschein sich verbreiten, er ging vom Gesicht Sieglindens aus, er vernahm ein Gekicher, es hatte sich der Brust Meisenmanns entrungen. Weißenberg zeichnete mit dem Messer die Umrisse einer Scheune auf das Tischtuch, die Hausmutter that unbefangen und winkte plötzlich entschlossen den immer noch auf eine Entscheidung wartenden Bedienten, die Melone zu serviren.

»Ich lese jetzt ‘Die Kronenwächter’ von Achim von Arnim«, wandte sie sich von Neuem an Bertram.

»Sie lesen, so? die Kronenwächter?« versetzte er und dachte: Sind wahrscheinlich auch vom Boden heruntergeschleppt worden.

»Ein merkwürdiges Buch, aber doch mehr merkwürdig als spannend.«

»Wie meinst du das?« rief Hagen seine Mutter herausfordernd an. Weißenberg aber sagte rasch:

»Sie ist gut, die, was? eine gestrickte. Hast die selbe Sorte in deinen Mistbeeten.«

Sieglinde erröthete, und Mutter Bertha berichtigte in rücksichtsvoll gedämpftem Tone: »Frühbeeten.«

Der Hausherr begann nun freudig und ausführlich zu erzählen, wie er den Kauf des Bauerngutes – einer ehemaligen Erbrichterei – für Bertram geschlossen, wie er alles in leidlicher Ordnung übernommen habe und in musterhafter zu übergeben gedenke. Dann aber kam er auf sein altes Lied vom Betriebskapital zurück, und Bertram erklärte:

»Ich will kein Kapital, ich brauche keins; was würden die Sozialisten sagen, wenn ich ein Kapital aufhäufte.«

»In die Gefahr wirst du schwerlich kommen. Nicht ums Aufhäufen handelt sich’s, sondern ums Zustopfen, wenn irgendwo eine gefährliche Lücke entsteht; die Maschine, die zu stocken droht, muß in Gang erhalten werden. Wie schaffst du die Mittel dazu her ohne Reservefond?«

»Der Bauer hat keinen und lebt doch auch.«

»Bilde dir das nicht ein, der Bauer geht zu Grunde.«

»Durch eigne Schuld.«

»Nicht immer.«

Jetzt gerieth der »Professor« in hohe Erregung und sprach überstürzt mit bebender Stimme und so leise, daß man ihn kaum verstand. Es zischte und pustete aus ihm heraus wie aus einem überheizten Theekessel. Er verwünschte die Juden und die Deutschen, die Feinde und Verderber des mährischen Bauern. Der Judenwirth verleitet den Bauern zum Trinken, giebt ihm Branntwein, so viel er will, bis er Hab und Gut versetzt hat. Dann kommt der Deutsche und kauft den Bauern aus.

Den Schluß seiner Rede hatte Meisenmann geradezu an den Baron gerichtet und schien, einmal im Zuge, in immer heftigere Anklagen ausbrechen zu wollen. Aber Hagen fuhr drein:

»Sitzt schon! sitzt schon wieder auf seinem Steckenpferd. Du mußt wissen, Vogel, er ist Jungczeche und Antisemit.«

»In der Theorie, nicht in der Praxis. Siekönnen überzeugt sein, Hagen, und Fräulein von Weißenberg kann überzeugt sein« ...

»Wir sind alle überzeugt,« rief der immer versöhnliche Baron dazwischen. »Sie deklamiren gegen die Juden und die Deutschen, aber Sie thun keinem etwas zu Leide.«

»Ein theoretischer Jungczeche also?« sagte Bertram. »Auch das setzt mich in Erstaunen. Wenn man einen uralten deutschen Namen führt –«

Die Baronin hatte ein aristokratisches Bedenken: »Uralt?«

»Gewiß. Ich ahne zwar nicht, aus welcher Schöpfungsperiode die Meisen und die Männer stammen, aber sicherlich aus einer älteren, als die ältesten Adelsgeschlechter.«

»Du sprichstpro domo, Vogel, weil dann auch du einen uralten Namen hast.« Hagen lachte, und es war betrübend, ihn lachen zu hören und zu sehen. Er lachte wie er sprach, stoßweise, bellend, und schien dabei eine unangenehme Empfindung zu haben, seine Züge erheiterten sich nicht, sie verzerrten sich.

Sollte der nervöse Bertram unter Menschengerathen sein, noch nervöser als er? An dem jungen Sohn des Hauses mit dem alten Gesichte war alles krankhaft, auch die Hast, mit der er aß, und der prahlerische Übermuth, mit dem er ein Glas Wein nach dem anderen hinunterstürzte.

Sein Vater richtete eine schüchterne Ermahnung an ihn, sie blieb wirkungslos und wurde nicht wiederholt; augenscheinlich fürchtete Weißenberg des Sohnes offenen Widerstand heraufzubeschwören.

Auch Sieglindchen verrieth eineBoa constrictor-Natur beim Verschlingen der thurmhohen Portionen, die sie sich vorlegte. Das Mittagessen war allerdings ausgezeichnet, und Bertram bedauerte, ihm nicht so viel Ehre erweisen zu können, als seine gastfreien Wirthe gewünscht hätten.

Was war’s, das ihm den Appetit raubte? Der Anblick der beiden jungen Fresser am Tische, die beängstigende Liebenswürdigkeit der Hausfrau, oder vielleicht die Nähe des Fräuleins von Weißenberg? Sie wirkte mächtig auf ihn, beschäftigte seine Gedanken, zwang ihn zu fortwährender Selbstüberwindung, um nicht der Versuchung zu unterliegen, sie gar zu oft anzusehen.

Eine eigentliche Schönheit konnte man sie nicht nennen, aber es war so vieles an ihr schön! Die Form des Kopfes, ihre Art ihn zu tragen, der wundervolle Ansatz des schlanken Halses, die reichen dunkelbraunen Haare, die Nase, der Mund, der hartnäckig schwieg und der, das glaubte Bertram zu errathen, doch so gern gelacht und gescherzt hätte. Und die streng blickenden Augen, dunkel wie die Flügel des Trauermantels, wie mußten die leuchten können, wenn ein Glücksgefühl sich in ihnen widerspiegelte!

»Es ist schrecklich, Sie essen nicht,« sagte die Baronin, und ihr Gast entschuldigte sich:

»O, bitte, warten Sie nur, in Kurzem wird sich Heißhunger bei mir einstellen, wenn ich nur erst zu taglöhnern anfange.«

»Wie meinen Sie das, zu taglöhnern?«

»Ich meine, daß ich arbeiten will wie ein Taglöhner.«

Alle lachten, sogar die Bedienten lachten verstohlen.

»Wie ein Taglöhner? mit Ihrer Bildung!« sprach die Hausfrau, und Bertram steigerte sich:

»Wie zehn Taglöhner,aus Bildung.«

»Mit diesen Händen?« Bertha sah bewundernd und Bertram sah verächtlich und grollend auf seine schmalen, wohlgepflegten Hände nieder.

»Die werden bald anders aussehen, die werden bald Schwielen haben, wie die deinen, Hugo. Wer keine Schwielen hat, kommt nicht in den Himmel, sagt Tolstoi.«

»Ach, Tolstoi,« flötete die Baronin, »der große Tolstoi, glauben Sie an ihn?«

Bertram war betroffen. Jetzt wußte sie auch von dem? Sollte sie ihre litterarische Unschuld verloren haben? Er scheute sich, Gewißheit zu erlangen über den heiklen Punkt und fuhr eifrig fort: »Ich will alles lernen, mähen, Garben binden, aufladen, pflügen, säen. Wonne und Erholung wird für mich sein, was Ihr schwere Arbeit nennt, weil Ihr die wirklich schwere nicht kennt.«

»Ein Vers,« rief Sieglindchen und verlor einen Augenblick alle Schüchternheit, »Das war ein Vers, Mama!«

»Ja wohl, mein Engel. O, sie hat ein Ohr!«

Sie hat sogar zwei Ohren und hübsch große,dachte Bertram und betrachtete sie mißtrauisch. Der Teufel soll mich holen, wenn die nicht dichtet.

»Wann bereisen wir meine Besitzungen, lieber Hugo?« fragte er.

»Morgen mit dem frühesten, natürlich.«

»Warum nicht gar schon nachts, wenn die Hähne krähen?« »Was halten Sie von Möricke?« interpellirte Frau von Weißenberg.

»Ich habe den größten Respekt vor ihm.«

Da fiel Hagen ein: »Respekt! Du wirst just Respekt haben vor so einem verschimmelten Pater. Überlasse die Heuchelei den Frauen, denen sie unabgeleistete Natur ist.«

»Unabgeleistete Natur?« wiederholte Bertram. »Oho! Du studirst Nietzsche?«

»Ich bet’ ihn an. Ich habe einen Gott gesucht und ihn in Nietzsche gefunden.«

»Hast Du? Wenn ich nur wüßte, der wievielte Du bist, von dem ich das höre.«

»Und wenn ich der zweite oder tausendste bin – seine Jünger sind wir alle. Das ist euch unheimlich, ihr Alten; das treibt euch alle Haare, die ihr noch habt, zu Berge.«

»Aber Hagen! aber Hagen!« hatte Weißenberg einmal ums andere, beängstigt und flehend gesagt und sich dabei nicht an den Sohn, sondern an den Instruktor gewendet. Der zuckte die Achseln:

»Es ist heute nichts mit ihm anzufangen, man muß ihn gehen lassen. Er produzirt sich, nicht bloß wie gewöhnlich vor dem Fräulein von Weißenberg, sondern auch vor Herrn Vogel.«

»Daneben geschossen, mein Lieber!« erwiderte sein Zögling. »Sich produziren! vor dir, Cousine! Als ob man das dürfte in seiner Gegenwart! Der girrende Ziska – eine neue Ziskaspecies, die girrende – brennt vor Eifersucht wie eine Pechfackel. Nicht wahr, Cousine?«

Gertrud hatte während dieses Intermezzos nicht mit einer Wimper gezuckt, nicht das geringste Zeichen von Ungeduld über das Jüngelchen gegeben, die mordbrennerischen Blicke, die Meisenmann ihr verstohlen zuwarf, ruhig ausgehalten. Und bei dem ehrfurchtsvoll auf sie gerichteten Blicke Bertrams wechselte sie wieder die Farbe und gerieth in Bestürzung. Wie sollte er sich das erklären?Was machte sie so verlegen vor ihm, sie, die den andern gegenüber wie eingefroren blieb in majestätische Gelassenheit?

VII.

Das Mittagsessen war vorbei, die Tafel wurde aufgehoben. Herr Meisenmann machte eine rasche, aggressive Verbeugung, die ganz unverkennbar den Wunsch ausdrückte: Hol euch alle der Teufel! und schoß davon. Mit anmuthigem Neigen des Hauptes verließ auch Gertrud den Speisesaal. Geschah das freiwillig oder auf Befehl? Nahm sie im Hause nicht die Stellung eines Familienmitgliedes, sondern die einer Erzieherin ein, und durfte sie den geheiligten Raum des Rauchzimmers, in das man sich jetzt begab, nicht betreten?

Bertram führte die Baronin zu ihrem Platze. Das war ein rechtwinkliges kleines Kanapée mit dünnen Beinen und so steifen Lehnen aus politirten Stäbchen, daß es im Bereiche der Sitzmöbel schwerlich etwas Steiferes gab. Es stand vor einem Tische, auf dem der schwarze Kaffee und verschiedeneLiqueurs servirt waren. Hugo bot dem Freunde Cigarren an, die er aus einer verschlossenen Lade geholt hatte.

»Vor dem da,« sagte er auf seinen Sohn deutend, »muß ich sie einsperren, er raucht mich sonst arm. Es sind meine Feiertagscigarren. Nimm, so nimm doch,« nöthigte er.

Bertram dankte: »Ich rauche nicht.«

»Rauchst nicht?«

»Nicht mehr.«

»Trinkst nicht, rauchst nicht,« sprach Weißenberg betrübt, »was thust du denn?«

»Ich spare, wie du weißt.«

Hagen, der schon eine schwere Cigarre angebrannt hatte, tippte mit dem Finger auf die kahle Stelle auf Bertrams Scheitel: »Trinkst nicht, rauchst nicht, eine Tonsur hast dir auch schon angeschafft, fehlt nur noch die Kutte.«

Sein Vater schob ihn etwas unsanft weg und entschuldigte sich bei seinem Gaste: »Wir gehen jetzt die Hunde füttern, sind gleich wieder da. Kommst du, Sieglinderl?«

Das Töchterchen hatte die Arme um die Tailleihrer Mutter geschlungen und fragte im Tone eines fünfjährigen Kindes: »Mama, darf ich Schifferl fahren?«

»Nicht unmittelbar nach dem Essen, mein Herzchen. Begleite jetzt den guten Papa und sieh zu, wie die Hündchen speisen. Dann kannst du Gertrud holen. Ich lasse ihr sagen, daß sie mit dir zum Fischerhause gehen und achtgeben soll, daß du nicht ins Wasser fällst. Du wirst ihr meinen Auftrag bestellen, ich weiß, mein Herzchen ist gewissenhaft.«

Mutter und Tochter umarmten einander, nahmen Abschied, als ob ihnen eine jahrelange Trennung bevorstände, und das Herzchen trampelte dem Vater nach.

Hagen hatte sein Mißfallen über die sentimentale Scene zwischen Mutter und Tochter in gewohnter Art durch ein mürrisches Gemurmel kund gegeben: »Kriegt man heute Kaffee oder nicht?« stieß er jetzt verdrießlich hervor.

Seine Mutter beeilte sich, ihm eine Tasse starken, aromatischen Mokkas einzuschänken, und er titulirte das köstliche Getränk, das reichlich ausder Kanne floß, mit dem beleidigenden Namen »Zwetschkenwasser.« Dann zog er sich mit seinen Vorräthen an Kaffee, Liqueur und Cigarren in die Ecke des Zimmers zurück, nahm dort Platz in einem großen Fauteuil und vertiefte sich in einen Band der Fliegenden Blätter. Sein Gemurmel hörte auch jetzt noch nicht auf: »Fliegende, sauberes Fliegen, sollten die kriechenden heißen. So dumm, zu dumm!« Plötzlich schwieg er, die Cigarre war ausgegangen, das Buch glitt von seinen Knieen zur Erde. Er schlief.

Seine Mutter hatte ihn voll Besorgniß beobachtet. Dieses »foudroyante Einschlafen,« wie sie sich ausdrückte, machte ihr unbeschreiblich bange. Es kam öfters über ihn, am Tage heißt das; bei Nacht hingegen, »floh der Schlaf seine Augen.« »O, es ist schwer!« Die Baronin seufzte, und das Kanapée, auf das sie sich setzte, seufzte auch.

Draußen erscholl lautes Hundegebell; die Thiere wurden nach der Abfütterung in den Garten hinaus gelassen. Bewegt und leise sprach die Baronin: »Mein guter Mann kommt zurück, und ich hätte Ihnen so gern ... ich muß Sie sprechen.«Ihre mächtige Persönlichkeit bekam etwas gretchenhaft Hinschmelzendes: »Ich muß Sie sprechen, lieber Vogelweid, im Vertrauen sprechen.«

»Nun, gnädige Frau, ich bitte, thun Sie es doch.«

»Jetzt? nicht jetzt, später.«

»Warum erst später?«

Sie schwieg, aber ihre flehenden Augen fragten: Verstehst du mich denn gar nicht? »Kein Wort davon, vor meinem guten Manne,« begann sie nach einer peinlichen Pause wieder, »ich beschwöre Sie!«

Weißenberg trat ein, und Bertha bemühte sich ihn anzulächeln; der Versuch mißlang kläglich, und die der Verstellung ungewohnte Frau war auf dem Punkte, in Thränen auszubrechen. Ein Schatten überflog das runde, freundliche Gesicht Hugos. Er trat voll Theilnahme heran und keilte sich höchst liebreich, aber mit schwerer Mühe zwischen seine Gemahlin und die Seitenlehne des Kanapées ein.

Placirt wären sie, dachte Bertram, wie sie aber wieder aufstehen sollen, das weiß Gott.

»Mein Bertherl hat schon mit dir gesprochen, seh’ ich von unserem Kummer;« Hugo wies mit einer Kopfbewegung nach seinem laut schnarchenden Sohne hin. »Ach, der giebt uns was aufzulösen, der!«

»Ja,« betätigte die Baronin, »und wir haben auf Sie gewartet und gehofft, Sie werden uns rathen und helfen, ja, auch darin.«

»Du hast neulich,« sprach Weißenberg, »ein Buch über Erziehung total in den Grund gebohrt und seinem Autor, einem großen Professor, famos heimgeleuchtet. Meine Bertha und ich, wir haben gleich gesagt: Wer so versteht, daß der andere nichts versteht, der versteht selbst sehr viel.« Er ließ sich durch das betroffene: »O, Nemesis!« das Bertram ausstieß, nicht beirren: »Ja, du verstehst’s, hast recht, unsere Schulen taugen nichts. Wie ausgetauscht ist mein Bub, seitdem er in die Schule geht. Du mußt dich noch erinnern, was für ein lieber Kerl er vor vier Jahren war.«

»Gewiß. Etwas verzogen zwar schon damals, aber ein liebes Kind und voll Talent.«

»Talent! was das betrifft« – die Eltern überboteneinander an Versicherungen, wie talentvoll, phänomenal talentvoll ihr Sohn sei, das wüßten sie wohl. »Aber,« meinte Weißenberg, »ein so starker Geist in einem noch unentwickelten Körper, das stimmt nicht. Die Mißstimmung ruft Nervosität hervor, und diese eine Menge kurioser Erscheinungen. Zum Beispiel heute sein Benehmen bei Tische. Deine Anwesenheit hat ihn aufgeregt, er wollte sich, wie Meisenmann ganz richtig sagte, vor dir produziren; du dürftest ihn für lümmelhaft gehalten haben, er war aber nur nervös.«

Die Baronin kam auf den Geist ihres Hagens zurück, den starken Geist, der Glück und Unglück in sich schließt, und verglich ihren Sohn mit einer Kerze, die einen Scheffel durchbrennt und dabei flackert und züngelt.

Bertram sagte, daß er den Scheffel nicht sehe, dem Gatten jedoch gefiel das Bild, und er preßte seinen linken Arm, der auf der Lehne des Kanapées ausgestreckt lag, sehr innig an den Rücken seiner Gemahlin. Ihr war furchtbar heiß, und ihr ästhetisches Gefühl litt unter dem Bewußtsein des unschönen Eindrucks, den die Einpferchung zweierdicker Personen in ein Sitzmöbel, das höchstens für zwei Elfengestalten berechnet war, hervorbringen mußte. So ließ sie denn die schüchterne Frage fallen, ob man nicht in den Garten gehen solle.

Weißenberg war dagegen: »Wir müssen ihm, bei dem wir Rath und Hülfe suchen, alles sagen, wir dürfen kein Geheimniß vor ihm haben, und so sollst du wissen, Freund, daß wir’s vor zwei Jahren in den Ferien mit Strenge versucht haben bei dem Burschen. Das war schrecklich, da hat sich die Nervosität bis zu Wuthanfällen gesteigert. Einmal lasse ich mich hinreißen und hau’ ihn, und er, auf mich losgegangen – ja! mit Augen wie rauchende Zündhölzeln, und dann plötzlich niedergestürzt, geschäumt und gezappelt. Wir, nach allen Richtungen um Ärzte ausgeschickt. Drei kommen. Zuerst zwei junge; die sehen ihn an und verordnen ein Gramm Bromnatrium drei Tage nacheinander vor dem Schlafengehen. Zuletzt kommt der Alte, der Kreisphysikus, schaut den Buben auch an und erklärt sich einverstanden mit der Verordnung der Kollegen. Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus, denken wir, und wie die zwei jungenfort sind, sagen wir: ‘Wirklich, Herr Kreisphysikus, hätten Sie dem Patienten auch nichts anderes gegeben als Brom?’ Er – so scheint es uns wenigstens – verbeißt ein Lachen: ‘Vielleicht doch,’ sagt er, ‘wenn ich statt in ein Schloß in eine Hütte gerufen worden wäre. Aber hier würde das Medikament, das ich ordiniren müßte, kaum verabreicht werden.’ Mehr war aus ihm nicht herauszubringen. Verstehst du den Orakelspruch?«

»Ich glaube fast.«

»Nun denn, leg’ ihn aus und handle danach.«

»Ich?« fragte Bertram erschrocken, »das kommt mir nicht zu.«

»Wir geben dir unumschränkte Vollmacht. Nimm dich unseres Buben an, er ist unser Glück, der Stolz des Hauses.«

»Seien Sie für ihn ein Arzt der Seele! Sie haben doch auch eine große Vorliebe für dieses schöne Buch?« sagte die Baronin gepreßt, nicht nur im bildlichen Sinne, denn ihr Gemahl rückte jetzt mit äußerster Anstrengung auf seinem Sitze vor und legte die mühsam frei gemachte Rechte auf Bertrams Kniee:

»Hilf uns, du kannst, du verstehst alles, man sieht’s aus deinen Kritiken. Welche Vielseitigkeit! sagen wir immer, meine Frau und ich.«

»Im Tadeln,« erwiderte Bertram. »Die Kunst, alles zu tadeln, erlernt man in meinem Metier. Aber, die Kunst, es besser zu machen, natürlich nicht. So habe ich denn auch von Kinderzucht keinen Dunst, ausgemacht ist mir nur, daß die deine, lieber Alter, und die Ihre, gnädige Frau, nichts taugt.«

»Dieser Meinung sind wir selbst,« sprach Weißenberg kleinmüthig, »unsere Kinderzucht hat Mängel. Gieb sie an, sag’ etwas Positives.«

»Etwas Positives ... Nun, wenn ich aufrichtig sein darf – diesen Mängeln abzuhelfen, scheint mir Hagens Lehrer nicht der rechte Mann.«

»Dich genirt der Czech und der Antisemit. Ja, Verehrtester, finde du mir heutzutage einen Lehrer, der nicht etwas ist, was er besser nicht wäre. Wir haben traurige Erfahrungen gemacht. Meisenmann hat Unarten, aber doch auch Qualitäten. Unterrichtet vorzüglich, ist famos in seinem Fache – Geschichte. Im Herbst wird er Professoram Gymnasium, und mit der Zeit ganz gewiß Direktor.«

»So? so!... Das ist das Holz aus dem ...« Ein neuer empörender Gedanke durchkreuzte Bertrams Hirn, eh’ noch der frühere ganz ausgesprochen war, und machte sich Luft in den Worten: »Und in deine Nichte ist er verliebt, der Mensch!«

Die Baronin lächelte sanft, Weißenberg massirte sein Kinn und war heiter. »Ja, der ‘Professor’ ist tüchtig verbrannt. Ob hoffnungslos? Jetzt hat’s freilich den Anschein. Doch wer weiß, was noch geschieht, wenn er sich nicht zu früh abschrecken läßt.«

»Und du würdest, und Sie, gnädige Baronin, würden zugeben, daß sie ihn nimmt?«

»Warum nicht? vorausgesetzt, daß er sie anständig versorgen kann,« sagte Hugo, und seine Gattin seufzte:

»Große Ansprüche darf sie nicht machen, die Arme.«

Schrecklich! Entsetzlich! Dieser Schwärmer sollte doch nur versuchen, sich um Euer Trampelgrundchen zu bewerben; er käme schön an. Ogute Menschen, wo bleibt Eure Güte, wenn’s abwägen gilt zwischen einer armen Verwandten und Eurer Brut! dachte Bertram und rief: »Ich fasse dich, ich fasse Sie nicht, Frau Baronin. Dieses Mädchen würden Sie wegwerfen an einen bornirten, giftgeschwollenen Taboriten!«

»Gieb acht!« warnte Weißenberg mit einem besorgten Blick auf seinen Sohn. Es war zu spät. Hagen regte sich.

»Unsinn. Ich habe nicht geschlafen, ich habe nur die Augen zugemacht, ich habe jedes Wort gehört, das ihr geredet habt.«

»Was hast du gehört? sag’ es, wenn du nicht als Großsprecher dastehen willst,« sprach Bertram mit unterdrücktem Zorne.

»Du hast meinen Korrepetitor beschimpft, hast ihn einen giftgeschwollenen Taboriten genannt.« Der Stolz des Hauses erhob sich: »Das sag’ ich ihm!«

»Thu’s, ich gönn’ dir die Freude.«

»O, lieber Vogelweid, wohin denken Sie? Es fällt ihm nicht ein. Er liebt es nur, sich selbst zu verleumden. Auch eine seiner Eigenheiten,«versicherte die Baronin. »Aber,« fragte sie in plötzlich verändertem Tone: »Wollen wir nicht jetzt in den Garten gehen?«

Ihr Gatte erklärte sich einverstanden, beide erhoben sich rasch und zu gleicher Zeit, und das kleine Kanapée folgte demselben Impulse. Der kurzen Verlegenheitspause, die dadurch entstand, machte Bertram ein Ende, indem er hinzusprang, die Hände auf die Lehne des wanderlustig gewordenen Sitzmöbels drückte und es zwang, seinen gewohnten Platz wieder einzunehmen.

VIII.

Die Pflege seines Gartens, das war die Erholung Weißenbergs, seine Liebhaberei. Er betrieb sie mit Kunst, mit Wissenschaft und mit Berücksichtigung der Mode, wenn sie nicht gegen ein Schönheitsgesetz verstieß: »Denn das giebt’s! ich glaube dran,« sagte er. »Ich lasse mich auslachen von meinem Buben und glaube an ewige Schönheitsgesetze.«

Er machte Bertram auf jede der Neuerungen aufmerksam, die er in den letzten Jahren vorgenommen hatte. Keine flachen Wiesen mehr, alle künstlich gewellt, wie sie vielleicht von Natur aus gewesen waren, bevor man sie, um den Garten anzulegen, »planirt« hatte. Anmuthige Hebungen und Senkungen, Hügel und Mulden, bewachsen mit dichtem, feinem Grase. Die Baumgruppen, nach den verschiedenen Farben des Laubes mit gutem Bedacht gepflanzt, sahen aus wie malerisch angeordnete Riesenbouquets.

»Erinnerst du dich des Perrückenstrauches, der bei den Pyramideneichen gestanden hat? Das war fad. Wir haben Blutbuchen hingestellt, kommen prächtig, machen sich besser – was meinst du?« Weißenberg mußte sich umwenden, wenn er mit Bertram sprechen wollte, und der mußte ihm die Antwort zuschreien, denn Hagen hielt ihn fortwährend zurück und brummte:

»Laß die Alten vorausgehen. Ich hab’ Dir etwas zu sagen.«

Auch du mein Sohn? Nun, wenn der Bursche mir sein Vertrauen schenkt, ist die Gelegenheit da,auf ihn einzuwirken, wie seine Eltern wünschen, dachte Bertram, und als Hugo sich wieder umsah, machte er ihm ein Zeichen. Der Freund verstand ihn sogleich, winkte freudig zustimmend und rief:

»Schau dir den Garten nur recht gemächlich an. Wir treffen uns dann bei der Fischerhütte.«

Der Vater und die Mutter schlugen einen Sturmschritt ein, um den Liebling so geschwind als möglich von ihrer unerwünschten Gegenwart zu befreien.

»Was die schlau sind, wie fein sie alles machen!« spöttelte Hagen. »Davon merk’ ich nichts, meinen sie, daß du auf mich dressirt worden bist und jetzt losgehen und mir ins Gewissen reden sollst. Für einen solchen Esel halten sie mich. Ich sag’ dir aber gleich: Spar’ deine Mühe. Ich bin kein Moraltrottel, ich bin ein überzeugter Nietzscheaner, stehe jenseits von Gut und Böse, und wer mir ins Gewissen spricht, spricht zu etwas, das nicht existirt.«

Bertram lachte: »O Nietzsche! großer Krankheitserreger! Welch ein Bacillengezücht hast du in diesem Jünglingsgemüthe ins Leben gerufen!«

Er sah den Burschen von der Seite an, der neben ihm dahinschritt, mit verdrießlich aufgeworfenen Lippen, die Nase in die Höhe gehoben, die Augenbrauen zusammengezogen, die Hände in den Taschen seiner Jacke vergraben. Ein Jüngling ohne Jugend, mürrischer Hochmuth die Krankheit, die an ihm zehrte, und den beständig Verletzten in beständiger Aufregung erhielt.

»Auf dem Gewissen kannst Du also nichts haben,« sagte Bertram, »aber du hast etwas auf dem Herzen. Sprich dich aus, ich höre.«

»Auf dem Herzen ist auch wieder zu viel,« erwiderte Hagen nachlässig. »Ich will dir einfach anzeigen, daß ich eine Novelle geschrieben habe.«

»Novelle? Geschrieben?« Bertrams Ton wurde plötzlich dräuend.

»Du wirst das Manuskript auf deinem Zimmer finden. Du kannst es lesen. Du kannst es drucken lassen.«

Bertram schnaubte ihn an: »Ich werde von deiner Erlaubniß keinen Gebrauch machen; ich bin nicht hierher gekommen um zu lesen, sondern um vom Lesen auszuruhen. Wie oft werde ich dasnoch wiederholen müssen! – Daß du schreibst,« er maß den Jüngling von oben bis unten, »hätte ich mir denken können. In Eurem Städtlein erscheint ein Blättchen, war einmal ehrsam, ist jetzt ein Schandblättchen, das von frechen Bübchen herausgegeben wird. Da mußt du ja Mitarbeiter sein.«

Beide waren stehen geblieben. Auf Hagens wuthverzerrtem Gesicht bildeten sich grünliche Schatten; seine Augen schwammen in unheimlich phosphorescirendem Lichte: »Bübchen! Bübchen ... Satisfaktion!« keuchte er, seine Glieder zuckten konvulsivisch, er wankte und schien im Begriffe niederzustürzen. Bertram sah schon eine Wiederholung des Auftritts voraus, den Weißenberg ihm eben geschildert hatte; er empfand einen großen Ekel vor dieser Ohnmacht, die es nicht einmal zu einem tüchtigen Zornesausbruche bringen konnte, und zugleich bereute er, den Rangen so schwer gereizt zu haben.

»Beruhige dich, Hagen,« sagte er. »Ich bin ein nervöser Mensch, den gewisse Worte, zum Beispiel: ‘Novelle,’ ‘Manuskript,’ ‘drucken lassen,’ außer Rand und Band bringen. Nun hab’ ich mich wieder im Zaume. Mache mir’s nach, Selbstbeherrschung,mein Lieber! Wenn ich dir sage, ich bedauere, dich geärgert zu haben, ist dir das Satisfaktion genug?«

Hagen hatte sich leidlich gesammelt. Ohne den Kopf nach Bertram zu wenden, hartnäckig und steif in die Ferne blickend, brummte er: »Lies meine Novelle, dann reden wir weiter. Die Katz im Sack brauchst du nicht zu kaufen. Aber schweige, das bitte ich mir aus. Für meine Alten schreibe ich nicht. Wirst du meine Novelle lesen?«

Ein schreckliches Wesen, der Junge, aber der Sohn des Mannes, dem Bertram so viel verdankt – es sei!

»Ich werde sie lesen – in Gottes Namen. ‘In Gottes Namen, sprach sie dann, und weinend hielt er sie umfangen,’« deklamirte er und setzte bärbeißig hinzu: »Das hast du von mir nicht zu befürchten, Miseräbelchen!«

»Miseräbelchen?«

»Ich citire! Ich citire! Kennst du das schöne Gedicht vom Miseräbelchen nicht?«

»Nein,« erwiderte Hagen wegwerfend. »Ich lese keine Gedichte.«

»Ich aber soll deine Novelle lesen? Na, ich hab’s gesagt – und ‘wenn was auf Erden heilig ist’« ... Er schüttelte sich.

Wäre er jetzt zu Hause gewesen in seiner Bratröhre, am Schreibtisch unter der Gasflamme, die trübseligste Entmuthigung würde ihn ergriffen haben als Rückschlag seines Entschlusses. Aber er war auf dem Lande, in einem reizenden, von Wiesen, Hainen und Wäldern umgebenen Garten. In der Ferne vor ihm bauten sich schön bekuppte Bergketten auf, im Westen, wo das grüne Land mit dem Horizont zu verschwimmen schien, war die Sonne untergegangen und sandte der Erde ihre leuchtenden Abschiedsgrüße zu, lohende Lichtstrahlen, die ein »Auge Gottes« bildend, fächerartig ausgebreitet, hoch hinaufstiegen bis ans Himmelsgewölbe.

»Athmen ist Glück!« rief Bertram plötzlich aus und jauchzte in jähem Stimmungswechsel:

»HerrlicherSonnenuntergang, dem bald, o Wonne, eine göttliche Sternennacht folgen wird, und morgen wieder ein freier Tag im Freien!«

Er lief mehr als er ging der Fischerhütte zu,bewunderte überströmenden Herzens den Teich, der vergrößert worden war, und eine unregelmäßige Form bekommen hatte, gerieth in Entzücken über den Springbrunnen, den »musikalisch niederplätschernden,« wie die Baronin sagte, und war höchlich einverstanden, als die Hausfrau vorschlug nach dem Schlosse zurückzukehren und den Thee auf der Terrasse »einzunehmen.«

Nur gegen das letzte Wort erlaubte er sich zu protestiren: »Trinken, Hochverehrte! nicht einnehmen. Einnehmen mahnt an die Apotheke, und wir sind frisch und gesund.«

Seine Fröhlichkeit weckte in jedem einzelnen der Gesellschaft ein mehr oder minder lautes Echo. Die Baronin führte munter eine so lange Reihe von Büchertiteln und Autoren an, daß in Bertram der Verdacht aufstieg, sie habe, um ihm ein Fest zu bereiten, einen Leihbibliothekskatalog auswendig gelernt. Er machte unwillkürlich eine abwehrende Bewegung, als alle die Namen ihn umtanzten wie ein unsichtbarer Fliegenschwarm, und sagte mit forcirter Höflichkeit:

»Ein neuer Vorzug, gnädige Baronin, Ihr Interesse für Litteratur. Ich bin erstaunt ...«

»Sie haben keine Ursache! Sie nicht!... Sie, der Urheber dieses Interesses. O, lieber Vogelweid, Ihre Romane und Ihre ‘Überblicke!’ Stumpf müßte man sein, um nicht von ihnen gepackt und hingerissen zu werden; mitten hinein in den Strom des geistigen Lebens unserer Zeit ...«

Sie spricht gut, meine Frau, dachte Weißenberg einmal wieder, und rieb sich vergnügt die Kniee.

»Meine ‘Überblicke’,« sagte Bertram schmerzlich, »das Seichteste, das es giebt. – Ist’s möglich?... Über die selbstgeflochtenen Ruthen!«

Die Baronin wußte nicht recht, was er damit meinte und bat ihn dann aufs Gerathewohl, nicht so bescheiden zu sein.

Ihr Gatte wurde immer heiterer, fing an, Jugenderinnerungen aufzuwärmen, und sang ein lustiges Studentenlied: »Ipse fecit!Und der Text ist von dir, Mann des Tages. Das waren Zeiten! Einige Neidhammel behaupteten freilich Ähnlichkeiten zwischen unserm Meisterwerk und schon Dagewesenem zu entdecken ...«

»Ein czechischer Kollege machte sogar Vaterrechteauf das Kind unserer Talente geltend. Halb und halbe Rechte, die wir ihm ganz zugestanden. Hören Sie, Herr Meisenmann, so nachgiebig sind wir von jeher gewesen.«

Die röthlichen Bärte des Angeredeten schimmerten siegreich, er zuckte wieder mit den Achseln: »Ja, selbst die Deutschen geben nach, wenn sie nicht anders können,« erwiderte er.

Zwischen der Baronin und Sieglinde fand eine leise, aber eifrige Debatte statt: »Mir zu Liebe, Lindchen,« – »Ach, Mama, nein – ich bitte dich!« wurde hin und her geflüstert. Endlich durfte Mama der Versammlung ankündigen, daß Lindchen ein Gedicht vortragen werde. »Es ist nur, um ihr das Verlegensein abzugewöhnen,« hauchte sie Bertram im Vertrauen zu.

Sieglinde sprach unter schweren Athembeklemmungen den Wanderer von Friederike Kempner und bereitete damit dem Auditorium ein wahres Vergnügen. Sogar Hagen ließ sich zu einem gnädigen: »Nicht übel!« herbei.

Die Kirchenmaus blieb zwar stumm, aber etwas weniger bedrückt, um einen Schein zuversichtlicherals am Nachmittage war sie doch. Es kam sogar einmal vor, daß sie Bertram, der eben sehr lebhaft sprach, ansah,sie ihn– o des lieblichen Wunders! – ganz kurz, aber recht aufmerksam. Und er studirte – o des wonnigen Studiums! – jeden Zug ihres holden Gesichtes, jedes kaum merkliche Stirnrunzeln, jedes Lächeln, das um ihren jungen, klugen, ausdrucksvollen Mund erschimmerte. Es zeigte sich in dem Augenblick, in dem sie ihn ansah und verrieth eine angenehme Überraschung: Schau, schau, du bist nicht so arg, wie ich mir eingebildet hatte, sprach’s ganz deutlich für den, der sich auf solche Sprache versteht.

IX.

Mit dem Schlage zehn Uhr wünschte Hugo den Seinen eine gute Nacht und forderte den Freund auf, auch zu Bette zu gehen: »Morgen in aller Gottesfrüh reiten wir. Nimm dir Zeit, auszuschlafen.«

Bertram stand rasch auf. Sich Zeit nehmen können, ausschlafen können – das war ihm all dieTage als Inbegriff der Seligkeit erschienen. Er empfahl sich und folgte dem Hausherrn nach, der ihn an der Thür erwartete. Sie traten in den hell erleuchteten Gang hinaus:

»Du gehst rechts, ich gehe links,« sagte Weißenberg. »Begleite dich nicht, will dir gestehen, ich dusele schon. Morgen also pünktlich ... Aber,« unterbrach er sich, »was hast du denn? Bist roth geworden wie mein Sieglinderl.«

»Gute Nacht, du Guter,« erwiderte Bertram, und der Freiherr gab sich mit der Antwort zufrieden und segelte schlaftrunken seinen Gemächern zu.

Was hast du? hatte er den armen Bertram gefragt. Daß er sich reif fühlte, aus dem Hause geworfen zu werden, oder sich selbst hinauswerfen zu müssen, das hatte er. Als er eben auf die Baronin zugegangen, um ihr die Hand zu küssen, war sie aufgestanden, ihm entgegengeschritten und hatte ihm zugeraunt:

»Ich muß Sie sprechen, Sie wissen.«

Und sie war dabei unaussprechlich bewegt gewesen. Wie durfte sie sich erlauben, bewegt zu sein? Donner und Doria! war’s nicht genug, daßseine elenden »Überblicke« ihr Interesse für Litteratur erweckt hatten, sollten seine verdammten Romane einen noch viel ärgern Schaden angerichtet haben? Schwärmereien für Künstler, für Schriftsteller, auf ein Bildwerk, ein Buch hin, kommen vor bei den edelsten Frauen, ja sogar nur bei denen. Geburten der Phantasie, nichts anderes; aber so eine sechsunddreißigjährige Phantasie ist zäh, giebt ihre Geburten nicht leicht wieder her ... Wenn es wäre, wenn er unschuldig schuldig, ahnungslos zum Verräther am Freunde geworden wäre, dann bleibt ihm nichts übrig, als sein Ränzel packen und – entfliehen. Dann ist ihm der Boden unter den Füßen weggerissen, sein eigner Grund und Boden, bevor er ihn noch betreten hat.

Von den schmerzlichsten Gedanken gequält, ging er weiter. Sein Weg führte an der Thür des Kammerjungferzimmers vorbei, sie war nur angelehnt, er hörte dahinter kichern und wispern, fast schien es, als ob ihm dort aufgelauert würde. Wenn er in Palermo wäre, könnte er an einige von Hugo gemiethete Banditen denken. Plötzlich stürzte jemand aus dem Zimmer, aber es war kein hagererBandit, sondern eine kleine, dicke Person (in diesem Hause wurden die meisten dick), und wie mit tollkühnem Entschluß auf Bertram zu. Ebenso plötzlich gurgelte sie ein seltsames Gemisch von Angstgeschrei und Gelächter hervor und rannte wieder in das Zimmer zurück, wo das Gekicher und Gewisper sich in verstärktem Maße erneuerte.

Die hat sicher gemeint, ihren Liebhaber kommen zu hören und ist jetzt enttäuscht, nur mich getroffen zu haben, sagte sich Bertram, bog um die Ecke des Ganges und betrat seine Wohnung.

O Behaglichkeit, was für eine schöne Sache bist du! Wie wohl ist einem da zu Muthe, wo du herrschest! In diesen hohen, geräumigen Stuben genießt man dich, man athmet dich ein. Beide Flügel der Schlafzimmerthür sind geöffnet, das große, herrliche Bett ist zur Nachtruhe sorglich hergerichtet, die schneeweißen Polster, die seidene Decke verbreiten einen zarten Lavendel- und Veilchenduft und schimmern im matten Scheine zweier, von einem Lichtschirme beschatteten Kerzen. Im Wohnzimmer aber, auf dem runden Tische, brennt eine stolze Bronzelampe, so hell, wie Lampen nur inganz gut geführten Häusern brennen. Unter der Lampe liegt ein unheimliches Ding, ein Manuskript in Folio, mit zahlreichen Tinten- und Fettflecken, mit umgebogenen, abgestoßenen Ecken – Hagens Novelle. Bertram gruselte es, er wandte sich rasch um und stand vor Simon, der ihm auf dem Fuße gefolgt war. Der Alte wollte sich dem Herrn Doktor durchaus nützlich machen beim Auskleiden und war trotz alles Protestirens nicht wegzubringen. Bertram täuschte sich nicht über den Grund dieses hartnäckigen Diensteifers.

»Sie wollen etwas von mir, ich weiß ja,« sagte er ärgerlich, »kommen Sie nur heraus mit der Sprache.«

So aufgemuntert trug Simon sein Anliegen, das der sämmtlichen Dienerschaft und auch der Beamten, vor. Die Sache war die. In acht Tagen feiert der Herr Verwalter seine silberne Hochzeit. Der Herr Verwalter hat zwei Töchter, von denen jede »etwas aufsagen« soll. Die eine etwas Böhmisches, und daran lernt sie schon auswendig, der Herr Meisenmann hat’s gemacht. Aber die Bevölkerung von Obositz besteht auch aus deutschenGemeinden, und der Herr Baron und der Herr Verwalter sind für Gleichberechtigung der Nationalitäten. So braucht man denn für die zweite Tochter eine deutsche Ansprache. Herr Meisenmann hat auch die machen wollen, aber alle Leute haben gesagt: Gott bewahre! Wenn der Herr Doktor da sind, wird man doch von keinem anderen ein Gedicht machen lassen, das wäre ja eine Beleidigung.

»Beleidigung!« Bertram donnerte den Alten an, daß er vor ihm zurückwich. »Glauben Sie, daß ich hierher gekommen bin, um Gedichte zu silbernen Hochzeiten zu machen? Sie sind nicht gescheit, Simon.«

»Jekerle, bitte,« sprach Simon kleinlaut, »die Frauenzimmer haben mich anstiftet, ich soll dem Herrn Doktor sagen. Die Frauenzimmer haben dem Herrn Doktor selbst sagen wollen, aber nicht können, haben nicht herausbracht. Die Köchin, die ist die Schwester der Frau Verwalterin, und die Kammerjungfer, die eine Cousine der Köchin ist ...«

»Könnten Sie mir die Verwandtschaften nicht aufschreiben?« fragte Bertram grimmig.

Simon, einmal im Zuge, ließ sich nicht irre machen. Die Köchin, die das beste Mundstück hat, erzählte er weiter, hat dem Herrn Doktor aufgepaßt bei der Kammerjungfer, und wie er vorübergeht, ist sie herausgeschossen und auf ihn zu. Wie sie ihm aber in die Nähe kommt, verliert sie die Kourage und ist wieder hineingeschossen, sie fürchtet sogar – mit Geschrei. Und jetzt schämt sie sich und hat schon geweint und schwört bei allen Heiligen, daß sie sich lieber die Zunge abbeißen, als den Herrn Doktor je wieder ansprechen wird.

Bertram erklärte schon sehr aufgeregt: »Einen gescheiteren Entschluß hätte sie nicht fassen können.«

Das kränkte den Alten, und er fragte mit großer Bitterkeit, wie es jetzt aussehen werde mit der Gleichberechtigung? Die Landsleute des Herrn Doktors hätten ihm eine Ehre erweisen wollen und nicht erwartet, daß er sie zum Dank dafür ganz und gar von der Gnade des Herrn Meisenmann abhängig machen werde.

Bertram erwiderte: »Meine Landsleute sind die Mährer ebenso gut wie die Deutschen. Ichbin ein Österreicher, ich habe ein Vater- und ein Mutterland, und wenn Sie glauben, daß ich hierher gekommen bin, um Öl ins Feuer der ehelichen Zwistigkeiten meiner Elternländer zu gießen, sind Sie auf dem Holzwege.« Er wurde heftig, er verstieg sich derart ins Maßlose, daß er sich vorkam wie eine Feuerwerksrakete, die mit lächerlichem Spektakel in die Höhe fährt, um dort oben gar nichts auszurichten. Das sind die Nerven, dachte er und war auch schon voll Reue, und Simon that ihm leid, der, völlig geknickt, kein Wort von allen, die Bertram hervorsprudelte, verstand, sich aber von jedem im Innersten und Heiligsten beleidigt fühlte. Er nahm sich vor, es genau so zu machen, wie die Köchin und den Herrn Doktor nie mehr um etwas anzusprechen. Mit diesem Entschlusse wollte er das Zimmer verlassen.

Aber der stille Kampf Bertrams war ausgekämpft, und er holte Simon zurück: »Sie unbarmherziger Mensch, verfallen Sie nicht in Stummheit, das ist mir schrecklich. Ich gebe nach, ich will den Kelch leeren, den ihr Giftmischer mir zum Willkommsgruß – na! Ich mache euch dasGedicht. Schon gut,« lehnte er die Dankesbezeugungen ab, in die Simon ausbrechen wollte. »Aber Daten brauche ich,« rief er, »geben Sie mir ein paar Daten.«

»Wie meinen?«

»Ich meine, daß ich etwas wissen muß von Ihrem Herrn Verwalter, wenn ich ihn ansingen soll. Also goldene Hochzeit, sagen Sie?«

»Silberne, bitte, Herr Doktor.«

»Ganz recht, ich habe mich nur versprochen. Und allgemein beliebt ist er?«

»O, und wie, bei alle braven Leut’! Schlechte giebt freilich auch.«

»Für die schlechten dichten wir nicht, Simon. Also« – er gähnte. Wie ein Gewappneter kam der Schlaf über ihn; er begann seine Kleider abzulegen und ließ sich dabei Simons Dienste gefallen: »Und sagen Sie mir noch – ist er verheirathet?«

»Jekerle, Herr Doktor, wenn er silberne Hochzeit hat!«

»Und Kinder hat er auch?«

»Aber bitte, ja, die zwei Töchter, bitte, die aufsagen sollen.«

Sie waren während dieses Zwiegespräches aus dem Wohn- ins Schlafzimmer und bis ans Bett gelangt. Simon betreute den Gast wie eine Mutter ihre Tochter, die morgen debutiren soll, zog, als er sich auf dem köstlichen Lager ausstreckte, die Decke über ihn und löschte die Lichter. Bertram sah ihn noch die Lampe vom Tisch nehmen und hörte ihn die Thür schließen. Dann war alles dunkel und still.

Nach einer Weile lag er aber nicht mehr im Bette, sondern stand auf der Wiese, hatte grüne Arme, einen blauen Helm auf dem Kopf, einen Apfel in der Hand und war ein Rittersporn und zugleich Paris und sollte den Preis der Schönheit ertheilen. Eine Theerose, eine dicke Gretl in der Staude, und eine Wunderblume, dergleichen er nie erschaut hatte, bewarben sich darum. Er wußte wohl: die Theerose ist die Dame aus dem Coupé, und die Gretl in der Staude seine zu gnädige Hausfrau. Wer aber ist die Wunderblume? Und ist sie schön?Daswußte er nicht, er konnte sie nicht einmal deutlich sehen, so nahe sie ihm auch stand. Dennoch trat er auf sie zu und reichte ihr den Preis. Der war aber kein Apfel mehr, sonderneine Goldfeder von Morton in New-York und schrieb mit silbernen Lettern einen Hochzeitscarmen.

X.

Am nächsten Morgen war Bertram fast so früh auf wie die Sonne und mit dem Ankleiden fertig, als Simon kam, um ihm dabei behülflich zu sein.

»Sind schon lange wach, Herr Doktor, haben vielleicht nicht schlafen können?« fragte der Alte und warf suchende Blicke umher, die den leicht gereizten Bertram sofort ungeduldig machten.

»Sie suchen umsonst,« sagte er. »Das Gedicht liegt weder da noch da, noch dort,« – er deutete auf das Bett, den Nachttisch und die Badewanne. – »Das Gedicht ist noch nicht gemacht. Sie müssen die Güte haben, zu warten, bis ich nach Hause komme. Jetzt reit’ ich fort.«

Simon erwiderte zugleich beschwichtigend und ermunternd: Eine ganze halbe Stunde habe der Herr Doktor vor sich und müsse doch frühstücken;aufgetragen sei schon. Wirklich hatte ein Diener den Tisch im Wohnzimmer gedeckt und mit so guten Sachen besetzt, daß ihr bloßer Anblick jeden gesunden Menschen erheitert hätte. Aber einer, der zum Dichten gepreßt wird, den erheitert nichts, dem gefällt und schmeckt nichts. Bertram trank eine Tasse vorzüglichen Thees und gedachte dabei recht mit Fleiß all des Bösen, das »V. Vischer« diesem edlen Getränk nachgesagt hat. Es rächte sich, wie’s dem Edlen geziemt, es erfüllte seinen Ankläger mit wohligem Behagen, klärte ihm den verträumten Geist und erweckte ihm die erlösende Erinnerung an eine, ihrerzeit vielgerühmte Elegie auf den Tod eines Professors, die er als Student gemacht hatte. Sie ließ sich für die jetzige Gelegenheit adaptiren. Der Enthusiasmus, mit dem darin die Beliebtheit, die Tugend und das Eheglück des Professors besungen wurden, sollte nun den silbernen Hochzeitern zu Ehren noch einmal verwerthet werden. Man brauchte nur jedes »deine« in ein »eure,« jedes »du warst« in ein »ihr seid« zu verwandeln, den Kindersegen bedeutend zu vermindern und das ganze Opus aus der wehmüthigenMoll- in eine freudige Cis-Durtonart zu transponiren. Bertram wollte eben an die Arbeit gehen, als ihm gemeldet wurde, die Pferde seien vorgeführt. Da nahm er seinen Hut und eilte so rasch hinab, als ob er gefürchtet hätte, daß sie wieder davon laufen könnten.

Der Freund trat mit ihm zugleich vors Haus. Er kam aus dem Garten, wo er seit einer Stunde schon Gebüsche ausgeschnitten und Gras geschoren hatte. Sein Diener brachte eine Reitpeitsche, an der längst der Smiß fehlte, ein paar große, uralte Handschuhe und Gamaschen, die aus der Haut eines vorsintfluthlichen Thieres gemacht schienen. An den Füßen trug der Baron ein paar starke, sehr abgenützte Schuhe, sein breiter Oberkörper war in einen kurzen, grünen Rock eingepreßt, und auf dem Kopfe saß ihm ein braunes, zerquetschtes Hütlein mit schmaler Krempe, unter dem rückwärts die Glatze hervorguckte.

Im Nu war er im Sattel; für Bertram hatte das Aufsteigen einige Schwierigkeit, und als die glücklich besiegt war und sein Pferd sich, ohne eine Aufforderung dazu abzuwarten, in Trab setzte, befielihn ein Schwindel, er wurde blaß und machte die kläglichste Figur.

»Was, Teufel, was hast?« fragte Hugo. »Sitz’ grad’, halt’ dich nicht am Zügel. Courage! Das Pferd ist ja gar kein Pferd, ist ja eine Kuh!«

Bertram hatte aber vier Jahre lang nicht einmal auf einer Kuh gesessen. Ihn beseelten zwei heiße Wünsche: bald ankommen, und nicht vom Pferde fallen. Die Freunde ritten im gemüthlichen Zotteltrab quer über die Wiese. Rechts von ihnen lag schmuck und wohlgepflegt ein Musterwäldchen, links stieg der Boden sachte auf, und die kleinen Anhöhen, hinter denen die Lepiden blauten, waren von den schneeweiß getünchten Stationen eines Kalvarienberges gekrönt. Vor den Reitern blinkte es manchmal wie Funken auf, am hellen Horizonte. Die vergoldeten Kreuze auf den Kirchen und Kirchthürmen der erzbischöflichen Stadt erglänzten im Morgensonnenschein. Jenseits des Wassers erhoben sie sich, des klaren Gebirgsstromes, der seine Umgebung verschönerte, befruchtete oder auch – verheerte.

Bis zum Meierhof, dem der Freiherr undBertram entgegenritten, war er aber noch nie gedrungen. In respektvoller Entfernung von ihm aufgebaut, genoß die stattliche Besitzung die Segnungen seiner Nachbarschaft, ohne von ihren Gefahren bedroht zu werden.

Der Weg wurde schmaler, er führte jetzt durch eine Allee von Obstbäumen. Hugo sah sich nach allen Seiten um, sah auch alles, kümmerte sich um alles, nur nicht um sein Pferd. Mit dem war er wie verwachsen, der reine Centaur, der dicke, alte Herr. Er ritt, wie ein anderer zu Fuß geht, lief mit vier Beinen statt mit zweien, das war der Unterschied.

»Schau,« sagte er und deutete auf einen frischen, tiefen Hieb, der einem jungen Apfelbaume offenbar mit der Axt beigebracht worden war. »Und schau, da und da!« Eine ganze Reihe von Bäumen war so bis aufs Mark zerhauen.

»Dumme Verwüstung,« rief Bertram, »wer thut das? Und warum geschieht’s?«

»Sagen wir aus Übermuth,« erwiderte Hugo achselzuckend, und der Freund bewunderte seine Gelassenheit, sein geistiges, moralisches, und in diesemAugenblick ganz besonders, und mit entschiedenem Neide, sein physisches Gleichgewicht.

In der Nähe des Meierhofes befand sich eine kleine Ansiedlung. Eine Gruppe von zehn Häusern. Jedes Haus hatte ein Gärtchen, und in jedem Gärtchen standen Bäume, und alles war nett und sauber gehalten und machte den Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit.

Der Baron stellte sich auf in den Bügeln, richtete die Spitze seiner Reitgerte auf ein graues Schieferdach, das zwischen dem Meierhofe und dem letzten der kleinen Häuser sichtbar wurde, und sprach: »Da guckt’s schon heraus, dein Palais.«

Bertram riß den Hut vom Kopfe, schwenkte ihn in der Luft und jauchzte: »Hoch Palais Vogelweid! Nein, nicht Palais, nicht Vogelweid, Haus. Vogelhaus!«

»Gieb acht!« schrie Hugo. Hinter ihnen kam ein Reiter im Galopp einhergesaust. Es war Hagen, der sie einholte, und vorüberjagte, ohne Notiz von ihnen und dem Schrecken ihrer Pferde zu nehmen. Der Braune des Freiherrn machte eine Lançade, die den Reiter aber kaum im Sattel hob.Mit einer Mischung von Ärger und Stolz blickte er dem Sohne nach:

»Da reitet er wieder die Fohlenstute, was ihm streng verboten ist. Ich hab’s in meiner Jugend auch weit gebracht im Ungehorsam, aber so weit wie der lange nicht. Und wie er oben sitzt, wie ein Schneider!« Bei diesen Worten wendete er sich nach dem Freunde um, vermißte ihn aber auf seinem früheren Platze. Der Sattel der Kuh war leer, sie begann eben gemüthlich zu grasen, und jenseits von ihr auf der weichen Wiese, die beiden flachen Hände auf den Boden gestemmt, saß Bertram und schien äußerst erstaunt.

Weißenberg hielt sein Pferd an und sagte: »O jeh!«

»Ja wohl,« erwiderte Bertram. »Wie Hagen so vorbeigewettert ist, da muß sie erschrocken sein, die Kuh, und da hat sie sich geschüttelt.«

»Und da hat sie dich hinuntergeschüttelt. Macht nichts, steig’ nur wieder auf.«

»Um keinen Preis. Zu Fuß will ich mein zukünftiges Daheim betreten, ehrerbietig wie Washington auf der Rückkehr von seinen Siegensein Mutterhaus betreten hat.« Er hing die Zügel seines Rosses über den Arm und ging wohlgemuth neben Weißenberg, der sein Pferd in Schritt gesetzt hatte, einher. »Das Glück trägt mich, was soll ich mich von einem Pferde tragen lassen!«


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