16.
»Das ist alles? Ist das genug? Du kannst doch unmöglich erwarten, daß ich diesen — diesen äußerst bedauerlichen Vorfall so leicht als abgetan ansehe, Florence?«
»Ich sehe allerdings keinen Grund, noch eine Silbe weiter darüber zu verlieren,« sagte Gräfin Florence gleichmütig.
Aber sie war nicht so ruhig, wie man aus ihren kalt und gelassen gesprochenen Worten hätte schließen können. Ihre Wangen waren sehr blaß, sie hielt den Kopf hoch, und die Augen, mit denen sie ihren Bräutigam ansah, waren unheimlich glänzend. Sie waren allein, denn auf ihre Anordnung war er sofort in ihr Privatwohnzimmer geführt worden, und dort hatte sie ihm mit den kürzesten Worten, die sie finden konnte, die Geschichte der letzten Nacht erzählt — es unter ihrer Würde haltend, zu erröten, etwas zu beschönigen oder sich zu entschuldigen. Sie wußte kaum, daß sie es mit einer gewissen trotzigen Herausforderung tat, die ihm jede Frage, jeden Zweifel, jeden Ausdruck der Verwunderung abschneiden sollte. In diesem Tone würde sie es ihm nicht erzählt haben, hätte Leath keine Anspielungen auf einen Argwohn gemacht, der ihr anfangs ganz ungeheuerlich, schließlich abgeschmacktvorgekommen, und wären nicht Lady Agathes Tränen und Jammern gewesen. Das Ganze wäre ihr dann nur wie ein Spaß vorgekommen. Das war jetzt unmöglich. Sie erzählte die Geschichte mit trotzig blitzenden Augen und in einem sorglosen, gleichgültigen Tone, ihm es überlassend, sich mit der Sache abzufinden, so gut er es vermochte.
Diese Art und Weise war nicht geeignet, Chichester zu besänftigen und zu versöhnen, selbst wenn es sich um etwas ganz anderes gehandelt hätte. Er hatte mit dunkel gerötetem Gesicht und einer zornigen, nervösen, gereizten Fassungslosigkeit zugehört, die in den verdrießlich hervorgestoßenen Worten gipfelte, auf die sie mit so verächtlicher Kälte geantwortet hatte. Er stand auf und trat ans Fenster, denn seine Gereiztheit machte es ihm unmöglich, sitzen zu bleiben, und sie beobachtete ihn, wobei der verächtliche Ausdruck in ihren großen glänzenden Augen noch schärfer hervortrat.
»Ich sehe keinen Grund, noch eine Silbe weiter darüber zu verlieren,« sprach sie. »Es war unangenehm, aber es ist vorüber; es war weder Herrn Leaths noch meine Schuld. Ich habe es dir erzählt, und das ist auch vorüber. — Ich habe es dir aber erzählt, weil ich fand, daß du es erfahren mußtest —«
»Weil du fandest, ich müsse es erfahren?« fiel er ihr heftig ins Wort. »Allerdings mußte ich das!«
»Ich hielt es für das Richtigste, weil jeder, weil alle Welt alles, was ich tue, gern erfahren kann,« sagte das junge Mädchen hochmütig, »und da es geschehen, wollen wir die Sache, bitte, ruhen lassen. Ich habe das Thema satt.«
»Ruhen lassen?« Er wandte sich vom Fenster fort. »Das ist leicht gesagt — aber vielleicht nicht ebenso leicht getan. Gütiger Himmel, Florence, begreifst du denn nicht, daß die Geschichte dieses — dieses unseligen Vorfalls vielleicht schon in Rippondale in aller Leute Mund ist?«
»Sehr wahrscheinlich,« gab sie kaltblütig zurück.
»Wahrscheinlich? Es ist fast unvermeidlich. Ja, es ist unvermeidlich! Die Dienstboten hier müssen davon wissen!«
»Allerdings müssen sie das! Zwei von ihnen kamen mit dem Wagen, um mich heute morgen von Lychet Hut abzuholen. Und die Frau, die Herrn Leath den Hausstand führt, muß es wissen. Sie sorgte heute morgen für mein Frühstück.«
»Das heißt also, daß sie alle jedem ihrer elenden Bekannten davon erzählen und ihren gemeinen Kommentar dazu abgeben!« rief Chichester. »Und du verlangst, daß ich von dem Thema abbreche — sagst, daß du es satt hast! Großer Gott! Wir alle, wie wir da sind, werden es noch satt bekommen, ehe es abgetan ist!«
Er war auf und nieder geschritten und blieb jetzt vor ihr stehen.
»Florence, du scheinst nicht im geringsten zu begreifen, welch unglückselige Sache es ist!«
Sie sagte nichts, sie blickte ihn nur an. In seinem gereizten Zustande nur mit sich selbst beschäftigt, war er unfähig, die grenzenlose Verachtung, die in diesem Blick lag, zu lesen. Hätte er es vermocht, so hätteer sich vielleicht jetzt noch beherrscht. Er fing wieder an, auf und nieder zu gehen.
»Dein Name in aller Leute Mund zusammen mit dem jenes Menschen! Und man weiß, daß du ihn getroffen — dich mit ihm unterhalten hast! Das macht es noch schlimmer — das gerade ist das Allerschlimmste. Wenn das nicht wäre, so würde wohl mit dieser Sache selbst, in der ich dir keine Schuld beimesse, fertig zu werden sein. So aber ist es unmöglich. Es ist mir ganz schrecklich! Es ist unerträglich, entsetzlich, daß dein Name — der Name meiner zukünftigen Frau — der Name der Herrin meines Hauses — auch nur durch einen Hauch getrübt werben sollte!«
Er blieb wiederum vor ihr stehen.
»Du mußt es doch begreiflich finden, daß es mir unmöglich ist, so etwas leicht zu nehmen?«
»Ja — ich finde es begreiflich!« Die Augen unverwandt in die seinen senkend, lächelte sie.
»Es ist allerdings schrecklich, daß der gute Name deiner Zukünftigen angetastet werden sollte. Du tust recht, dich darüber aufzuregen; du hast mein volles Beileid. Denn was würde es dir ausgemacht — was würde es dir geschadet haben, hätte man nur auf mich — nur auf Florence Esmond, nur auf ein Weib einen Stein geworfen? Aber es ist deine zukünftige Frau. O, glaube mir, du tust mir aufrichtig leid!«
»Was meinst du?« fragte er und wurde rot. »Ich verstehe dich nicht!«
»Ich meine, was ich sage,« antwortete sie, »und ich wenigstens verstehe dich. O, glaubst du, ich durchschaute dich nicht? Was macht dir Sorge? Daß ich,ein hilfloses Mädchen, vielleicht von all denen, die mich kennen, schändlich verleumdet werde? Nein, nein! Nur, daß ich deine Braut bin, ein Teil deiner selbst, dein Eigentum, und daß deshalb jeder Stein, der auf mich geworfen wird, auch dich trifft! O, ich weiß — ich weiß! Es ist genug, Herr Chichester — auf Sie soll auch nicht der leiseste Schatten meiner Schande fallen.« Sie zog in ungestümer Heftigkeit den Verlobungsring vom Finger und hielt ihn ihm hin: »Ich bin Ihre Braut nicht länger! Ich gebe Ihnen Ihr Wort zurück, und Sie sind frei!«
»Florence!«
Er wurde jetzt bleich und griff nach ihrer Hand und dem Ringe zusammen und hielt beide fest. »Das kann dein Ernst nicht sein? Besinne dich! Wenn unsere Verlobung jetzt gelöst würde —«
»Sie ist gelöst!« Sie entzog ihm ihre Hand. »Nehmen Sie Ihren Ring zurück, Herr Chichester! Ich werde nie und nimmer Ihre Frau.«
»Aber bedenke doch — ums Himmels willen!« Er trat vor ihrer ausgestreckten Hand, auf deren Innenfläche der blitzende Ring lag, zurück. »Bedenke, welche Wirkung es haben wird, wenn unsere Verlobung jetzt zurückgeht! Das wird den schlimmsten Vermutungen Raum geben und sie zu bestätigen scheinen.«
»Das muß dann seinen Lauf haben. Ich weiß, daß es so sein wird. Noch einmal, nehmen Sie Ihren Ring zurück!«
»Du bist fest entschlossen? Du willst dich nicht besinnen? Nicht überlegen —?«
»Es gibt Dinge, bei denen es keiner Überlegung bedarf. Ein- für allemal, Herr Chichester, ich will Sie nicht heiraten. Und zum drittenmal, nehmen Sie Ihren Ring zurück!«
Er antwortete nicht. Er schaute sie an, wie sie in aufrechter Haltung, mit hochgetragenem Haupte und stolz blickenden Augen vor ihm stand. Ihre höhnische Verachtung hatte ihm das Blut in die Wangen getrieben, aber ihre Schönheit beschleunigte noch seinen Pulsschlag. Nein — er liebte sie nicht, aber es war schwer, ihren Liebreiz zu verlieren. Er schritt zweimal durch das Zimmer, ehe er wieder vor ihr stehen blieb.
»Florence, ich bitte dich noch einmal, diesen Entschluß in Erwägung zu ziehen! Denke an die Folgen, wenn du jetzt unsere Verlobung löst. Ich meinerseits habe mich vielleicht zu stark ausgedrückt. — Gib mir dein Wort, daß du diesen Menschen, diesen Leath, nie wiedersehen, nie wieder eine Silbe mit ihm sprechen willst, und ich —«
»Das tue ich nicht,« unterbrach sie ihn. »Sobald Sie fort sind, werde ich nach Lychet Hut reiten, um Herrn Leath für seine gestrige Fürsorge zu danken. Ich hatte heute morgen keine Gelegenheit, das zu tun.«
»Ist das dein Ernst?«
Sie neigte bejahend den Kopf. Ohne ein Wort weiter nahm er den Ring von ihrer ausgestreckten Hand, verbeugte sich förmlich, drehte sich kurz um und verließ das Zimmer. Drei Minuten darauf sah Florence von ihrem Fenster aus sein Dogcart die Auffahrt hinunter dem großen Eingangstor zurollenund wußte, daß er fort sei, um nicht wiederzukehren. —
Es war ungefähr eine halbe Stunde später, als sie in ihrem Reitkleid auf der Treppe erschien. Noch immer sehr bleich, aber in aufrechter Haltung, mit weitgeöffneten, glänzenden Augen stieg sie herab und schritt durch die innere Halle auf die Windfangtüre zu, die diese abschloß; aber noch ehe sie sie erreicht, wurde schnell eine andere Tür geöffnet und Lady Agathe, mit verweinten Augen und sehr blaß, — sie hatte stundenlang fast unaufhörlich geweint trotz Cis’ liebevoller Versuche, sie zu trösten, — kam heraus und hielt sie auf.
»O, Florence, ich war gerade im Begriff, zu dir hinaufzukommen, liebes Kind. Ich konnte diese schreckliche Unruhe nicht länger ertragen.« Sie hielt inne, denn anscheinend sah sie erst jetzt, daß das junge Mädchen im Reitkleide war. »Aber du willst doch nicht etwa ausgehen?«
»Ja — aber ich kann ein Weilchen warten. Es tut mir leid, daß du dich geängstigt hast, Tante Agathe. Du hättest mich rufen lassen sollen. Bitte, suche dich zu fassen! Du wirst dich noch krank machen, wenn du dich so aufregst. Weshalb bist du in solcher Unruhe? Was ist denn los?«
»Was los ist? O, liebes Herz, wie kannst du nur so fragen?« schluchzte ihre Tante. »Du bist so kalt und schroff und wunderlich, Florence. Ich verstehe dich ganz und gar nicht.«
»Nicht?« Ein seltsames Lächeln umspielte die Lippen des Mädchens. »Es tut mir leid,« sprach sieruhig, »ich wollte dich nicht wieder zum Weinen bringen. Deshalb ängstigst du dich so?«
»O, Florence, du mußt doch wissen, in welch schrecklicher Gemütsverfassung ich bin, bis ich höre, was Chichester über diese unselige Sache gesagt hat! Du — du hast es ihm erzählt?«
»Ja, ich habe es ihm erzählt.«
»Und — und es ist alles erledigt und abgetan?« fragte Lady Agathe stockend.
»Ja. Es wird nie wieder ein Wort zwischen uns über die Sache verloren werden. Sie ist ganz und gar erledigt. Ist das alles, Tante Agathe?«
»Ja, mein Kind. Ach, mir fällt ein Stein vom Herzen, Florence! Ich fürchtete — ich weiß wirklich nicht recht, was ich eigentlich fürchtete! Es ist sonderbar, finde ich, daß Herr Chichester fortgefahren ist, ohne mit mir oder deinem Onkel zu reden, aber das tut weiter nichts. Er wird wohl zu Tische kommen, nicht wahr?« Mit einem Seufzer der Erleichterung trocknete sich Lady Agathe die Augen. »Wirklich, liebes Herz, du siehst zu blaß aus, um auszureiten! Fühlst du dich auch wohl genug dazu? Wohin willst du?«
»Ich will nach Lychet Hut. Ich kann nicht gut anders, als Herrn Leath für die Freundlichkeit danken, die er mir gestern erzeigt hat.«
»Florence!«
Ihre Tante schlug entsetzt die Hände zusammen.
»Dahin willst du! Und allein? Kind, Kind, das darfst du nicht — wirklich nicht! Das kann ich nicht zugeben!«
»Ich bitte um Entschuldigung, Tante Agathe,« sprach Florence kalt, »du vergißt wohl, daß, obgleich ich in deinem und Onkel Jaspers Hause wohne, ich doch mein eigener Herr bin und immer gewesen bin! Es tut mir leid, etwas zu tun, was dir nicht lieb ist, aber ich reite auf alle Fälle nach Lychet Hut.«
»Ach du meine Güte!« klagte Lady Agathe. »Bitte, mein Liebling, bedenke doch! Was wird Talbot Chichester sagen, wenn du nach Lychet Hut gehst?«
»Nichts —.« Das junge Mädchen schritt auf die Haustür zu, während ein seltsames, bitteres Lächeln ihre Lippen umspielte. »Nichts,« versetzte sie kurz. »Als ich sagte, alles sei abgetan und erledigt, hast du mich mißverstanden, Tante. Mein Gehen und Kommen geht Herrn Chichester nichts weiter an. Unsere Verlobung ist zurückgegangen. Ich habe mich geweigert, ihn zu heiraten.«
Everard Leath, der rauchend in der Tür seines Hauses stand und auf seinen durchweichten Garten hinausschaute, war so in Gedanken vertieft, daß, obgleich er den näherkommenden Hufschlag eines Pferdes vernahm, er doch nicht die Augen nach der Chaussee wandte, um zu sehen, wer der Reiter sei. So kam es, daß Florence auf ihrer Stute in die Pforte eingebogen und dicht bei ihm war, ehe er sie gewahr wurde.
»Gräfin Esmond!«
Sie war zu schnell und behende, um seiner Hilfe zu bedürfen, und war vom Pferde herunter, ehe er sich dessen versah.
»Sind Sie es wirklich?«
»Freilich, Herr Leath, und diesmal von keinem Gewitter hierherverschlagen.«
Sie lächelte und war sehr bleich; als sie ihm die Hand hinhielt, lag auf ihrem Antlitz ein Ausdruck, den er noch nie gesehen. Als er ihre Hand nahm, fühlte er, daß das Schlimmste, was er für sie gefürchtet, eingetreten sei, und er konnte nichts tun, als sie ansehen.
»Mich führte der Wunsch her, Ihnen für Ihre große Freundlichkeit zu danken.«
»Das war ganz unnötig.«
Bestürzt, verwundert wie er war, wußte er kaum, daß er ihre Hand noch immer festhielt, noch bemerkte sie es. »Ich weiß Ihre Güte wohl zu schätzen, Gräfin, aber ich hoffe, Sie wissen, daß alles, was ich für Sie tun konnte, gern geschehen ist.«
»Das sagten Sie gestern abend, und ich glaubte Ihnen, aber ich danke Ihnen nichtsdestoweniger.« Sie entzog ihm ihre Hand und trat ein wenig zurück. »Sie sehen mich sehr sonderbar an, Herr Leath! Weshalb?«
»Ich bitte um Entschuldigung. Ich — ich wußte das nicht. Sie sind bleich — Sie sehen ganz anders aus als sonst — das ist alles.«
»Kaum, glaube ich.« Sie hielt mit einem seltsamen, kalten Lächeln inne. »Ich bin nicht nur gekommen, um Ihnen zu danken,« sprach sie, jedes Wort abwägend. »Ich wollte Ihnen auch Glück wünschen.«
»Mir Glück wünschen?« wiederholte er.
»Ja, zu Ihrem Scharfblick, Ihrem — wie soll ich es nennen? — Verständnis für die menschliche Natur.«
»Ich verstehe Sie nicht,« sagte er, aber er verstand sie nur zu gut und wurde ebenso blaß wie sie.
»Nicht? Dann muß ich Ihrem Gedächtnis zu Hilfe kommen. Ich war gestern abend nicht sehr höflich — ich nannte Sie albern. Wissen Sie noch?«
»Ja.«
»Aber Sie waren nicht albern. Die Torheit war auf meiner Seite. Sie meinten viel mehr, als Sie sagten, aber Sie hätten recht gehabt, wenn Sie alles, was Sie dachten, ausgesprochen hätten.«
Sie hielt inne. »Meine Verlobung mit Herrn Chichester ist gelöst.«
»Das hat er getan!«
»Nein, das habe ich getan! Sie begreifen alles so gut — das sehe ich Ihnen an — daß ich nichts mehr hinzuzusetzen brauche.« Sie hielt wieder inne.
»Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß in meinen Augen auch nicht der leiseste Vorwurf Sie trifft,« sprach sie langsam, als falle es ihr schwer, die richtigen Worte zu wählen, »und um aufs neue zu wiederholen, daß ich Ihnen danke. Sie sind besorgter um mich gewesen, haben mehr Rücksicht auf mich genommen, als ich selbst getan. Ich war es Ihnen schuldig, Herr Leath, daß Sie dies von meinen eigenen Lippen hörten.«
Als sie zu Ende war, hatte sie ihre Fassung fast wieder gewonnen, und das half ihm, die seine wieder zu erlangen. Er begriff vollkommen, daß er kein Wort über Talbot Chichester sagen dürfe — daß jeglicherKommentar, jede Frage, jeder Ausdruck der Empörung sie verletzen würde. Aber es war keine leichte Aufgabe, mit der nötigen Gelassenheit und Kürze zu sprechen, wie sehr sie auch gewohnt war, sich zu beherrschen.
»Ich danke Ihnen, Gräfin,« sagte er. »Sie sind edelmütig. Eine der wenigen angenehmen Erinnerungen, die ich beim Fortgehen von hier mitnehme, wird die Erinnerung an diese Worte sein.«
»Sie gehen fort?« rief sie überrascht.
»Ja — ich werde in ein paar Tagen aus diesem Hause ziehen.«
Er legte keinen Nachdruck auf die Worte, aber sie verstand ihn sehr wohl. Er wollte jetzt nicht in einem Hause bleiben, das Talbot Chichester gehörte.
»Wollen Sie damit sagen, daß Sie St. Mellions verlassen?«
»Nicht gleich. Ich bleibe vielleicht noch acht oder vierzehn Tage. Ich habe Herrn Sherriff versprochen, während meines Hierbleibens im Bungalow zu wohnen.«
»Und wenn Sie fortgehen, gehen Sie auf immer?«
»Vermutlich, aber das kann ich noch nicht sagen. Soweit ich es jetzt überblicken kann, ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß ich wiederkommen werde.«
Er blickte von ihr fort. Es wurde ihm schwer, ihren Augen zu begegnen, in dem Gefühl, daß seine eigenen möglicherweise das Geheimnis verraten könnten, das er ihr niemals enthüllen durfte. Der bloße Gedanke, daß sie frei sei, hatte ihm das Blut ungestüm durch die Adern getrieben, obgleich er sichdeshalb einen Toren gescholten. Denn was konnte es ihm ausmachen, daß Talbot Chichester sich als der große Esel, für den er ihn gehalten, erwiesen hatte?
»Und Sie werden nicht wiederkommen?« sagte Florence.
Sie blickte ihn ungewiß an. »Ich möchte wohl wissen, Herr Leath, ob ich eine Frage an Sie richten darf?«
»Gewiß dürfen Sie jede Frage an mich stellen. Aber die eine, die Sie tun wollen, brauchen Sie nicht zu stellen, ich kann sie ungefragt beantworten. Gehe ich, weil es mir nicht gelungen, das zu tun, was ich hier tun wollte? Das ist die Frage — nicht wahr?«
»Ja.«
»Und die Antwort lautet: ›Ja, ich gehe, weil es mir gänzlich mißlungen ist‹.«
»Es ist Ihnen nicht geglückt, den Menschen, von dem Sie sprachen, — Robert Bontine, — aufzufinden?«
»Nein — ich habe nicht die leiseste Spur von ihm gefunden.«
»Und Sie gehen, weil Sie die Nachforschungen aufgeben?«
»Nein — ich gehe, um anderswo meine Nachforschungen fortzusetzen, das ist alles.«
»Es ist seltsam!« Florence zog die Brauen zusammen. »Sie waren so sicher, daß er hier sei — so fest überzeugt davon! Sie haben mir nie gesagt, ob Sie ihn erkennen würden, wenn Sie ihm begegnen sollten.«
»Ihn erkennen? Ich habe ihn nie im Leben mit Augen gesehen!«
»Nein?« Ihr Gesicht verriet grenzenlose Überraschung. »Was ist er Ihnen denn, Herr Leath?«
»Das, verzeihen Sie, ist mein Geheimnis, Gräfin.«
»Es wird nicht weniger Ihr Geheimnis sein, wenn Sie es mir sagen. Ich habe kein Recht, Sie darnach zu fragen, das weiß ich wohl — ich weiß kaum, weshalb ich es tue. Mich geht es nichts an.« Sie blickte ihn an. »Nein, sagen Sie es mir nicht, — Sie haben völlig recht, es mir abzuschlagen und Ihr Schweigen zu bewahren. Ich bitte Sie um Entschuldigung. Ich frage Sie nicht.«
Jedem anderen Fragesteller gegenüber würde er stumm geblieben sein; ihr gegenüber blieb er es nicht. Er sagte es ihr mit zwei Worten. Florence fragte nicht weiter. Sein Aussehen verbot das. Schweigend reichte sie ihm zum Abschied die Hand; schweigend hob er sie auf ihr Pferd, und noch immer schweigend und verwundert ritt sie davon und ließ ihn allein.