Sehnsuchtsvolle Umschau.Dreizehntes Kapitel.Durch Kampf zum Sieg.
Sehnsuchtsvolle Umschau.
Sehnsuchtsvolle Umschau.
Sehnsuchtsvolle Umschau.
Abreise von Caballos und Freitags Vater. – Ankunft weißer Männer. – Ein englisches Schiff. – Vergebliche Furcht vor Seeräubern. – Die Gefangenen. – Die Befreiung derselben. – Bestrafung der Meuterer. – Die Meuterer werden in die Irre geführt, überfallen und gefangen. – Wiedergewinnung des Schiffes. – Der englische Gouverneur.
Abreise von Caballos und Freitags Vater. – Ankunft weißer Männer. – Ein englisches Schiff. – Vergebliche Furcht vor Seeräubern. – Die Gefangenen. – Die Befreiung derselben. – Bestrafung der Meuterer. – Die Meuterer werden in die Irre geführt, überfallen und gefangen. – Wiedergewinnung des Schiffes. – Der englische Gouverneur.
Es mochte wohl nach meiner ungefähren Schätzung, denn ich hatte die genaue Fortführung meines Pfahlkalenders vernachlässigt, im Monat Oktober des Jahres 1686 sein, als Don Caballos mit Freitags Vater nach dem Festlande von Amerika absegelte. Freitag war bei dem Abschiede von seinem Vater so betrübt, daß er Thränen vergoß. Auch ich selbst sah mit Rührung der kleinen Barke nach; und doch empfand ich eine innerliche hohe Freude, wenn ich bedachte, daß dies nach 27Jahrendie erste Veranstaltung war, die ich zu meiner Errettung aus meinem einsamen Insellande ins Werk gesetzt hatte und welche vielleicht einen günstigen Erfolg haben konnte. Alle meine Gedanken beschäftigten sich jetzt mit der nahen Abreise in die Heimat, tausend frohe Hoffnungen, aber auch manche Zweifel stiegen in mir auf. Welch ein Zeitraum, überreich an Erfahrungen, lag zwischen meinen Jünglingsjahren und der Gegenwart! Welche Veränderungen mochten unterdes in England vor sich gegangen sein! Wie mochten sich vor allem meine guten Eltern befinden, die mich gewiß längst als einen Toten beweinten?
Ich hatte jedem der beiden Reisenden eine Muskete nebst sieben oder acht Ladungen Pulver und Blei mitgegeben und ihnen zugleich geraten, recht sparsam und haushälterisch damit umzugehen. Außerdem waren sie mit so viel Brot und Rosinen ausgerüstet worden, daß sie nicht nur für sich, sondern auch für die zu Befreienden wohl auf acht Tage ausreichten. Um den Vertrag, dessen ich Erwähnung gethan, unterzeichnen zu lassen, gab ich dem Spanier ein Fläschchen mit Tinte und einigen Federn mit und verabredete das Signal, durch welches sie ihre Rückkehr schon von fern kundgeben sollten.
Acht Tage waren seit der Abreise des Spaniers und des alten Wilden verflossen, aber vergeblich harrten wir von Tag zu Tag der Rückkehr meiner Gesandten entgegen. Da weckte mich eines Morgens Freitag mit dem lauten, freudenvollen Rufe: »Herr, sie sind wiedergekommen, sie sind da!«
Sogleich sprang ich auf, warf meine Kleider über, und ohne ein Gewehr mitzunehmen, eilte ich dem Strande zu. Aber wie groß war meine Bestürzung, als ich aus dem Buschwäldchen trat, das meine Burg umgab, und, nach der See hinauslugend, eine Schaluppe erblickte, welche mit einem lateinischen Segel versehen war und mit frischem Winde gegen die Küste zusteuerte! Das war nicht unser Boot, kam auch nicht von Norden her, sondern von Südost; ich rief Freitag, der mir schon vorausgeeilt war, schnell zurück und befahl ihm, sich dicht neben mir im Wäldchen im Versteck zu halten, denn ich wußte nicht, ob die Leute, die da kamen, Freunde oder Feinde seien. Dann zogen wir uns vorsichtig in unsre Burg zurück, und ich bestieg dort sogleich mit einem Fernrohr meine Warte, um die Ankömmlinge zu beobachten.
Kaum hatte ich den Hügel erklommen, als ich in einer Entfernung von dritthalb Stunden gegen Südsüdost ein Schiff vor Anker liegen sah und ganz deutlich erkannte, daß Schiff und Schaluppeenglischewaren.
Unmöglich kann ich die Gefühle schildern, die sich meiner bemächtigten. Einmal war es unaussprechliche Freude, in den Fremden Landsleute, Engländer, Freunde zu begrüßen, dann aber verdrängten Zweifel und Besorgnisse den Jubel in meiner Brust. Was konnte wohl einenglischesFahrzeug in diesem Winkel der Erde, in diesen Gewässern suchen, in denen nie ein englischer Kauffahrer seine Wimpel blähte? Was führte die zweifelhaften Gäste hierher, da doch die Witterung anhaltend schön war und sie keine »Mütze voll Wind«, wie einst mich, an dieses Eiland getrieben haben konnte? Hier war höchste Vorsicht geboten, um nicht in die Gewalt von Räubern oderFreibeuternzu fallen. Nicht lange stand ich auf meinem Warteposten, als die Schaluppe sich dem Ufer näherte und dann auf den flachen Strand trieb. Die Mannschaft stieg aus, und ich erkannte in den Personen Engländer, acht mit Säbeln bewaffnet, drei aber ohne Waffen und gebunden. Letztere schienen in verzweifelter Lage zu sein, denn sie streckten die Hände flehend empor. Dieses Schauspiel setzte mich in große Verwirrung, und Freitag, der mir nachkam, raunte mir zu: »Sieh, Herr, diese englischen Männer essen Gefangene, ebenso wie meine Landsleute.«
»Wie, Freitag«, entgegnete ich, »glaubst du wirklich, daß sie so unmenschlich wären, ihre Gefangenen zu essen?«
»Ja, ja, Herr; o ich weiß, auch die Engländer essen ihre weißen Brüder.«
»Nicht doch, Freitag«, suchte ich ihn zu belehren; »wohl möglich, daß sie ihre Feinde dort töten werden, aber essen! – niemals! niemals!«
»Ist aber doch kein großer Unterschied, Herr!«
Ich überlegte, wie ich wohl am besten die Gefangenen zu befreien vermöchte, zumal ich in den Händen ihrer Peiniger Feuerwaffen nicht bemerkte. Die Engländer selbst gingen am Ufer auf und ab, ohne sich weiter um ihre Gefangenen zu kümmern. Obgleich nundiese hätten frei umherlaufen können, so waren sie doch zu sehr eingeschüchtert und setzten sich auf den Boden nieder. Ihre Lage erinnerte mich lebhaft an jenen Augenblick, wo ich selbst durch die Gewalt des Sturmes an diesen Strand geschleudert wurde, unter Aufbietung der letzten Kräfte die Felsen erkletterte und jeden Augenblick den Tod erwartete. Wie ich damals auf die Stunde der Befreiung kaum hoffen konnte, so saßen auch jetzt diese drei armen Unglücklichen an ödem Strande und ahnten nicht, wie nahe ihnen die Errettung bevorstünde.
Als die fremden Gäste an der Insel angelangt waren, hatte die Flut gerade ihre äußerste Höhe erreicht. Während sich nun die Seeleute auf der Insel sahen, war die Ebbe bereits eingetreten, und die Schaluppe lag gänzlich auf dem Trockenen. Ich gelangte alsbald zu der Überzeugung, daß wenigstens zehn Stunden vergehen müßten, ehe die Schaluppe wieder flott werden könne. Deshalb stieg ich von meinem Beobachtungsposten herunter und ging in meine trefflich verschanzte Burg. Da ich jedoch wußte, daß ich es jetzt mit einem viel gewandteren Feinde zu thun haben würde, als die Wilden waren, so lud ich mit Freitag sowohl die Kanonen als auch unsre übrigen Feuerwaffen.
Es mochte gegen 2 Uhr nachmittags geworden sein, die Hitze hatte eine erdrückende Höhe erreicht. Ich sah jetzt keinen der Seeleute mehr; sie hatten sich wahrscheinlich in den Wald zurückgezogen, um sich im Schatten der Bäume dem Schlafe zu überlassen. Nur die drei Gefangenen saßen noch in dem Schatten eines Baumes, ohne jedoch der Ruhe zu pflegen. Nur eine kleine Strecke von meinem Schlößchen lagernd, befanden sie sich gewissermaßen unter meinen Augen, dagegen gänzlich aus dem Gesichtskreise ihrer sorglosen Verfolger.
Dieser Augenblick schien mir geeignet, die Rettung der Gefangenen zu wagen und sie in Sicherheit zu bringen. Ich nahm zwei Flinten, ein Pistol und ein Seitengewehr und bewaffnete Freitag mit drei Musketen, einem Seitengewehr und einem Pistol.
Mein Aussehen flößte Furcht ein; man denke nur an meinen Anzug aus Ziegenfellen, die hohe Mütze und den langen Bart!Auch Freitag sah phantastisch und fürchterlich genug aus. In solchem Aufzuge nun und wohl bewehrt gingen wir ganz nahe bis zu den Fremden heran. Ohne von denselben bemerkt zu werden, rief ich ihnen auf spanisch zu: »Wer sind Sie, meine Herren?«
Sie fuhren erschrocken auf, schienen jedoch bei dem Anblick unsrer abenteuerlichen Erscheinung noch mehr überrascht zu sein; ja sie zeigten Lust, sich davonzumachen, bis ich ihnen zurief: »Fürchten Sie nichts von mir, Ihr Retter ist näher, als Sie glauben.«
Da zog einer von den Gefangenen den Hut ab und erwiderte sehr ernst: »So muß er uns geradeswegs vom Himmel gesandt sein, denn von Menschen erwarten wir keine Hilfe mehr.«
»Ich sah Ihre Not«, sagte ich. »Sie schienen Ihre rohen Begleiter anzuflehen, und ich bemerkte, wie einer derselben drohend seinen Säbel schwang. Sagen Sie mir, wie ich Sie erlösen kann!«
Der unglückliche Mann war außer sich vor Überraschung. »Sind Sie ein Mensch oder ein Bote des Himmels?« rief er.
»Ich bin ein Engländer, der bereit ist, Ihnen beizustehen. Wir sind zwar, wie Sie sehen, nur unser zwei, aber wir haben Waffen und Munition. Sagen Sie mir daher ohne Rückhalt, was für ein Ungemach Sie betroffen und was wir für Sie thun können.«
»Ich war Kapitän von jenem Schiffe, dessen Besatzung sich gegen mich empörte und meinen Tod beschloß. Man kam überein, mich nebst zwei Männern, meinem Leutnant und einem Passagier an dieses Land auszusetzen, um uns einem ungewissen Schicksale preiszugeben.«
»Wo sind Ihre Feinde? Wissen Sie, wohin sie gegangen sind?«
»Dort in jenen Wald«, antwortete der Kapitän.
»Sind Ihre Feinde mit Schießgewehren versehen?«
»Sie haben zwei Flinten, eine dritte liegt noch in der Schaluppe.«
»Gut, Kapitän, so folgen Sie mir vorsichtig nach dem Wäldchen.«
Sogleich setzten wir uns in Bewegung und sahen bald die Männer, die sich sämtlich dem Schlafe überlassen hatten.
»Jetzt wäre es leicht, sie zu töten«, begann ich wieder, »ohne daß ein einziger entkommt; oder wollen Sie die Meuterer lieber zu Gefangenen machen?«
»Zwei von ihnen sind ausgemachte Schurken, welche auf keinen Fall Gnade verdienen. Könnte man sich dieser beiden Menschen bemächtigen, so würden hoffentlich die andern zu ihrer Pflicht zurückkehren.«
»Hören Sie mich jetzt an, Sir! Wenn ich alles wage, um Sie zu retten, würden Sie dann wohl in einige Bedingungen willigen?«
»Ich und mein Schiff, wenn wir desselben wieder habhaft werden können, sollen ganz zu Ihrer Verfügung stehen.«
»Nun gut!« fuhr ich fort, »ich stelle Ihnen nur zwei Bedingungen.Erstens: Solange Sie auf dieser Insel bleiben, verpflichten Sie sich zum Gehorsam gegen mich. Die Waffen, welche ich Ihnen anvertraue, haben Sie mir stets auf mein Verlangen zurückzugeben und zu geloben, weder mir noch den Meinigen zu schaden, vielmehr nur mein Bestes zu fördern.Zweitens: Kommen Sie wieder in Besitz ihres Schiffes, so bringen Sie mich und meinen Diener samt den Habseligkeiten, die ich besitze, unentgeltlich nach England.«
»Sir«, erwiderte darauf sofort der Kapitän, »diese Bedingungen sind so natürlich, daß ich freudig auf dieselben eingehe.«
»Und wir«, fielen des Kapitäns beide Gefährten ein, »wir geloben, Ihnen zu folgen, wohin es auch sein mag!«
»Brav gesprochen, ihr Männer!« erwiderte ich und drückte ihnen die Hände. »Wohlan, ans Werk! Hier sind drei Musketen nebst Pulver und Blei. Das beste wäre, auf die Meuterer zu feuern, während sie noch schlafen. Bleiben einige von der Weckungssalve verschont und bitten um Pardon, so können wir sie begnadigen.«
Währenddessen sahen wir zwei der Männer aus dem nahen Gebüsch treten.
»Sind das die Rädelsführer?« fragte ich den Kapitän.
»Nein, Sir!«
»Gut, so lassen wir sie laufen, da sie die Vorsehung rettet. Nun aber vorwärts!«
Angefeuert durch meine Worte, nahm der Kapitän sein Gewehr auf, seine Gefährten thaten desgleichen, und vorwärts ging derMarsch. Durch das entstandene Geräusch wachte ein dritter von den Seeleuten auf. Er stieß, als er die Anrückenden sah, ein Geschrei aus, um die Schläfer zu wecken. Letztere sprangen erschrocken auf, aber in demselben Augenblicke feuerten der Leutnant und der Passagier so glücklich, daß einer der Rädelsführer auf der Stelle tot blieb, der andre verwundet wurde. Der Kapitän, der sich des Schießens weislich enthalten hatte, stürzte auf ihn los und streckte ihn durch einen kräftigen Kolbenschlag vollends zu Boden. Ein andrer war leicht verwundet, die übrigen drei baten, als sie mich und Freitag heranrücken sahen, flehentlich um Gnade. Während sie noch auf ihren Knieen lagen, kamen auch jene beiden, die zuerst erwacht waren, angelockt durch die gefallenen Schüsse, herbeigeeilt. Als sie jedoch merkten, wie sehr sich die Verhältnisse verwandelt hatten und wie ihre bisherigen Gefangenen, mit Flinten bewaffnet, Herren des Feldes waren, so versuchten sie keinen unnützen Widerstand, sondern unterwarfen sich gleich ihren Gefährten. Somit hatten wir einen vollständigen Sieg errungen.
Der Kapitän wandte sich nun mit folgenden ernsten Worten an die Besiegten: »Ihr wißt, daß ihr als Empörer und Meuterer den Tod verdient habt. Ich will jedoch Gnade für Recht ergehen lassen und euch das Leben schenken, aber nur unter der Bedingung, daß ihr euern Verrat bereut und schwört, mir beizustehen, um mein Schiff zurückzuerobern!«
Hiergegen hatte ich zwar nichts einzuwenden, verpflichtete ihn aber dazu, die Gefangenen, solange sie auf der Insel sein würden, an Händen und Füßen gebunden in Sicherheit zu halten. Ich ließ ihnen daher sogleich an den Händen Fesseln anlegen und gab dem Leutnant und Freitag den Auftrag, die Gefangenen nach der Grotte zu bringen und ihnen die Füße zu binden.
Es befanden sich noch 26 Seeleute an Bord des Schiffes. Alle hatten wegen ihrer Auflehnung gegen ihr Oberhaupt das Leben verwirkt. Der Kapitän sprach sich dahin aus, daß es sehr schwierig sein würde, ihnen wirksam beizukommen, denn sie würden sich wohl aufs äußerste zur Wehre setzen. Wir mußten daher auf eine List sinnen, um sie an einer Landung zu verhindern. Zurechter Zeit fiel mir noch ein, daß die auf dem Schiffe zurückgebliebenen Leute, wenn ihre Kameraden mit der Schaluppe nicht zurückkämen, diese unfehlbar mit dem zweiten Boote suchen würden und uns dann viel zu schaffen machen könnten.
Zuerst mußte die eine Schaluppe, die sich bereits in unsern Händen befand, unbrauchbar gemacht werden, damit sie nicht fortgeführt werden könne. Unverweilt begaben wir uns an diese Arbeit, nahmen Ruder, Mast, Segel, Steuerruder, ferner die Flinte, ein Pulverhorn, eine Flasche Branntwein, eine zweite mit Rum, Zwieback und ein großes Stück Zucker heraus. Nachdem wir alles an den Strand gebracht, bohrten wir ein großes Loch in den Boden der Barke, um ihre Wegführung unmöglich zu machen. Nun kamen auch der Leutnant und Freitag zurück, und unsern vereinten Anstrengungen gelang es bald, die Schaluppe so hoch auf den Strand zu ziehen, daß selbst die höchste Flut sie nicht erreichen oder wegspülen konnte.
Für jetzt ließ sich nichts weiter thun. Wir brachen deshalb nach meiner Burg auf. Nur wenige Schritte waren wir fortgegangen, als ein Kanonenschuß vom Schiffe her über die Wellenfläche erscholl, jedenfalls in der Absicht, die Schaluppe zurückzurufen. Aber diese lag in guter Ruhe und rührte sich nicht. Da der erste Signalschuß wirkungslos blieb, so feuerte die Mannschaft des Schiffes von Zeit zu Zeit mehrere Schüsse hintereinander ab, natürlich ohne jeden Erfolg.
Wir beschleunigten unsre Schritte, um möglichst rasch die Burg zu erreichen. Der Kapitän sowie seine beiden Gefährten bewunderten meine Befestigungswerke und die Kunst, wie ich sie so geschickt vor jedem Späherauge verborgen hatte. Freilich war aber auch das Wäldchen vor mehr als 20 Jahren gepflanzt und schnell zu solchem Dickicht verwachsen, daß man schlechterdings nicht durchkommen konnte, außer auf dem engen, sich durchschlängelnden Pfade, der nur von mir und Freitag begangen wurde.
»Nun, Kapitän«, fragte ich, »wie gefällt Ihnen mein Schloß? Gewährt diese Mauer nicht ein ganz prächtiges Versteck?«
»Vortrefflich, Sir! Hinter dieser lebendigen Mauer sind wir besser geschützt, als wenn wir unser zwanzig wären.«
»Das ist aber noch nicht alles, Kapitän«, fuhr ich rasch fort; »ich besitze auch noch eine Sommerresidenz, in welcher ich einen Teil der schönen Jahreszeit zubringe. Die sollten Sie sehen, Herr; dort liegt das Paradies der Insel! Auch diese werde ich Ihnen ehestens zeigen können. Jetzt aber ist es notwendig, daß Sie mir samt Ihren Genossen auf meine Warte folgen, um von dort aus das Schiff zu beobachten. Du, Freitag, bringe die Ferngläser und einige Erquickungen hinauf!«
Oben angelangt, bemerkten wir, wie die Schiffsmannschaft des heftig vom Winde geschüttelten Fahrzeugs, nachdem alle ihre Schüsse ohne die erwartete Wirkung geblieben waren, eine bunte Flagge aufgehißt und, weil auch dieses Mittel nicht verfing, das andre Boot ausgesetzt hatte, welches sofort der Küste zusteuerte. Das Meer befand sich in starkem Wogengang, und die Leute in der Schaluppe hatten kräftig zuzugreifen, um vorwärts zu kommen. Das Boot mochte etwa mit zehn Männern, einschließlich des Schiffsjungen, bemannt und diese sämtlich mit Schießgewehren versehen sein.
»Leider«, sagte der Kapitän, »befinden sich unter diesen Leuten nur drei ehrliche Burschen, welche durch Furcht zur Empörung gezwungen worden sind. Die andern aber, hauptsächlich der Hochbootsmann, welcher die Schaluppe kommandiert, sind so abgefeimte Schurken, daß wir uns des Ärgsten von ihnen versehen dürfen.«
»Oho, Leute wie wir, Kapitän«, entgegnete ich, »brauchen sich nicht zu fürchten. Ich habe auf dieser Insel schon schlimmere Zeiten überstanden; darum fassen Sie Mut und Vertrauen, mein Herr!«
»Ich will es!«
»Nun gut! Zunächst scheint es doch zweckmäßig gewesen zu sein, die übrigen in der Höhle fern zu halten. Nur eins beunruhigt mich etwas, daß nämlich drei brave Burschen unter den Ankommenden sind, die wir schonen und uns zu eigen machen möchten.«
Jetzt näherte sich die Schaluppe dem Ufer und steuerte demselben entlang bis zu jener Stelle, wo das zuerst angekommene Boot angelegt hatte. Hier stieg die Rotte ans Land und zog ihre Schaluppe hoch auf den Strand hinauf. Zuerst sahen sie nach ihrem Boote. Wer aber malt ihre Bestürzung, als sie dasselbe fest, wie die Arche Noahs, auf dem Trockenen sitzen, stark durchbohrt und von der ganzen Ausrüstung entblößt sahen! Dann erhoben sie einen dreimaligen lauten Ruf; aber keine Antwort tönte ihnen zurück. Da dieses Signal, wie die früheren, vergeblich blieb, stellten sie sich in einen Kreis und schossen ihre Gewehre auf einmal los, so daß es durch die Felsenthäler wie dröhnender Donner rollte. Atemlos lauschten sie auf eine Antwort. Doch kein menschliches Wesen ließ seinen Ruf ertönen; nur das Echo der Berge gab den Klang der Feuerwaffen wieder.
Da schien es den Fremden nicht mehr geheuer zu sein: schnell setzten sie ihr Boot ins Wasser und stießen vom Strande ab. Bald aber wendeten sie sich wieder rechtsum und steuerten geraden Laufes von neuem auf die Insel los, um ihre vermißten Kameraden aufzusuchen. Wirklich stiegen sieben aus, und es blieben drei Mann zur Bewachung des Bootes zurück. Das lag freilich nicht in unsrer Berechnung; denn was half es uns, jene sieben Männer zu überwältigen, wenn unterdes die Zurückgebliebenen dem Schiffe wieder zusteuern und mit demselben sich auf und davon machen konnten?
Die sieben Gelandeten schritten, sich dicht beisammen haltend, am Saume des dichten Buschwäldchens vor meiner Festung hin und stiegen auf einen jener westlichen Hügel, von denen sich eine weite Fernsicht über die Ebenen nach Nordost darbot. Oben auf dem Gipfel begannen sie laut zu rufen. Augenscheinlich mochten sie sich nicht weiter landeinwärts wagen, denn sie setzten sich im Schatten eines Baumes nieder, um Rat zu halten. Plötzlich brachen sie wieder auf und schlugen den Rückweg nach der Schaluppe ein. Dieser Augenblick forderte zu schneller Entscheidung auf; hier konnte nur eine List helfen.
Ich trug dem Leutnant und Freitag auf, linker Hand nach derselben Hügelreihe, von welcher die Mannschaft hergekommen,vorsichtig vorzugehen, dann auf einen Hügel zu steigen und aus allen Leibeskräften so lange zu schreien, bis die Matrosen ihnen antworten würden. Wenn dies geschehe, so sollten sie dieselben unter wiederholtem Rufen langsam von Hügel zu Hügel in das Gehölz des Innern locken, ohne sich jedoch von ihnen einholen zu lassen.
Die Meuterer wollten eben wieder in See stechen, als der Leutnant den ersten Ruf erschallen ließ. Sofort machten jene Halt und schritten der Richtung zu, aus welcher der Ton erscholl. Unsre Leute wiederholten ihr Geschrei, und unter fortgesetzten Lockrufen ging es immer tiefer landeinwärts.
Jetzt schien der günstige Augenblick gekommen zu sein, um die Schaluppe zu überfallen. Nur ein Mann befand sich in derselben; von den beiden andern Wächtern war der eine ausgestiegen und dem Haufen nachgerannt, während der andre ein nahegelegenes Gebüsch aufsuchen wollte, um sich daselbst niederzulegen. Der Kapitän schmetterte ihn durch einen Kolbenschlag tot zu Boden; dann rief er den in der Schaluppe an, sich zu ergeben. Dieser, einer von den verführten Meuterern, bat seinen Vorgesetzten flehentlich um Gnade, indem er schwur, künftig Gut und Leben für den Kapitän einsetzen zu wollen.
In der Höhle waren sechs Gefangene, von denen einer verwundet war. Zwei andern konnte man zur Not trauen; die letzten drei aber hielt der Kapitän so weit für zuverlässig, um sie unserm Trupp als Verstärkung einverleiben zu können. Auch aus der zweiten Schaluppe der Meuterer entfernten wir Mast, Segel, Ruder und legten sie ebenfalls am hohen Strand ins Trockene. Diese Arbeit verursachte natürlich viel Mühe, da wir nur unser vier waren. Dann zogen wir uns in die Burg zurück.
Als wir daselbst anlangten, brach bereits die Nacht an. Wir erquickten uns nach überstandener Mühe und Gefahr durch Reis, Rosinen, Ziegenfleisch und Rum. Noch saßen wir um die Flamme des Talglichtes versammelt, als auch Freitag und der Leutnant zurückkamen. Beide hatten sich ihres Auftrags zu unsrer völligen Zufriedenheit entledigt, hatten durch Rufen und Schreien die Bootsleute von Hügel zu Hügel gelockt und endlich dieselben plötzlichsich selbst überlassen. Dann waren sie nach der Festung geeilt, so daß schwerlich vor zwei oder drei Stunden ein Zusammentreffen bevorstand.
Nach dem Mahle schickte ich den Kapitän, den Passagier, Freitag und jenen begnadigten Meuterer von der Schaluppe, NamensRobertson, nach der Grotte ab, um jene drei Gefangenen, auf deren Treue zu zählen war, hierher zu bringen, so daß wir dann zusammen die Zahl von neun Mann ausmachten. In kurzer Zeit kamen sie sämtlich zurück, und nachdem ich eine Musterung gehalten, besonders aber die Meuterer in strengste Pflicht genommen hatte, verteilte ich Waffen und Munition, im ganzen zwölf Feuergewehre, ferner fünf Degen, wovon natürlich zwei auf meine Person kamen.
So vorbereitet, warteten wir auf unserm Posten. Es mochte ungefähr eine Stunde vergangen sein, als wir bemerkten, wie unsre Feinde herannahten. Nach großer Anstrengung gelangten sie endlich an ihren Landungsplatz. Doch wie versteinert blieben sie stehen, als sie ihr Boot nicht im Wasser, sondern auf dem Trockenen und noch dazu der ganzen Ausrüstung beraubt sahen! Ihr Aberglaube schien ihnen Gespenster und Höllenspuk vorzumalen, die dieses Werk vollbracht hätten. Kaum konnte ich jetzt meine Leute in Schranken halten, die vor Begier brannten, auf sie loszustürzen. Indes bedachte ich, daß in dieser Dunkelheit gar leicht auch einer der Unsrigen verwundet werden könnte, und so wartete ich auf einen günstigen Augenblick zum Angriff.
Der Hochbootsmann, der Verwegenste der rebellischen Schar, bot ein verächtliches Bild, jammerte wie ein Kind, rang verzweiflungsvoll die Hände und rannte hin und her. Er rief die verlorenen Kameraden wiederholt laut beim Namen, aber keine Stimme der Genossen antwortete ihm durch die finstere Nacht.
Um sicher zu gehen, rückte ich meinen Hinterhalt näher und gebot Freitag und dem Kapitän, möglichst geräuschlos an den Feind heranzukriechen. Es währte auch nicht lange, so kam der Hochbootsmann mit zwei seiner Spießgesellen in die Nähe der verborgen Lauernden. Jetzt stand der Kapitän mit Freitag auf; beide drückten zu gleicher Zeit ab, und der Schändliche lag tot in seinemBlute. Der eine seiner Genossen ward so getroffen, daß er nach einer Stunde seinen Geist aufgab; der dritte aber, nur leicht verwundet, entfloh.
Der Knall der Flinten und das Geschrei der Verwundeten galten für uns als Zeichen des gemeinschaftlichen Vorrückens. Wie schon bemerkt, bestand unsre ganze Armee aus neun Mann. Der Wald war so dicht und die Nacht so dunkel, daß es den Gegnern nicht möglich war, unsre Streitkräfte abzuschätzen. Um ihre sofortige Unterwerfung herbeizuführen, forderte ich Robertson auf, jeden der Feinde mit seinem Namen anzurufen.
Er rief also zuerst: »Tom Smith!«
Sogleich antwortete dieser zurück: »Bist du es, Robertson?«
»Ja, ja, ich bin's. Streckt die Waffen, oder ihr seid alle des Todes!«
»Wem sollen wir uns ergeben?« fragte Smith.
»Unser Kapitän ist hier mit 50 Mann«, antwortete Robertson. »Der Hochbootsmann ist tot, Will Fry ist verwundet, ich selbst bin gefangen; wenn ihr euch nicht unterwerft, so seid ihr alle verloren.«
»Wird man uns aber auch Gnade bezeigen?« fragte Tom Smith weiter. »Wenn man uns das Leben läßt, so wollen wir uns ergeben.«
»Ich werde sogleich den Kapitän fragen«, gab Robertson zur Antwort.
Der Kapitän ergriff aber selbst das Wort und rief: »Smith! Was ich versprochen, halte ich. Streckt ihr sofort die Waffen, so ist euch das Leben geschenkt, außer Will Atkins!«
»Um Gotteswillen!« rief dieser flehend, »gebt auch mir Pardon, Kapitän. Habe ich etwa Schlimmeres verübt als die übrigen?«
»Du lügst, Atkins«, fuhr ihn der Kapitän an; »bist du es nicht gewesen, der zuerst Hand an mich legte, der mir die Hände gebunden und mich wehrlos gemacht hat?«
»Gnade, Gnade, Kapitän!« wimmerte Atkins.
»Das wird sich finden. Jetzt noch einmal, ihr alle streckt entweder sofort das Gewehr, oder – –!«
Ohne Widerstand ergaben sich die Meuterer, die nun als Gefangene durch das Wäldchen auf den freien Platz neben demäußeren Walle geführt wurden. Hier redete der Kapitän ihnen ins Gewissen und stellte ihnen die traurigen Folgen, die sie sich selbst zuzuschreiben hätten, vor.
»Ihr habt geglaubt«, schloß er seine Ansprache, »mich auf eine öde Insel auszusetzen, aber es hat Gott gefallen, mich zu retten; denn hier herrscht ein englischerGouverneur, der mich menschenfreundlich aufnahm. Ihr habt mich vorhin um Gnade angefleht; meine Gewalt über euch ist hier zu Ende. Ihr gehört von nun an vor den Richterstuhl des Gouverneurs.«
Diese Worte wirkten erschütternd auf die Gefangenen; sie baten ihren Kapitän, sich für sie bei dem Gouverneur der Insel zu verwenden.
Der inhaltschwere Titel »Gouverneur« galt meiner eignen Person. Aber ich hielt mich nebst Freitag zurück und ließ mich nicht sehen, denn mein Anzug war jener Würde nichts weniger wie angemessen. Doch die Kriegslist gefiel mir, und ich erklärte mich einverstanden, die Rolle fortzuspielen. Ich beorderte also den Leutnant an den Kapitän.
»Herr«, berichtete jener, »Seine Exzellenz der Gouverneur wünscht Sie zu sprechen.«
»Melden Sie Seiner Exzellenz«, erwiderte der Kapitän, »daß ich unverweilt zu seinen Befehlen sein werde.«
Die Gefangenen mußten diesen Worten nach glauben, daß wirklich ein Gouverneur mit Truppen in der Nähe stehe. Als der Kapitän aber zu mir kam, schlug ich ihm vor, der Vorsicht halber unsre Gefangenen zu teilen; ich forderte ihn auf, Atkins und die beiden widerspenstigen Gesellen an Händen und Füßen gebunden nach der Höhle zu schicken, die übrigen ließ ich in dem Raume zwischen den beiden Wällen unterbringen und glaubte somit, die Mannschaft unschädlich gemacht zu haben. Nunmehr hielt ich mit dem Kapitän, dem Leutnant und dem Passagier Rat, wie wir uns des Schiffes bemächtigen könnten; ich sprach die Zuversicht aus, daß uns die Seeleute bei der Wiedereroberung unterstützen würden. Es kam darauf an, die Stimmung derselben genau zu erforschen, weshalb ich den Kapitän und Leutnant nach der Grotteschickte, wohin ihnen Freitag mit einer brennenden Kerze den Weg zeigte. – Der Kapitän sprach in mildem Tone zu seinen Matrosen: »Ich werde versuchen, euch bei dem Gouverneur der Insel Verzeihung zu erwirken; aber ich rechne bei euch noch auf etwas andres: Ihr sollt mir das Schiff wiedererobern helfen, denn davon hängt alles ab. Seid ihr dazu bereit?«
Einmütig versicherten die Seeleute, ihm in allen Stücken bis zum letzten Blutstropfen beizustehen. Er solle sie führen, wohin er wolle, und wenn es gegen die Hölle und den Teufel wäre.
»Ich rechne auf euch«, beendete der Kapitän das Gespräch.
Er kam zu mir zurück und teilte mir die Gesinnungen der Seeleute mit. Da ich aber glaubte, daß unsre eigne Sicherheit keine allzugroße Nachgiebigkeit gestattete, so sandte ich den Kapitän mit der Antwort zurück: Die sechs gesunden Gefangenen sollten zur Expedition nach dem Schiffe zugelassen werden; hingegen sollte Atkins mit den beiden Verwundeten als Geiseln zurückbleiben und ohne weiteres aufgeknüpft werden, wenn die andern der Untreue sich schuldig machen würden. Die Begünstigten mußten feierlich geloben, dem Gouverneur unverbrüchlichen Gehorsam zu leisten.
Die Streitkräfte, welche uns für die Eroberung des Schiffes zur Verfügung standen, waren nun folgende. Erstens: derKapitän, derLeutnantund derPassagier. Zweitens:fünf Freigelassenevon der ersten Schaluppe. Drittens:Robertson,Tom Smithunddrei Freigelassenevon der zweiten Schaluppe. Im ganzen alsodreizehnMann. Ich und Freitag durften der Expedition nicht beiwohnen, da wir unsre Burg und unser sonstiges Eigentum sowie die Gefangenen im Auge behalten mußten.
Jetzt galt es, schnell das Loch, welches wir in eine der Schaluppen gebohrt hatten, zu verstopfen und sie zur Kriegsfahrt auszurüsten. Als alles instand gesetzt war, bestiegen der Kapitän, der Passagier und fünf Mann das eine Boot, während der Leutnant mit ebenfalls fünf Mann sich in dem andern einschiffte. Gegen Mitternacht segelte die Mannschaft ab; ich aber harrte am Strande und lauschte über das weite Meer, um zu vernehmen, welche Entscheidung der nächtliche Kampf herbeiführen würde.
Es mochte gegen 2 Uhr sein, als ich vom Schiffe aus sieben Kanonenschüsse vernahm, das verabredete Zeichen der gelungenen Ausführung. Man kann sich keine Vorstellung von meiner Freude machen, da ich den nahenden Augenblick meiner Rettung im Geiste vor mir sah; ich sank auf die Kniee nieder und dankte Gott inbrünstig für seine Barmherzigkeit. Dann begab ich mich mit Freitag nach Hause, und bald senkte sich ein tiefer Schlaf auf unsre müden Augen. Gegen Morgen wurden wir durch einen Kanonenschuß geweckt, und wenige Augenblicke darauf hörte ich mich laut rufen: »Gouverneur, Gouverneur!« Rasch bestieg ich, ein Fernglas in der Hand, meine Warte, wo ich den Kapitän bereits anwesend fand. Er schloß mich stürmisch in die Arme und sprach: »Mein Freund, mein Erretter! Dort liegt Ihr, unser stattliches Schiff; es gehört Ihnen, nebst allem, was wir besitzen!«
Ich wandte jetzt meine Blicke auf die See und sah das Schiff, kaum eine halbe Stunde vom Ufer entfernt, in der Bai vor Anker liegen.
Jetzt stand meiner Befreiung nichts mehr im Wege. Ein tüchtiges Schiff war zu meiner Bereitschaft, um mich zu bringen, wohin mein Herz begehrte. Ich umarmte den braven Kapitän und begrüßte ihn als meinen vom Himmel gesandten Befreier, der mich aus jahrelanger Verbannung erlösen sollte.
Als ich mich wieder erholt hatte, stiegen wir hinab. Im Innern der Burg erzählte mir der Kapitän den Hergang.
»Sobald sich unsre Schaluppe dem Schiffe näherte«, begann derselbe seinen Bericht, »befahl ich Robertson, die wachende Schiffsmannschaft anzurufen und zu sagen, er brächte ihre Kameraden zurück, die sie erst nach langem Suchen aufgefunden hätten.
»Mit solchen Reden wußte er sie so lange zu beschäftigen, bis die Schaluppe unter dem Schiffe beilegen konnte. Ich und unser tapferer Mitreisender gerieten zuerst mit den Meuterern ins Handgemenge. Sobald aber der noch schlaftrunkene stellvertretende Hochbootsmann niedergestreckt und auch der Zimmermann unschädlich gemacht worden, gelang es uns sehr bald, mit den übrigen drei uns zu Meistern des Halbdecks des Schiffes zu machen. Nachdem die gesamte Mannschaft des zweiten Bootes nachgeklettert war,säuberten wir das Vorderdeck, drangen von da in die Springluke, die nach der Küche führte, und nahmen hier den Koch und noch zwei andre Meuterer gefangen.
Kampf mit den Meuterern.
Kampf mit den Meuterern.
Kampf mit den Meuterern.
»Hierauf ließ ich die Luken schließen, damit die Mannschaft zwischen den Decken den übrigen nicht zu Hilfe kommen könnte.Alsdann befahl ich dem Leutnant, mit drei Mann die Kajütte zu sprengen, in welcher sich der von den Empörern zum Kapitän Gewählte befand. Durch den Lärm aufgeschreckt, war dieser aus dem Bette gesprungen und hatte sich nebst zwei Matrosen bewaffnet. Sobald die Thür geöffnet wurde, schossen die Männer von drinnen heraus, so daß einer von uns getötet, zwei verwundet, dem Leutnant aber der linke Arm verletzt wurde, was ihn jedoch nicht abhielt, auf den Rebellenkapitän loszustürzen und ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Als diesen die beiden Matrosen fallen sahen, schwand ihnen der Mut und sie ergaben sich. Noch waren acht Mann übrig, deren wir Herr werden mußten. Wir riefen ihnen zu, sich zu ergeben, sonst wären sie alle des Todes. Sie sahen auch das Vergebliche eines Widerstandes ein; wir öffneten nun eine Luke und ließen sie aufs Deck heraufsteigen. So war ich wieder rechtmäßiger Kommandeur des Schiffes geworden.«
Nach beendeter Erzählung befahl der Kapitän, die für den Gouverneur bestimmten Gegenstände herbeizuschaffen. Zuerst war da ein Flaschenfutter mit mehreren Flaschen feiner Weine und Liköre, sodann vortrefflicher Tabak nebst etlichen Pfeifen, zwei große Stücke Rindfleisch sowie sechs Stücke Schweinefleisch, ein Sack voll Erbsen und etwa 50kgZwieback; ferner eine Kiste Zucker sowie eine mit Mehl, ein Sack voll Zitronen und eine Menge andrer nützlicher Verbrauchsgegenstände; weiterhin sechs Hemden, sechs Halsbinden, zwei Paar Handschuhe, ein Paar Schuhe, sechs Paar Strümpfe, ein Hut und ein vollständiger Anzug, der erst einen Tag getragen sein konnte. Mit allen diesen Gegenständen beschenkte mich der Kapitän und setzte den Wunsch hinzu, ich möchte mich sofort umkleiden, damit ich vor die Leute als Gouverneur treten und die nötigen Befehle selbst erteilen könnte, was sicherlich eine nachhaltige Wirkung nicht verfehlen würde. Gewiß wird man mir aber glauben, wenn ich bemerke, daß ich mich in meinem neuen, ungewohnten Staatskleide anfänglich nicht zurecht finden konnte und mich auch recht unbehaglich fühlte.