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Es lagen keine Gründe vor, die Hochzeit hinauszuschieben, und weder er, noch ich wünschten das. Katja wollte allerdings erst nach Moskau fahren, um Verschiedenes für die Aussteuer einzukaufen und zu bestellen, und seine Mutter versuchte, darauf zu bestehen, daß er vor der Heirat eine neue Equipage und neue Möbel anschaffe und das Haus neu tapezieren lasse; wir beide setzten aber unseren Entschluß durch, dies alles, wenn es schon so notwendig sei, erst später zu besorgen und uns zwei Wochen nach meinem Geburtstage, in aller Stille, ohne Aussteuer, ohne Gäste, ohne Hochzeitsbeistände, ohne Festtafel, Champagner und sonstige Hochzeitsattribute trauen zu lassen. Er erzählte mir, wie ungehalten seine Mutter darüber war, daß unsere Hochzeit ohne Musik, ohne einen Berg von Truhen und ohne Erneuerung des ganzen Hauses gefeiert werden sollte, ganz anders, als ihre Hochzeit, die einst dreißigtausend Rubel gekostet habe, und wie sie hinter seinem Rücken die alten Kisten und Kasten durchwühlt und sich mit der Wirtschafterin Marjuschka ernsthaft wegen der für unser Glück unentbehrlichen Teppiche, Gardinen und Tabletts beraten habe. Meine Katja machte es ebenso mit der Wärterin Kusminischna. Darüber durfte man mit ihr nicht scherzen. Sie war fest überzeugt, daß wir, wenn wirvon unserer Zukunft sprachen, nur tändelten und Unsinn trieben, wie es Menschen in dieser Lage überhaupt eigen sei, daß aber das wesentliche Glück unserer Zukunft nur davon abhänge, daß die Hemden richtig zugeschnitten und genäht und die Tischtücher und Servietten ordentlich gesäumt seien. Zwischen Pokrowskoje und Nikolskoje wurden einigemal am Tage geheime Berichte darüber ausgetauscht, was auf der einen und auf der anderen Seite vorbereitet wurde; obwohl die Beziehungen zwischen Katja und seiner Mutter äußerlich die zärtlichsten waren, war doch eine etwas feindselige, wenn auch raffinierte Diplomatie dabei. Seine Mutter, Tatjana Ssemjonowna, die ich jetzt näher kennen lernte, war eine steife und strenge Hausfrau, eine Dame der guten alten Zeit. Er liebte sie nicht nur als Sohn aus Pflichtgefühl, sondern auch aus menschlicher Neigung, da er sie für die beste, gütigste, klügste und liebreichste Frau in der Welt hielt. Tatjana Ssemjonowna war immer gut zu uns, besonders zu mir, und freute sich, daß ihr Sohn heiraten wollte; als ich sie aber als seine Braut besuchte, kam es mir vor, als wollte sie mich fühlen lassen, daß ich als die Auserwählte ihres Sohnes auch besser hätte sein können und daß es mir gar nicht schaden würde, dessen immer eingedenk zu sein. Ich verstand sie vollkommen und war mit ihr einverstanden.

In den beiden letzten Wochen sahen wir uns jeden Tag. Er aß bei uns zu Mittag und blieb dann bis Mitternacht. Aber obwohl er sagte – und ich wußte, daß er die Wahrheit sprach, – daß er ohne mich gar nicht lebe, verbrachte er doch nie einen ganzen Tag mit mir und bemühte sich seinen Geschäften nachzugehen. Unsere äußeren Beziehungenblieben bis zur Hochzeit die alten: wir fuhren fort, uns mit »Sie« anzureden, er küßte mir nicht mal die Hand und suchte nicht nur keine Gelegenheit, mit mir allein zu sein, sondern schien auch solche Gelegenheiten zu meiden. Als fürchtete er, sich der allzu großen, gefährlichen Zärtlichkeit hinzugeben, die in ihm war. Ich weiß nicht, wer sich von uns beiden verändert hatte, er oder ich, aber jetzt fühlte ich mich ihm vollkommen gleich, nahm an ihm nicht mehr jene geheuchelte Einfachheit wahr, die mir früher so mißfiel, und sah vor mir oft mit Freude, statt des Respekt und Furcht einflößenden Mannes, ein sanftes und vor Glück fassungsloses Kind. – Das ist also alles, was an ihm war! – sagte ich mir oft: – Er ist genau so ein Mensch wie ich und nicht mehr. – Jetzt schien mir, daß ich ihn ganz durchschaut und erkannt hätte. Und alles, was ich erkannt hatte, war so einfach und stimmte so ganz mit meinem Wesen überein. Selbst seine Pläne über unser künftiges Leben waren auch die meinigen, die er nur klarer und besser in Worte zu kleiden verstand.

Das Wetter war während dieser Wochen schlecht, und wir verbrachten die meiste Zeit im Hause. Die schönsten und herzlichsten Gespräche führten wir in der Ecke zwischen dem Klavier und dem Fenster. Auf dem dunklen Fenster spiegelte sich ganz nahe das Licht der Kerzen, die Regentropfen schlugen gegen die glänzenden Scheiben und flossen an ihnen herab. Gegen das Dach prasselte es, in der Pfütze unter der Traufe klatschte das Wasser, und durch das Fenster zog Feuchtigkeit herein.

»Wissen Sie, ich wollte Ihnen schon lange etwas sagen,« begann er einmal, als wir sehr spät in unserem Winkelaufgeblieben waren. »Solange Sie spielten, mußte ich fortwährend daran denken.«

»Sagen Sie nichts, ich weiß alles,« erwiderte ich.

»Ja, wirklich, sprechen wir nicht davon.«

»Nein, sagen Sie es mir doch, was ist es?« fragte ich.

»Also hören Sie. Erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen die Geschichte von A. und B. erzählte?«

»Wie sollte ich mich dieser dummen Geschichte nicht erinnern? Es ist gut, daß sie so ausgegangen ist …«

»Ja, es hat nur ein Weniges gefehlt, und ich hätte selbst mein eigenes Glück vernichtet. Sie haben mich errettet. Die Hauptsache aber ist, daß ich damals log; ich schäme mich jetzt und will Ihnen die Geschichte zu Ende erzählen.«

»Ach, bitte nicht.«

»Haben Sie keine Angst,« sagte er lächelnd. »Ich will mich nur rechtfertigen. Als ich eben begann, wollte ich mit langen Betrachtungen kommen.«

»Wozu Betrachtungen anstellen!« sagte ich. »Das soll man niemals.«

»Ja, ich hatte es auch schlecht gemacht. Nach allen meinen Enttäuschungen, den Fehlern, die ich in meinem Leben begangen hatte, sagte ich mir, als ich diesmal aufs Land kam, so entschieden, die Liebe sei für mich zu Ende und es bleibe mir nur noch die Pflicht, mein Leben irgendwie abzuschließen übrig, daß ich mir lange Zeit keine Rechenschaft darüber gab, was eigentlich mein Gefühl gegen Sie sei und wohin es mich bringen könne. Ich hoffte und hoffte auch nicht. Bald schien es mir, daß Sie kokettieren, bald glaubte ich wieder, Sie seien aufrichtig, und ich wußteselbst nicht, was ich tun würde. Aber nach jenem Abend, Sie wissen doch, als wir nachts durch den Garten gingen, erschrak ich plötzlich, und mein jetziges Glück erschien mir viel zu groß und unmöglich. Nun, wie wäre es gekommen, wenn ich mir erlaubt hätte, zu hoffen, und zwar vergebens? Aber ich dachte natürlich nur an mich, denn ich bin ein ganz gemeiner Egoist.«

Er schwieg eine Weile und sah mich an.

»Aber es war auch nicht lauter Unsinn, was ich damals sagte. Ich durfte und mußte auch fürchten. Ich empfange von Ihnen so viel und kann Ihnen so wenig geben. Sie sind noch ein Kind, eine Knospe, die erst aufbrechen wird, Sie lieben zum erstenmal, während ich …«

»Ja, sagen Sie mir die Wahrheit …« begann ich, bekamaberplötzlich Angst vor seiner Antwort. »Nein, lieber nicht …«

»Ob ich schon einmal geliebt habe? Ja?« fragte er, meinen Gedanken sofort erratend. »Das kann ich Ihnen sagen. Nein, ich habe noch nicht geliebt. Ich habe noch nie etwas empfunden, was diesem Gefühl ähnlich wäre …« Aber plötzlich war es, als wenn ihn eine schwere Erinnerung durchzuckte. »Nein, ich müßte Ihr Herz haben, um Sie lieben zu dürfen,« sagte er traurig. »Nun, mußte ich es mir nicht vorher überlegen, ehe ich Ihnen sagen durfte, daß ich Sie liebe? Was gebe ich Ihnen? Meine Liebe, allerdings.«

»Ist denn das wenig?« fragte ich, ihm in die Augen blickend.

»Es ist wenig, meine Freundin, für Sie ist es zu wenig,« fuhr er fort. »Sie haben die Schönheit und die Jugend!Ich kann jetzt oft in der Nacht vor Glück nicht einschlafen und denke immer daran, wie wir zusammen leben werden. Ich habe schon viel gelebt und glaube das, was ich zum Glücke brauche, gefunden zu haben. Ein stilles, einsames Leben in unserer ländlichen Einöde, die Möglichkeit, den Menschen Gutes zu tun, solchen Menschen, denen es so leicht ist, Gutes zu erweisen, weil sie daran noch nicht gewöhnt sind; dann die Arbeit, die Arbeit, von der man Nutzen erwartet, dann Erholung, die Natur, Bücher, Musik, die Liebe zu den uns Nahestehenden, – das ist mein Glück, das höchste Glück, das ich mir ersehnte. Dazu noch eine solche Gefährtin wie Sie, vielleicht auch eine Familie und alles, was der Mensch sich nur wünschen kann.«

»Ja!« sagte ich.

»Doch nur für mich, der ich meine Jugend hinter mir habe, aber nicht für Sie,« fuhr er fort. »Sie haben noch nicht gelebt, Sie werden das Glück vielleicht in anderen Dingen suchen wollen und es vielleicht auch in anderen Dingen finden. Vielleicht kommt Ihnen das jetzt nur darum als ein Glück vor, weil Sie mich lieben.«

»Nein, ich habe immer nur dieses stille Familienleben gewünscht und geliebt,« erwiderte ich. »Und Sie sagen nur das, was ich mir schon gedacht habe.«

Er lächelte.

»Es kommt Ihnen nur so vor, liebe Freundin. Aber das ist zu wenig für Sie. Sie haben die Schönheit und die Jugend,« sagte er wieder.

Aber ich wurde böse, daß er mir nicht glauben wollte und mir meine Schönheit und Jugend gleichsam zum Vorwurf machte.

»Warum lieben Sie mich dann?« fragte ich böse. »Um meiner Jugend oder um meiner selbst willen?«

»Ich weiß es nicht, aber ich liebe Sie,« antwortete er und sah mich mit einem durchdringenden und anziehenden Blicke an.

Ich antwortete nicht und blickte ihm unwillkürlich in die Augen. Plötzlich geschah mit mir etwas Seltsames: zuerst hörte ich auf, das, was mich umgab, zu sehen, dann verschwand auch sein Gesicht vor mir, und nur seine Augen schienen ganz dicht vor meinen Augen zu glänzen; dann war es mir, als ob seine Augen in mir wären; alles trübte sich, ich sah nichts mehr und mußte meine Augen schließen, um mich von diesem Gefühl von Wonne und Grauen zu befreien, das in mir dieser Blick weckte …

Am Vorabend unseres Hochzeitstages wurde das Wetter besser. Nach den verregneten Sommertagen kam der erste kalte und heitere Herbstabend. Alles war feucht, kalt und hell, und der Garten zeigte sich zum erstenmal herbstlich leer, bunt und nackt. Der Himmel war klar, kalt und bleich. Ich ging schlafen, glücklich, daß an meinem Hochzeitstage schönes Wetter sein würde. Ich erwachte mit der Sonne, und der Gedanke, daß es schon heute sei, erschreckte mich und setzte mich zugleich in Erstaunen. Ich trat in den Garten. Die Sonne war erst eben aufgegangen und leuchtete durch die halbentlaubten, gelb gewordenen Linden der Allee hindurch. Der Gartenweg war mit raschelndem Laub bedeckt. Die runzligen Beeren der Eberesche leuchteten rot auf den Zweigen neben den spärlichen, vom Froste getöteten Blättern; die Georginen waren zusammengeschrumpft und schwarz geworden. Der Reif lag zum erstenmal silbernauf dem bleichen Rasen und auf den abgebrochenen Pestwurzstauden vor dem Hause. Am heiteren kalten Himmel war kein Wölkchen zu sehen, ein solches wäre auch nicht möglich gewesen.

– Ist es wirklich heute? – fragte ich mich, meinem Glücke nicht trauend. – Werde ich denn wirklich morgen nicht hier, sondern im fremden, säulengeschmückten Hause von Nikolskoje erwachen? Werde ich ihn nicht mehr hier erwarten, werde ihm nicht mehr entgegengehen und abends und nachts nicht mehr mit Katja über ihn plaudern? Werde nicht mehr mit ihm in Pokrowskoje am Klavier sitzen? Ihn nicht mehr begleiten und mich um ihn in den finsteren Nächten nicht mehr ängstigen? – Aber ich erinnerte mich seiner Worte von gestern abend, er käme zum letztenmal, und daß Katja mich genötigt, das Hochzeitskleid anzuprobieren und dabei gesagt hatte: »Für morgen«; einen Augenblick lang glaubte ich es und fing dann wieder zu zweifeln an. – Werde ich denn von morgen ab dort mit der Schwiegermutter, ohne die Nadeschda, ohne den alten Grigorij, ohne Katja leben? Werde vor dem Schlafengehen meine alte Wärterin nicht mehr küssen, und sie wird mich nicht mehr nach alter Gewohnheit bekreuzigen und mir sagen: »Gute Nacht, Fräulein«? Werde Ssonja nicht mehr unterrichten und mit ihr nicht mehr spielen, des Morgens nicht mehr an die Wand ihres Zimmers klopfen und ihr helles Lachen hören? Werde ich denn heute für mich selbst fremd werden, wird sich vor mir ein neues Leben mit der Verwirklichung aller meiner Wünsche und Hoffnungen auftun? Kommt dieses neue Leben für immer? – Ich erwartete ihn mit Ungeduld, denn es war mir soschwer, allein alle diese Gedanken zu tragen. Er kam früh, und erst an seiner Seite glaubte ich wirklich daran, daß ich heute seine Frau werden sollte, und dieser Gedanke hatte für mich nichts Schreckliches mehr.

Vor dem Essen gingen wir in unsere Kirche, um eine Messe für meinen verstorbenen Vater zu hören.

– Wenn er doch jetzt am Leben wäre! – dachte ich, als wir nach Hause zurückkehrten und ich mich schweigend auf den Arm eines Mannes stützte, der der beste Freund dessen gewesen war, an den ich dachte. Als ich während des Gebets mit meiner Stirne die kalten steinernen Fußböden der Kapelle berührte, sah ich meinen Vater so lebhaft vor mir, glaubte so fest daran, daß seine Seele mich verstehe und meine Wahl segne, daß es mir auch jetzt schien, seine Seele schwebe über uns, und daß ich seinen Segen auf mir ruhen fühlte. Erinnerungen, Hoffnungen, Glück und Trauer flossen zu einer einzigen, feierlichen und angenehmen Empfindung zusammen, zu der diese unbewegliche, frische Luft, die Stille, die entblößten Felder und der bleiche Himmel, von dem leuchtende, doch ohnmächtige Strahlen herabfielen, die sich vergebens bemühten, mir die Wange zu versengen, so wunderbar paßten. Mir schien, als ob auch er, mit dem ich ging, mein Gefühl verstünde und teilte. Er ging langsam und schweigend, und sein Gesicht, das ich ab und zu anblickte, drückte die gleiche feierliche Stimmung, die halb Trauer und halb Freude war, aus, von der die Natur und auch mein Herz erfüllt waren.

Plötzlich wandte er sich zu mir um; ich sah, daß er mir etwas sagen wollte. – Wie, wenn er mir jetzt dasselbe sagt, was ich selbst denke? – kam es mir in den Sinn.Er sprach aber von meinem Vater, ohne ihn übrigens zu nennen.

»Einmal sagte er mir im Scherz: ›Heirate doch meine Mascha!‹«

»Wie glücklich wäre er jetzt,« sagte ich und drückte seinen Arm, der den meinigen stützte, noch fester an mich.

»Ja, Sie waren damals noch ein Kind,« fuhr er fort, mir in die Augen blickend. »Ich küßte damals diese Augen und liebte sie, nur weil sie den seinigen glichen; aber ich dachte gar nicht daran, daß sie mir einst um ihrer selbst willen so teuer sein würden. Ich nannte Sie damals ›Mascha‹.«

»Sagen Sie doch ›du‹ zu mir,« sagte ich.

»Gerade wollte ich selbst ›du‹ zu dir sagen,« erwiderte er. »Erst jetzt ist es mir, als wärest du ganz mein.« Sein ruhiger und glücklicher, anziehender Blick ruhte auf mir.

Und wir gingen langsam über den noch wenig ausgetretenen Feldweg durch das niedergestampfte Stoppelfeld; wir hörten nichts als unsere eigenen Schritte und Stimmen. Auf der einen Seite zog sich über die Schlucht bis zum fernen entlaubten Gehölz ein braunes Stoppelfeld hin, auf dem ein Bauer mit seinem Pfluge lautlos einen immer breiter werdenden schwarzen Streifen aufwühlte. Die Pferdeherde unten am Hügel schien ganz nahe. An der anderen Seite und vor uns bis zum Garten und bis zu unserem Hause, das hinter dem Garten hervorschaute, lag schwarz und streifenweise auch schon grün der mit der Wintersaat bestellte Acker. Auf alles leuchtete die nicht mehr heiße Sonne, und auf allen Dingen lagen lange faserige Spinnenfäden. Sie schwebten in der Luftum uns herum, legten sich auf die hartgefrorenen Stoppelfelder und fielen uns auf die Augen, Haare und Kleider. Wenn wir sprachen, so klangen unsere Stimmen so, als blieben sie über uns in der regungslosen Luft hängen, als wären wir ganz allein in der ganzen Welt, allein unter diesem blauen Himmelszelt, an dem zitternd und blinzelnd die gar nicht heiße Sonne spielte.

Auch ich wollte zu ihm »du« sagen, aber ich schämte mich noch.

»Warum gehst du so schnell?« fragte ich hastig, beinahe im Flüstertone, und mußte dabei erröten.

Er verlangsamte seine Schritte und blickte mich noch liebevoller, noch freudiger und glücklicher an.

Als wir nach Hause kamen, waren dort schon seine Mutter und die Gäste versammelt, die wir schließlich doch hatten einladen müssen, und so blieb ich bis zu dem Augenblick, als wir aus der Kirche traten und uns in den Wagen setzten, um nach Nikolskoje zu fahren, nicht mehr allein.

Die Kirche war fast leer, und ich sah mit einem flüchtigen Blick nur seine Mutter, die auf dem kleinen Teppich neben dem Chor aufrecht stand, Katja in einer Haube mit lila Bändern und mit Tränen an den Wangen, und zwei oder drei leibeigene Dienstboten, die mich neugierig musterten. Ihn sah ich nicht an, aber ich fühlte seine Nähe. Ich lauschte den Worten der Gebete, sprach sie nach, aber in meiner Seele weckten sie keinen Widerhall. Ich konnte nicht beten und blickte stumpf auf die Heiligenbilder, auf die Kerzen, auf das Kreuz des Ornates auf dem Rücken des Geistlichen, auf die Heiligenwand, auf das Fenster derKirche und konnte nichts verstehen. Ich fühlte nur, daß mit mir etwas Ungewöhnliches geschah. Als der Geistliche sich mit dem Kreuz zu uns wandte, uns gratulierte und sagte, daß er mich einst getauft und es nun dank Gottes Gnade erlebt habe, mich auch zu trauen, als Katja und seine Mutter uns küßten und Grigorijs Stimme erklang, der nach dem Wagen rief, da erstaunte und erschrak ich beim Gedanken, daß alles schon vorbei sei, und daß in meiner Seele nichts Außergewöhnliches geschehen wäre, was dem heiligen Sakrament, das an mir soeben vollzogen worden war, entspräche. Wir küßten uns, und dieser Kuß war so seltsam und unserem Gefühle fremd. – Ist das alles?! – dachte ich mir. Wir traten vor das Portal, das Gerassel der Räder hallte dumpf unter der Kuppel wider, ein frischer Lufthauch wehte mir ins Gesicht, er setzte seinen Hut auf und half mir in den Wagen. Durch das Wagenfenster sah ich den frostigen, von einem Hofe umgebenen Mond. Er setzte sich neben mich und schloß den Wagenschlag. Etwas stach mich ins Herz. Die Selbstverständlichkeit, mit der er es machte, kam mir irgendwie verletzend vor. Katjas Stimme rief, ich solle mir den Kopf gut einhüllen, die Räder rollten über die Steine, dann über die weiche Landstraße, und wir fuhren davon. Ich drückte mich in die Ecke und blickte auf die fernen, hellen Fluren und auf den Weg hinaus, der im kalten Mondlichte dahinzulaufen schien. Ohne ihn anzublicken, fühlte ich doch seine Nähe. – Ist das alles, was mir dieser Augenblick gab, von dem ich so viel erwartet hatte? – dachte ich, und es kam mir noch immer demütigend und beleidigend vor, so nahe neben ihm zu sitzen. Ich wandte mich zu ihm um,mit der Absicht, ihm etwas zu sagen. Aber kein Wort wollte mir über die Lippen kommen, als hätte sich das zärtliche Gefühl von früher verflüchtigt und als wäre ein Gefühl von Kränkung und Angst an seine Stelle getreten.

»Bis zu diesem Augenblick habe ich noch immer nicht geglaubt, daß es möglich sei,« antwortete er leise auf meinen Blick.

»Ja, aber ich fürchte mich so, ich weiß selbst nicht, warum,« sagte ich.

»Du fürchtest dich vor mir, liebes Kind,« sagte er. Dann nahm er meine Hand und beugte über sie sein Gesicht.

Meine Hand lag wie leblos in der seinen, und mein Herz tat mir vor Kälte weh.

»Ja,« flüsterte ich.

Aber im gleichen Augenblick fing mein Herz heftiger zu klopfen an, meine Hand zitterte und drückte seine Hand zusammen, es wurde mir heiß, meine Augen suchten im Halbdunkel seinen Blick, und ich fühlte plötzlich, daß ich ihn nicht mehr fürchtete, daß diese Furcht die Liebe sei, eine neue, noch zärtlichere und größere Liebe als früher. Ich fühlte, daß ich ihm ganz gehörte, und daß ich über seine Gewalt über mich glücklich war.


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