Chapter 5

In der Kirche, vor dem Volke,auf dem offnen vollen MarkteSollst du mir verbuhlet folgen,Wie dem Leibe folgt der Schatten!"

Ihm erwidert Rosadore:"Mein wird sich der Herr erbarmen;Vor dem Fluch, den du geschworen,Wird er seine Magd bewahren!

Eher sollen alle RosenMit den Wurzeln abwärts wachsenUnd die vollen LiebeskronenIn der Erde Nacht begraben,

Eher all die bleichen TotenAus der Tiefe blühend wandelnUnd was lebet an der SonneFluchend in die Gräber tragen,

Eh der Mond vom SternendomeBuhlend in ein Nest voll DrachenSteigen und im keuschen SchoßeUngeheure Brut empfangen,

Und eh soll die lichte SonneWeichen aus des Himmels Bahnen,Durch der Hölle Tor zu wandeln,Eh ich tret in deine Pforte.

Ja, eh wird dem Feinde Gottes,Dem satanschen Sündenvater,Auch ein Gottsohn ausgeboren,Keusch von einer Magd empfangen,

Und zu lösen uns vom Tode,An das heilge Kreuz geschlagen!Gott verzeihe mir die Worte,Antwort ungeheurer Fragen!

Nein! nein! nein! Du hast gelogen!O erscheine, Herr des Gartens,Tritt den Lügner an den Boden,Trete auf das Haupt der Schlange!"

"Kind," spricht Apo, "heiße KohlenMöchtest auf mein Haupt du sammeln,Aber mir auch blühen Rosen;Gut lacht, wer am letzten lachet!"

Doch indes fragt JacoponeFlehend die geliebte Kranke,Wie sie so viel Blut vergossen?Und sie hat es ihm gestanden.

Und nun bietet er Apone,Daß er helfend ihm mög raten,Abermals zweitausend Kronen,Nimmt das Gold gleich aus dem Schranke.

Jener aber spricht: "Die Dornen,Die ihr schwer den Leib durchstachen,Wirf in einen tiefen BronnenOder in ein fließend Wasser;

Dann, so wie der Gürtel rostet,Schließen sich die Wundenmale;Doch vor allem einen TropfenNehme sie aus dieser Flasche!"

Und nun reichet ihr AponeEine Flasche; doch die KrankeWinkt verneinend mit dem Kopfe,Und Apone weicht vom Lager;

Denn er höret eine Glocke;Fackelschein erhellt die Gasse,Weil begleitet von dem VolkeSich der Leib des Herren nahet.

Mit dem Sakrament gezogenKommt Benone durch die Straße,Und die Kranke hebt frohlockendUnd getröstet sich vom Lager.

"Bleibe liegen!" sprach Apone."Willst du dir dein Weib erhalten,"Sagt er dann zu Jacopone,"Hüt sie vor dem Abendmahle!

Sie stirbt eines schnellen TodesBei der letzten Ölung Salbe.Da ich sie hab übernommen,Werd ich dieses nie gestatten!" —

"Jacopone, Jacopone,"Seufzt nun angstbewegt die Kranke,"Willst du mich zur Hölle stoßen?Hüte mich vor diesem Drachen!"

"Seht, sie raset," spricht Apone,"Sie ist nicht mehr bei Verstande,Denn sie spricht verwirrte Worte,Taugt jetzt nicht zu heilgen Sachen!"

Doch nun tritt herein Benone,Nahet sich dem Bett der Kranken,Und sie spricht: "O Herr, willkommen!Wolle meine Beicht empfangen!"

Und der Priester will, es sollenAlle nun allein ihn lassen."Rosadore, JacoponeMögen bleiben," spricht die Kranke.

"Und ich geh nicht," spricht Apone,"Bis der Gürtel liegt im Wasser,Bis getrunken sie die Tropfen.Wer bringt meine Pflicht zu wanken?"

Und zu weichen hat BenoneNochmals friedlich ihn ermahnet;Aber höhnisch ihm der StolzeIn das würdge Antlitz lachet.

Nun erst fühlet Jacopone,Welcher Geist in diesem Arzte,Und er spricht in schnellem Zorne:"Weich aus meinem Haus, du Laster!" —

"Hast du mich mit SchmeichelwortenHergelocket," spricht der Arge,"Bringst du mich mit bösem TrotzeWahrlich nimmermehr von hinnen!" —

"Weh uns!" jammert Jacopone,"Wer mag diesen Teufel bannen!"Und es nahet Rosadore,Spricht: "Ich wags in Gottes Namen!"

Und sie zieht gleich einem DolcheJene Nadel RosablankensAus dem Haar, das Gold der LockenFließt, sie rüstend, von dem Nacken.

Und im heilgen Zorne GottesSpringt die Kranke von dem Lager,Und ein Kreuz von rotem GoldeDienet ihr zur frommen Waffe.

Aber beiden reißt AponeVon dem Busen die Gewande.Da er sieht die heilgen Rosen,Fühlt er seine Sinne wanken.

Und er fluchet: "Moles, Moles!Dies ist unser Rosengarten.Daß er ewiglich verdorre,Mußt du dich zur Arbeit halten!"

Doch am Fenster ruft BenoneDem Geleite, und mit FackelnDringen sie herauf; MelioreTritt einher vor allen andern.

Doch er stehet schwer erschrocken,Da er Apo sieht, und fraget:"Meister, lebet ihr hier doppelt?Eben hab ich euch verlassen!

Pietro kam als schneller BoteZu dem Vater Rosablankens,Der erkrankte, euch zu holen,Und Ihr seid mit ihm gegangen.

Habt mir selbst die Hand geboten,Spracht, daß ihr des alten HassesGänzlich nun vergessen wolltet,Weil ich brav gelöscht beim Brande.

Dann hast du mich angesprochenUm ein Büschel meiner Haare;Sprachst: `Aus blondem Haar gesponnenWird zur Wundennaht der Faden.'

Und ich gab dir eine Locke —Sieh, hier fehlt sie mir im Nacken —Folgte weit dir vor dem Tore,Bis in meines Bruders Garten,

Wo du eintratst, weiße RosenUnd Arzneikraut einem KrankenZur Erquickung gleich zu holen;Dorten hab ich dich verlassen.

Denn es war dort bei den RosenSolch ein heftger Duft entstanden,Daß mir schier gebrach der Odem;Wankend ging ich aus dem Garten.

Jetzt — wie find ich dich hier oben?"Doch ihn bei dem Arme fassendSpricht Apone: "Freund Meliore.Jetzt geleite mich von dannen!

Denn die Gattin JacoponesWill das Sakrament empfangen,Gönnen wir ihr Raum zum Troste!"Und nun gehen sie zusammen.

Ihnen folgen, die vom VolkeMit den Fackeln aufwärts drangen.In den Armen JacoponesRuht ohnmächtig noch die Kranke.

Da sie wieder sich erholet,Segnend ihr der Priester nahet,Und sie spricht mit leisen Worten,Matt aufrichtend sich vom Lager:

"Der du an der Stätte Gottes,Höre, wie ich mich anklage,Was ich sündlich hab verbrochen,Seit auf Erden ich gewandelt,

Mit Gedanken, Werken, Worten.Und zuerst nun mit Gedanken:Ich gedachte, meinem GotteKönnt ich Sünderin gefallen.

Und ich sündigte mit Worten,Weil ich Gott nicht Wort gehalten,Als das ja ich JacoponeTreulos gab an dem Altare.

Und mit Werken," sprach die Fromme,"Da ich sprang von dem Theater;Denn ich glaubte fest, des TodesWürd ich an die Erde fallen;

Glaubt in meinem bösen StolzeOhne Sakrament empfangenKäm ich doch zu meinem Gotte,Sündigte auf sein Erbarmen.

Doch mich nicht verderben wollend,Hat er mich zur Buß erhalten,Die von ihm durch dich, Benone,Ich zerknirschet nun erwarte!" —

"Rosarosa," sprach Benone,"Keiner noch trat ohne MakelVor den Thron des ewgen Gottes;Er wird dein sich auch erbarmen!

In des Vaters, in des Sohnes,In des heilgen Geistes NamenSei dir, meine fromme Tochter,Deine Schuld erlassen! Amen.

Fühlst du jetzt dein Haus geordnet,Deinen Herren zu empfangen,Speis ich mit dem HimmelsbroteDich zu diesem letzten Pfade." —

"Bis zum neuen MorgenroteHarret noch", spricht leis die Kranke,"Einen Bissen weißen BrotesAß ich heut von einer Armen,

Der durch dich, mein Jacopone,Ward ihr kleines Feld erhaltenGen den Anspruch eines Großen;Sie bracht mir das Brot zum Danke,

Bat: `O esse von dem KorneJetzt aus Liebe zu dem Manne,Der gerettet mir den BodenDem dies Brot für mich entwachsen!'

Aber hört, die elfte GlockeSchlägt! Noch eine Stunde harret;Reicht indes zum letzten TrosteMir des heilgen Öles Salbe!"

Doch nun klaget Jacopone,Der bis jetzt in stummen JammerSaß an ihrem Lager oben:"Weh, o weh, ich muß dich lassen!

O dich, aller Jungfraun Krone,Keusch und duldend gleich dem Lamme,Das die Schuld hat hingenommen,Das für uns das Kreuz getragen,

Rosarose, heilge SonneMeiner irdisch trüben Tage,Firmament voll Lichtessonne,Ewig gleiche Friedenswage! # waage?

Herr, was hab ich denn verbrochen,Daß ich in der Nacht soll wandeln,Daß aus meines Himmels DomeNun erlischt die heilge Lampe?

Weh, o weh, du süße Rose,Dornen dir das Herz zerbrachen,Die du fromm vor mir verborgen;Schuldig muß ich mich anklagen!

Weh, ich bins, der dich gemordet,Blind an jenem Hochzeitsabend,Da durch mich du von den TotenHast den Dornengurt empfangen!

Und ich habe zu der OperDich geführet heute Abend:Weh, durch mich wards du durchbohretVon dem Gürtel bei dem Brande!

Deine letzte Zeit verdorbenHab ich dir aus falschem WahneDurch den Bösewicht Apone,Hoffend, dich mir zu erhalten!

Ach, ich diene bösem Stolze!Die ich nie besessen habe,Die mir ewig war verloren,Wollt ich mir durch Kunst erhalten!

Weh, mein Weib, du Jugendrose,Auf dem Wasser der DemantenSpiegelt deiner Schönheit SonneIhres Abendrotes Flamme!"

Also jammert Jacopone.Ihm erwidert dann die Kranke:"Wolle nicht mit harten WortenGegen Gottes Willen klagen.

Lasse uns den Herren loben,Daß er uns zurückgehaltenVon dem Abgrund ewgen Todes,Von der Blutschuld hartem Laster.

Wenn der Schleier wird gehobenÜber unserm dunklen Stamme,Singst du bis zu deinem TodeGott und seiner Mutter Psalmen.

Seit das Weib den schwer verbotnenApfel teilte mit dem Manne,Bringt das Weib das Kind des TodesZu der Welt mit Not und Jammer.

Und wir durch die Güte GottesHaben schuldlos uns erhalten,Und er wird uns nicht verstoßenAus des Paradieses Garten.

Auch ich muß von diesem OrteIn den Willen des Erbarmers;Dich, bei dem so gern ich wohnte,Muß ich einsam nun verlassen.

Und du sollst, wie Christen sollen,Deinem irdschen Gut entsagen,O, mein Bruder, wolle folgenEines schwachen Weibes Rate.

Geh in einen frommen Orden;An die Stelle des TheatersLaß erbaun ein heiles Kloster;Dort auch ruhe meine Asche!

Lasse jetzt von armen VolkeStille mich zu Grabe tragen,Bis erbauet ist das KlosterZur Kapelle bei Sankt Claren.

Und den Schwestern dieses OrdensDann das neue Kloster lasse,Weil sie jetzt nur ärmlich wohnenUnd das Haus sie kaum mehr fasset.

Meinen Sarg, geschmückt mit Rosen,Laß von armen Jungfraun tragen;Lasse auch die Kinder folgen,Die ich stets geliebet habe.

Allen spende aus zum LohneMeine vollen Kleiderladen,Aus dem Tuch, das ich gesponnen,Lasse allen Hemdlein machen.

Mein Geschmeide, silber, golden,Alle Perlen und Demanten,Die mir deine Huld erworben,Schenke ich zu dem Altare.

Lasse eine Mutter GottesRecht vor allen herrlich malenUnd ihr vor dem hohen ChoreHimmlische Musik erschallen.

Mit des Weihrauchs süßen Wolken,In wollüstger Düfte Kampfe,Soll ein Wald unzählger RosenUm der Kirche Säulen ranken.

Kelche, Lampe, Weihebronnen,Leuchter, Rauchfaß und Monstranzen:Alle seien goldne Rosen,Durch der Künstler Fleiß gestaltet.

Und die groß und kleine GlockeUnd der Taufstein und die KanzelSeien Rosen gleich geformet.O, welche frommer Rosengarten!

Als ich bin getragen wordenSinnlos weg von dem Theater,Hat sich ein Gesicht ergossen,Hab ich diesen Wunsch empfangen.

Unter einem hohen DomeSah ich Weihrauchwolken wallenUnd Gesang und Klang der OrgelDurch die Säulenwälder wachsen.

Und ich sah den Greis BenoneEine Totenmesse halten,Aber alles war voll Wonne,Alles war voll selgen Glanzes!

Und ich sah viel fromme NonnenEinsam betend in der Kammer,Sah sie nächtlich in dem ChoreHimmlische Gebete lallend.

Und vor allen glanzumflossenSah ich eine mit der NadelWeiße, rote, schwarze RosenWirken in die Meßgewande.

Und das Bild der Mutter Gottes,Gnädig blickend vom Altare,Glich dir, meine Rosadore,Aber heilger, höher strahlend.

Und ich selbst lag eingeschlossenKühl in einem Marmorsarge;Auf der schweren Decke obenSchlief der Knabe mit dem Lamme.

Rings um mich geliebte ToteSchlummerten zum letzten Tage;Doch kein Sinn war mir verschlossen,Und ich sah und hörte alles.

Ach, wie mag die VisionenAlle ich in Worte fassen!Durch der Kirche hohe BogenHimmelschöre niederdrangen!"

Und nun sagte Rosadore:"Ja, des Himmels Tore standenÜber diesem Tempel offen,Von den Seligen umscharet.

Und es stand die Mutter GottesUnd der Heiland mit dem LammeGanz bekränzt mit süßen RosenIn des Lichtes ewgen Glanze.

Und der Engel LegionenSangen: Gnade! Gnade! Gnade!Tausend Kränze heilger RosenSah ich zum Altare fallen.

Und den Schleier einer NonneSah ich nehmen Rosablanken;Eine Goldflut ihrer LockenVor der Schere niedersanken.

Singend stand ich auf der Orgel,Vor mir stand die goldne Harfe;Aber stille und gestorbenLag mein Herz in kalten Banden,

Wie in bösem Traum der BodenFliehenden die Füße bannet,Hilferufenden der OdemKämpfend in der Brust erstarret.

Lebend und doch eine Tote,Sehend und doch dicht umnachtet,Stumm, doch singend vollen Tones,War ich wie von Stein umfangen.

Neben mir stand schwarz Apone.Weh, o weh, was er gesaget,Was er sprach vorhin im Zorne,Füllet mich mit tiefem Bangen!

Doch am Altar aufgezogenWard ein himmelblauer Mantel,Und das Bild der Mutter GottesGrüßte laut des Volkes Ave.

Und ich hört in meinen Ohren:Ave, Salve, Mater! schallen,Und aus meinen Augen quollenWieder Tränen auf die Wangen.

In der Kirche hohem DomeSchmetterten die Nachtigallen,Ganz durchzucket von dem ToneFühlt mein Herz ich wieder schlagen.

Und ich bin emporgeflogen,Eine Stimme, singend Ave,Bin des Engels Gruß geworden,Ave, Salve, Dei Mater!

Dies Gesicht war mir ergossen,Da ich sinnlos in der HarfeRuhete, von MelioreFromm gerettet bei dem Brande." —

"Was du sahest, Rosadore,Sah ich alles," sprach die Kranke,"Herr! du hast in VisionenWunderbar dich uns erbarmet!"

Und in stiller Wonne schlossenBeide sich in ihre Arme.Ruhig sprach nun Jacopone:"Herr, tu mir nach Wohlgefallen!"

Aber nun tritt durch die PforteAgnus castus mit dem Lamme,Knieet betend an dem BodenNeben Rosarosens Lager.

Nach der Sanduhr sieht Benone,Eine Schelle rührt der Knabe,Niederknieet Rosadore,Jacopone bei der Kranken.

Beim Gesang des frommen Volkes,In dem Scheine heller Fackeln,Hat sie leis das Haupt erhobenUnd des Herren Leib empfangen.

Und dann sprach sie noch die Worte:"Herr, du hast dich mein erbarmet,Herr, dein Wille sei gelobet,Meine Seele nun empfange!"

Mit dem heilgen Öl BenoneHaupt und Hand und Fuß ihr salbet.Und sie sprach: "Des Herzens RoseWirft unendlich weiten Schatten!

O der Wonne, o des Trostes,O des wundersüßen Garten!Singe, meine Rosadore,Mit des Himmels Nachtigallen!

In dem Schatten meines TodesLasse Gottes Lob erschallen!"Und es sang nun RosadoreZu dem Klang der goldnen Harfe.

Solch ein Lieb, so selgen Tones,Hat nur da die Luft getragen,Als der Heiland ward geborenUnd die Engel Gloria sangen.

Also sang des Lichtes Bogen,Da den Lustkreis aller FarbenGott durch seinen Raum hinrollteIn dem Glanz des ersten Tages;

Also tönt des Wassers Woge,Mit dem Rund des ErdenballesSelig spielend in der Sonne,Jauchzend an dem ersten Tage.

In so süßen Tones StromeWar die Luft aus Gottes AtemUm die junge Welt ergossen,In der Lust des ersten Tages.

Und die neue Erde rollteUnter also freudgem KlangeIn den Kreis von Mond und Sonne,Jubelnd an dem ersten Tage.

Also sang das Blut, ergossenDurch des neuen Menschen Adern,Also sang der Mensch voll Wonne,Da er zu der Welt erwachte.

Doch annoch viel höhern TonesWird das Lied der Selgen schallen,Wenn sie aus dem Haus des TodesZu dem Antlitz Gottes wandeln.

Aber nun zieht mit dem Volke,Betend bei dem Schein der Fackeln,Nach dem Kloster hin Benone.Einsam steht der Toten Lager.

Und es küßt ihr RosadoreTränenlos die bleiche Wange,Grüßet scheidend JacoponeUnd verläßt ihn mit der Harfe.

Einsam sitzet JacoponeAuf dem stummen Sterbelager,In der Toten DemantkroneMit des Schmerzes Blick hinstarrend.

Keine Träne ihm entrollet;Seine tiefe Trauer ragetWie die Wüste öd und trockenAuf, am Horizont verschmachtend,

Ohne Schatten, und die SonneSelbst ein tiefer Feuerschatten,Der sich wie ein weiter BogenÜber seinen Scheitel lagert.

Die Gedanken an dem BodenSchleichend, in dem gleichen Sande,Alle Spuren von dem OdemHeißen Sturmes stets verwaschen.

An dem Himmel keine Wolke,An der Erde keine Pflanze,Auch kein einzger kühler TropfenIn dem ungeheuren Plane.

Also sitzet JacoponeIn der Wüste seines Jammers,In die helle DemantkroneDer geliebten Leiche starrend.

Aber auf die Schulter klopfetAgnus castus ihm, der Knabe,Reicht ihm einen Korb voll Rosen:"Jacopone, jetzt erwache!

Kränz des Todes Braut mit Rosen;Sie sind aus demselben Garten,Wo die Rosen ihr gebrochenAn dem ersten Hochzeitsabend.

Nimm ihr ab die Demantkrone,Die du ihr hast heute abendIn das Silberhaar geflochten;Deiner letzten Pflicht gewarte! # gewahre?

Einst werd ich am rechten OrteWunderbare Dinge sagen;Du wirst, die dir war verborgen,Deines Namens Schuld erfahren."

Sprachs. — Da jener nahm die Rosen,Schied er betend aus der Kammer:"Jesus Christus sei gelobet!"Jacopone saget: "Amen!"

Als er löst die DemantkroneAus dem Strom des Silberhaares,Ist des Schmerzes Kern gebrochen,Und des Jammers Quellen sprangen.

Da er ihr den Kranz der RosenLegte in die Silberhaare,Sind die Augen in dem StromeHeißer Tränen ihm vergangen.

Da der arme JacoponeIhr die kalten Hände faltet,Ist der Trauring roten GoldesIn die Hand ihm schwer gefallen.

Da er ihr das Aug geschlossen,Brach er aus in lauten Jammer,Ganz in einem TränenstromeDer Geliebten Antlitz badend.

Als die Nacht war hingezogen,Stand des Morgensternes FackelAn dem stillen Horizonte,Wie ein Irrlicht auf dem Grabe.

Wie in eines ausgestochnenAuges leere Höhle, zagendSah des neuen Tages SonneIn das Herz des armen Mannes.

Und wie an dem HochzeitsmorgenPietro, sie begrüßend, sagte:Grüßt sie an dem Todesmorgen;Jacopone, laut aufjammernd:

"Grüß dich, blutge Todessonne,Grüß dich, Held des Unterganges,Grüß dich, Heiland voller Dornen,Grüß dich, Sichel meines Gartens!

Grüß dich, lichter Trauerbote,Grüß dich, Tauestränensammler,Grüß dich, Wecker aller Toten,Grüß dich, Feuerheld des Grabes!

Singt die sieben letzten Worte,Singt sie mir, ihr grauen Schwalben!Singt ihn mir, den Schild des Todes,Singt den Held des Unterganges!"

** Romanze XIV: Apo und Meliore

Durch die stillen Straßen schreitenApo und Meliore hin,Gleiche Pfade führen beideZu dem Turm, zur Tänzerin.

Wo das Mondgefild sich breitetUm des Brandes Trümmer hin,Ruht ihr Weg, und tief erweitetFühlt Meliore seinen Sinn.

Und er spricht zum ernsten Meister,Den er bei der Rechten nimmt:"Selig, wer gleich dir die GeisterLeicht nach seinem Willen stimmt.

Spricht, o Herr! auf welche WeiseReißest du mich jetzt zur dir?Da du heut im lauten KreiseAlso hart begegnet mir?

Da du zürntest mir im Streite,Sieh, da scheute ich dich nicht;Jetzo friedlich dir zur SeiteAlle Kühnheit mir gebricht.

Daß der, den ich erst geleitetZu des Pietro Garten hin,Wieder mir zur Seite schreitet,Will mir nimmer in den Sinn.

Sprich, wie soll ich nur begreifenDeiner Künste tiefe List,Daß ich hier dich kann ergreifen,Der erst dort vor kurzer Frist.

Meister sprich, und dann verzeihe,Daß ich also heut mit SchimpfTraf des hohen Hauptes Weihe;Zeige deines Herzens Glimpf!

Kenntest du des Jünglings Leiden,Der so kühn dich heut bestritt,Ach, du würdest Trost bereitenMir, der deinen Zorn erlitt.

Lass mich zum Kerker weichen,Dem das Feuer mich entriß,Kannst du mir die Hand nicht reichen,Daß mir deine Gunst gewiß!"

Apo gab die Hand: "Dein Eifer,"Spricht er, "wisse, war mir lieb;Herrlich wirst du, wenn du reifer,Denn dich treibet hoher Trieb.

Doch es muß vor der GemeineLeiden, wer zutage springt,Daß nicht aus dem Chor alleineEiner andre Weise singt.

Ob du würdig könntest leiden,War zu forschen ich gewillt;Nebst dem Schwerte zu dem StreitenFühre auch der Mann das Schild.

Und nun nenn ich dich den Meinen,Zeigte dir mein Doppelbild;Wird der dritte dir erscheinen,Ist das Ganze dir enthüllt.

Zeugnisgebende sind dreie,Und die dreie eines sind;Du hast einen Grad der Weihe,Noch bist du ein blindes Kind.

Wisse, der DreieinigkeitenSchweben in dem Zirkel viel;Wer sie alle kann durchschreiten,Dreht den Zirkel hin zum Ziel.

Doch nun laß uns andre Kreise,Die uns näher liegen, ziehn,Daß ich tätig dir beweise,Wie ich dir gewogen bin.

Einsam sind wir und alleine,Ich und du und die Begier;Sprich, nach welchem ZauberweineLechzt die trockne Zunge dir?

Fein ist diese Zeit; es schweifetSüß das trunkne Mondenlicht;Wer jetzt nach den Äpfeln greifet,Der verfehlt die reifen nicht.

Von der Venus Tau bereifet,Schwillt der Früchte süß Gewicht:Sage, welche Lust gereifetDir aus heißem Busen bricht" —

"O, mein hoher Herr und Meister,Du bist weis," Meliore spricht,"Und es reichen alle GeisterDeinen Augen gern ihr Licht.

Sehe, hier stehn wir im Freien,Unterm hohen Wolkenschild,Und des Brands Ruinen streuenAuf den Plan ihr Schattenbild.

Kannst du aus der Sterne ReihenSagen, ob die Zukunft hierAndre Schatten wird verleihenDieses Platzes hoher Zier?

Ob nicht seinen Schatten breitenHier ein heilger Tempel wird,Wo wir jetzt durch Trümmer schreiten,Die des Wassers Flut durchirrt?"

Doch Apone sprach: "O schweige,Anderes begehr von mir,Daß ich anderes dir zeige,Was mir lieber ist und dir!

Denn nicht diese toten SteineHeben zu dem Licht den Blick;Nur des Lichtes Sohn alleineLiest gestirnet sein Geschick.

Geisterschwer erblühn die ZeitenHeute aus dem Sterngefild,Durch den reichen Himmel schreitenSeh ich wunderbar Gebild.

Denn die Jungfrau hebt den Schleier,Und der Widder freudig springt,Und der Stier erhebt sich freier,Da der Schwan verbuhlet sind.

Und die Zwillinge, sie weinen,Da die eine Wage sinkt,Und der Steinbock will nicht scheinen,Weil der Schütz den Bogen schwingt.

Amors Pfeil der Pfeil heut gleichet,Sieh, wie er zur Jungfrau ziel;Wie der Fisch zum Fische streichetUnd in Wogenschimmer spielt.

Nach des Bechers süßem WeineGreift der Wassermann und trinkt,Bär und Hund, der groß und kleine,Tanzen, der Triangel klingt.

Pegasus mit Wiehern schreietZu dem kleinen Pferde hier,Des Zentauren Lust sich zweietZu der Jungfrau, zu dem Tier.

Und der Walfisch, ein Hochzeiter,Jauchzend im Eridan springt,Und das Schiff, es flagget heiter,In dem Pol sein Ruder klingt.

Bei dem Hafen jagdlich schweifenSehe ich Orions Licht,Doch vor ihm die Flucht ergreifenHeute die Plejaden nicht.

Liebend denket er mit SchweigenDer Hyperboreerin,Und vor Herkuls Seele streichenAlle Thespiaden hin.

Cepheus, Cassiopeia neigenLiebend zueinander sich,Und Andromeda erreichenSeh den starken Perseus ich.

Freudig laut der Fuhrmann geißelt,Und das Böcklein zu ihm springt,Und der Löwe lustgekräuseltSeinen Schweif zur Jungfrau schwingt.

Wie im Paradiese schweifetDort die Schlange lustgeringt;Weil die Feigen sind gereifet,Hoch der Rab den Becher schwingt.

Frei strömt, wie zur Hochzeitsfeier,Berenicens Locke hin,Und im Klang von Orpheus LeierSchaukelt trunken der Delphin.

Den Antinous umkreisend,Hoch des Adlers Fittig klingt,Der, sie von der Erde reißend,Götterknaben aufwärts schwingt.

Eine Schlange tragend weilenSeh den Polyides ich,Minos lehrte sie ihn heilen,Dich zu heilen lehrt sie mich.

In der Nordkron goldne ReifeEine Myrte süß sich schlingt,Und der Drach mit brünstgem SchweifeHeiß den kalten Pol umringt.

Zu geheimer Liebe FeierHell des Altars Glut entglimmt;Die Südkrone schimmert freier,Und in Lust der Südfisch schwimmt.

Ihre Scheren brünstig breitenKrebs und Skorpion zum Licht,Und der Wolf in HimmelsweidenTrübt der Lämmer Quelle nicht.

Also glühend sind die Zeiten,Also brünstig ist das Licht,Wie die Rose, die den BräutenVenus durch die Locken flicht.

Die Granate senkt gereifetIhrer Kerne Goldgewicht,Trunken durch die Blätter schweifetAmor, der sie taumelnd bricht.

Selig ist wohl der zu heißen,Der in Liebe selig ist;Sprich, kann ich dich selig preisen,Der du also liebend bist?

Meliore, sei der meine;Sage ohne Hinterlist,Ob Biondette je die deineGanz und gar gewesen ist?

Ob dein selger Mund alleineIhres Leibes Rosen bricht,In der Augen Sonnescheine,In des Busens Mondenlicht?

Ob du in die WollustkreiseIhrer Mitternächte blickst,Daß dich jauchzend an sich reiße,Die entzücket du entzückst?"

Doch entsetzet hier den MeisterMeliore unterbricht;"Bei dem Gott der selgen GeisterSchwöre ich: das tat ich nicht!

Und will einer des sich preisen,Ich nenn einen Teufel ihn;Will mit Händen den zerreißen,Der sie solcher Schmach geziehn!

Gott und Vater! wüßt ich einenSolches denkend, sein GehirnSchlüg ich ihm mit kotgen SteinenAus der unverschämten Stirn!

Denn die Sterne sind nicht reiner,Als der Leib Biondettens ist,Und der Schoß, er war nicht reiner,Der empfangen Jesum Christ!

Doch du machst aus Weltenkreisen,Wo der Engel Palmen schwingt,Und, den Ewigen zu preisen,Gloria die Sphäre singt,

Einen Tummelplatz der Heiden,Wo die Sünde Lanzen bricht,Und ein ekles Wolluststreiten,Dem die Geilheit Kränze flicht!

Könntest du mir auch beweisen,So sei meiner Liebe Ziel,Möge mich der Stern zereißen,Der jetzt dort vom Himmel fiel!"

Also sprach er, und es breitetApo seinen Mantel hin,Fing den Stern, der niedergleitet:"Sieh, was dir ein Stern erschien!

In dem trüben, kalten SchleimeHier, erkennest du das Licht?Stürzend durch des Himmels RäumeWahrlich, dies erschlägt dich nicht!

Alles ist nicht Gold, was gleißet,Und was glühend dir erschien,Sich als faules Holz erweiset,Nahest du dem Wunder kühn.

Und das eben macht den Weisen,Daß er in dem SonnenlichtKann die Mitternacht beweisen,In dem Leichten das Gewicht.

Daß selbst in des Lichtes LeichteEr die Wucht, die niederzieht,In dem Abgrund auch das Seichte,In dem Seichten Abgrund sieht.

Sollt ich dich nicht selig preisen,Wäre solch ein Weib dein Spiel?Um die Erde möcht ich reisenNach so wunderbarem Ziel!

Doch die Jugend möchte steigen,Um den Himmel zu erfliehn,Und das Alter muß sich neigen,Sieht ihn an der Erde blühn.

Willst du nun die Lust erreichen,Die dir durch die Adern rinnt,Einen Trank will ich dir reichen,Der dir ihre Gunst gewinnt.

Läßt du dir das Recht entreißen,Das dir Lust und Jugend gibt,Wird dich schwer der Neid zerreißen,Wenn sie andern sich ergibt.

Daß zum Falle sie gereifet,Seh in ihren Sternen ich,Wenn kein andrer sie ergreifet,Nenne einen Lügner mich!" —

"Den möcht ich jetzt gleich dich heißen,"Zürnend nun Meliore spricht,"Solche Unschuld kann nicht gleißen,Gottes ist ihr Angesicht!

Körner streust du; ich soll gleiten,Aber Gott erhalte mich!Sündflut aller Eitelkeiten,Hier vor Gott verfluch ich dich!

Ja, gleich leicht magst du beweisen,Diesen Himmel ernst und stillSehest du vom Blitz zerreißenUnd von donnerndem Gebrüll;

Und die Stadt im MondenscheineFülle jetzt der wilde Krieg,Und daß jetzt, wo wir alleine,Weit ein Feld voll Leichen lieg;

Daß Bologna ihre weite,Hochgetürmte, feste StirnNiederbeuge jetzt im StreiteVor dem himmlischen Gestirn!

Daß du doppelt kannst erscheinen,Weil ichs sah, bewiest du mir;Doch Biondettens Schuld verneinen,Selbst sie sehend, würd ich dir!" —

"Malst du an die Wand den Teufel,"Apo zu dem Jüngling spricht,"Hält er dir auch ohne ZweifelZu der Malerei das Licht!"

Sprachs. Und plötzlich donnernd steigetUm den Mond die Finsternis,Und so weit der Himmel reichet,Hell ein Blitz die Nacht zerriß.

Und rings durch die Stadt verbreitetSich ein tosend Stahlgeklirr;Näher, immer näher streitetHer der Stimmen Kampfgewirr.

Meliore bebt. Es schreitenTausend Bürger in den Ring,Und mit Wut von allen SeitenHebet sich das Schwertgekling.

Und es sinket Reih auf ReiheAuf dem blutgen Mordgefild,Daß von Wut- und WehgeschreieLaut ertost das Wolkenschild.

Weh! da stürzen auf die StreiterRings Bolognas Türme hin,Doch sie kämpfen immer weiter,Nichts erschrecket ihren Grimm!

Zu den Füßen seinem MeisterSinnlos hin Meliore sinkt,Bis das Spiel der bösen GeisterDieser in den Abgrund winkt.

Und von Schrecken ganz gebleichetRichtet auf der Jüngling sich:"Du hast Böses mir gezeiget,Meister, nun entlasse mich!"

Apo spricht: "Du prophezeitestDieser Stadt dies Ungeschick,Weil du sie so toll vereidestFür Biondettens Tugendglück.

In der Wage liegen beide,Leg dich zu der Tänzerin;Daß dein Vaterland nicht leide,Gebe dich der Freude hin!

Größre Wunder könnt ich zeigen —Eines Wortes leicht Gewicht,Eines nichtgen Blickes SteigenFührt oft her ein schwer Gericht.

Und so stehn die Himmelszeichen:Es erfüllt sich dies Gesicht,Brichst du von Biondettens ZweigenHeut die reifen Früchte nicht!" —

"Läßt so leicht vom Himmel reißenDieses Landes Schicksal sich,"Spricht Meliore, "will verheißenEine schönre Zukunft ich!

Hohe Nacht, ihr Sternenreiche,Mond, du keusches Angesicht,Euch Biondetten ich vergleiche,Sie weicht euch an Friede nicht.

Und so fest und ungebeugetStehet ihrer Tugend Zier,Als einst fromm ein Tempel steigetAus des Brands Ruinen hier!

Sieh! beweget sind die Steine,Ordnen auf zu Mauern sich;Diese Geister sind die meinen,Und ihr Meister bin auch ich!

Freudig auf die Pfeiler steigen;Hörst du, wie Biondette singt?Wie nach ihrer Harfe ReigenStein auf Stein zum Himmel dringt?

Wie nach ihren MelodeienKuppel sich an Kuppel ringt,Und die Säule ihre ReihenMit dem Palmenknauf verschlingt?

Der Kapellen EinsamkeitenOrdnen sich in Harmonie;Wo die Töne sich durchschneiden,Wölbt des Chores Halle sie.

Wo die Töne höher steigen,Heben sich die Türme spitz,Die zum Firmamente reichenMit der Kreuze goldnem Blitz.

Wo sie sich zur Tiefe neigen,Zu der Grüfte Labyrinth,Seh ich trauernd niederschleichenStill der Treppen Steingewind.

Heilig scherzt in tausend WeisenBlum um Blume, Bild um Bild,Und, die Meisterin zu preisen,Widerhall dem Stein entquillt.

In der Kerzen selgem ScheineBebt der Altar feierlich,Und gleich einem FrühlingshaineFüllt das Haus mit Jubel sich.

Silbernem Gefäß entkreisendSüß der Weihrauch aufwärts dringt,Und des Himmels Tor aufreißendHochgesang in Wonne ringt.

Sieh, wie zu des Tempels WeiheRings die frommen Bürger ziehn;Meister! Gott uns Trost verleihe,Laß uns betend niederknien!"

Spricht Meliore, und den MeisterWill er an dem Mantel ziehn;Helfet! alle guten Geister!Er sieht vor sich doppelt ihn!

Einer trägt ein FeuerzeichenAuf der hohen, dunkeln Stirn,Kalt sie sich die Hände reichen,Und es bebet das Gestirn.

Lachend sie von dannen schleichen,Sieh, da kehrt das Mondenlicht;Durch das nächtlich tiefe SchweigenMeliors Stimme bricht:

"Weh! Bologna, weh! Sich neigenSah ich deiner Türme Zier,Sah ein blutig Feld der LeichenÜber deinem Herzen hier!

Weh! in deinen EingeweidenReget sich ein Drachenkind,Und es streun die dunklen ZeitenDeine Asche in den Wind!

O, wie muß ich den beneiden,Der den Stamm, des Sohn er ist,Kennt, daß er den Fluch der LeidenNicht in seinem Schuldbuch liest!

Einen Schuldgen suchend, reißenUm das Schiff die Stürme sich;Weh! ich kann mich des nicht preisen,Daß den Fluch nicht trage ich!

O Allmächtiger, o zeige,Ob der Sünde ich entspring,Daß ich zu der Flut mich neigeUnd ein sühnend Opfer bring!"

Also fleht er um ein Zeichen,Und sein Flehen ihm gelingt:Durch das tiefe nächtge SchweigenHell die Totenglocke klingt.

Und der Glocke Schall geleitetZu Biondettens Wohnung ihn;Wo der Baum die Schatten breitet,Kniet er bei dem Altar hin.

"Herr! die Seele, die jetzt streitet,Richt in deinem Zorne nicht;Herr! die Seele, die jetzt scheidet,Sehe bald dein Angesicht!"

Und er höret an dem Zeichen,Daß ein Weib gestorben ist,Weil die Zahl der GlockenstreicheZweimal unterbrochen ist.

"Jacopones frommem WeibeWohl das dunkle Auge bricht.Ob ich gehe, ob ich bleibe?"Bang der Jüngling zu sich spricht.

"Denn nicht lang mehr kann verweilenDie geliebte Tänzerin;Sah ich sie, dann will ich eilenTröstend zu dem Bruder hin.

Ach, schon hör ich aus der WeiteLeichter Füße Flügelschritt!"Von der monderhellten SeiteBang er in den Schatten tritt.

"Soll ich singen, soll ich schweigen,Wenn sie mir vorüberzieht?Gerne gäb ich ihr ein Zeichen,Daß ein Liebender sie sieht!"

Doch ein dunkler Fechter schreitetIn dem Schatten vor ihn hin,Und zum Kampfe schnell bereitetMeliore sich gen ihn.

Aber in des Degen KreisenSeine Klinge ihm zerspringt,Ihn durchbohrt des Feindes Eisen,Und er spricht, indem er sinkt:

"Herr! die Seele, die jetzt streitet,Richt in deinem Zorne nicht;Herr! die Seele, die jetzt scheidet,Sehe bald dein Angesicht!"

** Romanze XV: Meliore und Biondetta — Biondettens hohes Lied

Gieße, Mond, dein Silber milderDurch die blauen Himmelsmeere;Blicket fromm, ihr Heldenbilder,Nieder aus dem Sternenheere.

Einsam kühle Nachtluft, stilleGrüße aus dem Himmel sende;Blüten, Blumen, eure FülleDuftend sich der Nacht verschwende.

Philomela, süßer stimmeDeines Traumes Wonn und Wehe,Daß es zu den Sternen glimmeUnd um Gottes Liebe flehe.

Klang der süßberauschten ZitherUnter Liebchens Fenster bebe;Still eröffne sie das Gitter,Daß sie Liebesworte gebe.

Jünglingen, die schlummernd liegen,Komm ein Liebestraum entgegen;Auf die Kindlein in den WiegenSenke sich ein Engelsegen.

Und die Wünschelrute sinkeJedem auf des Schatzes Schwelle,Und dem Durstgen, daß er trinke,Sei der Schatz die kühle Quelle.

All ihr Bronnen, selig zieletIn die mondberauschten Becken;Leis im West, ihr Blätter, spielet,Um die Vöglein nicht zu wecken.

Nacht, in deines Zaubers SchlingenSoll sich Liebesscham verketten,Unter lustbetrauten SchwingenBräutliches Entzücken betten.

Was die Seele, was die SinneHoch begeistert, tief erreget,Deines Glücksrads LustgewinneSeien alle ausgeleget.

Spinnet bei dem MondenlichteEure feinsten Netze, Elfen,Und die schlauen Zauberwichte,Alle Zwerge sollen helfen.

Felsbewohnende Sibyllen,Leichte Nymphen flüchtger Quellen,Einet alle euren Willen,Diese Netze aufzustellen.

Locket, locket, süßer singend,In die Netze, ihr Sirenen,Und den Tönen nicht gelingend,Laßt gelingen es den Tränen.

Denn es will uns heut entfliehenDer melodischste der Schwäne,Will zu heilgerm Himmel ziehen,Daß sein Herz sich nicht mehr sehne.

Königin der Sternenzinne,Priesterin verklärter Herzen,Lehrerin geheimer Minne,Heldin, Trösterin der Schmerzen,

Nacht! durch deines Tempels MitteSehe ich Biondetten gehen,Scheu verhüllt in züchtger Sitte;Du wirst sie nicht wiedersehen.

Auf dem Platze mondbeschienenBleibt sie ruhig schauend stehen,In die düsteren RuinenNoch einmal zurück zu sehen.

Sie beginnet leis zu singen;In der Nachtluft einsam WehenIhre Töne sich verschlingenWie der Andacht schwankend Flehen.

"Herr, ich steh in deinem Frieden,Ob ich lebe, ob ich sterbe;Starb mein Heiland doch hienieden,Daß ich sein Verdienst erwerbe.

Will der Schmetterling zum Lichte,Muß die Larve er zerbrechen,So hast du dies Haus vernichtet,Meine Freiheit auszusprechen.

Laß die Flügel mich erquicken,In der Andacht sie erstrecken,Und zum Himmelsgarten zückenDurch der Buße dornge Hecken!

O, wie hast du hoch gezieretDiese Weltnacht, mir die letzte;Eine Seele triumphieret,Deren Tod mich hoch ergötzte.

Solchen Tod laß mich gewinnen,Herr, nach einem solchen Leben,Laß mich mit so klaren SinnenDir die Seele wiedergeben!

Denn in deinen Händen liegenAlle demutvollen Herzen,Wie die Kindlein in den Wiegen,Still entschlummert, ohne Schmerzen."

Also sang sie, und geschwindeEilt sie auf verschlungnen Wegen,Und schon höret sie die LindeNächtlich grüßend sich bewegen.

Rascher flügelt sie die SchritteIhres Hauses Tor entgegen,Da begegnet ihrem TritteKlirrend ein entblößter Degen.

Ach, und weiter noch zwei SchritteLiegt, vom Mantel leicht bedecket,Der den bösen Mord erlitten,Stumm ein Jüngling ausgestrecket!

Da sie zu ihm niederblicket,Will er noch die Blicke heben;Den der Tod schon fest umstricket,Kann die Schönheit noch beleben.

Gleich dem frommen SamariterHebt die mutige BiondetteMühsam nun den toten Ritter,Trägt ihn hin nach ihrem Bette.

Lebend konnts ihm nie gelingen,In ihr Kämmerlein zu sehen,Und er mußte, einzudringen,Durch des Todes Pforte gehen.

Schnell die Lampe angezündetUnter bangen Herzensschlägen!Ach, das Herz, das sie verbindet,Schlägt noch liebend ihr entgegen!

Balsam macht sie aus den Giften,Die sie sonst im Tanz umgeben,Mit der Öle süßen DüftenRuft sie wieder ihn zum Leben.

Und sie löset ihm geschwindeSeinen Koller überm Herzen,Sauget ihm sein Blut gelindeAus der Wunde mit den Schmerzen.

Ach! und ihren frommen LippenStrömt die Torheit frech entgegen;Quelle böser Zauberklippen,Liebesgift war an dem Degen!

Auf der Brust ihm eingeschnittenIhren Namen liest Biondette,Und ihr Bild, nach Liebessitte,Hängt darauf an goldner Kette.

Doppelt ihren Schleier windetSie, mit Tränen ihn benetzend,Und die Wunde sie verbindet,Sich der Blöße nicht entsetzend.

Und sie eilt und schmückt das Zimmer,Zündet an wohl hundert Kerzen,In der Spiegel WiderschimmerGold und Silber freudig scherzen.

Ihres Putzschranks FlügeltürenÖffnet sie mit leichten Händen,Daß ein eitles TriumphierenRings entstrahle allen Wänden.

Und die falschen GötterbilderSchmücket sie mit Flitterkränzen,Aus dem Schoße goldner SchilderLäßt sie seidne Röslein glänzen.

Reiherbüsche pflanzt sie flitterndAuf des Boden Purpurdecken,Diamantne Nadeln zitterndZäumt sie ein mit Federhecken.

In der Torheit Garten glimmendRüstet sie ein Weihrauchbecken,Daß die Weihrauchwolken schwimmend,Lüstern halb den Glanz bedecken.

Weh! wer hat sie so verrücket?Alle Blumen muß sie brechen;Wie des Wahnsinns Braut geschmücket,Muß ihr keusches Herz erfrechen.

Schamlos tritt sie vor den Spiegel,Ihre Brust zu Tag zu legen,Weh! da blicket Gottes Siegel,Die Goldrose ihr entgegen.

Doch sie ist so tief verstricket,Nichts kann ihre Glut erschrecken,Ihre Blöße sie entzücket,Und sie mag sich nicht bedecken.

Und mit süß vertrauten BlickenSitzt sie auf des Jünglings Bette;Weltlicher nicht konnt sie blicken,Wenn sie nie gebetet hätte.

Und sie fühlt in allen SinnenEin unheiliges ErgötzenWild durch ihre Adern rinnen,Und sie muß die Zucht verletzen.

Seine Lippen, seine Stirne,Ihren Namen ihm am Herzen,Küsset heiß die arme DirneUnter suß berauschten Schmerzen.

Und in seinen Locken spielenIhre zarten Hände bebend,Doch umsonst die Küsse zielen,Seine Lippen nicht belebend.

An den Busen ihn zu drücken,Seinen Namen laut zu nennen,Fühlet sie ein wild Entzücken,Doch er will sie nicht erkennen.

"Meliore," spricht sie liebend,"Deine Augen zu mir wende,Süßen Dank der Huld ausübend,Die ich zärtlich dir verschwende!

Sieh, es will der gütge HimmelSo dich an das Herz mir legen,Wie ich in des Brands GetümmelAn dem deinen bin gelegen!

Wenn du auch nicht wiederküssest,Winkend nur ein Zeichen gebe,Mir zum Troste, daß du wissest,Wie ich dich nicht überlebe!"

Und die Harfe nimmt die Süße,Läßt die Saiten wild erbeben;Ach, die heißen LiebesgrüßeKönnen nicht sein Aug erheben.

Keuscher Tod, du drückst sie nieder,Solche Raserei zu sehen,In dem Klang der giftgen LiederSoll er sie nicht wiedersehen.

"Ihn, den meine Seele liebet,"Singt sie, "sucht ich in dem Bette,Sucht ihn durch die Straßen ziehend,Fand ihn doch an keiner Stätte.

Und ich fragt die Wächter bittend,Die da durch die Straße gehen:Ihn, den meine Seele liebet,Habet ihr ihn nicht gesehen?

Und vorübergehend findeIch den Liebsten meiner Seele,Ihn mit Rosenketten binde,Ihn auf ewig mir vermähle!

Und ich halt ihn, laß ihn nimmer,Den ich fand auf meiner Schwelle,Führ ihn in der Mutter Zimmer,Führe ihn in meine Zelle.

Sieh, ich bin ein Rauch von Myrrhen,Auf sich aus der Wüste hebend,Und, wie Bienenschwärme irren,Küsse meinem Mund entschweben.

Weiß und rot ist, den ich minne,Golden sich sein Haupt erhebet;Wenn ich seinen Locken spinne,Schwarz die Nacht den Mantel webet.

Seine Augen mich erquickenUnd die Seele mir erhellen,Wie die Taubenaugen blickenZu den klaren Wasserquellen.

Wie Gewürze duftend, grüßenSeiner Wangen Blumenzellen,Süße Myrtenöle gießenSeiner Lippen Rosenquellen.

Goldne Türkisringe zierenSeine klaren Silberhände,Elfenbeinern und saphierenTrägt der Goldfuß seine Lende.

Und er stehet aufgerichtet,Wie die Zedern auserwählet,Wie der Libanon umlichtet,Der dem Himmel sich vermählet.

Wie mein Saitenspiel, erklingetSüß und lieblich seine Kehle,Und zu seinen Lippen dringetLustberauschet meine Seele.

O, du Büschel süßer Myrrhen,Zwischen meinen Brüsten hängend,Sag, wo deine Schafe irren,Sich im Mittagsstrahle drängend.

Töchter Zions, meine BitteHöret und den Freund mir wecket,Schlummernd vor der ZedernhütteUnter Rosen ausgestrecket.

Daß er blühend aufgerichtet:Süße Freundin, zu mir spreche,Komme her, die Gott gedichtet,All die Rosen mit mir breche!

Sieh, verschwunden ist der Winter,Und dahin ist Sturm und Regen,Und die Blumen, Frühlingskinder,Spielen schon auf grünen Wegen.

Meine Wangen lieblich flimmern,In den Spangen, in der KetteSehe meinen Hals erschimmern,Und es grünet unser Bette!

Wie die Traube Copher schwilletZu Engeddi in den Gärten,Und der Lippen Kelch erfüllet,Küß ich meinen Lustgefährten!

Zedern fest das Haus uns stützen,Unsre Latten sind Zypressen,In dem Schatten will ich sitzenUnd der Schmerzen all vergessen.

Unterm Schatten will ich sitzen;Des die Seele mir begehret,Wie der Apfelbaum bei wildenBäumen, ist mein Freund verehret.

Deiner Lieb Paniere schwingeÜber mir, du Hoch und Heller,Und du Freundlicher, mich bringeIn des süßen Weines Keller!

Und mit Blumen mich erquicke,Mich zu laben Äpfel gebe;Krank bin ich vor Liebe; blicke,Blicke auf, mich zu beleben!

Unter deinem Haupt die LinkeMuß dich meine Rechte herzen,Wenn ich deinen Kuß nicht trinke,Muß verdürsten ich in Schmerzen!

Sieh, die Honigbienen irrenIn dem honigsüßen Lenze,Und die Turteltauben girren;Komme, mein Freund, daß ich dich kränze!

Sieh, dem Feigenbaum entspringenKnospen; aus dem Aug der RebenSüße Wollusttränen dringen;Also weint mein junges Leben!

Wie in dunklen FelsenritzenTurteltauben auf dem Neste,Also will ich bei dir sitzenIn dem Glanz der Blütenäste.

Und es tönet meine StimmeSüß, o süß ist meine Kehle,Bis wetteifernd süß ergrimmeund verglimme Philomele.

Und ich singe zu dir nieder:Mein bist du und mir gegeben,Und es sehn dich meine LiederUnter Rosen weidend schweben!"

Wie sie also töricht singet,Spricht Meliore: "Meine Schwester,Fromme Taube, ach, es schlingetSich des Todes Band nur fester!

Nachttau mir vom Haupte fließet,Und es wecket mir im Herzen,Wenn sich gleich mein Auge schließet,Deine Liebe bittre Schmerzen!

Mein Gewand, ich legt es nieder,Soll ich wieder an es legen?Nach dem Bad die Füße wiederMir besudeln auf den Wegen?

Deine Augen gleichen Blitzen,Deine Augen von mir wende!Meinem Herzen DegenspitzenScheinen deine zarten Hände!"

Aber wehe! nicht vernimmetSie den schweren Namen Schwester,Glühender ihr Wahn entglimmet,Sie umklammert ihn noch fester.

Und sie spricht: "Der Kelch der LilienUnserm Bett das Rauchfaß schwenket,Unser Dursten zu vertilgenSich der Traube Becher senket.

Unsre Tür umgeben Früchte,Ich bewahrte dir, mein Leben,Heurige und fernge Früchte,Beide kann ich dir nun geben!

O, du Liebe in Wollüsten!O, du schön und lieblich Schweben!Trauben gleichen meine Brüste,Trauben wundersüßer Reben!

Einer Palme aufwärts dringendGleichet meines Leibes Länge,Wie der Wein hinan sich schlinget:O, wer sich hinan so schwänge!

Laß uns durch die Felder ziehen,Ob uns sieht das Aug der Reben,Ich will, wenn Granaten blühen,Dort dir meine Brüste geben.

Dich, der meiner Mutter BrüsteSaugte, Bruder, dich den Schönen,Wenn ich dort dich brünstig küßte,Ach, wer wollte mich verhöhnen!"

Als sie diesen Frevel singet,Springt sein Blut ihr neu entgegen;Der Verband, der Hilfe bringet,Kann die Raserei nicht legen.

Und von ihrem NonnenbildeReißt sie in der Angst die Decke,Daß damit das Blut sich stillte,Und es dienet ihrem Zwecke.

Als sie zu dem Bilde blicket,Fühlet sie ein tief Erschrecken,Scham sie wie ein Schwert durchzücket,Und sie eilt, sich zu bedecken.

Von des Bildes Augen fließen,Wunder Gottes! bittre Tränen,In die Arme muß sies schließen,Ach, sie möchte es versöhnen!

Und dem Bilde gegenüberSitzt zur Harfe sie am Bette,Und die Augen strömen überDer verlorenen Biondette.

"Wo ist die, die aus der WüsteAufgeht, auf den Freund gelehnet?"Spricht Meliore nun, und grüßteSie, nach der sein Herz sich sehnet.

"Auf dein Herz gleich einem SiegelWar sie wahrlich doch gesetzet.Goldne Rose, deinen SpiegelHat die Schlange bös verletzet.

Um den Apfelbaum sich schlingend,Der die Mutter dir bedeckte,Als sie rang, zur Welt dich bringend,Bös die Schlange mich erweckte!"

Aber traurend sitzt die Süße,Läßt die Harfe leis erbeben,Daß ihn schön das Leben grüße,Das die Liebe ihm gegeben.

Wie die Töne sich ergießen,Fühlt die Jungfrau in dem HerzenWunderbaren Zauber fließenUnd so süße, wilde Schmerzen.

Höher sie die Saiten schwinget,Denket nicht mehr des Gesellen;Wie der Schwan im Tode singet,Glühend ihre Töne schwellen.

Tausend Töne, die sonst schliefen,Aus der Harfe lebend brechen,Und in allen HerzenstiefenHört sie laut das Echo sprechen.

In dem Tode hallt es wider;Schüchtern zu des Lebens SchwelleRufen ihn die Zauberlieder,Seine Blicke werden helle.

Wer erklärt ihm die Gesichte,Wer ergießt des Himmels Segen?Ist so mild das Weltgerichte,Kommt die Gottheit ihm entgegen?

"Süßer Tod, den ich erlitten!Goldne Töne zu mir gehen,Selig in des Himmels MittenSoll ich wieder auferstehen!"

Aus Biondettens frommen MienenStrömet ihm das selge Wähnen,Gottes Mutter sei erschienen,Und er betet unter Tränen.

Doch die arme Jungfrau singetUnter bittren, bittren Tränen,Während sie die Hände ringet:"O, welch schmerzlich glühes Sehnen!

Schwarz bin ich, doch voller Liebe,Wie die Hütten Kedars stehen,Wie die bunten Teppche schimmerndSalomons im Tempel wehen.

Die Weingärten zu behüten,Setzten sie mich ein zum Wächter,Meinen konnt ich nicht behüten,Von Jerusalem ihr Töchter!

Wie der Tod so stark ist Liebe,Fest der Eifer wie die Hölle,Glut und Feuer meine Triebe,Wie des Herren Blitz so schnelle.

Und wenn alle Wasser stiegen,Und wenn alle Ströme rännen,Würden sie sie nicht besiegen,Nimmer sie erlöschen können!

Was in meinem Haus sich findet,Alles Gut, wenn ichs wollt gebenUm die Liebe, die mich bindet,Ach, ich hätte nichts gegeben!

Schön und lieblich meine FüßeIn den goldnen Schuhen stehen,Und mein Haupt, wenn ich ihn grüße,Ist wie eines Helmbuschs Wehen!

Wie zwo Spangen schön sich schwingend,Von des größten Meisters HändenEben aneinander dringend,Stehen freudig meine Lenden!"

Doch nun lischt der Kerzen SchimmerUnd Biondette singet: "Wehe,Wehe, Wehe, Lebensschimmer,Holdes Leben, nicht vergehe!

Sterbet nicht, ihr süßen Lieder,Wollt, o wollt nicht von mir schweben!Sterbet nicht, ihr raschen Glieder,Laßt euch froh zum Tanze heben!"

Eh die Lampe auch verglimme,Will sie freudig nochmals schweben;Doch sie hört nicht ihre Stimme,Fühlt nicht ihrer Füße Schweben.

Weh! es walten böse Künste,Laut die frühen Hähne krähen;Kehrt, ihr Geister, aus dem Dienste,Denn der Tag will auferstehen!

Und Meliore kömmt zu Sinnen.Licht und Lied und Lieb entschweben,Mächtig fühlt er sich von hinnenAuf die öde Straße heben.

Kühl umwehn ihn Morgenwinde,Wunderbar ist ihm geschehen,Denn er kann noch ihre BindeAuf der frischen Wunde sehen.

Und die nahe Glocke klinget,Und er hört die ersten Messen:Bete, bete, nie gelinget,Die Geliebte zu vergessen!

** Romanze XVI: Kosme krank — Pietros Garten brennt

Wenn du gleich den Vögeln schwebest,Über dir der blaue Bogen,Unter dir die grüne ErdeUnd des Wassers Silberwoge;

Und du wolltest niedersehen,Wo du ruhig möchtest wohnen,Wo du deinem kleinen NesteEine Stelle suchen solltest;

Flöhest du der Städte ElendUnd die Armut eines Dorfes,Und zögst über Land und FelderZu dem stillen Tale Kosmes,

Wo die stillen Bächlein gehenDurch den Schatten, durch die Sonne,Durch die Büsche, durch die Felsen,Bis zum Garten voller Rosen,

Und du bautest dir dein Nestchen,Wo die klare Jungfrau wohnet,Und sie ging dir aus dem Wege,Wenn du ruhig brüten wolltest,

Und du sängst ihr an dem FensterIn des Lorbeerbaumes Krone;Futter würde hin sie legenAlle Abend, alle Morgen,

Und dir schiens ein selig Leben,Ging zu beten früh die Fromme,Flögst du mit ihr zur Kapelle,Die am Felsen höher oben;

Und wenn sie aus vollem HerzenUnter Tränen spräch die Worte:Herr, ach schau zu meinem Herzen,Es ist ganz von Schmerz umdornet!

Herr, um deines Sohnes SchmerzenRichte auf den Vater Kosme,Laß ihn nicht verzweifelnd sterben,Öffne ihm die Gnadenspforte:

Dann wär deine Lust zu Ende,Deine Seligkeit zerronnen,Denn nicht ferne von den MenschenÜberall das Elend wohnet.

Und es ist kein öder FelsenUnd kein Bächlein oder Bronnen,Keine waldumschlossne StelleUnterm Monde und der Sonne,

Wo ein Mensch das Licht gesehen,Wo nicht wär gesündigt worden,Wo nicht wären bittre TränenVor dem Herrn vergossen worden.

Und du würdest Abschied nehmenVor der nächsten Morgensonne,Sängst noch einmal ihr am Fenster,Flögst dann weiter unbesorget. —

Wärst du einer von den Sternen,Die am hohen HimmelsbogenEwig auf und unter gehen,Wie der Herr es hat geboten,


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