Chapter 3

Sie schützen den König vor träumendem Leide,Und zieht er finster die Brauen zusammen,Da fahren sogleich die stählernen Flammen,Zwölftausend Schwerter, hervor aus der Scheide.

Doch wieder zurück in die Scheide fallenDie Schwerter der Engel. Das nächtliche GrauenVerschwindet, es glätten sich wieder die BrauenDes Schläfers, und seine Lippen lallen:

O Sulamith! das Reich ist mein Erbe,Die Lande sind mir untertänig,Bin über Juda und Israel König -Doch liebst du mich nicht, so welk ich und sterbe.

XI. Verlorene Wünsche

Von der Gleichheit der GemütsartWechselseitig angezogen,Waren wir einander immerMehr als uns bewußt gewogen.

Beide ehrlich und bescheiden,Konnten wir uns leicht verstehen;Worte waren überflüssig,Brauchten uns nur anzusehen.

O wie sehnlich wünscht ich immer,Daß ich bei dir bleiben könnteAls der tapfre WaffenbruderEines dolce far niente.

Ja, mein liebster Wunsch war immer,Daß ich immer bei dir bliebe!Alles was dir wohlgefiele,Alles tät ich dir zu Liebe.

Würde essen was dir schmeckteUnd die Schüssel gleich entfernen,Die dir nicht behagt. Ich würdeAuch Zigarren rauchen lernen.

Manche polnische Geschichte,Die dein Lachen immer weckte,Wollt ich wieder dir erzählenIn Judäas Dialekte.

Ja, ich wollte zu dir kommen,Nicht mehr in der Fremde schwärmen -An dem Herde deines GlückesWollt ich meine Kniee wärmen. - -

Goldne Wünsche! Seifenblasen!Sie zerrinnen wie mein Leben -Ach, ich liege jetzt am Boden,Kann mich nimmermehr erheben.

Und Ade! sie sind zerronnen,Goldne Wünsche, süßes Hoffen!Ach, zu tödlich war der Faustschlag,Der mich just ins Herz getroffen.

XII. Gedächtnisfeier

Keine Messe wird man singen,Keinen Kadosch wird man sagen,Nichts gesagt und nichts gesungenWird an meinen Sterbetagen.

Doch vielleicht an solchem Tage,Wenn das Wetter schön und milde,Geht spazieren auf MontmartreMit Paulinen Frau Mathilde.

Mit dem Kranz von ImmortellenKommt sie mir das Grab zu schmücken,Und sie seufzet: Pauvre homme!Feuchte Wehmut in den Blicken.

Leider wohn ich viel zu hoch,Und ich habe meiner SüßenKeinen Stuhl hier anzubieten;Ach! sie schwankt mit müden Füßen.

Süßes, dickes Kind, du darfstNicht zu Fuß nach Hause gehen;An dem BarrieregitterSiehst du die Fiaker stehen.

XIII. Wiedersehen

Die Geißblattlaube - Ein Sommerabend -Wir saßen wieder wie ehmals am Fenster -Der Mond ging auf, belebend und labend -Wir aber waren wie zwei Gespenster.

Zwölf Jahre schwanden, seitdem wir beisammenZum letzten Male hier gesessen;Die zärtlichen Gluten, die großen Flammen,Sie waren erloschen unterdessen.

Einsilbig saß ich. Die Plaudertasche,Das Weib hingegen schürte beständigHerum in der alten Liebesasche.Jedoch kein Fünkchen ward wieder lebendig.

Und sie erzählte: wie sie die bösenGedanken bekämpft, eine lange Geschichte,Wie wackelig schon ihre Tugend gewesen -Ich machte dazu ein dummes Gesichte.

Als ich nach Hause ritt, da liefenDie Bäume vorbei in der Mondenhelle,Wie Geister. Wehmütige Stimmen riefen -Doch ich und die Toten, wir ritten schnelle.

XIV. Frau Sorge

In meines Glückes Sonnenglanz,Da gaukelte fröhlich der Mückentanz.Die lieben Freunde liebten michUnd teilten mit mir brüderlichWohl meinen besten BratenUnd meinen letzten Dukaten.

Das Glück ist fort, der Beutel leer,Und hab auch keine Freunde mehr;Erloschen ist der Sonnenglanz,Zerstoben ist der Mückentanz,Die Freunde, so wie die Mücke,Verschwinden mit dem Glücke.

An meinem Bett in der WinternachtAls Wärterin die Sorge wacht.Sie trägt eine weiße Unterjack,Ein schwarzes Mützchen, und schnupft Tabak.Die Dose knarrt so gräßlich,Die Alte nickt so häßlich.

Mir träumt manchmal, gekommen seiZurück das Glück und der junge MaiUnd die Freundschaft und der Mückenschwarm -Da knarrt die Dose - daß Gott erbarm,Es platzt die Seifenblase -Die Alte schneuzt die Nase.

XV. An die Engel

Das ist der böse Thanatos,Er kommt auf einem fahlen Roß,Ich hör den Hufschlag, hör den Trab,Der dunkle Reiter holt mich ab -Er reißt mich fort, Mathilden soll ich lassen,O, den Gedanken kann mein Herz nicht fassen!

Sie war mir Weib und Kind zugleich,Und geh ich in das Schattenreich,Wird Witwe sie und Waise sein!Ich laß in dieser Welt alleinDas Weib, das Kind, das, trauend meinem Mute,Sorglos und treu an meinem Herzen ruhte.

Ihr Engel in den Himmelshöhn,Vernehmt mein Schluchzen und mein Flehn:Beschützt, wenn ich im öden Grab,Das Weib, das ich geliebet hab;Seid Schild und Vögte eurem Ebenbilde,Beschützt, beschirmt mein armes Kind, Mathilde.

Bei allen Tränen, die ihr jeGeweint um unser Menschenweh,Beim Wort, das nur der Priester kenntUnd niemals ohne Schauder nennt,Bei eurer eignen Schönheit, Huld und Milde,Beschwör ich euch, ihr Engel, schützt Mathilde.

XVI. Im Oktober 1849

Gelegt hat sich der starke Wind,Und wieder stille wirds daheime;Germania, das große Kind,Erfreut sich wieder seiner Weihnachtsbäume.

Wir treiben jetzt Familienglück -Was höher lockt, das ist vom Übel -Die Friedensschwalbe kehrt zurück,Die einst genistet in des Hauses Giebel.

Gemütlich ruhen Wald und Fluß,Von sanftem Mondlicht übergossen;Nur manchmal knallts - Ist das ein Schuß? -Es ist vielleicht ein Freund, den man erschossen.

Vielleicht mit Waffen in der HandHat man den Tollkopf angetroffen(Nicht jeder hat so viel VerstandWie Flaccus, der so kühn davongeloffen).

Es knallt. Es ist ein Fest vielleicht,Ein Feuerwerk zur Goethefeier! -Die Sontag, die dem Grab entsteigt,Begrüßt Raketenlärm - die alte Leier.

Auch Liszt taucht wieder auf, der Franz,Er lebt, er liegt nicht blutgerötetAuf einem Schlachtfeld Ungarlands;Kein Russe, noch Kroat hat ihn getötet.

Es fiel der Freiheit letzte Schanz,Und Ungarn blutet sich zu Tode -Doch unversehrt blieb Ritter Franz,Sein Säbel auch - er liegt in der Kommode.

Er lebt, der Franz, und wird als GreisVom Ungarkriege WunderdingeErzählen in der Enkel Kreis -»So lag ich und so führt ich meine Klinge!«

Wenn ich den Namen Ungarn hör,Wird mir das deutsche Wams zu enge,Es braust darunter wie ein Meer,Mir ist als grüßten mich Trompetenklänge!

Es klirrt mir wieder im GemütDie Heldensage, längst verklungen,Das eisern wilde Kämpenlied -Das Lied vom Untergang der Nibelungen.

Es ist dasselbe Heldenlos,Es sind dieselben alten Mären,Die Namen sind verändert bloß,Doch sinds dieselben »Helden lobebären«.

Es ist dasselbe Schicksal auch -Wie stolz und frei die Fahnen fliegen,Es muß der Held, nach altem Brauch,Den tierisch rohen Mächten unterliegen.

Und diesmal hat der Ochse garMit Bären einen Bund geschlossen -Du fällst; doch tröste dich, Magyar,Wir Andre haben schlimmre Schmach genossen.

Anständige Bestien sind es doch,Die ganz honett dich überwunden;Doch wir geraten in das JochVon Wölfen, Schweinen und gemeinen Hunden.

Das heult und bellt und grunzt -ich kannErtragen kaum den Duft der Sieger.Doch still, Poet, das greift dich an -Du bist so krank, und schweigen wäre klüger.

XVII. Böses Geträume

Im Traume war ich wieder jung und munter -Es war das Landhaus hoch am Bergesrand,Wettlaufend lief ich dort den Pfad hinunter,Wettlaufend mit Ottiljen Hand in Hand.

Wie das Persönchen fein formiert! Die süßenMeergrünen Augen zwinkern nixenhaft.Sie steht so fest auf ihren kleinen Füßen,Ein Bild von Zierlichkeit, vereint mit Kraft.

Der Ton der Stimme ist so treu und innig,Man glaubt zu schaun bis in der Seele Grund;Und alles was sie spricht ist klug und sinnig;Wie eine Rosenknospe ist der Mund.

Es ist nicht Liebesweh, was mich beschleichet,Ich schwärme nicht, ich bleibe bei Verstand; -Doch wunderbar ihr Wesen mich erweichet,Und heimlich bebend küß ich ihre Hand.

Ich glaub, am Ende brach ich eine Lilje,Die gab ich ihr und sprach ganz laut dabei:Heirate mich und sei mein Weib, Ottilje,Damit ich fromm wie du und glücklich sei.

Was sie zur Antwort gab, das weiß ich nimmer,Denn ich erwachte jählings - und ich warWieder ein Kranker, der im KrankenzimmerTrostlos daniederliegt seit manchem Jahr. - -

XVIII. Sie erlischt

Der Vorhang fällt, das Stück ist aus,Und Herrn und Damen gehn nach Haus.Ob ihnen auch das Stück gefallen?Ich glaub, ich hörte Beifall schallen.Ein hochverehrtes PublikumBeklatschte dankbar seinen Dichter.Jetzt aber ist das Haus so stumm,Und sind verschwunden Lust und Lichter.Doch horch! ein schollernd schnöder KlangErtönt unfern der öden Bühne; -Vielleicht daß eine Saite sprangAn einer alten Violine.Verdrießlich rascheln im ParterrEtwelche Ratten hin und her,Und Alles riecht nach ranzgem Öle.Die letzte Lampe ächzt und zischtVerzweiflungsvoll, und sie erlischt.Das arme Licht war meine Seele.

XIX. Vermächtnis

Nun mein Leben geht zu End,Mach ich auch mein Testament;Christlich will ich drin bedenkenMeine Feinde mit Geschenken.

Diese würdgen, tugendfestenWidersacher sollen erbenAll mein Siechtum und Verderben,Meine sämtlichen Gebresten.

Ich vermach euch die Koliken,Die den Bauch wie Zangen zwicken,Harnbeschwerden, die perfidenPreußischen Hämorrhoiden.

Meine Krämpfe sollt ihr haben,Speichelfluß und Gliederzucken,Knochendarre in dem Rucken,Lauter schöne Gottesgaben.

Kodizill zu dem Vermächtnis:In Vergessenheit versenkenSoll der Herr eur Angedenken,Er vertilge eur Gedächtnis.

XX. Enfant perdu

Verlorener Posten in dem Freiheitskriege,Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus.Ich kämpfe ohne Hoffnung, daß ich siege,Ich wußte, nie komm ich gesund nach Haus.

Ich wachte Tag und Nacht - Ich konnt nicht schlafen,Wie in dem Lagerzelt der Freunde Schar(Auch hielt das laute Schnarchen dieser BravenMich wach, wenn ich ein bißchen schlummrig war).

In jenen Nächten hat Langweil ergriffenMich oft, auch Furcht - (nur Narren fürchten nichts) -Sie zu verscheuchen, hab ich dann gepfiffenDie frechen Reime eines Spottgedichts.

Ja, wachsam stand ich, das Gewehr im Arme,Und nahte irgend ein verdächtger Gauch,So schoß ich gut und jagt ihm eine warme,Brühwarme Kugel in den schnöden Bauch.

Mitunter freilich mocht es sich ereignen,Daß solch ein schlechter Gauch gleichfalls sehr gutZu schießen wußte - ach, ich kanns nicht leugnen -Die Wunden klaffen - es verströmt mein Blut.

Ein Posten ist vakant! - Die Wunden klaffen -Der Eine fällt, die Andern rücken nach -Doch fall ich unbesiegt, und meine WaffenSind nicht gebrochen - Nur mein Herze brach.

Drittes BuchHebräische Melodien

O laß nicht ohne LebensgenußDein Leben verfließen!Und bist du sicher vor dem Schuß,So laß sie nur schießen.

Fliegt dir das Glück vorbei einmal,So faß es am Zipfel.Auch rat ich dir, baue dein Hüttchen im TalUnd nicht auf dem Gipfel.

Prinzessin Sabbath

In Arabiens MärchenbucheSehen wir verwünschte Prinzen,Die zu Zeiten ihre schöneUrgestalt zurückgewinnen:

Das behaarte UngeheuerIst ein Königsohn geworden;Schmuckreich glänzend angekleidet,Auch verliebt die Flöte blasend.

Doch die Zauberfrist zerrinnt,Und wir schauen plötzlich wiederSeine königliche HoheitIn ein Ungetüm verzottelt.

Einen Prinzen solchen SchicksalsSingt mein Lied. Er ist geheißenIsrael. Ihn hat verwandeltHexenspruch in einen Hund.

Hund mit hündischen Gedanken,Kötert er die ganze WocheDurch des Lebens Kot und Kehricht,Gassenbuben zum Gespötte.

Aber jeden Freitag Abend,In der Dämmrungstunde, plötzlichWeicht der Zauber, und der HundWird aufs Neu ein menschlich Wesen.

Mensch mit menschlichen Gefühlen,Mit erhobnem Haupt und Herzen,Festlich, reinlich schier gekleidet,Tritt er in des Vaters Halle.

»Sei gegrüßt, geliebte HalleMeines königlichen Vaters!Zelte Jakobs, eure heilgenEingangspfosten küßt mein Mund!«

Durch das Haus geheimnisvollZieht ein Wispern und ein Weben,Und der unsichtbare HausherrAtmet schaurig in der Stille.

Stille! Nur der Seneschall(Vulgo Synagogendiener)Springt geschäftig auf und nieder,Um die Lampen anzuzünden.

Trostverheißend goldne Lichter,Wie sie glänzen, wie sie glimmern!Stolz aufflackern auch die KerzenAuf der Brüstung des Almemors.

Vor dem Schreine, der die ThoraAufbewahret und verhängt istMit der kostbar seidnen Decke,Die von Edelsteinen funkelt -

Dort an seinem BetpultständerSteht schon der Gemeindesänger;Schmuckes Männchen, das sein schwarzesMäntelchen kokett geachselt.

Um die weiße Hand zu zeigen,Haspelt er am Halse, seltsamAn die Schläf den Zeigefinger,An die Kehl den Daumen drückend.

Trällert vor sich hin ganz leise,Bis er endlich lautaufjubelndSeine Stimm erhebt und singt:Lecho Daudi likras Kalle!

Lecho Daudi likras Kalle -Komm, Geliebter, deiner harretSchon die Braut, die dir entschleiertIhr verschämtes Angesicht!

Dieses hübsche HochzeitkarmenIst gedichtet von dem großen,Hochberühmten MinnesingerDon Jehuda ben Halevy.

In dem Liede wird gefeiertDie Vermählung IsraelsMit der Frau Prinzessin Sabbath,Die man nennt die stille Fürstin.

Perl und Blume aller SchönheitIst die Fürstin. Schöner warNicht die Königin von Saba,Salomonis Busenfreundin,

Die, ein Blaustrumpf Äthiopiens,Durch Esprit brillieren wollte,Und mit ihren klugen RätselnAuf die Länge fatigant ward.

Die Prinzessin Sabbath, welcheJa die personifizierteRuhe ist, verabscheut alleGeisteskämpfe und Debatten.

Gleich fatal ist ihr die trampelndDeklamierende Passion,Jenes Pathos, das mit flatterndAufgelöstem Haar einherstürmt.

Sittsam birgt die stille FürstinIn der Haube ihre Zöpfe;Blickt so sanft wie die Gazelle,Blüht so schlank wie eine Addas.

Sie erlaubt dem Liebsten alles,Ausgenommen Tabakrauchen -»Liebster! Rauchen ist verboten,Weil es heute Sabbath ist.

»Dafür aber heute MittagSoll dir dampfen, zum Ersatz,Ein Gericht, das wahrhaft göttlich -Heute sollst du Schalet essen!«

Schalet, schöner Götterfunken,Tochter aus Elysium!Also klänge Schillers Hochlied,Hätt er Schalet je gekostet.

Schalet ist die Himmelspeise,Die der liebe Herrgott selberEinst den Moses kochen lehrteAuf dem Berge Sinai,

Wo der Allerhöchste gleichfallsAll die guten GlaubenslehrenUnd die heilgen zehn GeboteWetterleuchtend offenbarte.

Schalet ist des wahren GottesKoscheres Ambrosia,Wonnebrot des Paradieses,Und mit solcher Kost verglichen

Ist nur eitel TeufelsdreckDas Ambrosia der falschenHeidengötter Griechenlands,Die verkappte Teufel waren.

Speist der Prinz von solcher Speise,Glänzt sein Auge wie verkläret,Und er knöpfet auf die Weste,Und er spricht mit selgem Lächeln:

»Hör ich nicht den Jordan rauschen?Sind das nicht die BrüßelbrunnenIn dem Palmental von Beth-El,Wo gelagert die Kamele?

»Hör ich nicht die Herdenglöckchen?Sind das nicht die fetten Hämmel,Die vom GileathgebirgeAbendlich der Hirt herabtreibt?«

Doch der schöne Tag verflittert;Wie mit langen SchattenbeinenKommt geschritten der VerwünschungBöse Stund - Es seufzt der Prinz.

Ist ihm doch als griffen eiskaltHexenfinger in sein Herze.Schon durchrieseln ihn die SchauerHündischer Metamorphose.

Die Prinzessin reicht dem PrinzenIhre güldne Nardenbüchse.Langsam riecht er - Will sich labenNoch einmal an Wohlgerüchen.

Es kredenzet die PrinzessinAuch den Abschiedstrunk dem Prinzen -Hastig trinkt er, und im BecherBleiben wen'ge Tropfen nur.

Er besprengt damit den Tisch,Nimmt alsdann ein kleines Wachslicht,Und er tunkt es in die Nässe,Daß es knistert und erlischt.

Jehuda ben Halevy

Lechzend klebe mir die ZungeAn dem Gaumen, und es welkeMeine rechte Hand, vergäß ichJemals dein, Jerusalem -«

Wort und Weise, unaufhörlichSchwirren sie mir heut im Kopfe,Und mir ist als hört ich Stimmen,Psalmodierend, Männerstimmen -

Manchmal kommen auch zum VorscheinBärte, schattig lange Bärte -Traumgestalten, wer von euchIst Jehuda ben Halevy?

Doch sie huschen rasch vorüber;Die Gespenster scheuen furchtsamDer Lebendgen plumpen Zuspruch -Aber ihn hab ich erkannt -

Ich erkannt ihn an der bleichenUnd gedankenstolzen Stirne,An der Augen süßer Starrheit -Sahn mich an so schmerzlich forschend -

Doch zumeist erkannt ich ihnAn dem rätselhaften LächelnJener schön gereimten Lippen,Die man nur bei Dichtern findet.

Jahre kommen und verfließen.Seit Jehuda ben HalevyWard geboren, sind verflossenSiebenhundert funfzig Jahre -

Hat zuerst das Licht erblicktZu Toledo in Kastilien,Und es hat der goldne TajoIhm sein Wiegenlied gelullet.

Für Entwicklung seines GeistesSorgte früh der strenge Vater,Der den Unterricht begannMit dem Gottesbuch, der Thora.

Diese las er mit dem SohneIn dem Urtext, dessen schöne,Hieroglyphisch pittoreske,Altchaldäische Quadratschrift

Herstammt aus dem KindesalterUnsrer Welt, und auch deswegenJedem kindlichen GemüteSo vertraut entgegenlacht.

Diesen echten alten TextRezitierte auch der KnabeIn der uralt hergebrachtenSingsangweise, Tropp geheißen -

Und er gurgelte gar lieblichJene fetten Gutturalen,Und er schlug dabei den Triller,Den Schalscheleth, wie ein Vogel.

Auch den Targum Onkelos,Der geschrieben ist in jenemPlattjudäischen Idiom,Das wir Aramäisch nennen

Und zur Sprache der ProphetenSich verhalten mag etwaWie das Schwäbische zum Deutschen -Dieses Gelbveiglein-Hebräisch

Lernte gleichfalls früh der Knabe,Und es kam ihm solche KenntnisBald darauf sehr gut zu StattenBei dem Studium des Talmuds.

Ja, frühzeitig hat der VaterIhn geleitet zu dem Talmud,Und da hat er ihm erschlossenDie Halacha, diese große

Fechterschule, wo die bestenDialektischen AthletenBabylons und PumpedithasIhre Kämpferspiele trieben.

Lernen konnte hier der KnabeAlle Künste der Polemik;Seine Meisterschaft bezeugteSpäterhin das Buch Cosari.

Doch der Himmel gießt herunterZwei verschiedne Sorten Lichtes:Grelles Tageslicht der SonneUnd das mildre Mondlicht - Also,

Also leuchtet auch der TalmudZwiefach, und man teilt ihn einIn Halacha und Hagada.Erstre nannt ich eine Fechtschul -

Letztre aber, die Hagada,Will ich einen Garten nennen,Einen Garten, hochphantastischUnd vergleichbar jenem andern,

Welcher ebenfalls dem BodenBabylons entsprossen weiland -Garten der Semiramis,Achtes Wunderwerk der Welt.

Königin Semiramis,Die als Kind erzogen wordenVon den Vögeln, und gar mancheVögeltümlichkeit bewahrte,

Wollte nicht auf platter ErdePromenieren wie wir andernSäugetiere, und sie pflanzteEinen Garten in der Luft -

Hoch auf kolossalen SäulenPrangten Palmen und Zypressen,Goldorangen, Blumenbeete,Marmorbilder, auch Springbrunnen,

Alles klug und fest verbundenDurch unzählge Hängebrücken,Die wie Schlingepflanzen aussahnUnd worauf sich Vögel wiegten -

Große, bunte, ernste Vögel,Tiefe Denker, die nicht singen,Während sie umflattert kleinesZeisigvolk, das lustig trillert -

Alle atmen ein, beseligt,Einen reinen Balsamduft,Welcher unvermischt mit schnödemErdendunst und Mißgeruche.

Die Hagada ist ein GartenSolcher Luftkindgrillenart,Und der junge Talmudschüler,Wenn sein Herze war bestäubet

Und betäubet vom GezänkeDer Halacha, vom DisputeÜber das fatale Ei,Das ein Huhn gelegt am Festtag,

Oder über eine FrageGleicher Importanz - der KnabeFloh alsdann sich zu erfrischenIn die blühende Hagada,

Wo die schönen alten Sagen,Engelmärchen und Legenden,Stille Märtyrerhistorien,Festgesänge, Weisheitsprüche,

Auch Hyperbeln, gar possierlich,Alles aber glaubenskräftig,Glaubensglühend - O, das glänzte,Quoll und sproß so überschwenglich -

Und des Knaben edles HerzeWard ergriffen von der wilden,Abenteuerlichen Süße,Von der wundersamen Schmerzlust

Und den fabelhaften SchauernJener seligen Geheimwelt,Jener großen Offenbarung,Die wir nennen Poesie.

Auch die Kunst der Poesie,Heitres Wissen, holdes Können,Welches wir die Dichtkunst heißen,Tat sich auf dem Sinn des Knaben.

Und Jehuda ben HalevyWard nicht bloß ein Schriftgelehrter,Sondern auch der Dichtkunst Meister,Sondern auch ein großer Dichter.

Ja, er ward ein großer Dichter,Stern und Fackel seiner Zeit,Seines Volkes Licht und Leuchte,Eine wunderbare, große

Feuersäule des Gesanges,Die der SchmerzenskarawaneIsraels vorangezogenIn der Wüste des Exils.

Rein und wahrhaft, sonder MakelWar sein Lied, wie seine Seele -Als der Schöpfer sie erschaffen,Diese Seele, selbstzufrieden

Küßte er die schöne Seele,Und des Kusses holder NachklangBebt in jedem Lied des Dichters,Das geweiht durch diese Gnade.

Wie im Leben, so im DichtenIst das höchste Gut die Gnade -Wer sie hat, der kann nicht sündgenNicht in Versen, noch in Prosa.

Solchen Dichter von der GnadeGottes nennen wir Genie:Unverantwortlicher KönigDes Gedankenreiches ist er.

Nur dem Gotte steht er Rede,Nicht dem Volke - In der Kunst,Wie im Leben, kann das VolkTöten uns, doch niemals richten. -

Bei den Wassern Babels saßenWir und weinten, unsre HarfenLehnten an den Trauerweiden -Kennst du noch das alte Lied?

Kennst du noch die alte Weise,Die im Anfang so elegischGreint und sumset, wie ein Kessel,Welcher auf dem Herde kocht?

Lange schon, jahrtausendlangeKochts in mir. Ein dunkles Wehe!Und die Zeit leckt meine Wunde,Wie der Hund die Schwären Hiobs.

Dank dir, Hund, für deinen Speichel -Doch das kann nur kühlend lindern -Heilen kann mich nur der Tod,Aber, ach, ich bin unsterblich!

Jahre kommen und vergehen -In dem Webstuhl läuft geschäftigSchnurrend hin und her die Spule -Was er webt, das weiß kein Weber.

Jahre kommen und vergehen,Menschentränen träufeln, rinnenAuf die Erde, und die ErdeSaugt sie ein mit stiller Gier -

Tolle Sud! Der Deckel springt -Heil dem Manne, dessen HandDeine junge Brut ergreifetUnd zerschmettert an der Felswand.

Gott sei Dank! die Sud verdampfetIn dem Kessel, der allmähligGanz verstummt. Es weicht mein Spleen,Mein westöstlich dunkler Spleen -

Auch mein Flügelrößlein wiehertWieder heiter, scheint den bösenNachtalp von sich abzuschütteln,Und die klugen Augen fragen:

Reiten wir zurück nach SpanienZu dem kleinen Talmudisten,Der ein großer Dichter worden,Zu Jehuda ben Halevy?

Ja, er ward ein großer Dichter,Absoluter TraumweltsherrscherMit der Geisterkönigskrone,Ein Poet von Gottes Gnade,

Der in heiligen Sirventen,Madrigalen und Terzinen,Kanzonetten und GhaselenAusgegossen alle Flammen

Seiner gottgeküßten Seele!Wahrlich ebenbürtig warDieser Troubadour den bestenLautenschlägern der Provence,

Poitous und der Guienne,Roussillons und aller andernSüßen PomeranzenlandeDer galanten Christenheit.

Der galanten ChristenheitSüße Pomeranzenlande!Wie sie duften, glänzen, klingenIn dem Zwielicht der Erinnrung!

Schöne Nachtigallenwelt!Wo man statt des wahren GottesNur den falschen Gott der LiebeUnd der Musen angebeten.

Clerici mit RosenkränzenAuf der Glatze sangen PsalmenIn der heitern Sprache d'oc;Und die Laien, edle Ritter,

Stolz auf hohen Rossen trabend,Spintisierten Vers und ReimeZur Verherrlichung der Dame,Der ihr Herze fröhlich diente.

Ohne Dame keine Minne,Und es war dem MinnesängerUnentbehrlich eine Dame,Wie dem Butterbrot die Butter.

Auch der Held, den wir besingen,Auch Jehuda ben HalevyHatte seine Herzensdame;Doch sie war besondrer Art.

Sie war keine Laura, derenAugen, sterbliche Gestirne,In dem Dome am KarfreitagDen berühmten Brand gestiftet -

Sie war keine Chatelaine,Die im Blütenschmuck der JugendBei Turnieren präsidierteUnd den Lorbeerkranz erteilte -

Keine KußrechtskasuistinWar sie, keine Doktrinärrin,Die im SpruchkollegiumEines Minnehofs dozierte -

Jene, die der Rabbi liebte,War ein traurig armes Liebchen,Der Zerstörung Jammerbildnis,Und sie hieß Jerusalem.

Schon in frühen KindestagenWar sie seine ganze Liebe;Sein Gemüte machte bebenSchon das Wort Jerusalem.

Purpurflamme auf der Wange,Stand der Knabe, und er horchte,Wenn ein Pilger nach ToledoKam aus fernem Morgenlande

Und erzählte: wie verödetUnd verunreint jetzt die Stätte,Wo am Boden noch die LichtspurVon dem Fuße der Propheten -

Wo die Luft noch balsamieretVon dem ewgen Odem Gottes -O des Jammeranblicks! riefEinst ein Pilger, dessen Bart

Silberweiß hinabfloß, währendSich das Barthaar an der SpitzeWieder schwärzte und es aussah,Als ob sich der Bart verjünge -

Ein gar wunderlicher PilgerMocht es sein, die Augen lugtenWie aus tausendjährgem Trübsinn,Und er seufzt': »Jerusalem!

»Sie, die volkreich heilge StadtIst zur Wüstenei geworden,Wo Waldteufel, Werwolf, SchakalIhr verruchtes Wesen treiben -

»Schlangen, Nachtgevögel nistenIm verwitterten Gemäuer;Aus des Fensters luftgem BogenSchaut der Fuchs mit Wohlbehagen.

»Hier und da taucht auf zuweilenEin zerlumpter Knecht der Wüste,Der sein höckriges KamelIn dem hohen Grase weidet.

»Auf der edlen Höhe Zions,Wo die goldne Feste ragte,Deren Herrlichkeiten zeugtenVon der Pracht des großen Königs:

»Dort, von Unkraut überwuchert,Liegen nur noch graue Trümmer,Die uns ansehn schmerzhaft traurig,Daß man glauben muß, sie weinten.

»Und es heißt, sie weinten wirklichEinmal in dem Jahr, an jenemNeunten Tag des Monats Ab -Und mit tränend eignen Augen

»Schaute ich die dicken TropfenAus den großen Steinen sickern,Und ich hörte weheklagenDie gebrochnen Tempelsäulen.« - -

Solche fromme PilgersagenWeckten in der jungen BrustDes Jehuda ben HalevySehnsucht nach Jerusalem.

Dichtersehnsucht! ahnend, träumendUnd fatal war sie, wie jene,Die auf seinem Schloß zu BlayeEinst empfand der alte Vidam,

Messer Geoffroi Rudello,Als die Ritter, die zurückAus dem Morgenlande kehrten,Laut beim Becherklang beteuert:

Ausbund aller Huld und Züchten,Perl und Blume aller Frauen,Sei die schöne Melisande,Markgräfin von Tripolis.

Jeder weiß, für diese DameSchwärmte jetzt der Troubadour;Er besang sie, und es wurdeIhm zu eng im Schlosse Blaye.

Und es trieb ihn fort. Zu CetteSchiffte er sich ein, erkrankteAber auf dem Meer, und sterbendKam er an zu Tripolis.

Hier erblickt er MelisandenEndlich auch mit Leibesaugen,Die jedoch des Todes SchattenIn derselben Stunde deckten.

Seinen letzten LiebessangSingend, starb er zu den FüßenSeiner Dame Melisande,Markgräfin von Tripolis.

Wunderbare ÄhnlichkeitIn dem Schicksal beider Dichter!Nur daß jener erst im AlterSeine große Wallfahrt antrat.

Auch Jehuda ben HalevyStarb zu Füßen seiner Liebsten,Und sein sterbend Haupt, es ruhteAuf den Knien Jerusalems.

Nach der Schlacht bei ArabellaHat der große AlexanderLand und Leute des Darius,Hof und Harem, Pferde, Weiber,

Elefanten und Dariken,Kron und Szepter, goldnen Plunder,Eingesteckt in seine weitenMazedonschen Pluderhosen.

In dem Zelt des großen Königs,Der entflohn, um nicht höchstselbstGleichfalls eingesteckt zu werden,Fand der junge Held ein Kästchen,

Eine kleine güldne Truhe,Mit MiniaturbildwerkenUnd mit inkrustierten SteinenUnd Kameen reich geschmückt -

Dieses Kästchen, selbst ein KleinodUnschätzbaren Wertes, dienteZur Bewahrung von Kleinodien,Des Monarchen Leibjuwelen.

Letztre schenkte AlexanderAn die Tapfern seines HeeresDarob lächelnd, daß sich MännerKindisch freun an bunten Steinchen.

Eine kostbar schönste GemmeSchickte er der lieben Mutter;War der Siegelring des Cyrus,Wurde jetzt zu einer Brosche.

Seinem alten WeltarschpaukerAristoteles, dem sandt erEinen Onyx für sein großesNaturalienkabinett.

In dem Kästchen waren Perlen,Eine wunderbare Schnur,Die der Königin AtossaEinst geschenkt der falsche Smerdis -

Doch die Perlen waren echt -Und der heitre Sieger gab sieEiner schönen TänzerinAus Korinth, mit Namen Thais.

Diese trug sie in den Haaren,Die bacchantisch aufgelöst,In der Brandnacht, als sie tanzteZu Persepolis und frech

In die Königsburg geschleudertIhre Fackel, daß laut prasselndBald die Flammenlohe aufschlug,Wie ein Feuerwerk zum Feste.

Nach dem Tod der schönen Thais,Die an einer babylonschenKrankheit starb zu Babylon,Wurden ihre Perlen dort

Auf dem Börsensaal vergantert.Sie erstand ein Pfaff aus Memphis,Der sie nach Ägypten brachte,Wo sie später auf dem Putztisch

Der Kleopatra erschienen,Die die schönste Perl zerstampftUnd mit Wein vermischt verschluckte,Um Antonius zu foppen.

Mit dem letzten OmayadenKam die Perlenschnur nach Spanien,Und sie schlängelte am TurbanDes Chalifen zu Corduba.

Abderam der Dritte trug sieAls Brustschleife beim Turnier,Wo er dreißig goldne RingeUnd das Herz Zuleimas stach.

Nach dem Fall der MohrenherrschaftGingen zu den Christen überAuch die Perlen, und gerietenIn den Kronschatz von Kastilien.

Die katholischen MajestätenSpanscher Königinnen schmücktenSich damit bei Hoffestspielen,Stiergefechten, Prozessionen,

So wie auch Autodafés,Wo sie, auf Balkonen sitzend,Sich erquickten am GerucheVon gebratnen alten Juden.

Späterhin gab Mendizabel,Satansenkel, diese PerlenIn Versatz, um der FinanzenDefizit damit zu decken.

An dem Hof der TuilerienKam die Schnur zuletzt zum Vorschein,Und sie schimmerte am HalseDer Baronin Salomon.

So ergings den schönen Perlen.Minder abenteuerlichGings dem Kästchen, dies behieltAlexander für sich selber.

Er verschloß darin die LiederDes ambrosischen Homeros,Seines Lieblings, und zu HäuptenSeines Bettes in der Nacht

Stand das Kästchen - Schlief der König,Stiegen draus hervor der HeldenLichte Bilder, und sie schlichenGaukelnd sich in seine Träume.

Andre Zeiten, andre Vögel -Ich, ich liebte weiland gleichfallsDie Gesänge von den TatenDes Peliden, des Odysseus.

Damals war so sonnengoldigUnd so purpurn mir zu Mute,Meine Stirn umkränzte Weinlaub,Und es tönten die Fanfaren -

Still davon - gebrochen liegtJetzt mein stolzer Siegeswagen,Und die Panther, die ihn zogen,Sind verreckt, so wie die Weiber,

Die mit Pauk und ZimbelklängenMich umtanzten, und ich selbstWälze mich am Boden elend,Krüppelelend - still davon -

Still davon - es ist die RedeVon dem Kästchen des Darius,Und ich dacht in meinem Sinne:Käm ich in Besitz des Kästchens,

Und mich zwänge nicht FinanznotGleich dasselbe zu versilbern,So verschlösse ich darinDie Gedichte unsres Rabbi -

Des Jehuda ben HalevyFestgesänge, Klagelieder,Die Ghaselen, ReisebilderSeiner Wallfahrt - alles ließ ich

Von dem besten Zophar schreibenAuf der reinsten Pergamenthaut,Und ich legte diese HandschriftIn das kleine goldne Kästchen.

Dieses stellt ich auf den TischNeben meinem Bett, und kämenDann die Freunde und erstauntenOb der Pracht der kleinen Truhe,

Ob den seltnen Basrelieffen,Die so winzig, doch vollendetSind zugleich, und ob den großenInkrustierten Edelsteinen -

Lächelnd würd ich ihnen sagen:Das ist nur die rohe Schale,Die den bessern Schatz verschließet -Hier in diesem Kästchen liegen

Diamanten, deren LichterAbglanz, Widerschein des Himmels,Herzblutglühende Rubinen,Fleckenlose Turkoasen,

Auch Smaragde der Verheißung,Perlen, reiner noch als jene,Die der Königin AtossaEinst geschenkt der falsche Smerdis,

Und die späterhin geschmücketAlle NotabilitätenDieser mondumkreisten Erde,Thais und Kleopatra,

Isispriester, Mohrenfürsten,Auch Hispaniens Königinnen,Und zuletzt die hochverehrteFrau Baronin Salomon -

Diese weltberühmten Perlen,Sie sind nur der bleiche SchleimEines armen Austertiers,Das im Meergrund blöde kränkelt:

Doch die Perlen hier im KästchenSind entquollen einer schönenMenschenseele, die noch tiefer,Abgrundtiefer als das Weltmeer -

Denn es sind die TränenperlenDes Jehuda ben Halevy,Die er ob dem UntergangVon Jerusalem geweinet -

Perlentränen, die verbundenDurch des Reimes goldnen Faden,Aus der Dichtkunst güldnen SchmiedeAls ein Lied hervorgegangen.

Dieses PerlentränenliedIst die vielberühmte Klage,Die gesungen wird in allenWeltzerstreuten Zelten Jakobs

An dem neunten Tag des Monats,Der geheißen Ab, dem JahrstagVon Jerusalems ZerstörungDurch den Titus Vespasianus.

Ja, das ist das Zionslied,Das Jehuda ben HalevySterbend auf den heilgen TrümmernVon Jerusalem gesungen -

Barfuß und im BüßerkittelSaß er dorten auf dem BruchstückEiner umgestürzten Säule; -Bis zur Brust herunter fiel

Wie ein greiser Wald sein Haupthaar,Abenteuerlich beschattendDas bekümmert bleiche AntlitzMit den geisterhaften Augen -

Also saß er und er sang,Wie ein Seher aus der VorzeitAnzuschaun - dem Grab entstiegenSchien Jeremias, der Alte -

Das Gevögel der RuinenZähmte schier der wilde SchmerzlautDes Gesanges, und die GeierNahten horchend, fast mitleidig -

Doch ein frecher SarazeneKam desselben Wegs geritten,Hoch zu Roß, im Bug sich wiegendUnd die blanke Lanze schwingend -

In die Brust des armen SängersStieß er diesen Todesspeer,Und er jagte rasch von dannen,Wie ein Schattenbild beflügelt.

Ruhig floß das Blut des Rabbi,Ruhig seinen Sang zu EndeSang er, und sein sterbeletzterSeufzer war Jerusalem! - -

Eine alte Sage meldet,Jener Sarazene seiGar kein böser Mensch gewesen,Sondern ein verkappter Engel,

Der vom Himmel ward gesendet,Gottes Liebling zu entrückenDieser Erde und zu fördernOhne Qual ins Reich der Selgen.

Droben, heißt es, harrte seinerEin Empfang, der schmeichelhaftGanz besonders für den Dichter,Eine himmlische Sürprise.

Festlich kam das Chor der EngelIhm entgegen mit Musik,Und als Hymne grüßten ihnSeine eignen Verse, jenes

Synagogen-Hochzeitkarmen,Jene Sabbathhymenäen,Mit den jauchzend wohlbekanntenMelodieen - welche Töne!

Englein bliesen auf Hoboen,Englein spielten Violine,Andre strichen auch die BratscheOder schlugen Pauk und Zimbel.

Und das sang und klang so lieblich,Und so lieblich in den weitenHimmelsräumen widerhallt es:Lecho Daudi likras Kalle.

Meine Frau ist nicht zufriedenMit dem vorigen Kapitel,Ganz besonders in BezugAuf das Kästchen des Darius.

Fast mit Bitterkeit bemerkt sie:Daß ein Ehemann, der wahrhaftReligiöse sei, das KästchenGleich zu Gelde machen würde,

Um damit für seine arme,Legitime EhegattinEinen Kaschemir zu kaufen,Dessen sie so sehr bedürfe.

Der Jehuda ben Halevy,Meinte sie, der sei hinlänglichEhrenvoll bewahrt in einemSchönen Futteral von Pappe

Mit chinesisch elegantenArabesken, wie die hübschenBonbonnieren von MarquisIm Passage Panorama.

Sonderbar! - setzt sie hinzu -Daß ich niemals nennen hörteDiesen großen Dichternamen,Den Jehuda ben Halevy.

Liebstes Kind, gab ich zur Antwort,Solche holde Ignoranz,Sie bekundet die LakunenDer französischen Erziehung,

Der Pariser Pensionate,Wo die Mädchen, diese künftgenMütter eines freien Volkes,Ihren Unterricht genießen -

Alte Mumien, ausgestopftePharaonen von Ägypten,Merovinger Schattenkönge,Ungepuderte Perücken,

Auch die Zopfmonarchen Chinas,Porzellanpagodenkaiser -Alle lernen sie auswendig,Kluge Mädchen, aber Himmel -

Fragt man sie nach großen NamenAus dem großen GoldzeitalterDer arabisch-althispanischJüdischen Poetenschule,

Fragt man nach dem Dreigestirn,Nach Jehuda ben Halevy,Nach dem Salomon GabirolUnd dem Moses Iben Esra -

Fragt man nach dergleichen Namen,Dann mit großen Augen schaunUns die Kleinen an - alsdannStehn am Berge die Ochsinnen.

Raten möcht ich dir, Geliebte,Nachzuholen das VersäumteUnd Hebräisch zu erlernen -Laß Theater und Konzerte,

Widme einge Jahre solchemStudium, du kannst alsdannIm Originale lesenIben Esra und Gabirol

Und versteht sich den Halevy,Das Triumvirat der Dichtkunst,Das dem Saitenspiel DavidisEinst entlockt die schönsten Laute.

Alcharisi - der, ich wette,Dir nicht minder unbekannt ist,Ober gleich, französ'scher Witzbold,Den Hariri überwitzelt

Im Gebiete der Makame,Und ein Voltairianer warSchon sechshundert Jahr vor Voltair' -Jener Alcharisi sagte:

»Durch Gedanken glänzt GabirolUnd gefällt zumeist dem Denker,Iben Esra glänzt durch KunstUnd behagt weit mehr dem Künstler -

»Aber Beider EigenschaftenHat Jehuda ben Halevy,Und er ist ein großer DichterUnd ein Liebling aller Menschen.«

Iben Esra war ein FreundUnd, ich glaube, auch ein VetterDes Jehuda ben Halevy,Der in seinem Wanderbuche

Schmerzlich klagt, wie er vergebensIn Granada aufgesucht hatSeinen Freund, und nur den BruderDorten fand, den Medikus,

Rabbi Meyer, auch ein DichterUnd der Vater jener Schönen,Die mit hoffnungsloser FlammeIben Esras Herz entzunden -

Um das Mühmchen zu vergessen,Griff er nach dem Wanderstabe,Wie so mancher der Kollegen;Lebte unstet, heimatlos.

Pilgernd nach Jerusalem,Überfielen ihn Tartaren,Die an einen Gaul gebundenIhn nach ihren Steppen schleppten.

Mußte Dienste dort verrichten,Die nicht würdig eines RabbiUnd noch wenger eines Dichters,Mußte nämlich Kühe melken.

Einstens, als er unterm BaucheEiner Kuh gekauert saß,Ihre Euter hastig fingernd,Daß die Milch floß in den Zuber -

Eine Position, unwürdigEines Rabbis, eines Dichters -Da befiel ihn tiefe Wehmut,Und er fing zu singen an,

Und er sang so schön und lieblich,Daß der Chan, der Fürst der Horde,Der vorbeiging, ward gerühretUnd die Freiheit gab dem Sklaven.

Auch Geschenke gab er ihm,Einen Fuchspelz, eine langeSarazenenmandolineUnd das Zehrgeld für die Heimkehr.

Dichterschicksal! böser Unstern,Der die Söhne des ApolloTödlich nergelt, und sogarIhren Vater nicht verschont hat,

Als er, hinter Daphnen laufend,Statt des weißen NymphenleibesNur den Lorbeerbaum erfaßte,Er. der göttliche Schlemihl!

Ja, der hohe Delphier istEin Schlemihl, und gar der Lorbeer,Der so stolz die Stirne krönet,Ist ein Zeichen des Schlemihltums.

Was das Wort Schlemihl bedeutet,Wissen wir. Hat doch ChamissoIhm das Bürgerrecht in DeutschlandLängst verschafft, dem Worte nämlich.

Aber unbekannt geblieben,Wie des heilgen Niles Quellen,Ist sein Ursprung; hab darüberNachgegrübelt manche Nacht.

Zu Berlin vor vielen JahrenWandt ich mich deshalb an unsernFreund Chamisso, suchte AuskunftBeim Dekane der Schlemihle.

Doch er konnt mich nicht befriedgenUnd verwies mich drob an Hitzig,Der ihm den FamiliennamenSeines schattenlosen Peters

Einst verraten. Alsbald nahm ichEine Droschke und ich rollteZu dem Kriminalrat Hitzig,Welcher ehmals Itzig hieß -

Als er noch ein Itzig war,Träumte ihm, er säh geschriebenAn dem Himmel seinen NamenUnd davor den Buchstab H.

»Was bedeutet dieses H?«Frug er sich - »etwa Herr ItzigOder Heilger Itzig? HeilgerIst ein schöner Titel - aber

»In Berlin nicht passend« - EndlichGrübelnsmüd nannt er sich Hitzig,Und nur die Getreuen wußten:In dem Hitzig steckt ein Heilger.

Heilger Hitzig! sprach ich also,Als ich zu ihm kam, Sie sollenMir die EtymologieVon dem Wort Schlemihl erklären.

Viel Umschweife nahm der Heilge,Konnte sich nicht recht erinnern,Eine Ausflucht nach der andern,Immer christlich - Bis mir endlich,

Endlich alle Knöpfe rissenAn der Hose der Geduld,Und ich anfing so zu fluchen,So gottlästerlich zu fluchen,

Daß der fromme Pietist,Leichenblaß und beineschlotternd,Unverzüglich mir willfahrteUnd mir Folgendes erzählte:

»In der Bibel ist zu lesen,Als zur Zeit der WüstenwandrungIsrael sich oft erlustigtMit den Töchtern Kanaans,

»Da geschah es, daß der PinhasSahe, wieder edle SimriBuhlschaft trieb mit einem WeibsbildAus dem Stamm der Kananiter,

»Und alsbald ergriff er zornigSeinen Speer und hat den SimriAuf der Stelle totgestochen -Also heißt es in der Bibel.

»Aber mündlich überliefertHat im Volke sich die Sage,Daß es nicht der Simri war,Den des Pinhas Speer getroffen,

»Sondern daß der Blinderzürnte,Statt des Sünders, unversehensEinen ganz Unschuldgen traf,Den Schlemihl ben Zuri Schadday.« -

Dieser nun, Schlemihl I.,Ist der Ahnherr des GeschlechtesDerer von Schlemihl. Wir stammenVon Schlemihl ben Zuri Schadday.

Freilich keine HeldentatenMeldet man von ihm, wir kennenNur den Namen und wir wissen,Daß er ein Schlemihl gewesen.

Doch geschätzet wird ein StammbaumNicht ob seinen guten Früchten,Sondern nur ob seinem Alter -Drei Jahrtausend zählt der unsre!

Jahre kommen und vergehen -Drei Jahrtausende verflossen,Seit gestorben unser Ahnherr,Herr Schlemihl ben Zuri Schadday.

Längst ist auch der Pinhas tot -Doch sein Speer hat sich erhalten,Und wir hören ihn beständigÜber unsre Häupter schwirren.

Und die besten Herzen trifft er -Wie Jehuda ben Halevy,Traf er Moses Iben EsraUnd er traf auch den Gabirol -

Den Gabirol, diesen treuenGottgeweihten Minnesänger,Diese fromme Nachtigall,Deren Rose Gott gewesen -

Diese Nachtigall, die zärtlichIhre Liebeslieder sangIn der Dunkelheit der gotischMittelalterlichen Nacht!

Unerschrocken, unbekümmertOb den Fratzen und Gespenstern,Ob dem Wust von Tod und Wahnsinn,Die gespukt in jener Nacht -

Sie, die Nachtigall, sie dachteNur an ihren göttlich Liebsten,Dem sie ihre Liebe schluchzte,Den ihr Lobgesang verherrlicht! -

Dreißig Lenze sah GabirolHier auf Erden, aber FamaAusposaunte seines NamensHerrlichkeit durch alle Lande.

Zu Corduba, wo er wohnte,War ein Mohr sein nächster Nachbar,Welcher gleichfalls Verse machteUnd des Dichters Ruhm beneidet'.

Hörte er den Dichter singen,Schwoll dem Mohren gleich die Galle,Und der Lieder Süße wurdeBittre Wehmut für den Neidhart.

Er verlockte den VerhaßtenNächtlich in sein Haus, erschlug ihnDorten und vergrub den LeichnamHinterm Hause in dem Garten.

Aber siehe! aus dem Boden,Wo die Leiche eingescharrt war,Wuchs hervor ein FeigenbaumVon der wunderbarsten Schönheit.

Seine Frucht war seltsam länglichUnd von seltsam würzger Süße,Wer davon genoß, versankIn ein träumerisch Entzücken.

In dem Volke ging darüberViel Gerede und Gemunkel,Das am End zu den erlauchtenOhren des Chalifen kam.

Dieser prüfte eigenzüngigJenes Feigenphänomen,Und ernannte eine strengeUntersuchungskommission.

Man verfuhr summarisch. SechzigBambushiebe auf die SohlenGab man gleich dem Herrn des Baumes,Welcher eingestand die Untat.

Darauf riß man auch den BaumMit den Wurzeln aus dem Boden,Und zum Vorschein kam die LeicheDes erschlagenen Gabirol.

Diese ward mit Pomp bestattetUnd betrauert von den Brüdern;An demselben Tage henkteMan den Mohren zu Corduba.

(Fragment)

Disputation

In der Aula zu ToledoKlingen schmetternd die Fanfaren;Zu dem geistlichen TurneiWallt das Volk in bunten Scharen.

Das ist nicht ein weltlich Stechen,Keine Eisenwaffe blitzet -Eine Lanze ist das Wort,Das scholastisch scharf gespitzet.

Nicht galante PaladinsFechten hier, nicht Damendiener -Dieses Kampfes Ritter sindKapuziner und Rabbiner.

Statt des Helmes tragen sieSchabbesdeckel und Kapuzen;Skapulier und ArbekanfeßSind der Harnisch, drob sie trutzen.

Welches ist der wahre Gott?Ist es der Hebräer starrerGroßer Eingott, dessen KämpeRabbi Juda. der Navarrer?

Oder ist es der dreifaltgeLiebegott der Christianer,Dessen Kämpe Frater Jose,Gardian der Franziskaner?

Durch die Macht der Argumente,Durch der Logik KettenschlüsseUnd Zitate von Autoren,Die man anerkennen müsse,

Will ein jeder Kämpe seinenGegner ad absurdum führenUnd die wahre GöttlichkeitSeines Gottes demonstrieren.

Festgestellt ist: daß derjenge,Der im Streit ward überwunden,Seines Gegners ReligionAnzunehmen sei verbunden,

Daß der Jude sich der TaufeHeilgem Sakramente füge,Und im Gegenteil der ChristDer Beschneidung unterliege.

Jedem von den beiden KämpenBeigesellt sind elf Genossen,Die zu teilen sein GeschickSind in Freud und Leid entschlossen.

Glaubenssicher sind die MöncheVon des Gardians Geleitschaft,Halten schon WeihwasserkübelFür die Taufe in Bereitschaft,

Schwingen schon die SprengelbesenUnd die blanken Räucherfässer -Ihre Gegner unterdessenWetzen die Beschneidungsmesser.

Beide Rotten stehn schlagfertigVor den Schranken in dem Saale,Und das Volk mit UngeduldHarret drängend der Signale.

Unterm güldnen BaldachinUnd umrauscht vom HofgesindeSitzt der König und die Köngin;Diese gleichet einem Kinde.

Ein französisch stumpfes Näschen,Schalkheit kichert in den Mienen,Doch bezaubernd sind des MundesImmer lächelnde Rubinen.

Schöne, flatterhafte Blume -Daß sich ihrer Gott erbarme -Von dem heitern SeineuferWurde sie verpflanzt, die arme,

Hierher in den steifen BodenDer hispanischen Grandezza;Weiland hieß sie Blanch' de Bourbon,Donna Blanka heißt sie jetzo.

Pedro wird genannt der KönigMit dem Zusatz der Grausame;Aber heute, milden Sinnes,Ist er besser als sein Name.

Unterhält sich gut gelauntMit des Hofes Edelleuten;Auch den Juden und den MohrenSagt er viele Artigkeiten.

Diese Ritter ohne VorhautSind des Königs Lieblingsschranzen,Sie befehlgen seine Heere,Sie verwalten die Finanzen.

Aber plötzlich Paukenschläge,Und es melden die Trompeten,Daß begonnen hat der Maulkampf,Der Disput der zwei Athleten.

Der Gardian der FranziskanerBricht hervor mit frommem Grimme;Polternd roh und widrig greinendIst abwechselnd seine Stimme.

In des Vaters und des SohnesUnd des heilgen Geistes NamenExorzieret er den Rabbi,Jakobs maledeiten Samen.

Denn bei solchen KontroversenSind oft Teufelchen verborgenIn dem Juden, die mit Scharfsinn,Witz und Gründen ihn versorgen.

Nun die Teufel ausgetriebenDurch die Macht des Exorzismus,Kommt der Mönch auch zur Dogmatik,Kugelt ab den Katechismus.

Er erzählt, daß in der GottheitDrei Personen sind enthalten,Die jedoch zu einer einzgen,Wenn es passend, sich gestalten -

Ein Mysterium, das nurVon demjengen wird verstanden,Der entsprungen ist dem KerkerDer Vernunft und ihren Banden.

Er erzählt: wie Gott der HerrWard zu Bethlehem geborenVon der Jungfrau, welche niemalsIhre Jungferschaft verloren;

Wie der Herr der Welt gelegenIn der Krippe, und ein KühleinUnd ein Öchslein bei ihm stunden,Schier andächtig, zwei Rindviehlein.

Er erzählte: wie der HerrVor den Schergen des HerodesNach Ägypten floh, und späterLitt die herbe Pein des Todes

Unter Pontio Pilato,Der das Urteil unterschrieben,Von den harten Pharisäern,Von den Juden angetrieben.

Er erzählte: wie der Herr,Der entstiegen seinem GrabeSchon am dritten Tag, gen HimmelSeinen Flug genommen habe;

Wie er aber, wenn es Zeit ist,Wiederkehren auf die ErdeUnd zu Josaphat die TotenUnd Lebendgen richten werde.

»Zittert, Juden!« rief der Mönch,»Vor dem Gott, den ihr mit HiebenUnd mit Dornen habt gemartert,Den ihr in den Tod getrieben.

»Seine Mörder, Volk der Rachsucht,Juden, das seid ihr gewesen -Immer meuchelt ihr den Heiland,Welcher kommt, euch zu erlösen.

»Judenvolk, du bist ein Aas,Worin hausen die Dämonen;Eure Leiber sind KasernenFür des Teufels Legionen.

»Thomas von Aquino sagt es,Den man nennt den großen OchsenDer Gelehrsamkeit, er istLicht und Lust der Orthodoxen.

»Judenvolk, ihr seid Hyänen,Wölfe, Schakals, die in GräbernWühlen, um der Toten Leichnam'Blutfraßgierig aufzustöbern.

»Juden, Juden, ihr seid Säue,Paviane, Nashorntiere,Die man nennt Rhinozerosse,Krokodile und Vampire.

»Ihr seid Raben, Eulen, Uhus,Fledermäuse, Wiedehöpfe,Leichenhühner, Basilisken,Galgenvögel, Nachtgeschöpfe.

»Ihr seid Vipern und Blindschleichen,Klapperschlangen, giftge Kröten,Ottern, Nattern - Christus wirdEur verfluchtes Haupt zertreten.

»Oder wollt ihr, Maledeiten,Eure armen Seelen retten?Aus der Bosheit SynagogeFlüchtet nach den frommen Stätten,

»Nach der Liebe lichtem Dome,Wo im benedeiten BeckenEuch der Quell der Gnade sprudelt -Drin sollt ihr die Köpfe stecken -

»Wascht dort ab den alten AdamUnd die Laster, die ihn schwärzen;Des verjährten Grolles Schimmel,Wascht ihn ab von euren Herzen!

»Hört ihr nicht des Heilands Stimme?Euren neuen Namen rief er -Lauset euch an Christi BrustVon der Sünde Ungeziefer!

»Unser Gott, der ist die Liebe,Und er gleichet einem Lamme;Um zu sühnen unsre Schuld,Starb er an des Kreuzes Stamme.

»Unser Gott, der ist die Liebe,Jesus Christus ist sein Name;Seine Duldsamkeit und DemutSuchen wir stets nachzuahmen.

»Deshalb sind wir auch so sanft,So leutselig, ruhig, milde,Hadern niemals, nach des Lammes,Des Versöhners, Musterbilde.

»Einst im Himmel werden wirGanz verklärt zu frommen Englein,Und wir wandeln dort gottselig,In den Händen Liljenstenglein.

»Statt der groben Kutten tragenWir die reinlichsten GewänderVon Moußlin, Brokat und Seide,Goldne Troddeln, bunte Bänder.

»Keine Glatze mehr! GoldlockenFlattern dort um unsre Köpfe;Allerliebste Jungfraun flechtenUns das Haar in hübsche Zöpfe.

»Weinpokale wird es drobenVon viel weiterm Umfang gebenAls die Becher sind hier unten,Worin schäumt der Saft der Reben.

»Doch im Gegenteil viel engerAls ein Weibermund hienieden,Wird das Frauenmündchen sein,Das dort oben uns beschieden.

»Trinkend, küssend, lachend wollenWir die Ewigkeit verbringen,Und verzückt Halleluja,Kyrie Eleison singen.«

Also schloß der Christ. Die MönchleinGlaubten schon, Erleuchtung träteIn die Herzen, und sie schlepptenFlink herbei das Taufgeräte.

Doch die wasserscheuen JudenSchütteln sich und grinsen schnöde.Rabbi Juda, der Navarrer,Hub jetzt an die Gegenrede:


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