Er verachtete mein Reden,Und mit frecher Hand beschimpfteJenen er, der von BiondettenEine Pause wollt erzwingen.
Aber nicht um eigne EhreHat der Kampf sich so erhitzet;Herr, es galt um deine Lehre,Die er traf mit giftgem Witze!"
Also schloß der falsche Gegner. —Apo spricht: "Nun ins GesichteWiederhole mir die Reden,Knabe, die du sprachst zum Schimpfe!"
Doch Meliore hat vergessen,Daß er stehet im Gerichte;Er gedenket an Biondetten,Wie sie sang die Totenhymne.
Was sie fromm für ihn gebetet,Als er flehend zu ihr blickte,Fühlt er schon als HimmelssegenSich durch alle Adern rinnen.
Wie in geisterfüllte SegelBlickt er ins Gewölb der Linde,Freudig stößt er ab die Erde,Hin nach schönrer Heimat dringend.
Aber wie am SterbebetteRechnend gern der Teufel sitzet,Zerrt ihn nun Apones RedeVom Unendlichen zur Ziffer.
"Meister, was Ihr habt begehret,Laßt mich gütig nochmals wissen,Sagt mir's schnelle, denn die SchwelleMeines irdschen Hauses zittert."
Apo spricht: "Was meiner Ehre,Meiner Lehre du zum SchimpfeSprachst, des Streites freche Quelle,Sollst du in den Bart mir spritzen!"
Und Meliore spricht: "VollendetHatte Guido grad, der Bildner,Ein Gemälde voller SchreckenUnd zur Schau es ausgestellet.
Wie Aglaure und die SchwesternWild vom Wahnsinn sind ergriffen,Kniend um den Korb Athenes,Den sie treulos aufgerissen.
Giftig aus dem Korbe strecken,Um das Kind Erechtheus ringelnd,Sich zwei Schlangen, und EntsetzenPackt die törichten Geschwister.
Um den Busen will sich HerfeGürtend eine Schlange winden,Und es steigt ihr Haar zu Berge,Denn das Tier hängt an dem Kinde.
Und Aglaurens Fäuste treffenRasend ihre eigne Stirne,Während Krampf die Füße hebetUnd zu wilden Sprüngen zwinget.
Und Pandrosa zuchtvergessenHat sich das Gewand zerrissen;Antlitz, Busen, Schoß und LendeSind ein Spiegel der Erynnen.
Hinter ihnen steht Athene,Ernst in Marmor gottgebildet;Bösen Fluges Vögel schwebenUm der fernen Tempel Zinnen.
Still und mannigfach erregetHatten wir dies Bild umringet,Bis, sich ja nicht zu vergessen,Einer alle schnell erinnert:
"Jedes Kunstwerk, das vollendet",Sprach er und zog hoch die Stirne,"Muß, um klar sich auszusprechen, # wird niemals beendetStehen auf ewigen Begriffen.
Doch, wie ich mich auch mag setzen,Vor und in und nach dem Bilde,Seh ich tot nur vor mir stehenDieses Werk des alten Pinsels. —
Ei, der zweite ihm entgegnet,Mit der Schlange bei dem KindeIst wohl auf das Leid des HerrenUnd den Sündenfall gestichelt. —
Mit den törichten drei SchwesternMeinet er, sprach dann der dritte,Juden, Christen, SarazenenStreitend um die wahre Kirche. —
Und der vierte nun versetzte:Die drei Tugenden der ChristenSind es, die sich toll gebärden:Glaube, Hoffnung und die Liebe: —
Und ein fünfter sprach: Ich seheHier entsetzt die CharitinnenVor dem dreigeeinten HeldenIn angstvoller Flucht begriffen. —
Ach, was können, sprach der sechste,Juden, Sarazenen, ChristenUnd die Grazien hier erhellen,Die doch selbst Allegorien!
Mir sind es die drei Essenzen,Die das Wesen Gottes bilden,Im Begriffe eins zu werdenIn dem Wahnsinne der Christen.
Und der siebente wollt sehenDie drei Punkte Syllogismi,Denen Abälard das WesenDer Dreieinigkeit verglichen.
Ja, sprach dann der achte frecher,Sie sehn drein wie Heloise,Die den Mittelsatz entbehret,Weil den Nachsatz er vermisset.
Doch mir sinds drei Fakultäten,Theologen, MedizinerUnd Juristen, sie umgebenTief erschreckt Apones Wiege. —
Und noch schlimmrer Rede FrevelStand ich vor dem SchreckensbildeMehr als durch es selbst entsetzet,Doch ich wiederhol sie nimmer!
Und nun trat von seiner SchwelleGuido selbst heraus zum Bilde;Kahl, ein Greis, in seiner RechtenHielt er eines Messers Klinge.
Und er sprach: Mit frecher RedeHabt ihr mir das Herz zerrissen!Hat die rächende AtheneEuch, Gesellen, auch ergriffen?
Wißt, ich war in tiefster SeeleLang ob dieser Zeit ergrimmet,Welche zu entblößen strebet,Was Gott keusch verhüllt will wissen.
Dieses schändlichen EntdeckensStrafe wollte ich hier schildern,Und ihr treibt denselben FrevelMir vor meinem züchtgen Bilde!
Doch ich folg des Herren Lehre:Gibt dein Aug dir ÄrgernisseReiß es aus, tritts an die Erde!Liebes Bild, ich muß dich richten. —
Und nun riß er mit dem MesserZürnend durch des Bildes Mitte,Und zertrat mit bittren TränenWild sein mühsam Werk mit Füßen.
Seiner lachten noch die Frechen,Dem das Liebste sie entrissen;Das traf tief ihn in der Seele,Und er stand in Tränen zitternd.
Und das Messer aus der RechtenMußt liebkosend ich ihm winden,Daß er nicht zum Mörder werde,Schmeichelnd in das Haus ihn zwingen.
Seine Axt, die in der EckeStand — er ist zugleich ein Zimmrer —Mußt die Tochter schnell verstecken,Als ich ängstlich ihr gewinket.
Denn er war so tief erreget,Daß er gänzlich schien von SinnenUnd die Tochter kaum erkennte,Vor ihm auf den Knien liegend.
Und er schrie: O Himmel, sendeMir die Bären, die zerrissenJene Buben, den ProphetenOb des nackten Hauptes schimpfend;
Denn mit Lachen seine FensterJene gottlos noch umringten,Und die Laden vorzulegenWollten sie mich schmähend hindern.
Schrieen scherzend: Freund, wir sehenUns dir heut sehr tief verpflichtet,Weil du für uns einen BärenAngebunden beim Philister! —
Da ich nun hinausgetreten,Derb die Schmach mir zu verbitten,Fragte mich dort jener GegnerHöhnend mit dem frechen Witze:
Lag das Findelkind BiondetteAuch in solchen Schlangenwindeln,Weil du, gleich den tollen Schwestern,Sinnlos wardst, sie anzublicken? —
Alle lachten Beifall gebend.Fassen konnte ich mich nimmer,Und ich trat ihm wild entgegen,Sprach zu ihm mit scharfer Stimme:
Schäm der Rede dich! AtheneSchämte auch sich dieses Kindes,Denn sein Vater war, du Frecher,Frech und wie dein Gleichnis hinkend!
Willst du deutelnd schärfer treffen,Sprich: Des Teufels Hirngespinste,Die mein Lehrer Weisheit nennet,Sah ich in Erechteus Windeln!
Denn im trunkenem ErfrechenWill sie sich mit Gott vermischen,Und empfangen von der ErdeGleicht sie wohl dem Drachenkinde.
Gleicht das trübe Wortgefechte,Das die Schule um uns stricket,Nicht dem Korb, in dem sich's dehnet,Wenn die Schlangen aufwärts dringen?
Springt der Decke, und ihr stehetAuf dem Standpunkt: den AlcidenGlaubt ihr in dem Korb zu sehen,Wie er Schlangen würgt im Schilde!
Schreit auch wohl: "Ich will vergessen,Daß im Spiegel dies gebildet,Daß ich selbst ein Gott hier stehe,Der sich auf sich selbst besinnet!
Und den letzten Flug erhebendZu den Göttern aufzudringen,Bringt, den Gnadenstoß zu geben,Euch der Teufel gar von Sinnen.
Euch steht nur das Haar zu Berge,Und dies nennt ihr reines Wissen;Nennts der Isis Schleier heben,Hebt ihr schamlos euern Kittel!
Wie durchs Maul und um die KehleSchlechte Gaukler Viper schlingen,Zieht der Teufel eure SeelenSich durchs Maul philosophierend.
Und ihr könnet nicht mehr betenUnd ihr könnet nicht mehr dichten.Die die Schlange hat zertreten,Ist barmherzig, Gott ist Richter! —
Also habe ich geredet,Zwar erregt, doch wohl bei Sinnen,Und sie drängten mit dem DegenMich bis zu der heilgen Linde,
Wo ich zu Biondettens Ehre,Aber nicht zu Eurem Schimpfe,Ruhig bliebt bei meiner Rede.Meister, nun seid Ihr der Richter!"
Und Apone zornbewegetSpricht mit falscher Kälte: "ImmerBetend, horchend, fechtend, redendFinde ich dich bei der Linde!
Jacopone, dein gelehrterBruder, lehrt dich wohl die Schliche;Er kann auch die Worte drehenIn der Kirch und vor dem Richter.
Er, der die Parteien hetzet,Um sie künstlicher zu schlichten,Als wenn ich ein Bein verrenkte,Um es wieder einzurichten.
Ihn, der naseweis sich stelletIn der Fraktionen Mitte, # FaktionenWerden einst die Schweine fressenWeil er sich der Kleie mischet.
Du bist von ihm angestecket,Dem juristischen Philister,Der verachtend meine LehreIm lateinschen Stalle mistet.
Doch die Gieremei werdenEinst verfluchen seine Listen,Und die Lambertazzi werdenEinst bereuen seine Pfiffe.
Und ihr Streit wird dann erst enden,Wenn in seines Herzens MitteIhre Klingen sich begegnen,Einen ewgen Frieden stiftend!"
Und Meliore spricht: "O Lehrer,Übel bleibst du bei der Klinge;Um mich bitterer zu treffen,Willst du meinen Bruder schimpfen!
Ungerechter, den gerechtenBruder du statt meiner schimpfest,Denn du träffst auf den Unrechten,Schimpftest du ihm zu Gesichte!
Um das Recht mit Spott zu treffen,Willst die Rechte du beschmitzen,Doch ich räche den Gerechten,Deines Beispiels mich bedienend.
Du sprachst, unser Streit sei Frevel,Weil er leicht das Volk erhitze,Und im Zorne wirst du selberJener Anstoß der Lawine!
Ob dem reinen Glanz des SchneesLeicht ein dunkler Rab erbittert,Und den bösen Schnabel wetzend,Stößt er nieder die Lawine!
Schmähst du meines Bruders Ehre,Dieser Musenalpe Zierde,Sonnenglänzend auf dem ewgenEispalaste der Juristen,
Schmähst du ewige Gesetze,Der Gesellschaft Urgranite,Dann schimpfst du den Kern der Erde,Der zum Licht dringt in Gebirgen!" —
"Ja, ich schmähe," sprach der Lehrer,"Die Pandektentitel-FlickerUnd die unfruchtbaren Rechte,Kahl wie deine Urgranite!
Die sich immer kahl vererben,So wie öder Berge Gipfel,Von Geschlechte zu GeschlechteIhre alten Knoten schlingend.
Und wie magst du diese ZwergeIn papiernen Nestern nistend,Noch vergleichen mit den Bergen,Die juristischen Philister?"
Und Meliore spricht: "Die Zwerge,Ja sie wohnen in Gebirgen,Schmieden dort die starken Schwerte,Eitle Riesen zu bezwingen.
Aus der Tiefe mit den BergenWächst das Eisen auf zum Lichte,Und von ihnen wiederkehretAlles zu der Tiefe wieder.
So steigt nieder von den BergenDie Natur, und ihren GipfelnSind die weiten Sündflutmeere,Ist der Zorn zuerst entwichen.
So steigt nieder von den BergenDie Geschichte: auf der SpitzeSinai gab Gott GesetzeMosen für die Israliten.
Wenn die Erde längst verwelket,Steht noch das Granitgerippe,Und des Wassers Flut begegnendHeulet drum das Spiel der Winde.
So auch stehen die Gesetze,Wenn die Staaten rings versinkenUnd unzählige GeschlechterAn dem alten Recht sich bilden."
Apo spricht: "Das Recht so kennend,Wirst du das Gesetz auch wissen,Daß Bologna RepetentenNie erkennt ungraduieret.
Und du hast das kaum ErlernteDennoch mir hier repetieret;Du kurzärmiger Geselle,Wisse, daß du delirierest!
Denn die Kerkerstrafe stehetAuf dem offnen DisputierenVon Studenten gegen jeden,Den die höhern Würden zieren." —
"Ja, ich kenne die Gesetze,"Spricht Meliore, "und die PflichtenEines Christen, daß er redeDen Verkehrten ins Gewissen." —
"Predge weiter," sprach der Lehrer,"Und entpflichte dich, mein Christe,Daß ich dem Gesetz dich gebeUngestört in deinen Pflichten!"
Und Meliore sprach: "Ich nenneJene Berge, euch Gewitter;Euer dunkelmaulend WesenIst nur dunkel, um zu blitzen.
Seit die Welt im Zirkel gehet,Kühlet sich das Wetter blitzend,Doch, als sei's das erst und letzte,Bläht sich jegliches Gewitter.
Nur daß man die Sterne hellerSehe auf der Berge Gipfel,Lasset ihr, euch selbst verwetternd,Euren trüben Schwall verwittern.
Und wo werdet ihr dan stehen,Wann zuletzt der ewge RichterNach den ewigen GesetzenEuch und jene kommt zu richten?
Die geschimpfet auf die Recht,Werden stehen auf der Linken,Da wo Gottes Affen stehen,Die gefallnen Engel hinkend.
Die unzähligen SystemeFrevelnder PhilosophienWerden flehen, bei den HexenAuf den Besen aufzusitzen.
Ihr Allfresser, wo des erstenMagen noch der zweite frisset,Wenn ihm selbst schon aufgefressenSeinen Magen hat der dritte!
Ja, der Teufel wird den letztenNoch zertrennen in der Mitte,Daß das Maul den Leib kann fressen;So wird sich die Kete schließen!
Meister, du hast diese SchwerterIn der Schule selbst geschliffen,Höhre Anschauung mich lehrendDer Natur und der Geschichte." —
Aber zu dem Volk gewendetRuft Apone: "Holla, Sbirren,Diesen Jüngling führt zum Kerker!"Und Meliore wird umringet.
Nochmals blickt er nach Biondetten,Folget freudig dann den Sbirren,Als sollt er zur Hochzeit gehen,Denn er höret ihre Stimme.
Und zu seinem Turme kehretApo wird, finstern Blickes;Brach er gleich den Speer der Rede,Haftet tödlich doch der Splitter.
Freudig nichtig, gleich Raketen,Luftgetragen auf den StimmenHört er noch ein Vivat brennen,Und der Schwarm verliert sich singend.
Leise Lüfte hör ich wehen,Schüchtern kehren zu der LindeAuch die Vögel, und es tretenAus dem Haus die beiden Kinder.
Rosablanka und BiondetteGrüßen sich mit stummen Winken;Da sich ihre Wege trennen,Lassen sie die Blicke sinken.
** Romanze VI: Pietro
Sieh, es schürzet RosablankeSich ihr Röcklein vor dem Tore,Rückt den Korb, daß er nicht wanke,Sich bequemer auf dem Kopfe.
Ganz befangen in GedankenUnd erfüllt mit neuer SorgeEilet durch das Feld die SchlankeWie auf traumbeschwingter Sohle.
Höret nicht den "Guten Abend",Den der Wandrer ihr geboten,Und erwidert kaum das AmenAuf ein: Jesus sei gelobet!
Aber an den letzten GartenSteht des Gärtners Fenster offen:"Rosablanke, Rosablanke!"ruft er ihr mit freudgem Tone.
"Willst du so vorüber wandeln?Nimm vorlieb; hier sind Melonen,Feigen, Ananas, Orangen,Alle bloß für dich gebrochen!
Lange hab ich dein geharret;Die mit dir zum Markte zogen,Sind schon lang zurückgewandert.Wo hast du so lang verzogen?"
Und die Jungfrau spricht, sich sammelnd:"Bald hätt ich mein Wort gebrochen,Aber lieber mirs erlasse,Denn es sinket schon die Sonne!
Ängstlicher, als du geharret,Harret mein der Vater Kosme.Sieh, wie lange schon die Schatten!Wäre ich den Berg erst oben!
Sei Geleitsmann deinem Gaste,Ich will deine Güte loben!"Also bittet Rosablanke;Jener greift nach seinem Korbe,
Füllt ihn unten mit Orangen,Legt die zarten Feigen oben,Hängt zur Schulter ihn am Stabe,Tritt heraus und schließt die Pforte.
Und er spricht zur Seite wandelnd:"Zürnen hätt ich mit dir sollen,Sehnlich hab ich dein geharret,Und nun ist auch dies verloren!
Dies ist ihrer Schritte Schallen,Glaubt ich, wenn mein Herz so pochte,Blickte ängstlich durch die KammerOb auch alles sei geordnet.
Und wenn ich dann wieder dachte:Sie versprach dirs nur zum Hohne,Fühlt das Herz ich lauter schlagenAls den Tritt der leichten Sohlen.
Wer mir bot den guten Abend,War an mir zum Lügner worden,Und die schnellen Stunden standenBoshaft still an meiner Pforte."
Also sprach er. Tränen drangenIhm ins Aug, geheime BotenZüchtger Flamme, die gefangenLag bis jetzt im Jugendstolze.
Doch dies fühlt nicht Rosablanke.Ungeschickt zu seinem TrosteSpricht sie: "Gib mir die Orangen,Die du für mich abgebrochen!"
Nimmt die goldne Frucht und danket.Mutiger spricht er: "O Holde,Wolltest du mit gleichem DankeNehmen, was du selbst gebrochen!
Was vertraulich bei dem MahleIch, dein Wirt, dir bieten wollte,Dieses Herz muß auf der StraßeScheu und unstet ich dir opfern.
Mich ernähret wohl mein Garten;Um Bologna aller OrtenSiehst du keinen so gewartetUnd so vorteilhaft geordnet.
Und, verzeih, ich muß es sagen;Also hab ich ihn erzogenIn dem heimlichen Verlangen,Daß du drinnen mögest wohnen.
Wärst du mit hineingegangen,Unter bunten BlumenkronenEine Königin, empfangenHätt ich dich mit dieser Krone!"
Und nun setzt er RosablankenAuf das Haupt die Blumenkrone,Die er in dem Korb bewahret,Ruhend auf den Früchten oben.
Und die Jungfrau in GedankenGehet mit bekränzten LockenIhm zur Seite durch den Abend,Gleichend einer stummen Flore.
Pietro aber spricht: "Dein VaterKönnte dann bei uns auch wohnen,Und er wäre nie verlassen,Eines blieb ihm stets zum Troste.
Und an manchem schönen AbendKömmt mein Bruder Jacopone,Der an Weisheit hochgeachtet,In den Garten, sich erholend.
Und zur Freundin wirst du habenRosarosen, seine frommeStille Gattin; dir gefallenWird mein Bruder auch, Meliore."
Aber stumm bleibt Rosablanke,Und der Jüngling spricht betroffen:"Schweige nicht, o laß mich ArmenNicht in zweifelhaftem Troste.
Seit als Gärtner deinem VaterIch gepflegt die roten Rosen,Trag ich heimlich, Rosablanke,Weißer Rosen bittre Dornen.
Ich versetzte ihm im GartenWeiße, rote, gelbe RosenUnd begehrt am letzten AbendEine weiße mir zum Lohne.
Da gabst du von deinem StammeMir ein Zweiglein, dicht in MooseHüllt ich's, trug's zu meinem Garten,Stellt es in den besten Boden.
Schonend ist der Sonne WagenÜber dieses Reis gezogen,Segnend hat des Mondes SchaleGuten Tau zu ihm gegossen.
Hoch bei goldnen PomeranzenRankt sie aus den grünen Wolken,Deines Namens Sternbild strahleGünstig meinem Horizonte!
Paradiesisch blüht der Garten,Seit die Rose bei mir wohnet,Und ich gleich dem ersten Manne,Eh das Weib geschaffen worden."
Aber Rosablanke dachteNun des Traums von diesem Morgen,"Pietro," sprach sie, "eine SchlangeRankt um deinen Baum die Rose!
Und der Herr hat sie geschaffenAus der sehnsuchtvollen WogeSeines Busens; des EntschlafnenHerz entstieg die Traumgeborne.
Die Orange wird zum Apfel,Und der Apfel wird zum Tode,Willst du schließen in die Arme,Die dir in dem Herzen wohnet.
Heute früh in meinem GartenGrub er traurig bei den RosenNach dem göttlichen Erbarmen,Das er mit dem Weib verloren.
Und die bunte, böse SchlangeDrang zu mir und meinen Rosen,Doch Mariens Füße tratenNieder diese Schuld des Todes.
Nimm zurücke die Orange,Die du mir vom Baum gebrochen,Denn ich teile keinen ApfelWeil der Herr um mich gestorben."
Also redet Rosablanke.Pietro schweigt, und tief betroffenLegt der Jüngling die OrangeZu den andern in dem Korbe.
Schweigend gehn sie nun zusammenBis zu der Kapelle oben,Und des Abends ZaubergartenSchwankt vor ihrem Aug entrollet.
Aus den Tälern wächst der Schatten,Und es betet schon die SonneIhren Abendsegen, schwankendAuf des Waldes goldnen Kronen.
Durch des Himmels Gründe wallenWolkenschafe, goldgeflocket;In dem Abendmeere badendTrinken sie die Purpurwoge.
Und zum Rosengarten wandeltSich zu baden nun die Sonne,Einen Mantel webt im SchattenIhr die Nacht aus grauem Flore.
Als sie schwebet ob dem Bade,Gleicht es einem Feueropfer,Sie dem Phönix, der mit FlammenSich verjünget in dem Tode.
Aber rings aus Luft erstarrenHohe Purpurburgen, goldenWundervolle Inseln wachsenAus des Äthers glühnden Wogen.
Und die Inseln werden DrachenUnd die Burgen all Sankt GeorgeUnd der Sonne Strahlen Lanzen,Gen die Drachen blank erhoben.
Aber ewig sich verwandelnd,Wo sie aufeinander stoßen,Ziehn sie eine Bucht kristallenUm der Sonne Bad voll Rosen.
Wie ein Schäfer scheu und schmachtend,Lauschend schleicht auf leichten SohlenZu der spröden Hirtin Bade,Zieht der Mond schon hinter Wolken.
Nieder zuckt sie gleich Dianen;Jungfräulich erglühnd im ZorneSpritzt empor sie Goldkristalle,Birgt den Schoß im Wellenschoße.
Und der Mond, den Tropfen trafen,Steht gehörnt gleich Aktäone,Und zu Sternen rings erstarrenUm ihn her die goldnen Tropfen.
Mahnend zieht die Nacht den MantelVor des Unterganges Tore,Und die Herzen fühlen alle,Wer verloren, wer gewonnen.
Seine Schmerzen nicht mehr fassend,Spricht nun Pietro: "Deine Rosen,Sonne, sind im AbendgartenAll verblutet an den Dornen.
Paris gab den goldnen ApfelLiebend hin der Schaumgebornen,Aber mir ward ausgeschlagenDie Granate, scheu geboten!
Und die Sonne gleicht dem Apfel,Paris gleicht dem Silbermonde,Und das Meer des UntergangesDer entschleierten Dione.
Aber ach, meine GranateGleicht den Äpfeln von Gomorrha,Innen voll von giftger Asche,Außen lustig und voll Wohnne.
Und es drohet mir die blankeTodessichel dort des Mondes,Wie in meinem armen GartenTödlich steht die weiße Rose!" —
"Pietro!" spricht nun Rosablanke,"Umschaun hat der Herr verboten,Sahst du in den AbendflammenSodom und Gomorrha lodern.
Gab zurück ich dir den Apfel,Denk getröstet meiner Worte:Keinen Apfel mit dem ManneTeil ich; Jesus ist gestorben!
Lasse sinken all dies Trachten,Lasse sinken diese Sonne,Lasse wachsen diese Schatten!Sinkt zur Ruhe, wächst zum Troste!
Sieh, die Kerne der Granate,Die verglichen du der Sonne,Sind als Sterne aufgegangen,Leuchtend zu den Ewgen Lobe.
Betend sollst du nun betrachten,Wie gehütet von dem MondeSie wie Gottes Lämmer wandern,Und du sollst nicht trauern wollen.
Trauern nicht um die Granate,Trauern nicht um eine Rose,Trauern nicht um Rosablanke,Die dem Himmel sich verlobet!"
Und nun nimmt sie die GewandeVon Biondetten aus dem Korbe,Legt sie an und fromm verwandeltSteht sie eine weiße Nonne.
Pietro spricht: "Leb wohl, zum GartenKehre ich, die HochzeitskronePfleg ich dir, dir muß sie tragenweiße Rosen, mir die Dornen!"
Und zur Erde kniet er jammernd,Aus den dunklen Augen flossenTränen heiß, und seine ArmeHielt er schmerzemporgehoben.
Aber in den Büschen raschelt's,Und die Jungfrau spricht: "Es kommenmeine Freunde, ausgegangenSind die Hirsche, mich zu holen.
Beten werd ich noch heut abend,Daß die kühlen TauestropfenDiese Nacht dein Herz erlaben,Und dich ruhig seh der Morgen."
Pietro spricht: "Es wird die FlammeIn der Nacht noch wilder lodern,Büßend streue meine AscheSich ins falbe Haar Aurore!"
Doch sie schreitet zu dem Walde:"Jesus Christus sei gelobet!"Pietro spricht ein leises Amen,Und der Mond tritt aus den Wolken.
** Romanze VII: Kosmes Buße I
Allem Tagewerk sei Frieden,Keine Art erschallt im Wald,Alle Farbe ist geschieden,Und es raget die Gestalt.
Tauberauschte Blumen schließenIhrer Kelche süßen Kranz,Und die schlummertrunknen WiesenWiegen sich in Traumes Glanz.
Wo die wilden Quellen zielenNieder von dem Felsenrand,Ziehn die Hirsche frei und spielenFreudig in dem blanken Sand.
In der Düfte Schwermut wiegenSich die Rosen in den Schlaf,Das Geheimnis ruht verschwiegen,Das sie in den Busen traf.
Und es wandeln, die sich lieben,Flüsternd auf dem selgen Pfad,Wo sie gestern Scherze trieben,Zu des Meeres Glanzgestad.
Die Sirene stimmet wiederIhre giften Lieder an,Und die Herzen tauchen niederIn untiefen süßen Wahn.
Denn es schied die Sonne wiederIn der ewgen Flammen Pracht,Und es hebt die dunklen GliederAbermals die alte Nacht.
Und die Erde aufgeriegeltSendet ihren Geist heran,Um das Haupt schwebt sternbesiegeltIhm der blaue Weltenplan.
Und des Waldes dunkle RiesenDrängen sich ums enge Tal,Und durch ihre Kronen gießenSterne geisterhaften Strahl.
Aus der Tiefe aufgewiegeltWachsen stumme Brunnen an,Drinnen schaun sich mondumspiegeltDie Gedanken traurig an.
Vor der Hütte setzt sich niederKosme, lauschet nach dem Wald,Ob nicht aus der Ferne wiederSeines Kindes Stimme schallt.
Ob sie jenseits aus der Tiefe,An dem schroffen Felsenhang,Nicht das treue Echo riefeIn dem nächtlich späten Gang.
Aber nur die MelodieenHöret er der Nachtigall,Und zu seinem Herzen ziehenNicht der Töne Flug und Fall.
Ihm ergießet keinen FriedenDer prophetschen Sterne Strahl,Alle seine Pulse schmiedenEines bösen Schwertes Stahl.
Die Milchstraße sieht er liegenIn des blauen Himmels Bahn;Da stehn aller Waisen Wiegen,Lehret ihn ein frommer Wahn.
Und er denkt der bösen LiebeUnd der Früchte, die sie gab,Die in sündlich frechem TriebeEr dem Schicksal übergab.
Und die Sünde warf ihn nieder,Fesselt ihn in schwerer Acht,Und mit bitterem GefiederRauscht um ihn die böse Nacht.
Tief in Ängsten schon erliegetEr des Herzens bangem Schlag,Denn in dieser Nacht gewiegetWird verhängnisvoll ein Tag.
Denn das Weib, das er geliebet,Ging zu Grabe diese Nacht,Und die Tochter, die er liebet,Kam zum Leben diese Nacht.
Und die Sünde, nie besiegetDurch der Reue bittre Macht,Jene Schuld, der er erlieget,War erzeuget diese Nacht.
Und er wühlet in der TiefeSeiner Brust der Sünde nach,Daß die Reue nicht entschliefe,Schreit er seine Tote wach.
Und er sieht sie heilig knieen,Wie er sie durchs Gitter sah,Sieht sie dann die Glocke ziehen,Da der böse Feind ihm nah,
Der die Farben ihm gerieben,Als ein heilig Bild er malt,Und den Schuldbrief ihm geschrieben,Den nur ewger Tod bezahlt.
Ach! auch sie ist da erschienenSeinen Augen keusch und klar,Wie sie als Modell sollt dienenZu dem Bilde am Altar.
Mit den frommen heilgen Mienen,Mit den Rosen in dem Haar;Seinen Augen, brünstgen Bienen,Sie die süße Blume war.
Lust und Sünde sieht er wieder,Bis sie tief im Elend starb,Die Verzweiflung reißt ihn nieder,Weil er sie durch Lust verdarb.
Ach, daß alle Berge fielenUnd bedeckten ihn im Tal!Wollten doch die Blitze zielenAuf sein nackte Haupt zumal!
Ach, daß alle Wasser stigen,Und es säh der neue TagÖde, weite Fluten liegen,Wo er heute weinend lag!
Möchte dann die Taube fliegenMit dem milden Frühlingsblatt,Sich en Friedensbogen biegen,Wo er schwer gebüßet hat.
Aber weh! das NachtgefiederSchwingt der Rabe wild und hart,Stürzt sich auf sein Haupt herniederDas in bösem Traum erstarrt.
Kalte Schrecken um ihn fließen,Und Entsetzen sträubt sein Haar:Wehe, dorten auf den WiesenWerden die Gesichte wahr!
An dem Walde ist erschienenEine weibliche Gestalt,Von dem Haupte mondbeschienenDas Gewand herniederwallt.
Gleich wie weiße Schwäne fliehenAn der dunklen Wälder Rand,Sieht er eine Nonne ziehenLängs des Gartens Schattenwand.
Jetzt sieht er den Schleier fließen,Sieht die Füße blank und bar,Sieht den Strick den Leib umschließenUnd die Rosen in dem Haar.
"Wehe, wehe, noch hieniedenSchwebst du, teure Seele, arm!Wehe, wehe, noch kein Frieden!O, daß sich der Herr erbarm!"
Und der Schrecken reißt ihn nieder,Doch ihn faßt kein kalter Arm:"Vater, find ich so dich wieder?O, daß Gott sich dein erbarm!"
** Romanze VIII: Kosmes Buße II
Nieder stieg die Sonne wiederAuf des stummen Hügels RandUnd sieht scheidend ernst herniederIn das dämmervolle Land.
Ihre Strahlen fallen schieferAn der engen Kammer Wand,Malend an der Kerze, tieferSinket Kosme fleißge Hand.
Lang nach jenem Bilde sieht er,Das er hänget an die Wand,Und zur Erde kniet er nieder,Weit die Arme ausgespannt.
Und er spricht: "O Herr, den FriedenGabst du, an das Kreuz gespannt,Und das Kreuz, es blieb hienieden,Du hast dich zu Gott gewandt.
Sieh gekreuzet mich hier knieenIn der schweren Sünde Last,Bis du, Herr, auch mir verziehen,Auch für mich gelitten hast.
Ach, das Herz ward dir durchspießetVon verräterischem Stahl,Blutge Versöhnung sprießetAus der heilgen Wunden Mal.
Aber ach, die Sonne spieletEwig nur mit meiner Qual,Ewig, ewig sie mir zielet,Nimmer tötet mich ihr Strahl.
Wenn so rasch die Wolken fließenUm den nackten Feuerball,Alle Narben sich erschließen,Aufstehn meine Sünden all.
So wenn einst die Engel ziehenMit der Zornposaune Schall,Nahn die Toten aufgeschrieenIn des Wahnes Widerhall.
Nieder schmilzt der Sonne SiegelVor des Richters jüngstem Tag,Es zerbricht des Todes Riegel,Klar steht, was verloren lag.
Und der ewgen Schönheit SpiegelSpiegelt jegliche Gestalt,Und des Rechtes FeuertiegelPrüfet jeglichen Gehalt.
Wohin soll ich dann mich schmiegen-Wenn das Licht hoch überwallt?In dem Staube werd ich kriechenMit der Schlange Mißgestalt.
Weh, die Sonne sinkt, vergießendBlutge Tränen ohne Zahl,Und aus ihren Tränen sprießenTausend Tränen bittrer Qual.
Und es weinen die VerliebtenEinsam in vergeßner Schmach,Und es weinen die Geliebten,Denen man die Treue brach.
Unter gingst du, Lustgezierte,Der die Ehe mich verband,Der aus schändlicher BegierdePflicht und Treue ich entwand.
Blutschuld ist die RosenzierdeIn der Sonne Untergang:Fluch der teuflischen Begierde,Die mit Sünde dich verschlang.
Alle Tränen, die du gießest,Sinkend auf der ewgen Bahn,Bis du deine Augen schließest,Wachsen mir zur Sündflut an.
Und auf ihrer Woge ziehetDort des Mondes bleicher Kahn,Aber keine Taube fliehetMit dem Ölblatt mir heran.
Mond, wie blinkst du bleich und siechendAn des Abends Rosengrab,Wo die Sonne still versiegendIn den Schatten sinkt hinab.
Rosalata, du sankst niederMit dem roten Rosenkranz,Rosatristis, du kehrst wiederMit der weißen Rose Glanz.
Mond, ich sah dich mahnend ziehenWie ein Geist die Wolkenbahn,Und ich muß hier weinend knieen,Klagen mich der Sünde an.
Eile nicht, vorüberfliehendMit der Sichel scharf und blank;Schneide ab den Stamm, der knieendAn der Erde welk und krank.
Eine Wagschal, hoch auffliegend,Hebt die Buße dich hinan,Meine Sünde nie aufwiegendKlagest du vor Gott mich an.
Wie so weiß dein Schleier fliehet,Nonne, durch den Sternensaal,Mit dir betend, büßend, ziehetStill der Sterne Nacht-Choral.
Aus der Unschuld Paradiesen,Wo du trugst den Rosenkranz,Irrest du, durch mich verwiesenMit des Schwertes Feuerglanz."
Doch der Mond zog stillverschwiegenHinter eine Wolkenwand,Ließ ihn ungetröstet liegen,Wo er ihn in Tränen fand.
Und er hebt sich von den Knieen,Als er sein Gebet vollbracht;Aber ihm ward nicht verziehen.Auf dem Tale lag die Nacht.
** Romanze IX: Apo und Moles auf dem Turme
In des Turmes höchster Kuppel,Unter seinem Fuß die Glocke,Sitzt Apone, und die UhrenRasseln unter ihm im Boden.
In des hohlen Spiegels Runde,Gegenüber einem Loche,Sieht die weite Stadt er ruhenAbgetürmt am Horizonte.
Doch des Meisters Blicke suchenRings umher im weiten Bogen,Bis sie auf der hohen KuppelDes Theaters fest geworden.
Also mit den Augen wurzelndSieht er ziehn die wilden Wolken,Und die hohen Sterne funkelnAus des Himmels tiefer Woge.
Und er spricht mit finsterm Munde:"Venus, du bist mir gewogen,Du hast mich zu guter StundeImmer mächtig angezogen!
Alle kenn ich euch, ihr Kunden,Die, man sagt, den Herren loben,Doch der Herr sitzt manchmal untenUnd die Diener stehen oben!
Sterne, ich bin euch verbunden,Ich hab mich mit euch verwoben,Und ich kenne eure Stunden,Lasse euch nicht warten droben.
Auf der Erde gehn die Dummen,Wissen nicht, was ihr nur wollet,Doch ich kenne eure Summen,Ja, ich weiß auch, was ihr sollet!
Halb nur sind die Kreaturen,Denen Gott die Stirn erhobenUnd die göttlichen NaturenNicht erkennen, die da droben.
Als der große Geist des GrundesWollte überm Lichte wohnen,Überschlug er sich im Sturze,Und das Schwere ward geboren.
Und das Leichte muß sich suchen,Daraus ward das Licht geboren;Schweres Dunkel war nun unten,Leichtes Licht, das schwebte oben.
Und das Schwere war umrungenVon dem Leichten, und es rollet,Bis geboren war das Runde,Das unendlich ist geformet.
Da das Licht dazu gedrungen,Ist das Feuer aufgelodert,Hat mit seiner bösen ZungeSchnell das Wasser hergelocket.
Und aus dieses Kampfes SchwungeWard der Raum zur luftgen Woge,So daß, wenn der eine zucket,Wird der andre angestoßen.
Und dem Kampfe ist entsprungen,Was hienieden irdisch wohnet,Was da droben himmlisch rundet,Was im Ganzen göttlich thronet.
Der gespalten, was verbunden,Ist der Geist zum Fleisch geworden,Aber Fleisch war eine Zunge,Und die Zunge ward zum Worte.
Und der Mensch, der irdisch fußet,Suchet seinen Gott im Hohen,Der doch ist im MittelpunkteUnd ihn reißet zu dem Boden.
Doch ich habe ihn gefunden:Er der all den Streit erhoben,Der gestört die tote Ruhe,Ihm ist diese Welt entsprossen.
Er trägt mich mit festem Grunde,Er hat mich aus Staub geboren,Und die Sterne, die nicht ruhen,Ziehn mich neidisch auf im Zorne.
Adam aus dem ErdengrundeWard als Geisel ausgeboren,Und das Licht ab einen FunkenAls ein Unterpfand von oben.
Erde, feste Burg gerundet,Schwebest in des Lichtes WogenSicher, wie kein Schiff in Fluten,Wie kein Kind im Mutterschoße.
Denn es sitzt am SteuerruderSelbst des Lichts unehl'che Tochter,Die Philosophia schlummertNie, und hält das Richt'ge oben.
Und Astronomia suchetRastlos an dem HimmelsbogenUnd dem Kompaß; alle StundenGeht die Welt nach ihren Polen.
Medizina heilt die WundenMutig ringend mit dem Tode,Und Magia hat des SturmesFlügel und des Windes Rosse.
O Magia, du des DunkelsSchwarze, lichtentsprungne Tochter,Du allein genügst zum Schutze,Mag das Licht auch ewig toben!
Doch zum frechen ÜberflusseHat der Erdgeist auch geborenFlaggen jeglicher Naturen,Die allfarbgen Religionen.
Wenn das Schiffsvolk steht und murretUnd nicht trauet dem Piloten,Wird die Flagge aufgewunden,Und Begeistrung strahlt die Sonne.
Plagt die Krankheit und der Hunger,Und das Wasser ist verdorben,Da suffliert der Erdgeist dunkel,Und sie beten, die Kujonen!
Also schwebt die Erde munterUm des dunklen Geistes Pole;Und sie dienen, dem sie fluchen,Und er schämt sich, sie zu holen.
Doch das Licht und auch das DunkelHaben beide sich sich belogen,Und die Lüge war das Wunder,War das Wort, das Fleisch geworden.
Denn der Mann aus irdschem GrundeWar um Erdgeist nur geformet,Daß das Licht, in ihm gebunden,Sei gefesselt an den Boden.
Und vom Lichte nur durchdrungenWard der Mann, der Erdgeborne,Daß der Erdgeist, sei gezwungenIn dem Manne hin nach oben.
So im wechselnden BetrugeIst der Streit zum Fleisch geworden,Und er herrscht im MittelpunkteDes unendlich ewgen Zornes.
Da das Licht den Schlaf erfunden,Ward dem Mann das Weib geboren,Durch den Baum des Bös und GutenFührt der Erdgeist uns zum Tode.
Nach uns greift das Licht hinunter,Ziehet mächtig uns nach oben,Die Metalle schwer und dunkelZiehen nieder uns zu Boden.
Beiden Welten so verbundenWehet betend auf der Odem,Wer erkennen will, was unten,Stiehlt das hohe Licht von oben.
Als ich war im Licht betrunkenUnd um Weisheit fleht von oben,Sprach das Wort: Du sollst gesunden,Wenn du mir das Fleisch willst opfern!
Wenn das Böse du verblutet,Wenn versiegt der irdsche Bronnen,Wenn du wandelst in dem Guten,Magst du schauen in die Sonne.
Fasten sollte ich und hungernUnd entbehren alle Wonnen,Recht in Schmerzen sollt ich wurzeln,Um im Lichte aufzusprossen.
Mit dem Licht stieg ich hinunter,Und der Erdgeist, leicht gewonnen,Gab zu trinken mir das Dunkel,Das in mir zum Licht geworden.
Und in diesem Licht betrunkenIst mir die Erkenntnis worden,Ich hab meinen Geist gefundenUnd verstehe seine Worte.
Wie die Sterne oben runden,Die Metalle unten wohnen,Wie die Sonnen gehen unter,Wie herauf sich ziehn die Monde,
Fühl ich all in meinen Pulsen,Und mein Fuß fühlt in dem Boden,Wo die goldnen Schätze wurzeln,Wo die Quellen gehn verborgen.
Eva, Eva! schlaue Mutter,Hast den Apfel du gekostet,Hat die Schlange dich versuchet,Hast du uns den Tod geboren,
Hast das Böse und das GuteDu erkennet, soll verlorenMir nicht sein die teure Kunde,Um die du das Heil verloren!
Bin der Erde ich verbunden,Bin ich an den Tod verlorenUm ein Schnitzchen sauren Obstes,Dreht um mich sich doch die Sonne!
Und ich will nicht eher ruhnIn dem dunkeln Erdenschoße,Bis ich aller Sinnen BrunnenÜberfüllend ausgesogen!" —
Also sprach Apone murmelndUnd bedeckt mit heißem OdemSeines Wunderspiegels Runde,Daß er trüb war und umfloret.
Und der rote Mond steigt blutendÜber Wolken auf im Osten;Da er in den Spiegel funkelt,Heult der schwarze Hund Apones.
Und der Meister wischt mit FluchenVon dem Spiegel seinen Odem:"Will des Theater KuppelNoch nicht auf in Flammen lodern?"
Er nimmt einen SchwefelkuchenUnd ein Glas voll goldnem Korne,Und den Schwanz von einem FuchseAus dem Kasten an dem Boden.
Und den Wetterhahn, der funkelndStehet auf des Turmes Knopfe,Nimmt er, greifend durch die Luke,Setzt ihn zu dem goldnen Korne.
Peitschet dann den SchwefelkuchenMit dem Fuchsschwanz aller Orten,Und es springen helle FunkenIn das Glas zum goldnen Korne.
"Simson," spricht er, "deine WunderHab ich kürzer mir geordnet;Mir auch muß vom Schwanz des FuchsesDer Philister Korn auflodern!
Ja, Geselle, werde munter!"Spricht zum Hahne dann Apone,"Beug den Schnabel zu dem Futter,Wartest du, daß ich dich stopfe?
Der du in den Blitzen fußest,Der du krähest in dem Donner,Der du in der Sonne funkelstUnd die Flügel schlägst im Monde,
Wettermacher, armer Schlucker,Du bestehst auf deinem Kopfe?Wart, ich will dich lehren schlucken,Daß dich Feuer reißt im Kropfe!"
Und er schlägt den Hahn mit Ruten,Bis der Kamm ihm schwillt im Zorne,Hetzet ihn mit seinem Hunde,Und nun neigt er mit dem Kopfe,
Schluckt das Feuerkorn mit Hunger,Das ihn brennt wie glühe Kohlen,Seine Flügel schon erfunkelnUnd die roten Augen rollen.
Seine Sichel sprühet Funken,Sein Metallgefieder lodert,Plötzlich beide Flügel zuckenBreit hinaus mit heftgem Tone.
Und er greift ganz ungeduldigNach dem schwarzen Feuerhorne,Setzt es an am dunklen Munde,Lenkt hinaus es zu dem Loche.
Setzt den Hahn bereit zum FlugeIn das weite Maul des Hornes,Der wie eine FeuerzungeDurch die Luft stürzt aus dem Horne.
Apo läßt die FeuerrufeDurch die klare Nacht hindonnern,Und auf des Theaters KuppelFliegt der Hahn, die hell auflodert.
Feuer! Feuer! schreit man unten,Und die Hörner schreien oben,Hoch die Glocken gehn im Sturme,Tief das Rasseln wilder Trommeln.
Aus des blauen Reno UfernEilen bald die gütgen Wogen,Hilfreich zu der FlammenkuppelDurch die Hände emsgen Volkes.
Hundert Eimer um die BrunnenKommend, gehend, Wasser fordernd;Der Metallsirenen BusenSchimmert in der Fackeln Lohe.
Und die marmornen NeptuneUnd die blasenden TritonenGießen aus die vollen MuschelnIn die Urnen rings erhoben.
In dem Widerscheine funkelndHalten rings, die Menge ordnend,Blankgestahlte Reuter Runde,Jeder steht an seinem Orte.
Aus der fernen Klöster DunkelTragen schon die frommen Orden,Stille Litaneien murmelnd,Wasser zu in Prozessionen.
Niederstürzend aus den StubenSammeln schnell sich die LegionenDer Studenten, und sie rufen:|Pereat Incensus!| drohend.
Auf den festen SammelpunktenOrdnen sich die Nationen,Und es schallen, sie berufend,Rings die Stimmen der Senioren.
Lärmend eilen zu den PumpenBald die munteren Franzosen,Und die Hebel auf und unterHört man kreischend, jammernd toben.
Und die langgehosten UngernZiehn auf ihren kleinen RossenDurch die weite Stadt umtummelnd,Wache haltend nach dem Tore.
Bei dem schiefen EselsturmeSammeln sich mailändsche Chore,Senden rüstige PatrouillenDen Palästen ihrer Nobels.
Bei der Kirche Sankt ProculensStellet sich der Römer HordeAuf zum Schutz der hohen SchuleUnd der edlen Professoren.
Sankt Januari Blut anrufendFüllen ihre WasserrohreZu der Büchersäle SchutzeNeapolitansche Chore.
Und die festen deutschen Bursche,Mit den Ellenbogen stoßend,Schleppen auf den breiten SchulternFeuerleitern, Haken, Kloben.
Bald mit Macht hinangeschwungenZu der hohen Fenster BogenNun die sichern Leitern ruhen,Allen Fliehenden zum Troste.
Viele retten sich im Sprunge;Andre, an den FeuerklobenFest sich klammernd, hoch im SchwungeKommen nieder in dem Bogen.
Denn zum wilden RettungssturmeSind zu eng des Hauses Tore,Und auf ewig wird verschlungenMancher in des Ausdrangs Woge.
In dem Brausen des TumultesBricht des Kerkers Tor Meliore,Eilet zu Biondettens Brunnen,Einen Eimer voll zu holen.
Und ein kleiner blonder JungeHat den Eimer voll schon oben,Spricht: "Geh hin und hilf, du Guter,Traue auf die Allmacht Gottes!"
Bei der Kirche Sankt Proculens,Wo der Maler Guido wohnet,Steht Meliore, heftig rufend:"Komme, alter Guido, komme!
Werft die Äxte mir herunter:Ich und du und deine TochterSteigen auf des Brandes Kuppel,Denn die Hilfe kömmt von oben!"
Und zum Feuer hingedrungenMit dem Meister und der Tochter,Sieht aus einem Fenster, rufend:"Leitern, Hilfe!" Jacopone.
Jacopone, der sein Bruder,Hält die Gattin hoch erhoben,Und um sie im HintergrundeSchon die roten Flmmen lodern.
"Rosarosa, spring herunter!Weihe dich der Mutter Gottes,Sie tut heut noch manches Wunder,Hält in ihrer Hut die Frommen!"
Rosarosa springt im Fluge,Stürzt sich in den Arm Meliores;Neben sie stürzt auch im SprungeJacopone an den Boden.
Als Meliore sie umschlungen,Schrie sie laut: "Gott sei gelobet!"Und erblasset; Ströme BlutesStürzen von ihr aller Orten.
Und vier deutsche brave Bursche,Einen Manteln breit aufrollend,Tragen heim sie auf dem Tuche,Jammernd folget Jakopone.
Aber mit dem WasserkrugeDringet aufwärts nun MelioreAuf der Jakobsleiter StufenMit dem Maler und der Tochter.
Die die Leiter hierher trugen.Sie sind göttliche Genossen;Hoch zu des Theaters KuppelSteigen sie die lichten Sprossen.
Und nun hauet ohne RuheGuido und die rüstge TochterEine Öffnung in die kuppel,Seinen Krug leert Meliore.
Segen ist in seinem Kruge;Wie er gießt in stetem Strome,Ist er nimmer leer, o Wunder!Guido kniet und seine Tochter.
Und die Hände fest verschlungenBeten sie, den Herren lobend.Aber in des Hauses RundeSpringet kühn nun Melire.
Eine Stimme hört er rufen;Wo sie rufet, wird er folgen,Rief aus der Hölle Schlunde,Rief sie von des Himmels Throne.
Als er stürzet mit dem Kruge,Ist die wilde FeuerloheBald in seiner Flut ertrunken,Und die Not ist rings erloschen.
Niedersenket sich die Ruhe.Mit des Wasser schneller WogeRinnen auch des Volkes FlutenAb zum Bette ihres Stromes.
Ruhig schaut von seinem TurmeIn den Jammer hin Apone;Wenn die Flammen aufwärts zucken,Fühlt er froh sein Herz erhoben.
Aber als er auf der KuppelSah den Maler und die Tochter,Grüßt er sie mit bösem FlucheUnd den tapfern Meliore.
Denn aus einem armen KrugeLöschet er die wilde Lohe,Und so viele schwere StundenHat ihn selbst sein Hahn gekostet.
Als solches denkt, da rufetLaut der Hahn, der zu dem KnopfeWiederkehrte, und im TurmeTönt herauf die Pfortenglocke.
Apo öffnet mit dem Zuge,Lauschet nach des Trittes Tone,Wie er auf den WendelstufenHell sich aufdreht hin nach oben.
Dumpfer schallte es von unten —Es war schier, als sei er doppelt —Schwerer in dem halben Turme,Als trüg man die Last nach oben.
Weiter oft der Tritt verstummet,Denn der Träger holet Odem,Endlich auf den letzten Stufen,Bald wird's an der Türe klopfen.
Apo blicket durch die Stube,Ob auch alles sei geordnet,Jagt den Hund vom roten Stuhle,Den er vor den Spiegel rollet.
Und mit einem Kranz von Blumen,Belladonna, Hundsviolen,Frauenschuh und Eisenhute,Kränzet er des Stuhles Stollen.
Zeichnet dann mit einer RuteIn den Mehltau, auf dem Boden,Seinem Gast zum bösen GrußeSchnell ein magisches Willkommen.
Aber mitten in der StubeBrennt an einem Totenkopfe,Der in grüner Urne ruht,Eine zauberische Lohe.
Eine süße Laube duftend,Von des Mondes Strahl durchflochten,Scheint des Turmes rußge Stube,Als die Rosenflamme lodert.
Und die Flamme scheint ein Brunnen,Funkelnd in des Mondes Wonne,Wundersüße Träume murmelndDurch den Duft wollüstger Rosen.
Und es pocht. Herein zur StubeTritt der Famulus Apones,Moles, seufzend ob dem Buche,Das er anschleppt auf dem Kopfe.
"Du allein! Elender Bube!"Flucht entgegen ihm Apone,"Prahler! ist dir nicht gelungen,Was du frech mir zugeschworen?
Wo ist sie, die heilge Jungfer?Hat ein andrer sie gewonnen?" —"Meister, schone deine Zunge!"Spricht und lacht der schlaue Moles.
"Du sitzt hier im Mondschein munkelndBei wollüstger Brunnen Wonne,Eine andere Laube funkelndWar um mich und andre Bronnen!
Trug ich gleich die süße Jungfer,Sprach sie doch unselge Worte;Ihr half eine andre Jungfer,Der ich nicht bin mächtig worden.
Auch sprang von des Hauses KuppelAuf mich ein der Meliore,Und des Feuers wilde ZungenLeckten mich bis auf den Knochen.
Aber dummer als das DummsteWar der Weihewasserbronnen,Den ein Mönch — im HöllenpfuhleDurst er — auf mich ausgegossen.
Meister, Meister, trotz der Gluten,Trotz dem scharfen WeihebronnenSchwör ich, nimmer will ich ruhen,Bis Biondette uns geworden!
Ach, wer dieses Leibes WunderEinmal trug in seinen Pfoten,Wer den Druck des süßen BusensFühlte und den Duft des Odems —
Disteln sind mir alle Blumen,Seit mir nah des Mundes Rose;Der Kometen Haar gleicht RutenVor der Goldflut ihrer Locken.
Und der Brüste Dioskuren,Aus der Leda Ei geboren,Durstig wie des Schwanes Busen,Da er taumelte in Wonne.
Unter ihrer Brauen RundeLag der Venus Stern verschlossen,Wie in Wolkenbetten schlummernLiebestrunkne Nebelsonnen.
Und der Flammen durstge ZungenKonnten nicht die Luft austrocknen,Die, als ich sie trug, im BluteMir ein süßer Quell ergossen.
Welche Hölle kann verdunkelnDieses Himmels Wollustsonne?Ja, die Sünde hat Minuten,Wert des Lichtes ewge Kronen!" —
"Schweige, du berauschter Bube!"Spricht Apone nun im Zorne —"Soll mich in der ZauberbudeTrösten dein verdorbner Odem?
Ich glaub, von dem schweren BucheWardst du toll in deinem Kopfe;Bringst du mir vielleicht vom JudenDieses Buch zum schlechten Troste?" —
"Meister, Meister, wollt nicht fluchen,Denn von aller LiebeswonneUnd von aller Schönheit WunderWird dies Buch nicht aufgewogen!
Bringe mir Biondetten ruhendIn dem Schoße süßer Moose,Singend, von Gewürzen duftend,Wie das Lied des Salomone —
Nicht kauf ich sie mit dem Buche!Vor ihm seien die Kleinode,Die in Licht und Dunkel ruhen,Eine taube Nuß gescholten!
Ein Geschenk mit diesem BucheMach ich dir, wenn du gelobest,Mir zu stellen diese Stunde,Ja jetzt gleich, die Horoskope.
Mir gab's meine selge Mutter,Die drum einen Mönch ermordet.Der es in dem Sarg gefundenEines zauberischen Mohren,
Der von einem alten JudenEs getauscht um heilge BroteWahren Leibs und wahren Blutes,Die er vom Altar gestohlen.
Und der Jude, einen HunnenHat er um das Buch betrogen,Der von einem Arzt beim SturmeVon Cracovia es erobert.
Und der Arzt kam zu dem BucheDurch die Erbschaft eines Kopten,Dessen Stamm durch manch JahrhundertEs erhielt, Gott weiß wie, woher!
Doch daß über Adams SchulterEinsten an dem dritten MorgenEs ein Engel abschrieb munter,Stehet auf dem letzten Bogen." —
"Wie kam Adam zu dem Buche?" —"Wisse, wann des Himmels SonneUnd die Sterne gehn zur Schule,Ist dies Büchlein in der Mode.
Da der Herr die Welt erfunden,War die Welt von wenig Worte;Alles war sehr kurz gebunden,Auf die lange Bank geschoben.
Des Vokals belebend Wunder,Ehgeheimnis der Diphthonge,Und der Konsonanten HungerLernt er draus zu Worten kochen.
In dem A den Schall zu suchen,In dem E der Rede Wonne,In dem I der Stimme Wurzel,In dem O des Tones Odem,
In dem U des Mutes Fluchen,Hat er aus dem Buch geholet,Als im H des Hauches WunderGottes Geist in ihm gegossen.
Auch das große VaterunserUnd der Herr Gott wir dich lobenFindst du drin in grobem Drucke,Wie es beten Mond und Sonne.
Und manch Rätsel von der TugendUnd vom Fiat, fein verschoben;Die Auflösung stehet untenIn verkehrt gedruckten Noten.
Fabeln mischen sich mit drunter,Wie die Tiere sich besprochen,Wie der Adam sich verwundert,Da die Eva kam in Wochen,
Da sie trug ein groß GelüstenNach ausländschem Himmelsobste,Wie die Schlange sie entbunden,Und wie sie moralisch worden.
Unterhaltung und auch NutzenSind verbunden hier gar vornhem,Denn du findest angebundenKunstrezepten aller Sorten:
Färberkuppen, Tintenpulver,Surrogate für die Toten,Restaurantia für die Tugend,Manch Rezept zu Religionen.
Freier Wille ist des BuchesHöhrer Titel in zwei Worten,Gottes Wille heißt's im Grunde,Seit die Freiheit ging verloren.
Und Notwendigkeit am SchlusseHeißt es auch mit anderen Worten,Not ist hier die wahre Wurzel,Und das Wenden wird verboten.
Gott sprach zu den Menschen: |Surge,Eheu, eheu Christofore,Nam ad scholam tempus nunc est!|Und weckt ihn mit seinem Odem.
Und vom Himmel kam herunterDiese A-B-C-Methode,Und die neugeschaffne JugendIst daraus zum Doktor worden.
Aber schwer sind die Geburten,Nötig sind die Rotationen,Und fatal ist das Versuchen,Seit das Weib den Tod geboren.
Und du lernst aus diesem Buche,Wie der Kaiserschnitt zu ordnen,Daß lebendig bleibt die MutterUnd das Kind auch sei gewonnen!
Denn wie alle ihre WunderIn den ersten SchriftleinsbogenDie Gelehrten gern hermustern,So ging's hier auch den Autoren.
Und weil Adam bei dem BucheSich den Kopf zu sehr gebrochen,Fragte Eva, Rat sich suchend,Andere Kommentatoren.
Was im Stile oben dunkel,Hellen auf die untern Noten;Über oben, über untenSchrieb am Rand ein Geist die Glosse.
"Schweig, es ist genug; verstumme!"Spricht zu Moles nun Apone,"Ich weiß nicht, ob du den DummenSpielest oder ob du spottest!
Hatt ich das in dir gesuchet?Redest du mir Kinderpossen,Oder bist du ein Verruchter,Der mich höhnisch denkt zu foppen?
Hat ein Arzt dies Buch beim SturmeVon Krakovia verloren,Und hieß Amber Herr des Buches?Rede, sage es unverhohlen?" —
"Amber, ja, so steht im Buche,Und er war ein Äthiope." —"Hei! so ist ein Schatz gefunden!"Spricht in Freuden jetzt Apone,
"Gib es her!" — "Nein!" spricht der Bube,"Stelle mir die Horoskope,Jetzt, sogleich, in fünf Minuten,Und dir geb ich's, wie gelobet!"
Und Apone fragt mit Murren:"Wann bist du geboren, Moles,Sag das Jahr, den Tag, die Stunde,Und ich stell die Horoskope." —
"Meister, meine letzte MutterHat mich dieses Mal geborenIn dem Jahre Siebenhundert,Am Geburtstag des Herodes,
In der lustgen roten Stunde,Da die Kindlein man gemordet.Sie hat selbst es in dem BucheAngemerkt mit kurzen Worten."
Apo merkt sich diese Punkte,Hat der Kreise viel gezogenUnd geschrieben viele NummernAn dem Boden mit der Kohle,