15.

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Als Everard Leath Turret Court verlassen, war er geraden Weges über die Halde nach dem Bungalow geritten. Es führte ihn kein besonderer Grund dorthin; er hatte nur das unbestimmte Gefühl, daß es besser sei, er kehre nicht in seine Behausung zurück, bis Gräfin Florence sie verlassen und die unglückselige Episode vorüber sei. Obwohl er sich immer wieder sagte, daß er sich der Macht der Umstände hatte fügen müssen, daß die Sache nicht zu vermeiden gewesen, so ertappte er sich doch fortwährend auf dem peinlichen Gedanken, daß Chichester beschränkt, argwöhnisch und ein Narr sei, und sagte sich, daß, wenn er hätte voraussehen können, was geschehen würde, er sich lieber die Hand abgehackt hätte, als auf die Halde zu gehen, wo er wußte, daß er dort Florence Esmond begegnen konnte.

Er bog in den Garten des Bungalow ein, ließ ein Pferd in Joes Obhut und ging auf das Haus zu. Überall waren auch hier die Spuren des Unwetters sichtbar — die Blumen waren alle verregnet und geknickt, der Kies war aus den sauber gehaltenen Wegen hinweggeschwemmt. Herr Sherriff stand in der Veranda und schüttelte beim Anblick der Verwüstung traurig den Kopf. Aber sein mildes altes Gesichthellte sich beim Näherkommen des jungen Mannes auf, und er reichte ihm mit einem Lächeln die Hand. Dann fragte er nach einem Blick in die ernsten Züge des anderen:

»Ist irgend etwas nicht in Ordnung, Leath?«

»Ich weiß nicht —,« er hielt inne, »vielleicht ist es besser, ich erzähle Ihnen die Sache, obwohl es eigentlich nicht meine Absicht war. Aber ich weiß, daß Sie so viel von ihr halten, und —«

»Von ihr?« fiel ihm der Alte verwundert ins Wort. »Von wem?«

»Von Gräfin Florence.«

»Gräfin Florence?«

»Ja. Das arme Kind hatte keine Schuld, und weiß der Himmel, ich auch nicht. Wenn Sie hereinkommen wollen, so will ich Ihnen alles erzählen. Dabei wird mir vielleicht leichter ums Herz.«

Sie gingen in das trauliche Wohnzimmer, in dem wie gewöhnlich Stapel von Büchern umherlagen, und während der alte Herr sich setzte, stellte sich Leath an das offene Fenster und gab einen kurzen Bericht der Vorfälle des gestrigen Abends. Sherriff strich beim Zuhören sinnend über seinen langen weißen Bart.

»Sie nehmen die Sache zu ernst, Leath,« sagte er sehr entschieden, als der andere zu Ende war. »Wirklich, mein lieber Junge, Ihre Furcht, irgend jemand könnte glauben, daß das arme Kind durch den Vorfall kompromittiert sei, scheint mir, ehrlich gestanden,durchaus übertrieben zu sein. Sie konnten sie doch nicht ins Unwetter hinausjagen, noch in ihrer Angst allein lassen!«

»Sie mögen recht haben,« gab Leath bedrückt zu. »Um ihretwillen hoffe ich es. Aber Chichester ist ein Narr.«

»Ein so großer doch kaum.«

»Ich weiß nicht recht. Er ist sehr empfindlich, stolz, argwöhnisch, voll engherziger Vorurteile. Sie gehört ihm, ist sein Eigentum, und jeder Makel, der auf sie fällt, fällt auf sein eigenes kostbares Selbst. Ich mag mich ja irren, aber ich wiederhole es — mir ist bange davor.«

»Damit wollen Sie doch nicht sagen, daß Sie glauben, Herr Chichester könne das zum Vorwand nehmen, seine Verlobung zurückgehen zu lassen?« fragte der alte Herr ungläubig.

»Das vielleicht kaum. Für einen solchen Esel halte ich ihn doch nicht. Aber er könnte unklug genug sein, argwöhnische Anspielungen ihr gegenüber zu machen, ihr vielleicht eine Strafpredigt zu halten, und was in dem Falle geschehen würde, können wir uns beide denken. Sie besitzt ein leicht erregbares Temperament und ist namenlos stolz. Sie selbst wird die Verlobung auflösen.«

»Wenn er das tun sollte — ja, allerdings. Aber das,« fuhr der alte Herr gelassen fort, »würde kaum ein Unglück sein, so wie ich es ansehe, Leath. Ich habe, wie Sie wissen, die Partie nie für eine passende gehalten,oder nie geglaubt, daß sie durch diese Heirat glücklich werden würde.«

»An und für sich kein Unglück — nein!« Der junge Mann schritt unruhig im Zimmer auf und nieder. »Aber begreifen Sie denn nicht, Herr Sherriff, welche Wirkung das haben wird — welche Wirkung auf sie? Der Grund wird ruchbar werden — das muß er, und obgleich sie ist, wie und was sie ist — kann es möglicherweise ihren Ruf zugrunde richten!«

Die fassungslose Bestürzung in Sherriffs Antlitz verriet, daß ihm diese Ansicht der Sache ebenso neu wie unwillkommen sei. Im Augenblicke wußte er nichts zu erwidern. Er fuhr mit der mageren Hand über sein weißes Haar und sagte endlich: »Mein lieber Junge, wir tun Chichester vielleicht schweres Unrecht.«

»Ich glaube nicht.« Leath wurde rot. »Zufällig weiß ich, daß ich bei ihm nicht gut angeschrieben bin und daß es meinetwegen schon einen Wortwechsel zwischen dem Brautpaar gegeben hat.«

Sherriff antwortete nicht; sein sorgenvolles Gesicht wurde noch ernster. Leath stieß ein zorniges Lachen aus.

»Und selbst das ist noch nicht alles, denn ich glaube nicht, daß es in ganz St. Mellions einen Menschen — sei es Mann, Weib oder Kind — gibt, der nicht weiß, daß Sir Jasper Mortlake aus irgendeinem unbekannten Grunde mich nicht leiden kann. Ich weiß, daß er gelobt hat, ich solle sein Haus nie wieder betreten. Er ist ihr Vormund, und das wirdebenfalls ins Gewicht fallen. Heute morgen, als ich nach Turret Court kam, um ihnen zu sagen, wo sie sei, da —. Aber still davon! Wäre er ein jüngerer Mann, so hätte ich ihn, glaube ich, niedergeschlagen. Selbst so hätte ich es fast getan, wenn ich dies alles für sie nicht vorausgesehen und gefürchtet hätte, die Sache noch schlimmer zu machen.«

Wiederum sagte Sherriff nichts, Leath schritt ruhelos auf und nieder, ehe er wieder anhub:

»Ich weiß eigentlich nicht recht, weshalb ich Sie mit diesem allem behellige, aber es hat mein Gemüt erleichtert, mich auszusprechen. Die Frage ist nun — was soll ich tun?«

»Tun?« wiederholte der Alte beklommen. »Ich — ich verstehe Sie nicht recht, Leath. Was sollten Sie tun?«

»Soll ich fortgehen — diese Gegend verlassen? Ich habe gedacht, das würde vielleicht am besten sein. Was meinen Sie dazu?«

»Ich glaube, das würde ich jetzt noch nicht tun,« antwortete der Gefragte nach einigem Sinnen. »Warten Sie, bis Sie sehen, was Chichester tut. Ihr sofortiges Verschwinden könnte wie Davonlaufen aussehen. Ein paar Tage lang wenigstens würde ich nichts tun und mich ganz ruhig verhalten.«

»Das ist Ihr Rat?«

»Ja, das täte ich an Ihrer Stelle.«

»Dann will ich ihn befolgen. Vielleicht haben Sierecht. Aber sobald ich kann, will ich von hier fort. Je eher, desto besser.«

»Sie wollen Ihre Wohnung aufgeben?«

»Ja. Wenn ich sie nie genommen, würde dies alles nicht geschehen sein. Mein gewöhnliches Glück!«

Es trat eine kurze Pause ein.

»Leath,« hob Sherriff stockend an. »Sie wissen, daß ich mich nicht in Ihre Angelegenheiten drängen will — nichts liegt mir ferner. Aber da Sie davon reden, fortzugehen, darf ich mir vielleicht eine Frage erlauben. Sie haben keinen Erfolg gehabt?«

»Nicht den geringsten.«

»Trotz aller Nachforschungen, die Sie, wie ich weiß, in St. Mellions und der Umgegend angestellt haben, ist es Ihnen nicht gelungen, eine Spur von Robert Bontine aufzufinden?«

»Nein!«

»Und Sie sind noch nicht entmutigt?«

»Das will ich nicht sagen; es würde unwahr sein. Aber ich werde die Nachforschungen nie einstellen.«

»Und Sie sind entschlossen, in jedem Falle von hier fortzugehen?«

»Ja. Es war verkehrt, hierherzukommen, und noch mehr, zu bleiben,« antwortete Leath finster und in bitterem Tone. »Je eher ich fortkomme, um so besser ist es für mich.«

Sein Mund war herb geschlossen, die Stirn gerunzelt,ein dunkles Rot stieg in seine gebräunten Wangen. Mit plötzlich verändertem Ausdruck in den eigenen Zügen stand Sherriff auf und legte dem Freunde die Hand auf die Schulter.

»Leath,« sprach er, »ich habe damals doch recht gehabt. Sie ist Ihnen nicht gleichgültig?«

Leath drehte den Kopf, begegnete eine Sekunde dem Blicke des anderen und sah dann fort.

»Ich bin ein Narr!« sagte er.

Das Schweigen, das eintrat, dauerte lange. Leath brach es. Er raffte sich aus seinem Brüten auf und wandte sich vom Fenster ab. Hätte der alte Herr beabsichtigt, auf seine letzten Worte zurückzukommen, so würde sein Ausdruck ihn davon zurückgehalten haben. Seine unglückliche und hoffnungslose Liebe zu Florence Esmond sollte ohne ein weiteres Wort zwischen ihnen begraben sein.

»Ich will jetzt gehen,« sagte er, »Sie haben morgens immer zu tun, wie ich weiß. Vielleicht wird ein scharfer Ritt meine trüben Ahnungen verscheuchen.« —

Herr Sherriff konnte seine Gedanken nicht auf seine Arbeit konzentrieren. So viele Befürchtungen, so viele sorgenvolle Erwägungen waren seit Jahren nicht auf den alten Mann eingestürmt. Florence Esmond hatte seit langem seinem Herzen so nahe gestanden, wie eine Tochter nur hätte stehen können, und er wußte jetzt, daß ihm Everard Leath fast so teuer wie ein Sohn geworden war.

Sonderbarerweise war es eigentlich nicht der Klatsch, der sie bedrohte, an den er dachte, während er so traurig dasaß und rauchte, sondern die aussichtslose Liebe zu ihr, zu der Leath sich bekannt hatte, als er so rauh gesagt: »Ich bin ein Narr!«

Wie hoffnungslos sie war, wie hoffnungslos sie unter allen Umständen bleiben mußte, das konnte er, der ihre Fehler sowohl wie ihre Tugenden so gut kannte, wohl ermessen. Er wußte, was nur die wenigen, die sie wirklich verstanden, ahnten, daß der Stolz auf vornehme Geburt, auf Rang und Abstammung nicht stärker entwickelt sein konnte als bei diesem Mädchen. Und selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, so hatte sie in ihren Unterhaltungen mit ihm niemals aus ihrer Abneigung gegen Everard Leath ein Hehl gemacht. Und nun mußte er diese unselige Leidenschaft für sie fassen! Matthias Sherriff seufzte, als er sich dessen erinnerte und des Schmerzes gedachte, den ihm vor vielen Jahren die eigene Herzenswunde verursacht hatte. Er war alt, sein Haupt war grau, aber die Wunde konnte noch immer wehtun.

Es war einige Stunden später — er hatte noch immer nichts getan, als in wehmütiges Grübeln versunken in seinem Stuhle zu sitzen, — da wurde der Klopfer an der Haustür laut in Bewegung gesetzt.

Ein kurzes Zwiegespräch folgte, das aber zu leise geführt wurde, als daß er hätte hören können, was gesprochen wurde, und dann näherten sich dem Zimmer Schritte. Sherriff erhob sich schnell, denn er wußte sofort, wessen Schritt es war, obwohl es Sir JasperMortlake vielleicht kaum zweimal im Jahre einfiel, den Bungalow zu betreten. Was hatte ihn hergeführt? Der alte Mann atmete erregt schneller, als sich die Tür des Zimmers öffnete und der Baron eintrat.

Ungefähr eine halbe Stunde später, als Everard Leath auf dem Heimwege nach Lychet Hut, nach dem Ritte, durch den er seine erregten Nerven hatte beruhigen wollen, an der Gartenpforte des Bungalow vorbeikam, sah er Sir Jasper Mortlake heraustreten und in seinen Wagen steigen, der gewartet hatte. Ein kurzer Blick in des Barons Gesicht genügte, um ihn plötzlich zum Stillstehen zu bringen und seinen Herzschlag zu beschleunigen. Nicht einmal, als sie sich am Morgen in der Bibliothek von Turret Court gegenüberstanden und er drohend die Hand gegen ihn erhoben harte, war sein Antlitz bleicher und wutentstellter gewesen als jetzt. Was war vorgefallen? Was hatte ihn nach dem Bungalow geführt? In seinem jetzigen Gemütszustande war es ihm unmöglich, ohne Antwort auf diese Fragen nach Hause zu reiten. Leath sprang, seinem Impulse folgend, aus dem Sattel und ging ins Haus.

Sherriff stand am Tische; seine gewöhnlich gebückte Gestalt war aufgerichtet, sein von Natur ruhiges altes Gesicht gerötet und zornig. Leath fühlte, daß eine unklare Befürchtung ihm selbst das Blut heiß in die Wangen trieb. Er sagte hastig:

»Ich sah Sir Jasper an der Pforte — ich konnte ihm ansehen und sehe auch Ihnen an, daß nicht allesist, wie es sein sollte. Betrifft es sie?« Die Stimme versagte ihm vor dem letzten Worte. »Wenn dem so ist, so ziehen Sie meine Besorgnis in Betracht und sagen Sie es mir!«

»Verrät mein Gesicht denn so viel?« Mit einem halben Lächeln und seinem gewöhnlichen freundlichen Ausdruck setzte der alte Mann sich in seinen Stuhl. »Ich gestehe, ich bin zornig gewesen,« sagte er ruhig, »und das passiert mir nicht oft. Nehmen Sie Platz, Leath, und Sie sollen hören, weshalb, und mittlerweile machen Sie sich keine Sorge. Sir Jaspers Besuch betraf Gräfin Florence nicht in dem Sinne, den Sie meinen. Er hat in der Tat ihren Namen kaum erwähnt. Der Zweck seines Besuches war, über Sie zu sprechen.«

»Über mich?«

»Ja. Wissen Sie irgendeinen Grund für den außerordentlichen Haß, den er augenscheinlich gegen Sie empfindet?«

»Ich weiß, daß er existiert — das erzählte ich Ihnen heute morgen — aber mehr auch nicht.«

»Auch nicht, weshalb er Sie aus der Gegend zu entfernen wünscht?«

»Durchaus nicht! Wünscht er das?«

»Freilich! Es wundert Sie, weshalb er hierhergekommen, um über Sie zu reden? Er kam, um zu verlangen, daß ich, sein Verwalter, der abhängig von ihm ist, der zu ihm und seinem Hause in einer Art von Beziehung steht, unserer Freundschaft sofort ein Ende machen — kurz Ihnen die Tür weisen sollte.«

Leath stieß einen Ausruf zorniger Verwunderung aus.

»Nannte er irgendeinen Grund, Herr Sherriff?«

»Gewiß — daß Sie ein Mensch wären, von dem niemand hier etwas wisse, daß Sie ihm persönlich unangenehm seien, daß Sie sich heute morgen in Turret Court sehr unverschämt gegen ihn benommen hätten, und schließlich, — das war das einzige Mal, daß er Gräfin Florence erwähnte, — daß Sie vielleicht durch Ihr Benehmen gestern abend den Ruf seines Mündels ernstlich kompromittiert hätten.«

»Gütiger Himmel! Das sagte er?«

»Ja. Aus diesen Gründen verlangte er, oder vielmehr befahl er mir, daß ich, in meiner abhängigen Stellung, meine Bekanntschaft mit Ihnen abbrechen sollte.«

»Darf ich fragen, was Sie ihm darauf geantwortet haben?«

»Sehr wenig; aber ich bin nicht länger sein Verwalter.«

»Wie?«

»Ich habe mich geweigert, mir von ihm Vorschriften machen zu lassen oder meinen Freund zu beleidigen. Ich habe meine Verbindung mit Sir Jasper Mortlake gelöst und mit seinen Angelegenheiten nichts mehr zu schaffen.«

»Das haben Sie für mich getan, Herr Sherriff?«Leath sprang auf. »Dessen bin ich nicht wert, fürchte ich.«

»Darüber kann ich selbst am besten urteilen,« antwortete der andere mit einem Lächeln, »und würde bei ruhiger Überlegung genau ebenso handeln, wie ich in der Erregung getan. Sie brauchen übrigens nicht zu glauben, daß Sie die einzige Ursache gewesen sind für das, was ich tat. Sir Jasper beging einen nur allzu gewöhnlichen Fehler: er vergaß, daß sein Untergebener zugleich ein Gentleman ist. Nun, das Gehalt war nicht so hoch bemessen, als daß ich nicht ohne es leben könnte. Meine Bücher und Abrechnungen sollen, sobald ich sie fertig habe, nach Turret Court geschickt werden. Je eher, desto lieber. Wenn Sie nichts Besseres zu tun haben, so bleiben Sie vielleicht und helfen mir, sie zusammenzupacken.«

»Sofort. Ich habe gar nichts zu tun. Aber ich habe mein Pferd an der Pforte gelassen und will es erst hereinholen.«

Als Leath, nachdem er sein Pferd versorgt, wiederkam, fand er Sherriff vor einem großen, altmodischen, messingbeschlagenen offenen Pult, das ihm schon seines Umfanges wegen aufgefallen, das er aber bisher nur verschlossen gesehen. Den Kopf hatte der Greis in die eine Hand gestützt; er schien etwas eifrig zu betrachten. Er war so in Gedanken vertieft, daß er erst, als Leath ihn zum zweiten Male anredete, zusammenfuhr und sich verwirrt umblickte.

»Ich störe Sie, Herr Sherriff?« fragte Leath stockend.

»Nein — nein — durchaus nicht — gewiß nicht!« Er blickte den jungen Mann an und dann wieder auf das, was er in der Hand hielt. »Ich tat etwas sehr Törichtes,« sprach er traurig, »ich stöberte in toter Asche, mein lieber Junge! Das ist schon ein trauriges Stück Arbeit, solange wir jung sind, aber es ist noch trauriger, wenn wir alt geworden, denn sie kann nie wieder angefacht werden, und es ist keine Hoffnung, daß an ihrer Statt ein neues Feuer brennen wird. Erinnern Sie sich des Tages, wo ich Ihnen meinen kleinen Herzensroman — den einzigen Roman, den ich erlebt habe — erzählte?«

»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« gab Leath zur Antwort.

»Aber ich habe Ihnen, glaube ich, nicht gesagt, daß ich Marys Bild besitze? Es ist gerade angefertigt, ehe sie mich verließ, um ins Ausland zu gehen. Ich habe mich niemals davon getrennt, ebensowenig wie von ihren Briefen, obgleich es Jahre gegeben hat, in denen ich es nicht ertragen konnte, auf das eine oder andere einen Blick zu werfen. Es ist jetzt sehr verblaßt, aber damals war es wunderbar ähnlich — wunderbar ähnlich! Wollen Sie es ansehen?«

Mit leicht zitternder Hand hielt er dem anderen das Bild hin. Leath nahm es, blickte es an, hielt es näher an das Licht, sah genau hin und stieß dann einen lauten Ruf aus. Sherriff erhob sich hastig.

»Was gibt’s?« fragte er mit bebender Stimme. »Sie — haben es doch nicht schon gesehen — wie?«

»Gesehen?« wiederholte Leath. Sein Antlitz war tief erblaßt und verriet grenzenlose Verwunderung. »Dies ist das Bild meiner eigenen Mutter!«


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