17.
»Hoffentlich ist mein Besuch Ihnen genehm, Herr Sherriff, obgleich Sie nach Ihrem gestrigen Anfall wohl eigentlich kaum wohl genug sein werden, um auf zu sein,« sagte Everard Leath freundlich.
Er war infolge eines am gestrigen Tage gegebenen Versprechens nach dem Bungalow herübergeritten und hatte sich sogleich in das trauliche Wohnzimmer des Hausherrn begeben, dessen bis auf den Boden hinabreichende Fenster auf die von Schlingpflanzen umrankte Veranda und den sonnigen Garten dahinter hinausführten. Der alte Herr, der in seinem großen Stuhle saß, hatte seinen Freund mit einem Lächeln willkommen geheißen, war aber nicht aufgestanden und ihm entgegengegangen. Seine Augen blickten trübe, sein schönes altes Gesicht war eingefallen und blaß, die Hand, die sich dem jungen Manne entgegenstreckte, war kalt und zitterte. Solche Symptome stellten sich immer nach den Ohnmachtsanfällen ein, an denen er hin und wieder litt, und der Anfall am gestrigen Tage war ungewöhnlich schwer gewesen. Er selbst machte nicht viel Aufhebens von diesen Anwandlungen — die Tatsache, daß er an einer Herzschwäche litt, die auch wahrscheinlich einst die Ursache seines Todes sein würde, beunruhigte ihn nicht; denn er wußte es seit vierzig Jahren.
»Es ist schön, daß Sie kommen, mein alter Junge. Ich habe Sie erwartet,« antwortete er mit zitternder Stimme, während er wieder in seinen Sessel sank. »Ich bin noch nicht ganz wieder der alte. Die gestrige Erschütterung —«
»Greift es Sie auch nicht zu sehr an, davon zu reden?« warf Leath dazwischen.
»Nein, nein! Es läßt mir keine Ruhe! Seitdem ich gestern wieder zu mir kam, habe ich mich gefragt: ›Ist es wahr? Kann es wirklich wahr sein?‹ Setzen Sie sich, lassen Sie sich ansehen, Everard! Wie geht es zu, daß ich in Ihrem Antlitz nie jenes andere Antlitz, dessen ich mich so gut erinnere, gesehen habe? Sie sind Marys Sohn — meiner Mary Sohn!«
Eine wehmütige Zärtlichkeit klang aus seiner Stimme, während seine Augen erregt in den ernsten, gefaßten Zügen des Jüngeren forschten, die, so ernst sie auch waren, doch eine gewisse Weichheit des Ausdrucks zeigten, die ihnen sonst fremd war. Ihn rührte die tiefe Bewegung seines Gefährten, rührte die Treue, die noch nach mehr als dreißig Jahren der einst Geliebten ein solches Gedenken bewahrte. Er drückte die Hand, die die seine umschloß.
»Sehen Sie keine Ähnlichkeit?«
»Ich glaube doch. In der Bildung der Stirn und dem Ausdruck des Mundes liegt etwas, das mich an Mary erinnert. Aber es liegt mehr Härte darin als je bei ihr. Indessen, Sie sind ein Mann — Sie haben ein schweres Leben hinter sich — das vergesse ich. Mary war ein junges Ding, als sie von mir ging— so rosig und weichherzig wie ein Kind. Zu denken, daß ich die Hand ihres Kindes halte! Ich kann mich nicht auf mein Gedächtnis verlassen. Everard, haben Sie mir je in einem unserer Gespräche erzählt, daß Sie Ihre Mutter verloren hätten — daß Mary tot ist?«
»Ja, das habe ich Ihnen erzählt. Sie ist vor acht Jahren gestorben.«
»Vor acht Jahren! Und ich sitze hier und erfahre es erst heute! Und wie hat sie Sie zurückgelassen? Allein?«
»Ganz allein.«
»Sie haben keine Geschwister gehabt?«
»Nein.«
Er hatte bei diesen beiden kurzen Antworten in den Garten hinausgeblickt. Sherriff beobachtete ihn einen Augenblick, öffnete die Lippen, als wollte er reden, schloß sie wieder, seufzte und nahm von dem Tische neben sich das Bild, das am gestrigen Tage zu der Entdeckung geführt hatte.
»Dies ist hergestellt worden, als sie ein junges Mädchen war,« sprach er. »Vor acht Jahren ist sie mindestens eine altere Frau gewesen. Trotzdem muß sie sich sehr wenig verändert haben, da Sie das Bild sofort erkannten.«
»Sie hatte sich ganz und gar verändert,« antwortete Leath, ohne sich umzuwenden. »Hätte ich nur die Erinnerung an meine Mutter, wie ich sie gekannt, gehabt, so würde ich jenes Bild nie erkannt haben. Aber ich besitze ein ebensolches, das natürlich ausderselben Zeit stammt. Ich weiß noch, daß ich es mitunter ansah und sie anschaute und mich verwundert fragte, ob die beiden Gesichter wirklich einer und derselben Frau gehören könnten.«
»Die Veränderung war so groß?« fragte der andere in schmerzlichem Tone. Er legte die Hand über die Augen. »Die Jahre sind unerbittlich,« meinte er dann sanft.
»Die Jahre tun viel, aber sie tun nicht alles,« antwortete Leath finster, noch immer, ohne sich zu regen. »Kummer, Gram, Armut sind noch grausamer.«
»War das ihr Los?« Die erhobene Hand verdeckte einen Ausdruck tiefen Schmerzes auf dem schönen alten Gesicht.
»Das war es. Ich will Ihnen das Herz nicht schwer machen, indem ich Ihnen davon erzähle — weshalb sollte ich? Jetzt ist es wenigstens vorüber. Eine abgehärmte, traurige, früh gealterte Frau, die gern gestorben wäre, als ihre Stunde schlug, wäre ich nicht gewesen, den sie liebte, wie unsere Mütter uns eben lieben: das ist meine Mutter, wie ich mich ihrer erinnere. Ich entschuldige es nicht, daß Sie Ihnen die Treue gebrochen — so teuer sie mir war, so kann ich das nicht entschuldigen, aber Sie dürfen mir glauben, wenn ich sage, daß sie schwer dafür gebüßt hat.«
»Ich habe es gefürchtet — gefürchtet!« sagte der alte Mann mit einem tiefen Seufzer. »Ich dachte oft, daß, wäre ihr Leben glücklich gewesen, ich wieder von ihr gehört haben würde, daß sie meiner doch nochgedacht hätte und mich ihr Glück hätte erfahren lassen. Sie haben nie von mir reden hören? Sie hat niemals zu Ihnen von mir gesprochen?«
»Mit deutlichen Worten niemals. Sie erzählte mir einmal, daß sie selbst an ihrem Kummer und Leid schuld sei — daß sie mit offenen Augen als Mädchen ihr Glück von sich gestoßen. Jetzt verstehe ich, was die arme Seele damit meinte! Damals nicht.«
Es trat ein kurzes Schweigen ein. Leath starrte noch immer finster zum Fenster hinaus. Sherriff blickte ihn mit merkwürdig zweifelndem Ausdruck zögernd an. Es war, als ob der eine die Worte erwarte, die auszusprechen der andere eine ängstliche Scheu empfand.
»Everard —,« es war eine Kleinigkeit, aber es rührte den jungen Mann tief, als er bemerkte, daß ihn Sherriff jetzt bei seinem Vornamen nannte, — »Everard, ich darf noch eine Frage an Sie richten?«
»Das wissen Sie, Herr Sherriff.«
»Was — was haben Sie mir über Ihren Vater zu sagen?«
»Was soll’s mit ihm?« Er sprach, ohne sich umzuwenden, aber sein Ton war schroff und scharf, und seine kraftvolle Hand ballte sich.
»Er ist tot, vermute ich. Nicht wahr?«
»Ich habe ihn nie mit Augen gesehen.«
»Ihre Mutter verlor ihn so früh schon? Ehe Sie geboren wurden?«
»Allerdings — ehe ich geboren wurde.«
»Und er ließ sie arm zurück?«
»Er ließ sie am Bettelstabe.«
»Er war also arm?«
»Ich weiß nicht, was er war. Ich weiß nichts — nichts!«
»Tragen Sie seinen Namen?«
»Seinen Namen? Nein, ich wurde nach dem Bruder meiner Mutter genannt, der als Kind gestorben ist. Das hat sie mir erzählt.«
Sein Ton hätte nicht bitterer sein können. Herr Sherriff stand auf und nahm das Bild vom Tische.
»Nun, wir wollen jetzt nicht weiter über die Sache reden,« sprach er ruhig, »es geht uns beiden zu nahe. Ein anderes Mal werde ich Sie bitten, mir mehr aus Ihrem Leben, mehr von Ihrer Mutter zu erzählen, aber jetzt nicht.«
Er öffnete das alte, messingbeschlagene Pult, legte das Bild hinein und verschloß es sorgfältig.
»Haben Sie Zeit, mir, wie Sie versprochen, beim Ordnen der Mortlakeschen Papiere zu helfen?«
Leath, der sich gewaltsam seinem Brüten entriß, erklärte sich bereit, suchte aber, allerdings vergeblich, den Alten zu überreden, seines Befindens wegen die Arbeit auf morgen zu verschieben.
Nachdem sie einen Kasten mit Briefen geordnet hatten, sagte Sherriff:
»Die wichtigen Schriftstücke und Pachtverträge sind in dem feuerfesten Schrank dort am Kamin. Essind zwei Kasten, die beide in weißen Buchstaben die Aufschrift ›Mortlake‹ tragen.«
Leath schloß den Schrank auf, sah die beiden Kasten und stellte sie auf den Tisch.
Sherriff bat ihn, den größeren zuerst aufzuschließen, und meinte, mit dem anderen brauchten sie sich kaum zu befassen, da er hauptsächlich Papiere, die noch aus der Zeit des alten Barons, Sir Roberts, stammten, enthielten, und setzte hinzu:
»Ich glaube, er ist mir lediglich aus Versehen von meinem Vorgänger geschickt worden. Jedenfalls hat Sir Jasper nicht darum gewußt, denn der Kasten enthielt ein Paket Privatbriefe, die ich nicht sehen sollte. Mein Vorgänger hatte ein Zimmer in Turret Court, in dem er arbeitete, in dem damals all diese Bücher und Schriften aufbewahrt wurden, und er erzählte mir, daß Sir Jasper, der das Päckchen unter seinen Privatpapieren vermißt haben mochte, und dem dann eingefallen, wo es war, ungehalten gewesen sei, daß er den kleineren Kasten mit hierhergeschickt hätte. Er muß sich dann gleich auf den Weg gemacht haben, das Vermißte wiederzuerlangen, denn als ich am Morgen, nachdem ich die Bücher und Kasten erhalten, hier am Tische saß wie jetzt und anfing, sie durchzusehen, ritt Sir Jasper draußen vor. Es war ein bitterkalter Tag, aber er war in so rasender Eile von Turret Court herübergejagt, daß sein Pferd mit Schaum bedeckt war und sein Gesicht — selbst gestern sah er nicht so aus, wie damals. Er stürzte wie ein Wahnsinniger zu mir herein und fragte, ob ich den kleinen Kasten geöffnet hätte. Ich sagte nichts, denn seinbrüskes und heftiges Benehmen verletzte mich, sondern deutete auf den noch unberührt auf dem Tische stehenden Kasten und gab ihm den Schlüssel. Er schloß ihn auf, leerte ihn mit bebenden Händen, nahm ein Paket heraus, schleuderte es ins Kaminfeuer und war ebenso schnell wieder fort, wie er gekommen, und ließ die übrigen Schriftstücke auf dem Tische und Fußboden verstreut liegen.«
»Allerdings wunderlich,« bemerkte Leath. »Darf ich fragen, wie das Paket aussah?«
»Soweit ich sehen konnte, war es klein und flach und mit einem verblichenen gelben Band zusammengebunden. Haben Sie den großen Kasten ausgepackt? Dann wollen wir jetzt daran gehen.«
Nach wenigen Augenblicken indessen lehnte sich Sherriff mit allen Zeichen der Erschöpfung in seinen Stuhl zurück und meinte, daß er sich niederlegen müsse, wolle er einem zweiten Ohnmachtsanfall vorbeugen. Leath geleitete den alten Herrn sorgsam in sein Zimmer, blieb noch eine Weile an seinem Bette sitzen und begab sich dann wieder an die Arbeit. Nach einer halben Stunde war der Inhalt des größeren Kastens geordnet, und während er sich eine Zigarre anzündete, blickte er unschlüssig auf den kleineren.
»Soll ich den auch in Angriff nehmen? Es wäre wohl das beste. Er wird kaum ein zweites Geheimnis des Barons bergen.«
Er schloß den Kasten auf und packte ihn aus. Der Inhalt war augenscheinlich lange nicht berührt worden, denn ihm entströmte ein dumpfiger Geruch. Mitden alten, vergilbten Papieren war entschieden nicht viel anzufangen.
Was war dies hier? Ein Pachtvertrag. Und dies? Irgendein gerichtliches Dokument über das Recht, einen Weg anzulegen. Und wieder dieses zusammengefaltete ölige Pergament, zwischen dessen Falten noch etwas anderes steckte, das sich hineingeschoben haben mochte? Er schlug es langsam auseinander, und ihm fiel ein kleines, flaches Päckchen, das von einem vergilbten gelben Bande zusammengehalten wurde, entgegen.
Noch eines! Gab es denn wirklich noch eines? In demselben Augenblicke wurde er rot und starrte erstaunt auf die Papiere nieder. Dann aber lachte er, und mit den Worten: »Ein zufälliges Zusammentreffen, natürlich!« löste er das Band und breitete den Inhalt des Päckchens vor sich aus. Woraus bestand er? Aus einem Bündel Briefe, die mit demselben gelben Bande zusammengebunden waren, einem kleinen, amtlich aussehenden Schriftstück, das für sich allein lag, und einer Photographie. Er nahm sie auf und hielt sie so, daß das Licht darauffiel.
Ihm entfuhr kein Schrei, aber die Zigarre entfiel seinen Lippen, seine Augen erweiterten sich, und er saß mit starrem, tieferblaßtem Antlitz da. Während zwei oder drei Minuten verrannen, verharrte er regungslos und stumm, dann erhob er sich mühsam und trat ans Fenster. Der warme frische Luftstrom belebte ihn ein wenig, und er kehrte an seinen Platz zurück. Mit plötzlich wiederkehrender, natürlicherEnergie und einem Laut, der wie ein Lächeln klang, ergriff er das kleine Dokument, las es schnell durch, warf es auf den Tisch und streifte das Band von den Briefen.
Es war ungefähr ein Dutzend. Alle außer einem trugen die Handschrift einer Frau, und der eine war zerknittert und mitten durchgerissen, wie von zornigen Händen. Die Tinte war verblaßt, die Daten lagen um mehr als dreißig Jahre zurück. Einen nach dem andern, von Anfang bis zu Ende, las Everard Leath, dann ließ er die geballte Faust schwer auf sie niederfallen und saß mit auf die Brust gesenktem Haupte, gerunzelter Stirn und aufeinandergepreßten Lippen in finsterem Brüten da. Er war so in seine Gedanken vertieft, daß er die Schritte draußen auf dem Kies nicht hörte, noch merkte, daß sie auf den Steinfliesen der Veranda anhielten. Erst als sein Name mehr als einmal genannt worden, sprang er auf, die Briefe noch immer in der Hand haltend, und sah Gräfin Florence draußen vor dem offenen Fenster stehen.