5.

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Unter der schattigen Veranda des Bungalow, wo Gräfin Florence gesessen und mit dem freundlichen alten Hausherrn geplaudert hatte, standen wieder die beiden bequemen Korbstühle; Herr Sherriff saß in dem einen, Everard Leath in dem anderen. Die Blumenbeete draußen lagen im hellen Morgensonnenschein. Leath war vor einer halben Stunde zu einem Plauderstündchen gekommen. Obgleich er noch nicht vierzehn Tage in St. Mellions weilte, war die Zuneigung des Alten, von der er zu Florence gesprochen, täglich gewachsen. Er hatte ihm gerade gesagt, wie große Freude ihm, dem einsamen Manne, der Verkehr mit Leath gewähre, da er außer dem Pfarrer kaum je einen Besuch hatte, obwohl ihm die guten Leute ringsum, denen er manchen kleinen Dienst hatte erzeigen können, alle freundlich gewogen seien.

»Sie sehen aber doch Gräfin Esmond mitunter?«

»Gräfin Florence? Das ist wahr. Im Augenblick war ich undankbar genug, sie fast zu vergessen. Sie kommt öfter, als man es in Turret Court gern sieht, glaube ich. Aber seit der Zeit, daß sie kurze Kleider trug, hat sie mich liebgehabt, und was mich anbetrifft, so könnte ich kaum mehr von ihr halten, wenn sie meine Tochter wäre.«

»Sie ist eine Waise, wenn ich recht verstanden habe?«

»Ja — sie verlor beide Eltern, als sie ein Kind war.«

»Und Sir Jasper Mortlake ist ihr Vormund?«

»Nur einer ihrer Vormünder. Er teilt sich in die Vormundschaft mit ihrer Patin, der verwitweten Herzogin von Dunbar.«

»O, eine Herzogin!« Leath lachte und pfiff vor sich hin. »Gewöhnlich genügt doch ein Vormund, mein’ ich — weshalb sind hier denn zwei?«

»Das kann ich wirklich nicht sagen. Aber bei dem großen Vermögen, das ihr eines Tages gehören wird, hielt ihr Vater es wahrscheinlich für —«

»Vermögen?« fiel ihm Leath in verwundertem Tone ins Wort. Er lachte wieder. »Wie viele andere Leute, habe auch ich bisher irische Grafenkronen für gleichbedeutend mit dem Bankerott gehalten. War der verstorbene Graf denn eine Ausnahme?«

»Durchaus nicht, er war sehr arm. Gräfin Florence wird ihr großes Vermögen ihrer Mutter verdanken, die eine amerikanische Erbin war.«

»Ich verstehe, Sie sagen ›wird verdanken‹. Ist sie denn noch nicht mündig?«

»Schon seit einem Jahre. Aber sie gelangt nicht in den Besitz ihres Vermögens, ehe sie dreißig Jahre zählt, es sei denn, — was wahrscheinlich der Fall sein wird, — daß sie sich in der Zwischenzeit verheiratet.«

»Jedenfalls wird es der Fall sein. Dann fällt es also ihr zu?«

»Es fällt ihr zu, wenn sie mit Einwilligung eines oder ihrer beiden Vormünder heiratet; schließt sie eine Ehe ohne diese Einwilligung, so fällt das ganze an verschiedene milde Stiftungen.«

»Das ist ein wunderlicher Vorbehalt!« Leath zog die Stirn in Falten. »Wie mag das gekommen sein?«

»Ich weiß das nicht recht,« antwortete Sherriff zögernd. »Es ist seltsam, wie Sie sagen. Die einzige Erklärung, die ich dafür habe finden können, ist die, daß ihre Mutter wahrscheinlich nicht allzu glücklich in ihrer Ehe war. Es war ein offenes Geheimnis, daß der Graf seine Frau nur ihres Geldes wegen geheiratet hatte.«

»Und die letztwillige Verfügung der Gräfin sollte ihre Tochter wahrscheinlich vor einer ähnlichen Erfahrung bewahren,« bemerkte Leath nachdenklich.

»Vermutlich. Weder Sir Jasper noch die alte Herzogin würden zugeben, daß das Mädchen eine unüberlegte Heirat mit einem Glücksjäger einginge. Sollte sie bis zu ihrem dreißigsten Jahre unverehelicht bleiben, so mag die Gräfin sie wohl für alt genug gehalten haben, um ihre Interessen ohne Beistand wahren zu können. Es wundert Sie wohl, daß nur die Zustimmung eines Vormundes notwendig ist? Ich machte dieselbe Bemerkung, als Gräfin Florence, von der ich das Ganze weiß, mir die Sache erzählte. Sie lachte und sagte, daß die Herzogin und Sir Jasper niemals einer Ansicht wären und selten zusammenkämen, ohne sich zu zanken, und daß, wenn sie nicht heiraten sollte, ehe sie sich über den Bräutigam geeinigthätten, wenig Aussicht dafür vorhanden sei, daß sie in den nächsten Jahren unter die Haube kommen würde.«

Sherriff, der gewöhnlich nicht so beredt war, griff jetzt wieder nach seiner Pfeife und begann sie aufs neue zu füllen.

»Sie ist wohl noch nicht verlobt?«

»Gräfin Florence? Nein — meines Wissens nicht. Und wenn ich sage, meines Wissens nicht, so heißt das, überhaupt nicht,« meinte der alte Herr lächelnd, »denn andernfalls würde sie es mir anvertraut haben, davon bin ich überzeugt. Nein — verlobt ist sie nicht. Ich muß gestehen, daß mich das aufrichtig freut; in dieser Gegend wenigstens kenne ich niemand, als dessen Frau ich sie sehen möchte. Wenn mich nicht alles trügt, so hat sie ein Herz, das heiß und innig lieben kann, und dieses Herzens sind nur wenige Männer wert.«

»Sie hat es wohl nicht eilig damit?« fragte Leath langsam.

»Mit dem Heiraten? Nein — ich glaube nicht. Im Gegenteil. Auch Sir Jasper nicht. Sie verbringt fast das ganze Jahr in Turret Court — sie hängt sehr an Lady Agathe und Fräulein Mortlake, und ihre Heirat würde eine Mindereinnahme von tausend Pfund Sterling jährlich für Jasper bedeuten. Und ich bin, wie Sie wohl schon wissen, eine Art Verwalter des Gutes — ich weiß, daß ihm der Verlust nicht angenehm sein würde. Die Mortlakes sind nicht allzu wohlhabend.«

»Es hat mich gewundert,« hub Leath stockend an, »daß Sie Lust zu dem Posten haben. Nach dem,was ich mir aus den Reden der guten Leute hier zusammengereimt habe, scheint es mir nicht leicht, mit Sir Jasper auszukommen.«

»Nun,« antwortete der alte Mann mit großer Milde, während er seine Pfeife schmauchte, »das mag im allgemeinen schon so sein. Sir Jasper ist sehr rechthaberisch und oft sehr schlechter Laune, aber mein Gehalt bildet einen willkommenen Zuschuß zu meinem geringen Einkommen. Und ich habe wirklich kein Recht, mich über Sir Jasper zu beklagen. Er behandelt mich auf alle Fälle ebenso gut, wenn nicht besser als andere.«

»Ich fürchte, das sagt nicht viel.«

Leath blickte mit einem halb zornigen Lächeln in das schöne alte Antlitz, das so sanft und gelassen war. »Nach allem, was ich über ihn hörte, befremdet es mich, daß ein Mann mit Ihren Fähigkeiten sich in eine untergeordnete Stellung einem solchen Menschen gegenüber begeben konnte. Sie nehmen mir meine Offenherzigkeit doch nicht übel?«

»Nein, nein,« sagte der andere hastig mit wehmütigem Lächeln und blickte in den Garten hinaus; die Hand, die die Pfeife hielt, zitterte auf seinem Knie. Dann erzählte er mit leiser Stimme, daß er vor langen Jahren — mehr als dreißig — einen bitteren Kummer gehabt, der sein ganzes Leben verdüstert, der allen Ehrgeiz, alles Streben in ihm ertödet, der ihn vor der Zeit alt gemacht habe.

»Hier, fern von der Welt, im stillen Kreislauf meiner Pflichten, in meinem Garten bei meinen Büchern bin ich so glücklich, wie ich überhaupt jewieder werden kann. Doch genug davon, und genug von mir. Lassen Sie’s gut sein,« schloß er.

Er legte die Hand über die Augen und saß ein Weilchen so da. Leath, in dessen Gesicht ein ungewohnter sanfter, weicher Ausdruck getreten war, blickte rücksichtsvoll von ihm fort auf den Rasen hinaus. Als Sherriff wieder zu sprechen anhub, war es mit seiner gewohnten Ruhe und in einem anderen Tone.

»Es freut mich, daß wir zufällig auf Sir Jasper zu reden kamen,« sagte er, »denn dabei fällt mir ein, was ich sonst vergessen härte, — daß ich ihm einen Brief schicken muß, und zwar so bald wie möglich. Joe muß sogleich damit fort.«

Leath erhob sich, um Joe herbeizurufen, aber es stellte sich heraus, daß dieser mit einem Auftrage nach Lychet Hook geschickt worden, und zwar von dem Hausherrn selbst, was diesem ganz entfallen. Er erklärte nun, den Brief selbst nach Turret Court bringen zu müssen, aber Leath legte ihm die Hand auf die Schulter, drückte ihn sanft in seinen Stuhl zurück und erbot sich, nach Turret Court zu gehen, das er sich schon längst gern einmal habe ansehen wollen, solange er in der Gegend bleibe.

Sherriff, der recht gut wußte, daß ihm die Hitze auf der Halde zu viel werden würde, erhob nur eine schwache Einsprache, die Leath mit einem Kopfnicken abwehrte, den Briefumschlag in die Tasche schob und ins Haus ging, um seinen Hut zu holen. Als er im nächsten Augenblick zurückkehrte, sah er, daß der alte Herr aufgestanden war und mit bekümmertem Ausdruckauf seine bunten Blumenbeete schaute. Auf seinen unwillkürlich fragenden Blick wandte Sherriff sich um und legte ihm die Hand auf die Schulter. Beide waren hochgewachsene Männer, und ihre Augen befanden sich ungefähr in derselben Höhe.

»Wir kennen uns noch nicht lange, Leath, aber ich glaube, ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, daß ich Sie sehr liebgewonnen habe. Sie sprachen eben davon, daß Sie sich Turret Court gern einmal ansehen wollten, solange Sie hier in der Gegend wären. Ich hoffe, das soll nicht heißen, daß Sie daran denken, St. Mellions zu verlassen? Wenigstens jetzt noch nicht?«

»Ich weiß nicht. Ich bin noch zu keinem Entschlusse gelangt. Ich bin entmutigt — ich kann noch nicht sagen, was ich tun werde — was das beste sein würde.«

Erst nach einer sonderbar langen Pause gab er diese Antwort, mit einer seltsamen festen Entschiedenheit, so abgebrochen und ohne Zusammenhang die kurzen Sätze auch hervorgestoßen wurden. Sherriff sah bestürzt aus, sagte aber nichts. Leath, der sein Zartgefühl, das keine Frage stellte, verstand, fuhr langsam fort, als wäge er jeden Satz sorgfältig, ehe er ihn aussprach:

»Ich bin hierhergekommen, um, wie ich versprochen und seit meinen Knabenjahren beabsichtigt habe, eine bestimmte Angelegenheit zu erledigen. Sie dürfen es mir nicht übelnehmen, wenn ich Ihnen nichts Näheres darüber sage. Mein Entschluß, es zu tun, steht unwiderruflich fest, und doch bin ich schwachgenug, mich fast entmutigt zu fühlen, weil ich bisher keinen Zoll breit weitergekommen bin: ich hätte, wie es scheint, ebensogut in Australien bleiben können, wie hierherzukommen, und doch ist dieser Ort — St. Mellions — der einzige Ausgangspunkt für meine Nachforschungen, den ich kenne. Heute morgen, als ich die Sache überdachte, hielt ich es fast für verständiger, anderswo nach einer Spur zu suchen, die mich vielleicht hierher zurückführen würde. Ich bin noch unentschlossen, ob ich gehen oder bleiben werde. Aber ich glaube, ich werde gehen.«

»Das tut mir leid zu hören.«

Sherriff mit seinem angeborenen Takte nahm das, was ihm gesagt worden, hin, ohne eine Frage zu stellen.

»Ob Sie nun bleiben oder gehen,« sprach er ruhig, »hoffentlich werden Sie nicht vergessen, daß es jedenfalls einen Fleck Erde gibt, wo ein Freund und ein herzliches Willkommen stets Ihrer warten.«

»Das werde ich nicht vergessen.« Seine kraftvolle Rechte umschloß fest die zarte Hand des Alten. »Außer Ihnen kenne ich niemand auf der Welt, den ich kenne, der mir eine Freundeshand entgegenstrecken würde, außer Ihrem Dach keines, das mir ein Obdach gewähren würde, ohne daß ich dafür bezahlte.«

Der Weg über die Halde von St. Mellions nach Turret Court war lang, und in der Glut der Junisonne war es ein sehr heißer Weg, aber Leath, der an sehrviel heißere und längere Märsche gewohnt war, legte ihn schnell und leicht zurück.

Am großen Einfahrtstor angekommen, blieb er zögernd stehen und schritt dann auf eine nur angeklinkte Pforte in der hohen roten Mauer zu, durch die er eintrat und gemächlich den Weg nach dem Hause einschlug. Ehe er hundert Meter zurückgelegt hatte, blieb er stehen. In geringer Entfernung von ihm, mit verschlungenen Armen, nach junger Mädchen Art, in lebhaftem Geplauder, schlenderten zwei Damen dahin; in der einen erkannte er sofort die junge Gräfin, während er die andere für Fräulein Mortlake hielt. Als er stehen blieb, drehte die erstere zufällig den Kopf seitwärts und erkannte ihn ebenso schnell, wie er sie erkannt hatte. Der Ausruf des Staunens, der ihr entfuhr, so leise er auch war, veranlaßte Cis, sich ebenfalls umzuwenden.

»Wer ist das, Florence?« fragte sie verwundert.

»Jener Mensch.«

»Welcher Mensch?«

»Leath.«

»O!« Cis blickte sich wieder um. »O, das ist er also?« sagte sie mit Interesse. »Was mag er nur wollen?«

»Das kann uns kaum interessieren. Laß uns nicht stehenbleiben, mein Herz! Wir tun, als hätten wir ihn nicht gesehen!«

»Warum denn?« widersetzte sich Cis. »Er sieht sehr nett aus, finde ich,« flüsterte sie, »und ich bin davon überzeugt, daß er weiß, — wissen muß,— daß wir ihn gesehen haben. Sei so gut, Florence, und stelle ihn mir vor. Da kommt er. Jetzt mußt du mich ihm vorstellen!«

Leath schritt nach kurzem Zögern auf die Damen zu und nahm vor Florence den Hut ab.

»Guten Morgen, Gräfin! Ich hoffe, Ihnen nicht als Eindringling zu erscheinen, aber ich bin von Herrn Sherriff beauftragt, Sir Jasper einen Brief zu überbringen.«

»Von Herrn Sherriff?« Florence wurde bei Erwähnung ihres alten Freundes milder gestimmt und entschied sich jetzt dafür, liebenswürdig zu sein. »Das ist ein ausreichender Empfehlungsbrief für den Park,« meinte sie lächelnd. »Darf ich Sie meiner Cousine, Fräulein Mortlake, vorstellen? Liebe Cis, du erinnerst dich wohl noch, wie ich neulich dazu gekommen bin, Herrn Leaths Bekanntschaft zu machen?«

»Gewiß erinnere ich mich dessen.«

Cis verbeugte sich mit ihrem reizendsten Lächeln. Leath war nicht hübsch, wie Harry, der ihr Schönheitsideal war, er sah etwas zu streng und zu ernst aus, aber sie konnte nichts ›Unausstehliches‹ an ihm wahrnehmen und wunderte sich, weshalb Florence ihn so bezeichnet hatte.

»Ich habe gelacht, als ich davon hörte, Herr Leath,« sagte sie munter. »Wissen Sie wohl, daß Sie sich geehrt fühlen sollten? Ich glaube, Sie sind der erste Herr, der jemals Florences Felsenkammer hat betreten dürfen.«

Florence empfand eine leise Regung der Ungeduld.Sie ärgerte sich fast über Cis. Das allerliebste, muntere, freimütige Benehmen, das sie immer geliebt und bewundert hatte, verdroß sie zum ersten Male. Es entsprach durchaus nicht dem Benehmen, das sie Everard Leath gegenüber für wünschenswert hielt. Sie warf einen mahnenden Blick auf das lustige Gesichtchen und sprach, während sie den kastanienbraunen Kopf hochmütig hob:

»Sie sagten, Sie hätten einen Brief für Sir Jasper, Herr Leath? Erwarten Sie eine Antwort, oder soll ich ihn Ihnen abnehmen?«

Sie blieb stehen und machte eine Bewegung, als wolle sie die Hand ausstrecken. Sie erwartete augenscheinlich die Aushändigung des Briefes. Leath aber machte keine Anstalt, ihn hervorzuziehen.

»Sie sind sehr gütig, Gräfin, aber ich brauche Sie nicht zu bemühen. Als ich mich erbot, das Billett zu besorgen, bat Herr Sherriff mich, Sir Jasper selbst aufzusuchen und eine Antwort von ihm zurückzubringen.«

»So! Dann lassen Sie sich, bitte, durchaus nicht aufhalten! Wenn Sie sich rechts wenden, so erreichen Sie das Haus auf dem kürzesten Wege.«

Leath verbeugte sich; er war nicht aus der Fassung zu bringen. Cis kniff ihrer Cousine in den Arm und warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. Was nützte es, sich einen Herrn vorstellen zu lassen, wenn er im nächsten Augenblicke seiner Wege geschickt wurde? Was konnte Florence nur so plötzlich verstimmt haben? Sie hätte vielleicht Einspruch erhoben,denn sie war in ihrer kindlichen Art voll lustiger Ausgelassenheit, wäre nicht eine plötzliche und ganz unvorhergesehene Unterbrechung eingetreten. Ein Schritt ertönte auf einem der Pfade in der Nähe, und Sir Jasper in höchsteigener Person erschien auf der Bildfläche.


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