III

III

Von diesem Tage an trat in unserem Leben und in unserem Verhältnis eine tiefe Veränderung ein. Wir fühlten uns, wenn wir allein waren, nicht mehr so wohl wie einst. Es gab Fragen, die wir umgingen, und in Gegenwart eines Dritten war es uns viel leichter zu sprechen als unter vier Augen. Wenn bloß die Rede auf das Landleben oder auf einen Ball kam, fing es uns vor den Augen zu flimmern an, und wir schämten uns, uns anzusehen. Als fühlten wir beide, wo der Abgrund lag, der uns trennte, und als mieden wir, ihm nahe zu kommen. Ich war überzeugt, daß er stolz und aufbrausend sei, und daß ich ihn vorsichtiger behandeln müsse, um nicht seine schwachen Seiten zu verletzen. Er aber war überzeugt, daß ich ohne die große Welt nicht leben könne, daß das Leben auf dem Lande mir nicht passe, und daß er sich meinem unglücklichen Geschmack fügen müsse. Wir vermieden beide jedes direkte Gespräch über diese Gegenstände und beurteilten darum einander falsch. Wir hatten schon lange aufgehört, einander für die vollkommensten Menschen auf Erden zu halten; wir stellten vielmehr Vergleiche mit anderen an und übten aneinander heimlich Kritik. Vor der Abreise erkrankte ich, und wir zogen statt aufs Land in eine Sommerfrische in der Nähe der Stadt, von wo mein Mann allein zu seiner Mutter reiste. Als er abreiste, war ich schon so weit hergestellt, daß ich mit ihm hätte mitkommen können, aber er bat mich, noch zu bleiben, als fürchtete er für meineGesundheit. Ich fühlte, daß ihm nicht meine Gesundheit Sorgen machte, sondern der Gedanke, daß wir uns auf dem Lande zusammen nicht wohl fühlen würden; ich widersprach ihm nicht viel und blieb. Ohne ihn kam mir alles so leer und öde vor, als er aber wiederkam, merkte ich, daß er meinem Leben nicht mehr das zu verleihen vermochte, was er ihm früher verliehen hatte. Unsere früheren Beziehungen, wo jeder Gedanke, jede Empfindung, die ich ihm nicht mitteilte, auf mir wie ein Verbrechen lasteten, wo jede Handlung und jedes Wort von ihm mir als der Gipfel der Vollkommenheit erschienen, wo wir immer vor Freude lachen wollten, wenn wir uns bloß ansahen, – dieses Verhältnis war unmerklich zu einem anderen geworden und verschwunden, ehe wir uns dessen versahen. Ein jeder von uns hatte jetzt seine eigenen Interessen und Sorgen, die er gar nicht zu gemeinsamen zu machen suchte. Es bedrückte uns sogar nicht mehr, daß jeder von uns seine eigene, für den anderen fremde Welt hatte. Wir hatten uns an diesen Gedanken gewöhnt, und nach einem Jahre hörte es schon sogar in unseren Augen zu flimmern auf, wenn wir einander ansahen. Seine früheren Anfälle plötzlicher Lustigkeit waren dahin, ebenso sein kindliches Wesen, seine Allverzeihung und Gleichgültigkeit gegen alles, die mich früher so empört hatten; vorbei war es mit seinem tiefen Blick, der mich früher so verwirrte und erfreute, vorbei mit den gemeinsamen Gebeten und Ekstasen; wir sahen uns sogar recht selten, denn er war immer auf Reisen, und es tat ihm weder leid, noch ängstigte er sich, mich allein zu lassen; ich aber war immer in der großen Welt, wo ich ihn nicht brauchte.

Szenen und Zerwürfnisse kamen zwischen uns nicht mehr vor; ich bemühte mich, ihm gefällig zu sein, er erfüllte alle meine Wünsche, und es sah so aus, als ob wir einander noch liebten.

Wenn wir allein blieben, was nur selten vorkam, empfand ich in seiner Gegenwart weder Freude, noch Aufregung oder Verwirrung, ganz als wäre ich allein mit mir selbst. Ich wußte sehr gut, daß er mein Mann war, nicht irgendein neuer, unbekannter Fremder, sondern ein guter Mensch, mein Mann, den ich so gut kannte, wie mich selbst. Ich war überzeugt, daß ich alles wisse, was er tun und was er sagen, und wie er dies oder jenes ansehen würde, und wenn er etwas anders tat oder ansah, als ich erwartete, so glaubte ich,erhabe sich geirrt. Ich erwartete von ihm nichts. Mit einem Worte, er war mein Mann und sonst nichts. Mir schien, als müsse es so sein, als gäbe es kein anderes Verhältnis, als hätte es unter uns sogar nie ein anderes Verhältnis gegeben. Wenn er verreiste, fühlte ich mich, besonders in der ersten Zeit, einsam; in seiner Abwesenheit empfand ich stärker, welche Stütze ich in ihm hatte; wenn er zurückkehrte, fiel ich ihm vor Freude um den Hals, obwohl ich schon nach zwei Stunden diese Freude vergaß und nicht mehr wußte, über was mit ihm zu sprechen. Nur in den Augenblicken der stillen, gemäßigten Zärtlichkeit, die es zwischen uns manchmal gab, kam es mir vor, als sei es nicht das Richtige, als hätte ich im Herzen ein Weh, und ich glaubte auch in seinen Augen dasselbe zu lesen. Ich sah vor mir jene Grenze der Zärtlichkeit, die zu überschreiten er nicht den Willen und ich nicht die Kraft hatte. Manchmal stimmte mich das traurig, aber ich hattekeine Zeit, mich irgendwelchen Betrachtungen hinzugeben, und ich bemühte mich, diese Trauer über die Änderung, die ich dunkel empfand, in den Zerstreuungen zu vergessen, die mir immer zur Verfügung standen. Das Leben in der großen Welt, das mich anfangs mit seinem Glanze benebelt und meinem Ehrgeiz geschmeichelt hatte, bemächtigte sich bald aller meiner Neigungen, wurde mir zur Gewohnheit, schlug mich in Fesseln und nahm in meiner Seele den ganzen Platz ein, der für die Gefühle bereitet war. Ich blieb jetzt niemals allein mit mir selbst und scheute es, über meine Lage zu grübeln. Die ganze Zeit vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein war besetzt und gehörte nicht mir, selbst wenn ich nicht ausging. Das war mir jetzt weder lustig noch langweilig, sondern ich hatte das Gefühl, als müsse es immer so und nicht anders sein.

So vergingen drei Jahre, und während dieser Jahre blieben unsere Beziehungen dieselben; sie waren gleichsam stehengeblieben, erstarrt und konnten weder schlechter noch besser werden. Im Laufe dieser drei Jahre gab es zwei wichtige Ereignisse in unserem Familienleben, doch keines von den beiden vermochte mein Leben irgendwie zu ändern. Es waren dies die Geburt meines ersten Kindes und der Tod Tatjana Ssemjonownas. Das Muttergefühl hatte mich in der ersten Zeit so mächtig ergriffen und ein so unerwartetes Entzücken in mir geweckt, daß ich schon glaubte, nun beginne für mich ein neues Leben; aber nach zwei Monaten, als ich wieder in den Strudel der großen Welt kam, fing dieses Gefühl an, beständig abzunehmen und wurde schließlich zu einer Gewohnheit und kalten Pflichterfüllung. Mein Mann dagegen war nach der Geburtunseres ersten Sohnes wieder der frühere sanfte und ruhige Stubenhocker geworden und hatte seine ganze Zärtlichkeit und Lustigkeit auf das Kind übertragen. Oft, wenn ich im Ballkleide ins Kinderzimmer kam, um es zum Abschied zu bekreuzigen, und dort meinen Mann traf, fühlte ich seinen vorwurfsvollen und durchdringenden Blick auf mir ruhen, und ich mußte mich schämen. Ich erschrak plötzlich über meine Gleichgültigkeit gegen das Kind und fragte mich, ob ich denn schlechter sei als die anderen Frauen. – Was soll ich machen? – dachte ich mir: – Ich liebe meinen Sohn, aber ich kann doch nicht tagelang bei ihm sitzen, das ist mir langweilig; heucheln werde ich aber um nichts in der Welt. – Der Tod seiner Mutter war für ihn ein harter Schlag; es war ihm schwer, wie er sagte, nach ihrem Tode in Nikolskoje zu wohnen; obwohl ich sie auch betrauerte und meinem Mann mitfühlte, hätte ich doch das Landleben vorgezogen, das mir angenehmer und ruhiger erschien. Diese ganzen drei Jahre hatten wir zum größten Teil in der Stadt verlebt, aufs Land kam ich nur einmal für zwei Monate, und im dritten Jahre reisten wir ins Ausland.

Wir verbrachten den Sommer in einem Badeorte.

Ich war damals erst einundzwanzig Jahre alt; unsere Vermögensverhältnisse waren, wie ich glaubte, im glänzendsten Zustande; vom Familienleben verlangte ich nicht mehr, als es mir gab; alle, die ich kannte, schienen mich zu lieben; mein Gesundheitszustand war gut; meine Toiletten waren die schönsten im ganzen Badeorte; ich wußte, daß ich schön war; das Wetter war herrlich; eine eigentümliche Atmosphäre von Schönheit und Eleganz umgab mich, und es war mir sehr lustig zumute. Aber ich war doch nicht solustig, wie ich es in Nikolskoje gewesen, als ich fühlte, daß ich in mir selbst glücklich sei, glücklich, weil ich dieses Glück verdient habe, daß mein Glück wohl groß sei, es aber irgendwo auch noch ein größeres Glück geben müsse, und daß ich immer mehr und mehr von diesem Glück wolle. Damals war es ganz anders gewesen; aber auch in diesem Sommer fühlte ich mich wohl. Ich wünschte nichts, ich hoffte auf nichts, ich befürchtete nichts, mein Leben erschien mir ganz ausgefüllt, und mein Gewissen war ruhig. Unter allen jungen Männern jener Saison gab es nicht einen einzigen, den ich irgendwie vor den anderen bevorzugte, – nicht mal vor dem alten Fürsten K., unserem Gesandten, der mir den Hof machte. Der eine war jung, der andere alt, der eine ein blonder Engländer, der andere ein Franzose mit einem Spitzbart; sie erschienen mir alle gleich, doch alle waren mir unentbehrlich. Es waren lauter gleichgültige Menschen, die die freudige Lebensatmosphäre bildeten, die mich umgab. Nur einer unter ihnen, der italienische Marchese D., hatte durch die kühne Art, sein Entzücken über mich zu äußern, mehr als die anderen meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um mit mir zusammen zu sein, zu tanzen, auszureiten, mich im Kasino usw. zu treffen und mir zu sagen, daß ich schön sei. Einigemal sah ich ihn durchs Fenster in der Nähe unseres Hauses stehen, und oft hatte der unangenehme durchdringende Blick seiner glänzenden Augen mich erröten gemacht und genötigt, mich umzuwenden. Er war jung, hübsch, elegant und hatte, vor allen Dingen, in seinem Lächeln und im Ausdruck seiner Stirne eine Ähnlichkeit mit meinem Manne, obwohl er viel hübscher war als dieser.Die Ähnlichkeit frappierte mich, obwohl er im allgemeinen, in den Augen, im Blick, im langen Kinn, statt des reizenden Ausdruckes der Güte und der idealen Ruhe meines Mannes, etwas Rohes und Tierisches hatte. Ich glaubte damals, daß er mich leidenschaftlich liebe und dachte daran mit stolzem Mitleid. Manchmal kam mir der Wunsch, ihn zu beruhigen und auf den Ton einer halbfreundschaftlichen stillen Vertrautheit zu stimmen, er wies aber alle solche Versuche schroff zurück und fuhr fort, mich auf die unangenehmste Weise mit seiner noch unausgesprochenen, aber jeden Augenblick zur Entladung kommen wollenden Leidenschaft in Verlegenheit zu bringen. Obwohl ich es mir auch nicht eingestand, fürchtete ich doch diesen Menschen und dachte oft unwillkürlich an ihn. Mein Mann kannte ihn und begegnete ihm noch kühler und hochmütiger als unseren anderen Bekannten, für die er bloß der Mann seiner Frau war. Gegen Ende der Saison wurde ich krank und hütete vierzehn Tage lang das Zimmer. Als ich zum erstenmal nach meiner Krankheit abends zur Kurmusik kam, erfuhr ich, daß währenddessen die längst erwartete und wegen ihrer Schönheit bekannte Lady S. angekommen sei. Um mich bildete sich ein Kreis, man empfing mich mit großer Freude, aber ein noch schönerer Kreis hatte sich um die neuangekommene Salonlöwin gebildet. Alle um mich herum sprachen nur von ihrer Schönheit. Man zeigte sie mir; sie war tatsächlich schön, aber ihr selbstbewußter Ausdruck war mir unangenehm, und ich sprach es auch aus. An diesem Tage langweilte mich alles, was mir früher lustig vorkam. Am nächsten Tage veranstaltete Lady S. einen Ausflug zur Burg, an dem ich mich nicht beteiligte. Bei mir bliebfast niemand, und alles hatte sich in meinen Augen verändert. Alle kamen mir auf einmal so dumm und langweilig vor, ich weinte beinahe, ich wollte meine Kur so schnell als möglich beenden und nach Rußland zurückkehren. In meinem Herzen regte sich irgendein häßliches Gefühl, aber ich wollte es mir nicht eingestehen. Unter dem Vorwande, daß ich zu schwach sei, hörte ich auf, mich in der großen Gesellschaft zu zeigen und kam nur manchmal des Morgens ganz allein zum Brunnen oder machte mit meiner russischen Bekannten L. M. Ausflüge in die Umgegend. Mein Mann war während dieser Zeit abwesend: er war für einige Tage nach Heidelberg gefahren, um dort das Ende meiner Kur abzuwarten und dann zusammen mit mir nach Rußland zurückzukehren, und besuchte mich nur ab und zu.

Eines Tages hatte Lady S. die ganze Gesellschaft zu einer Jagd mitgenommen, während ich mit L. M. am Nachmittag zur Burg hinausfuhr. Als unsere Equipage im Schritt die vielgewundene Chaussee zwischen den hundertjährigen Kastanien hinauffuhr, durch die man die von den Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtete liebliche Umgebung von Baden-Baden sehen konnte, kam es zwischen uns zu einem so ernsten Gespräch, wie wir es noch nie geführt hatten. L. M., die ich schon seit langem kannte, erschien mir zum erstenmal als eine kluge und gute Frau, mit der man über alles sprechen konnte und deren Freundschaft angenehm war. Wir sprachen von unseren Familien und Kindern, von der Leere des hiesigen Lebens, wir sehnten uns nach Rußland und dem Leben auf dem Gute zurück, und es wurde uns plötzlich so schwermütig und wohlums Herz. Wir betraten die Burg unter dem Einflusse des gleichen ernsten Gefühls. In ihren Mauern war es schattig und kühl, oben auf den Ruinen spielte die Sonne und ließen sich Schritte und Stimmen vernehmen. Durch die Türe zeigte sich uns wie in einem Rahmen das reizende, aber für uns Russen so kalte Bild der Landschaft von Baden-Baden. Wir setzten uns hin, um auszuruhen, und blickten schweigend auf die untergehende Sonne. Die Stimmen erklangen deutlicher, und es war mir, als hörte ich meinen Namen. Ich lauschte und hörte unwillkürlich jedes Wort. Die Stimmen waren mir bekannt: es waren der Marchese D. und sein Freund, ein Franzose, den ich ebenfalls kannte. Sie sprachen von mir und von der Lady S. Der Franzose verglich mich mit ihr und kritisierte meine und ihre Schönheit. Er sagte zwar nichts Beleidigendes, aber mir strömte das ganze Blut zum Herzen, als ich seine Worte hörte. Er erklärte sehr ausführlich, was an mir und was an Lady S. schön sei. Ich hätte schon ein Kind, aber Lady S. sei erst neunzehn Jahre alt; mein Haar sei schöner, dafür habe Lady S. eine schlankere Taille; die Lady sei eine große Dame, »während Ihre Passion,« sagte er, »nur eine von den kleinen russischen Fürstinnen ist, die in der letzten Zeit so oft hier erscheinen.« Er schloß damit, daß ich sehr gut daran tue, mich mit der Lady S. nicht zu messen, und daß ich nun in Baden-Baden endgültig erledigt sei.

»Sie tut mir leid.«

»Wenn es ihr nur nicht einfällt, sich mit Ihnen zu trösten,« fügte er mit einem lustigen und harten Lachen hinzu.

»Wenn sie verreist, folge ich ihr,« sagte roh die andere Stimme mit italienischem Akzent.

»Der glückliche Sterbliche! Er kann noch lieben!« lachte der Franzose.

»Lieben!« antwortete die andere Stimme und fuhr nach einigem Schweigen fort: »Ich kann nicht anders, ohne Liebe gibt es kein Leben. Aus seinem Leben einen Roman machen, ist das einzig Schöne. Mein Roman bleibt aber niemals in der Mitte stecken, und ich werde auch diesen zu Ende führen.«

»Bonne chance, mon ami,« sagte der Franzose.

Das Weitere hörten wir nicht, denn sie waren um eine Ecke gebogen, und ihre Stimmen erklangen von der anderen Seite. Sie gingen die Treppe hinunter, kamen nach einigen Minuten aus einer Seitentür und waren sehr erstaunt, uns hier zu treffen. Ich errötete, als der Marchese D. sich mir näherte, und erschrak, als er beim Verlassen der Burg mir den Arm bot. Ich konnte nicht ablehnen, und so begaben wir uns hinter L. M., die mit seinem Freunde vorausging, zu unserem Wagen. Die Worte des Franzosen hatten mich beleidigt, obwohl er nur das, was ich selbst fühlte, ausgesprochen hatte; aber die Worte des Marchese hatten mich durch ihre Rohheit in Erstaunen gesetzt und empört. Mich peinigte der Gedanke, daß er, obwohl ich seine Worte gehört hatte, keine Scheu vor mir empfand. Es war mir ekelhaft, ihn so nahe neben mir zu fühlen, und ich ging, ohne ihn anzusehen und ohne auf seine Worte zu antworten, schnell hinter L. M. und dem Franzosen her und bemühte mich, meinen Arm so zu halten, daß ich seine Worte nicht hören konnte. Der Marchese sagte etwas überdie schöne Aussicht, über das unerwartete Glück, mich hier getroffen zu haben, und noch etwas, aber ich hörte ihm nicht zu. Ich dachte die ganze Zeit an meinen Mann, an meinen Sohn, an Rußland; ich empfand Scham, etwas tat mir leid, ich wünschte etwas und wollte so schnell als möglich nach Hause, nach meinem einsamen Zimmer imHôtel de Bade, um ungestört über alles nachzudenken, was in meiner Seele aufgewühlt worden war. Aber L. M. ging langsam, zum Wagen war es noch weit, und mein Kavalier verlangsamte, wie mir schien, hartnäckig seine Schritte, als versuchte er mich zurückzuhalten. – Das darf nicht sein! – sagte ich mir und beschleunigte energisch meine Schritte. Aber er hielt mich tatsächlich zurück und drückte sogar meinen Arm. L. M. verschwand hinter einer Biegung des Weges, und wir blieben ganz allein. Mich überkam ein Schreck.

»Entschuldigen Sie,« sagte ich kühl und versuchte meinen Arm zu befreien, aber mein Spitzenärmel blieb an einem seiner Knöpfe hängen. Er beugte sich mit der Brust nach vorn und begann den Ärmel freizumachen, und die Finger seiner bloßen Hand berührten die meine. Ein eigentümliches, mir ganz neues Gefühl, in dem sich ein Grauen und eine Wonne vermischten, überlief mir kalt den Rücken. Ich sah ihn an, um durch einen kalten Blick die ganze Verachtung auszusprechen, die ich gegen ihn empfand; aber mein Blick drückte etwas ganz anderes aus: Furcht und Erregung. Seine brennenden, feuchten Augen, die so nahe an meinem Gesicht waren, sahen so eigentümlich auf mich, auf meinen Hals, auf meine Brust; seine beiden Hände betasteten meine Hand über dem Gelenk, seineoffenen Lippen sprachen etwas, sie sagten, daß er mich liebe, daß ich für ihn alles sei; und diese Lippen kamen immer näher, und seine Hände drückten immer fester die meinen zusammen und versengten mich. Ein Feuer lief durch alle meine Adern, es wurde mir finster vor den Augen, ich zitterte, und die Worte, mit denen ich ihn zurückhalten wollte, blieben mir in der Kehle stecken. Plötzlich fühlte ich einen Kuß auf meiner Wange, ich blieb, am ganzen Leibe zitternd und erkaltend, stehen und sah ihn an. Außerstande, zu sprechen oder mich zu rühren, erwartete ich voller Schrecken etwas und verlangte zugleich danach. Das alles dauerte nur einen Augenblick. Aber dieser Augenblick war entsetzlich! Ich hatte ihn während dieses Augenblicks so genau gesehen. So verständlich war mir sein Gesicht: diese niedrige, steile Stirne, die der Stirne meines Mannes so ähnlich war, diese schöne, gerade Nase mit den geblähten Nüstern, dieser lange, steif gewichste Schnurr- und Kinnbart, diese glatt rasierten Wangen und der gebräunte Hals. Ich haßte ihn, ich fürchtete ihn: so fremd war er mir; aber in diesem Augenblick weckten in mir die Aufregung und die Leidenschaft dieses verhaßten, fremden Mannes einen so mächtigen Widerhall, ich fühlte ein so unüberwindliches Verlangen, mich den Küssen dieses rohen und schönen Mundes und den Umschlingungen dieser weißen Hände mit den feinen Adern und den ringgeschmückten Fingern hinzugeben, mich kopfüber in den lockenden Abgrund verbotener Wonnen, der sich plötzlich vor mir auftat, zu stürzen! …

– Ich bin so unglücklich, – dachte ich –, möge sich noch mehr Unglück über meinem Kopfe häufen. –

Er umschlang mich mit dem einen Arm und beugte sich über mein Gesicht. – Möge sich noch mehr Schande und Sünde über meinem Kopfe sammeln! –

»Je vous aime,« flüsterte er mit einer Stimme, die so sehr an die meines Mannes erinnerte. Ich dachte an meinen Mann und an mein Kind wie an längst entschwundene teure Wesen, mit denen mich nichts mehr verband. Aber plötzlich erklang hinter der Biegung die Stimme der L. M., die mich rief. Ich kam zur Besinnung, entriß ihm meine Hand und lief fast, ohne ihn anzusehen, zu L. M. Wir stiegen in den Wagen, und erst jetzt sah ich ihn an. Er nahm den Hut ab und sagte lächelnd etwas. Er begriff wohl nicht den unsagbaren Ekel, den ich in diesem Augenblick gegen ihn empfand.

Mein Leben erschien mir so unglücklich, meine Zukunft so hoffnungslos, die Vergangenheit so schwarz! L. M. sprach etwas zu mir, aber ich verstand ihre Worte nicht. Es war mir, als spräche sie mit mir nur aus Mitleid, um die Verachtung zu verbergen, die ich in ihr weckte. In jedem ihrer Worte, in jedem ihrer Blicke glaubte ich diese Verachtung, dieses verletzende Mitleid zu fühlen. Der Kuß brannte mir wie ein Schandmal auf der Wange, und der Gedanke an meinen Mann und an mein Kind war mir unerträglich. Ich hoffte allein in meinem Zimmer über meine Lage nachdenken zu können, aber es war mir so schrecklich, allein zu sein. Ich trank den Tee, den man mir gebracht hatte, nicht aus und machte mich mit fieberhafter Hast bereit, ohne zu wissen, warum, mit dem Abendzug zu meinem Mann nach Heidelberg zu fahren.

Als ich mit meiner Zofe im leeren Wagen saß, dieMaschine sich in Bewegung setzte und die durch das Fenster hereinwehende frische Luft mir über das Gesicht strich, kam ich allmählich zur Besinnung und fing an, meine Vergangenheit und Zukunft klarer zu sehen. Mein ganzes Eheleben vom Tage unserer Abreise nach Petersburg an erschien mir in einem neuen Lichte und legte sich mir als schwerer Vorwurf aufs Gewissen. Zum erstenmal erinnerte ich mich wieder lebhaft unserer ersten Zeit auf dem Lande, unserer Pläne, und zum erstenmal kam mir die Frage in den Sinn: welches waren seine Freuden während dieser ganzen Zeit? Und ich fühlte mich schuldig gegen ihn. – Warum hat er mich aber nicht zurückgehalten, warum hat er geheuchelt, warum ist er allen Erklärungen aus dem Wege gegangen, warum hat er mich beleidigt? – fragte ich mich. – Warum hat er nicht von der Macht seiner Liebe über mich Gebrauch gemacht? Oder liebt er mich nicht? – Aber so schuldig er auch sein mochte, der Kuß jenes fremden Mannes brannte mir auf der Wange, und ich fühlte ihn. Je mehr ich mich Heidelberg näherte, um so klarer sah ich meinen Mann vor mir, und um so schrecklicher erschien mir die bevorstehende Begegnung. – Ich will ihm alles, alles sagen, ich will alles mit den Tränen der Reue ausweinen, – dachte ich, – und er wird mir verzeihen. – Aber ich wußte selbst nicht, was dieses »alles« war, was ich ihm sagen wollte, und ich glaubte selbst nicht, daß er mir verzeihen würde.

Als ich aber ins Zimmer meines Mannes trat und sein ruhiges, wenn auch erstauntes Gesicht sah, fühlte ich, daß ich ihm nichts zu sagen, nichts zu gestehen und auch nichtsabzubitten habe. Der Gram und die Reue mußten unausgesprochen in meiner Seele bleiben.

»Was ist dir eingefallen?« fragte er. »Ich wollte ja selbst morgen zu dir kommen.« Als er aber mein Gesicht aufmerksamer betrachtete, schien er erschrocken. »Was hast du? Was ist mit dir los?« fragte er mich.

»Nichts,« antwortete ich, meine Tränen mit Mühe zurückhaltend. »Ich bin für ganz hergekommen. Fahren wir meinetwegen gleich morgen heim nach Rußland.«

Er sah mich recht lange schweigend und aufmerksam an.

»Erzähle doch, was geschehen ist,« sagte er.

Ich errötete unwillkürlich und schlug die Augen nieder. In seinen Augen flammte ein Ausdruck von Kränkung und Zorn auf. Ich erschrak vor den Gedanken, die ihm kommen konnten, und sagte mit einer Verstellung, die ich von mir selbst nicht erwartet hatte:

»Es ist nichts geschehen, es war mir nur so langweilig und traurig allein zu sein, und ich dachte viel an unser Leben und an dich. Ich fühle mich schon so lange schuldig gegen dich! Warum fährst du mit mir dorthin, wo es dir nicht gefällt? Ich fühle mich schon so lange schuldig gegen dich,« wiederholte ich, und die Tränen traten mir wieder in die Augen. »Wollen wir doch auf unser Gut fahren und für immer.«

»Ach, liebes Kind, verschone mich mit solchen empfindsamen Szenen,« sagte er kühl. »Daß du aufs Land willst, ist sehr schön, denn es ist uns recht wenig Geld übrig geblieben; aber für immer, – das ist nur eine Phantasie. Ich weiß, daß du es nicht aushalten wirst. Jetzt aber trinkeTee, das wird besser sein,« schloß er und stand auf, um dem Kellner zu klingeln.

Ich stellte mir alles vor, was er von mir denken konnte, und fühlte mich durch die schrecklichen Gedanken beleidigt, die ich ihm zuschrieb, als ich seinen ungläubigen, gleichsam beschämten Blick, den er auf mich gerichtet hielt, sah. – Nein, er will und kann mich nicht verstehen! – Ich sagte ihm, daß ich nach dem Kinde sehen möchte und verließ ihn. Ich wollte allein sein und weinen, weinen, weinen …


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