8.
Harry war wieder daheim und Cis selig, denn für sie war die Welt voll Sonnenschein.
Sie standen nach dem ersten Frühstück zusammen auf dem Flur — Harry hatte in Turret Court übernachtet, nachdem er in Arborfield über sich und seine Erlebnisse Bericht erstattet hatte — und überlegten, wie sie den Morgen verbringen wollten.
Cis, die in ihrem mattblauen Kleide mit ihren rosigen Wangen und dem goldblonden Köpfchen wie ein Nippfigürchen aussah, erklärte, daß sie weder Lawn-Tennis spielen noch ausfahren noch unter den Platanen vorlesen wolle, und die Frage war noch unentschieden, als Florence die breite Treppe herabkam. Sie trug ein hellgraues Leinenkleid mit roten Bandschleifen und leuchtendrote Rosen auf ihrem großen, weißen Schutzhute, unter dem ihr liebliches Antlitz wie eine taufrische Blume hervorschaute.
»Wohin gehst du, Florence?« fragte Cis.
»Ich denke, hinaus auf die Halde. Mich verlangt nach der See; ich muß sie sehen und rauschen hören. Deshalb werde ich mir ein nettes Plätzchen aussuchen — vielleicht meine Höhle — und dort bleiben, bis ich hungrig werde. Ängstige dich daher nicht, wenn ich nicht zum zweiten Frühstück erscheine. Komm mit,Tramp,« wandte sie sich an den zottigen Hund, der ihr besonderer Liebling und nie fern von ihr war. Er war ihr vor zwei Jahren an einem bitterkalten Wintertage in London halb verhungert und ganz verwahrlost bis an ihre Wohnung nachgelaufen und hatte seitdem ein herrliches Leben geführt, obwohl Roy verächtlich erklärte, das Vieh sei nicht wert, ertränkt zu werden.
Cis machte Harry den Vorschlag, sich ihr anzuschließen, und Florence erhob keinen Widerspruch; sie war daran gewöhnt, bei dem Brautpaar die Dritte im Bunde abzugeben, und empfand diese Situation niemals als peinlich.
Bücher und Sonnenschirme wurden geholt, und die drei wanderten seewärts. Auf den grasbewachsenen, mit Ginstergestrüpp bedeckten Klippen gab es lauschige Plätzchen genug, und sie machten es sich bald bequem. Die beiden Mädchen setzten sich nieder; der Hund drängte sich dicht an Florence, und Harry streckte sich zu Cis’ Füßen hin. Florence lächelte, als sie das sah, und lächelte noch mehr, als eine kleine rosige Hand anfing, mit seinem dunklen Haar zu spielen und liebkosend darüber hinzustreichen. Sich Chichester in ähnlicher Stellung zu vergegenwärtigen, wäre komisch gewesen. Das junge Mädchen seufzte, während sie auf das weite blaue Meer hinausblickte, und fragte sich wieder: »Warum habe ich es nur getan?«
Das Schweigen dauerte nicht lange, denn als Harry seine Zigarre ausgeraucht hatte, nahm er Cis ohne Umstände ihr Buch weg und begann zu plaudern. Er konnte, wenn er wollte, entschieden ein sehr unterhaltenderGesellschafter sein; Florence ließ ebenfalls ihr Buch sinken, und Cis hörte ihm mit Entzücken und Bewunderung zu. Er erzählte von London, das sie, zu ihrem großen Bedauern, sehr wenig kannte, und sie meinte mit einem leisen Seufzer:
»Wie gern ginge ich einmal hin, und Roy ebenfalls!«
»Roy? Wie schade, daß er nicht mit hingereist ist! Ich wollte, ich hätte daran gedacht, ihm den Vorschlag zu machen. O, dabei fällt mir ein,« sprach Harry in verändertem Tone, »wer ist dieser Mensch eigentlich, der so erpicht darauf sein soll, mich zu sehen?«
»Welcher Mensch?« wiederholte Cis.
»Der Mensch, der Lychet Hut gemietet hat. Sie müssen ihn kennen, Florence, nicht wahr? Lychet Hut gehört Chichester.«
»Sie meinen Herrn Leath — Everard Leath.«
»Ja, so heißt er — ich konnte nicht auf den Namen kommen. Das ist ja der Mensch, den Sie damals beim Gewitter in Ihre Höhle aufgenommen — natürlich, jetzt weiß ich schon. Was in aller Welt kann er von mir wollen?«
»Ich habe keine Ahnung,« sagte Florence kalt. »Sagte Roy, daß er Sie zu sprechen wünschte?«
»Das gerade nicht! Aber er scheint sich verschiedentlich danach erkundigt zu haben, wann ich zurückkäme, und da ich ihn nie mit den Augen gesehen, noch je seinen Namen gehört habe, so ist das doch ziemlich wunderlich.«
Florence schwieg. Harry zündete sich eine zweiteZigarre an und meinte dann, daß es bei der Hitze kühler in Florences Höhle sein würde.
»Lassen Sie uns hingehen,« antwortete Florence lächelnd. »Es ist nicht weit. Das Gebüsch dort zur Rechten verbirgt den Eingang. Was sagst du dazu, Cis?«
Cis meinte freilich, daß sie das Hinabsteigen in das schreckliche Loch immer unheimlich fände und es nebenbei die Kleider verderbe.
»Ihr Zufluchtsort ist übrigens vor unbefugten Eindringlingen durch seine versteckte Lage ziemlich sicher, Florence. Finden Sie je dort auch nur ein verirrtes Kaninchen? Aber — wer — in des Kuckucks Namen —« Harry stieß die letzten Worte im Tone größter Verwunderung aus, und Cis entfuhr ein leiser Schrei, als sie beide das Gestrüpp anstarrten. Das Farnkraut und die Ginsterbüsche bewegten sich, raschelten und wurden beiseitegeschoben: ein Mann erschien in der Öffnung.
Bei seinem Anblick blitzten Gräfin Florences Augen, und ihre Wangen röteten sich vor Zorn.
»Es ist der Mensch, von dem Sie eben sprachen — Everard Leath,« sagte sie kurz, als Antwort auf Harrys Blick.
»So? Das nenne ich ziemlich unverfroren,« meinte er lachend, »haben Sie ihm freien Zutritt gewährt, Florence?«
»Unsinn! Seien Sie nicht abgeschmackt! Ich weiß nicht, was ihm einfällt. Lächerlich! Blicken Sie nicht hin, Harry; rauchen Sie ruhig weiter! Wir brauchen ihn nicht zu sehen.«
»Er hat uns schon gesehen!« sagte Cis kläglich. Sie hatte ganz recht. Everard Leaths blaue Augen waren ebenso weitsichtig wie scharf und glänzend, und er hatte die beiden schlanken Mädchengestalten in ihren blauen und grauen Kleidern sofort erkannt. Ein merkwürdiges Leuchten brach aus seinen Augen und wurde noch heller beim Anblick des jungen Mannes, der zu Cis’ Füßen ausgestreckt lag. Roy war es nicht — wer anders konnte es sein als ihr Verlobter? Er murmelte etwas zwischen den Zähnen und schritt, den Hut lüftend, auf die Gruppe zu. Wäre Florences schönes Antlitz noch dreimal so hochmütig und kalt gewesen, so würde ihn ihr Ausdruck nicht zurückgehalten haben. Er war entschlossen, sich die Gelegenheit, mit Harry Wentworth zu reden, nicht entgehen zu lassen.
Wenn Cis nicht gewesen, so hätte es peinlich für ihn sein können. In ihrer Überraschung über sein plötzliches Auftauchen vergaß sie ganz, daß sie eigentlich böse auf ihn war, und lachte munter, während sie seine Verbeugung erwiderte. Gräfin Florence hatte nur ein unsagbar hochmütiges, kaum merkbares Neigen des Kopfes für ihn.
»Was ist Ihnen eingefallen, Herr Leath, in das schreckliche Loch hinunterzuklettern! Ihr Geschmack ist ebenso wunderlich wie der Florences.«
Leath antwortete, daß er oft eine Zigarre in der Höhle rauche, die ihm am ersten Tage Schutz gewährt. Und als es ihm gelang, Florences grauen Augen, sehr gegen den Willen ihrer Besitzerin, zu begegnen, setzte er hinzu:
»Da ich mich Ihnen dort nie aufgedrängt habe, Gräfin, so darf ich hoffentlich auf Ihre Verzeihung rechnen, daß ich unaufgefordert Ihre Höhle betreten habe?«
Florence entgegnete kalt, daß sie kein Anrecht auf ein Loch in den Klippen besäße, und daß nur ihre Cousine aus Unsinn es ›ihre‹ Höhle nenne.
Cis wunderte sich im stillen, weshalb Florence so verstimmt sei; der unglückliche Mann hatte doch nichts getan, um solche Behandlung zu verdienen, und sie wurde infolge dieser Erwägung noch liebenswürdiger gegen Leath, den sie dann Wentworth vorstellte. Harry war um seiner kleinen Braut willen herzlich und freundlich, und so geschah es, daß Leath in zwangloser Weise sich als Vierter zu der kleinen Gruppe oben auf der Klippe gesellte.
Cis rückte nach einer Weile von den beiden jungen Leuten fort, legte einen Arm um die Taille ihrer Cousine, die sich in ihr Buch vertieft hatte, und fragte sie:
»Es ist dir nicht unangenehm, daß er bleibt, nicht wahr, mein Herz?«
»Herr Leath?« Sie blickte auf, als habe sie sein Dasein überhaupt vergessen. »Die Klippen sind Gemeingut. Was kann es mir ausmachen?«
»Ich dachte, es wäre dir nicht lieb, weil Papa so böse über Herrn Leath war. Weißt du noch?«
»Dann erzähle ich ihm lieber nicht, daß wir ihn getroffen haben.«
»Natürlich nicht, und ich will auch Harry warnen. Wie lebhaft die beiden sich unterhalten!«
»Worüber reden sie denn?« fragte Florence.
»Ach, ich weiß nicht! Über Australien, glaube ich. Ich werde deinem Beispiel folgen und lesen. Die Geschichte ist sehr interessant.«
Cis schlug ihr Buch auf, und auch Florence las weiter. Sie hörten beide nicht auf die Unterhaltung der Herren.
Leath erzählte von seinem Leben in Australien, und Harry meinte, daß er ihn, so rauh und beschwerlich es auch oft gewesen sein möge, fast darum beneiden könnte. Er habe vor einigen Jahren, kurz nachdem er mündig geworden, selbst den Wunsch gehabt, auf einige Zeit hinauszugehen, aber sein Vater, der irgendein Vorurteil gegen Australien hege, habe sich seinem Vorhaben aufs entschiedenste widersetzt. Everard erkundigte sich, ob er nicht wisse, weshalb. Aber Harry verneinte und fragte, ob er schon erwähnt, daß sein Vater, Lord Carmichael, als junger Mensch selbst in Australien gewesen sei.
»Nein, aber ich habe davon gehört.«
»So? Ja — ich glaube, er war ungefähr ein Jahr drüben, als er in meinem Alter war, und zwar hauptsächlich in Ihrer Gegend, in Queensland — das weiß ich. Nun, ich weiß nichts Näheres und würde Ihnen auch, ehrlich gestanden, natürlich nichts darüber erzählen, wenn ich es wüßte, aber ich glaube, er ist dort in Unannehmlichkeiten verwickelt worden.«
»So?«
»Ja. Was es gewesen, weiß ich nicht, und wahrscheinlich war es nichts Besonderes — irgendein kleines Techtelmechtel, in das junge Leute sich einlassen,wenn ihnen der Wind erstmals um die Nase weht. Aber er ist ein Mensch, der nicht leicht vergißt, und da mag er sich wohl in den Kopf gesetzt haben, daß mir etwas Ähnliches passieren könnte. Jedenfalls erkläre ich es mir so, daß er mich nicht gehen lassen wollte, und er ist noch heutigentags gegen Australien eingenommen. Es überraschte mich sehr, zu hören, daß er überhaupt dort gewesen. Er hatte nie davon gesprochen.«
Harrys Zigarre war ausgegangen; er setzte sich aufrecht, um sie wieder anzuzünden.
Leath, der starr, mit finsterem Antlitz auf das Meer hinausblickte, sagte langsam:
»Es ist sonderbar, daß er niemals davon geredet hat. Darf ich fragen, ob es viele Jahre her ist, daß Lord Carmichael in Queensland war?«
»O, das ist eine Ewigkeit her. Vor meiner Zeit, als er noch unverheiratet war.«
»Dreißig Jahre oder mehr vielleicht?«
»Dreißig? Ach nein — so lange nicht. Achtundzwanzig ist das höchste.«
Harrys Zigarre brannte, und er stützte sich wieder auf den Ellbogen.
»Wissen Sie das gewiß?«
»Natürlich, ganz gewiß!«
Trotzdem er einige Verwunderung empfand, war der junge Wentworth zu gutmütig, um ungeduldig zu werden.
»Rechnen Sie selbst nach,« sagte er leichthin. »Ich bin fünfundzwanzig, und er war gerade ein Jahr verheiratet, als ich mich einstellte. Meine Mutterhat mir erzählt, daß er erst seit ein paar Monaten wieder in England war, als er sie kennen lernte, und sie heirateten, ehe ein halbes Jahr um war. Sie können achtundzwanzig Jahre herausrechnen, die verstrichen, seitdem er nach Australien ging, aber keinen Tag mehr, nicht dreißig oder annähernd soviel.«
»Falls Sie sich nicht irren, stimmt das, was Sie sagten.«
Leath sprach in ruhigem, hartem Tone.
»O, ich irre mich nicht! Im nächsten Monat werden es neunundzwanzig Jahre, daß er seinen Vater verlor, und damals war er in Arborfield. Nein — vor dreißig Jahren war er in England und niemals weiter als hinüber nach dem Kontinent gewesen. Was sagst du, Cis? Frühstückszeit? Ja, das mag schon sein. Ich bin bereit, wenn du es bist.«
Cis und Florence waren aufgestanden, und Harry erhob sich jetzt. Leichten Sinnes, wie er war, empfand er keine Neugier, weshalb er mit so sonderbarem Eifer ausgefragt worden, ja, er dachte gar nicht einmal darüber nach. Er verabschiedete sich mit einigen herzlichen Worten von Leath und versprach, seiner Einladung, ihn in Lychet Hut zu besuchen, sobald er dort eingezogen sei, Folge leisten zu wollen. Cis’ blaue Augen folgten Leaths hoher Gestalt mit fast gereiztem Ausdruck, als er erhobenen Hauptes schnell in der Richtung von St. Mellions dahinschritt.
»Welch ein wunderlicher Kauz er doch ist! Und wie albern, sich in deine Höhle zu setzen, Florence! Wenn es nicht zu lächerlich wäre, würde ich behaupten,daß er unverschämt genug ist, sich in dich zu verlieben, Liebling!«
Gräfin Florence antwortete nicht. Sie blickte Everard Leaths entschwindender Gestalt mit gerunzelten Brauen nach, einen bestürzten, forschenden Ausdruck in den grauen Augen. Sie hatte bemerkt, was Cis und ihrem Verlobten entgangen — die merkwürdige Veränderung in dem ernsten, gelassenen Gesicht des Australiers. Was hatte nur jenen zornigen, enttäuschten Ausdruck hervorgerufen? Sie wandte sich mit einer unschuldigen Bewegung ab, böse auf sich selbst, und doch seufzte sie. Es schien, als ob der Mensch sie immer beschäftigen, sie immer beunruhigen sollte.