3.
Gräfin Florence ritt auf ihrem Lieblingspferde Orange Lily, einer Goldfuchsstute, über die Halde und bog in den langsam abwärts führenden Reitweg ein, der in die kleine, krumme Hauptstraße von St. Mellions einmündete. Manche Mützen flogen von den Köpfen, manche Knickse wurden beim Anblick der anmutigen Gestalt des bildhübschen, sonnigen Antlitzes gemacht, das mit dem strahlendsten Lächeln für jeden Gruß dankte. Es gab weder einen Mann, noch eine Frau, noch ein Kind im Orte, die sie nicht kannten, und nur Roy nahm es an allgemeiner Beliebtheit im Dorfe mit ihr auf.
Man hatte die sanfte, freundliche Lady Agathe und die hübsche Cäcilie gern, — wie sie es für ihre Herzensgüte und vielen Wohltaten auch verdienten, — aber nicht in demselben Grade und nicht nach derselben Art wie Florence.
Sie ritt langsam an der alten, grauen Kirche und dem wohnlichen Pfarrhause mit seinen Erkerfenstern vorbei, wandte sich dann rechts und hielt vor einer niedrigen weißen Pforte, die sich inmitten einer hohen Hecke befand, an. Sie beugte sich im Sattel vornüber, sie aufzuklinken, und ritt in den dahinterliegenden Garten. Dort sprang sie mit solcher Leichtigkeit undBehendigkeit vom Pferde, wie Roy es nur hätte tun können, nahm Orange Lilys Zügel und ging den breiten Kiesweg hinauf, der nach dem Hause führte.
Es war ein niedriges, kleines Gebäude, das anscheinend nur aus wenigen Zimmern bestand und nur ein Stockwerk hatte. Aus roten Backsteinen aufgeführt, von Schlinggewächsen bis an die niedrigen Schornsteine, die vielen Türen und Fenster überwuchert, mit blühenden Blumen auf den Simsen, mit Balkon und Veranda bot es einen überaus malerischen Anblick dar. Gräfin Florence hatte oft erklärt, daß sie viel lieber im Bungalow — so hieß es — wohnen möchte, als in Turret Court.
Sie setzte eine kleine silberne Pfeife, die an ihrer Uhrkette hing, an die Lippen und ließ einen hellen Pfiff ertönen. In demselben Augenblick erschien schlürfenden Ganges ein großer junger Mann, der beim Anblick des jungen Mädchens einen riesigen Zeigefinger an sein strohgelbes Haar legte, denn eine Mütze hatte er nicht auf.
»Guten Morgen, Joe,« sagte Florence in ihrer liebenswürdigen Weise und dankte ihm mit ihrem reizenden Lächeln für seinen Gruß. Dann erkundigte sie sich, ob Herr Sherriff zu Hause sei, und wies ihn an, Orange Lily zu versorgen, ihr aber nicht zu viel Wasser zu geben, da sie bald wieder heimreiten wolle. Darauf schritt sie über den samtweichen Rasen, stieg die Verandatreppe hinan und blickte durch ein niedriges offenes Fenster.
»Herr Sherriff, wissen Sie nicht, daß Sie andiesem wundervollen Tage draußen im Sonnenschein sein sollten?«
»Gräfin Florence! Mein liebes Kind, welch eine Freude, Sie zu sehen!«
Der Herr, der diese Worte sprach, erhob sich schnell von einem mit Büchern bestreuten Tische, an dem er saß, kam ans Fenster und nahm die Hand, die ihm das junge Mädchen bot. Er war groß und hager, mit breiten Schultern, und ging ein wenig gebückt. Er hatte ein stilles, träumerisches, zerstreutes Wesen. Die meisten würden ihn für einen ganz alten Mann gehalten haben, denn seine Stirn war gefurcht und sein Haar wie sein langer Vollbart schneeweiß; nur die schöngeschwungenen Brauen seiner dunklen Augen waren noch schwarz. Trotzdem zählte Matthias Sherriff noch nicht sechzig, obwohl er gewöhnlich für volle zehn Jahre älter gehalten wurde.
»Welch eine Freude, Sie zu sehen, liebes Kind! Wie hat mich der Klang Ihrer Stimme erschreckt!« sagte er und beugte sich mit ritterlicher Artigkeit und Höflichkeit über den kleinen hellbraunen Stulphandschuh. Sir Jasper Mortlake, der sich so viel auf seine weltmännischen Formen zugute tat, war kein so vollendeter Kavalier wie der Hausherr des Bungalow, der auf nichts stolz war als auf seine geliebten Bücher.
»Habe ich Sie erschreckt? Das tut mir leid! Es war sehr unüberlegt von mir, Sie so plötzlich anzureden. Soll ich hereinkommen, oder wollen Sie meinen Rat befolgen und mit mir in den Garten gehen?« fragte Florence lächelnd.
»Ihr Rat ist immer der beste. Ich will zu Ihnen kommen.«
Herr Sherriff stieg bei diesen Worten über die niedrige Fensterbrüstung, zog einen Korbstuhl herbei, der im Schatten der Veranda stand, und wartete, bis sie Platz genommen, ehe er sich einen zweiten herbeiholte.
»Führt eine geschäftliche Angelegenheit Sie her, Gräfin, oder sind Sie so freundlich, einem einsamen alten Manne einen Besuch zu machen?«
»Beides, Herr Sherriff.«
Sie setzte ihm auseinander, was sie hergeführt, und lud sich zum Frühstück bei ihm ein; dabei zog sie Sir Jaspers Brief aus der Tasche ihres Reitkleides. Herr Sherriff nahm ihn ihr ab, las ihn und schob ihn wieder in den Umschlag.
»Die Sache ist sehr einfach, und ich glaubte, sie Sir Jasper vorige Woche genügend erklärt zu haben. Wenn Sie gestatten, so werde ich Sie mit ein paar Zeilen für ihn behelligen. Wie geht es allen in Turret Court, Lady Agathe, Fräulein Cäcilie?«
»Meine Tante ist so wohl, wie sie überhaupt sein kann, und Cis ist hübscher denn je. Sie und Harry Wentworth machen mich ganz sentimental — wirklich. Was wollte ich noch sagen? Ach ja! Roy ist sehr fidel und Sir Jasper griesgrämlich. Ich bin, wie Sie mich vor sich sehen.«
»Und wie Sie hoffentlich bleiben werden. Besseres können Sie nicht tun, liebes Kind.«
Der alte Herr blickte mit wohlwollendem, väterlichem Lächeln in das liebreizende, strahlende Gesicht.
»Sie wollen hoffentlich nicht damit sagen, daß irgend etwas Besonderes vorgefallen ist, was Sir Jasper verstimmt hat?«
»Du meine Güte, nein. Es ist eben nur sein chronisches Leiden! Wenn ihm einmal wirklich etwas Widerwärtiges zustieße, so würde es ihn vielleicht liebenswürdig machen — wer weiß? Ich habe jetzt angefangen, ›Das Hausgespenst‹ zu flöten, was der armen Agathe jedesmal einen furchtbaren Schrecken einjagt! Als ob ihr Herr und Gemahl den Gassenhauer kennte!«
»Das ist wohl kaum anzunehmen,« meinte Herr Sherriff lächelnd.
»Natürlich nicht. Trotzdem sah ich sie erzittern, wenn ich nur die Lippen spitzte. Ich sollte es natürlich nicht tun, nicht wahr? Junge Damen sollten niemals flöten. Da hat die arme Herzogin recht — kommt dort nicht jemand, Herr Sherriff?« unterbrach sie sich und horchte auf näherkommende Schritte — Schritte, die ihr ganz fremd waren.
Dann fuhr sie empor und rief in grenzenlosem Erstaunen: »Was, Sie sind es? Hier?«
Es war Everard Leath, der um die Ecke der Veranda bog, und der bei ihrem Anblick in ebenso großem Staunen stehen blieb.
Verwundert über ihr gegenseitiges Erkennen blickte Sherriff von einem zum andern.
Leath sprach zuerst.
»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin Esmond. Ich hatte keine Ahnung davon, daß Sie hier wären, und erwartete, Herrn Sherriff allein zu finden.«
Er verbeugte sich und entfernte sich wieder. Florences graue Augen richteten sich verwundert auf den Hausherrn.
»Wie in aller Welt kommt er hierher?« rief sie.
»Liebes Kind, erlauben Sie mir erst, Ihnen eine Frage vorzulegen: Wie kommt es, daß Sie ihn kennen und er Sie?«
»Wie das kommt?« Sie lachte bei der Erinnerung hell auf. »Soll ich es Ihnen erzählen?« meinte sie schelmisch in überlegendem Tone. »Ja, Sie sollen es hören.«
Sie entwarf ihm darauf eine anschauliche und sehr drollige Schilderung, wie es gekommen, daß Everard Leath in ihrem geheimen Schlupfwinkel in der Klippenwand eine Zuflucht gefunden.
»Hat er Ihnen nichts davon erzählt?« fragte sie neugierig.
»Kein Sterbenswort.«
»Auch Sie gar nichts über mich gefragt?«
»Mein liebes Kind, Herr Leath hat Ihren Namen mir gegenüber gar nicht in den Mund genommen! Ich hatte keine Ahnung davon, daß Sie ihm je begegnet!«
»Höflich! Es nimmt mich sehr wunder, daß er sich überhaupt die Mühe gegeben hat, herauszufinden, wer ich bin. Und jetzt zu meiner Frage, bitte, Herr Sherriff. Wie kommt er hierher? Ich verstand von ihm, daß er keine Seele in St. Mellions kenne.«
»Und das ist auch wahr, glaube ich. Ich habe seine Bekanntschaft auf fast ebenso zwanglose Weise gemacht wie Sie. Als ich vor einigen Abenden spazieren ging, überkam mich einer meiner unglücklichenSchwächeanfälle. Ja, ohne ihn würde ich hingestürzt sein, denn ich hatte das Bewußtsein fast gänzlich verloren.«
»O, wie mir das leid tut!« Das fröhliche, neugierige Gesicht des jungen Mädchens wurde ernst. »Und er — dieser Herr Leath — brachte Sie nach Hause, nicht wahr?«
»Ja, mein Kind — als ich mich hinreichend erholt hatte, um ihm zu sagen, wo ich wohnte, was ohne seine Kognakflasche wohl noch länger gedauert haben würde. Natürlich kamen wir nachher ins Gespräch, und ich erfuhr, daß er hier fremd, daß er aus Australien sei und in den Chichester Arms abgestiegen wäre. Ich sagte ihm, daß er an einem einsamen alten Mann ein gutes Werk tun würde, wenn er mir während seines Aufenthalts in St. Mellions einen Teil seiner Zeit widmen wolle. Er scheint sich auch einsam zu fühlen, denn er ist jeden Tag mehrere Stunden bei mir gewesen. Gestern lud ich ihn für heute zu Tisch ein. Ist diese Erklärung vollständig genug?«
»J—a.« Florence zog die Brauen zusammen. »Ausgenommen,« fuhr sie in etwas pikiertem Tone fort, »daß ich nicht recht einsehe, weshalb Sie einen völlig Fremden so gern haben sollten, Herr Sherriff.«
»Habe ich gesagt, daß ich ihn sehr gern habe, mein Kind?«
»Nein. Aber Sie tun es. Das sehe ich,« schmollte sie.
»Selbst wenn dem so wäre, so hat die Sache ihren Präzedenzfall. Vor zehn Jahren zum Beispielwurde ich einer jungen Dame vorgestellt, die ich immer seither von Herzen liebgehabt habe.«
»Es ist so lieb von Ihnen, das zu sagen.« Mit einem reizenden Lächeln legte sie zärtlich die Hand auf seinen Arm. »Aber gestehen Sie — mögen Sie diesen Herrn Leath leiden? Nun?«
»Ich gestehe, mein Herz, daß ich ihn sehr gern habe.«
»Und um nichts,« sagte Florence wieder schmollend, »aus keinem besonderen Grunde.«
»Gerade ebensowenig Grund haben Sie, ihn nicht leiden zu mögen.«
»Mag ich ihn nicht leiden?« Sie lachte. »Ich fühle mich getroffen,« setzte sie freimütig hinzu, »denn jetzt, wo ich darüber nachdenke, glaube ich, daß dem so ist. Und doch kann ich nicht sagen, weshalb eigentlich. Sein Benehmen war allerdings brüsk, aber ich glaube nicht, daß das der Grund war. Aber wir können unseren Antipathien und Sympathien nie auf den Grund kommen, nicht wahr?«
Sie blickte nachdenklich auf die Blumenbeete hinaus und zog die Stirn wieder kraus. »Herr Sherriff!«
»Ich höre, liebes Kind.«
»Glauben Sie, daß er dauernd hier — in St. Mellions — bleiben wird?«
»Ja, wenigstens vorläufig. Das hat er mir gesagt.«
»Ja, ja, aber —« sie stockte. »Sie wissen wohl nicht, was ihn hergeführt?«
»Darüber weiß ich ebensowenig wie Sie, mein Kind, gar nichts.«
»Vielleicht weiß ich doch etwas. Jedenfalls weiß ich, daß er nicht zum Vergnügen, sondern in Geschäften gekommen ist. Das erzählte er mir, und es war ihm Ernst damit.«
»So? Ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, daß er mir nichts davon gesagt hat.«
Wieder trat eine Pause ein. Sie blickte mit gerunzelter Stirn in den Garten hinaus. Everard Leath beschäftigte sie merkwürdig.
»Herr Sherriff, glauben Sie, daß er arm ist?«
»Herr Leath? Arm, wie ich bin, sicherlich nicht,« meinte der alte Mann lächelnd, »auch glaube ich nicht, daß er so reich ist wie Sie. Zwischen diesen beiden Extremen liegt eine weite Kluft, wie Sie wissen.«
»Ich bin viel zu reich — es ist einfach lächerlich! Also Sie glauben, daß er viel Geld hat?«
»In bescheidenem Maße — ja. Im Laufe unserer gestrigen Unterhaltung deutete er an, daß er bis vor etwa einem Jahre mit bitterer Armut gekämpft habe, wo ein Umschwung in seinen Verhältnissen eingetreten sei.«
»Welcher Art wohl?« meinte Florence neugierig.
»Ich verstand so viel, daß er mit Minen zu tun gehabt — ich bin zu unwissend in solchen Dingen, um zu sagen, auf welche Weise. Das ist die Glocke, die mich zum Mittagessen ruft. Habe ich Sie recht verstanden, wollten Sie mir die Ehre antun, es als Ihr Gabelfrühstück anzusehen, liebes Kind?«
»Ja, wenn Sie mich haben wollen,« antworteteFlorence, munter ihren Ernst abstreifend, und dabei nahm sie seinen Arm, was er so gern sah, und ging mit ihm aus der Veranda und durch eine offene Glastür, die in ein hübsches kleines Speisezimmer führte, in dem der ovale Tisch schon für drei Personen gedeckt war.
Everard Leath trat bald nach ihnen ins Zimmer und machte so die Gesellschaft vollständig. Daß er überrascht war, sie noch dort zu treffen, und daß ihn das ein wenig aus der Fassung brachte, sah Florence sofort. Dessenungeachtet gefiel es ihr, liebenswürdig gegen ihn zu sein, und sie lächelte ihm zu, als er sich ihr gegenüber niederließ.
»Sie haben also Frau Buckstone gefragt, Herr Leath?« fragte sie in leichtem Tone.
Er verneigte sich, denn er verstand sie gleich.
»Ja, Gräfin.«
»Und sie stellte meine Person fest?«
»Sofort.«
»Wirklich? Sie müssen mich sehr anschaulich geschildert haben.«
»Im Gegenteil, ich fand, daß es nicht nötig war, Sie überhaupt zu schildern.«
»So? Vermutlich, weil sie fand, daß mein Benehmen mir ›ganz ähnlich‹ sähe.«
»Da Sie mich darnach fragen, so glaube ich, daß es sich so verhielt.«
»Sie ist mir eine liebe alte Frau, aber ich fürchte, daß sie ebenso entsetzt über mich ist, wie die Herzogin selbst. Und Sie haben Ihres kleinen Abenteuers nie gegen Herrn Sherriff erwähnt?«
»Ich wußte nicht, daß Sie Herrn Sherriff kannten, und ich hielt mich nicht für berechtigt, einem Fremden von Ihnen oder Ihrer Freundlichkeit zu reden.«
Er war ein wenig steif und gezwungen in seinem Benehmen, obgleich man ihn kaum hätte verlegen nennen können. Florence dachte im stillen, daß sein Leben in Australien ihm wahrscheinlich nur selten Gelegenheit zu vertrautem und leichtem Verkehr mit ihrem Geschlechte gewährt hätte. Aber sie empfand auch, als sie das Gespräch abbrach, weil das kleine Dienstmädchen geschickt das kalte Geflügel und den Salat herumreichte, daß er ein Zartgefühl und eine Zurückhaltung gezeigt, die sie weder von ihm erwartet noch ihm zugetraut hatte.
Diese Empfindung stimmte sie freundlich gegen ihn, und sie blieb bei dem nun folgenden Gespräch in der heitersten, liebenswürdigsten Stimmung. Die Unterhaltung drehte sich größtenteils um Australien, aber, obwohl Leath durchaus nicht zu beredt war und seinen charakteristischen, trockenen Ernst nicht leugnete, war ihr doch sowohl der Gesprächsstoff wie seine Art und Weise neu genug, um sie sehr zu interessieren und ihr viele wißbegierige und eifrige Fragen zu entlocken. Als sie endlich, überrascht darüber, wie schnell die Zeit vergangen war, aufstand und erklärte, daß sie fort müsse, war es mit einer leisen Regung des Unmuts, weil sie über den Mann selbst so wenig wie je wußte. Alles, was er erzählt und was sie aus ihm herausgebracht hatte, war so ganz und gar unpersönlich gewesen.
»Haben Sie angefangen herauszufinden, daß ich Ihnen nur die Wahrheit über St. Mellions gesagt habe, Herr Leath?«
Sie warf die Frage nachlässig hin, nur um etwas zu sagen, als sie in der Veranda stand und zusah, wie ihre Fuchsstute auf und nieder geführt wurde. Drinnen an seinem mit Büchern bedeckten Tische schrieb Sherriff den Brief, den sie Sir Jasper mitnehmen sollte. Leath war ihr hinausgefolgt; wie sie vermutete, um sie aufs Pferd zu heben.
»Wie meinen Sie?« sagte er fragend.
»Ich glaube, ich sagte Ihnen, daß es ein langweiliges kleines Nest sei. Finden Sie das etwa nicht?«
»Es mag langweilig sein, aber nicht langweilig genug, um mich von hier fortzutreiben.«
Sie errötete. Es klang, als ob er ihre unausgesprochene Neugier erraten habe.
»Sie denken doch sicherlich nicht daran, sich hier niederzulassen?«
»Ich kann es nicht sagen, Gräfin. Für den Augenblick bin ich noch zu keinem festen Entschlusse gelangt — das heißt über meinen künftigen Aufenthaltsort.«
»Wirklich? Wissen Sie noch nicht einmal, ob Sie nach Australien zurückkehren werden?«
»Noch nicht einmal das, obgleich es sehr wahrscheinlich ist, daß ich dorthin zurückkehren werde. Aber Familienbande fesseln mich an keinen Teil der Welt, und ich kann folglich tun, wie mir beliebt.«
»O!« sagte Florence, »ich denke, wenn Sie zum Beispiel eine Frau hätten —«
»Das habe ich allerdings nicht.«
Ihr Blick hatte die Pause zu einer Frage gemacht.
»— so würde sie möglicherweise Australien nicht gern mit England vertauschen.«
»Wahrscheinlich nicht. Aber meine Frau existiert nicht, Gräfin. Wie ich sagte, stehe ich ganz allein in der Welt — schon seit acht Jahren.«
Seine gelassene kalte Stimme wurde nicht weicher oder bewegt bei diesen Worten, und das Antlitz, in das sie schaute, gab ihr keine Ermutigung zu dem teilnehmenden Blick oder der freundlichen Frage, die sie sich sonst vielleicht erlaubt haben würde, obgleich er ihr fast noch ein Fremder war. Sie wandte sich, um Herrn Sherriff das Briefchen abzunehmen, und ärgerte sich über sich selbst, daß sie sich hatte verleiten lassen, ihm so viel Interesse zu bezeigen. Der Mann und seine Angelegenheiten gingen sie, Florence Esmond, allerdings gar nichts an. Er hatte etwas Strenges und Kraftvolles an sich, eine Kälte, die sie abstieß.
In ihrem Benehmen gegen ihn lag jetzt keine Liebenswürdigkeit mehr, und die Verbeugung, die sie ihm machte, nachdem er sie in den Sattel gehoben, war so kalt, wie eine Verbeugung nur sein konnte. Aber sie drehte sich um und warf Herrn Sherriff mit ihrer behandschuhten Rechten eine zärtliche Kußhand zu, ehe sie aus dem Garten des Bungalow ritt. Sie wollte ihren alten Freund und Liebling nicht schlecht behandeln, weil er törichterweise so großes Gefallen an Everard Leath zu finden schien.