11.

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»Es ist schon Mitte August, und die Abende werden merklich kürzer. Ich zählte heute morgen acht braune Blätter auf dem Pflaumenbaum. Jeder Sommer ist kürzer als der vorhergehende. Talbot, ich glaube, ich werde alt,« sprach Gräfin Florence.

Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. Es war sehr langweilig gewesen. Sir Jasper war in seiner wortkargsten, unnahbarsten Stimmung. Harry und Roy hatten in Arborfield gesessen. Jetzt hatte man den Baron sich selbst überlassen, damit er bei seinem Glase Wein ein Schläfchen halte oder grüble, wie es ihm beliebte. Lady Agathe hatte sich in ihren Roman vertieft, und Cis war verschwunden, — wahrscheinlich, um sich in ungestörter Einsamkeit weiter zu langweilen. Chichester, der beim Betreten des Salons seine Braut an einem der hohen Terrassenfenster stehen sah, hatte sich naturgemäß zu ihr gesellt.

»Ja, jeder Sommer ist kürzer als der vorige. Ich glaube, ich werde alt, Talbot!« wiederholte Gräfin Florence mit einem Seufzer.

Aber sie lachte, während sie das sagte, denn sie wußte, daß sie Unsinn sprach. Sie sah in der Tat heute abend fast wie ein Kind aus. Sie trug Schwarz, was mitunter eine Laune von ihr war, einen leichten,wolkigen und so dünnen Stoff, daß ihre weich gerundeten Schultern und Arme weiß hindurchschimmerten. Sie hielt einen großen hellblauen Federfächer in der Hand, und ein Sammetband derselben Farbe hielt den lose verschlungenen Knoten ihres kastanienbraunen Haares zusammen. Ihre Lippen waren dunkelrot, ihre lachenden Augen sahen im Zwielicht fast schwarz aus.

Chichester blickte zu ihr nieder und lächelte nachsichtig und beifällig. Er bewunderte ihre Schönheit wirklich sehr. Unter den Familienbildern in Highmount gab es viele liebliche Frauengesichter, aber keines war schöner als das ihre. Es war ihm lieb, daß dem so war, und es mahnte ihn daran, daß er ihr heute abend etwas Besonderes zu sagen habe.

»Alt?« wiederholte er. »Meine liebe Florence, das wird noch einige Jahre dauern, ehe ich das von mir selbst sage — wie viele also, ehe du es zu tun brauchst. Willst du nicht Platz nehmen? Ich möchte etwas mit dir besprechen.«

Er schob einen ihrer Lieblings-Schaukelstühle für sie in die Fensternische; er war immer außerordentlich aufmerksam und artig. Florence blickte widerstrebend auf den Sessel nieder und schnitt eine kleine Grimasse. Vielleicht wußte sie nur zu gut, wovon er reden wollte. Der Gegenstand war ihr sehr unerwünscht, aber sie war in schalkhafter Stimmung und aufgelegt, ihn zu necken. Sie setzte sich schmollend.

Er zog seinen eigenen Stuhl dicht an den ihren und nahm ihre Hand. Gerade so hatte er es gemacht,als er um sie anhielt. Daran mußte das junge Mädchen denken.

»Ich habe schon mit Sir Jasper über unsere Hochzeit gesprochen,« hub er an, »ich möchte, daß sie bald stattfände. Ich bitte dich, so bald wie möglich einen Zeitpunkt zu bestimmen! Je früher, desto besser, — das brauche ich wohl kaum hinzuzusetzen.«

Er küßte ihr die Hand, und wieder wurde sie an den Tag, an dem er sich mit ihr verlobte, erinnert; sie wußte noch sehr wohl, wie sie dankbar und erleichtert aufgeatmet, daß das alles gewesen, was er getan.

»Ich sehe nicht ein, daß irgendein Grund zur Eile vorliegt,« versetzte sie. »Wir sind erst seit kurzer Zeit verlobt!« Ihre Stimme nahm einen weichen, einschmeichelnden Klang an. »Es kommt mir vor, als sei es erst gestern gewesen!«

»Es sind zwei Monate — eine ziemlich lange Zeit!«

»Nein, nein — eine sehr kurze Zeit! Cis und Harry, die seit undenklichen Zeiten verlobt und seit einer Ewigkeit ineinander verliebt sind, haben noch nicht einmal angefangen, über ihre Hochzeit zu reden!«

»Möglicherweise nicht,« beharrte Chichester. »Ich sehe wirklich nicht ein, was uns das angeht. Ich hoffe, du wirst die Frage in Erwägung ziehen. Du wirst sicherlich keinen Grund haben, weshalb du das nicht tun solltest.«

»Keinen Grund?« Sie lehnte sich in ihren Stuhl zurück und lachte übermütig. »Ich könnte dir einDutzend an den Fingern herzählen, aber ich will barmherzig sein und nur einen anführen — die Herzogin!«

»Die Herzogin? Sie hat ihre Einwilligung gegeben!«

»Zu unserer Verlobung — ja. Aber, daß wir auch nur an unseren Hochzeitstag denken ohne ihre erhabene Erlaubnis — nein, tausendmal nein! Und du verlangst wirklich, daß ich den Tag bestimme, solange sie in Pontresina weilt? Unmöglich!«

»Du meinst, wir müssen die Dinge lassen, wie sie sind, bis sie nach England zurückkehrt?«

»Allerdings. Ganz entschieden.«

»Du scheinst damit andeuten zu wollen, daß jedermann bange vor ihr ist.«

Sein Ton klang unverkennbar ungeduldig.

»Nur andeuten? Ich behaupte es sogar. Ich persönlich zittere vor ihr. Der Herzog starb jung; wie es hieß, eines unnatürlichen Todes. Man hatte recht — die Ursache seines vorzeitigen Ablebens war die Herzogin!«

Sie bewegte den Fächer hin und her und begann vor sich hinzusummen.

»Du bist also allen Ernstes der Ansicht, daß wir alles beim alten lassen, bis sie zurückkommt, was vielleicht erst in vier Monaten geschieht.«

»Freilich.«

»Und du möchtest nicht, daß ich noch weiter über die Sache rede?«

»Bitte, nicht. Es ist doch kein sehr interessantes Thema, nicht wahr? Welch wundervoller Mond? Und schlug nicht dort eine Nachtigall?«

Talbot Chichester würdigte sie keiner Antwort. Florence war sich vollkommen bewußt, wie finster sein Antlitz war, und sie begann leise hinter ihrem Fächer zu singen. Plötzlich ließ sie ihn sinken, lehnte sich zurück und blickte mit einem Ausdruck drolliger Zerknirschung zu ihm empor.

»Ich bin ein wahrer Kobold,« sagte sie, »das denke ich oft — wirklich. Ich habe dich eben geneckt, bis ich dich fast böse gemacht habe, und doch wirst du nicht leicht böse. Weshalb habe ich das nur getan? Aus reiner Bosheit, glaube ich. Gib mir eine Ohrfeige dafür, wenn du willst!«

Sie beugte sich lachend etwas näher zu ihm. Chichester rührte das hübsche Ohr nicht an. Er lächelte ein wenig gezwungen und begnügte sich damit, ihr die Hand auf die Schulter zu legen.

»Meine liebe Florence, ich gestehe, ich möchte dich etwas ernster und vernünftiger in dieser besonderen Sache sehen. Ja, wenn ich offen meine Meinung aussprechen soll, in vielen Sachen.«

»Was wohl heißt, daß ich gräßlich oberflächlich bin?« Sie blickte ihn mit funkelnden Augen an.

»Ich würde nicht ›gräßlich‹ sagen.«

»Nicht? Aber ich. Ja, ich bin ein oberflächliches, törichtes, leichtsinniges Geschöpf, und du bist ein ernster, gesetzter, verständiger Mann. Wir sind grundverschieden, und ich weiß, daß ich dich hin und wieder schrecklich langweilen muß. Und wir sind verlobt — wollen unser ganzes übriges Leben miteinander verbringen!«

Sie entzog ihm die Hand, stand auf und lehntesich an die Gardine. »Ist dir je der Gedanke gekommen, Talbot, daß wir gar nicht zueinander passen könnten?« fragte sie, zu ihm aufblickend.

»Aber, liebe Florence!« wandte er in einem halb nachsichtigen, halb ungeduldigen Ton ein.

Sie sah ihn sinnend an. »Ich glaube, ich würde an deiner Stelle mir mein Wort zurückgeben.«

»Dir dein Wort zurückgeben?« Er war so grenzenlos überrascht, daß er ihre Worte ganz mechanisch wiederholte, während er sie fassungslos anstarrte.

»Ja — ich würde es wirklich tun. Weshalb nicht? Mit mir ist nicht leicht fertig zu werden, und du liebst ein ruhiges Leben. Wir könnten es ›nach gegenseitiger Übereinkunft‹ tun, wie man sagt. Das ist besser als gegenseitige Uneinigkeit hinterher. Dir würde es das Herz brechen, weißt du, und was mich anbetrifft — nun, ich habe keines zu brechen! Ich will an die Herzogin schreiben und ihr sagen, daß es allein meine Schuld ist. Soll ich?«

Sie hielt die linke Hand empor und zeigte den blitzenden Ring. »Er sitzt sehr lose — er würde in einem Augenblick abzustreifen sein. Sieh!«

Ihre Stimme hatte den munteren, scherzenden Ton behalten, aber es klang ein seltsamer, halb rührender Ernst hindurch. Er ergriff ihre Hand und schob den Ring mit festem Druck wieder an seinen Platz. Er sah verdrießlich aus und gab sich keine Mühe, seine Verstimmung zu verbergen.

»Mein liebes Kind, bitte, sei nicht albern! Du bist heute abend wirklich kindischer denn je. Zum Glück fällt es mir nicht im Traume ein, dich ernst zunehmen. Wenn du nicht aufgelegt bist, über unsere Hochzeit zu sprechen, so will ich dich jetzt nicht durch ein weiteres Eingehen auf die Sache ärgern. Laß uns von etwas anderem reden! Was lasest du eben? Gedichte, glaube ich.«

»Ja.«

Mit völlig verändertem Tone wandte sie sich von ihm und sank apathisch wieder in ihren Stuhl, während er den zerlesenen braunen Band aufnahm, den sie hatte fallen lassen.

»Es sind Adam Lindsay Gordons Gedichte.«

»Adam Lindsay Gordon? Ich entsinne mich des Namens gar nicht.«

»Vielleicht hast du ihn noch nie gehört. Er ist ein australischer Schriftsteller. Herr Leath hat mir das Buch geliehen.«

»Leath?«

Chichester runzelte die Stirn und legte das Buch nieder. »Du meinst doch nicht meinen Mieter — Leath, der in Lychet Hut wohnt?«

»Ja, ich kenne keinen anderen Leath,« sagte das Mädchen kurz.

»So? Aber ich verstand, daß Sir Jasper ihn nicht leiden könne, und daß er hier nicht verkehrt?«

»Das tut er auch nicht, aber ich habe ihn mehrmals im Bungalow gesehen und bin ihm hin und wieder auf der Halde begegnet. Er scheint dort ebensogern umherzuschlendern wie ich.«

»Auf der Halde? Aber, meine liebe Florence, er hat es doch sicherlich nicht gewagt, dich dort anzusprechen?«

Blick und Ton ließen eine innere Unruhe erkennen; sein glattes schönes Gesicht wurde rot. Florence schaute ihn mit einem Ausdruck gleichgültiger Verwunderung an.

»Wir haben uns dort unterhalten, wenn du das meinst,« sagte sie in nachlässigem Tone, »ich weiß aber nicht, wer von uns die Initiative ergriffen hat. Vielleicht bin ich es gewesen. Ich glaube, ich muß es wohl gewesen sein, auf jeden Fall das erstemal. Er spricht sehr gut, und seine Unterhaltung fesselt mich. Heute morgen brachte er mir dies Buch! Ich hatte geäußert, daß ich es gern sehen möchte.«

»Du hattest eine Verabredung mit ihm getroffen?«

»Nein — das nicht. Er hatte gesagt, er wolle es mitbringen, auf die Möglichkeit hin, daß ich da sein würde. Ich hatte nichts zu tun und ging hin. Einige der Gedichte sind sehr gut. Du solltest sie lesen.«

»Es war eine große Unverschämtheit von ihm, über die ich mich außerordentlich wundere.«

Er sagte dies sehr zornig, und sie blickte ihn über ihren Fächer hinweg an, während der halb belustigte, halb spöttische Ausdruck auf ihrem Antlitz deutlicher hervortrat.

»Mit mir zu sprechen, wenn ich ihn anredete, nachdem ich ihn mehrmals hier und anderswo getroffen hatte? Oder mir ein Buch zu bringen, das ich gern sehen wollte?« fragte sie kalt. »Ich kann nicht sagen, daß ich mit dir übereinstimme, Talbot.Du hättest doch wohl nicht gewollt, daß ich ihn ohne Grund geschnitten hätte?«

»Gewiß nicht — nein!« Sein ungewohnter Ärger legte sich. »Aber, meine liebe Florence, ich bin, wie du weißt, kein Freund davon, einen vertraulichen Verkehr zwischen den verschiedenen Klassen zu begünstigen. Das ist nach meiner Ansicht einer der verhängnisvollen Fehler unserer Zeit. Du hast ohne Zweifel nicht genug darüber nachgedacht, sonst würdest du diesen Herrn Leath nicht ermutigt haben, als er sich zum erstenmal unterstand, dich anzureden. Ich bin überzeugt davon, daß du das in Zukunft nicht wieder tun wirst.«

»Du meinst, ich sollte ihn nicht mehr kennen?« fragte das Mädchen.

»Ich bin für ein artiges Benehmen gegen unter uns Stehende. Aber, bitte, laß ihn nicht wieder auf der Halde mit dir reden! Ja, ich muß das dringend von dir fordern. Und ich darf vielleicht hinzusetzen, daß die Tatsache der großen Abneigung, die Sir Jasper gegen ihn hat —«

Er brach ab. Florence entfuhr ein leiser Ausruf der Verwunderung. Der Teppich war so dick, und die Schirmlampen erhellten den großen Raum so wenig ausreichend, daß keiner von ihnen das fast geräuschlose Näherkommen des Barons gewahr geworden, und es war kein geringer Schreck, seine hohe Gestalt unmittelbar vor sich zu sehen. Er blickte von einem zum anderen.

»Ich glaubte, ich hörte meinen Namen nennen,«sagte er. »Meine große Abneigung wogegen, wenn ich fragen darf?«

Seine Stimme hatte ihren schärfsten, spöttischsten Ton; seine kalten grauen Augen hingen an dem Gesicht seines Mündels. Wäre der Blick nicht gewesen, so hätte Florence ihrem Verlobten vielleicht die Antwort überlassen; aber es verdroß sie, und sie gab sofort schroff und schnell zurück — vielleicht in dem Augenblick nicht ganz ohne die Absicht, ihren Verlobten zu ärgern:

»Talbot sprach von Herrn Leath, und ich gab meiner Verwunderung darüber Ausdruck, weshalb du es dir in den Kopf gesetzt hast, ihn nicht leiden zu mögen, Onkel Jasper!«

»Leath?« Seine Augen wanderten von einem zum anderen, dann lachte er.

»Sie müssen Mangel an Gesprächsstoff haben, Chichester, wenn Sie den jungen Menschen zum Gegenstand Ihrer Unterhaltung machen! Oder sagten Sie vielleicht, daß Sie es bedauerten, meinem Rate nicht gefolgt zu sein und ihm Ihr Haus vermietet haben? Nun, ich habe Sie gewarnt — vergessen Sie das nicht.«

»Ich erinnere mich sehr wohl, daß Sie das getan. Aber als Mieter habe ich mich über Leath nicht zu beklagen,« gab Chichester mit verwundertem Blick zur Antwort, denn er war ein ehrlicher und streng gerechter Mann, und Sir Jaspers Warnung war ihm wie unverständlich.

»Ich habe bis jetzt keinen Grund, es zu bedauern, daß ich ihm das Haus vermietet, ja, ich sage sogar,daß er, so viel ich weiß, ein durchaus anständiger Mensch ist.«

»Der wahrscheinlich hier am Orte bleiben wird?«

»Das vermute ich — bis sein Mietsvertrag abläuft. Er hat mir indessen zu verstehen gegeben, daß er sich hier wahrscheinlich nur eine Zeitlang aufhalten würde.«

»Weshalb nur eine Zeitlang? Was kann er in einem Orte wie St. Mellions zu tun haben?« fragte der Baron in demselben schroffen, kurzen Tone. Er war dicht an das offene Fenster getreten und stand halb im Zimmer, halb draußen, den beiden anderen den Rücken zuwendend.

»Ich habe ihn wirklich nie gefragt! Ich dachte an eine geschäftliche Angelegenheit.«

»Eine sehr wichtige Angelegenheit,« warf Florence leicht dazwischen. Sie hatte keinen anderen Beweggrund, als die Absicht, ihren Vormund zu ärgern, wie sie vorhin ihren Verlobten geärgert und geneckt hatte.

»Herr Leath ist nach St. Mellions gekommen, um jemand zu suchen, Onkel Jasper.«

»Was?«

Er fuhr zusammen und stand dann wie erstarrt.

»Um jemand zu suchen,« wiederholte Gräfin Florence gleichmütig. »Er hat es mir erzählt. Und der Jemand ist ein Mann. Apropos, er hat mir eine Frage gestellt, die ich an dich richten möchte. Kennst du einen Robert Bontine, oder hast du den Namen je gehört?«

»Nein!«

Er trat wieder auf die Terrasse hinaus. Florence folgte ihm mit den Augen.

»Das habe ich mir schon gedacht. Nun, er ist nach St. Mellions gekommen, um den Mann aufzusuchen. Wenn du mich fragst, weshalb, so muß ich gestehen, daß ich das nicht weiß; aber er beabsichtigt, ihn aufzufinden, und ich glaube, es wird ihm gelingen. Ich sagte ihm, ich hätte den Namen nie gehört, und erzählte ihm, der einzige Robert, der zu uns in Turret Court in Beziehung stände, sei dein verstorbener Bruder, Onkel Jasper. Es ist natürlich ihn höchsten Grade unwahrscheinlich, aber ich dachte, ich wollte dich fragen, — ich muß gestehen, es interessiert mich ein wenig, — ob du je einen Namen Robert Bontine gehört hättest?«

Sir Jasper hatte sich noch weiter aus dem Bereich des Fensters entfernt. Aus der linden Sommernacht klang seine Stimme langsam und scharf zurück.

»Ich kenne keinen Robert außer meinem verstorbenen Bruder. Ich habe den Namen Robert Bontine niemals gehört.«


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