22.
Everard Leath stand, seine Braut erwartend, in dem getäfelten Zimmer, in das er stets geführt wurde, wenn er nach Turret Court kam. Mitunter war Roy zugegen, der ihn mit lauter Stimme herzlich begrüßte, oder Cis, oder schließlich Lady Agathe, die sich mit ein paar verlegenen Worten und einer steifen, halb ängstlichen Verbeugung hastig aus dem Staube machte; aber in der Regel sah er niemand als Florence. Er wünschte allerdings auch niemand sonst zu sehen, denn es schien ihm äußerst gleichgültig zu sein, mit welchen Augen ihn die Familie im allgemeinen ansah. Auf seine einzige Unterhaltung mit Sir Jasper war nie eine zweite gefolgt, und damals hatten sie kaum ein Dutzend Sätze gewechselt. Eine oder zwei Einladungen zum Mittagessen waren von dem Baron an ihn ergangen, aber er hatte sie alle kurz abgelehnt, und von dem Tage an, an dem sie versprochen, sein Weib zu werden, bis heute, hatte er treu Wort gehalten und nicht ein einziges Mal den Namen Robert Bontine gegen Florence erwähnt.
Die Tür ging auf, und sie trat eilfertiger als sonst ein — gewöhnlich zögerte sie ein wenig, ehe sie zu ihrem Verlobten kam, dem sie die täglichen Zusammenkünfte gewährt, weil sie es nicht wagte, sieihm abzuschlagen. Ihm fiel der Unterschied sofort auf, ebensowohl wie das ungewohnte Beben ihrer Hand, als er diese faßte.
Er tat selten mehr als das, aber der wenigen Male, da er sie geküßt hatte, erinnerte er sich nicht besser als sie.
»Du bist erregt,« sprach er sanft. »Wie deine Hand zittert, Kind! Was gibt es denn?«
Er hielt sie dabei viel zu fest, als daß sie noch hätte zittern können, und blickte zu ihr nieder. Der Tag war ungewöhnlich düster und grau gewesen, und obgleich der Abend kaum angebrochen, war es dunkel im Zimmer, denn das Kaminfeuer war tief herabgebrannt und verbreitete nur wenig Helligkeit. Er erriet, mehr als daß er sah, daß sie blaß war und ihre großen verstört blickenden Augen einen ihm fremden Ausdruck hatten. Es geschah nicht oft, daß sie so zu ihm emporsahen, und für den Augenblick bezauberten sie ihn so, daß er die ängstliche Vorsicht, mit der er sich zwang, ihr zu begegnen, außer acht ließ. Er schloß sie warm und zärtlich in die Arme, wie er es hätte tun können, wenn sie ihn geliebt hätte.
»Was gibt es, Florence? Was hat dich so aus der Fassung gebracht, mein Liebling?«
Wenn sie ihn geliebt hätte, wie würde sie sich innig an ihn geschmiegt, wie würden sie zusammen gelacht haben über die Herzogin und ihre Drohungen und ihren Zorn! Der Gedanke durchzuckte sie, während sie erschauerte und — zu stolz, sich zu wehren — starr dastand.
»Lassen Sie mich los, bitte!« stieß sie zwischen den Zähnen hervor. »Ich habe Sie schon öfter gebeten, mir dies zu ersparen, Herr Leath.«
»Ich bitte um Entschuldigung!« Mit einem Lachen gab er sie frei. »Ich vergesse mitunter, wie du mich hassest — und habe freilich nur mir selbst deshalb Vorwürfe zu machen! Du sorgst dafür, daß ich es nicht vergesse. Aber ich bitte nochmals um Verzeihung — darum handelt es sich jetzt nicht. Es ist irgend etwas vorgefallen, nicht wahr?«
»Vorgefallen kaum.«
Sie schlug wieder ihren gewohnten, nachlässig gleichgültigen Ton gegen ihn an und trat einen Schritt von ihm fort. »Sie kommen zufällig zu sehr gelegener Zeit.«
»Darf ich fragen, weshalb?«
»Es ist gerade nach Ihnen gefragt worden.«
»So? Wenn Sir Jasper mich zu sprechen wünscht —«
»Nicht Sir Jasper. Er ist in Geschäften nach Beverley und wird nicht vor Tische heimkommen. Vielleicht wissen Sie, daß die Herzogin hier ist?«
»Allerdings. Roy hat es mir heute morgen in St. Mellions erzählt. Sie wünscht doch nicht etwa, mich zu sehen?«
»Ja. Sie hat den Wunsch geäußert.«
»Und wünschest du, daß ich zu ihr gehe?«
»Ich halte es für das beste,« sagte sie stockend.
»Dann stehe ich natürlich ganz zu deinen Diensten.«
Er tat einen Schritt auf die Tür zu. Als Florence auf die aufrecht getragene Gestalt, in das gelassene, sonnengebräunte Antlitz blickte, regte sich, nicht zum erstenmal, ein wunderliches Gefühl in ihr. Er mochte, wie sie geäußert, nie im Leben eine Herzogin gesehen haben, aber er verriet keine Befangenheit oder Unruhe bei der Aussicht, dieser einen gegenüber stehen zu müssen. Sie mochte ihn hassen, mochte sich aufbäumen gegen die Bande, die sie an ihn fesselten, aber es war unmöglich, daß sie sich jemals seiner zu schämen hätte. Sie wäre kein Weib gewesen, hätte sie nicht etwas wie Erleichterung und Stolz bei dem Gedanken empfunden. An seinem Auftreten, seinem Benehmen konnte selbst die Herzogin nichts auszusetzen finden. In dem Bewußtsein lag ein Trost, und ein weicherer Ausdruck trat in ihr Antlitz, als sie durch ein Zeichen ihn an ihre Seite zurückrief.
»Bitte, warten Sie einen Augenblick! Ich will mit Ihnen gehen, aber vorher möchte ich noch etwas sagen.«
Sie berichtete ihm dann kurz, wie empört ihre Patin über ihre Verlobung sei, und setzte hinzu: »Das berührt mich nicht weiter, da sie meinem Herzen nie nahe gestanden hat, aber es ist mir sehr schwer geworden, ihr gegenüber so gleichgültig und so — zufrieden zu scheinen, wie ich wünschte. Sie ist eine kluge Frau und nicht so leicht zu täuschen wie Tante Agathe, und sie darf mir nicht noch ein zweites Mal zusetzen, solange sie hier ist. Sie darf es um keinen Preis!«
Ihre Stimme bebte: die Unterredung mit der Herzogin hatte sie tiefer erschüttert, als sie selbst wußte. Er legte seine Hand ruhig und fest über die zitternden Finger, die sie auf den Kaminsims gelegt hatte.
»Das soll sie auch nicht. Laß mich hören, was du wünschest, daß ich ihr sagen soll, du weißt, ich tue, was du willst.«
»Ja — ich weiß, ich kann mich auf Sie verlassen.« Es war das Freundlichste, was sie ihm je gesagt, und es hatte noch dazu den Vorzug, durchaus wahr zu sein.
»Sagen Sie ihr,« fuhr sie fort, »was vollkommen der Wahrheit entspricht, — daß ich mich weigere, unsere Verlobung rückgängig zu machen oder Sie zu bitten, mich freizugeben. Sie werden sie furchtbar böse machen, aber das tut nichts. Sie wird an Ihren Stolz appellieren, Ihnen sagen, daß ich mich durch eine Heirat mit Ihnen zugrunde richte. Hören Sie nicht auf sie; lassen Sie sich in keine Auseinandersetzungen mit ihr ein. Vielleicht wird sie Sie beleidigen — machen Sie sich nichts daraus. Denken Sie nur daran, daß es furchtbar schwer für mich ist, und daß ich Sie bitte, es mir zu erleichtern, so viel Sie können.«
Es war das erstemal, daß sie ihn um etwas bat; sie wußte kaum, wie rührend und eindringlich sie sprach, wie flehend ihre großen Augen, die voll Tränen standen, ihn anblickten. Seine Hand umschloß die ihre noch fester.
»Es gibt nur sehr wenige Dinge — nur ein einziges, glaube ich — die ich nicht tun würde, bätestdu mich darum,« sprach er ruhig, »und dies ist nicht jenes eine. Was könnte ich wohl lieber tun, als darauf bestehen, daß du mein bleibst? Du kannst dich darauf verlassen, ich werde den Ton anschlagen, den du wünschest. Möchtest du noch warten, oder wollen wir gleich gehen, damit es überstanden ist?«
Nach kurzem Zögern legte sie ruhig die Hand auf seinen Arm: das hatte sie aus freien Stücken noch nie getan.
»Danke,« sagte sie einfach. »Ich will jetzt gehen, damit wir es, wie Sie sagen, hinter uns haben.«
Mit so stolz getragenem Haupte wie nur je in ihrem Leben trat sie, noch immer an seinem Arme, vor die Herzogin und stand neben ihm, wie ein Weib an der Seite des Mannes, den sie liebt, stehen sollte — lächelnd, in unbekümmerter Heiterkeit, voll Zuversicht auf ihn und sich selbst.
Die Unterredung dauerte nicht lange. Die Herzogin hatte schon zwei Niederlagen erlitten, und keiner ihrer beiden siegreichen Gegner war ihr mit kühlerer Gelassenheit gegenübergetreten, als Everard Leath. Auch ohne Florences Bitte würde er das wahrscheinlich getan haben. Die Herzogin war eine viel zu kluge Frau, um nicht zu wissen, daß sie eine Niederlage erlitten und daß ein fernerer Kampf hoffnungslos sei. In den wenigen kurzen Worten, mit denen Leath ihr antwortete, lag eine Entschlossenheit, die durch keinen Angriff ihrerseits zu erschüttern war. Die höhnische Anklage, die sie ihm entgegengeschleudert, hatte nicht einmal eine Veränderung in seinem Gesichtsausdruck hervorgerufen.
»Gräfin Florence weiß, Durchlaucht,« sprach er ruhig, »daß ihr Vermögen mir sehr gleichgültig ist. Wenn ich wünsche, daß sie es behalten möchte, so geschieht es nur, weil ich kein so reicher Mann bin, wie ich es ihretwegen zu sein wünschte. Könnte Durchlaucht ihr es morgen bis auf den kleinsten Bruchteil nehmen, so würde das an unserem gegenseitigen Verhältnis nichts ändern.«
»Nicht das mindeste,« stimmte ihm Florence bei, »ich würde dich doch heiraten, Everard.«
Die trauliche Anrede klang ihr sehr ungewohnt im Ohre, aber sie brachte sie entschlossen über die Lippen — war es doch nach ihrer Ansicht nur eine letzte, notwendige Heuchelei mehr und keine größere als ihre Hand auf seinem Arm, ihre Stellung an seiner Seite. »Geld hatte nichts mit dem Versprechen, das ich dir gab, zu schaffen — das weißt du. Ich glaube, Durchlaucht, damit wäre die Sache erledigt.«
Eine zornige Handbewegung der Herzogin war ihre einzige Entlassung. Sie verließen das Zimmer Arm in Arm, wie sie es betreten. Lady Agathe hatte während der ganzen Zeit, das Tuch an die Augen gedrückt, bitterlich weinend dagesessen und kein einziges Wort gesagt.
Erst als sie wieder in dem getäfelten Zimmer waren, zog Florence die Hand zurück. Eine Lampe war in der Zwischenzeit angezündet worden, und sie sah in dem gelben Lichtschein geisterbleich aus. All der mühsam behauptete Trotz war wie weggewischt aus ihren Zügen, jetzt, wo die Augen der Herzoginnicht mehr darauf ruhten. Sie blickte ihn mit müdem, ironischem Lächeln an.
»Wir sind wieder hinter den Kulissen,« sprach sie in bitterem Tone, »ich fange an, zu glauben, daß ich keine schlechte Schauspielerin bin. Ich möchte wohl wissen, ob es unsere Natur oder unser Schicksal ist, das uns Frauen zu Heuchlerinnen macht? Beides vielleicht. Die Herzogin wird mich hinfort wohl in Ruhe lassen, aber das wäre nicht der Fall, wenn Sie mir nicht geholfen hätten. Das vergesse ich nicht. Ich danke Ihnen, Herr Leath.«
»Du hast mir nichts zu danken!« Wenn ihm die Veränderung in ihrem Blick und Ton weh tat, so verriet er es durchaus nicht. Er gewahrte die müde Haltung der schlanken Gestalt, die Blässe des schmalen Gesichtchens.
»Es ist zu viel für dich, armes Kind,« meinte er sanft. »Du siehst ganz erschöpft aus und bedarfst der Ruhe. Soll ich bleiben, oder möchtest du, daß ich jetzt gehe?«
Sie war allerdings mit ihrer Kraft zu Ende, ihre Nerven befanden sich in einem solchen Zustande der Erregung, daß die weiche Zärtlichkeit seiner Worte, obwohl sie von ihm kam, hinreichte, sie um ihre Selbstbeherrschung zu bringen. Sie brach in heiße Tränen aus und schluchzte fassungslos. Im nächsten Augenblick hatte er sie in die Arme geschlossen und beschwichtigte sie an seinem Herzen, wie er ein Kind hätte beschwichtigen können. Sie hatte bisher nie seine Umarmung geduldet; aus reiner Ermüdung tat sie es jetzt, zu schwach, sich zu widersetzen oder überseine Küsse zu zürnen. Seine Kraft war zu mächtig für sie, und dennoch lag ein merkwürdiger Trost darin. So ließ sie sich ohne Widerstreben von ihm umfangen, barg ihre Tränen an seiner Schulter und empfand fast etwas wie Freude über die innigen Liebesworte, die er ihr ins Ohr flüsterte. Selbst als ihr Schluchzen nachließ und sie den Kopf hob, lag nichts wirklich Abwehrendes in der Bewegung, mit der sie sich ihm zu entziehen suchte.
»Ich bin müde,« sagte sie mit schwacher Stimme, gleichsam als Entschuldigung für diese Anwandlung von Schwäche, über die sie doch kaum das Herz hatte, böse zu sein, »schrecklich müde. Ich habe vorige Nacht nicht geschlafen. Mir wird gleich besser werden. Sie sind — sehr gut gegen mich gewesen, aber jetzt gehen Sie lieber, bitte.«
»Ja, ich will gehen, mein Herzlieb. Du sollst allein bleiben, um dich auszuruhen, wenn du kannst.«
Er hatte den Arm noch immer um sie gelegt und hob jetzt sanft ihr tränenfeuchtes Gesicht zu dem seinen empor. »Florence,« fragte er im Flüstertone, »wenn du wirklich findest, daß ich gut gewesen bin, könntest du mir dann nicht ein einziges Mal danken, Kind?«
Fast mechanisch hob sie das Gesicht; der Sinn seiner Worte war ihr kaum zum Bewußtsein gekommen, aber als er sie küßte, überflutete eine heiße Blutwelle ihr Antlitz und ihren Hals. Sie rang nach Luft und versuchte, sich loszureißen, aber er hielt sie fest.
»Florence,« sagte er langsam, »weißt du, was du mich hast sehen lassen? Daß, wenn ich dir als Gleichberechtigter hätte gegenübertreten können, du mich jetzt schon lieben würdest. Ja, das würdest du — das weiß ich!«
»Nein!« Mit einer kräftigen Anstrengung machte sie sich los. »Niemals!« erklärte sie heftig, die Hand an die wogende Brust gedrückt. »Ich mache mir nichts aus Ihnen — ich kann es nicht — ich werde es nie tun! Ich wollte Ihnen danken, weil Sie freundlich gewesen zu sein schienen — aber mich nicht so — so von Ihnen küssen lassen — das wissen Sie recht gut! Ich werde Ihre Frau, weil ich muß, weil Sie mich dazu zwingen, aber lieben werde ich Sie nie — nimmermehr! Unter keinen Umständen je hätte ich Sie lieben können — das weiß ich!«
»Wirklich nicht?«
Er blickte in das leidenschaftlich erregte Antlitz, sah die Gebärde empörter Abwehr und lächelte wehmütig. »Nun, vielleicht hast du recht, und vielleicht habe auch ich recht. Wir wollen nicht darüber streiten. Die Schicksalsgöttinnen sind dir nicht besonders hold gewesen, armes kleines Mädchen — aber auch mit mir sind sie nicht besonders gnädig verfahren! Laß mir diese einzige Eitelkeit, Kind! Sie kann niemand schaden! Ich bleibe dabei, hätte ich nur eine Chance dir gegenüber gehabt, so hättest du mich jetzt schon lieben sollen.«
»Niemals!« stieß sie wieder zwischen den Zähnen hervor. »Sie täuschen sich selbst, wenn Sie das glauben! Niemals!«
Und so verließ er sie, und ihr ›Niemals!‹ klang ihm im Ohre nach.
Er würde sich in der Halle nicht aufgehalten haben — er pflegte immer Turret Court so schnell wie möglich zu verlassen, sowie seine Zusammenkunft mit Florence vorüber war, und es geschah selten, daß eine Begegnung mit irgend jemand ihn aufhielt. Aber der heutige Tag bildete eine Ausnahme. Ein Feuer brannte in der inneren Halle, und in einem großen Lehnstuhl daneben lag Roy bequem hingestreckt. Er war unter dem Einfluß der einschläfernden Wärme halb eingeschlummert, aber, durch die näherkommenden Schritte ermuntert, stand er auf, dehnte seine langen Gliedmaßen und gähnte ungezwungen.
»O, Sie sind’s, Leath? Wie geht es Ihnen? Wußte gar nicht, daß Sie da waren, alter Junge. Habe ein wenig genickt, glaube ich. Im Begriff, fortzugehen — wie?«
»Ja. Weshalb?«
»O, nichts Besonderes! Sie würden zu Tisch bleiben, wenn Sie irgendein anderer wären, aber ich weiß, es nützt nichts, Sie einzuladen. Heute gäbe es freilich einen Extraspaß. Sie könnten die Herzogin zu Tisch führen.«
»Das bezweifle ich. Ihre Durchlaucht geruhte eben mir mitzuteilen, daß ich Luft für sie sei.«
»O! Sie haben sie wohl gesprochen?« Roy verzog grinsend den Mund. »Hat wohl eine böse Auseinandersetzung gegeben?«
»Kurz, aber durchaus nicht angenehm,« antwortete Leath wortkarg.
»Ein Glück für Sie, daß sie kurz war! Sie und der Alte hatten heute morgen ein hitziges Wortgefecht. Ich hörte etwas davon — war ein Hauptspaß! Sie zog indessen den kürzeren. Wird bei Ihnen wohl ebenso gegangen sein? Gehört sich auch so! Sehe gar nicht ein, warum die alte Dame sich dazwischenstecken will! Was in aller Welt kann es ihr ausmachen, ob Florence Sie nimmt oder den alten Chichester? Geradezu unverschämt nenne ich es. Wollen wohl nach Hause reiten, wie?«
»Nein, ich bin zu Fuß gekommen. Weshalb?«
»Nichts, als daß Sie einen schrecklich dunklen Marsch über die Halde haben werden. Apropos, haben Sie den Alten gesehen?«
»Nein — und hätte es auch nicht können, gesetzt den Fall, ich hätte den Wunsch gehabt. Er ist in Market Beverley, wie ich höre.«
»O, das hat Ihnen wohl Florence gesagt? Sie irrt sich aber, er kam vor zwei Stunden heim und sitzt in seinem Zimmer. Ich meinte nicht, ob Sie ihn heute gesehen, sondern ob Ihnen in der letzten Zeit nichts an ihm aufgefallen ist?«
Es lag etwas Ungewöhnliches in dem Tone und dem Gesichtsausdruck des jungen Menschen. Mit einem schnellen fragenden Aufblick schüttelte Leath den Kopf.
»Ich glaube, ich habe Sir Jasper in den letztenvier Wochen kaum dreimal gesehen — jedenfalls nicht zwanzig Worte mit ihm gewechselt. Was sollte mir aufgefallen sein?«
»Nun, wie er sich verändert hat!«
»Hat er sich verändert?«
»Und ob! Wenn Sie ihn beobachtet hätten, würden Sie nicht fragen. Er hat nie viel Fleisch auf den Knochen gehabt, aber jetzt ist er mager wie ein Skelett, und das ist kein Wunder, denn er ißt kaum genug für einen Papagei! Und ein sehr lebhafter Gesellschafter ist er zwar auch nie gewesen, aber letzthin ist er mit wahrer Leichenbittermiene einhergegangen; und er ist in einer Stimmung, von der ich lieber gar nicht reden will! Mit ihm muß etwas nicht in Ordnung sein. Ich möchte mit der Mutter und den Mädchen nicht gern darüber reden, aber ich bin überzeugt davon, daß es auch ihnen auffallen muß. Erst gestern, in St. Mellions, redete mich der alte Burrows — Sie wissen, Doktor Burrows — auf der Straße an und wollte wissen, was mit ihm los wäre. Sagte, er hätte es schon längst bemerkt, und sein Aussehen gefiele ihm ganz und gar nicht.«
»Was wollte er damit sagen?«
»Weiß ich nicht! Er ging wie die Katze um den heißen Brei und wollte nicht mit der Sprache heraus. Sie kennen ja die Ärzte mit ihrem gelehrten Kauderwelsch. Jedenfalls schien ihm des Alten Zustand zu ernsten Besorgnissen Anlaß zu geben. Aber was mir nicht gefällt, ist seine neue Angewohnheit, draußen umherzuschleichen.«
»Umherzuschleichen?«
»Ja — zu allen Stunden und bei jedem Wetter, mitunter abends, mitunter morgens; ehe jemand von uns anderen auf den Beinen ist, ist er aus dem Bett und draußen. Wunderlich, nicht wahr? Das hat er früher nie getan, ja, er haßte das Spazierengehen geradezu. Jetzt wandert er meilenweit. Vorgestern abend — wissen Sie noch, wie es regnete? — war er stundenlang draußen auf der Halde und kam bis auf die Haut durchnäßt zurück. In der Tat, ganz unter uns gesagt, die halbe Zeit, wenn die Mutter glaubt, er sitzt ruhig in seinem Zimmer, wie er sonst zu tun pflegte, schleicht er draußen irgendwo umher. Ich weiß es meistens, denn seitdem ich es bemerkt habe, halte ich die Augen offen. Aber es muß etwas nicht in Ordnung sein und darf nicht so fortgehen. Wüßte ich nur, was es ist! Er hat doch keinen geheimen Kummer.«
»Nein,« stimmte ihm Leath trocken bei, »er hat keinen Kummer.« Er zog sich seinen leichten Überzieher an und sagte dabei: »Es ist allerdings sonderbar. Er sollte lieber einen Arzt zu Rate ziehen.«
»Freilich. Ich will Burrows veranlassen, einmal freundschaftlich bei uns vorzusprechen. Der Alte würde mich gehörig heruntermachen, wenn er wüßte, daß ich ihn gebeten, zu kommen. Wollte ’mal mit Ihnen darüber sprechen, Leath, denn die Sache hat mich gequält. Trage fürs erste noch kein Verlangen danach, Sir Roy zu werden. Gehen Sie jetzt? Guten Abend,alter Junge — möchte nur, Sie blieben zu Tische. Beneide Sie nicht um Ihren Weg über die öde Halde.«
Öde sah die Halde allerdings aus, als Leath hinaustrat. Ein kalter Regen fing an herabzurieseln, der Wind, der von der Küste herüberwehte, war sehr scharf, und Leath knöpfte instinktiv seinen Überzieher zu. Weiter aber schenkte er dem Wetter keine Beachtung: seine Gedanken waren trübe und nahmen ihn ganz in Anspruch. Jenes letzte ›Niemals!‹ von Florences Lippen klang in ihm nach; ihren Blick, als sie das sagte, sah er noch deutlich vor Augen, und das machte ihn blind und taub gegen alles andere. Er hatte keinen glücklichen Augenblick gehabt, seitdem sie ihm ihr Wort gegeben, sein Weib zu werden, aber er war nie so niedergeschlagen und unglücklich gewesen wie heute abend. Wenn sie mit ihrem ›Niemals!‹ recht hätte! Wenn sie wirklich ihn und das Band, das sie an ihn knüpfte, hassen sollte? Wenn sie erst sein Weib war, so würde das entsetzlich sein! Konnte ihm irgend etwas für solches Elend Ersatz gewähren? Wäre es nicht tausendmal besser gewesen, wenn er nie nach England gekommen, nie ihr Antlitz geschaut, nie seine Nachforschungen nach Robert Bontine begonnen hätte? Würde es möglich sein, ihr zu entsagen, nach Australien zu seinem dortigen Leben zurückkehren, aus seinem Gedächtnisse die Erinnerung an die Erlebnisse der letzten drei Monate so auszulöschen, als seien sie nie gewesen? Er gedachte der Schönheit, die es ihm angetan hatte, schon damals, als er sich gesagt, daß er an anderes zu denken habe als an Frauen und Frauenliebe; er gedachte ihrerbebenden Gestalt, die er in den Armen gehalten, als sie schluchzend den Kopf an seine Schulter gelehnt; er gedachte des heißen Errötens, das ihr Antlitz bei seinem leidenschaftlichen Kusse übergossen. Nein — es war nicht möglich! Sie sollte ihn noch lieben lernen!
Er blieb stehen. In seiner Zerstreuung war er weit von dem Fußwege abgekommen, den er hätte einhalten sollen, um nach St. Mellions zu gelangen. Das leise, dumpfe Rauschen der Brandung gegen den felsigen Strand tief unten schlug an sein Ohr; er befand sich dicht am Rande der Klippe, — so dicht, daß ein paar Schritte ihn unmittelbar an die scharfe Kante gebracht hätten, und er blieb einen Augenblick erschrocken stehen.
»Es wäre für niemand ein Verlust gewesen, wenn ich hinabgestürzt wäre,« sagte er halblaut, mit bitterem Auflachen.
Er schritt weiter, dem Branden der Wogen lauschend, und blickte mit starrem, finsterem Gesicht geradeaus. Der dunkle Himmel hellte sich am Horizont auf, das schwere Gewölk teilte sich, ein schwacher gelblicher Nebel bezeichnete die Stelle, wo der Mond durchbrechen wollte. Er sah nichts von alledem. Florences ›Niemals!‹, Florences Antlitz verfolgten ihn noch immer.
»Es war ihr Ernst damit!« sprach er vor sich hin, »es war ihr Ernst. Ob sie recht hat? Wird ihr Haß dauern — trotz meiner Liebe? Es wäre furchtbarfür uns beide — furchtbar! Armes Kind — armes kleines Mädchen — und weshalb sollte er schwinden? Ich habe, bei Licht besehen, wie ein Schurke, wie ein Feigling an ihr gehandelt! Soll ich diese Leidenschaft aus dem Herzen reißen und sie freigeben? Soll ich ihr entsagen? Wenn ich —«
Die Worte endeten in einem heiseren Aufschrei. Hinter ihm ertönten hastige Schritte, ihn traf ein Schlag vor die Stirn, daß vor seinen Augen grelle Flammen über den schwarzen Himmel und das schwarze Meer zuckten. Seine Arme wurden mit eisernem Griffe gepackt, er war hilflos, wehrlos, er konnte nicht mit dem Angreifer ringen, der ihn so hinterrücks überfallen und ihn immer näher an die Felskante drängte; der Schlag auf den Kopf hatte ihn halb betäubt, er konnte sich nicht zur Wehr setzen. Eine verzweifelte Anstrengung machte er, sein Gleichgewicht wieder zu erlangen, aber sein Fuß glitt auf dem kurzen schlüpfrigen Gras aus, und mit einem lauten Aufschrei stürzte er kopfüber hinunter, sich im Fallen an dem groben Gestrüpp festhaltend, das über den Klippenrand hinüberhing. Die Zweige knickten ab und glitten ihm aus den Fingern, wieder tastete er nach einem Halt, erhaschte etwas, das standhielt, ergriff es auch mit der anderen Hand, fühlte, daß die Wucht seines Falles gebrochen sei, daß er festen Boden unter den Füßen habe. Während der Dauer einer grausigen Sekunde, halb schwebend, halb liegend, verharrte er so, dann nahm er mit verzweifelter Anstrengung seine fast erschöpften Kräfte zusammen und schleppte sich von dem Felsvorsprungin das Innere einer Höhle, und vorwärtsstolpernd, brach er, nach Atem ringend, arg zerschunden, blutend, fast bewußtlos auf dem steinigen Boden von Florences Felsenkammer zusammen.