4.
Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. Es wurde stets früh gespeist, denn Sir Jasper war magenleidend, und das Mahl war immer ein auserlesenes. Für Lady Agathe war es die qualvollste Stunde des Tages, denn der Hausherr ließ es selten zu, daß die Mahlzeit für irgend jemand angenehm verlief, und am wenigsten naturgemäß für sie. Jetzt hatte er sich in die Bibliothek zurückgezogen, einen Raum, in dem er geruhte, den größten Teil seiner Zeit zuzubringen, und die übrigen begaben sich in den Salon, überaus froh, ihn los zu sein.
Lady Agathe saß in dem bequemen Sessel mit einem anderen Bande des Romans, in den sie sich am Morgen schon vertieft hatte. Roy hatte seine langen Gliedmaßen der Länge nach auf dem Sofa ausgestreckt, gab sich Mühe, einzuschlafen, und stöhnte bisweilen über die Hitze; draußen auf der Terrasse gingen Cis und ihr Verlobter langsam auf und nieder; ein Spitzentuch verhüllte den goldblonden Kopf und den Hals des jungen Mädchens. Dicht an einem Fenster, bequem zurückgelehnt in einem ihrer Lieblingsschaukelstühle, die Hände hinter dem kastanienbraunen Haar verschlungen, lag Florence in ihrem langen weißen Kleide — sie trug im Hause gern übermäßig langeSchleppen — im Gespräch mit der einzigen noch anwesenden Persönlichkeit.
Das war ein Herr, dessen Gesellschaftsanzug tadellos saß, der eine gute Figur sowie eine angenehme Stimme hatte, und dessen Gesicht geradezu schön war. Das einzige, was man an seinem Äußeren und seiner Persönlichkeit hätte aussetzen können, wäre gewesen, daß er älter aussah als er war. Seine schönen Züge waren unbeweglich, — er hatte fast gar kein Mienenspiel, — seine Gestalt hatte eine gewisse Behäbigkeit, seine Bewegungen waren schwerfällig und langsam, seine Redeweise eintönig und ernst; seinem Alter nach erst in der Blüte der Jahre, hatte er seine Jugend doch schon eingebüßt: mit achtunddreißig war er entschieden ein Mann mittleren Alters. In seinen ruhigen braunen Augen lag kaum ein Glanz, während er die hin und her schaukelnde, anmutige Gestalt des Mädchens betrachtete und das angeregte, lebhafte Antlitz sich gegenüber sah.
»Ich wußte, daß ich dir etwas sagen wollte, was mir mindestens ein halbes dutzendmal wieder entfallen ist,« sagte Florence schaukelnd. »Heute morgen bekam ich einen Brief von der Herzogin.«
»Von der Herzogin? So?«
»Ja.«
Sie erzählte ihm dann kurz den Inhalt des Schreibens, und daß sie es abgelehnt, ihre Patin nach der Schweiz zu begleiten.
»Da du der Herzogin geschrieben hast, so ergriffst du vermutlich die Gelegenheit, sie von unsererVerlobung in Kenntnis zu setzen?« fragte Talbot Chichester zögernd.
»O! Von unserer Verlobung?« Florence zog die Hände unter dem Kopf fort und verschränkte sie im Schoß. »Nein,« sagte sie ruhig, »um dir die Wahrheit zu gestehen, das habe ich nicht getan. Ich habe natürlich daran gedacht, aber ich kam zu dem Entschlusse, daß es viel besser ist, damit zu warten, bis sie glücklich in Pontresina ist und ihren Ärger darüber, daß ich nicht mit ihr gehe, überwunden hat.« Sie lachte schelmisch.
»Aber ich bin nicht derselben Ansicht,« erwiderte Chichester ernst; das Lächeln, mit dem er auf ihr Lachen geantwortet, war nur sehr matt. »Die Stellung, die Ihre Durchlaucht dir gegenüber einnimmt, erheischt es von mir, daß ich sie von unserer Verlobung unterrichte und ihre Einwilligung in unsere Heirat erbitte, wie ich es bei Sir Jasper tat. Ich wollte es sofort tun, aber du schienst es vorzuziehen, es selbst zu übernehmen, obgleich ich gestehen muß, daß ich den Grund nicht recht begriff.«
»Einen Grund hatte es nicht; es war eine Laune von mir, es ihr selbst zu erzählen — warum, weiß ich nicht.«
»Natürlich fügte ich mich, da es dein Wunsch war,« fuhr Chichester fort, »es ist freilich wahr, daß es in gewissem Sinne nur eine Form ist, aber ich finde doch, es müßte geschehen.«
»Nur eine Form? O, du glaubst also nicht, daß sie etwas dagegen haben wird?« fragte Florence wieder.
»Dagegen?«
Herr Chichester setzte sich in seinem Stuhle aufrecht. Sein Ton wurde würdevoller, er fühlte, daß das, was Florence sagte, abgeschmackt sei. War nicht die Familie Chichester auf Highmount sogar noch älter als das Geschlecht der Mortlakes, und reich genug, um ihnen ihren ganzen Besitz drei- oder viermal abzukaufen?
»Meine liebe Florence,« meinte er nachsichtig, »das ist sicherlich eine ziemlich überflüssige Frage! Wir sind nicht von Adel, das ist freilich wahr, — wir haben die Ehre immer abgelehnt, — aber in jeder anderen Hinsicht ist es kaum möglich, daß die Herzogin etwas gegen mich als Bewerber um deine Hand einzuwenden haben könnte. Du kannst das nicht für wahrscheinlich halten.«
»Ich durchaus nicht!« sagte Florence fröhlich. »Ich glaube nicht, daß sie etwas dagegen haben wird; weshalb, wie du sagst, sollte sie das? Ich wollte nur gern wissen, wie du darüber dächtest.«
»Du gibst mir also die Erlaubnis, ihr binnen kurzem zu schreiben?«
»Ja. Sobald sie in Pontresina ist. Ich will ihr mit derselben Post schreiben, damit sie erfährt, daß ich an deinem bisherigen Schweigen schuld bin.«
»Danke! Das ist alles, was ich wissen wollte.« Florence nickte leicht und wandte ihr Gesicht dem Fenster zu. Vielleicht verbarg sie ein unterdrücktes Gähnen hinter der weißen Hand, die sie sich vor den Mund hielt. Ein Plauderstündchen mit Talbot Chichester,obgleich er ihr Verlobter war, wirkte nicht sehr belebend auf sie.
Cis und Harry kamen am Fenster vorbei; die Hand des jungen Mädchens ruhte auf dem Arm ihres Verlobten; seine Lippen waren dicht an ihrem kleinen Ohre, während er ihr Worte zuflüsterte, die niemand anders verstehen konnte. Florences rote Lippen zuckten eigentümlich bei dem Gedanken, Chichester könne so gehen, so flüstern — der Einfall belustigte sie. Er hatte es nie getan oder zu tun versucht, weder vor seinem Heiratsantrag noch nachher. Als sie ihm ihr Jawort gab, hatte sie sich gesagt, daß sein großer Vorzug sei, daß er niemals versucht, ihr den Hof zu machen. Andere hatten das getan, und sie hatte das unendlich langweilig gefunden und gleich im Keime erstickt. Talbot Chichester hatte sich solcher Schwäche niemals schuldig gemacht, und sie hatte versprochen, ihn zu heiraten.
Cis und Harry gingen wieder vorüber. Herr Chichester saß noch immer stumm da. Florence schaute in den tiefstehenden Mond; das Schweigen dauerte fort. Roy, der seine fruchtlosen Bemühungen, einzuschlafen, aufgab, stand vom Sofa auf und schlenderte auf das Paar am Fenster zu. Florences Verlobung mit dem ›alten Chichester‹, die er anfangs durchaus nicht hatte glauben wollen und mit unbändigem Gelächter aufgenommen hatte, war dem Jüngling noch immer unendlich komisch. Da es ihm jetzt vorkam, als sähe Florence gelangweilt aus, warf er sich in einen Stuhl und machte endgültig den Versuch, die Unterhaltung wieder in Gang zu bringen.
»Wie schauderhaft heiß es ist!« sagte er mit einem Gähnen. »Finden Sie das nicht auch, Chichester? Ich habe mich von meinem Morgenritt nach Arborfield noch nicht erholt. Die Sonnenglut auf der Halde war furchtbar. Du hast auch eine gute Dosis davon bekommen, nicht wahr, Flo?«
»Ich?« Florence hatte an einer Feder ihres großen gelben Fächers gezupft und ihn nicht gehört — ihre Augen schauten noch träumerisch in die tiefstehende, lichte Mondscheibe, die am dunkelvioletten Abendhimmel glänzte.
»Ich?« sagte sie, sich besinnend, »wovon sprichst du, Roy?«
»Ich sage, du mußt es auf der Halde heute morgen sehr heiß gefunden haben, nicht wahr? Wie ging’s dem alten Sherriff? Sie müssen wissen, Chichester, ich behaupte immer, daß Florence in Sherriff verliebt ist. Wenn man es sich recht überlegt, so ist es doch eigentlich ein starkes Stück, daß sie solchem jungen, munteren Hagestolz Besuche macht! Wundere mich oft darüber, daß er in solch gottverlassenem Neste bleibt und die liebenswürdige Laune unseres Alten erträgt.«
»Er ist arm, glaube ich,« meinte Chichester gelassen. »Was er von Sir Jasper erhält, kommt zweifelsohne in Betracht bei ihm.«
»Das ist’s vielleicht. Aber der Pfarrer behauptet, — die beiden sind nämlich dicke Freunde, — daß, wenn Sherriff sich vor Jahren in London niedergelassen hatte, er sich dort durch seine Schriften längst einen Namen gemacht haben würde. Ich muß gestehen,ich begreife es nicht, wie ein Mensch hier in St. Mellions weitervegetieren kann, wenn sich ihm eine Möglichkeit bietet, fortzukommen.«
»Herr Sherriff ist alt, Roy,« meinte Florence sanft, »und steht ganz allein in der Welt. Mit seinen Büchern und Blumen ist er hier ebenso glücklich, glaube ich, wie er anderswo sein würde.«
»Na, er hätte sich wohl längst aus dem Staube gemacht, wenn das nicht der Fall gewesen wäre,« gab Roy zu. Er gähnte wieder in beängstigender Weise. »Da wir gerade von Leuten reden, die hier an der Scholle kleben, fällt mir ein,« fuhr er mit tränenden Augen fort, »wer ist der Mensch bei Mutter Buckstone?«
»In den Chichester Arms?«
Talbot Chichester stellte diese Frage.
»Ja. Ein ziemlich ansehnlicher Kerl — sonnverbrannt — erinnert mich an jemand, den ich gesehen habe,« fuhr Roy unzusammenhängend fort. »Gestern sprach ich mit ihm, oder er mit mir — ich weiß nicht mehr recht, wie es war — als ich hinüberritt, um zu sehen, ob mir der alte Buckstone das Öl für mein Rad besorgt hätte. Er wohnt dort, sagte er. Wunderlicher Geschmack! Wer es wohl sein mag? Sie wissen es nicht etwa, Chichester?«
»Ich bekümmere mich allerdings nicht um jeden, der in den Chichester Arms absteigt.« Der Redende blickte belustigt. »Ich wußte überhaupt nicht, daß dort jemand wohne. Vermutlich ein auf einer Fußtour begriffener Londoner.«
Roy schüttelte den Kopf.
»Das glaube ich nicht. Nicht das Genre — hat nicht den Londoner Dialekt — versteht zu viel von Pferden, um ein Großstädter zu sein. Kommt wohl aus dem Auslande. Wenn ich ihn wiedersehe, will ich ihn mal danach fragen.«
»Laß das nur! Es ist überflüssig. Was seinen Namen anbetrifft, so heißt er Everard Leath und kommt aus Australien. Wer er ist, weiß ich nicht, und was er will, das weiß er hoffentlich selbst.«
»Er hat es dir doch nicht etwa erzählt?«
»Mein lieber Junge, verzeih, das hat er getan.«
»Nun, das ist famos!« Roy riß die Augen noch weiter auf und lachte. »Du warst immer das wunderlichste Mädchen unter der Sonne. Wo in aller Welt hast du den Menschen gesehen?«
»Soll ich’s dir sagen?«
Sie setzte sich aufrecht und heftete lächelnd ihre schelmisch blitzenden Augen auf das verwunderte und fragende Antlitz ihres Bräutigams. »Ja — wir sind heute abend alle sehr langweilig, und deshalb will ich es tun.«
Harry und Cis waren vor dem Fenster stehen geblieben, und sie winkte ihnen lustig, hereinzukommen. Und vor diesem nicht wenig erstaunten Publikum erzählte sie harmlos plaudernd ihre Begegnung mit Everard Leath.
Nach manchen vorwurfsvollen Worten über den Leichtsinn der schönen Cousine schlenderten Cis und Harry davon, und Roy, noch immer gähnend, folgte ihnen. Florence blickte den dreien nach, bis sie verschwanden, und schaute dann mit einem Lächeln zuihrem Verlobten empor, der aber keinen freundlichen Blick für sie hatte, denn sein Antlitz war ernst, fast finster. Sie sah ihn mit immer größer werdenden Augen und fest aufeinandergepreßten Lippen an und berührte dann leise seinen Arm.
»Was ist denn los?«
»Los?«
»Ja, du siehst auf einmal unheimlich ernst aus. Vielleicht, weil ich sagte, ich wollte Roy meine Höhle zeigen, und dir nicht anbot, mitzugehen? Sei nur recht artig, dann sollst du nächstens auch einmal hin. So!«
In ihren Augen blitzte es wieder schalkhaft auf. Sie sprach, als gelte es, ein verdrießliches Kind zu beschwichtigen. Die meisten Männer, die in sie verliebt gewesen, würden sie unwiderstehlich gefunden haben. Chichester blieb ebenso ernst wie vorher. Er nahm die Hand, mit der sie ihm den Arm gestreichelt hatte. Dann begann er in seiner gehaltenen Weise ihr Vorwürfe über ihr unverantwortlich unvorsichtiges Benehmen gegen den Unbekannten zu machen.
»Du darfst deine eigene Stellung und Würde nicht vergessen,« schloß er.
»Und doch bin ich so stolz, wie es kein Mensch ahnt,« meinte das junge Mädchen sinnend, als spräche sie zu sich selbst. Sie blickte ihn wieder an.
»Du magst recht haben,« fuhr sie dann fort. »Ich vergesse meine Würde wohl mitunter. Weißt du, es ist mir gar nicht eingefallen, daß die einzig richtige Handlungsweise gewesen wäre, den Menschennaß werden zu lassen. Welch ein Glück, daß du so etwas nie tun könntest.«
Herr Chichester ging jeglicher Sinn für Humor ab — er war so unendlich mit sich selbst zufrieden. Er lächelte und ließ ihre Hand los.
Florence verbarg ein Lächeln, als sie sich nach dem Fenster wandte.
Nach wenigen Minuten hatte Chichester Turret Court verlassen. Florence stand allein am Fenster und blickte in den Mond, wie sie vorher getan hatte, als Cis zärtlich den Arm um sie legte.
»Fehlt dir etwas, Florence? Du — du siehst so ernst aus, mein Herz!«
»So?«
Liebkosend fuhr Florence mit der Hand über Cis’ goldblondes Haar. »Ich sann wohl über mein unschickliches Benehmen nach.«
»O,« meinte Cis verständnisvoll, »du meinst gegen jenen Menschen in der Höhle! Nun, ich muß sagen, daß es ziemlich leichtsinnig von dir war, Liebste, aber natürlich hast du es nicht überlegt. Das habe ich auch zu Harry gesagt. Es ist schade, daß du in Chichesters Gegenwart davon gesprochen hast. Ich glaube, die Sache gefiel ihm nicht.«
»Ganz und gar nicht. Das sagte er mir.«
Cis blickte in das schöne, gedankenvolle Antlitz, dessen gewöhnlich strahlender Ausdruck einem nachdenklichen Ernst gewichen war, und nahm plötzlich all ihren Mut zusammen.
»Florence, werde nicht böse, aber ich habe dich schon so oft etwas fragen wollen. Ich kann es garnicht begreifen — er ist so ernst und steif und kalt — in jeder Beziehung so verschieden von dir — es wundert mich, weshalb du Herrn Chichester dein Jawort gegeben.«
»Mich auch,« gab Florence zerstreut zurück, »mich auch!«
Diese Antwort hatte Cis jedenfalls nicht erwartet. Sie blickte sich halb entsetzt, halb bestürzt um. Sie antwortete nicht, da sie bange war, näher auf das Thema einzugehen, sah aber die Cousine im Mondschein ungewiß von der Seite an. Als sie wieder sprach, war es in anderem Tone.
»Florence!«
»Nun, mein Schatz?«
»Wie ist dieser Herr Leath? Alt?«
»Alt? Nein. Ungefähr dreißig sollte ich denken.«
»O, ganz jung! Und hübsch?«
»Nein — und häßlich auch nicht. Ganz gewöhnlich.«
»Und ist er nett, Florence?«
»Wer?«
»Nun, Herr Leath!«
»Nett? Nein — unausstehlich!« sagte Florence schroff. »Ich bin schrecklich müde und muß zu Bette gehen. Gute Nacht, mein Herz!«