IV
Es waren die Fasten vor Mariä Himmelfahrt, und niemand im Hause wunderte sich darum über meinen Entschluß, mich zur Beichte vorzubereiten.
Diese ganze Woche war er kein einzigesmal bei uns gewesen, und mir fiel es nicht nur nicht ein, mich darüber zu wundern, mich zu beunruhigen und ihm deswegen zu zürnen, sondern ich war sogar froh, daß er nicht kam und erwartete ihn erst an meinem Geburtstage. Im Laufe dieser ganzen Woche stand ich jeden Morgen sehr früh auf. Während man den Wagen für mich anspannte, ging ich allein im Garten auf und ab, nahm alle meine Sünden des vorhergehenden Tages durch und überlegte mir, was ich heute machen sollte, um mit diesem Tage zufrieden zu sein und kein einziges Mal zu straucheln. Damals kam es mir so leicht vor, ganz rein von Sünden zu sein. Ich dachte mir, es genüge, daß ich mich ein wenig zusammennehme. Die Pferde fuhren vor, ich stieg mit Katja oder einem der Dienstmädchen in die Liniendroschke, und wir begaben uns nach der drei Werst entfernten Kirche. Beim Betreten der Kirche erinnerte ich mich jedesmal, daß man für alle »mit Gottesfurcht Eintretenden« betet, und bemühte mich, mit diesem Gefühl über die beiden grasbewachsenen Stufen des Kirchenportals zu treten. In der Kirche waren um diese Stunde nie mehr als an die zehn Bauern und Bäuerinnen, die sich ebenfalls zur Beichte vorbereiteten; ich erwiderte mit besonderer Demut ihre Verbeugungen,ging selbst, was mir als ein gottgefälliges Werk erschien, zu der Kerzenlade, ließ mir vom Kirchenältesten, einem alten Soldaten, eine Kerze geben und stellte sie dann selbst vor die Heiligenbilder. Durch die »Zarenpforte« sah ich die von meiner Mama gestickte Altardecke: über der Heiligenwand waren zwei Engel mit Sternen angebracht, die mir, als ich noch klein war, so groß erschienen, und eine Taube mit gelbem Heiligenschein, die mich damals gleichfalls gefesselt hatte. Hinter dem Chore stand das zerbeulte Taufbecken, über dem ich schon so oft die Kinder unserer Leibeigenen als Taufpatin gehalten hatte und in dem ich einst selbst getauft worden war. Der alte Priester trat vor den Altar in einem Ornat, das aus dem Bahrtuch meines verstorbenen Vaters angefertigt worden war, und sprach die Gebete mit der gleichen Stimme, mit der er immer, soweit ich mich erinnern konnte, in unserem Hause die Gottesdienste abgehalten, Ssonja getauft, die Seelenmesse für meinen Vater gelesen und die Leiche meiner Mutter eingesegnet hatte. Die gleiche zitternde Stimme des Küsters klang im Chor, und die gleiche alte Frau, die ich in dieser Kirche von jeher und bei jedem Gottesdienste gesehen hatte, stand gebückt an der Wand, blickte mit weinenden Augen auf das Heiligenbild im Chor, drückte die zum Zeichen des Kreuzes zusammengelegten Finger an ihr verschossenes Kopftuch und flüsterte etwas mit zahnlosem Munde. Dies alles weckte jetzt in mir nicht mehr Neugierde, auch nicht bloß liebe Erinnerungen, sondern war groß und heilig und schien mir von einer tiefen Bedeutung erfüllt. Ich glaubte jedem Worte des Gebets, das der Priester las, bemühte mich, auf jedes Wort mitinnerem Gefühl Antwort zu geben, und wenn ich etwas nicht verstand, so bat ich in Gedanken Gott, mich zu erleuchten, oder erfand an Stelle des Gebetes, dem ich nicht folgen konnte, mein eigenes. Wenn die Bußgebete gelesen wurden, erinnerte ich mich meiner ganzen Vergangenheit, und diese kindliche und unschuldige Vergangenheit erschien mir im Vergleich mit dem jetzigen lichten Zustande meiner Seele so schwarz, daß ich weinte und mich über mich selbst entsetzte; zugleich fühlte ich aber, daß mir dies alles vergeben würde, und daß, wenn ich sogar noch mehr Sünden hätte, die Reue für mich um so süßer wäre. Wenn der Priester am Ende des Gottesdienstes die Worte sprach: »Gottes Segen über Euch«, glaubte ich im gleichen Augenblick von einem körperlichen Wohlgefühl durchströmt zu werden: es war, als ob mir plötzlich Licht und Wärme ins Herz drängen. Nach dem Gottesdienste kam der Priester zu mir heraus und fragte, ob und wann er zu uns ins Haus kommen solle, um eine Abendmesse zu lesen; aber ich dankte ihm gerührt dafür, daß er es, wie ich glaubte, für mich tun wollte, und sagte, daß ich selbst zu Fuß oder zu Wagen zur Kirche kommen werde.
»Sie wollen sich selbst bemühen?« pflegte er zu fragen.
Ich wußte nicht, was zu antworten, ohne in die Sünde des Hochmuts zu verfallen.
Nach der Messe schickte ich, wenn Katja nicht dabei war, die Pferde immer weg und ging allein zu Fuß nach Hause. Unterwegs verbeugte ich mich demütig vor allen, denen ich begegnete und suchte Gelegenheit, jemand mit Tat oder Rat zu helfen, mich für jemand aufzuopfern; bald half ich einem Bauern, einen umgekippten Wagen aufzuheben, baldwiegte ich ein Kind und trat bald von der Straße in den Schmutz, um jemand den Weg frei zu machen. Eines Abends hörte ich, wie der Verwalter Katja erzählte, daß der Bauer Ssemjon zu ihm gekommen sei, um Bretter zu einem Sarge für seine verstorbene Tochter und einen Rubel für die Seelenmesse zu bitten, und daß er ihm beides gegeben habe. »Sind denn die Leute so arm?« fragte ich. – »Sie sind sehr arm, gnädiges Fräulein, sie haben nicht mal Salz,« antwortete der Verwalter. Mein Herz schnürte sich zusammen, und zugleich überkam mich etwas wie Freude, als ich das hörte. Ich log Katja vor, daß ich spazieren gehen möchte, lief hinauf, holte mein ganzes Geld (es war sehr wenig, aber doch alles, was ich besaß), bekreuzigte mich und ging allein über die Terrasse und den Garten ins Dorf zu Ssemjons Hause. Sein Haus stand am Rande des Dorfes, ich trat, von niemand bemerkt, ans Fenster, legte das Geld hinein und klopfte an. Die Tür knarrte, jemand kam aus dem Hause und rief mich an; ich lief, vor Schreck zitternd und am ganzen Leibe erkaltend, wie eine Verbrecherin heim. Katja fragte mich, wo ich gewesen und was mit mir los sei, aber ich verstand nicht einmal, was sie zu mir sagte, und gab ihr keine Antwort. Alles erschien mir auf einmal so nichtig und eitel. Ich schloß mich in meinem Zimmer ein und ging lange auf und ab, außerstande, etwas zu tun, an etwas zu denken, außerstande, mir Rechenschaft über meine Empfindungen zu geben. Ich dachte an die Freude, die ich der ganzen Familie bereitet hatte, an die Worte, mit denen sie von demjenigen sprechen würden, der das Geld hingelegt hatte, und es tat mir leid, daß ich ihnen das Geld nicht in die Hand gegeben hatte. Ich dachteauch daran, was wohl Ssergej Michailytsch sagen würde, wenn er von dieser Tat erführe und freute mich darüber, daß niemand es erfahren würde. Und in mir war eine solche Freude, alle Menschen und ich selbst erschienen mir so schlecht, und ich betrachtete mich und die anderen so mild, daß der Gedanke an den Tod mir wie ein Traum von Glück erschien. Ich lächelte und betete und weinte und liebte in diesem Augenblick alle Menschen und auch mich selbst so heiß und so leidenschaftlich. Zwischen den Messen las ich im Evangelium, und immer verständlicher wurde mir dieses Buch, immer rührender und einfacher erschien mir die Geschichte dieses göttlichen Lebens und immer unheimlicher und unergründlicher die Tiefe des Gefühls und der Gedanken, die ich in seiner Lehre fand. So klar und einfach erschien mir dafür alles, wenn ich das Buch beiseite legte und tiefer ins Leben schaute, das mich umgab. Es erschien mir so schwer, nicht gut zu sein, und so einfach, alle zu lieben und von allen geliebt zu werden. Alle waren so gut und sanft zu mir; sogar Ssonja, der ich noch immer Unterricht erteilte, war eine ganz andere geworden und gab sich Mühe, mich zu verstehen, mir gefällig zu sein und mich nicht zu betrüben. Wie ich zu den Menschen war, so waren sie auch zu mir. Ich überlegte mir, ob ich nicht Feinde hätte, die ich vor der Beichte um Verzeihung bitten müßte, und erinnerte mich nur eines jungen Mädchens aus der Nachbarschaft, über das ich mich einmal vor Gästen lustig gemacht hatte und das uns nicht mehr besuchte. Ich schrieb ihr einen Brief, in dem ich meine Schuld bekannte und sie um Vergebung bat. Sie antwortete mir mit einem Briefe, in dem sie mich selbst um Verzeihung bat und auch mirverzieh. Ich weinte vor Freude, als ich diese einfachen Zeilen las, in denen ich damals ein ebenso tiefes und rührendes Gefühl zu sehen glaubte. Die alte Kinderfrau weinte, als ich sie um Vergebung bat. – Warum sind sie alle so gut zu mir? Womit habe ich solche Liebe verdient? – fragte ich mich. Ich erinnerte mich auch unwillkürlich Ssergej Michailytschs und dachte lange an ihn. Ich konnte nicht anders und hielt es sogar auch nicht für Sünde. Aber ich dachte an ihn jetzt ganz anders als in jener Nacht, wo ich zum erstenmal erfuhr, daß ich ihn liebe; ich dachte an ihn wie an mich selbst und verknüpfte ihn unwillkürlich mit jedem Gedanken an meine eigene Zukunft. Der erdrückende Einfluß, den ich in seiner Gegenwart verspürt hatte, war nun in meiner Fantasie vollkommen verschwunden. Ich betrachtete mich als ihm gleich und verstand ihn vollkommen von der Höhe der geistlichen Stimmung herab, in der ich mich befand. Alles, was mir an ihm früher seltsam erschienen, war mir jetzt klar. Erst jetzt begriff ich, warum er gesagt hatte, daß das Glück nur darin liege, für andere zu leben, und ich war mit ihm jetzt darin vollkommen einverstanden. Es schien mir, daß uns beide ein unendliches und ruhiges Glück erwartete. Ich dachte aber dabei nicht an Reisen ins Ausland, nicht an den Glanz der großen Welt, sondern an ein ganz anderes, stilles Familienleben auf dem Lande, mit ewiger Selbstaufopferung, mit ewiger Liebe zueinander und mit ewiger Erkenntnis der milden und hilfreichen Vorsehung in allen Dingen.
Ich kommunizierte, wie ich es mir vorgenommen hatte, an meinem Geburtstage. Als ich an diesem Tage aus der Kirche zurückkehrte, war mein Herz von einem so vollkommenenGlück erfüllt, daß ich mich vor dem Leben, vor jedem Eindruck, vor allem fürchtete, was dieses Glück hätte stören können. Aber kaum waren wir der Liniendroschke vor unserer Freitreppe entstiegen, als auf der Brücke das mir bekannte Kabriolett rasselte und ich Ssergej Michailytsch erblickte. Er gratulierte mir, und wir traten zusammen ins Wohnzimmer. Noch niemals, seitdem ich ihn kannte, war ich so ruhig und meiner selbst sicher wie an diesem Morgen. Ich fühlte in mir eine ganze neue Welt, die er nicht begriff, die größer war als er. Ich empfand vor ihm nicht die geringste Verlegenheit. Er merkte wohl, woher das kam, und benahm sich besonders zartfühlend, sanft und fromm mir gegenüber. Ich trat an das Klavier, aber er schloß es zu und steckte den Schlüssel in die Tasche.
»Verderben Sie Ihre Stimmung nicht,« sagte er. »In Ihrer Seele ist jetzt eine Musik, die schöner ist als jede Musik auf Erden.«
Ich war ihm dankbar dafür, und doch war es mir zugleich auch etwas unangenehm, daß er so leicht und klar alles begriff, was als Geheimnis in meiner Seele ruhen sollte. Beim Mittagessen sagte er, er sei gekommen, mir zu gratulieren und zugleich Abschied zu nehmen, weil er morgen nach Moskau verreise. Als er das sagte, sah er nur Katja an; dann streifte er aber auch mich mit einem Blick, und ich sah ihm an, daß er fürchtete, in meinem Gesicht eine Erregung zu merken. Aber ich war weder erstaunt noch erregt und fragte ihn nicht mal, ob er für lange verreise. Ich hatte erwartet, daß er es sagen würde, und ich wußte auch, daß er nicht verreisen würde. Wie ich das wußte? Jetzt kann ich mir das unmöglich erklären; aber anjenem denkwürdigen Tage war es mir, als ob ich alles, wie das Vergangene, so auch das Zukünftige wüßte. Ich war wie in einem glücklichen Traum, wo mir alles, was auch geschieht, schon bekannt vorkommt, wo ich alles schon längst weiß, es aber erst in der Zukunft geschehen soll, und ich weiß, daß es geschehen wird.
Er wollte gleich nach dem Essen wegfahren, aber Katja, die noch von der Messe ermüdet war, zog sich zurück, um sich etwas hinzulegen, und er mußte warten, bis sie erwachte, um sich von ihr zu verabschieden. Im Salon war die Sonne, und wir gingen auf die Terrasse. Kaum hatten wir uns hingesetzt, als ich in vollkommener Ruhe das Gespräch begann, das über das Schicksal meiner Liebe entscheiden sollte. Ich fing zu sprechen an, weder früher noch später, sondern just in dem Augenblick, als wir uns hingesetzt hatten, als noch nichts gesagt worden war und als weder der Ton noch der Charakter des Gesprächs mich darin, was ich sagen wollte, hindern konnten. Ich weiß selbst nicht, wo ich damals solche Ruhe, Entschlossenheit und Genauigkeit der Ausdrucksweise hernahm. Es war, als sagte ich es nicht selbst, als spräche etwas, was von meinem Willen nicht abhing, aus mir heraus. Er saß mir gegenüber, die Ellbogen auf das Geländer gestützt und rupfte die Blätter von einem Fliederzweige, den er zu sich herangezogen hatte. Als ich zu sprechen anfing, ließ er den Zweig fahren und stützte den Kopf in die Hand. Das konnte die Pose eines durchaus ruhigen, wie auch die eines sehr aufgeregten Mannes sein.
»Warum verreisen Sie?« fragte ich bedeutungsvoll und langsam, ihm gerade ins Gesicht blickend.
Er antwortete nicht gleich.
»Die Geschäfte!« versetzte er schließlich, die Augen senkend.
Ich begriff, wie schwer es ihm fiel, mir die Unwahrheit zu sagen und dazu noch auf eine so aufrichtig gestellte Frage.
»Hören Sie,« sagte ich, »Sie wissen, was dieser Tag für mich ist. Er ist mir in mancher Beziehung wichtig. Wenn ich Sie frage, so tue ich es nicht nur, um mein Interesse für Sie zu zeigen (Sie wissen, daß ich mich an Sie gewöhnt habe und Sie gerne mag); ich frage, weil ich es wissen muß. Warum verreisen Sie?«
»Es ist mir sehr schwer, Ihnen die Wahrheit zu sagen, warum ich verreise,« sagte er. »In dieser Woche habe ich viel an Sie und auch an mich gedacht und bin zu dem Schluß gekommen, daß ich verreisen muß. Sie verstehen doch, warum, und wenn Sie mich lieben, werden Sie nicht weiter fragen.« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne und bedeckte dann mit ihr die Augen. »Es fällt mir schwer … Und Sie verstehen es doch.«
Mein Herz fing heftig zu schlagen an.
»Ich kann es nicht verstehen,« entgegnete ich, »ich kann es nicht, aberSie selbst, sagen Sie es mir um Gottes willen, schon weil es ein so besonderer Tag für mich ist, ich kann alles ruhig anhören!«
Er änderte seine Stellung, blickte mich an und zog den Fliederzweig wieder zu sich.
»Übrigens,« sagte er nach kurzer Pause mit einer Stimme, die sich vergebens bemühte, fest zu erscheinen, »obwohl es dumm und unmöglich ist, es mit Worten auszusprechen, obwohl es mir schwer fällt, will ich mich dochbemühen, es Ihnen zu erklären,« fügte er hinzu, das Gesicht wie bei einem körperlichen Schmerz verziehend.
»Nun?« fragte ich.
»Denken Sie sich folgenden Fall: es war einmal ein Herr, sagen wir ein Herr A.,« begann er, »ein alter und abgelebter Mann, und es war ein gewisses Fräulein B., ein glückliches junges Mädchen, das das Leben und die Menschen noch nicht kannte. Infolge besonderer Familienverhältnisse gewann er sie wie eine Tochter lieb und dachte gar nicht daran, sie anders lieben zu können.«
Er hielt inne, aber ich unterbrach ihn nicht.
»Aber er hatte vergessen, daß Fräulein B. so jung war, daß das Leben für sie noch ein Spiel bedeutete,« fuhr er plötzlich schnell und entschlossen fort, ohne mich anzublicken, »daß es sehr leicht sei, sie anders zu lieben, und daß dies ihr sehr amüsant erscheinen würde. Er hatte sich aber geirrt und fühlte plötzlich, daß ein anderes Gefühl, so schwer wie die Reue sich in sein Herz einschlich, und er erschrak. Er fürchtete, daß ihre früheren freundschaftlichen Beziehungen abbrechen könnten, und er entschloß sich, zu verreisen, bevor dies geschähe.« Als er das sagte, rieb er sich, wie zerstreut, mit der Hand die Augen und schloß sie wieder.
»Warum fürchtete er denn, sie anders zu lieben?« fragte ich kaum hörbar, meine Erregung zurückhaltend, so daß meine Stimme ruhig klang; ihm erschien aber mein Ton wohl scherzhaft, und er antwortete wie beleidigt:
»Sie sind jung, und ich bin nicht mehr jung. Sie wollen spielen, aber ich will etwas anderes. Spielen Sie nur, aber nur nicht mit mir, denn sonst werde ich es vielleicht ernst nehmen, und das wäre für mich nicht gut, und Siewürden es bereuen. Das sagte der A.,« fügte er hinzu. »Es sind lauter Dummheiten, aber Sie verstehen wohl, warum ich verreise. Sprechen wir nie mehr davon, ich bitte Sie!«
»Nein! Nein! Sprechen wir gerade davon!« rief ich aus, und meine Stimme zitterte vor zurückgehaltenen Tränen. »Liebte er sie oder nicht?«
Er gab keine Antwort.
»Wenn er sie aber nicht liebte, warum spielte er dann mit ihr wie mit einem Kinde?« fragte ich.
»Ja, ja, das war eben seine Schuld,« antwortete er, mich hastig unterbrechend, »aber alles war zu Ende, und sie schieden … als Freunde.«
»Aber es ist doch entsetzlich! Ist denn kein anderer Ausweg möglich?« brachte ich mit Mühe hervor und erschrak gleich darauf über meine eigenen Worte.
»Ja, es gibt wohl einen anderen Ausweg,« sagte er, indem er die Hand von seinem aufgeregten Gesicht nahm und mir gerade in die Augen blickte. »Es gibt zwei verschiedene Auswege. Aber um Gottes willen, unterbrechen Sie mich nicht und versuchen Sie mich mit Ruhe zu begreifen. Die einen sagen,« fing er an, indem er sich erhob, mit einem schmerzvollen und schwermütigen Lächeln, »die einen sagen, A. sei verrückt geworden, hätte sich in die B. wahnsinnig verliebt und ihr seine Liebe gestanden … Sie hätte aber nur gelacht. Für sie war es nur ein Spiel, für ihn aber eine Lebensfrage.«
Ich fuhr zusammen und wollte ihn unterbrechen, wollte ihm sagen, daß er sich nicht unterstehen dürfe, mir seineeigenen Gedanken unterzuschieben, aber er legte seine Hand auf die meine, um mich zurückzuhalten.
»Warten Sie,« sagte er mit bebender Stimme, »die einen sagen, sie hätte Mitleid mit ihm gehabt; die Ärmste, die die Menschen noch nicht kannte, hätte sich eingebildet, daß sie ihn wirklich lieben könne, und eingewilligt, seine Frau zu werden. Er, der Wahnsinnige hätte geglaubt, daß für ihn ein neues Leben beginnen würde, aber sie hätte selbst begriffen, daß sie ihn betrogen habe, wie auch er sie … Sprechen wir nicht mehr davon,« schloß er, offenbar außerstande, weiter zu sprechen, und fing an, vor mir auf und ab zu gehen.
Er sagte: »sprechen wir nicht mehr davon«, aber ich sah, daß er mit der ganzen Sehnsucht seiner Seele ein Wort von mir erwartete. Ich wollte sprechen, konnte es aber nicht: etwas preßte mir die Brust zusammen. Ich sah ihn an: er war blaß, und seine Unterlippe zitterte. Ich fühlte Mitleid mit ihm. Ich nahm meine ganze Kraft zusammen, zerriß plötzlich die Fesseln des Schweigens und begann mit leiser, verhaltener Stimme, die, wie ich fürchtete, jeden Augenblick versagen konnte.
»Und die dritte Möglichkeit,« begann ich und hielt inne; aber er schwieg. »Die dritte Möglichkeit ist, daß er sie nicht liebte und ihr sehr weh tat; er glaubte, im Rechte zu sein, und verließ sie und rühmte sich auch noch dessen. Für Sie ist es ein Spiel, aber nicht für mich, ich habe Sie vom ersten Tage an geliebt, geliebt!« wiederholte ich, und beim Worte »geliebt« steigerte sich meine bis dahin leise und verhaltene Stimme zu einem wilden Aufschrei, vor dem ich selbst erschrak.
Er stand bleich vor mir, seine Lippe bebte immer heftiger, und zwei Tränen rollten über seine Wangen.
»Das ist schlecht!« schrie ich fast, während mich die unterdrückten Tränen der Kränkung zu ersticken drohten. »Womit habe ich das verdient?« fragte ich und erhob mich, um fortzugehen.
Er ließ mich aber nicht fort. Sein Kopf lag auf meinem Schoße, seine Lippen küßten meine zitternden Hände, und seine Tränen netzten sie. »Mein Gott, wenn ich es gewußt hätte!« rief er.
»Womit? Womit?« wiederholte ich, und in meiner Seele war ein Glück, das dann für immer entschwand und nie wiederkam.
Fünf Minuten später lief Ssonja zu Katja hinauf und schrie, daß es im ganzen Hause hallte: »Mascha will Ssergej Michailytsch heiraten!«