6.
Cis wich einen Schritt zurück und warf Florence unwillkürlich einen Blick schreckensvoller Bestürzung zu. Sir Jaspers Gegenwart schüchterte seine Tochter fast ebenso ein wie seine Frau. Wie würde er den Fremden empfangen, den er, stehenbleibend, eine leichte Wolke auf dem schönen, ruhigen Gesicht, gemustert hatte — liebenswürdig, steif und förmlich oder ungezogen? Es kam ganz und gar auf die Stimmung an.
Wäre es Cis überlassen geblieben, die nötigen erklärenden Worte zu sprechen, so würde sie sich wohl sehr schlecht aus der Sache gezogen haben. Aber Florence übernahm das, als verstünde es sich ganz von selbst, und tat es mit großer Gewandtheit.
»Wir wollten dich gerade aufsuchen, Onkel Jasper,« sagte sie lächelnd. »Du ersparst uns den Weg nach dem Hause. Du hast mich von Herrn Leath reden hören, glaube ich? Wir trafen uns vorige Woche im Bungalow. Er ist so freundlich, dir einen Brief von Herrn Sherriff zu überbringen.«
»So?« fragte Sir Jasper. Noch immer war seine Stirn leicht gerunzelt, aber er blickte Leath an, und sein Ausdruck hellte sich auf.
»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.Gestatten Sie mir, Ihnen den Brief abzunehmen, dessen Besorgung Sie so freundlich übernommen haben,« sprach er.
Leath überreichte ihm mit einer Verbeugung das Schreiben, das der Baron mit einem Wort der Entschuldigung erbrach, las und in die Tasche steckte; dann fragte er den jungen Mann, ob er ihn damit behelligen dürfe, Herrn Sherriff eine Antwort mitzunehmen, was dieser freundlich bejahte.
»Vielen Dank — ich bin Ihnen sehr verbunden. Aber mittlerweile ist die Zeit des zweiten Frühstücks gekommen, und ich hoffe, Sie erzeigen mir die Ehre, es mit uns einzunehmen. Es wird mir eine Freude sein, Sie meiner Frau vorzustellen.«
Leath nahm dankend an.
Cis riß hinter dem Rücken ihres Vaters ihre blauen Augen auf, so weit sie nur konnte, und kniff ihrer Cousine heftig in den Arm — beides sollte ihre grenzenlose Überraschung ausdrücken. Was war nur über Sir Jasper gekommen, daß er sich so liebenswürdig zeigte wie noch nie? dachte seine Tochter.
Florence, die den Blick durch ein drolliges Emporziehen der Augenbrauen beantwortete, behielt ihre eigene Verwunderung — nicht über Sir Jaspers Freundlichkeit, sondern über die Gelassenheit und Gewandtheit, mit der Leath die Einladung aufnahm — für sich. Er hatte keine Spur der Befangenheit und Verlegenheit verraten, die er ihr gegenüber anfangs im Bungalow gezeigt. Sie ging Arm in Arm mit Cis weiter, eine Regung des Interesses und der Belustigungempfindend, sehr ernst und schweigsam, — etwas äußerst Seltenes bei Gräfin Florence.
Aber wenn sie auch mit ihrer gewandten irischen Zunge nicht plauderte, so gebrauchte sie doch ihre großen, glänzenden irischen Augen und wunderte sich, auf einmal das ungewohnte Lächeln aus dem Antlitz ihres Vormundes entschwinden, seine Stirn sich furchen, seine Lippen sich fest aufeinanderpressen und seine Augen verstohlene Seitenblicke auf seinen Gefährten werfen zu sehen. War seine liebenswürdige Anwandlung schon vorüber? Es sah fast so aus. Oder hatte ihn etwas geärgert? So sah es noch mehr aus. Und dennoch, was konnte das gewesen sein? Weder sie noch Cis hatten gesprochen, und Leath hatte nur Sir Jaspers Fragen über die mutmaßliche Dauer seines Aufenthaltes in St. Mellions und Ähnliches beantwortet, und doch sah er ihn mit dem sonderbaren, zornigen, verstohlenen Blicke an. Und auch schweigsam war er geworden. Als er gleich darauf wieder zu sprechen anhub, wandte er hastig die Augen ab; sie fand, daß seine Stimme nie so scharf geklungen wie jetzt.
»Habe ich recht verstanden — Sie kommen aus Australien, Herr Leath?«
»Ja, Sir Jasper. Vor acht Wochen habe ich mich eingeschifft.«
»Darf ich fragen, wo?«
»In Sydney. Aber ich habe in Queensland gelebt.«
»Ihr ganzes Leben lang?«
»Ja.«
»Sie sind früher noch nie in England gewesen?«
»Niemals.«
»Haben Sie die Absicht, sich in England niederzulassen?«
»Augenblicklich habe ich noch keinen bestimmten Entschluß gefaßt. Aber mich fesselt nichts an Australien, und es ist möglich, daß ich es tue.«
»Nichts? Sie wollen damit sagen, daß Sie keine Eltern haben?«
»Ja. Ich habe weder Vater noch Mutter. Während der letzten acht Jahre — seitdem ich zweiundzwanzig Jahre alt bin — habe ich ganz allein in der Welt gestanden.«
»Sie haben keine Verwandten in England?«
»Ich habe sie, soweit ich sie kenne, in keinem Lande der Welt.«
Die Fragen waren in einem herrischen, brüsken Ton gestellt worden, der beinahe ungezogen war; aber Leath hatte mit unverwüstlicher Gelassenheit bereitwillig und deutlich geantwortet, während er ernst vor sich hinblickte. Sie langten am Hause an. Sir Jasper hatte sein Schweigen nicht wieder gebrochen, noch Leath wieder angeblickt.
Lady Agathe, der so plötzlich zugemutet wurde, die liebenswürdige Wirtin einem jungen Manne gegenüber zu spielen, von dem sie außer der Geschichte mit Florences Höhle nie etwas gehört hatte, war freundlich und würde noch freundlicher gewesen sein, wäre sie über die Empfindungen ihres Mannes im klaren gewesen. Chichester, der in Turret Court frühstückte, wie er seit seiner Verlobung oft getan hatte, warvon angemessener Höflichkeit. Bei Tische saß er natürlich neben seiner Braut, und Cis — ganz und gar nicht gegen ihren Willen, denn in Harrys Abwesenheit war ihr fast jeder Mann lieber als keiner — fiel das Amt zu, den Fremden zu unterhalten. Sie, Jasper und seine Frau saßen einander gegenüber, und Roys Stuhl blieb leer — er war nach Market Beverley geritten.
Aber mit dem besten Willen fand Cis ihre Aufgabe nicht leicht. Es mochte daran liegen, daß ihr Nachbar nicht auf ihre Fragen einging, oder daß die allgemeine Atmosphäre etwas Bedrückendes hatte. Außer ihr machte allerdings keiner irgendwelche Anstrengungen, ein Gespräch in Gang zu bringen. Florences sonst so beredte Zunge hatte wenig zu sagen. Sie blickte verwundert und fragend zu ihrem Vormund hinüber; sie antwortete ihrem Verlobten, aber mehr tat sie nicht und wandte sich nicht ein einziges Mal direkt an Everard Leath.
»Es ist zu abscheulich von Florence,« dachte Cis und warf vorwurfsvolle Blicke über den Tisch. Weshalb sprach sie nicht — sie, die immer jedermann amüsieren konnte, wenn sie wollte? — Die Pause, die nach ihrer letzten Bemerkung und Leaths Antwort eingetreten war, hatte schon beklemmend lange gedauert. Veranlaßt durch die Richtung, die die Blicke ihres Gefährten nahmen, fragte sie schließlich:
»Sie haben Herrn Chichester doch schon getroffen, glaube ich, Herr Leath?«
»Nein — aber ich habe von ihm gehört. Ihm gehören die Chichester Arms, nicht wahr?«
»Freilich, ihm gehört ein großer Teil von St. Mellions — mehr als uns,« sprach Cis. »Sein Besitz Highmount ist wirklich wundervoll. Manche finden ihn schöner als Turret Court, aber die Ansicht teile ich nicht. Haben Sie den Park und das Schloß schon gesehen?«
»Nur von der Chaussee aus.«
Leath blickte wieder über den Tisch hinüber. Chichester sprach gerade mit Florence, die zu ihm aufschaute.
»Herr Chichester ist nicht verheiratet, nicht wahr?«
»Gewiß nicht! Wissen Sie denn nicht —« Cis brach ab, dunkelrot im Gesicht, und verriet, was sie angefangen auszusprechen, so unbeholfen durch ihr schuldbewußtes Aussehen, daß er sie sofort verstand. Einen Augenblick zog sich seine Stirn in Falten, dann sprach er mit einer kühnen Gelassenheit, die seine Gefährtin verblüffend fand, wenn sie auch erleichtert aufatmete:
»Das wußte ich allerdings nicht, Fräulein Mortlake. Verzeihen Sie mir die Frage — ist Gräfin Esmonds Verlobung augenblicklich noch ein Geheimnis?«
»Nein, nein!« sagte Cis hastig, »das nicht! Nichts der Art! Wir alle wissen es, aber sie soll noch nicht veröffentlicht werden, ehe die Herzogin — die Patin meiner Cousine und ihr zweiter Vormund — davon in Kenntnis gesetzt ist und ihre Einwilligung gegeben hat.«
»Soll Gräfin Florences Verlobung auch vor Herrn Sherriff geheimgehalten werden?«
»Vor Herrn Sherriff? Hat sie es ihm nicht erzählt?Sie hält so viel von ihm, daß ich glaubte, er sei einer der ersten, dem sie es mitgeteilt. Sind Sie sicher, daß er es nicht weiß?«
»Ganz sicher.«
»Das ist sonderbar!« Cis zog die Stirn kraus. »Das sieht ihr gar nicht ähnlich! Bitte, erwähnen Sie lieber nichts davon gegen ihn, Herr Leath — es könnte ihr unangenehm sein. Die Sache mag wohl so zusammenhängen, daß sie glaubt, daß Herr Sherriff sich nicht darüber freuen würde. Und das glaub’ ich auch. Sehen Sie, Herr Sherriff hat sie so lieb, daß er keinen für gut genug für sie hält.«
Leath verneigte sich ernst. Noch einmal wieder richteten sich seine Augen quer über den Tisch hinüber auf das ruhige, schöne Gesicht des Mannes, das sich ein wenig zu dem kastanienbraunen Mädchenkopfe hinabbeugte, — nur ein wenig mit artiger Höflichkeit, — nicht mehr vielleicht, als er sich eben zu Cis hinuntergebeugt hatte. Der ihr Bräutigam? Er sah aus, als wäre er schon seit zehn Jahren ihr Gatte, so gleichgültig war er.
Cis empfand das Schweigen aufs neue als unbehaglich, und nachdem sie abermals ohne Erfolg zu ihrer Cousine hinübertelegraphiert hatte, begann sie einige Fragen über Australien zu stellen, an die sie, durch eine Antwort ermutigt, weitere anreihte, so daß endlich ein Gespräch zwischen ihr und ihrem Tischnachbar in Gang kam, und was er ihr erzählte, war wirklich amüsant und neu für sie.
»Ich glaube, ich selbst möchte gern einmal nach Australien,« meinte sie. »Man macht sich erst eineVorstellung von einem Orte, wenn jemand redet, der dort gewesen ist, und der einzige außer Ihnen, den ich kenne, ist Lord Carmichael, und der spricht nie davon.«
»Lord Carmichael?« Leath blickte schnell auf. »Darf ich fragen, wer das ist, Fräulein Mortlake?«
»Wie dumm von mir, — ich dachte, das wüßten Sie! Es ist Harrys — Herrn Wentworths Vater.« Sie errötete leicht, als ihr der Name entschlüpfte und sie sich hastig verbesserte, aber sie hatte aus einer seiner Äußerungen entnommen, daß ihr Tischnachbar um ihre Verlobung wisse.
»Er ist einmal in Australien gewesen, aber es kann ihm dort nicht sehr gefallen haben, denn er spricht, wie gesagt, nie davon. Ich hatte in der Tat keine Ahnung davon, bis Har— Herr Wentworth es mir erzählte.«
»Wann war er drüben? Kürzlich?« fragte Leath rasch.
»Ach nein! Vor vielen Jahren. Ehe er verheiratet war.«
»Vor dreißig Jahren vielleicht?« fragte Leath wieder und blickte sie unverwandt an.
»Ja — das mag schon sein! Sein Sohn ist fünfundzwanzig, also muß es ungefähr so lange her sein.«
Lady Agathe machte ihrer Tochter und ihrer Nichte das übliche Zeichen und stand auf. Es blieb keine Zeit zu einer Antwort.
Leath verabschiedete sich sofort, da die Antwort für Herrn Sherriff ihm schon gegeben worden. Seine Wirtin entließ ihn mit einem Händedruck und einemfreundlichen Worte; der Hausherr machte ihm die kälteste und förmlichste Verbeugung.
Was war aus Sir Jaspers überraschender Herzlichkeit geworden? Cis blickte wieder mit drolligem Ausdruck zu ihrer Cousine empor, als die beiden Mädchen zusammen am Fenster standen. Lady Agathe hatte mit Chichester, den eine Verabredung mit seinem Verwalter nach Highmount zurückrief, das Zimmer verlassen, und der Baron saß stumm und regungslos vor sich hinbrütend an seinem Platze.
»Nun, ich muß gestehen, ich weiß nicht, weshalb du ihn unausstehlich nennst, Florence,« gähnte Cis, »ich muß freilich zugeben, daß es nicht leicht ist, sich mit ihm zu unterhalten, und du wolltest mir nicht helfen, obgleich ich dich absichtlich immer anblickte. Es war zu schlecht von dir.«
»Unsere Aufgaben waren geteilt,« gab Florence trocken zurück. »Chichesters Unterhaltungsgabe war auch nicht gerade glänzend.«
»Apropos, Florence, ich finde, du hättest Herrn Sherriff deine Verlobung mitteilen müssen. Er hält so viel von dir!«
»Herrn Sherriff? Woher weißt du, daß ich das nicht getan habe?« fragte Florence rasch.
»Herr Leath sagte es mir, liebes Herz. Es entschlüpfte mir ihm gegenüber, daß du verlobt seiest. Er sagte, er wisse bestimmt, daß Herr Sherriff nichts davon wüßte.«
»Was vermutlich heißt, daß sie über mich gesprochen. Das sieht der Unverschämtheit des einen von ihnen wenigstens ganz ähnlich.«
Florence trommelte ungeduldig auf der Fensterscheibe, dann lachte sie. »Bah,« sagte sie dann in leichtem Tone, »es tut nichts, liebste Cis, daß du es Herrn Leath gesagt hast; er kann meinetwegen Herrn Sherriff gern aufklären, meinetwegen kann jedermann es erfahren.«
Sie trommelte weiter, mit zusammengezogener Stirn. »Cis!«
»Ja, Liebste?«
»Ist es dir nicht aufgefallen, daß er jemand furchtbar ähnlich sieht?«
»Herr Leath? Nein — ich habe keine Ähnlichkeit gesehen.«
»Ich aber —« sagte Florence langsam, als suche sie sich zu vergegenwärtigen, in welchem Zuge die Ähnlichkeit läge, »ich sehe es immer; schon am Tage des Gewitters fiel es mir auf, Cis, und ich habe seitdem immer darüber nachgedacht. Wem von meinen Bekannten er ähnlich sieht, und worin die Ähnlichkeit liegt, weiß ich nicht, aber ich weiß, daß sie da ist.«
»Was sagst du da?«
Cis stieß einen leisen Schrei aus. Sie war an ihres Vaters scharfe, herrische Stimme gewöhnt, nicht an die Wut, die jetzt aus seiner Stimme klang. Er hatte sich erhoben und stand vornübergebeugt da, die gespreizten Hände schwer auf den Tisch gestützt. Sein blasses, zorniges Gesicht paßte zu seiner Stimme.
Florence, die seine Schroffheit übelnahm, antwortete mit hochmütiger Gelassenheit:
»Ich war es, Onkel Jasper, die sprach. Ich sagte,daß Herr Leath irgend jemand außerordentlich ähnlich sähe, und es will mir nicht einfallen, wem.«
»Du siehst es? Wie kannst du es sehen? Wie ist es möglich? Was kannst du wissen?« Er brach nach diesen schnell und rauh hervorgestoßenen Worten jäh ab und ließ auch die ungestüm erhobene Hand sinken.
»Du sprichst Unsinn, Florence,« sagte er finster. »Unsinn! Hüte deine Zunge besser. An dem Menschen hast du keine Ähnlichkeit zu sehen, und ich rate dir, von dem Manne überhaupt so wenig wie möglich zu sehen. Er hat nichts mit uns zu schaffen, er ist ein Abenteurer, soviel wir wissen. Es war verkehrt von mir, ihn heute hierher einzuladen. Ich werde das nicht wieder tun, und du auch nicht. Und wenn du klug bist, so laß es mich nicht wieder hören, daß du so törichte Reden führst.«
Er ging aus dem Zimmer. Die Tür fiel dröhnend hinter ihm ins Schloß. Cis war sprachlos.
»Florence, was kann über ihn gekommen sein? Und so zu dir zu reden!«
Gräfin Florence sagte nichts. Ihre Stirn war gerunzelt, ihre Augen weit geöffnet; sie hatte keine Antwort bereit.
Sherriff war über einem seinem Lieblingsschriftsteller fast eingeschlafen, als er durch Everard Leath, der durch die Veranda eintrat, aufgeweckt wurde. Die Worte freudiger Begrüßung, die er auf der Zunge hatte, erstarben bei einem Blick auf den jungen Mann,mit dem eine seltsame Veränderung vorgegangen war. Seine Augen glänzten, sein Gesicht war gerötet, der gelassene Ausdruck verschwunden und einer sonderbaren frohlockenden Erregung gewichen. Leath legte dem Alten, der ihn verwundert ansah, die Hand auf die Schulter.
»Heute morgen fragten Sie mich, ob ich in St. Mellions bleiben würde.«
»Ja.«
»Ich sagte Ihnen, es sei noch unentschieden, ich würde aber wahrscheinlich fortgehen. Ich bin indes anderen Sinnes, — ganz anderen Sinnes geworden, — und mein Entschluß ist gefaßt. Ich bleibe hier.«