7.
Ein paar Tage waren verstrichen, langsam dahingeschlichen, denn die Hitze hatte noch zugenommen, und sogar in den kühlen, großen, luftigen Räumen von Turret Court empfanden alle sie als sehr lästig.
Lady Agathe, ihre Kinder — Roy in einem weißleinenen Anzuge, in dem er noch länger als sonst aussah — und Florence saßen vor den Fenstern des getäfelten Zimmers unter zwei alten Platanen auf dem Rasen, wohin auf Florences Vorschlag der Teetisch gebracht worden. Es war dort entschieden kühler als drinnen, und die weißgekleideten Mädchengestalten, die sich licht von dem grünen Hintergrund abhoben, boten ein hübsches Bild. Roy hatte sich aus Kissen und Decken ein Lager zurechtgemacht.
Chichester, der wie immer kühl, gelassen und vornehm aussah, erschien gerade, als die ersten Tassen eingeschenkt wurden.
»Wünschest du Tee, Talbot, oder ziehst du ein Glas Bischof vor?« fragte ihn Florence.
Sie sowohl, wie ihr Verlobter hatten nach Pontresina an die Herzogin geschrieben und beide äußerst befriedigende und herzliche Antworten erhalten. Jetzt, wo Ihre Durchlaucht ihre förmliche Einwilligung zu ihrer Verlobung gegeben, war niemand mehr in Rippondale,der nicht wußte, daß Gräfin Florence Esmond als Herrin in Highmount einziehen würde.
Chichester entschied sich für Tee und nahm die Tasse, die Florence ihm reichte. Er hatte Lady Agathe schon seine Verbeugung gemacht und Cis die Hand geschüttelt, die nie einen Versuch machte, eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen — im stillen hielt sie ihn in der Beziehung noch schlimmer als ›den Menschen Leath‹, was sehr viel sagen wollte.
»Ich bin nicht gekommen, um zu bleiben,« sagte er dann, »ich speise heute bei dem Bischof. Ich muß heimfahren, sobald ich Sir Jasper gesprochen habe.«
»O, es ist ein geschäftlicher Besuch?« meinte das junge Mädchen lächelnd, »ich hätte dich also mit meinem frivolen Tee gar nicht aufhalten sollen. Mein Onkel ist in der Bibliothek, oder sollen wir ihm sagen lassen, daß du hier bist? Sir Jasper war sehr verstimmt beim Frühstück, Tante Agathe, — er sitzt zu viel allein — ich will ihn bitten lassen, zu uns zu kommen.«
Sie erteilte dem Bedienten, der gerade eine Schale mit Früchten brachte, die nötige Anweisung, und ein paar Minuten darauf erschien der Hausherr. Er hatte die Aufforderung augenscheinlich ziemlich liebenswürdig aufgenommen. Die geschäftliche Besprechung mit Chichester wurde rasch erledigt, während er den Tee trank, den Florence ihm gereicht hatte. Er kehrte aber nicht ins Haus zurück, wie Cis im stillen gehofft, sondern lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schien aufgelegt, sich zu unterhalten. Roy gähnte ganz unverhohlen;er hatte nicht solche Furcht vor seinem Vater, wie die schüchterne kleine Cis, und sagte:
»Das ist eine Hitze heute, wie ich nie etwas Ähnliches erlebt habe! Ich fragte heute morgen Leath, ob es in Queensland noch heißer wäre, und er sagte, dies wäre noch eine kühle Temperatur dagegen. Kühl! Du meine Güte!«
»Was heißt das?« Sir Jasper brach mitten im Satz ab und drehte sich schnell nach seinem Sohn und Erben um. »Von wem sprichst du?« fragte er streng.
Roy, der ob dieser unerwarteten Unterbrechung sehr verwundert war, antwortete:
»Von dem Menschen aus Australien, Everard Leath. Doch du mußt ihn ja kennen, er hat hier vorige Woche gefrühstückt, wie mir Cis erzählt hat.«
»Laß deine Schwester gefälligst aus dem Spiel und antworte mir. Wo hast du ihn getroffen?«
»Wo—o, ein paarmal bei dem alten Sherriff — und bei Mutter Buckstone — und sonst im Orte. Er ist ein netter Mensch, den ich gern leiden mag. Warum, Vater?«
»Weil ich wünsche, daß du diese Bekanntschaft abbrichst,« antwortete Sir Jasper in demselben schroffen Tone. »Der Mensch ist für uns ein Fremder — laß ihn das auch bleiben! Wenn Sherriff sich lächerlich machen will, so mag er es tun. Bitte, ich wünsche ihn nicht wieder von dir genannt zu hören, und damit basta!«
Es war vielleicht gut, daß der Baron das Thema fallen ließ, denn Roys Achselzucken und Grimasse verhießen nur geringe Fügsamkeit. Die Familie Mortlakeauf Turret Court war immer ein halsstarriges Geschlecht gewesen, und Roy besaß eine gute Portion ihres angeborenen Eigensinns. Er erhob sich langsam aus seiner bequemen Stellung und forderte Cis auf, mit ihm durch den Garten zu gehen. Die Geschwister schlenderten davon, und Lady Agathe, die sich ebenfalls in der Nähe ihres Gatten nicht behaglich fühlen mochte, folgte ihnen bald.
Chichester hatte seit dem letzten Heftigkeitsausbruch des Hausherrn mit gerunzelter Stirn dagesessen. Jetzt hub er an:
»Entschuldigen Sie — darf ich fragen, ob Sie irgend etwas von diesem Leath wissen, Mortlake?«
»Nichts — gar nichts, was sollte ich wissen? Was meinen Sie?«
»Ich glaubte, daß Sie etwas Nachteiliges von ihm wüßten; da Sie so dagegen sind, daß Roy sich mit ihm abgibt, so könnten Sie möglicherweise einen besonderen Grund dafür haben.«
»Allerdings habe ich etwas dagegen, daß mein Sohn in seinem Alter einen freundschaftlichen oder gar intimen Verkehr mit einem Menschen anfängt, den ich nicht kenne. Das ist doch ganz begreiflich.«
»Sehr begreiflich, ich bestreite das nicht,« erwiderte Chichester mit gewohntem Gleichmut. »Ich meinte nur, daß — ich habe ihm gerade heute Lychet Hut — Sie kennen doch das kleine Haus? — vermietet, und wenn Sie wirklich etwas gegen ihn haben, so erführe ich es gern.«
»Sie haben ihm Lychet Hut überlassen — ihn als Mieter genommen?« fragte der Baron ungläubig.
»Ja, er hat es auf ein halbes Jahr gemietet.«
»Ist es fest abgemacht?«
»Heute morgen ist es abgemacht worden. Er hat die halbe Miete im voraus bezahlt.«
»Und Sie sind verpflichtet, ihn zu behalten? Sie können ihn nicht an die Luft setzen?«
»Weshalb? Weil Sie ihn nicht kennen, nicht wissen, wer er ist?«
»Freilich. Aber in einem solchen Falle genügt es, wenn ein Mieter die Miete im voraus zahlt. Es steht nicht in meiner Macht, die Sache rückgängig zu machen, selbst wenn ich es wünschte. Herr Sherriff —«
»Gut, genug davon! Geschehene Dinge sind nicht zu ändern. Wenn Sie es in der Zukunft bedauern sollten, so denken Sie daran, daß ich Sie gewarnt und Ihnen geraten habe, sich den Menschen vom Halse zu schaffen, solange es noch anging. Sherriff? Sherriff ist ein alter Narr!«
Er stand von seinem Stuhle auf. Gräfin Florence und ihr Verlobter blieben allein und sahen ihm nach, wie er rasch dem Hause zuschritt, und blickten dann einander an. Es lag Verwunderung auf beiden Gesichtern — ratlose Bestürzung auf dem des Mannes — lebhaftes Staunen auf dem des Mädchens.
Florence brach in Lachen aus und zuckte die Achseln; ihre Brauen waren hoch emporgezogen.
»Der Tee hat augenscheinlich keinen beschwichtigenden Einfluß auf ihn gehabt,« meinte sie, und setzte dann hinzu. »Wie er den Menschen haßt!«
»Leath? Ja, es scheint so. Du weißt nicht, weshalb?«
»Ich? Keinen Schimmer! Weshalb hassen oder lieben wir die meisten Leute?«
Chichester umging die Antwort und stellte statt dessen eine höfliche Frage:
»Hoffentlich mißbilligst du es nicht, daß ich ihm Lychet Hut vermietet habe?«
»Durchaus nicht, obgleich ich mich über seinen Geschmack, es zu mieten, wundere. Es ist fast verfallen, nicht wahr?«
»Ganz so schlimm nicht, aber das Haus bedarf einiger Ausbesserung. Ich habe schon alles Nötige angeordnet.«
»Du bist das Ideal eines Hauswirts!«
Das war er wirklich und verdiente das Kompliment.
»Er wird es schrecklich einsam dort finden.«
»Das sagte ich ihm auch, aber er antwortete, daß er an Einsamkeit gewöhnt sei und eigentlich eine Vorliebe dafür habe.«
»Das glaube ich gern. Wie eigentümlich, daß er den Wunsch hat, hier zu bleiben,« sagte sie, die Stirn in Falten ziehend.
»Er sagte mir, er würde wahrscheinlich nur drei Monate, möglicherweise nicht einmal so lange bleiben. Es tut mir leid, daß Sir Jasper böse darüber ist.«
»Er war furchtbar schroff und verdrießlich, nicht wahr? Und wie er den armen Roy anfuhr! — Es war ordentlich eine Szene!« Sie lachte schelmisch.
»Und eigentlich bin ich doch an allem schuld.«
»Du?«
»Gewiß. Hätte ich ihn neulich nicht in meine Höhle geladen, so wäre er vielleicht ertrunken!«
Chichester zog die Brauen leicht zusammen. Er wurde nicht gern an das ›Höhlenabenteuer‹ seiner Braut erinnert, obwohl er zu gerecht war, um Leath den Vorfall entgelten zu lassen. Dennoch wäre es ihm lieber gewesen, wenn die Anspielung unterblieben. Das wußte Florence, deren wunderschöne, schalkhafte Augen unter den gesenkten Wimpern übermütig blitzten, sehr wohl. In der letzten Zeit war ihr mitunter der Gedanke gekommen, daß sie ihren phlegmatischen Verlobten eifersüchtig machen möchte. Aber sie würde es unter ihrer Würde gehalten haben, irgend etwas zu tun oder zu sagen, was ihm Grund zur Eifersucht gegeben hätte.
Cis und Roy, die aus der Ferne gesehen, daß ihr Vater von der Bildfläche verschwunden, kamen wieder herzu.
»Was mag Papa verstimmt haben?« fragte Cis.
»Ich weiß es wahrlich nicht!«
Florence war aufgestanden; es klang etwas wie Ungeduld aus ihrer Stimme. Schlank und aufrecht stand sie in ihrem schlichten weißen Kleide da und nestelte an den mattgelben Rosen an ihrer Brust. »Er mag Herrn Leath nicht leiden,« sagte sie lässig. »Das ist wohl der Grund.«
»Ebenso wie du,« meinte Cis in aller Unschuld und ahnte nicht, daß sie Chichester eine Tatsache verriet, die ihre Cousine ihn nicht hatte erfahren lassen wollen. »Weißt du noch, wie böse Papa wurde, als du sagtest, er sehe irgend jemand ähnlich?«
»Ja,« antwortete Florence kurz.
»Sehe jemand ähnlich?« wiederholte Chichester fragend.
»Florence behauptete es. Ich selbst konnte keine Ähnlichkeit sehen. Zuerst war Papa sehr liebenswürdig gegen ihn, und Roy hat ihn sehr gern, nicht wahr, Schatz?«
»Das will ich meinen — viel lieber als die meisten, mit denen ich sonst verkehre. Lassen Sie sich durch meinen Alten nicht gegen ihn einnehmen, Chichester! Er erzählte mir heute morgen, daß er Lychet Hut gemietet hätte. Er ist ein famoser Kerl! Und dabei fällt mir ein,« setzte Roy mit einem Lachen und einem Blick auf seine Schwester hinzu, »es lag ihm sehr viel daran, zu erfahren, wann Harry zurückkäme. Er kennt ihn nicht, nicht wahr?«
»Nein,« gab Cis schnell zur Antwort.
»Das dachte ich mir schon. Trotzdem wollte er es wissen — schien sehr erpicht darauf. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, muß ich sagen, daß er mich gehörig über Arborfield ausgepumpt hat. Wunderlich — nicht wahr?«
»Wunderlich? Ich nenne es unverschämt!« rief Cis und warf den goldblonden Kopf empört in den Nacken.