Neuntes Kapitel.Robinson entdeckt Spuren von Menschen.

Robinsons Ziegenherde.Neuntes Kapitel.Robinson entdeckt Spuren von Menschen.

Robinsons Ziegenherde.

Robinsons Ziegenherde.

Robinsons Ziegenherde.

Neuer Ausflug auf Entdeckungen. – Menschliche Spuren. – Robinsons Bangen. – Untersuchung der Fußspuren. – Allerlei seltsame Gedanken.

Neuer Ausflug auf Entdeckungen. – Menschliche Spuren. – Robinsons Bangen. – Untersuchung der Fußspuren. – Allerlei seltsame Gedanken.

Mit allem Notwendigen ausgerüstet, begann ich einen neuen Ausflug, auf den ich fünf bis sechs Tage zu verwenden gedachte. Mein erster Weg führte mich an jenen Ort, wo ich meinen Anker ausgeworfen hatte, um die Felsen zu ersteigen und die Gegend zu überblicken. Auch diesmal erstieg ich die Höhe und gewahrte zu meinem Erstaunen, daß die See glatt war wie ein Spiegel, nirgends vermochte ich eine Brandung zu entdecken. Diese befremdliche Erscheinung hatte jedenfalls ihren natürlichen Grund in der abwechselnden Bewegung der Ebbe und Flut. Da ich mir jedoch darüber noch nicht ganz klar war, so wollte ich wie ein Naturforscher der Sache auf den Grund gehen. Ich stieg deshalb gegen Abend, als es bereits dämmerte und die Ebbe eintrat, hinauf auf den Hügel und sah auch jetzt wieder ganz deutlich die ungestüme Strömung. Zugleichbemerkte ich aber, daß dieselbe eine halbe Stunde von der Küste entfernt schien, während sie früher dicht an der Sandbank hinlief. Auf diese Beobachtungen gestützt, sagte ich mir, daß ich die Insel ohne Schwierigkeit mit meinem kleinen Fahrzeug umschiffen könnte, wenn ich nur genau auf die Wiederkehr der Flut und Ebbe achtete. Indes hatten die überstandenen Gefahren einen so nachhaltigen Eindruck in mir zurückgelassen, daß ich für jetzt auf das Wagnis einer neuen Seefahrt verzichtete. Es kam mir nun ein ganz entgegengesetzter, wenn auch höchst mühselig auszuführender Plan in den Sinn.

Sollte es nicht möglich sein, mir eine neue Piroge zu bauen, um auf jeder Küste meiner Insel ein Fahrzeug zu besitzen?

Ich hatte damals sozusagen zwei Pflanzungen. Zunächst war es am Fuße des Felsens und in der Nähe des Ufers mein Zelt oder meine Burg samt Einzäunung und Höhle hinter dem Zelte. Letztere hatte ich allmählich vergrößert und neue Gemächer geschaffen, worin ich meine Vorräte, namentlich das Erzeugnis meiner Ernten, in zahlreichen großen Körben aufbewahrte. Im Verlauf der Jahre waren die Pfähle der zweiten Umhegung, die, wie ich erwähnte, Zweige getrieben hatten, bereits zu stattlichen Bäumen angewachsen und ihre Äste so ineinander verschlungen, daß man selbst in ziemlicher Nähe hinter diesem grünen Flechtwerk keine menschliche Wohnung bemerkt hätte. Etwas weiter in das Land hinein lagen meine beiden Kornfelder, auf deren Bebauung ich stets den größten Fleiß verwandte, so daß ich jährlich durch reichliche Ernten belohnt wurde.

Eine weitere Pflanzung hatte ich mir noch in der Nähe meines Landhauses angelegt. Auch dort, in jenem reizenden Thale, wuchs die grüne Hecke stattlich empor und gewährte erquickenden Schatten. In der Mitte spannte sich das Zelt von Segeltuch aus, und die Ziegenfelle, welche ich dorthin gebracht hatte, boten ein weiches Lager, während eine wollene Decke und ein großer Mantel mir während der kühlen Nächte zum Zudecken dienten. So konnte ich hier, wenn ich mein »Schloß« auf einige Zeit mit dem Lusthaus vertauschen wollte, mehrere Tage in aller Bequemlichkeit zubringen.

Ganz in der Nähe des Landhauses hatte ich, wie bereits erwähnt, die Einzäunungen für meinen Viehstand angebracht. Diebeständige Sorge, daß mir die Ziegen einmal ausbrechen möchten, ließ mir keine Ruhe, bis ich das Palissadenwerk so dicht gemacht hatte, daß man kaum eine Hand hindurchstecken konnte. Als gar während der Regenzeit die Ruten und Stäbe ausschlugen, bot dieses Gehege den Vorteil einer undurchdringlichen Mauer.

In demselben Thale befanden sich auch die Weinstöcke, welche mir beträchtliche Vorräte für den Winter lieferten, und da die wertvollen Reben meine Tafel mit den saftigsten Beeren versahen, so versäumte ich nie, zur gehörigen Zeit die Trauben zu trocknen.

Eines Tages überkam mich wieder die Lust zu einem Ausflug nach der Ost- und Nordseite meiner Insel, und ich wollte im Vorbeigehen auch nach meiner Barke sehen.

Zunächst begab ich mich an jenen Hügel, von welchem aus ich meine Beobachtungen angestellt hatte; dann wartete ich die Ebbe ab, um bei niedrigem Wasserstande über die Mündung des Baches zu gelangen, der am Fuße des Hügels hinfloß. Anfangs hielt ich mich längs des Ufers desselben, dann aber bog ich nordwärts ab und kam so gegen Abend an einen Fluß, der bei weitem bedeutender war als alle übrigen, welche ich bisher aufgefunden hatte. Diesen passierte ich schwimmend und befand mich bald an der Küste, die sich hier sehr wild und öde, teils hügelig, teils felsig und nur mit Gestrüpp bewachsen zeigte.

Schon brach die Nacht herein, als ich endlich mein Fahrzeug auffand; ich machte es mir darin so bequem als möglich und war, von dem Ereignis des heutigen Tages befriedigt, bald in tiefen Schlaf versunken.

Kaum hatte mich die Morgensonne aus meinem Schlummer erweckt, als ich wohlgemut meine Reise weiter fortsetzte. Nachdem ich einige Meilen zurückgelegt hatte, wurde mir eine Überraschung zu teil, die mich in die peinlichste und für die Folge auch schädlichste Aufregung versetzte: ich sah im Sande die deutliche Spur eines –Menschenfußes.

Ein Menschenfuß!

Ein Menschenfuß!

Ein Menschenfuß!

Eigentlich hätte ich mich freuen sollen, nach so langer Einsamkeit einmal die Spur eines menschlichen Wesens zu treffen; mein erster Gedanke galt jedoch den Wilden, den Menschenfressern, die, wiefrüher erwähnt, die benachbarten Gebiete oder Inseln bewohnen sollten. Wie vom Blitz getroffen, blieb ich beim Anblick des Fußabdrucks stehen; ich lauschte, ich blickte umher, sah und hörte aber nicht das Geringste. Ich bestieg in der Nähe einen kleinen Hügel, von welchem aus ich einen größeren Raum überblicken konnte; dannging ich wieder an das Ufer des Meeres hinab und durchlief die Küste von einer Seite zur andern, um zu sehen, ob noch andre Fußtritte im Sande abgedrückt wären, aber ich konnte nichts entdecken. Hierauf untersuchte ich die zuerst erblickte Spur noch einmal, um mich zu vergewissern, ob mich vielleicht meine Sinne getäuscht hätten. Allein Zehen, Ferse, Ballen, kurz alle Teile eines Menschenfußes waren nur zu deutlich abgedrückt. Woher mochte diese Spur kommen?

Es schien fast unmöglich, dieses Geheimnis zu enträtseln. Entsetzen durchfuhr meine Glieder, wenn ich an die kaum mehr zu bezweifelnde Nähe von Kannibalenhorden dachte, und in äußerster Verwirrung schlug ich den Heimweg ein. Jetzt erschrak ich vor jedem Strauche, vor jedem Baume und fürchtete bei dem Rascheln eines Blattes einen Wilden auf mich losstürzen zu sehen. In halber Besinnungslosigkeit traf ich endlich wieder in meiner Burg ein, ohne daß ich mich nachträglich besinnen konnte, ob ich auf der Leiter oder durch die Felsenthür hereingekommen war. Kein Fuchs sucht hastiger seinen Bau auf, als ich nach meinem Zufluchtsorte eilte.

Vor Sorgen vermochte ich die ganze Nacht kein Auge zuzudrücken. Meine erregte Einbildungskraft erschreckte mich durch die furchtbarsten Trugbilder, und ich glaubte sogar einen Augenblick, daß jene Spur von dem leibhaftigen Gottseibeiuns herrühre. Konnte denn irgend ein menschliches Geschöpf ohne Fahrzeug meine Insel erreichen? Wo aber war irgend ein Schiff zu sehen, und wie kam es, daß ich nur eine einzige Fußspur entdeckte, da doch der Boden ringsum ganz dieselbe sandige und lockere Fläche zeigte?

Die Fußspur im Sande kam mir nicht aus dem Sinn. Konnten aber nicht die Kannibalen von jenem Festlande, welches ich gesehen hatte, durch irgend welchen Zufall auf meine Insel verschlagen worden sein? Vielleicht fühlten sie, da sie gerade an dem ödesten Teile der Insel landeten, kein sonderliches Behagen, hier Hütten zu bauen; sie konnten dann sehr wahrscheinlich meine Piroge gesehen und hieraus geschlossen haben, daß die Insel von Menschen bewohnt sei. Wie, wenn sie nun in größerer Anzahl von neuem erschienen, mich gefangen nahmen und nach ihrer barbarischen Weise schlachteten und verzehrten? Oder, wenn auch das nicht, so konnten sie doch meineZiegen wegführen, meine Felder zerstören und mich meiner Vorräte berauben.

Solche und ähnliche Gedanken marterten meinen Geist drei Tage und drei Nächte lang, und ich wagte nicht, nur einen Schritt weit von meiner Felsenburg mich zu entfernen. Indessen gingen meine Vorräte an Wasser, Milch und Gerstenkuchen völlig zu Ende, und ebenso notwendig, als diese zu ersetzen waren, mußte ich meine Ziegen melken, weil sonst zu befürchten stand, daß ihnen die Milch vergehen möchte. Da half kein Zaudern mehr, und so schwer es mir auch ankam, wieder landeinwärts zu gehen, so mußte ich mich doch der Notwendigkeit fügen. Nachdem ich einige Schritte gegangen war, wurde ich etwas beherzter, ja ich fing an, mich über meine Zaghaftigkeit selbst auszuschelten. Dann endlich an Ort und Stelle angekommen, melkte ich meine Ziegen, welche mich schon längst erwartet zu haben schienen.

Einige Tage verlebte ich hier, ohne daß ich etwas Besonderes bemerkt hätte. Ich streifte wieder mit meiner Flinte umher, besichtigte meine Pflanzungen und melkte meine Ziegen wie zuvor; aber meine frühere Ruhe und Unbefangenheit waren dahin. »Die Fußspur! die Fußspur!« Ich mußte Gewißheit darüber haben, ob ich den Abdruck meines eignen oder eines fremden Fußes gesehen habe. Zu meiner Beruhigung entschloß ich mich endlich, noch einmal an Ort und Stelle eine genaue Besichtigung vorzunehmen. Als ich aber den Ort des Schreckens erreichte, überzeugte ich mich zunächst, daß ich bei meiner Landung mit dem Boote unmöglich diese Gegend berührt haben konnte, denn sie lag jedenfalls weit davon entfernt. Nachdem ich vollends die rätselhafte Spur mit meinem Fuße gemessen hatte, ergab sich's deutlich, daß sie viel länger und breiter war. Nun stellte es sich für mich als klar und unumstößlich heraus: das Merkmal rührte von einem fremden und sicherlich wilden Menschen her.

Bei dieser Entdeckung bemächtigte sich meiner von neuem Angst und Bangen, eisiger Frost schüttelte mich wie einen Fieberkranken; ich wußte nicht, was ich beginnen sollte. Die Furcht gab mir die unsinnigsten Gedanken ein.

Im ersten Augenblick wollte ich meine Umzäunungen niederreißen und all mein Vieh in den Wald hinauslassen, aus Furcht, daß es der unbekannte Feind finden und verlockt werden möchte, öfter hierher zurückzukehren. Dann wollte ich meine Pflanzungen, mein Zelt und das schützende Wäldchen vernichten, um jede Spur einer menschlichen Wohnung zu tilgen. Die Verwirrung meiner Gedanken hielt mich die ganze Nacht munter, und erst gegen Morgen schlief ich bis zum Tode ermattet ein. Als ich erwachte, dachte ich weniger befangen über meine Lage nach. Endlich kam ich zu dem Schluß, daß die anmutige und fruchtbare, nur in mäßiger Entfernung vom Festland gelegene Insel nicht so ganz verlassen sein könne, als es mir bis jetzt vorgekommen, und daß sie wenigstens mitunter von Wilden, die entweder freiwillig oder gezwungen mit ihren Kanoes hier landeten, besucht würde. Zwar hatte ich seit denfünfzehn Jahrenmeines Aufenthalts auf dieser Insel noch keinen einzigen Menschen gesehen; doch mochte dies ohne Zweifel daher rühren, daß diejenigen, welche aus irgend einem Grunde hierher kamen, keine Veranlassung fanden, länger zu verweilen. Die einzige Gefahr für mich war eine zufällige Landung herumstreifender Menschen vom Festlande. Da es aber wahrscheinlich war, daß diese nicht leicht aus eignem Antriebe die Insel besuchen würden, so beeilten sie sich auch wohl, dieselbe schnell zu verlassen, und mochten sich nicht einmal eine Nacht an der Küste aufhalten, aus Furcht, die günstige Strömung und die Tageshelle zur Rückfahrt entbehren zu müssen. Sonach hatte ich also für den Fall, daß die Anwesenheit von Wilden außer allem Zweifel stand, nichts weiter zu thun, als mich in meine Festung zurückzuziehen und mich hinter den Wällen still zu verhalten.

Trotz solcher beruhigenden Erwägungen steigerten Zweifel meine Unruhe und Angst. Mein Vertrauen auf die allwaltende Güte Gottes war dahin; Trübsal und Verwirrung umschatteten meinen Geist so sehr, daß er sich nicht aufzurichten vermochte in einem Gebet zu dem, der da spricht: »Rufe mich an in der Not, und ich will dich erretten.« Hätte ich nur auf diese Stimme gehört und den Herrn in meiner Not angerufen, so wären sicherlich fester Mutund größere Beharrlichkeit in meine Seele eingezogen; Zaghaftigkeit und Furcht, die alle meine Sinne gefangen hielten, würden dann niedergekämpft worden sein.

Jetzt bereute ich es, daß ich mir einen Ausgang aus meiner Höhle gegraben hatte, der nicht durch Verschanzungen gesichert war. Ich nahm mir daher sogleich vor, in einiger Entfernung von der Mauer eine zweite Palissadierung im Halbkreise aufzuführen, gerade da, wo ich vor zwölf Jahren eine doppelte Reihe von Bäumen angepflanzt hatte. Diese standen ohnehin schon dicht genug, daß es nicht mehr viel bedurfte, um die Zwischenräume zwischen ihnen auszufüllen, so daß nach wenigen Jahren ein undurchdringliches Gehege emporwuchs. So schützte mich eine doppelte Mauer, und die äußere ließ sich noch durch Bohlen, alte Taue, Schutt und Erdreich verstärken. Diesen Wall führte ich nicht nur über den Ausgang, sondern auch über die Quelle hinaus, um nie Gefahr zu laufen, daß es mir an Wasser mangle.

Nachdem dies alles geschehen war, besteckte ich den ganzen Abhang der kleinen Wiese vor meinem zweiten Befestigungswerke mit mehr als 2000 Schößlingen von jenem weidenähnlichen Holze, ließ aber überall zwischen denselben und meinem Baumwall einen beträchtlichen freien Raum, damit ich den Feind herankommen sehen, er aber hinter den jungen Bäumen kein Versteck finden konnte. Schon nach drei bis vier Jahren war das Gehölz um meine Festung so dicht, daß es in der That undurchdringlich schien und kein Mensch hinter diesem Gebüsch eine menschliche Wohnung vermuten konnte. Da ich keinen Weg nach meinem Schlosse offen gelassen hatte, so gelangte ich über den äußeren Wall nicht anders als mit Hilfe zweier Leitern.

Die eine lehnte ich gegen einen sehr hohen Teil des Felsens, auf dem ich die zweite unterbringen konnte. Waren beide Leitern weggenommen, so konnte kein Mensch zu mir gelangen, ohne sich der größten Gefahr auszusetzen. In der inneren Verschanzung brachte ich sieben Schießlöcher an, nicht größer als nötig, um den Arm durchzustecken; außerdem verstärkte ich diesen Wall bis auf drei Meter, indem ich dagegen Erde aufschüttete, die ich aus derHöhle schaffte und mit den Füßen feststampfte. In jene sieben Öffnungen brachte ich sieben mir noch übrig gebliebene Musketen, richtete Gestelle für sie auf, auf denen sie so ruhten, wie Kanonen auf ihren Lafetten, und ich war somit im stande, alle meine Gewehre binnen einer Minute abzuschießen.

Auf diese Weise hatte ich alle Maßregeln ergriffen, welche die Klugheit eingeben konnte, und ich fand später, daß sie mir von Nutzen waren. Während dieser Arbeit versäumte ich jedoch meine übrigen Angelegenheiten nicht; besonders war ich um meine Ziegenherde besorgt.

Verschiedene kleine Rasenplätze, mit hohen, dichten Wäldern umzäunt, boten einen geeigneten Park für meine Herden, und dies erschien mir um so ratsamer, als ich dann nur wenig mittels Einzäunung nachzuhelfen brauchte. Nach einem Monat hatte ich diese Hecken vollendet und trieb nun zehn junge Ziegen und zwei Böcke dorthin.

Für die Sicherheit eines Teiles meiner lebendigen Vorräte war jetzt gesorgt. Nun durchstreifte ich die Insel, um einen Platz ausfindig zu machen, der sich zu einem Reservepark umschaffen ließe. Bei diesen Wanderungen drang ich weiter, als dies bisher geschehen war, gegen die westliche Spitze der Insel vor, und als ich meine Augen auf die See hinausrichtete, kam es mir vor, als schaukle ein Boot auf den Wellen.

Ich war jetzt an einer Stelle der Insel, die ich bis dahin noch nicht betreten hatte. Wer aber malt mein Entsetzen, als ich mich hier umschaute! Jetzt fand ich mit einem Mal Aufklärung über jene Fußspur, und zwar in einer Art, die meine vormalige Furcht völlig rechtfertigte. Ringsum sah ich das Ufer mit Hirnschädeln, Arm- und Fußknochen und andern menschlichen Körperteilen bedeckt. Besonders fiel mir ein Kreis in die Augen, den die Kannibalen in die Erde gegraben hatten, um wahrscheinlich innerhalb desselben bei einem großen Feuer ihre abscheulichen Festmahlzeiten abzuhalten.

Die Reste der Kannibalenmahlzeit.

Die Reste der Kannibalenmahlzeit.

Die Reste der Kannibalenmahlzeit.

Dieser Anblick erschütterte mich so, daß ich im Augenblick an die eigne Gefahr gar nicht dachte. Mein ganzes Gefühl empörtesich gegen eine solche Entartung der menschlichen Natur. Dieser Platz war mir fortan ein Ort des Grauens, und ich eilte, so schnell mich meine Beine trugen, nach meiner Wohnung zurück. Als ich eine halbe Meile gelaufen, blieb ich plötzlich stillstehen, um meine Gedanken zu sammeln. Mit thränenden Augen blickte ich zum Himmel empor und dankte Gott aus der innersten Tiefe meines Herzens, daß er mich unter Menschen geboren werden ließ, wo solche Abscheulichkeiten nicht vorkommen. Ebenso dankte ich auch der Vorsehung, daß sie mich an derjenigen Seite der Insel stranden ließ, wo jene Kannibalen nur höchst selten, ja vielleicht niemalslandeten, und daß trotz meiner öfteren Hin- und Herzüge in und um das Land meine Anwesenheit von ihnen noch nicht bemerkt worden war. Beherrscht von dieser trostreichen Stimmung, setzte ich meinen Gang fort und kam endlich in meiner Burg wieder an, weit mehr beruhigt über meine Sicherheit als zuvor.

Dieses Gefühl der Sicherheit dauerte indes nicht lange; die Unruhe nahm wieder überhand, und ich verhielt mich fast zwei Jahre lang in meinen Wohnungen gleichsam wie ein Gefangener, kaum daß ich mich zu meinen drei Pflanzungen, meinem Lusthause und meiner Weide im Walde hinwagte, welche letztere ich nur besuchte, um Ziegen zu fangen. In beständiger Besorgnis, daß die Wilden meinen Aufenthalt auswittern möchten, suchte ich alles zu vermeiden, was ihnen die Spur meines Verweilens verraten konnte.

Vor allen Dingen unterließ ich es jetzt, ein Feuergewehr abzuschießen, weil ich befürchtete, von den Wilden gehört zu werden. Aber ein ander Ding war es mit dem Rauch, der aus meinem Versteck aufstieg! Wie leicht konnte er mich den Falkenaugen der Kannibalen verraten! Wenn ich daher Brot zu backen oder irdene Geschirre zu brennen hatte, so wendete ich Holzkohlen an. Ich hatte nämlich als Knabe in der Heimat gesehen, wie man Holz unter Torferde anzündete und durch Glühen in Kohlen verwandelte. Dieses Verfahren wandte ich jetzt an und vermied dadurch das Aufsteigen des Rauches.

Auch ging ich während dieser Zeit nicht mehr aus, um nach meinem Kanoe zu sehen; denn unter den jetzigen Umständen durfte ich nicht daran denken, das andre Fahrzeug zurückzuholen. Stets unternahm ich meine Ausflüge nur unter dem Schutze von zwei oder drei Pistolen sowie eines Degens, zu welchem ich mir ein eignes Bandelier gemacht hatte. Man wird mir wohl glauben, daß ich in diesem Aufzuge im stande war, einigermaßen Furcht einzuflößen. Auf der Rückseite des bekannten Hügels fand ich einen Ort, wo ich die Wilden, falls sie landen sollten, von ihnen unbemerkt beobachten, mich auch durch das dichte Gebüsch heranschleichen, in einem hohlen Baume verbergen und ihrem barbarischen Treiben zuschauen konnte. Da stellte ich mir denn einige zwanzig Menschenvor, die unter meinen Kugeln oder Hieben zu Boden stürzten; die umherliegenden Schädel und Gebeine steigerten nur noch meinen Rachedurst.

Jede meiner Musketen lud ich mit vier bis fünf größeren Kugeln, die Jagdflinte mit grobem Schrot und die Pistolen mit drei bis vier kleineren Kugeln. Nachdem ich alles zu einem Kriegszuge ausgerüstet hatte, wanderte ich jeden Morgen auf einen Hügel, der ungefähr eine Meile von meiner Burg entfernt war, um zu beobachten, ob sich nicht ein Boot auf der See zeige, das nach meiner Insel zusteuere. Drei bis vier Monate lang hielt ich hier Tag für Tag Wache und spähte auf das Meer hinaus, ohne auch nur die geringste Spur eines Fahrzeugs zu entdecken. – Nach so vielen fruchtlosen Bemühungen war es natürlich, daß sich mein Eifer abkühlte; eine andre Anschauung der Verhältnisse gewann in mir die Oberhand.

Wer, so fragte ich mich selbst, hatte mich denn zum Richter über diese Menschen gesetzt, die noch gänzlich ihren grausamen Gewohnheiten ergeben vielleicht der Meinung leben, sie verrichten eine ihrer Gottheit gefällige Handlung? Ist es doch bei diesen Völkern Kriegsbrauch, welchen sie seit alten Zeiten von ihren Vätern ererbt haben, Gefangene mit sich zu führen und sie zu töten, und scheint es ihnen doch ebensowenig strafwürdig, als wenn wir ein unschuldiges Tier schlachten.

Allerdings geben sich die Wilden einem blutdürstigen Götzendienste hin, welcher Menschenopfer fordert; aber ist diese Barbarei zu vergleichen mit den Greueln, welche die Spanier in Mexiko und in Peru verübt hatten, wo sie ganze Völkerschaften vertilgten? Als ich daran dachte, was mir mein Vater aus jenen grausamen Zeiten erzählt hatte, wurde ich milder gegen die unglücklichen Kannibalen gestimmt, und ich fand es selbst von meiner Seite unmenschlich, sie in feindseliger Absicht anzugreifen, solange sie mich nur selbst in Ruhe ließen.

Außerdem hätte ich wahrscheinlich durch ein allzu rasches Handeln meinen eignen Untergang herbeigeführt. Denn gesetzt, es wäre eine Anzahl von 30 Wilden auf mich eingestürmt, war ichdenn wirklich so sicher, sie alle zu töten? Ja, wenn nur ein einziger mir entkam, um seinen Kriegsgefährten in der Heimat Kunde zu bringen, so landeten bald Hunderte, vielleicht Tausende, um den Tod ihrer gefallenen Freunde zu rächen. Aus alledem zog ich den Schluß, daß die Klugheit und die Menschlichkeit mir in gleicher Weise verböten, mich in die Angelegenheiten jener halbtierischen Menschen überhaupt zu mischen.

Die Religion vereinigte sich mit der Besonnenheit, um mich zu überzeugen, daß meine grausamen Entwürfe gegen die Wilden, die mir noch nie etwas zuleide gethan hatten, meinen Pflichten durchaus zuwiderliefen. Ich hatte jetzt alle Ursache, Gott auf den Knieen dafür zu danken, daß er mich nicht eine That begehen ließ, die ich nunmehr für einen Menschenmord ansah. Ich flehte zu Gott, mich vor diesen Barbaren zu bewahren, und gelobte mir, nur dann Hand an sie zu legen, wenn meine Selbstverteidigung dies erforderte. Bei solchen Gesinnungen beharrte ich fast ein ganzes Jahr und war so wenig gegen die schlimmen Nachbarn ungehalten, daß ich während dieser Zeit nicht einmal den Hügel bestieg, um zu sehen, ob sich ihre Fahrzeuge in der Ferne zeigten oder ob sie kürzlich auf der Insel gewesen wären.

AchtzehnJahre lebte ich nun schon auf meiner Insel, und noch hatte ich nicht mehr als einen einzigen Fußabdruck im Sande und die Reste einer Blutmahlzeit angetroffen. Ich durfte daher wohl annehmen, daß die Besuche der Wilden auf dem Eilande sehr selten stattfanden und daß ich auch in der Folgezeit unentdeckt bleiben würde. Mein kleines Boot schaffte ich auf die östliche Spitze der Insel in eine durch Felsen geschützte Bucht, wohin die Fremden wegen der widrigen Strömung nicht gelangen konnten. Inzwischen war mein Vorrat an Kohlen zu Ende gegangen, und ich mußte darauf bedacht sein, denselben wieder zu erneuern. Deshalb wanderte ich in jenes Felsenthal, wo meine Ziegenherden untergebracht waren und wo ich in einer Höhle am Fuße eines Berges einen passenden Platz für meine Kohlenbrennerei gewählt hatte. Während ich in der Nähe eines Felsens Äste abhieb, gewahrte ich hinter einem dichten Gebüsch eine dunkle Höhlung in der Bergwand, die sich ziemlich tief in den Berg verlief. Schon hatte ich mir durch das Gestrüpp einen Weg gebahnt, um meine Neugierde zu befriedigen, da funkelten mich gleich flammenden Sternen zwei große mächtige Augen an. Hierdurch vollständig in Verwirrung gesetzt, rang ich längere Zeit nach Fassung; endlich fing ich an, mich über meine Furcht zu schämen. Als ich wieder vor der Felswand stand, nannte ich mich einen Feigling, indem ich mir sagte, daß ein Mensch, der seit fast 20 Jahren allein auf einem öden Eiland gelebt, doch mehr Besonnenheit haben sollte, um nicht vor jedem außergewöhnlichen Anblick wie ein furchtsames Kind zu erzittern. Ich faßte also frischen Mut, nahm einen Feuerbrand und trat in die Grotte ein. Kaum hatte ich jedoch drei bis vier Schritte gethan, als ich erschrocken zurückfuhr, so daß auf meiner Stirn Schweiß stand. – Meine Haare sträubten sich empor, denn aus dem Innern der Höhle klang es wie das Seufzen eines leidenden Menschen, dann folgten ein Stöhnen und tiefes Seufzen.

Ich sammelte alle meine Kräfte und ermutigte mich durch den Gedanken, daß Gott allgegenwärtig sei und mich überall beschützen könne. Noch einmal trat ich mit dem Feuerbrand in die Höhle zurück, und nun erst gewahrte ich, daß es nichts weiter war, als ein großer, alterZiegenbock, der hier im Sterben lag. Vergebens bemühte ich mich, ihn aufzurütteln, er sank immer wieder in seine vorige Lage zurück. Ich ließ ihn also liegen und sah mir die Höhle etwas genauer an. Sie war ziemlich groß und hoch und offenbar nicht durch Menschenhand, sondern von der Natur selbst gebildet. Im Hintergrunde entdeckte ich eine Öffnung, die noch tiefer in die Erde ging, indes so niedrig war, daß man nur auf Händen und Füßen hineinkriechen konnte. Für heute begnügte ich mich aber mit den gemachten Beobachtungen, brannte meine Kohlen, melkte die Ziegen und kehrte nach meiner Wohnung zurück.

Am andern Tage kam ich mit sechs großen Lichtern an demselben Orte an. Ich muß hier erwähnen, daß ich schon seit mehreren Jahren ganz leidlich Lichter aus Bocksfett herstellte, zu deren Dochten ich teils alte Lumpen oder Tauenden, teils die getrockneten Stengel einer Nesselpflanze verwandte. Der alte Bock hatte sich währendmeiner Abwesenheit bis an die Öffnung der Höhle geschleppt, wo er auch liegen blieb. Ich schaffte das schwere Tier beiseite und begrub es sogleich. Dann zündete ich zwei Lichter an und trat in die Höhle. Als ich an die enge Öffnung im Hintergrunde kam, duckte ich mich nieder und kroch ungefähr drei Meter weit auf den Händen fort; da erweiterte sich die Öffnung, und meine Augen wurden durch ein prachtvolles Schauspiel gefesselt. Ich befand mich nämlich in einer herrlichen Wölbung, an deren Wänden sich der Strahl der Lichter in tausendfachem Schimmer brach. Waren es Diamanten oder vielleicht Goldkörner, die sich an die Felsenwände kristallisiert hatten? Ich konnte es nicht entscheiden. Der Boden war trocken und eben, mit äußerst feinem Kies bedeckt, und nirgends eine Spur von Feuchtigkeit, schädlichen Ausdünstungen oder widerwärtigen Tieren. Als einzigen Übelstand fand ich die Beschwerlichkeit des Eingangs und die dichte Finsternis. Dennoch freute ich mich über meine Entdeckung, da die Grotte eine sichere Zufluchtsstätte zu bieten versprach; ich beschloß also gleich, diejenigen Gegenstände, die mir am wertvollsten schienen, ohne Zögern hierher zu schaffen.

Vor allem brachte ich meinen Vorrat an Pulver samt meinen beiden Jagdflinten und drei Musketen nach der Grotte. Bei dieser Gelegenheit öffnete ich auch mein letztes Pulverfäßchen, das ich aus der See aufs Trockene gerettet hatte, und bemerkte, daß das Meerwasser ein Stück eingedrungen, das Pulver soweit zu einer harten Schale zusammengebacken, der Rest aber vollständig gut erhalten war. Alles das schaffte ich in die Grotte und behielt für meinen gewöhnlichen Bedarf nur wenig zurück. Auch das Blei, welches ich noch besaß, um daraus Kugeln zu gießen, barg ich nebst andern wertvollen Dingen an diesem von der Natur so geschützten Orte. Ich gewann nun die Überzeugung, daß, wenn mich die Kannibalen auf der Insel auszuspähen versuchten, sie mich hier kaum finden würden; jedenfalls glaubte ich nun vor Angriffen sicher zu sein. Ich kam mir jetzt vor wie einer der Riesen aus der Vorzeit, welche in Höhlen und Felsenklüften lebten, in denen sie unnahbare Zufluchtsstätten fanden.


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