2.

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Das sogenannte getäfelte Zimmer in Turret Court hatte verschiedene Vorzüge, die es erklärlich machten, daß es der Lieblingsaufenthalt der Damen der Familie war. Die bemalten, in die Wände eingefügten Holzplatten waren hervorragende Kunstwerke; die bis auf den Boden hinabgehenden Glastüren führten auf eine von Schlinggewächsen berankte Veranda, vor der sich gleich einem grünen Sammetteppich ein herrlicher, von prangenden Blumenbeeten und üppigem Gesträuch eingefaßter Rasen ausbreitete, und von der man überdies eine wundervolle Aussicht über die Heide nach den zackigen Bergkuppen hinüber und auf das ferne Meer genoß. Turret Court lag hoch, so hoch, daß man von dort das Tal, in dessen grünem Schoße St. Mellions lag, sehen konnte.

Das Zimmer enthielt den einzigen Lehnstuhl im ganzen Hause, in dem die sanfte Lady Agathe behauptete, ein behagliches Mittagsschläfchen halten zu können, und ferner das Klavier, zu dessen Klängen ihre Tochter immer am besten singen konnte. Der größte Vorzug aber von allen war, wie Gräfin Florence mehr als einmal kühn ausgesprochen hatte, daß Sir Jasper seine Schwelle höchstens zwölfmal im Jahre überschritt. Indessen nur Roy pflichtete ihr darin offenbei, denn Sir Jasper war kein angenehmer Mann, und sowohl seine sanfte Frau wie sein hübsches Töchterchen waren viel zu bange vor ihm, um einzugestehen, daß sie sich vor ihm fürchteten.

An dem heutigen sonnigen Morgen war er nicht in der Nähe des getäfelten Zimmers, sonst hätte dort nicht so heiteres Behagen geherrscht. Lady Agathe saß an einer der offenen Glastüren in dem Stuhle, den sie so hoch hielt, und las in einem Roman, dessen Gewicht fast zu groß für ihre zarten weißen Hände zu sein schien. Sie war eine schlanke, blasse, blonde Frau, die einst hübsch gewesen war, von jener blonden, rosig angehauchten Schönheit, die meistens so früh verblüht. Ihre zierliche Gestalt und das schmale, feine Antlitz mit den sanften Augen hatten noch etwas Mädchenhaftes, obgleich sie schon zwei oder drei Jahre über die Vierzig hinaus war. Sanft und gutherzig, ohne je eine eigene Meinung zu haben, und keinesweges gescheit, war sie doch in jedem Zoll die vornehme Dame, wie es von der Tochter eines der ältesten irischen Grafengeschlechter zu erwarten war. Das Geschlecht der Mortlakes auf Turret Court sei sehr alt, aber doch nichts gegen die Esmonds von Ballancloona, pflegte Lady Agathe bisweilen mit unschuldiger Eitelkeit zu sagen; nicht um die Welt hätte sie eingestanden, was ihre innerste Überzeugung war, — daß es eine ziemliche Herablassung von ihr gewesen war, die Frau ihres Mannes zu werden. Ihre Hauptbeschäftigung und Freude war es, Romane zu lesen oder dem Geplauder ihrer beiden jungen Gefährtinnen zu lauschen, die in bequemen Schaukelstühlen auf der Verandasaßen. In ihren weißen Kleidern sahen die beiden Mädchen schneeiggefiederten Vögeln nicht unähnlich.

Florences graue Augen blitzten schelmisch, während sie ihre Cousine ansah, aber es leuchtete auch tiefe, leidenschaftliche Zuneigung aus ihnen. Diejenigen, die Florence Esmond am besten kannten, pflegten zu sagen, daß, wenn sie kein Geheimnis daraus machte, Sir Jasper Mortlake, ihren Vormund, beinahe zu hassen, sie seine Frau und Tochter vergötterte und den jungen Roy kaum weniger liebte. Die Behauptung war nicht sehr übertrieben, denn es entsprach des Mädchens innerster Natur, heiß zu lieben, wo es überhaupt liebte.

Cäcilie — im Familienkreis stets Cis genannt — war ein sehr hübsches Mädchen, — in der ganzen Grafschaft waren die Mortlakes wegen ihrer Schönheit berühmt, — klein und zart gebaut, mit goldblondem Haar und lichtbraunen Augen und mit vollendet schönen und zarten Farben. — Dem Aussehen nach schien sie weit jünger als ihre größere Cousine mit ihrer stolzen, entschlossenen Haltung, ihrem schlanken Hals und Nacken und dem hochmütig getragenen braunen Köpfchen; aber der Altersunterschied zwischen ihnen betrug in Wirklichkeit nur wenige Wochen. Beide hatten im vergangenen Winter ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert.

Während sie so plaudernd dasaßen, sagte Florence: »Wie viele Torheiten habe ich mir im Leben schon zuschulden kommen lassen, die dir nicht einmal eingefallen wären, du gutes kleines Ding! Ich tue freilich in Sack und Asche Buße, das ist wahr, aberwas nützt das? Und ach, was noch schlimmer ist, wie zahllose werde ich voraussichtlich noch begehen.«

»Das möchte die Herzogin auch wissen,« meinte Cäcilie lächelnd.

»Die Herzogin! O!« Florences fröhlicher Mund wurde ernst; sie setzte sich aufrecht in ihrem Stuhle hin. »Liebes Herz, — dabei fällt mir ein, — wie du weißt, hatte ich heute morgen Kopfweh und frühstückte oben. Mit einer Tasse Tee überreichte mir meine ahnungslose Jungfer eine Bombe. Die Herzogin hat geschrieben.«

»Florence!« Cis sah entsetzt aus. »Sie verlangt nach dir?«

»Allerdings. Auf zwei Briefbogen überhäufte sie mich mit Vorwürfen, daß ich sie mitten in der Saison im Stich gelassen, besonders nach der Mühe, die sie sich um meine Toilette gegeben habe; der dritte meldet mir, daß sie sich gar nicht wohl fühle, und daß der Doktor ihr anempfohlen, ohne Aufschub nach Pontresina abzureisen, und der vierte befiehlt mir, heute über acht Tage in London mit ihr zusammenzutreffen und bereit zu sein, sie zu begleiten.«

»O Florence! Welch eine schreckliche Enttäuschung! Du sagtest, du wolltest den ganzen Sommer bei uns bleiben, und jetzt sollen wir dich verlieren!«

Cis’ schöne Augen füllten sich mit Tränen. Ihre Cousine erhob sich lachend, küßte sie und strich ihr mit der weißen Hand über den blonden Kopf.

»Nein, das sollt ihr nicht, du liebes Gänschen! Ich habe schon geschrieben, um Ihrer Durchlaucht respektvoll zu melden, daß ich sie nicht begleiten werde.«

»Wie lieb von dir! Aber ich fürchte, sie wird furchtbar böse werden.«

»Sie beabsichtigt, ein Vierteljahr fern von England zu bleiben,« gab Florence gelassen zur Antwort. »Bis sie zurückkommt, wird sie es überwunden haben.«

»Das will ich um deinetwillen hoffen.« Fräulein Mortlake empfand ein gut Teil Angst und Scham vor Ihrer Durchlaucht der verwitweten Herzogin von Dunbar, da sie ein schüchternes kleines Geschöpf war, und sah fast ebenso ängstlich aus, als hätte sie selbst gewagt, der hochgeborenen Dame Trotz zu bieten.

»Ich möchte, sie teilte sich nicht mit meinem Vater in die Vormundschaft über dich, Florence,« sprach sie. »Ein Vormund ist genug.«

»Liebste, ich bin oft der Meinung, daß einer schon zu viel ist.« Florence setzte sich wieder in ihren Stuhl, verschränkte die Hände im Nacken unter dem vollen, lose verschlungenen Knoten ihres kastanienbraunen Haares und fuhr langsam fort: »Es ist recht lästig, das muß ich zugeben. Aber siehst du, die Herzogin hat bei mir Gevatter gestanden, und so hätte sie es wohl nicht gern gesehen, wenn sie übergangen worden wäre. Und mein Vater mag wohl der Ansicht gewesen sein, daß Frauen nicht viel von Geschäften verstünden. Er hielt es im Interesse meiner Angelegenheiten für besser, ihr einen männlichen Vormund an die Seite zu stellen, und da war es natürlich, daß seine Wahl auf Sir Jasper, den Mann seiner einzigen Schwester, fiel. Ihre Durchlaucht waren unbedingt froh, mich los zu sein, und jetzt, seitdem ichmündig bin, kann ich überhaupt tun, was mir beliebt — was meinen Aufenthalt betrifft wenigstens.«

Der Ton ließ darauf schließen, daß die Sprecherin in anderer Hinsicht nicht tun könne, was ihr beliebte.

»Hast du — hast du es der Herzogin erzählt, Florence?« fragte Cis, anscheinend ganz ohne allen Zusammenhang, mit gedämpfter Stimme.

»Nein, mein Herz. Ich beschloß, damit noch zu warten. Teils weil ich der Ansicht war, mein Brief sei sowieso schon hinreichend, um ihr auf die Nerven zu fallen, — von der Laune, in die er sie versetzen wird, gar nicht zu reden. Teils weil ich es für möglich hielt, sie könne ihren Doktor samt seinen Verordnungen und Pontresina ganz und gar vergessen und in höchsteigener Person hier auf der Bildfläche erscheinen, um ihre Ansicht kundzutun. Ihre Ansichten sind mir gewöhnlich langweilig.«

Sie brach geflissentlich von dem Gegenstande ab und fragte: »Wo ist Roy heute morgen, Cis?«

»Ausgeritten, glaube ich. Nein, ich weiß es sogar bestimmt. Er sagte beim ersten Frühstück, er wolle nach Arborfield hinüberreiten.«

»Und Harry zum zweiten Frühstück mitbringen!« setzte Florence gleichmütig hinzu. »Weshalb sprichst du nicht zu Ende, Cis?«

Sie lachte, während sie in das Porzellangesichtchen schaute, dessen zarte Farbe dunkler wurde.

»Wie rot du wirst, Kind, obgleich du schon seit drei Monaten verlobt bist! Vielleicht ist es doch ganz nett, einen Harry zu haben. Weißt du, ich denke mitunter, wie mir das wohl gefallen würde.«

»Florence!« Cis richtete ihre kleine Gestalt mit der würdigen Miene, die sie mitunter annahm, empor. »Wie kannst du jetzt nur so etwas noch sagen, wo du —«

»Wo ich noch nie verliebt gewesen und moralisch davon überzeugt bin, daß ich es nie sein werde!« beendete Florence munter den Satz. »Ganz recht, mein Herz,« fuhr sie fort, »es geziemt mir gewiß nicht, mich in sentimentalen Erwägungen zu ergehen. In Zukunft will ich mich benehmen, wie es sich gehört, und dich und Harry nur aus dem angemessenen überlegenen und unpersönlichen Gesichtspunkte betrachten. Und darin kann ich gleich anfangen, mich zu üben, denn da sind sie schon.«

Zwei junge Leute kamen von den Stallgebäuden her quer über den Rasen — der blonde, glattwangige, langaufgeschossene Roy Mortlake, dessen Sitz zu Pferde Everard Leath vor drei Tagen vom Erkerfenster der Chichester Arms aus bewundert hatte, und Harry Wentworth, der Sohn und Erbe des Barons Charteries von Arborfield, dessen Verlobungsring Cis seit drei Monaten trug. Er war ein hübscher Mensch mit lebhaften Augen, der aussah, als ob er des noch reizenderen Errötens, mit dem sein Bräutchen ihn begrüßte, würdig sei.

Sie wanderten sogleich miteinander davon, Cis’ goldblonder Kopf wurde sorgfältig mit einem Sonnenschirm beschützt, und Roy setzte sich auf eine Stufe der Verandatreppe neben Florences Schaukelstuhl. Lady Agathe hatte die Ankömmlinge nur mit einemfreundlichen Lächeln begrüßt, sich aber nicht weiter stören lassen, sondern in ihrem Roman weitergelesen.

»Flo,« — Roy liebte es, Gräfin Florences Namen so abzukürzen, — »ich habe Chichester gesehen — Hallo! Zum Kuckuck auch!«

Bei diesem Ausruf fuhr Roy von seinem niederen Sitze empor. Sir Jasper riß plötzlich die Tür auf und betrat das Zimmer, zur schreckensvollen Bestürzung seiner Frau und seines Sohnes und zu Florences grenzenlosem Erstaunen, da er sonst, wie gesagt, nie in diesem Raume erschien.

Er sah — wenigstens auf den ersten Blick — nicht so aus wie jemand, dessen plötzliches Erscheinen geeignet war, eine Störung zu verursachen. Wie alle Mortlakes sah er sehr gut aus. Cis’ hübsches rosiges Gesichtchen hatte nicht regelmäßigere Umrisse und Züge als das seine. Man hätte es fast allzu regelmäßig, zu glatt, zu farblos und ruhig nennen können. An seinem letzten Geburtstage war er sechsundfünfzig gewesen, aber er sah bei weitem nicht so alt aus. Sein blondes Haar war von jener hellen Farbe, die die grauen Fäden nicht hervortreten läßt, sein Antlitz zeigte wenig Falten, seine grauen Augen waren klar und glänzend; daß er nur einen großen Schnurrbart trug und Wangen und Kinn glattrasiert waren, ließ ihn noch jugendlicher erscheinen, und seine hohe, aufrecht getragene Gestalt bewegte sich mit einem leichten, ungezwungenen Anstande, der auf einen viel jüngeren Mann hätte schließen lassen.

Ja — Sir Jasper Mortlake, der Besitzer von Turret Court, war entschieden ein schöner und aufden ersten Blick ein anziehender Mann für fast jeden. Nur bei einem zweiten Blick gewahrten Leute, die sich auf Physiognomik verstanden, daß seine grauen Augen ebenso eisig kalt und strenge wie glänzend waren, daß die schmalen, schöngeschnittenen Lippen sich gewöhnlich fest aufeinanderpreßten, und daß die Umrisse des Oberkiefers und Kinns auf erbarmungslose Härte deuteten.

Es gab indessen eine Menge Menschen, deren Augen hierfür blind blieben, ebenso wie ihre Ohren taub gegen die Tatsache waren, daß seine langsame, klare, wohlbeherrschte Stimme einen unerbittlichen scharfen Klang hatte. Diese Leute pflegten Sir Jasper für einen sehr netten Mann und Lady Agathe für eine sehr glückliche Frau zu erklären, eine Ansicht, der zu widersprechen Lady Agathe selbst nie im Traume eingefallen sein würde.

Sie fuhr jetzt aus ihrem Stuhle auf und ließ ihren Roman fallen, während ein ängstliches Beben ihre zarte Gestalt durchlief. Roy schlich sich die Verandatreppe hinab, augenscheinlich darauf bedacht, sich womöglich ungesehen aus dem Staube zu machen. Florence gab ihrem Schaukelstuhle einen Ruck und blickte ihren Vormund mit fragenden Augen an. Ihr jagte er nie einen Schrecken ein, hatte es nie getan seit der Zeit, wo sie ein übermütiges, dreizehnjähriges Mädchen in kurzen Kleidern gewesen und er ihr Vormund geworden war. Das war vielleicht ein Grund, weshalb er fast immer höflich und mitunter fast liebenswürdig gegen sie war, obgleich ein anderer Grund in der Tatsache zu finden sein mochte, daß,wenn sie es abgelehnt hätte, wenigstens die Hälfte des Jahres unter seinem Dache zu verbringen, tausend Pfund Sterling jährlich weniger in die Tasche des Barons geflossen sein würden. Es wurde gemeiniglich angenommen, daß Turret Court fast so alt sei wie die Berge, die hinter ihm emporragten, aber an irdischen Gütern hatte das Geschlecht der Mortlakes nie Überfluß besessen.

»Ist — kann ich — wünschest du irgend etwas, Jasper?« stammelte Lady Agathe ängstlich hervor.

»Danke — nein. Bitte, laß dich nicht stören.« Der Baron warf einen verächtlichen Blick auf den hingefallenen Roman; für die harmlosen Bände, die das Hauptinteresse und Vergnügen seiner Gattin ausmachten, hatte er eine unsägliche Verachtung.

»Ich glaubte, Roy wäre hier,« setzte er, sich umblickend, hinzu.

»Das ist er auch.«

Florence übernahm die Antwort und deutete nickend auf Roys verschwindende Gestalt, wofür ihr ein vorwurfsvoller und entrüsteter Blick wurde. »Wolltest du etwas von ihm, Onkel Jasper?«

Niemand außer ihr hätte es gewagt, die Frage zu stellen, oder würde sie gestellt haben, ohne eine beißend sarkastische Antwort zu erhalten. Sir Jasper trat an die offene Glastür.

»Ja, danke, meine Liebe.« Er rief seinem Sohne zu: »Roy, du hast nichts zu tun, — du kannst nach St. Mellions reiten und einen Brief von mir mitnehmen.«

»Was, jetzt, Vater?« Roys Gesicht wurde zusehendslänger, als er sehr gegen seinen Willen kehrtmachte. »Ich komme gerade eben mit Wentworth aus Arborfield zurück,« sagte er in einem so mißvergnügten Tone, wie er nur anzuschlagen wagte, »und die Sonne scheint so furchtbar heiß — es ist der reine Backofen. Hat es nicht bis nach dem Frühstück Zeit?«

»Es hat nicht bis nach dem Frühstück Zeit. Ich bedaure unendlich, deine kostbare Muße in Anspruch nehmen zu müssen,« antwortete der Baron mit schneidendem Hohn. »Unglücklicherweise habe ich nicht Lust, meine Geschäfte warten zu lassen, bis es dir beliebt, sie zu erledigen. Du wirst Herrn Sherriff das Billett bringen und —«

»Herrn Sherriff?« fiel ihm Florence ins Wort. »Der liebe alte Mann — ich habe ihn seit einer Woche nicht gesehen! Und dabei ist er nicht wohl! Wie schändlich! Das muß ich wieder gutmachen.«

Sie sprang auf und sagte mit einer entlassenden Handbewegung: »Schon gut, Roy, du kannst davonlaufen und spielen. Ich will dein Briefchen besorgen, Onkel Jasper.«

»Liebes Herz, es ist so heiß! Und du mußt doch erst frühstücken,« wagte ihre Tante milde einzuwenden, während sie ihren Roman aufnahm.

»Nein, das brauche ich nicht. Ich werde mich bei Herrn Sherriff zu Gast laden. Er wird das gern sehen, und ich werde ihn aufheitern. Und außerdem muß ich wirklich im Pfarrhause vorsprechen und mich nach dem Datum des Basars erkundigen. Wenn wir uns nicht sputen, so werden Cis und ich das Regiment Puppen dafür nicht rechtzeitig fertig angezogen bekommen.Das Billett, bitte, Onkel Jasper, und ist noch irgend etwas dabei zu bestellen?«

Es war nur noch auszurichten, daß der Überbringerin des Briefes eine Antwort mitzugeben sei. Sir Jasper erteilte diese Weisung, sagte seinem Mündel ein paar sehr förmliche Dankesworte und ging hinaus. Florence pfiff ein paar Takte des ›Hausgespenstes‹ vor sich hin, schlug ihrer Tante das Buch wieder auf, gab ihr einen Abschiedskuß und lief auf den Rasen hinaus.

»Roy, lauf nach dem Stall hinüber — tu’s mir zuliebe, und laß Jakob mir Orange Lily satteln. Aber er selbst braucht sich nicht fertigzumachen, denn ich habe keine Lust, ihn hinter mir zu haben.«

Sie richtete ihre lustigen Augen auf das Brautpaar und klopfte ihrer Cousine leicht auf die schöne Wange. »Finden Sie nicht, daß Cis gut aussieht, Herr Wentworth? Wissen Sie wohl, daß sie einen demoralisierenden Einfluß auf mich ausübt? Wenn ich sie ansehe, so bin ich wirklich fast geneigt, mich zu verlieben.«

»Nun, ich glaubte, der Schritt wäre schon getan, Gräfin Florence!« gab Harry Wentworth lachend zurück.

»Das glaubten Sie? Von mir? Du meine Güte, wie kommen Sie nur auf solchen Gedanken? Liege ich nachts wach und kann nicht schlafen? Verliere ich den Appetit? Werde ich rot? Härme und gräme ich mich? Nun, was sagt ihr beide?«

»Ich sehe wenigstens keines dieser Symptome,« meinte Harry.

»Das werden Sie auch nie, so wahr ich eine Esmond von Ballancloona bin! Lebt wohl! Ich werde Herrn Sherriff von euch grüßen und ihm einen Kuß geben, um ihm meine Liebe zu bezeigen. Ich verliebt! Wirklich, Harry, ich schäme mich Ihrer! Liebe! Wie ist einem denn zumute, wenn sie sich unserer bemächtigt hat?«

Sie eilte leichtfüßig über den Rasen dem Hause zu, und ihre Stimme tönte fröhlich zu ihnen herüber, während sie munter vor sich hinträllerte:

»Mein Herz, ich will dich fragen,Was ist denn Liebe, sag?Zwei Seelen und ein Gedanke,Zwei Herzen und ein Schlag.« —

»Mein Herz, ich will dich fragen,Was ist denn Liebe, sag?Zwei Seelen und ein Gedanke,Zwei Herzen und ein Schlag.« —

»Ist sie nicht ein liebes Geschöpf?« sagte Cis mit zärtlicher Bewunderung und drückte Harrys Arm liebevoll an sich.

»Sie ist auf alle Fälle ein Original.« Er lachte. »Und sie ist außerdem verteufelt hübsch. Das steht fest. Ich finde, sie wird jedesmal, daß ich sie sehe, hübscher. Trotzdem, Cis, bin ich ganz ungemein froh, daß ich sie nicht heiraten soll, weißt du. In der Tat, ich beneide einen gewissen Jemand, den wir beide nennen könnten, nicht sonderlich.«

»Florence ist viel zu gut für jenen gewissen Jemand,« erklärte Cis.

»Das bestreite ich nicht. Ich bin nur froh, daß ich es nicht bin. Welch wunderlicher Einfall veranlaßte sie nur, solche Reden zu führen? Aus dem, was du mir gesagt hast, schloß ich, daß es eine ganz abgemachte Sache sei.«

»Das ist es auch. Wenigstens glaube ich es.«

»Weiß Sir Jasper darum?«

»O ja! Aber die Herzogin noch nicht.«

»Und dann spricht deine gräfliche Cousine so? Nette Aussichten!« Harry zuckte die Achseln und lachte. »Ja, ich wiederhole, ich bin von Herzen froh, daß ich nicht in der Haut eines gewissen Jemand stecke.«

»Ach,« meinte Cis und schüttelte in sinnendem Widerspruch den hübschen Kopf, »es ist leicht, so zu reden! Ich würde es wohl ebenso machen, wenn ich du wäre. Aber du verstehst Florence nicht.«


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