21.

21.

Der September mit seinen kühlen Morgen, seinen sonnigen Tagen und seinen Nachtfrösten war gekommen und fast vorüber. Vier Wochen waren seit der Verlobung der Gräfin Esmond mit Everard Leath vergangen, und die Herzogin war in Turret Court eingetroffen.

Nicht der eigene Wille Ihrer Durchlaucht hatte ihr Kommen so verzögert. Ein plötzlich aufgetretenes Unwohlsein, das, wie sie zornig behauptete, allein durch Aufregung veranlaßt worden — hatte sie in ihrem Gasthofe in Pontresina festgehalten. Sobald ihr Arzt ihr die Erlaubnis gab, zu reisen, wurden ihre Koffer gepackt, und sie befand sich auf dem Wege nach England, mit der Absicht, sofort die unbegreifliche Verlobung, die ihr Mündel eingegangen, zu lösen. — Die Verlobung, die Sir Jasper Mortlake in sündhafter Borniertheit wahrhaftig gebilligt hatte. Noch nie in ihrem Leben war die Herzogin so empört und entrüstet gewesen, und niemals war ein Gast irgendwo in gereizterer Stimmung angelangt als Ihre Durchlaucht, da sie ihren Einzug in Turret Court hielt.

Und niemals erlitt irgend jemand eine größere Niederlage, als ihr bei den Verhandlungen mit ihrem Wirte zuteil wurde. Mit steinerner Höflichkeit hörteder Baron alles an, was die Herzogin zu sagen hatte, und antwortete nur mit wenigen Worten. Er hätte seine Einwilligung zu Florence Esmonds Verlobung mit Herrn Leath gegeben und sähe keinen Grund, sie zurückzunehmen. Wenn es Ihrer Durchlaucht gefallen sollte, die ihrige zu verweigern, so wolle er sie daran erinnern, daß das weiter keinen Unterschied mache, da es nur der Zustimmung eines ihrer Vormünder bedürfe, um Gräfin Esmond ihr Vermögen zu sichern. Er glaube übrigens, daß alles, was nötig, gesagt sei, und schlüge vor, die Unterhaltung abzubrechen. Nichts konnte von steiferer Artigkeit, nichts würdevoller und entschlossener sein als die Verbeugung, die er bei diesen Worten machte. Sie bildete das Ende der Zusammenkunft, aus der sich seine Gegnerin zum erstenmal in ihrem Leben geschlagen zurückzog.

»Ihr müßt alle miteinander verrückt geworden sein, Agathe! Eine andere denkbare Erklärung für diese schmachvolle Verlobung gibt es nicht!« rief die Herzogin wütend, als sie sich auf ein Sofa, dem Lehnstuhl der sanften Hausherrin gegenüber, niederließ.

Die Durchlaucht war eine blonde, stattliche Frau, deren schwarzes Kleid sie noch hübscher und stattlicher erscheinen ließ. In ihren Adern floß schottisches Blut, und ihr Antlitz mit der scharfgebogenen Nase trug einen herrischen, launischen Zug, der dem seligen Herzog seinerzeit einen heilsamen Schrecken eingeflößt hatte, nicht mehr indessen als der Lady Agathe, der das Herz unter dem Blick der glänzenden hellbraunen Augen angstvoll zu klopfen begann.

»Ich — was meinst du, Honoria?« stammelte sie. »Sprichst du von Florences Verlobung?«

»Wovon denn sonst?« rief die Herzogin. »Bitte, weißt du, daß dein Mann zu diesem tollen Unsinn seine Einwilligung gegeben hat?«

Lady Agathe lächelte matt.

»Gewiß, Honoria. Du wirst dich erinnern, daß ich dir das in meinem Briefe mitteilte.«

»Und ich glaubte deinem Briefe nicht. Aber ich finde, daß es wirklich der Fall ist. Er willigte ein und weigert sich — weigert sich, — anderen Sinnes zu werden!«

»Das habe ich gar nicht anders erwartet, Honoria. Er ist so herrschsüchtig, besteht so sehr auf seinem Willen — das weißt du doch! Ich machte ihm einmal Vorstellungen, soweit ich konnte,« sagte Lady Agathe in abbittendem Tone, »und er wollte nicht auf mich hören. Er hat sich in der letzten Zeit verändert, oder ich habe es mir eingebildet; er ist wechselnder in seiner Stimmung und schroffer als je. Er —«

»Verändert? Ich habe nie in meinem Leben eine solche Veränderung bei einem Menschen gesehen! Er sieht aus wie sein eigenes Gespenst. Was fehlt ihm eigentlich?«

»Ich kann es dir nicht sagen. Er hat mir nichts mitgeteilt und wollte nicht auf mich hören, als ich ihn vor einiger Zeit bat, einen Arzt zu Rate zu ziehen. Um auf das zurückzukommen, von dem wir sprachen, so scheint er allerdings zu wollen, — ich möchte fastsagen, zu wünschen, — daß Florence Herrn Leath heiratet. Natürlich ist er keine Partie für sie.«

»Partie? Gütiger Himmel, wer ist der Mensch?« rief die Herzogin.

»Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Er ist ein Australier, glaube ich. Er kam nach St. Mellions und ließ sich dort vor etwa einem Vierteljahr häuslich nieder, und —«

»Ja, ja, das habe ich alles schon gehört!« fiel ihr die andere ungeduldig ins Wort. »Und Sir Jasper — was ihm gar nicht ähnlich sieht! — war wohl unklug genug, einen Narren an ihm zu fressen?«

»Nein, nein — durchaus nicht. Ganz im Gegenteil. Du irrst dich, Honoria. Sir Jasper mochte Herrn Leath nicht leiden. Ja, er wurde sehr böse mit Roy, weil er die Bekanntschaft fortsetzte. Er schien unerklärlicherweise etwas gegen ihn zu haben.«

»So.«

»Ja, er weigerte sich sogar, ihn wieder bei sich zu sehen,« setzte Lady Agathe hinzu.

»Und jetzt sagst du mir, es sei sein Wunsch, daß Florence ihn heiratet?«

»Er scheint es allerdings zu wünschen.«

Die Herzogin lehnte sich mit einer Gebärde der Verzweiflung in die Sofakissen zurück.

»Vielleicht bist du so gut, Agathe, diese beiden Behauptungen in Einklang zu bringen. Ich gestehe, daß ich nicht dazu imstande bin.«

»In Einklang bringen?« stammelte Lady Agathe.

»Ja!« Die Herzogin beugte sich vor und fuhr fort: »Ich muß dir ganz ehrlich gestehen, Agathe, daßdas Ganze mir sehr rätselhaft vorkommt. Dir mag die Sache ja völlig klar sein, aber ich gestehe offen, daß mein armer Verstand das nicht zu fassen vermag.«

Lady Agathe fing an zu weinen.

»Es nützt nichts, daß du so über mich herfällst, Honoria,« sprach sie und drückte ihr Taschentuch an die Augen, »gar nichts. Sprich lieber mit Florence. Ich kann nichts bei der unseligen Sache tun.«

»Ich beabsichtige auch, mit ihr zu reden. Wenn sie nicht ganz verrückt geworden ist, so will ich sie schon zur Vernunft bringen. Bleibe, bitte, hier, Agathe; es ist mir lieber, du hörst, was ich sage. Mit deiner Erlaubnis werde ich sie sofort kommen lassen.«

Die Herzogin zog heftig die Klingel und erteilte ihren Befehl in herrischem Tone.

Sie thronte wieder majestätisch auf dem Sofa, und Lady Agathe trocknete sich noch die Augen, als die Tür aufging und Florence gemächlich eintrat.

Sie sah entzückend aus: sie trug ein dunkelrotes Samtkleid mit einem breiten Kragen und Manschetten aus alten gelblichen Spitzen, und ihr kastanienbraunes Haar war tief im Nacken lose zusammengedreht. Ihre großen, grauen Augen leuchteten, sie hatte frische, schöne Farben, und sie lächelte, als sie mit stolz erhobenem Köpfchen näher trat. Dem verwunderten, entrüsteten Blicke der Herzogin schien sie glücklich, zuversichtlich, belustigt, von schelmischem Trotz beseelt zu sein. Aber ihre Tante wußte, daß ihre Figur schlanker war, als sie vor einem Monat gewesen.

»Durchlaucht haben mich rufen lassen. Wie erhitzt Sie aussehen! Ich glaube, ich würde ein wenigvom Kaminfeuer fortrücken. O, Tante Agathe, was fehlt dir denn, liebes Herz?«

Die spöttische Heiterkeit war auf einmal wie weggewischt aus ihren Zügen, als sie auf Lady Agathe zueilte und zärtlich tröstend, wie schützend, den Arm um sie legte.

Die stattliche Herzogin auf dem Sofa sah noch stattlicher aus. In dem Auftreten des Mädchens lag entschieden unverschämte Herausforderung.

»Es ist kein Wunder, daß deine Tante weint, Florence! Sie tut wohl daran, dünkt mich.«

»Nein — es ist kein Wunder, weil Sie sie dazu gebracht haben. Trockne dir die Augen, Tantchen; wenn Durchlaucht böse ist, so ist sie es auf mich, nicht auf dich.«

Sie blickte ihre Patin mit kühler Gelassenheit an und fragte: »Ich fürchte, Durchlaucht sind wieder böse?«

»Böse?« wiederholte die empörte Herzogin zornig. Sie hätte ihr Mündel in diesem Augenblick mit der größten Wonne ohrfeigen können.

»Ja — das sieht man Ihnen an. Es ist nicht das Feuer, das Ihnen diese Röte gibt.«

In derselben nachlässigen Art trat sie hinter einen Stuhl und legte die verschränkten Arme auf die Lehne.

»Es handelt sich natürlich um meine Verlobung. Lassen Sie mich ganz offen und deutlich reden. Nun denn, ich bin mündig und habe Herrn Leath versprochen, ihn zu heiraten. Nichts wird an meinem Entschlusse etwas ändern. Bleiben wir beide am Leben, so werde ich sicher seine Frau. Was auch geschehenmöge, ich werde ihm mein Wort nicht brechen, und das weiß er.«

»Gütiger Himmel, Kind! Du mußt verrückt geworden sein! Du willst mir doch nicht sagen, daß du in ihn verliebt bist?«

»Weshalb nicht? Könnte es einen besseren Grund geben, ihn zu heiraten?«

»Du hast ein empfänglicheres Herz, als ich dir zugetraut habe, Florence! Vielleicht hattest du dich auch in Herrn Chichester verliebt?«

»Nein, ich war niemals in Herrn Chichester verliebt.«

»Und du gestehst geradezu, in diesen Menschen verliebt zu sein?«

»Jedenfalls will ich ihn heiraten. Wir wollen es dabei bewenden lassen. Und nennen Sie ihn, bitte, nicht ›diesen Menschen‹. Das ist nicht sehr fein. Ich glaube zwar nicht, daß er je im Leben eine Herzogin gesehen hat, aber ich bin überzeugt davon, daß er Durchlaucht nie ›diese Frau‹ nennen würde.«

»Du weigerst dich also, mit ihm zu brechen?«

»Ja, entschieden! Ich werde ihn heiraten.«

»Nun gut!« Die Herzogin lehnte sich vorwurfsvoll zurück. »Jetzt höre mich an, Florence! Durch die unglaubliche Verrücktheit von Sir Jasper Mortlake — ich darf kein Blatt vor den Mund nehmen, Agathe, und ich wiederhole: unglaubliche Verrücktheit — hast du, die du bei deiner gesellschaftlichen Stellung, deiner Schönheit, deinem Vermögen die glänzendste Partie hättest machen können — die Einwilligung eines der Vormünder zu dieser schmachvollenHeirat erlangt, durch die du dich zugrunde richten wirst. Nun mache dir klar, daß du meine Zustimmung nie erhalten wirst. Was deine Verwandten hier tun werden, kommt für mich nicht in Betracht: ich maße mir nicht an, ihnen Vorschriften machen zu wollen. Wenn sie diesen Menschen als deinen Mann bei sich sehen wollen, so ist es gut. Ich aber habe nichts mehr mit dir zu tun, sobald du seine Frau bist. Und damit basta!«

Ihr blühendes Gesicht war blaß vor Zorn geworden, und Florence wußte, daß nichts sie von diesem Entschlusse abbringen würde.

»Das habe ich gar nicht anders erwartet, und ich beklage mich nicht,« sprach sie ruhig, »aber selbst wenn die ganze Welt sich von mir lossagte, so würde ich doch mein Wort halten und Herrn Leath heiraten. Ich kenne den Preis, den ich zu zahlen habe, und ich bin willens, ihn zu zahlen!« Sie machte einen Schritt auf die Tür zu und fragte in demselben gelassenen Tone: »Haben Durchlaucht mir noch sonst irgend etwas zu sagen, ehe ich gehe?«

»Ja — noch eins!« Die Herzogin erhob sich wütend. »Die Chance ist wenigstens nicht ausgeschlossen,« sagte sie eisig, »daß dieser Mensch weniger hartköpfig ist, als du zu sein scheinst. Wenn er dich heiratet, so richtet er dich in sozialer Hinsicht zugrunde, und wenn niemand vernünftig genug ist, ihm dies zu sagen, so soll er es von mir hören!«

»Zu welchem Zweck?« fragte Florence ruhig.

»Zweck? Auf die Chance hin, — die zwar nurgering ist, das gebe ich zu, — daß er gesunden Menschenverstand und Herz genug besitzt, dich freizugeben.«

»Das wird er niemals tun,« — sie lächelte matt, — »nicht wenn Durchlaucht ihm das Zweifache meines Vermögens bieten würde. Ich muß ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er hat nur einen Grund für den Wunsch, mich heiraten zu wollen — er liebt mich.«

»Liebt dich? Täte er das, so würde er dich nicht auf diese schändliche Weise hinopfern!« erwiderte die Herzogin heftig. »Ob er dich nun liebt oder nicht, er soll erfahren, was er dir antut, dazu bin ich fest entschlossen. Wann kann ich ihn sprechen?«

Ein Diener trat ein. Nachdem Florence seine Meldung entgegengenommen, blickte sie die Herzogin an und sagte:

»Wenn es Durchlaucht beliebt, Herr Leath ist jetzt hier.«

»Hier? Du meine Güte! Verkehrt der Mensch hier?« Florence lächelte kalt.

»Durchlaucht scheinen zu vergessen, daß ich mit Sir Jaspers voller Einwilligung mit Herrn Leath verlobt bin. Unter diesen Umständen würde es schwer sein, ihm das Haus zu verbieten, obwohl Tante Agathe Ihnen bestätigen wird, daß er sich nur sehr selten blicken läßt und die Gastfreundschaft des Hauses nicht mißbraucht. Seine Besuche hier werden mir abgestattet. Es ist mein Recht, meinen zukünftigen Gatten zu empfangen. Sie wünschen ihn zu sprechen? In fünf Minuten werde ich mit ihm hier sein.«


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