14.
Everard Leath wich vor des Barons erhobener Hand und seinem wutverzerrten, erstaunten, erblaßten Antlitz nicht zurück. Seine eigene Verwunderung hielt ihn gleichsam im Bann, aber selbst wenn dem nicht so gewesen, würde er keine ausweichende Bewegung gemacht haben. Er hätte es in jedem Falle mit dem schlanken, grauköpfigen älteren Manne in seinem tadellos sitzenden schwarzen Überrock aufnehmen können. Es lag ebensoviel spöttische Belustigung wie kühles Erstaunen in seinem Ausdruck. Sir Jasper hielt inne und ließ die Hand sinken.
»Was — was wollen Sie?«
Die Worte wurden hervorgestoßen, als seien Zunge und Kehle trocken, aber Leaths Antwort erfolgte umgehend. Seine Belustigung stieg.
»Nichts von Ihnen, Sir Jasper — nicht einmal an die Luft gesetzt zu werden. Ich komme nicht in eigener Angelegenheit und auch durchaus nicht zu meinem Vergnügen. Und gestatten Sie mir die Bemerkung, daß ich nicht nach Ihnen gefragt habe. Ich wünschte Ihre Frau Gemahlin zu sprechen.«
»Meine Frau?« wiederholte der andere langsam. Er sprach noch ebenso heiser und undeutlich, schien sich aber Mühe zu geben, seine Fassung wiederzuerlangen.Ein Stuhl stand neben ihm, und er legte eine Hand auf die Lehne, um sich zu stützen. »Ich — ich begreife nicht, Herr Leath,« sagte er in seiner gewohnten, hochfahrenden Art, »was Sie meiner Frau zu sagen haben können.«
»Natürlich nicht,« stimmte ihm Leath gelassen bei. »Ich habe Lady Agathe allerdings nichts zu sagen, was mich angeht, sondern bin nur der Überbringer einer Bestellung an sie.«
»Einer Bestellung?«
»Ja, — einer Bestellung Ihres Mündels.«
»Meines Mündels?«
Das Gesicht des Barons zeigte jetzt Ungläubigkeit anstatt der namenlosen Wut, die es noch eben zur Schau getragen.
»Ist es möglich, daß Sie von der Gräfin Florence Esmond reden, Herr Leath?«
»Ich spreche allerdings von der Gräfin Florence.« Das spöttische Lächeln war jetzt aus Leaths Antlitz verschwunden. Er sprach mit ruhiger Gelassenheit. »Ich habe Lady Agathe oder, in ihrer Abwesenheit, Ihnen, Sir Jasper, zu bestellen, daß sie — die Gräfin — unglücklicherweise gestern abend von dem Gewitter überrascht worden ist.«
»Von dem Gewitter? Sie ist in Brentwood Hall geblieben!«
»Nein — leider nicht. Sie verließ Brentwood Hall kurz vor dem Ausbruch des Gewitters, in dem Glauben, daß sie noch vorher heimgelangen würde. Zum Glück brach es nicht los, bis sie fast Lychet Hut erreicht hatte.«
»Lychet Hut? Sie meinen doch nicht das Haus, in dem Sie wohnen?«
»Freilich meine ich das, Sir Jasper. Ich kenne kein anderes, das so heißt. Und ich preise mich glücklich, daß ich dort war, um der Gräfin ein Obdach anbieten zu können. Ihre Bestellung —«
»Wollen Sie damit sagen, daß sie dort ist — seit gestern abend dort ist?« fragte Sir Jasper barsch.
»Zweifelsohne. Es war unmöglich, daß sie sich dem Unwetter aussetzte. Selbst wenn ich ihr einen Wagen hätte zur Verfügung stellen können, — was nicht der Fall ist, — wäre es nicht ausführbar gewesen. Sie wollte davon nichts hören, daß ich sie allein ließ, sonst würde ich versucht haben, auf irgendeine Weise hierherzugelangen, um Sie von ihrem Aufenthalt in Kenntnis zu setzen. Sie läßt Sie bitten, ihr sofort einen Wagen zu schicken und ihr Pferd durch einen Reitknecht holen zu lassen. Das ist alles, womit ich Sie zu behelligen habe. Guten Morgen!«
Er verließ das Zimmer; der Baron stand noch immer bleich und zornbebend da und umklammerte die Stuhllehne mit einem sonderbaren Ausdruck im Gesicht, der weder Erstaunen noch Ärger ausdrückte, sondern etwas viel Schlimmeres.
Draußen berührte plötzlich eine kleine Hand Leaths Ärmel, und als er sich umwandte, sah er sich Cis gegenüber.
»O, Herr Leath, ich wollte gerade hereinkommen, und habe gehört, was Sie erzählten! Wie schrecklich für die arme Florence, von dem Gewitter überraschtzu werden! Aber welch ein Glück, daß Sie da waren! Geht es ihr heute morgen gut?«
»Hoffentlich; sie ist gerade noch trocken davongekommen; sie schlief noch, als ich fortging, und daher habe ich sie nicht gesehen,« antwortete Leath und blickte lächelnd in die hübschen blauen Augen, während er die freundliche kleine Hand umschlossen hielt. Cis war stets freundlich zu ihm, besonders seitdem Harry Wentworth angefangen, ihn in Lychet Hut zu besuchen, während Leath andererseits oft gedacht hatte, welch ein holdes, liebenswürdiges Schwesterchen sie abgeben würde und in der Tat auch für Roy abgab!
»Wir glaubten natürlich alle, daß Florence in Brentwood Hall geblieben wäre. Sonst hätte ich mich wohl halbtot um sie geängstigt. Der Wagen soll sie gleich nach dem Frühstück holen — bis dahin muß sie warten, da ich natürlich mitfahren werde. Sagen Sie ihr das, bitte, Herr Leath.«
»Gräfin Florence erwartet Sie, wie ich weiß,« antwortete Leath ruhig, »aber ich fürchte, ich kann Ihnen nicht versprechen, ihr das auszurichten, Fräulein Mortlake. Ich reite nach dem Bungalow. Vielleicht sind Sie so gut, das Ihrer Cousine zu sagen und mich bei ihr zu entschuldigen.«
»Natürlich. Aber es ist eigentlich sonderbar, daß Sie nicht nach Hause zurückkehren, da Sie sie heute morgen noch nicht gesehen haben. Sie wird Ihnen danken wollen,« meinte Cis. Sie wunderte sich über den Ausdruck seines ernsten Gesichtes, den sie sich nicht zu erklären vermochte. »Wollen Sie nicht bleiben,bis Mama herunterkommt? Auch sie wird Ihnen danken wollen.«
»Dank ist ganz überflüssig,« antwortete Leath in seiner kurzen Art. »Was ich für die Gräfin getan habe, Fräulein Mortlake, war das mindeste — in der Tat das einzige, was ich unter den Umständen für sie tun konnte. Sie können Ihrer Frau Mutter alles viel besser erzählen, als ich es vermöchte. Guten Morgen! Hoffentlich wird Ihrer Cousine ihr kleines Abenteuer nicht schaden.«
Sein Gesicht war ernst und finster, als er das Haus verließ und zu dem Platze ging, an dem er sein Pferd gelassen.
»Sonderbar!« sagte er zu sich selbst. »Nein, mehr als das — unerklärlich! Ich bin davon überzeugt, daß mein letzter Verdacht so unbegründet ist, wie mein erster war. Ich weiß, daß jener Tote, Robert Mortlake, nicht Robert Bontine war — nicht gewesen sein kann. Und dennoch scheint dieser Mensch, sein Bruder, bei meinem bloßen Anblick einen tödlichen Schrecken zu empfinden! Er kann mich nicht leiden — hat etwas gegen mich — das ist wahr! — Aber ist das hinreichend, um ein solches Gebaren zu erklären?«
Lady Agathe, die durch ihre Tochter und ihren Gatten — von ersterer mit beredtem Wortschwall, von letzterem mit schroffer Kürze — von dem Abenteuer ihrer Nichte und ihrem jetzigen Zufluchtsorte in Kenntnis gesetzt worden, beeilte sich mit dem Frühstück und dem Ankleiden und fuhr sofort über die Halde nach Lychet Hut. Sie war entsetzt, empört, bekümmert,erschrocken — die verschiedenartigsten Gefühle stürmten auf die sanfte, schlichte Frau ein, für die das Außergewöhnliche immer etwas Unrechtes war. Die unschuldige Cis, die neben ihr saß, hatte nicht das geringste Verständnis für die nervöse Unruhe der Mutter. Der Vorfall war natürlich etwas unangenehm für Florence gewesen, aber nach ihrer Ansicht doch eigentlich ein ›famoser Spaß‹.
Gräfin Florence, die beim Frühstück saß, das die verwunderte und noch immer bestürzte Frau Young sorgfältig für sie hergerichtet hatte, hörte Räderrollen auf der durchweichten Landstraße und sah den Wagen vor der kleinen Pforte halten, durch die sie am vorhergehenden Abend auf ihrem erschreckten Pferde geritten. Es war klar, daß sie erwartet, eine dritte Gestalt neben ihrer Tante und Cousine zu sehen, denn ihr Gesicht umwölkte sich auf einen Augenblick.
Die Pforte war zu eng, um den Wagen durchzulassen, und Lady Agathe stieg, auf den Arm des Bedienten gestützt, vorsichtig aus. Cis dagegen bedurfte keiner Hilfe und lief den schlammigen Pfad hinauf, während Florence ihr bis an die Tür des Zimmers entgegeneilte und von der warmherzigen kleinen Cousine mit einer herzlichen Umarmung begrüßt wurde.
»O Florence, was für ein Abenteuer!« rief Cis und drückte sie innig an sich. »Und welch ein Glück, daß Herr Leath hier war! Du hättest in Brentwood bleiben sollen. Wie furchtbar, von dem Unwetter überrascht zu werden! Als ich Herrn Leath meinem Vater davon erzählen hörte, fiel ich fast in Ohnmacht.«
»Das wäre unnötig gewesen, Liebste,« meinte Florence lächelnd und erwiderte den Kuß ihrer Cousine aufs innigste. »Mir hat es nicht geschadet, wie du siehst. Ist Herr Leath nicht mit euch zurückgefahren?«
»Er wollte nicht. Vielleicht ist Vater wieder wunderlich gegen ihn gewesen — ich glaube es fast. Er erzählte mir, er habe dich heute morgen noch nicht gesehen, und ich meinte, du würdest ihm gewiß gern danken wollen, aber davon nahm er weiter keine Notiz — du weißt, was er für ein sonderbarer, halsstarriger Mensch ist. Er sagte, er wolle nach dem Bungalow reiten, und bat mich deshalb, ihn zu entschuldigen, was ich hiermit tue, mein Herz! Welch ein kahles, häßliches Zimmer, nicht wahr? Wie in aller Welt kann er hier nur allein hausen? Mich würde es verrückt machen! Dich nicht auch?«
Florence antwortete nicht. Lady Agathe kam langsam den Gartenpfad herauf, und sie hatte einen Blick auf ihr blasses, verstörtes Gesicht geworfen. Mit schnell gerunzelten Brauen wandte sie sich nach ihrer Cousine um.
»Cis, was fehlt Tante? Sie sieht aus, als hätte sie geweint.«
»Ach, ich weiß nicht! Sie hat sich sehr aufgeregt,« meinte Cis inkonsequent.
Lady Agathes Eintritt verhinderte Florence, die plötzlich bleicher geworden, an einer Antwort. Sie ging der Eintretenden mit blitzenden Augen entgegen.
»Es tut mir leid, Tante Agathe, daß du dich zu so ungewöhnlich früher Stunde herausgemacht hast! Es wäre genug gewesen, wenn Cis mich abgeholt hätte,wenn es nötig war, daß überhaupt jemand kam. Nimm diesen Korbstuhl — er ist sehr bequem; ich habe gestern den ganzen Abend darin gesessen.«
»O, liebes Kind, weshalb bist du nicht in Brentwood geblieben, wie wir natürlich angenommen haben?«
»Weil ich eigensinnig und tollkühn war und geglaubt habe, ich würde vor Ausbruch des Gewitters heimgelangen,« antwortete Florence kurz. Sie stand in aufrechter Haltung da; ihre grauen Augen blitzten. »Ich gebe zu, daß es töricht war, den Versuch zu unternehmen. Ist Onkel Jasper deshalb so schrecklich böse? Er sollte doch meine Unbesonnenheit gewohnt sein!«
»Deshalb natürlich nicht, liebes Kind!« Lady Agathes Kummer war zu groß — sie begann zu weinen. »Du mußt doch verstehen, wie ich es meine, Florence. Du bist kein Kind mehr, obwohl du so unbesonnen bist. Du mußt wissen, daß dein Hierbleiben, in diesem elenden Hause, bei Herrn Leath — einem Menschen nebenbei, von dem niemand irgend etwas weiß, besonders, wo dein Onkel ihn so gar nicht leiden kann, — nicht — nicht —«
»Passend war!« ergänzte Florence kalt. »Das schien Herr Leath ebenfalls zu finden. Wenigstens sagte er es mir.«
»Er sagte es dir?« wiederholte Lady Agathe entsetzt.
»Ja. Ich war sehr böse darüber, aber er scheint die Sache richtiger aufgefaßt zu haben als ich. Er wollte durchaus in das Unwetter hinaus und mich hier lassen; er wollte nach dem Bungalow. Ich willigteein, obgleich ich es ebenso albern und überflüssig fand, wie ich es jetzt noch finde. Aber wir entdeckten, daß sein dienstbarer Geist nicht hier sei: das Gewitter hatte ihn in St. Mellions zurückgehalten. Da wollte ich ihn nicht gehen lassen; mir war bange, hier allein zu bleiben.«
»Seine Dienerin — die Person, die die Haustür aufmachte — war nicht hier?« rief Lady Agathe.
»Nein. Bis zum Morgen, wo sie wiederkam, war niemand hier — niemand außer uns beiden,« antwortete Florence. Sie war jetzt sehr blaß; ein Lächeln, das sehr verschieden von ihrem gewöhnlichen Lächeln war, spielte um ihre Lippen. Cis blickte sie fast erschrocken an.
»Ach, großer Gott!« jammerte ihre Mutter mit schwacher Stimme. »Es ist sogar noch schlimmer, als ich geglaubt habe, Florence. O, sieh nicht so böse aus, liebes Herz! Du weißt, ich mache dir keine Vorwürfe — ich denke nur daran, was die Leute sagen werden. Und in Rippondale wird so viel geklatscht — das weißt du recht gut! Natürlich ist es nicht deine Schuld, daß du hierher kamst, aber du hättest nicht bleiben sollen — wirklich nicht.«
Florence verteidigte noch einmal ihre Handlungsweise und die des Herrn Leath. Sie bebte vor Zorn und Ärger und verletztem Stolze. Bei einem Blick auf sie brach Lady Agathe aufs neue in Tränen aus.
»Du mußt doch wissen, daß ich nur deinetwegen so besorgt und bekümmert bin,« rief sie schluchzend aus. »Ach, es ist eine unleidige Geschichte! Ich hoffe nur, daß sie der Herzogin nicht zu Ohren kommt. Undmir ist bange; es wird ganz unmöglich sein, sie vor Chichester geheimzuhalten!«
»Ganz unmöglich! Ich selbst will sie, wenn nötig, Chichester erzählen.«
»Er ist so merkwürdig — so eigen,« jammerte Lady Agathe, »und unglücklicherweise — ich muß sagen, es war sehr unrecht und unvorsichtig, mein Kind — haben dich die Leute mit diesem Herrn Leath auf der Halde sprechen sehen. Chichester erwähnte es erst gestern gegen mich und schien sehr verstimmt darüber, und was er sagen wird, wenn er von dieser —«
Sie brach ab. Florence, die nicht mehr ertragen konnte, wandte sich mit jäh ausbrechender Heftigkeit zu ihr.
»Was kann er zu sagen wagen?« rief sie. »Was kann irgend jemand, sei es Mann oder Weib, über mich zu sagen wagen? Wir haben genug der Worte verloren, Tante Agathe — mehr als genug — ich will nicht mehr hören!«
Lady Agathe war zu erschrocken, um weiter zu reden. Sie weinte auf der Rückreise nach Turret Court in ihrer Wagenecke leise vor sich hin, während die kleine Cis ihr gegenüber blaß und bekümmert aussah und Florence, die mit bleichen Wangen und zornigen Augen aufrecht dasaß, kein Wort sprach. —