Teure Farben! Schwarz-rot-goldgelb!Diese AffensteißcouleurenSie erinnern mich mit WehmutAn das Banner Barbarossas.
Auf dem Haupt trug er den Lorbeer,Und an seinen Stiefeln glänztenGoldne Sporen - dennoch war erNicht ein Held und auch kein Ritter.
Nur ein Räuberhauptmann war er,Der ins Buch des Ruhmes einschrieb,Mit der eignen frechen Faust,Seinen frechen Namen: Cortez.
Unter des Kolumbus NamenSchrieb er ihn, ja dicht darunter,Und der Schulbub auf der SchulbankLernt auswendig beide Namen -
Nach dem Christoval Kolumbus,Nennt er jetzt Fernando CortezAls den zweiten großen MannIn dem Pantheon der Neuwelt.
Heldenschicksals letzte Tücke:Unser Name wird verkoppeltMit dem Namen eines SchächersIn der Menschen Angedenken.
Wärs nicht besser, ganz verhallenUnbekannt, als mit sich schleppenDurch die langen EwigkeitenSolche Namenskameradschaft?
Messer Christoval KolumbusWar ein Held, und sein Gemüte,Das so lauter wie die Sonne,War freigebig auch wie diese.
Mancher hat schon viel gegeben,Aber jener hat der WeltEine ganze Welt geschenket,Und sie heißt Amerika.
Nicht befreien konnt er unsAus dem öden Erdenkerker,Doch er wußt ihn zu erweiternUnd die Kette zu verlängern.
Dankbar huldigt ihm die Menschheit,Die nicht bloß europamüde,Sondern Afrikas und AsiensEndlich gleichfalls müde worden - -
Einer nur, ein einzger Held,Gab uns mehr und gab uns BeßresAls Kolumbus, das ist jener,Der uns einen Gott gegeben.
Sein Herr Vater, der hieß Amram,Seine Mutter hieß Jochebeth,Und er selber, Moses heißt er,Und er ist mein bester Heros.
Doch, mein Pegasus, du weilestViel zu lang bei dem Kolumbus -Wisse, unser heutger FlugrittGilt dem gringern Mann, dem Cortez.
Breite aus den bunten Fittig,Flügelroß! und trage michNach der Neuwelt schönem Lande,Welches Mexiko geheißen.
Trage mich nach jener Burg,Die der König MontezumaGastlich seinen spanschen GästenAngewiesen zur Behausung.
Doch nicht Obdach bloß und Atzung,In verschwenderischer Fülle,Gab der Fürst den fremden Strolchen -Auch Geschenke reich und prächtig,
Kostbarkeiten kluggedrechselt,Von massivem Gold, Juwelen,Zeugten glänzend von der HuldUnd der Großmut des Monarchen.
Dieser unzivilisierte,Abergläubisch blinde HeideGlaubte noch an Treu und EhreUnd an Heiligkeit des Gastrechts.
Er willfahrte dem Gesuche,Beizuwohnen einem Feste,Das in ihrer Burg die SpanierIhm zu Ehren geben wollten -
Und mit seinem Hofgesinde,Arglos, huldreich, kam der KönigIn das spanische Quartier,Wo Fanfaren ihn begrüßten.
Wie das Festspiel war betitelt,Weiß ich nicht. Es hieß vielleicht:»Spansche Treue!« doch der AutorNannt sich Don Fernando Cortez.
Dieser gab das Stichwort - plötzlichWard der König überfallen,Und man band ihn und behielt ihnIn der Burg als eine Geisel.
Aber Montezuma starb,Und da war der Damm gebrochen,Der die kecken AbenteurerSchützte vor dem Zorn des Volkes.
Schrecklich jetzt begann die Brandung -Wie ein wild empörtes MeerTosten, rasten immer näherDie erzürnten Menschenwellen.
Tapfer schlugen zwar die SpanierJeden Sturm zurück. Doch täglichWard berennt die Burg aufs neue,Und ermüdend war das Kampfspiel.
Nach dem Tod des Königs stockteAuch der Lebensmittel Zufuhr;Kürzer wurden die Rationen,Die Gesichter wurden länger.
Und mit langen AngesichternSahn sich an Hispaniens Söhne,Und sie seufzten und sie dachtenAn die traute Christenheimat,
An das teure Vaterland,Wo die frommen Glocken läutenUnd am Herde friedlich brodeltEine Ollea-Potrida,
Dick verschmoret mit Garbanzos,Unter welchen, schalkhaft duftend,Auch wohl kichernd, sich verbergenDie geliebten Knoblauchwürstchen.
Einen Kriegsrat hielt der Feldherr,Und der Rückzug ward beschlossen;In der nächsten TagesfrüheSoll das Heer die Stadt verlassen.
Leicht gelangs hineinzukommenEinst durch List dem klugen Cortez,Doch die Rückkehr nach dem FestlandBot fatale Schwierigkeiten.
Mexiko, die Inselstadt,Liegt in einem großen See,Inder Mitte, flutumrauscht:Eine stolze Wasserfestung,
Mit dem Uferland verkehrendNur durch Schiffe, Flöße, Brücken,Die auf Riesenpfählen ruhen;Kleine Inseln bilden Furten.
Noch bevor die Sonne aufging,Setzten sich in Marsch die Spanier;Keine Trommel ward gerühret,Kein Trompeter blies Reveille.
Wollten ihre Wirte nichtAus dem süßen Schlafe wecken -(Hunderttausend IndianerLagerten in Mexiko).
Doch der Spanier machte diesmalOhne seinen Wirt die Rechnung;Noch frühzeitger aufgestandenWaren heut die Mexikaner.
Auf den Brücken, auf den Flößen,Auf den Furten harrten sie,Um den Abschiedstrunk alldortenIhren Gästen zu kredenzen.
Auf den Brücken, Flößen, Furten,Hei! da gabs ein toll Gelage!Rot in Strömen floß das Blut,Und die kecken Zecher rangen -
Rangen Leib an Leib gepreßt,Und wir sehn auf mancher nacktenIndianerbrust den AbdruckSpanscher Rüstungsarabesken.
Ein Erdrosseln wars, ein Würgen,Ein Gemetzel, das sich langsam,Schaurig langsam, weiter wälzte,Über Brücken, Flöße, Furten.
Die Indianer sangen, brüllten,Doch die Spanier fochten schweigend;Mußten Schritt für Schritt erobernEinen Boden für die Flucht.
In gedrängten EngpaßkämpfenBoten gringen Vorteil heuteAlteuropas strenge Kriegskunst,Feuerschlünde, Harnisch, Pferde.
Viele Spanier waren gleichfallsSchwer bepackt mit jenem Golde,Das sie jüngst erpreßt, erbeutet -Ach, die gelbe Sündenlast
Lähmte, hemmte sie im Kampfe,Und das teuflische MetallWard nicht bloß der armen Seele,Sondern auch dem Leib verderblich.
Mittlerweile ward der SeeGanz bedeckt von Kähnen, Barken;Schützen saßen drin und schossenNach den Brücken, Flößen, Furten.
Trafen freilich im GetümmelViele ihrer eignen Brüder,Doch sie trafen auch gar manchenHochvortrefflichen Hidalgo.
Auf der dritten Brücke fielJunker Gaston, der an jenemTag die Fahne trug, woraufKonterfeit die heilge Jungfrau.
Dieses Bildnis selber trafenDie Geschosse der Indianer;Sechs Geschosse blieben steckenJust im Herzen - blanke Pfeile,
Ähnlich jenen güldnen Schwertern,Die der Mater dolorosaSchmerzenreiche Brust durchbohrenBei Karfreitagsprozessionen.
Sterbend übergab Don GastonSeine Fahne dem Gonzalvo,Der zu Tod getroffen gleichfallsBald dahinsank. - Jetzt ergriff
Cortez selbst das teure Banner,Er, der Feldherr, und er trug esHoch zu Roß bis gegen Abend,Wo die Schlacht ein Ende nahm.
Hundertsechzig Spanier fandenIhren Tod an jenem Tage;Über achtzig fielen lebendIn die Hände der Indianer.
Schwer verwundet wurden viele,Die erst später unterlagen.Schier ein Dutzend Pferde wurdeTeils getötet, teils erbeutet.
Gegen Abend erst erreichtenCortez und sein Heer das sichreUferland, ein Seegestade,Karg bepflanzt mit Trauerweiden.
Nach des Kampfes SchreckenstagKommt die Spuknacht des Triumphes;Hunderttausend FreudenlampenLodern auf in Mexiko.
Hunderttausend Freudenlampen,Waldharzfackeln, PechkranzfeuerWerfen grell ihr TageslichtAuf Paläste, Götterhallen,
Gildenhäuser und zumalAuf den Tempel Vitzliputzlis,Götzenburg von rotem Backstein,Seltsam mahnend an ägyptisch,
Babylonisch und assyrischKolossalen Bauwerk-Monstren,Die wir schauen auf den BildernUnsers Britten Henri Martin.
Ja, das sind dieselben breitenRampentreppen, also breit,Daß dort auf und nieder wallenViele tausend Mexikaner,
Während auf den Stufen lagernRottenweis die wilden Krieger,Welche lustig bankettieren,Hochberauscht von Sieg und Palmwein.
Diese Rampentreppen leiten,Wie ein Zickzack, nach der Plattform,Einem balustradenartgenUngeheuern Tempeldach.
Dort auf seinem ThronaltarSitzt der große Vitzliputzli,Mexikos blutdürstger Kriegsgott.Ist ein böses Ungestüm,
Doch sein Äußres ist so putzig,So verschnörkelt und so kindisch,Daß er trotz des innern GrausensDennoch unsre Lachlust kitzelt -
Und bei seinem Anblick denkenWir zu gleicher Zeit etwaAn den blassen Tod von BaselUnd an Brüssels Mannke-Piß.
An des Gottes Seite stehenRechts die Laien, links die Pfaffen;Im Ornat von bunten FedernSpreizt sich heut die Klerisei.
Auf des Altars MarmorstufenHockt ein hundertjährig Männlein,Ohne Haar an Kinn und Schädel;Trägt ein scharlach Kamisölchen.
Dieses ist der Opferpriester,Und er wetzet seine Messer,Wetzt sie lächelnd, und er schieletManchmal nach dem Gott hinauf.
Vitzliputzli scheint den BlickSeines Dieners zu verstehen,Zwinkert mit den AugenwimpernUnd bewegt sogar die Lippen.
Auf des Altars Stufen kauernAuch die Tempelmusici,Paukenschläger, Kuhhornbläser -Ein Gerassel und Getute -
Ein Gerassel und Getute,Und es stimmet ein des ChoresMexikanisches Tedeum -Ein Miaulen wie von Katzen -
Ein Miaulen wie von Katzen,Doch von jener großen Sorte,Welche Tigerkatzen heißenUnd statt Mäuse Menschen fressen!
Wenn der Nachtwind diese TöneHinwirft nach dem Seegestade,Wird den Spaniern, die dort lagern,Katzenjämmerlich zu Mute.
Traurig unter Trauerweiden,Stehen diese dort noch immerUnd sie starren nach der Stadt,Die im dunkeln Seegewässer
Widerspiegelt, schier verhöhnend,Alle Flammen ihrer Freude -Stehen dort wie im ParterreEines großen Schauspielhauses,
Und des Vitzliputzli-TempelsHelle Plattform ist die Bühne,Wo zur Siegesfeier jetztEin Mysterium tragiert wird.
»Menschenopfer« heißt das Stück.Uralt ist der Stoff, die Fabel;In der christlichen BehandlungIst das Schauspiel nicht so gräßlich.
Denn dem Blute wurde Rotwein,Und dem Leichnam, welcher vorkam,Wurde eine harmlos dünneMehlbreispeis transsubstituieret -
Diesmal aber, bei den Wilden,War der Spaß sehr roh und ernsthaftAufgefaßt: man speiste Fleisch,Und das Blut war Menschenblut.
Diesmal war es gar das VollblutVon Altchristen, das sich nie,Nie vermischt hat mit dem BluteDer Moresken und der Juden.
Freu dich, Vitzliputzli, freu dich,Heute gibt es Spanierblut,Und am warmen Dufte wirst duGierig laben deine Nase.
Heute werden dir geschlachtetAchtzig Spanier, stolze BratenFür die Tafel deiner Priester,Die sich an dem Fleisch erquicken.
Denn der Priester ist ein Mensch,Und der Mensch, der arme Fresser,Kann nicht bloß vom Riechen lebenUnd vom Dufte, wie die Götter.
Horch! die Todespauke dröhnt schon,Und es kreischt das böse Kuhhorn!Sie verkünden, daß heraufsteigtJetzt der Zug der Sterbemänner.
Achtzig Spanier, schmählich nackend,Ihre Hände auf dem RückenFestgebunden, schleppt und schleift manHoch hinauf die Tempeltreppe.
Vor dem Vitzliputzli-BildeZwingt man sie das Knie zu beugenUnd zu tanzen Possentänze,Und man zwingt sie durch Torturen,
Die so grausam und entsetzlich,Daß der Angstschrei der GequältenÜberheulet das gesamteKannibalen-Charivari. -
Armes Publikum am See!Cortez und die KriegsgefährtenSie vernahmen und erkanntenIhrer Freunde Angstrufstimmen -
Auf der Bühne, grellbeleuchtet,Sahen sie auch ganz genauDie Gestalten und die Mienen -Sahn das Messer, sahn das Blut -
Und sie nahmen ab die HelmeVon den Häuptern, knieten nieder,Stimmten an den Psalm der Toten,Und sie sangen: De profundis!
Unter jenen, welche starben,War auch Raimond de Mendoza,Sohn der schönen Abbatissin,Cortez' erste Jugendliebe.
Als er auf der Brust des JünglingsJenes Medaillon gewahrte,Das der Mutter Bildnis einschloß,Weinte Cortez helle Tränen -
Doch er wischt' sie ab vom AugeMit dem harten Büffelhandschuh,Seufzte tief und sang im ChoreMit den Andern: miserere!
Blasser schimmern schon die Sterne,Und die Morgennebel steigenAus der Seeflut, wie Gespenster,Mit hinschleppend weißen Laken.
Fest und Lichter sind erloschenAuf dem Dach des Götzentempels,Wo am blutgetränkten EstrichSchnarchend liegen Pfaff und Laie.
Nur die rote Jacke wacht.Bei dem Schein der letzten Lampe,Süßlich grinsend, grimmig schäkernd,Spricht der Priester zu dem Gotte:
»Vitzliputzli, Putzlivitzli,Liebstes Göttchen Vitzliputzli!Hast dich heute amüsieret,Hast gerochen Wohlgerüche!
»Heute gab es Spanierblut -O, das dampfte so apptitlich,Und dein feines LeckernäschenSog den Duft ein, wollustglänzend.
»Morgen opfern wir die Pferde,Wiehernd edle Ungetüme,Die des Windes Geister zeugten,Buhlschaft treibend mit der Seekuh.
»Willst du artig sein, so schlacht ichDir auch meine beiden Enkel,Hübsche Bübchen, süßes Blut,Meines Alters einzge Freude.
»Aber artig mußt du sein,Mußt uns neue Siege schenken -Laß uns siegen, liebes Göttchen,Putzlivitzli, Vitzliputzli!
»O verderbe unsre Feinde,Diese Fremden, die aus fernenUnd noch unentdeckten LändernZu uns kamen übers Weltmeer -
»Warum ließen sie die Heimat?Trieb sie Hunger oder Blutschuld?Bleib im Land und nähr dich redlich,Ist ein sinnig altes Sprüchwort.
»Was ist ihr Begehr? Sie steckenUnser Gold in ihre Taschen,Und sie wollen, daß wir drobenEinst im Himmel glücklich werden!
»Anfangs glaubten wir, sie wärenWesen von der höchsten Gattung,Sonnensöhne, die unsterblichUnd bewehrt mit Blitz und Donner.
»Aber Menschen sind sie, tötbarWie wir Andre, und mein MesserHat erprobet heute NachtIhre Menschensterblichkeit.
»Menschen sind sie und nicht schönerAls wir Andre, manche drunterSind so häßlich wie die Affen;Wie bei diesen sind behaart
»Die Gesichter, und es heißt,Manche trügen in den HosenAuch verborgne Affenschwänze -Wer kein Aff, braucht keine Hosen.
»Auch moralisch häßlich sind sie,Wissen nichts von Pietät,Und es heißt, daß sie sogarIhre eignen Götter fräßen!
»O vertilge diese ruchlosBöse Brut, die Götterfresser -Vitzliputzli, Putzlivitzli,Laß uns siegen, Vitzliputzli!« -
Also sprach zum Gott der Priester,Und des Gottes Antwort töntSeufzend, röchelnd, wie der Nachtwind,Welcher koset mit dem Seeschilf:
Rotjack, Rotjack, blutger Schlächter,Hast geschlachtet viele Tausend,Bohre jetzt das OpfermesserIn den eignen alten Leib.
Aus dem aufgeschlitzten LeibSchlüpft alsdann hervor die Seele;Über Kiesel, über WurzelTrippelt sie zum Laubfroschteiche.
Dorten hocket meine MuhmeRattenkönigin - sie wird sagen:»Guten Morgen, nackte Seele,Wie ergeht es meinem Neffen?
»Vitzliputzlelt er vergnügtIn dem honigsüßen Goldlicht?Wedelt ihm das Glück die FliegenUnd die Sorgen von der Stirne?
»Oder kratzt ihn Katzlagara,Die verhaßte UnheilsgöttinMit den schwarzen Eisenpfoten,Die in Otterngift getränket?«
Nackte Seele, gib zur Antwort:Vitzliputzli läßt dich grüßen,Und er wünscht dir PestilenzIn den Bauch, Vermaledeite!
Denn du rietest ihm zum Kriege,Und dein Rat, es war ein Abgrund -In Erfüllung geht die böse,Uralt böse Prophezeiung
Von des Reiches UntergangDurch die furchtbar bärtgen Männer,Die auf hölzernem GevögelHergeflogen aus dem Osten.
Auch ein altes Sprüchwort gibt es:Weiberwille, Gotteswille -Doppelt ist der Gotteswille,Wenn das Weib die Mutter Gottes.
Diese ist es, die mir zürnet,Sie, die stolze Himmelsfürstin,Eine Jungfrau sonder Makel,Zauberkundig, wundertätig.
Sie beschützt das Spaniervolk,Und wir müssen untergehen,Ich, der ärmste aller Götter,Und mein armes Mexiko.
Nach vollbrachtem Auftrag, Rotjack,Krieche deine nackte SeeleIn ein Sandloch - Schlafe wohl!Daß du nicht mein Unglück schauest!
Dieser Tempel stürzt zusammen,Und ich selber, ich versinkeIn dem Qualm - nur Rauch und Trümmer -Keiner wird mich wiedersehen.
Doch ich sterbe nicht; wir GötterWerden alt wie Papageien,Und wir mausern nur und wechselnAuch wie diese das Gefieder.
Nach der Heimat meiner Feinde,Die Europa ist geheißen,Will ich flüchten, dort beginn ichEine neue Karriere.
Ich verteufle mich, der GottWird jetzund ein Gottseibeiuns;Als der Feinde böser Feind,Kann ich dorten wirken, schaffen.
Quälen will ich dort die Feinde,Mit Phantomen sie erschrecken -Vorgeschmack der Hölle, SchwefelSollen sie beständig riechen.
Ihre Weisen, ihre NarrenWill ich ködern und verlocken;Ihre Tugend will ich kitzeln,Bis sie lacht wie eine Metze.
Ja, ein Teufel will ich werden,Und als Kameraden grüß ichSatanas und Belial,Astaroth und Belzebub.
Dich zumal begrüß ich, Lilis,Sündenmutter, glatte Schlange!Lehr mich deine GrausamkeitenUnd die schöne Kunst der Lüge!
Mein geliebtes Mexiko,Nimmermehr kann ich es retten,Aber rächen will ich furchtbarMein geliebtes Mexiko.
Zweites BuchLamentationen
Das Glück ist eine leichte Dirne,Und weilt nicht gern am selben Ort;Sie streicht das Haar dir von der StirneUnd küßt dich rasch und flattert fort.
Frau Unglück hat im GegenteileDich liebefest ans Herz gedrückt;Sie sagt, sie habe keine Eile,Setzt sich zu dir ans Bett und strickt.
Waldeinsamkeit
Ich hab in meinen JugendtagenWohl auf dem Haupt einen Kranz getragen;Die Blumen glänzten wunderbar,Ein Zauber in dem Kranze war.
Der schöne Kranz gefiel wohl Allen,Doch der ihn trug hat Manchem mißfallen;Ich floh den gelben Menschenneid,Ich floh in die grüne Waldeinsamkeit.
Im Wald, im Wald! da konnt ich führenEin freies Leben mit Geistern und Tieren;Feen und Hochwild von stolzem Geweih,Sie nahten sich mir ganz ohne Scheu.
Sie nahten sich mir ganz ohne Zagnis,Sie wußten, das sei kein schreckliches Wagnis;Daß ich kein Jäger, wußte das Reh,Daß ich kein Vernunftmensch, wußte die Fee.
Von Feenbegünstigung plaudern nur Toren -Doch wie die übrigen HonoratiorenDes Waldes mir huldreich gewesen, fürwahrIch darf es bekennen offenbar.
Wie haben mich lieblich die Elfen umflattert!Ein luftiges Völkchen! das plaudert und schnattert!Ein bißchen stechend ist der Blick,Verheißend ein süßes, doch tödliches Glück.
Ergötzten mich mit Maitanz und Maispiel,Erzählten mir Hofgeschichten, zum Beispiel:Die skandalose ChronikaDer Königin Titania.
Saß ich am Bache, so tauchten und sprangenHervor aus der Flut, mit ihrem langenSilberschleier und flatterndem Haar,Die Wasserbacchanten, die Nixenschar.
Sie schlugen die Zither, sie spielten auf Geigen,Das war der famose Nixenreigen;Die Posituren, die Melodei,War klingende, springende Raserei.
Jedoch zu Zeiten waren sie minderTobsüchtig gelaunt, die schönen Kinder;Zu meinen Füßen lagerten sie,Das Köpfchen gestützt auf meinem Knie.
Trällerten, trillerten welsche Romanzen,Zum Beispiel das Lied von den drei Pomeranzen,Sangen auch wohl ein LobgedichtAuf mich und mein nobeles Menschengesicht.
Sie unterbrachen manchmal das GesingeLautlachend, und frugen bedenkliche Dinge,Zum Beispiel: »Sag uns, zu welchem BehufDer liebe Gott den Menschen schuf?
»Hat eine unsterbliche Seele ein JederVon euch? Ist diese Seele von LederOder von steifer Leinwand? WarumSind eure Leute meistens so dumm?«
Was ich zur Antwort gab, verhehleIch hier, doch meine unsterbliche Seele,Glaubt mirs, ward nie davon verletzt,Was eine kleine Nixe geschwätzt.
Anmutig und schalkhaft sind Nixen und Elfen;Nicht so die Erdgeister, sie dienen und helfenTreuherzig den Menschen. Ich liebte zumeistDie, welche man Wichtelmännchen heißt.
Sie tragen Rotmäntelchen, lang und bauschig,Die Miene ist ehrlich, doch bang und lauschig;Ich ließ nicht merken, daß ich entdeckt,Warum sie so ängstlich die Füße versteckt.
Sie haben nämlich EntenfüßeUnd bilden sich ein, daß Niemand es wisse.Das ist eine tiefgeheime Wund,Worüber ich nimmermehr spötteln kunnt.
Ach Himmel! wir Alle, gleich jenen Zwergen,Wir haben ja Alle etwas zu verbergen;Kein Christenmensch, wähnen wir, hätte entdeckt,Wo unser Entenfüßchen steckt.
Niemals verkehrt ich mit Salamandern,Und über ihr Treiben erfuhr ich von andernWaldgeistern sehr wenig. Sie huschten mir scheuDes Nachts wie leuchtende Schatten vorbei.
Sind spindeldürre, von Kindeslänge,Höschen und Wämschen anliegend enge,Von Scharlachfarbe, goldgestickt;Das Antlitz kränklich, vergilbt und bedrückt.
Ein güldnes Krönlein, gespickt mit Rubinen,Trägt auf dem Köpfchen ein jeder von ihnen;Ein jeder von ihnen bildet sich ein,Ein absoluter König zu sein.
Daß sie im Feuer nicht verbrennen,Ist freilich ein Kunststück, ich will es bekennen;Jedoch der unentzündbare Wicht,Ein wahrer Feuergeist ist er nicht.
Die klügsten Waldgeister sind die Alräunchen,Langbärtige Männlein mit kurzen Beinchen,Ein fingerlanges Greisengeschlecht;Woher sie stammen, man weiß es nicht recht.
Wenn sie im Mondschein kopfüber purzeln,Das mahnt bedenklich an Pissewurzeln;Doch da sie mir nur Gutes getan,So geht mich nichts ihr Ursprung an.
Sie lehrten mir kleine Hexereien,Feuer besprechen, Vögel beschreien,Auch pflücken in der JohannisnachtDas Kräutlein, das unsichtbar macht.
Sie lehrten mich Sterne und Zeichen deuten,Sattellos auf dem Winde reiten,Auch Runensprüche, womit man ruftDie Toten hervor aus ihrer Gruft.
Sie haben mir auch den Pfiff gelehrt,Wie man den Vogel Specht betörtUnd ihm die Springwurz abgewinnt,Die anzeigt, wo Schätze verborgen sind.
Die Worte, die man beim SchätzegrabenHinmurmelt, lehrten sie mich, sie habenMir alles expliziert - umsunst!Hab nie begriffen die Schatzgräberkunst.
Wohl hatt ich derselben nicht nötig dermalen,Ich brauchte wenig, und konnt es bezahlen,Besaß auch in Spanien manch luftiges Schloß,Wovon ich die Revenüen genoß.
O, schöne Zeit! wo voller GeigenDer Himmel hing, wo ElfenreigenUnd Nixentanz und KoboldscherzUmgaukelt mein märchentrunkenes Herz!
O, schöne Zeit! wo sich zu grünenTriumphespforten zu wölben schienenDie Bäume des Waldes - ich ging einher,Bekränzt, als ob ich der Sieger wär!
Die schöne Zeit, sie ist verschlendert,Und Alles hat sich seitdem verändert,Und ach! mir ist der Kranz geraubt,Den ich getragen auf meinem Haupt.
Der Kranz ist mir vom Haupt genommen,Ich weiß es nicht, wie es gekommen;Doch seit der schöne Kranz mir fehlt,Ist meine Seele wie entseelt.
Es glotzen mich an unheimlich blödeDie Larven der Welt! Der Himmel ist öde,Ein blauer Kirchhof, entgöttert und stumm.Ich gehe gebückt im Wald herum.
Im Walde sind die Elfen verschwunden,Jagdhörner hör ich, Gekläffe von Hunden;Im Dickicht ist das Reh versteckt,Das tränend seine Wunden leckt.
Wo sind die Alräunchen? Ich glaube, sie haltenSich ängstlich verborgen in Felsenspalten.Ihr kleinen Freunde, ich komme zurück,Doch ohne Kranz und ohne Glück.
Wo ist die Fee mit dem langen Goldhaar,Die erste Schönheit, die mir hold war?Der Eichenbaum, worin sie gehaust,Steht traurig entlaubt, vom Winde zerzaust.
Der Bach rauscht trostlos gleich dem Styxe;Am einsamen Ufer sitzt eine Nixe,Todblaß und stumm, wie 'n Bild von Stein,Scheint tief in Kummer versunken zu sein.
Mitleidig tret ich zu ihr heran -Da fährt sie auf und schaut mich an,Und sie entflieht mit entsetzten Mienen,Als sei ihr ein Gespenst erschienen.
Spanische Atriden
Am Hubertustag des JahresDreizehnhundert drei und achtzigGab der König uns ein GastmahlZu Segovia im Schlosse.
Hofgastmähler sind dieselbenÜberall, es gähnt dieselbeSouveräne LangeweileAn der Tafel aller Fürsten.
Prunkgeschirr von Gold und Silber,Leckerbissen aller Zonen,Und derselbe Bleigeschmack,Mahnend an Lokustes Küche.
Auch derselbe seidne Pöbel,Buntgeputzt und vornehm nickend,Wie ein Beet von Tulipanen;Nur die Saucen sind verschieden.
Und das ist ein Wispern, Sumsen,Das wie Mohn den Sinn einschläfert,Bis Trompetenstöße weckenAus der kauenden Betäubnis.
Neben mir, zum Glücke, saßDon Diego Albuquerque,Dem die Rede unterhaltsamVon den klugen Lippen floß.
Ganz vorzüglich gut erzählteEr die blutgen HofgeschichtenAus den Tagen des Don Pedro,Den man »König Grausam« nannte.
Als ich frug, warum Don PedroSeinen Bruder Don FredregoInsgeheim enthaupten ließ,Sprach mein Tischgenosse seufzend:
Sennor! glaubt nicht was sie klimpernAuf den schlottrigen Gitarren,Bänkelsänger, Maultiertreiber,In Posaden, Kneipen, Schenken.
Glaubet nimmer, was sie faselnVon der Liebe Don FredregosUnd Don Pedros schöner Gattin,Donna Blanka von Bourbon.
Nicht der Eifersucht des Gatten,Nur der Mißgunst eines NeidhartsFiel als Opfer Don Fredrego,Calatravas Ordensmeister.
Das Verbrechen, das Don PedroNicht verzieh, das war sein Ruhm,Jener Ruhm, den Donna FamaMit Entzücken ausposaunte.
Auch verzieh ihm nicht Don PedroSeiner Seele HochgefühleUnd die Wohlgestalt des Leibes,Die ein Abbild solcher Seele.
Blühend blieb mir im GedächtnisDiese schlanke Heldenblume;Nie vergeß ich dieses schöneTräumerische Jünglingsantlitz.
Das war eben jene Sorte,Die geliebt wird von den Feen,Und ein märchenhaft GeheimnisSprach aus allen diesen Zügen.
Blaue Augen, deren SchmelzBlendend wie ein Edelstein, -Aber auch der stieren HärteEines Edelsteins teilhaftig.
Seine Haare waren schwarz,Bläulichschwarz, von seltnem Glanze,Und in üppig schönen LockenAuf die Schulter niederfallend.
In der schönen Stadt Coimbra,Die er abgewann den Mohren,Sah ich ihn zum letzten MaleLebend - unglückselger Prinz!
Eben kam er vom Alkanzor,Durch die engen Straßen reitend;Manche junge Mohrin lauschteHinterm Gitter ihres Fensters.
Seines Hauptes Helmbusch wehteFrei galant, jedoch des MantelsStrenges Calatrava-KreuzScheuchte jeden Buhlgedanken.
Ihm zur Seite, freudewedelnd,Sprang sein Liebling, Allan hieß er,Eine Bestie stolzer Rasse,Deren Heimat die Sierra.
Trotz der ungeheuern GrößeWar er wie ein Reh gelenkig,Nobel war des Kopfes Bildung,Ob sie gleich dem Fuchse ähnlich.
Schneeweiß und so weich wie SeideFlockten lang herab die Haare;Mit Rubinen inkrustieretWar das breite goldne Halsband.
Dieses Halsband, sagt man, bargEinen Talisman der Treue;Niemals wich er von der SeiteSeines Herrn, der treue Hund.
O der schauerlichen Treue!Mir erbebet das Gemüte,Denk ich dran, wie sie sich hierOffenbart vor unsern Augen.
O des schreckenvollen Tages!Hier in diesem Saale war es,Und wie heute saß ich hierAn der königlichen Tafel.
An dem obern Tafelende,Dort, wo heute Don HenricoFröhlich bechert mit der BlumeKastilianscher Ritterschaft -
Jenes Tags saß dort Don PedroFinster stumm, und neben ihm,Strahlend stolz wie eine Göttin,Saß Maria de Padilla.
Hier am untern End der Tafel,Wo wir heut die Dame sehen,Deren große LinnenkrauseWie ein weißer Teller aussieht -
Während ihr vergilbt GesichtchenMit dem säuerlichen LächelnDer Zitrone gleichet, welcheAuf besagtem Teller ruht:
Hier am untern End der TafelWar ein leerer Platz geblieben;Eines Gasts von hohem RangeSchien der goldne Stuhl zu harren.
Don Fredrego war der Gast,Dem der goldne Stuhl bestimmt war -Doch er kam nicht -ach, wir wissenJetzt den Grund der Zögerung.
Ach, zur selben Stunde wurdeSie vollbracht, die dunkle Untat,Und der arglos junge HeldWurde von Don Pedros Schergen
Hinterlistig überfallenUnd gebunden fortgeschlepptIn ein ödes Schloßgewölbe,Nur von Fackelschein beleuchtet.
Dorten standen Henkersknechte,Dorten stand der rote Meister,Der, gestützt auf seinem Richtbeil,Mit schwermütger Miene sprach:
Jetzt, Großmeister von San Jago,Müßt Ihr Euch zum Tod bereiten,Eine Viertelstunde seiEuch bewilligt zum Gebete.
Don Fredrego kniete nieder,Betete mit frommer Ruhe,Sprach sodann: ich hab vollendet,Und empfing den Todesstreich.
In demselben Augenblicke,Als der Kopf zu Boden rollte,Sprang drauf zu der treue Allan,Welcher unbemerkt gefolgt war.
Er erfaßte, mit den Zähnen,Bei dem Lockenhaar das Haupt,Und mit dieser teuern BeuteSchoß er zauberschnell von dannen.
Jammer und Geschrei erschollÜberall auf seinem Wege,Durch die Gänge und Gemächer,Treppen auf und Treppen ab.
Seit dem Gastmahl des BelsazarGab es keine Tischgesellschaft,Welche so verstöret aussahWie die unsre in dem Saale,
Als das Ungetüm hereinsprangMit dem Haupte Don Fredregos,Das er mit den Zähnen schleppteAn den träufend blutgen Haaren.
Auf den leer gebliebnen Stuhl,Welcher seinem Herrn bestimmt war,Sprang der Hund und, wie ein Kläger,Hielt er uns das Haupt entgegen.
Ach, es war das wohlbekannteHeldenantlitz, aber blässer,Aber ernster, durch den Tod,Und umringelt gar entsetzlich
Von der Fülle schwarzer Locken,Die sich bäumten wie der wildeSchlangenkopfputz der Meduse,Auch wie dieser schreckversteinernd.
Ja, wir waren wie versteinert,Sahn uns an mit starrer Miene,Und gelähmt war jede ZungeVon der Angst und Etikette.
Nur Maria de PadillaBrach das allgemeine Schweigen;Händeringend, laut aufschluchzend,Jammerte sie ahndungsvoll:
»Heißen wird es jetzt, ich hätteAngestiftet solche Mordtat,Und der Groll trifft meine Kinder,Meine schuldlos armen Kinder!«
Don Diego unterbrach hierSeine Rede, denn wir sahen,Daß die Tafel aufgehobenUnd der Hof den Saal verlassen.
Höfisch fein von Sitten, gabMir der Ritter das Geleite,Und wir wandelten selbanderDurch das alte Gotenschloß.
Indem Kreuzgang, welcher leitetNach des Königs Hundeställen,Die durch Knurren und GekläffeSchon von fernher sich verkündgen,
Dorten sah ich, in der WandEingemauert und nach außenFest mit Eisenwerk vergattert,Eine Zelle wie ein Käfig.
Menschliche Gestalten zwoSaßen drin, zwei junge Knaben;Angefesselt bei den Beinen,Hockten sie auf fauler Streu.
Kaum zwölfjährig schien der Eine,Wenig älter war der Andre;Die Gesichter schön und edel,Aber fahl und welk von Siechtum.
Waren ganz zerlumpt, fast nackend,Und die magern Leibchen trugenWunde Spuren der Mißhandlung;Beide schüttelte das Fieber.
Aus der Tiefe ihres ElendsSchauten sie zu mir empor,Wie mit weißen Geisteraugen,Daß ich schier darob erschrocken.
Wer sind diese Jammerbilder?Rief ich aus, indem ich hastigDon Diegos Hand ergriff,Die gezittert, wie ich fühlte.
Don Diego schien verlegen,Sah sich um, ob Niemand lausche,Seufzte tief und sprach am Ende,Heitern Weltmannston erkünstelnd:
Dieses sind zwei Königskinder,Früh verwaiset, König PedroHieß der Vater, und die MutterWar Maria de Padilla.
Nach der großen Schlacht bei Narvas,Wo Henrico TranstamareSeinen Bruder, König Pedro,Von der großen Last der Krone
Und zugleich von jener größernLast, die Leben heißt, befreite:Da traf auch die BruderskinderDon Henricos Siegergroßmut.
Hat sich ihrer angenommen,Wie es einem Oheim ziemet,Und im eignen Schlosse gab erIhnen freie Kost und Wohnung.
Enge freilich ist das Stübchen,Das er ihnen angewiesen,Doch im Sommer ist es kühlig,Und nicht gar zu kalt im Winter.
Ihre Speis ist Roggenbrot,Das so schmackhaft ist, als hätt esGöttin Ceres selbst gebackenFür ihr liebes Proserpinchen.
Manchmal schickt er ihnen auchEine Kumpe mit Garbanzos,Und die Jungen merken dann,Daß es Sonntag ist in Spanien.
Doch nicht immer ist es Sonntag,Und nicht immer gibts Garbanzos,Und der OberkoppelmeisterRegaliert sie mit der Peitsche.
Denn der Oberkoppelmeister,Der die Ställe mit der MeuteSowie auch den NeffenkäfigUnter seiner Aufsicht hat,
Ist der unglückselge GatteJener sauren ZitronellaMit der weißen Tellerkrause,Die wir heut bei Tisch bewundert,
Und sie keift so frech, daß oftIhr Gemahl zur Peitsche greift -Und hierher eilt und die HundeUnd die armen Knaben züchtigt.
Doch der König hat mißbilligtSolch Verfahren und befahl,Daß man künftig seine NeffenNicht behandle wie die Hunde.
Keiner fremden MietlingsfaustWird er ferner anvertrauenIhre Zucht, die er hinfüroEigenhändig leiten will.
Don Diego stockte plötzlich,Denn der Seneschall des SchlossesKam zu uns und frug unsHöflich: ob wir wohlgespeist? - -
Der Ex-Lebendige
Brutus, wo ist dein Cassius,Der Wächter, der nächtliche Rufer,Der einst mit dir, im Seelenerguß,Gewandelt am Seineufer?
Ihr schautet manchmal in die Höh,Wo die dunklen Wolken jagen -Viel dunklere Wolke war die Idee,Die Ihr im Herzen getragen.
Brutus, wo ist dein Cassius?Er denkt nicht mehr ans Morden!Es heißt, er sei am NeckarflußTyrannenvorleser geworden.
Doch Brutus erwidert: Du bist ein Tor,Kurzsichtig wie alle Poeten -Mein Cassius liest dem Tyrannen vor,Jedoch um ihn zu töten.
Er liest ihm Gedichte von Matzerath -Ein Dolch ist jede Zeile!Der arme Tyrann, früh oder spatStirbt er vor Langeweile.
Der Ex-Nachtwächter
Mißgelaunt, sagt man, verließ erStuttgart an dem Neckarstrand,Und zu München an der IsarWard er Schauspielintendant.
Das ist eine schöne GegendEbenfalls, es schäumet hier,Geist- und phantasieerregend,Holder Bock, das beste Bier.
Doch der arme Intendante,Heißt es, gehet dort herumMelancholisch wie ein Dante,Wie Lord Byron gloomy, stumm.
Ihn ergötzen nicht Komödien,Nicht das schlechteste Gedicht,Selbst die traurigsten TragödienLiest er - doch er lächelt nicht.
Manche Schöne möcht erheiternDieses gramumflorte Herz,Doch die Liebesblicke scheiternAn dem Panzer, der von Erz.
Nannerl mit dem RiegelhäubchenGirrt ihn an so muntern Sinns -Geh ins Kloster, armes Täubchen,Spricht er wie ein Dänenprinz.
Seine Freunde sind vergebensZu erlustgen ihn bemüht,Singen: Freue dich des Lebens,Weil dir noch dein Lämpchen glüht!
Kann dich nichts zum Frohsinn reizenHier in dieser hübschen Stadt,Die an amüsanten KäuzenWahrlich keinen Mangel hat?
Zwar hat sie in jüngsten TagenEingebüßt so manchen Mann,Manchen trefflichen Choragen,Den man schwer entbehren kann.
Wär der Maßmann nur geblieben!Dieser hätte wohl am EndJeden Trübsinn dir vertriebenDurch sein Burzelbaumtalent.
Schelling, der ist unersetzlich!Ein Verlust vom höchsten Wert!War als Philosoph ergötzlichUnd als Mime hochgeehrt.
Daß der Gründer der WalhallaFortging und zurücke ließSeine Manuskripte alle,Gleichfalls ein Verlust war dies!
Mit Corneljus ging verlorenAuch des Meisters Jüngerschaft;Hat das Haar sich abgeschoren,Und im Haar war ihre Kraft.
Denn der kluge Meister legteEinen Zauber in das Haar,Drin sich sichtbar oft bewegteEtwas das lebendig war.
Tot ist Görres, die Hyäne.Ob des heiligen OffizUmsturz quoll ihm einst die TräneAus des Auges rotem Schlitz.
Dieses Raubtier hat ein SühnchenHinterlassen, doch es istNur ein giftiges Kaninchen,Welches Nonnenfürzchen frißt.
Apropos! Der erzinfamePfaffe Dollingerius -Das ist ungefähr sein Name -Lebt er noch am Isarfluß?
Dieser bleibt mir unvergeßlich!Bei dem reinen Sonnenlicht!Niemals schaut ich solch ein häßlichArmesünderangesicht.
Wie es heißt, ist er gekommenAuf die Welt gar wundersam,Hat den Afterweg genommen,Zu der Mutter Schreck und Scham.
Sah ihn am Karfreitag wallenIn dem Zug der Prozession,Von den dunkeln Männern allenWohl die dunkelste Person.
Ja, Monacho MonachorumIst in unsrer Zeit der SitzDer Virorum obscurorum,Die verherrlicht Huttens Witz.
Wie du zuckst beim Namen Hutten!Ex-Nachtwächter, wache auf!Hier die Pritsche, dort die Kutten,Und wie ehmals schlage drauf!.
Geißle ihre Rücken blutig,Wie einst tat der Ullerich;Dieser schlug so rittermutig,Jene heulten fürchterlich.
Der Erasmus mußte lachenSo gewaltig ob dem Spaß,Daß ihm platzte in dem RachenSein Geschwür und er genas.
Auf der Ebersburg desgleichenLachte Sickingen wie toll,Und in allen deutschen ReichenDas Gelächter widerscholl.
Alte lachten wie die Jungen -Eine einzge Lache nurWar ganz Wittenberg, sie sungenGaudeamus igitur!
Freilich, klopft man faule Kutten,Fängt man Flöh im Überfluß,Und es mußte sich der HuttenManchmal kratzen vor Verdruß.
Aber alea est jacta!War des Ritters Schlachtgeschrei,Und er knickte und er knacktePulices und Klerisei.
Ex-Nachtwächter, Stundenrufer,Fühlst du nicht dein Herz erglühn?Rege dich am Isarufer,Schüttle ab den kranken Spleen.
Deine langen Fortschrittsbeine,Heb sie auf zu neuem Lauf -Kutten grobe, Kutten feine,Sind es Kutten, schlage drauf!
Jener aber seufzt, und seineHände ringend er versetzt:Meine langen FortschrittsbeineSind europamüde jetzt.
Meine Hühneraugen jücken,Habe deutsche enge Schuh,Und wo mich die Schuhe drücken,Weiß ich wohl - laß mich in Ruh!
Plateniden
Iliaden, OdysseenKündigst du uns prahlend an,Und wir wollen in dir sehenDeutscher Zukunft größten Mann.
Eine große Tat in Worten,Die du einst zu tun gedenkst! -O, ich kenne solche SortenGeistger Schuldenmacher längst.
Hier ist Rhodus, komm und zeigeDeine Kunst, hier wird getanzt!Oder trolle dich und schweige,Wenn du heut nicht tanzen kannst.
Wahre Prinzen aus GenielandZahlen bar was sie verzehrt,Schiller, Goethe, Lessing, WielandHaben nie Kredit begehrt.
Wollten keine OvationenVon dem Publiko auf Pump,Keine Vorschuß-Lorbeerkronen,Rühmten sich nicht keck und plump.
Tot ist längst der alte Junker,Doch sein Same lebt noch heut -O, ich kenne das GeflunkerKünftiger Unsterblichkeit.
Das sind Platens echte Kinder,Echtes Platenidenblut -Meine teuern Hallermünder,O, ich kenn euch gar zu gut!
Mythologie
Ja, Europa ist erlegen -Wer kann Ochsen widerstehen?Wir verzeihen auch Danäen -Sie erlag dem goldnen Regen!
Semele ließ sich verführen -Denn sie dachte: eine Wolke,Ideale Himmelswolke,Kann uns nicht kompromittieren.
Aber tief muß uns empörenWas wir von der Leda lesen -Welche Gans bist du gewesen,Daß ein Schwan dich konnt betören!
In Mathildens Stammbuch
Hier, auf gewalzten Lumpen, soll ichMit einer Spule von der GansHinkritzeln ernsthaft halb, halb drollig,Versifizierten Firlefanz -
Ich, der gewohnt mich auszusprechenAuf deinem schönen Rosenmund,Mit Küssen, die wie Flammen brechenHervor aus tiefstem Herzensgrund!
O Modewut! Ist man ein Dichter,Quält uns die eigne Frau zuletzt,Bis man, wie andre Sangeslichter,Ihr einen Reim ins Album setzt.
An die Jungen
Laß dich nicht kirren, laß dich nicht wirrenDurch goldne Äpfel in deinem Lauf!Die Schwerter klirren, die Pfeile schwirren,Doch halten sie nicht den Helden auf.
Ein kühnes Beginnen ist halbes Gewinnen,Ein Alexander erbeutet die Welt!Kein langes Besinnen! Die KöniginnenErwarten schon knieend den Sieger im Zelt.
Wir wagen, wir werben! besteigen als ErbenDes alten Darius Bett und Thron.O süßes Verderben! o blühendes Sterben!Berauschter Triumphtod zu Babylon!
Der Ungläubige
Du wirst in meinen Armen ruhn!Von Wonnen sonder SchrankenErbebt und schwillt mein ganzes HerzBei diesem Zaubergedanken.
Du wirst in meinen Armen ruhn!Ich spiele mit den schönenGoldlocken! Dein holdes Köpfchen wirdAn meine Schulter lehnen.
Du wirst in meinen Armen ruhn!Der Traum will Wahrheit werden,Ich soll des Himmels höchste LustHier schon genießen auf Erden.
O, heilger Thomas! Ich glaub es kaum!Ich zweifle bis zur Stunde,Wo ich den Finger legen kannIn meines Glückes Wunde.
K.-Jammer
Diese graue WolkenscharStieg aus einem Meer von Freuden;Heute muß ich dafür leiden,Daß ich gestern glücklich war.
Ach, in Wermut hat verkehrtSich der Nektar! Ach, wie quälendKatzenjammer, HundeelendHerz und Magen mir beschwert!
Zum Hausfrieden
Viele Weiber, viele Flöhe,Viele Flöhe, vieles Jucken -Tun sie heimlich dir ein Wehe,Darfst du dennoch dich nicht mucken.
Denn sie rächen, schelmisch lächelnd,Sich zur Nachtzeit - Willst du drückenSie ans Herze, lieberöchelnd,Ach, da drehn sie dir den Rücken.
Jetzt wohin?
Jetzt wohin? Der dumme FußWill mich gern nach Deutschland tragen;Doch es schüttelt klug das HauptMein Verstand und scheint zu sagen:
Zwar beendigt ist der Krieg,Doch die Kriegsgerichte blieben,Und es heißt, du habest einstViel Erschießliches geschrieben.
Das ist wahr, unangenehmWär mir das Erschossenwerden.Bin kein Held, es fehlen mirDie pathetischen Gebärden.
Gern würd ich nach England gehn,Wären dort nicht KohlendämpfeUnd Engländer - schon ihr DuftGibt Erbrechen mir und Krämpfe.
Manchmal kommt mir in den SinnNach Amerika zu segeln,Nach dem großen Freiheitstall,Der bewohnt von Gleichheitsflegeln -
Doch es ängstet mich ein Land,Wo die Menschen Tabak käuen,Wo sie ohne König kegeln,Wo sie ohne Spucknapf speien.
Rußland, dieses schöne Reich,Würde mir vielleicht behagen,Doch im Winter könnte ichDort die Knute nicht ertragen.
Traurig schau ich in die Höh,Wo viel tausend Sterne nicken -Aber meinen eignen SternKann ich nirgends dort erblicken.
Hat im güldnen LabyrinthSich vielleicht verirrt am Himmel,Wie ich selber mich verirrtIn dem irdischen Getümmel. -
Altes Lied
Du bist gestorben und weißt es nicht,Erloschen ist dein Augenlicht,Erblichen ist dein rotes Mündchen,Und du bist tot, mein totes Kindchen.
In einer schaurigen SommernachtHab ich dich selber zu Grabe gebracht;Klaglieder die Nachtigallen sangen,Die Sterne sind mit zur Leiche gegangen.
Der Zug, der zog den Wald vorbei,Dort widerhallt die Litanei;Die Tannen, in Trauermänteln vermummt,Sie haben Totengebete gebrummt.
Am Weidensee vorüber gings,Die Elfen tanzten inmitten des Rings;Sie blieben plötzlich stehn und schienenUns anzuschaun mit Beileidsmienen.
Und als wir kamen zu deinem Grab,Da stieg der Mond vom Himmel herab.Er hielt eine Rede. Ein Schluchzen und Stöhnen,Und in der Ferne die Glocken tönen.
Solidität
Liebe sprach zum Gott der Lieder,Sie verlange Sicherheiten,Ehe sie sich ganz ergebe,Denn es wären schlechte Zeiten.
Lachend gab der Gott zur Antwort:Ja, die Zeiten sich verändern,Und du sprichst jetzt wie ein alterWuchrer, welcher leiht auf Pfändern.
Ach, ich hab nur eine Leier,Doch sie ist von gutem Golde.Wieviel Küsse willst du borgenMir darauf, o meine Holde?
Alte Rose
Eine Rosenknospe warSie, für die mein Herze glühte;Doch sie wuchs, und wunderbarSchoß sie auf in voller Blüte.
Ward die schönste Ros im Land,Und ich wollt die Rose brechen,Doch sie wußte mich pikantMit den Dornen fortzustechen.
Jetzt, wo sie verwelkt, zerfetztUnd verklatscht von Wind und Regen -Liebster Heinrich bin ich jetzt,Liebend kommt sie mir entgegen.
Heinrich hinten, Heinrich vorn,Klingt es jetzt mit süßen Tönen;Sticht mich jetzt etwa ein Dorn,Ist es an dem Kinn der Schönen.
Allzu hart die Borsten sind,Die des Kinnes Wärzchen zieren -Geh ins Kloster, liebes Kind,Oder lasse dich rasieren.
Auto-da-fé
Welke Veilchen, stäubge Locken,ein verblichen blaues Band,Halb zerrissene Billette,Längst vergeßner Herzenstand -
In die Flammen des KaminesWerf ich sie verdroßnen Blicks;Ängstlich knistern diese TrümmerMeines Glücks und Mißgeschicks.
Liebeschwüre, flatterhafteFalsche Eide, in den SchlotFliegen sie hinauf - es kichertUnsichtbar der kleine Gott.
Bei den Flammen des KaminesSitz ich träumend, und ich seh,Wie die Fünkchen in der AscheStill verglühn - Gut Nacht - Ade!
Lazarus
I. Weltlauf
Hat man viel, so wird man baldNoch viel mehr dazu bekommen.Wer nur wenig hat, dem wirdAuch das Wenige genommen.
Wenn du aber gar nichts hast,Ach, so lasse dich begraben -Denn ein Recht zum Leben, Lump,Haben nur die etwas haben.
II. Rückschau
Ich habe gerochen alle GerücheIn dieser holden Erdenküche;Was man genießen kann in der Welt,Das hab ich genossen wie je ein Held!Hab Kaffee getrunken, hab Kuchen gegessen.Hab manche schöne Puppe besessen;Trug seidne Westen, den feinsten Frack,Mir klingelten auch Dukaten im Sack.Wie Gellert ritt ich auf hohem Roß;Ich hatte ein Haus, ich hatte ein Schloß.Ich lag auf der grünen Wiese des Glücks,Die Sonne grüßte goldigsten Blicks;Ein Lorbeerkranz umschloß die Stirn,Er duftete Träume mir ins Gehirn,Träume von Rosen und ewigem Mai -Es ward mir so selig zu Sinne dabei,So dämmersüchtig, so sterbefaul -Mir flogen gebratne Tauben ins Maul,Und Englein kamen, und aus den TaschenSie zogen hervor Champagnerflaschen -Das waren Visionen, Seifenblasen -Sie platzten - Jetzt lieg ich auf feuchtem Rasen,Die Glieder sind mir rheumatisch gelähmt,Und meine Seele ist tief beschämt.Ach, jede Lust, ach, jeden GenußHab ich erkauft durch herben Verdruß;Ich ward getränkt mit BitternissenUnd grausam von den Wanzen gebissen;Ich ward bedrängt von schwarzen Sorgen,Ich mußte lügen, ich mußte borgenBei reichen Buben und alten Vetteln -Ich glaube sogar, ich mußte betteln.Jetzt bin ich müd vom Rennen und Laufen,Jetzt will ich mich im Grabe verschnaufen.Lebt wohl! Dort oben, ihr christlichen Brüder,Ja, das versteht sich, dort sehn wir uns wieder.
III. Auferstehung
Posaunenruf erfüllt die Luft,Und furchtbar schallt es wider;Die Toten steigen aus der Gruft,Und schütteln und rütteln die Glieder.
Was Beine hat, das trollt sich fort,Es wallen die weißen GestaltenNach Josaphat, dem Sammelort,Dort wird Gericht gehalten.
Als Freigraf sitzet Christus dortIn seiner Apostel Kreise.Sie sind die Schöppen, ihr Spruch und WortIst minniglich und weise.
Sie urteln nicht vermummten Gesichts;Die Maske läßt jeder fallenAm hellen Tage des jüngsten Gerichts,Wenn die Posaunen schallen.
Das ist zu Josaphat im Tal,Da stehn die geladenen Scharen,Und weil zu groß der Beklagten Zahl,Wird hier summarisch verfahren.
Das Böcklein zur Linken, zur Rechten das Schaf,Geschieden sind sie schnelle;Der Himmel dem Schäfchen fromm und brav,Dem geilen Bock die Hölle!
IV. Sterbende
Flogest aus nach Sonn und Glück,Nackt und schlecht kommst du zurück.Deutsche Treue, deutsche Hemde,Die verschleißt man in der Fremde.
Siehst sehr sterbebläßlich aus,Doch getrost, du bist zu Haus.Warm wie an dem FlackerherdeLiegt man in der deutschen Erde.
Mancher leider wurde lahmUnd nicht mehr nach Hause kam -Streckt verlangend aus die Arme,Daß der Herr sich sein erbarme!
V. Lumpentum
Die reichen Leute, die gewinntMan nur durch platte Schmeichelein -Das Geld ist platt, mein liebes Kind,Und will auch platt geschmeichelt sein.
Das Weihrauchfaß, das schwinge keckVor jedem göttlich goldnen Kalb;Bet an im Staub, bet an im Dreck,Vor allem aber lob nicht halb.
Das Brot ist teuer dieses Jahr,Jedoch die schönsten Worte hatMan noch umsonst - Besinge garMäcenas' Hund, und friß dich satt!
VI. Erinnerung
Dem Einen die Perle, dem Andern die Truhe,O Wilhelm Wisetzki, du starbest so fruhe -Doch die Katze, die Katz ist gerettet.
Der Balken brach, worauf er gekommen,Da ist er im Wasser umgekommen -Doch die Katze, die Katz ist gerettet.
Wir folgten der Leiche, dem lieblichen Knaben,Sie haben ihn unter Maiblumen begraben, -Doch die Katze, die Katz ist gerettet.
Bist klug gewesen, du bist entronnenDen Stürmen, hast früh ein Obdach gewonnen -Doch die Katze, die Katz ist gerettet.
Bist früh entronnen, bist klug gewesen,Noch eh du erkranktest, bist du genesen -Doch die Katze, die Katz ist gerettet.
Seit langen Jahren, wie oft, o Kleiner,Mit Neid und Wehmut gedenk ich deiner -Doch die Katze, die Katz ist gerettet.
VII. Unvollkommenheit
Nichts ist vollkommen hier auf dieser Welt.Der Rose ist der Stachel beigesellt;Ich glaube gar, die lieben holden EngelIm Himmel droben sind nicht ohne Mängel.
Der Tulpe fehlt der Duft. Es heißt am Rhein:Auch Ehrlich stahl einmal ein Ferkelschwein.Hätte Lucretia sich nicht erstochen,Sie wär vielleicht gekommen in die Wochen.
Häßliche Füße hat der stolze Pfau.Uns kann die amüsant geistreichste FrauManchmal langweilen wie die HenriadeVoltaires, sogar wie Klopstocks Messiade.
Die bravste, klügste Kuh kein Spanisch weiß,Wie Maßmann kein Latein - Der MarmorsteißDer Venus von Canova ist zu glatte,Wie Maßmanns Nase viel zu ärschig platte.
Im süßen Lied ist oft ein saurer Reim,Wie Bienenstachel steckt im Honigseim.Am Fuß verwundbar war der Sohn der Thetis,Und Alexander Dumas ist ein Metis.
Der strahlenreinste Stern am HimmelzeltWenn er den Schnupfen kriegt, herunterfällt.Der beste Äpfelwein schmeckt nach der Tonne,Und schwarze Flecken sieht man in der Sonne.
Du bist, verehrte Frau, du selbst sogarNicht fehlerfrei, nicht aller Mängel bar.Du schaust mich an - du fragst mich, was dir fehle?Ein Busen, und im Busen eine Seele.
VIII. Fromme Warnung
Unsterbliche Seele, nimm dich in Acht,Daß du nicht Schaden leidest,Wenn du aus dem Irdischen scheidest;Es geht der Weg durch Tod und Nacht.
Am goldnen Tore der Hauptstadt des Lichts,Da stehen die Gottessoldaten;Sie fragen nach Werken und Taten,Nach Namen und Amt fragt man hier nichts.
Am Eingang läßt der Pilger zurückDie staubigen, drückenden Schuhe -Kehr ein, hier findest du Ruhe,Und weiche Pantoffeln und schöne Musik.
IX. Der Abgekühlte
Und ist man tot, so muß man langIm Grabe liegen; ich bin bang,Ja, ich bin bang, das AuferstehenWird nicht so schnell von Statten gehen.
Noch einmal, eh mein LebenslichtErlöschet, eh mein Herze bricht -Noch einmal möcht ich vor dem SterbenUm Frauenhuld beseligt werben.
Und eine Blonde müßt es sein,Mit Augen sanft wie Mondenschein -Denn schlecht bekommen mir am EndeDie wild brünetten Sonnenbrände.
Das junge Volk, voll LebenskraftWill den Tumult der Leidenschaft,Das ist ein Rasen, Schwören, PolternUnd wechselseitges Seelenfoltern!
Unjung und nicht mehr ganz gesund,Wie ich es bin zu dieser Stund,Mögt ich noch einmal lieben, schwärmenUnd glücklich sein - doch ohne Lärmen.
X. Salomo
Verstummt sind Pauken, Posaunen und Zinken.An Salomos Lager Wache haltenDie schwertgegürteten Engelgestalten,Sechstausend zur Rechten, sechstausend zur Linken.