The Project Gutenberg eBook ofRomanzero

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This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: RomanzeroAuthor: Heinrich HeineRelease date: May 1, 2004 [eBook #5607]Most recently updated: December 29, 2020Language: German

Title: Romanzero

Author: Heinrich Heine

Author: Heinrich Heine

Release date: May 1, 2004 [eBook #5607]Most recently updated: December 29, 2020

Language: German

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROMANZERO ***

Heinrich Heine

Gedichte

(Erstdruck 1851)

Erstes BuchHistorien

Wenn man an dir Verrat geübt,Sei du um so treuer;Und ist deine Seele zu Tode betrübt,So greife zur Leier.

Die Saiten klingen! Ein Heldenlied,Voll Flammen und Gluten!Da schmilzt der Zorn, und dein GemütWird süß verbluten.

Rhampsenit

Als der König RhampsenitEintrat in die goldne HalleSeiner Tochter, lachte diese,Lachten ihre Zofen alle.

Auch die Schwarzen, die Eunuchen,Stimmten lachend ein, es lachtenSelbst die Mumien, selbst die Sphinxe,Daß sie schier zu bersten dachten.

Die Prinzessin sprach: Ich glaubteSchon den Schatzdieb zu erfassen,Der hat aber einen totenArm in meiner Hand gelassen.

Jetzt begreif ich, wie der SchatzdiebDringt in deine SchatzhauskammernUnd die Schätze dir entwendet,Trotz den Schlössern, Riegeln, Klammern.

Einen Zauberschlüssel hat er,Der erschließet allerortenJede Türe, widerstehenKönnen nicht die stärksten Pforten.

Ich bin keine starke PforteUnd ich hab nicht widerstanden,Schätzehütend diese NachtKam ein Schätzlein mir abhanden.

So sprach lachend die PrinzessinUnd sie tänzelt im Gemache,Und die Zofen und EunuchenHoben wieder ihre Lache.

An demselben Tag ganz MemphisLachte, selbst die KrokodileReckten lachend ihre HäupterAus dem schlammig gelben Nile,

Als sie Trommelschlag vernahmenUnd sie hörten an dem UferFolgendes Reskript verlesenVon dem Kanzelei-Ausrufer:

Rhampsenit von Gottes GnadenKönig zu und in Ägypten,Wir entbieten Gruß und FreundschaftUnsern Vielgetreun und Liebden.

In der Nacht vom dritten zu demVierten Junius des JahresDreizehnhundertvierundzwanzigVor Christi Geburt, da war es,

Daß ein Dieb aus unserm SchatzhausEine Menge von JuwelenUns entwendet; es gelang ihmUns auch später zu bestehlen.

Zur Ermittelung des TätersLießen schlafen wir die TochterBei den Schätzen - doch auch jeneZu bestehlen schlau vermocht er.

Um zu steuern solchem DiebstahlUnd zu gleicher Zeit dem DiebeUnsre Sympathie zu zeigen,Unsre Ehrfurcht, unsre Liebe,

Wollen wir ihm zur GemahlinUnsre einzge Tochter gebenUnd ihn auch als ThronnachfolgerIn den Fürstenstand erheben.

Sintemal uns die AdresseUnsres Eidams noch zur StundeUnbekannt, soll dies Reskript ihmBringen Unsrer Gnade Kunde.

So geschehn den dritten JennerDreizehnhundert zwanzig sechsVor Christi Geburt. - SignieretVon Uns: Rhampsenitus Rex.

Rhampsenit hat Wort gehalten,Nahm den Dieb zum Schwiegersohne,Und nach seinem Tode erbteAuch der Dieb Ägyptens Krone.

Er regierte wie die Andern,Schützte Handel und Talente;Wenig, heißt es, ward gestohlenUnter seinem Regimente.

Der weiße Elefant

Der König von Siam, Mahawasant,Beherrscht das halbe Indienland,Zwölf Könge, der große Mogul sogar,Sind seinem Szepter tributar.

Alljährlich mit Trommeln,"Posauneo und FalnenZiehen nach Siam die Zinskarawanen;Viel tausend Kamele, hochberuckte,Schleppen die kostbarsten Landesprodukte.

Sieht er die schwerbepackten Kamele,So schmunzelt heimlich des Königs Seele;Öffentlich freilich pflegt er zu jammern,Es fehle an Raum in seinen Schatzkammern.

Doch diese Schatzkammern sind so weit,So groß und voller Herrlichkeit;Hier überflügelt der Wirklichkeit PrachtDie Märchen von Tausend und Eine Nacht.

»Die Burg des Indra« heißt die Halle,Wo aufgestellt die Götter alle,Bildsäulen von Gold, fein ziselieret,Mit Edelsteinen inkrustieret.

Sind an der Zahl wohl dreißig Tausend,Figuren abenteuerlich grausend,Mischlinge von Menschen- und Tiergeschöpfen,Mit vielen Händen und vielen Köpfen.

Im »Purpursaale« sieht man verwundertKorallenbäume dreizehnhundert,Wie Palmen groß, seltsamer Gestalt,Geschnörkelt die Äste, ein roter Wald.

Das Estrich ist vom reinsten KristalleUnd widerspiegelt die Bäume alle.Fasanen vom buntesten GlanzgefiederGehn gravitätisch dort auf und nieder.

Der Lieblingsaffe des MahawasantTrägt an dem Hals ein seidenes Band,Dran hängt der Schlüssel, welcher erschleußtDie Halle, die man den Schlafsaal heißt.

Die Edelsteine vom höchsten WertDie liegen wie Erbsen hier auf der ErdHochaufgeschüttet; man findet dabeiDiamanten so groß wie ein Hühnerei.

Auf grauen, mit Perlen gefüllten SäckenPflegt hier der König sich hinzustrecken;Der Affe legt sich zum Monarchen,Und beide schlafen ein und schnarchen.

Das Kostbarste aber von allen SchätzenDes Königs, sein Glück, sein Seelenergötzen,Die Lust und der Stolz von Mahawasant,Das ist sein weißer Elefant.

Als Wohnung für diesen erhabenen GastLieß bauen der König den schönsten Palast;Es wird das Dach, mit Goldblech beschlagen,Von lotosknäufigen Säulen getragen.

Am Tore stehen dreihundert TrabantenAls Ehrenwache des Elefanten,Und knieend, mit gekrümmtem Rucken,Bedienen ihn hundert schwarze Eunucken.

Man bringt auf einer güldnen SchüsselDie leckersten Bissen für seinen Rüssel;Er schlürft aus silbernen Eimern den Wein,Gewürzt mit den süßesten Spezerein.

Man salbt ihn mit Ambra und Rosenessenzen,Man schmückt sein Haupt mit Blumenkränzen;Als Fußdecke dienen dem edlen TierDie kostbarsten Schals aus Kaschimir.

Das glücklichste Leben ist ihm beschieden,Doch Niemand auf Erden ist zufrieden.Das edle Tier, man weiß nicht wie,Versinkt in tiefe Melancholie.

Der weiße MelancholikusSteht traurig mitten im Überfluß.Man will ihn ermuntern, man will ihn erheitern,Jedoch die klügsten Versuche scheitern.

Vergebens kommen mit Springen und SingenDie Bajaderen; vergebens erklingenDie Zinken und Pauken der Musikanten,Doch nichts erlustigt den Elefanten.

Da täglich sich der Zustand verschlimmert,Wird Mahawasantes Herz bekümmert;Er läßt vor seines Thrones StufenDen klügsten Astrologen rufen.

»Sterngucker, ich laß dir das Haupt abschlagen«,Herrscht er ihn an, »kannst du mir nicht sagen,Was meinem Elefanten fehle,Warum so verdüstert seine Seele?«

Doch jener wirft sich dreimal zur Erde,Und endlich spricht er mit ernster Gebärde:»O König, ich will dir die Wahrheit verkünden,Du kannst dann handeln nach Gutbefinden.

»Es lebt im Norden ein schönes WeibVon hohem Wuchs und weißem Leib,Dein Elefant ist herrlich, unleugbar,Doch ist er nicht mit ihr vergleichbar.

»Mit ihr verglichen, erscheint er nurEin weißes Mäuschen. Es mahnt die StaturAn Bimha, die Riesin, im Ramajana,Und an der Epheser große Diana.

»Wie sich die Gliedermassen wölbenZum schönsten Bau! Es tragen dieselbenAnmutig und stolz zwei hohe PilasterVon blendend weißem Alabaster.

»Das ist Gott Amors kolossaleDomkirche, der Liebe Kathedrale;Als Lampe brennt im TabernakelEin Herz, das ohne Falsch und Makel.

»Die Dichter jagen vergebens nach Bildern,Um ihre weiße Haut zu schildern;Selbst Gautier ist dessen nicht kapabel, -O diese Weiße ist implacable!

»Des Himalaya GipfelschneeErscheint aschgrau in ihrer Näh;Die Lilje, die ihre Hand erfaßt,Vergilbt durch Eifersucht oder Kontrast.

»Gräfin Bianka ist der NameVon dieser großen weißen Dame;Sie wohnt zu Paris im Frankenland,Und diese liebt der Elefant.

»Durch wunderbare Wahlverwandtschaft,Im Traume machte er ihre Bekanntschaft,Und träumend in sein Herze stahlSich dieses hohe Ideal.

»Sehnsucht verzehrt ihn seit jener Stund,Und er, der vormals so froh und gesund,Er ist ein vierfüßiger Werther geworden,Und träumt von einer Lotte im Norden.

»Geheimnisvolle Sympathie!Er sah sie nie und denkt an sie.Er trampelt oft im Mondschein umherUnd seufzet: wenn ich ein Vöglein wär!

»In Siam ist nur der Leib, die GedankenSind bei Bianka im Lande der Franken;Doch diese Trennung von Leib und SeeleSchwächt sehr den Magen, vertrocknet die Kehle.

»Die leckersten Braten widern ihn an,Er liebt nur Dampfnudeln und Ossian,Er hüstelt schon, er magert ab,Die Sehnsucht schaufelt sein frühes Grab.

»Willst du ihn retten, erhalten sein Leben,Der Säugetierwelt ihn wiedergeben,O König, so schicke den hohen KrankenDirekt nach Paris, der Hauptstadt der Franken.

»Wenn ihn alldort in der WirklichkeitDer Anblick der schönen Frau erfreut,Die seiner Träume Urbild gewesen,Dann wird er von seinem Trübsinn genesen.

»Wo seiner Schönen Augen strahlen,Da schwinden seiner Seele Qualen;Ihr Lächeln verscheucht die letzten Schatten,Die hier sich eingenistet hatten;

»Und ihre Stimme, wie'n Zauberlied,Löst sie den Zwiespalt in seinem Gemüt;Froh hebt er wieder die Lappen der Ohren,Er fühlt sich verjüngt, wie neugeboren.

»Es lebt sich so lieblich, es lebt sich so süßAm Seinestrand, in der Stadt Paris!Wie wird sich dorten zivilisierenDein Elefant und amüsieren!

»Vor allem aber, o König, lasseIhm reichlich füllen die Reisekasse,Und gib ihm einen Kreditbrief mitAuf Rothschild frères in der rue Lafitte.

»Ja, einen Kreditbrief von einer MillionDukaten etwa; - der Herr BaronVon Rothschild sagt von ihm alsdann:Der Elefant ist ein braver Mann!«

So sprach der Astrolog, und wiederWarf er sich dreimal zur Erde nieder.Der König entließ ihn mit reichen Geschenken,Und streckte sich aus, um nachzudenken.

Er dachte hin, er dachte her;Das Denken wird den Königen schwer.Sein Affe sich zu ihm niedersetzt,Und beide schlafen ein zuletzt.

Was er beschlossen, das kann ich erzählenErst später; die indischen Mall'posten fehlen.Die letzte, welche uns zugekommen,Die hat den Weg über Suez genommen.

Schelm von Bergen

Im Schloß zu Düsseldorf am Rheinwird Mummenschanz gehalten;Da flimmern die Kerzen, da rauscht die Musik,Da tanzen die bunten Gestalten.

Da tanzt die schöne Herzogin,Sie lacht laut auf beständig;Ihr Tänzer ist ein schlanker Fant,Gar höfisch und behendig.

Er trägt eine Maske von schwarzem Samt,Daraus gar freudig blicketEin Auge, wie ein blanker Dolch,Halb aus der Scheide gezücket.

Es jubelt die Fastnachtsgeckenschar,Wenn jene vorüberwalzen.Der Drickes und die MarizzebillGrüßen mit Schnarren und Schnalzen.

Und die Trompeten schmettern drein,Der närrische Brummbaß brummet,Bis endlich der Tanz ein Ende nimmtUnd die Musik verstummet.

»Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,Ich muß nach Hause gehen -«Die Herzogin lacht: Ich laß dich nicht fort,Bevor ich dein Antlitz gesehen.

»Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,Mein Anblick bringt Schrecken und Grauen -«Die Herzogin lacht: Ich fürchte mich nicht,Ich will dein Antlitz schauen.

»Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,Der Nacht und dem Tode gehör ich -«Die Herzogin lacht: Ich lasse dich nicht,Dein Antlitz zu schauen begehr ich.

Wohl sträubt sich der Mann mit finsterm Wort,Das Weib nicht zähmen kunnt er;Sie riß zuletzt ihm mit GewaltDie Maske vom Antlitz herunter.

Das ist der Scharfrichter von Bergen! so schreitEntsetzt die Menge im SaaleUnd weichet scheusam - die HerzoginStürzt fort zu ihrem Gemahle.

Der Herzog ist klug, er tilgte die SchmachDer Gattin auf der Stelle.Er zog sein blankes Schwert und sprach:Knie vor mir nieder, Geselle!

Mit diesem Schwertschlag mach ich dichJetzt ehrlich und ritterzünftig,Und weil du ein Schelm, so nenne dichHerr Schelm von Bergen künftig.

So ward der Henker ein EdelmannUnd Ahnherr der Schelme von Bergen.Ein stolzes Geschlecht! es blühte am Rhein.Jetzt schläft es in steinernen Särgen.

Valkyren

Unten Schlacht. Doch oben schossenDurch die Luft auf WolkenrossenDrei Valkyren, und es klangSchilderklirrend ihr Gesang:

Fürsten hadern, Völker streiten,Jeder will die Macht erbeuten;Herrschaft ist das höchste Gut,Höchste Tugend ist der Mut.

Heisa! vor dem Tod beschützenKeine stolzen Eisenmützen,Und das Heldenblut zerrinntUnd der schlechtre Mann gewinnt.

Lorbeerkränze, Siegesbogen!Morgen kommt er eingezogen,Der den Bessern überwandUnd gewonnen Leut und Land.

Bürgermeister und SenatorHolen ein den Triumphator,Tragen ihm die Schlüssel vor,Und der Zug geht durch das Tor.

Hei! da böllerts von den Wällen,Zinken und Trompeten gellen,Glockenklang erfüllt die Luft,Und der Pöbel Vivat! ruft.

Lächelnd stehen auf BalkonenSchöne Fraun, und BlumenkronenWerfen sie dem Sieger zu.Dieser grüßt mit stolzer Ruh.

Schlachtfeld bei Hastings

Der Abt von Waltham seufzte tief,Als er die Kunde vernommen,Daß König Harold elendiglichBei Hastings umgekommen.

Zwei Mönche, Asgod und Ailrik genannt,Die schickt' er aus als Boten,Sie sollten suchen die Leiche HaroldsBei Hastings unter den Toten.

Die Mönche gingen traurig fortUnd kehrten traurig zurücke:»Hochwürdiger Vater, die Welt ist uns gram,Wir sind verlassen vom Glücke.

»Gefallen ist der beßre Mann,Es siegte der Bankert, der schlechte,Gewappnete Diebe verteilen das LandUnd machen den Freiling zum Knechte.

»Der lausigste Lump aus der NormandieWird Lord auf der Insel der Britten;Ich sah einen Schneider aus Bayeux, er kamMit goldnen Sporen geritten.

»Weh dem, der jetzt ein Sachse ist!Ihr Sachsenheilige drobenIm Himmelreich, nehmt euch in Acht,Ihr seid der Schmach nicht enthoben.

»Jetzt wissen wir, was bedeutet hatDer große Komet, der heuerBlutrot am nächtlichen Himmel rittAuf einem Besen von Feuer.

»Bei Hastings in Erfüllung gingDes Unsterns böses Zeichen,Wir waren auf dem Schlachtfeld dortUnd suchten unter den Leichen.

»Wir suchten hin, wir suchten her,Bis alle Hoffnung verschwundenDen Leichnam des toten Königs Harold,Wir haben ihn nicht gefunden.«

Asgod und Ailrik sprachen also;Der Abt rang jammernd die Hände,Versank in tiefe NachdenklichkeitUnd sprach mit Seufzen am Ende:

»Zu Grendelfield am Bardenstein,Just in des Waldes Mitte,Da wohnet Edith SchwanenhalsIn einer dürftgen Hütte.

»Man hieß sie Edith Schwanenhals,Weil wie der Hals der SchwäneIhr Nacken war; der König Harold,Er liebte die junge Schöne.

»Er hat sie geliebt, geküßt und geherzt,Und endlich verlassen, vergessen.Die Zeit verfließt; wohl sechzehn JahrVerflossen unterdessen.

»Begebt euch, Brüder, zu diesem WeibUnd laßt sie mit euch gehenZurück nach Hastings, der Blick des WeibsWird dort den König erspähen.

»Nach Waltham-Abtei hierher alsdannSollt ihr die Leiche bringen,Damit wir christlich bestatten den LeibUnd für die Seele singen.«

Um Mitternacht gelangten schonDie Boten zur Hütte im Walde:»Erwache, Edith Schwanenhals,Und folge uns alsbalde.

»Der Herzog der Normannen hatDen Sieg davongetragen,Und auf dem Feld bei Hastings liegtDer König Harold erschlagen.

»Kommt mit nach Hastings, wir suchen dortDen Leichnam unter den Toten,Und bringen ihn nach Waltham-Abtei,Wie uns der Abt geboten.«

Kein Wort sprach Edith Schwanenhals,Sie schürzte sich geschwindeUnd folgte den Mönchen; ihr greisendes HaarDas flatterte wild im Winde.

Es folgte barfuß das arme WeibDurch Sümpfe und Baumgestrüppe.Bei Tagesanbruch gewahrten sie schonZu Hastings die kreidige Klippe.

Der Nebel, der das Schlachtfeld bedecktAls wie ein weißes Lailich,Zerfloß allmählig; es flatterten aufDie Dohlen und krächzten abscheulich.

Viel tausend Leichen lagen dortErbärmlich auf blutiger Erde,Nackt ausgeplündert, verstümmelt, zerfleischt,Daneben die Äser der Pferde.

Es wadete Edith SchwanenhalsIm Blute mit nackten Füßen;Wie Pfeile aus ihrem stieren AugDie forschenden Blicke schießen.

Sie suchte hin, sie suchte her,Oft mußte sie mühsam verscheuchenDie fraßbegierige Rabenschar;Die Mönche hinter ihr keuchen.

Sie suchte schon den ganzen Tag,Es ward schon Abend - plötzlichBricht aus der Brust des armen WeibsEin geller Schrei, entsetzlich.

Gefunden hat Edith SchwanenhalsDes toten Königs Leiche.Sie sprach kein Wort, sie weinte nicht,Sie küßte das Antlitz, das bleiche.

Sie küßte die Stirne, sie küßte den Mund,Sie hielt ihn fest umschlossen;Sie küßte auf des Königs BrustDie Wunde blutumflossen.

Auf seiner Schulter erblickt sie auch -Und sie bedeckt sie mit Küssen -Drei kleine Narben, Denkmäler der Lust,Die sie einst hinein gebissen.

Die Mönche konnten mittlerweilBaumstämme zusammenfugen;Das war die Bahre, worauf sie alsdannDen toten König trugen.

Sie trugen ihn nach Waltham-Abtei,Daß man ihn dort begrübe;Es folgte Edith SchwanenhalsDer Leiche ihrer Liebe.

Sie sang die TotenlitaneinIn kindisch frommer Weise;Das klang so schauerlich in der Nacht -Die Mönche beteten leise. -

Karl I.

Im Wald, in der Köhlerhütte, sitztTrübsinnig allein der König;Er sitzt an der Wiege des KöhlerkindsUnd wiegt und singt eintönig:

Eiapopeia, was raschelt im Stroh?Es blöken im Stalle die Schafe -Du trägst das Zeichen an der StirnUnd lächelst so furchtbar im Schlafe.

Eiapopeia, das Kätzchen ist tot -Du trägst auf der Stirne das Zeichen -Du wirst ein Mann und schwingst das Beil,Schon zittern im Walde die Eichen.

Der alte Köhlerglaube verschwand,Es glauben die Köhlerkinder -Eiapopeia - nicht mehr an Gott,Und an den König noch minder.

Das Kätzchen ist tot, die Mäuschen sind froh -Wir müssen zu Schanden werden -Eiapopeia - im Himmel der GottUnd ich, der König auf Erden.

Mein Mut erlischt, mein Herz ist krank,Und täglich wird es kränker -Eiapopeia - du Köhlerkind,Ich weiß es, du bist mein Henker.

Mein Todesgesang ist dein Wiegenlied -Eiapopeia - die greisenHaarlocken schneidest du ab zuvor -Im Nacken klirrt mir das Eisen.

Eiapopeia, was raschelt im Stroh?Du hast das Reich erworben,Und schlägst mir das Haupt vom Rumpf herab -Das Kätzchen ist gestorben.

Eiapopeia, was raschelt im Stroh?Es blöken im Stalle die Schafe.Das Kätzchen ist tot, die Mäuschen sind froh -Schlafe, mein Henkerchen, schlafe!

Maria Antoinette

Wie heiter im TuilerienschloßBlinken die Spiegelfenster,Und dennoch dort am hellen TagGehn um die alten Gespenster.

Es spukt im Pavillon de Flor'Maria Antoinette;Sie hält dort Morgens ihr LeverMit strenger Etikette.

Geputzte Hofdamen. Die meisten stehn,Auf Tabourets andre sitzen;Die Kleider von Atlas und Goldbrokat,Behängt mit Juwelen und Spitzen.

Die Taille ist schmal, der Reifrock bauscht,Darunter lauschen die nettenHochhackigen Füßchen so klug hervor -Ach, wenn sie nur Köpfe hätten!

Sie haben alle keinen Kopf,Der Königin selbst manquieretDer Kopf, und Ihro MajestätIst deshalb nicht frisieret.

Ja, Sie, die mit turmhohem ToupetSo stolz sich konnte gebaren,Die Tochter Maria Theresias,Die Enkelin deutscher Cäsaren,

Sie muß jetzt spuken ohne FrisurUnd ohne Kopf, im KreiseVon unfrisierten Edelfraun,Die kopflos gleicherweise.

Das sind die Folgen der RevolutionUnd ihrer fatalen Doktrine;An Allem ist Schuld Jean Jacques Rousseau,Voltaire und die Guillotine.

Doch sonderbar! es dünkt mich schier,Als hätten die armen GeschöpfeGar nicht bemerkt, wie tot sie sindUnd daß sie verloren die Köpfe.

Ein leeres Gespreize, ganz wie sonst,Ein abgeschmacktes Scherwenzen -Possierlich sind und schauderhaftDie kopflosen Reverenzen.

Es knixt die erste Dame d'atourUnd bringt ein Hemd von Linnen;Die zweite reicht es der Königin,Und beide knixen von hinnen.

Die dritte Dam und die vierte DamKnixen und niederknieenVor Ihrer Majestät, um IhrDie Strümpfe anzuziehen.

Ein Ehrenfräulein kommt und knixtUnd bringt das Morgenjäckchen;Ein andres Fräulein knixt und bringtDer Königin Unterröckchen.

Die Oberhofmeisterin steht dabei,Sie fächert die Brust, die weiße,Und in Ermanglung eines KopfsLächelt sie mit dem Steiße.

Wohl durch die verhängten Fenster wirftDie Sonne neugierige Blicke,Doch wie sie gewahrt den alten Spuk,Prallt sie erschrocken zurücke.

Pomare

Alle Liebesgötter jauchzenMir im Herzen, und FanfareBlasen sie und rufen: Heil!Heil der Königin Pomare!

Jene nicht von Otahaiti -Missionärisiert ist jene -Die ich meine, die ist wild,Eine ungezähmte Schöne.

Zweimal in der Woche zeigt sieÖffentlich sich ihrem VolkeIn dem Garten Mabill, tanztDort den Cancan, auch die Polke.

Majestät in jedem Schritte,Jede Beugung Huld und Gnade,Eine Fürstin jeder ZollVon der Hüfte bis zur Wade -

Also tanzt sie - und es blasenLiebesgötter die FanfareMir im Herzen, rufen: Heil!Heil der Königin Pomare!

Sie tanzt. Wie sie das Leibchen wiegt!Wie jedes Glied sich zierlich biegt!Das ist ein Flattern und ein Schwingen,Um wahrlich aus der Haut zu springen.

Sie tanzt. Wenn sie sich wirbelnd drehtAuf einem Fuß, und stille stehtAm End mit ausgestreckten Armen,Mag Gott sich meiner Vernunft erbarmen!

Sie tanzt. Derselbe Tanz ist das,Den einst die Tochter Herodias'Getanzt vor dem Judenkönig Herodes.Ihr Auge sprüht wie Blitze des Todes.

Sie tanzt mich rasend - ich werde toll -Sprich, Weib, was ich dir schenken soll?Du lächelst? Heda! Trabanten! Läufer!Man schlage ab das Haupt dem Täufer!

Gestern noch fürs liebe BrotWälzte sie sich tief im Kot,Aber heute schon mit VierenFährt das stolze Weib spazieren.

In die seidnen Kissen drücktSie das Lockenhaupt, und blicktVornehm auf den großen HaufenDerer, die zu Fuße laufen.

Wenn ich dich so fahren seh,Tut es mir im Herzen weh!Ach, es wird dich dieser WagenNach dem Hospitale tragen,

Wo der grausenhafte TodEndlich endigt deine Not,Und der Carabin mit schmierigPlumper Hand und lernbegierig

Deinen schönen Leib zerfetzt,Anatomisch ihn zersetzt -Deine Rosse trifft nicht minderEinst zu Montfaucon der Schinder.

Besser hat es sich gewendet,Das Geschick, das dich bedroht' -Gott sei Dank, du hast geendet,Gott sei Dank, und du bist tot.

In der Dachstub deiner armenAlten Mutter starbest du,Und sie schloß dir mit ErbarmenDeine schönen Augen zu.

Kaufte dir ein gutes Lailich,Einen Sarg, ein Grab sogar.Die Begräbnisfeier freilichEtwas kahl und ärmlich war.

Keinen Pfaffen hört' man singen,Keine Glocke klagte schwer;Hinter deiner Bahre gingenNur dein Hund und dein Friseur.

»Ach, ich habe der Pomare«,Seufzte dieser, »oft gekämmtIhr langen schwarzen Haare,Wenn sie vor mir saß im Hemd.«

Was den Hund betrifft, so rannt erSchon am Kirchhofstor davon,Und ein Unterkommen fand erSpäterhin bei Ros' Pompon,

Ros' Pompon, der Provenzalin,Die den Namen KöniginDir mißgönnt und als RivalinDich verklatscht mit niederm Sinn.

Arme Königin des Spottes,Mit dem Diadem von Kot,Bist gerettet jetzt durch GottesEwge Güte, du bist tot.

Wie die Mutter, so der VaterHat Barmherzigkeit geübt,Und ich glaube, dieses tat er,Weil auch du so viel geliebt.

Der Apollogott

Das Kloster ist hoch auf Felsen gebaut,Der Rhein vorüberrauschet;Wohl durch das Gitterfenster schautDie junge Nonne und lauschet.

Da fährt ein Schifflein, märchenhaftVom Abendrot beglänzet;Es ist bewimpelt von buntem Taft,Von Lorbeern und Blumen bekränzet.

Ein schöner blondgelockter FantSteht in des Schiffes Mitte;Sein goldgesticktes PurpurgewandIst von antikem Schnitte.

Zu seinen Füßen liegen daNeun marmorschöne Weiber;Die hochgeschürzte TunikaUmschließt die schlanken Leiber.

Der Goldgelockte lieblich singtUnd spielt dazu die Leier;Ins Herz der armen Nonne dringtDas Lied und brennt wie Feuer.

Sie schlägt ein Kreuz, und noch einmalSchlägt sie ein Kreuz, die Nonne;Nicht scheucht das Kreuz die süße Qual,Nicht bannt es die bittre Wonne.

Ich bin der Gott der Musika,Verehrt in allen Landen;Mein Tempel hat in Gräcia,Auf Mont-Parnaß gestanden.

Auf Mont-Parnaß in Gräcia,Da hab ich oft gesessenAm holden Quell Kastalia,Im Schatten der Zypressen.

Vokalisierend saßen daUm mich herum die Töchter,Das sang und klang la-la, la-la!Geplauder und Gelächter.

Mitunter rief tra-ra, tra-ra!Ein Waldhorn aus dem Holze;Dort jagte Artemisia,Mein Schwesterlein, die Stolze.

Ich weiß es nicht, wie mir geschah:Ich brauchte nur zu nippenVom Wasser der Kastalia,Da tönten meine Lippen.

Ich sang - und wie von selbst beinahDie Leier klang, berauschend;Mir war, als ob ich Daphne sah,Aus Lorbeerbüschen lauschend.

Ich sang - und wie AmbrosiaWohlrüche sich ergossen,Es war von einer GloriaDie ganze Welt umflossen.

Wohl tausend Jahr aus GräciaBin ich verbannt, vertriebenDoch ist mein Herz in Gräcia,In Gräcia geblieben.

In der Tracht der Beguinen,In dem Mantel mit der KappeVon der gröbsten schwarzen Sersche,Ist vermummt die junge Nonne.

Hastig längs des Rheines UfernSchreitet sie hinab die Landstraß,Die nach Holland fährt, und hastigFragt sie jeden, der vorbeikommt:

»Habt ihr nicht gesehn Apollo?Einen roten Mantel trägt er,Lieblich singt er, spielt die Leier,Und er ist mein holder Abgott.«

Keiner will ihr Rede stehen,Mancher dreht ihr stumm den Rücken,Mancher glotzt sie an und lächelt,Mancher seufzet: Armes Kind!

Doch des Wegs herangetrotteltKommt ein schlottrig alter Mensch,Fingert in der Luft, wie rechnend,Näselnd singt er vor sich hin.

Einen schlappen Quersack trägt er,Auch ein klein dreieckig Hütchen;Und mit schmunzelnd klugen ÄugleinHört er an den Spruch der Nonne:

»Habt ihr nicht gesehn Apollo?Einen roten Mantel trägt er,Lieblich singt er, spielt die Leier,Und er ist mein holder Abgott.«

Jener aber gab zur Antwort,Während er sein Köpfchen wiegteHin und her, und gar possierlichZupfte an dem spitzen Bärtchen:

Ob ich ihn gesehen habe?Ja, ich habe ihn gesehenOft genug zu Amsterdam,In der deutschen Synagoge.

Denn er war Vorsänger dorten,Und da hieß er Rabbi Faibisch,Was auf Hochdeutsch heißt Apollo -Doch mein Abgott ist er nicht.

Roter Mantel? Auch den rotenMantel kenn ich. Echter Scharlach,Kostet acht Florin die Elle,Und ist noch nicht ganz bezahlt.

Seinen Vater Moses JitscherKenn ich gut. VorhautabschneiderIst er bei den Portugiesen.Er beschnitt auch Souveräne.

Seine Mutter ist CousineMeines Schwagers, und sie handeltAuf der Gracht mit sauern GurkenUnd mit abgelebten Hosen.

Haben kein Pläsier am Sohne.Dieser spielt sehr gut die Leier,Aber leider noch viel besserSpielt er oft Tarock und L'hombre.

Auch ein Freigeist ist er, aßSchweinefleisch, verlor sein Amt,Und er zog herum im LandeMit geschminkten Komödianten.

In den Buden, auf den Märkten,Spielte er den Pickelhering,Holofernes, König David,Diesen mit dem besten Beifall.

Denn des Königs eigne LiederSang er in des Königs eignerMuttersprache, tremulierendIn des Nigens alter Weise.

Aus dem Amsterdamer SpielhuisZog er jüngst etwelche Dirnen,Und mit diesen Musen zieht erJetzt herum als ein Apollo.

Eine dicke ist darunter,Die vorzüglich quiekt und grünzelt;Ob dem großen LorbeerkopfputzNennt man sie die grüne Sau.

Kleines Volk

In einem Pißpott kam er geschwommen,Hochzeitlich geputzt, hinab den Rhein.Und als er nach Rotterdam gekommen,Da sprach er: »Juffräuken, willst du mich frein?

»Ich führe dich, geliebte Schöne,Nach meinem Schloß, ins Brautgemach;Die Wände sind eitel Hobelspäne,Aus Häckerling besteht das Dach.

»Da ist es so puppenniedlich und nette,Da lebst du wie eine Königin!Die Schale der Walnuß ist unser Bette,Von Spinnweb sind die Laken drin.

»Ameiseneier, gebraten in Butter,Essen wir täglich, auch Würmchengemüs,Und später erb ich von meiner Frau MutterDrei Nonnenfürzchen, die schmecken so süß.

»Ich habe Speck, ich habe Schwarten,Ich habe Fingerhüte voll Wein,Auch wächst eine Rübe in meinem Garten,Du wirst wahrhaftig glücklich sein!«

Das war ein Locken und ein Werben!Wohl seufzte die Braut: ach Gott! ach Gott!Sie war wehmütig, wie zum Sterben -Doch endlich stieg sie hinab in den Pott.

*

Sind Christenleute oder MäuseDie Helden des Lieds? Ich weiß es nicht mehr.Im Beverland hört ich die schnurrige Weise,Es sind nun dreißig Jahre her.

Zwei Ritter

Crapülinski und Waschlapski,Polen aus der Polackei,Fochten für die Freiheit, gegenMoskowiter-Tyrannei.

Fochten tapfer und entkamenEndlich glücklich nach Paris -Leben bleiben, wie das SterbenFür das Vaterland, ist süß.

Wie Achilles und Patroklus,David und sein Jonathan,Liebten sich die beiden Polen,Küßten sich: »Kochan! Kochan!«

Keiner je verriet den Andern,Blieben Freunde, ehrlich, treu,Ob sie gleich zwei edle Polen,Polen aus der Polackei.

Wohnten in derselben Stube,Schliefen in demselben Bette;Eine Laus und eine Seele,Kratzten sie sich um die Wette.

Speisten in derselben Kneipe,Und da keiner wollte leiden,Daß der Andre für ihn zahle,Zahlte keiner von den Beiden.

Auch dieselbe HenrietteWäscht für beide edle Polen;Trällernd kommt sie jeden Monat,Um die Wäsche abzuholen.

Ja, sie haben wirklich Wäsche,Jeder hat der Hemden zwei,Ob sie gleich zwei edle Polen,Polen aus der Polackei.

Sitzen heute am Kamine,Wo die Flammen traulich flackern;Draußen Nacht und SchneegestöberUnd das Rollen von Fiakern.

Eine große Bowle Punsch(Es versteht sich, unverzückert,Unversäuert, unverwässert)Haben sie bereits geschlückert.

Und von Wehmut wird beschlichenIhr Gemüte; ihr GesichtWird befeuchtet schon von Zähren,Und der Crapülinski spricht:

»Hätt ich doch hier in ParisMeinen Bärenpelz, den liebenSchlafrock und die Katzfell-Nachtmütz,Die im Vaterland geblieben!«

Ihm erwiderte Waschlapski:»O du bist ein treuer Schlachzitz,Denkest immer an der HeimatBärenpelz und Katzfell-Nachtmütz.

»Polen ist noch nicht verloren,Unsre Weiber, sie gebären,Unsre Jungfraun tun dasselbe,Werden Helden uns bescheren,

»Helden, wie der Held Sobieski,Wie Schelmufski und Uminski,Eskrokewitsch, Schubiakski,Und der große Eselinski.«

Das goldne Kalb

Doppelflöten, Hörner, GeigenSpielen auf zum Götzenreigen,Und es tanzen Jakobs TöchterUm das goldne Kalb herum -Brum - brum - brum -Paukenschläge und Gelächter!

Hochgeschürzt bis zu den LendenUnd sich fassend an den Händen,Jungfraun edelster GeschlechterKreisen wie ein WirbelwindUm das Rind -Paukenschläge und Gelächter!

Aron selbst wird fortgezogenVon des Tanzes Wahnsinnwogen,Und er selbst, der Glaubenswächter,Tanzt im Hohenpriesterrock,Wie ein Bock -Paukenschläge und Gelächter!

König David

Lächelnd scheidet der Despot,Denn er weiß, nach seinem TodWechselt Willkür nur die Hände,Und die Knechtschaft hat kein Ende.

Armes Volk! wie Pferd und FarrnBleibt es angeschirrt am Karrn,Und der Nacken wird gebrochen,Der sich nicht bequemt den Jochen.

Sterbend spricht zu SalomoKönig David: Apropos,Daß ich Joab dir empfehle,Einen meiner Generäle.

Dieser tapfre GeneralIst seit Jahren mir fatal,Doch ich wagte den VerhaßtenNiemals ernstlich anzutasten.

Du, mein Sohn, bist fromm und klug,Gottesfürchtig, stark genug,Und es wird dir leicht gelingen,Jenen Joab umzubringen.

König Richard

Wohl durch der Wälder einödige PrachtJagt ungestüm ein Reiter;Er bläst ins Horn, er singt und lachtGar seelenvergnügt und heiter.

Sein Harnisch ist von starkem Erz,Noch stärker ist sein Gemüte,Das ist Herr Richard Löwenherz,Der christlichen Ritterschaft Blüte.

Willkommen in England! rufen ihm zuDie Bäume mit grünen ZungenWir freuen uns, o König, daß duÖstreichischer Haft entsprungen.

Dem König ist wohl in der freien Luft,Er fühlt sich wie neugeboren,Er denkt an Östreichs Festungsduft -Und gibt seinem Pferde die Sporen.

Der Asra

Täglich ging die wunderschöneSultanstochter auf und niederUm die Abendzeit am Springbrunn,Wo die weißen Wasser plätschern.

Täglich stand der junge SklaveUm die Abendzeit am Springbrunn,Wo die weißen Wasser plätschern;Täglich ward er bleich und bleicher.

Eines Abends trat die FürstinAuf ihn zu mit raschen Worten:Deinen Namen will ich wissen,Deine Heimat, deine Sippschaft!

Und der Sklave sprach: Ich heißeMohamet, ich bin aus Yemmen,Und mein Stamm sind jene Asra,Welche sterben, wenn sie lieben.

Himmelsbräute

Wer dem Kloster geht vorbeiMitternächtlich, sieht die FensterHell erleuchtet. Ihren UmgangHalten dorten die Gespenster.

Eine düstre ProzessionToter Ursulinerinnen;Junge, hübsche AngesichterLauschen aus Kapuz und Linnen.

Tragen Kerzen in der Hand,Die unheimlich blutrot schimmern;Seltsam widerhallt im KreuzgangEin Gewisper und ein Wimmern.

Nach der Kirche geht der Zug,Und sie setzen dort sich niederAuf des Chores BuchsbaumstühleUnd beginnen ihre Lieder.

Litaneienfromme Weisen,Aber wahnsinnswüste Worte;Arme Seelen sind es, welchePochen an des Himmels Pforte.

»Bräute Christi waren wir,Doch die Weltlust uns betörte,Und da gaben wir dem Cäsar,Was dem lieben Gott gehörte.

»Reizend ist die UniformUnd des Schnurrbarts Glanz und Glätte;Doch verlockend sind am meistenCäsars goldne Epaulette.

»Ach, der Stirne, welche trugEine Dornenkrone weiland,Gaben wir ein HirschgeweiheWir betrogen unsern Heiland.

»Jesus, der die Güte selbst,Weinte sanft ob unsrer Fehle,Und er sprach: VermaledeitUnd verdammt sei eure Seele!

»Grabentstiegner Spuk der Nacht,Müssen büßend wir nunmehreIrre gehn in diesen MauernMiserere! Miserere!

»Ach, im Grabe ist es gut,Ob es gleich viel besser wäreIn dem warmen Himmelreiche -Miserere! Miserere!«

»Süßer Jesus, o vergibEndlich uns die Schuld, die schwere,Schließ uns auf den warmen Himmel -Miserere! Miserere!«

Also singt die Nonnenschar,Und ein längst verstorbner KüsterSpielt die Orgel. SchattenhändeStürmen toll durch die Register.

Pfalzgräfin Jutta

Pfalzgräfin Jutta fuhr über den Rhein,Im leichten Kahn, bei Mondenschein.Die Zofe rudert, die Gräfin spricht:»Siehst du die sieben Leichen nicht,Die hinter uns kommenEinhergeschwommen -So traurig schwimmen die Toten!

»Das waren Ritter voll Jugendlust -Sie sanken zärtlich an meine BrustUnd schwuren mir Treue - Zur Sicherheit,Daß sie nicht brächen ihren Eid,Ließ ich sie ergreifenSogleich und ersäufen -So traurig schwimmen die Toten!«

Die Zofe rudert, die Gräfin lacht.Das hallt so höhnisch durch die Nacht!Bis an die Hüfte tauchen hervorDie Leichen und strecken die Finger empor,Wie schwörend - Sie nickenMit gläsernen Blicken -So traurig schwimmen die Toten!

Der Mohrenkönig

Ins Exil der AlpuxarrenZog der junge Mohrenkönig;Schweigsam und das Herz voll KummerRitt er an des Zuges Spitze.

Hinter ihm auf hohen ZelternOder auch in güldnen SänftenSaßen seines Hauses Frauen;Schwarze Mägde trägt das Maultier.

Hundert treue Diener folgenAuf arabisch edlen Rappen;Stolze Gäule, doch die ReiterHängen schlottrig in den Sätteln.

Keine Zymbel, keine Pauke,Kein Gesangeslaut ertönte;Nur des Maultiers SilberglöckchenWimmern schmerzlich in der Stille.

Auf der Höhe, wo der BlickIns Duero-Tal hinabschweift,Und die Zinnen von GranadaSichtbar sind zum letzten Male:

Dorten stieg vom Pferd der KönigUnd betrachtete die Stadt,Die im Abendlichte glänzte,Wie geschmückt mit Gold und Purpur.

Aber, Allah! Welch ein Anblick!Statt des vielgeliebten Halbmonds,Prangen Spaniens Kreuz und FahnenAuf den Türmen der Alhambra.

Ach, bei diesem Anblick brachenAus des Königs Brust die Seufzer,Tränen überströmten plötzlichWie ein Sturzbach seine Wangen.

Düster von dem hohen ZelterSchaut' herab des Königs Mutter,Schaut' auf ihres Sohnes Jammer,Und sie schalt ihn stolz und bitter.

»Boabdil el Chico«, sprach sie,»Wie ein Weib beweinst du jetzoJene Stadt, die du nicht wußtestZu verteidgen wie ein Mann.«

Als des Königs liebste KebsinSolche harte Rede hörte,Stürzte sie aus ihrer SänfteUnd umhalste den Gebieter.

»Boabdil el Chico,« sprach sie,»Tröste dich, mein Heißgeliebter,Aus dem Abgrund deines ElendsBlüht hervor ein schöner Lorbeer.

»Nicht allein der Triumphator,Nicht allein der sieggekrönteGünstling jener blinden Göttin,Auch der blutge Sohn des Unglücks,

»Auch der heldenmütge Kämpfer,Der dem ungeheuren SchicksalUnterlag, wird ewig lebenIn der Menschen Angedenken.«

»Berg des letzten Mohrenseufzers«Heißt bis auf den heutgen TagJene Höhe, wo der KönigSah zum letzten Mal Granada.

Lieblich hat die Zeit erfülletSeiner Liebsten Prophezeiung,Und des Mohrenkönigs NameWard verherrlicht und gefeiert.

Nimmer wird sein Ruhm verhallen,Ehe nicht die letzte SaiteSchnarrend losspringt von der letztenAndalusischen Gitarre.

Geoffroy Rudèl und Melisande von Tripoli

In dem Schlosse Blay erblickt manDie Tapete an den Wänden,So die Gräfin TripolisEinst gestickt mit klugen Händen.

Ihre ganze Seele stickteSie hinein, und LiebesträneHat gefeit das seidne Bildwerk,Welches darstellt jene Szene:

Wie die Gräfin den RudèlSterbend sah am Strande liegen,Und das Urbild ihrer SehnsuchtGleich erkannt' in seinen Zügen.

Auch Rudèl hat hier zum erstenUnd zum letzten Mal erblicketIn der Wirklichkeit die Dame,Die ihn oft im Traum entzücket.

Über ihn beugt sich die Gräfin,Hält ihn liebevoll umschlungen,Küßt den todesbleichen Mund,Der so schön ihr Lob gesungen!

Ach! der Kuß des Willkomms wurdeAuch zugleich der Kuß des Scheidens,Und so leerten sie den KelchHöchster Lust und tiefsten Leidens.

In dem Schlosse Blay allnächtlichGibts ein Rauschen, Knistern, Beben,Die Figuren der TapeteFangen plötzlich an zu leben.

Troubadour und Dame schüttelnDie verschlafnen Schattenglieder,Treten aus der Wand und wandelnDurch die Säle auf und nieder.

Trautes Flüstern, sanftes Tändeln,Wehmutsüße Heimlichkeiten,Und posthume GalantrieAus des Minnesanges Zeiten:

»Geoffroy! Mein totes HerzWird erwärmt von deiner Stimme,In den längst erloschnen KohlenFühl ich wieder ein Geglimme!«

»Melisande! Glück und Blume!Wenn ich dir ins Auge sehe,Leb ich auf - gestorben istNur mein Erdenleid und -Wehe.«

»Geoffroy! Wir liebten unsEinst im Traume, und jetzunderLieben wir uns gar im TodeGott Amour tat dieses Wunder!«

»Melisande! Was ist Traum?Was ist Tod? Nur eitel Töne.In der Liebe nur ist Wahrheit,Und dich lieb ich, ewig Schöne.«

»Geoffroy! Wie traulich ist esHier im stillen Mondscheinsaale,Möchte nicht mehr draußen wandelnIn des Tages Sonnenstrahle.«

»Melisande! teure Närrin,Du bist selber Licht und Sonne,Wo du wandelst, blüht der Frühling,Sprossen Lieb und Maienwonne!«

Also kosen, also wandelnJene zärtlichen GespensterAuf und ab, derweil das MondlichtLauschet durch die Bogenfenster.

Doch den holden Spuk vertreibend,Kommt am End die Morgenröte -Jene huschen scheu zurückIn die Wand, in die Tapete.

Der Dichter Firdusi

Goldne Menschen, Silbermenschen!Spricht ein Lump von einem Thoman,Ist die Rede nur von Silber,Ist gemeint ein Silberthoman.

Doch im Munde eines Fürsten,Eines Schaches, ist ein ThomanGülden stets; ein Schach empfängtUnd er gibt nur goldne Thoman.

Also denken brave Leute,Also dachte auch Firdusi,Der Verfasser des berühmtenUnd vergötterten Schach Nameh.

Dieses große HeldenliedSchrieb er auf Geheiß des Schaches,Der für jeden seiner VerseEinen Thoman ihm versprochen.

Siebzehnmal die Rose blühte,Siebzehnmal ist sie verwelket,Und die Nachtigall besang sieUnd verstummte siebzehnmal -

Unterdessen saß der DichterAn dem Webstuhl des Gedankens,Tag und Nacht, und webte emsigSeines Liedes Riesenteppich -

Riesenteppich, wo der DichterWunderbar hineingewebtSeiner Heimat Fabelchronik,Farsistans uralte Könge,

Lieblingshelden seines Volkes,Rittertaten, Aventüren,Zauberwesen und Dämonen,Keck umrankt von Märchenblumen -

Alles blühend und lebendig,Farbenglänzend, glühend, brennend,Und wie himmlisch angestrahltVon dem heilgen Lichte Irans,

Von dem göttlich reinen Urlicht,Dessen letzter Feuertempel,Trotz dem Koran und dem Mufti,In des Dichters Herzen flammte.

Als vollendet war das Lied,Überschickte seinem GönnerDer Poet das Manuskript,Zweimalhunderttausend Verse.

In der Badestube war es,In der Badestub zu Gasna,Wo des Schaches schwarze BotenDen Firdusi angetroffen -

Jeder schleppte einen Geldsack,Den er zu des Dichters FüßenKnieend legte, als den hohenEhrensold für seine Dichtung.

Der Poet riß auf die SäckeHastig, um am lang entbehrtenGoldesanblick sich zu laben -Da gewahrt er mit Bestürzung,

Daß der Inhalt dieser SäckeBleiches Silber, Silberthomans,Zweimalhunderttausend etwa -Und der Dichter lachte bitter.

Bitter lachend hat er jeneSumme abgeteilt in dreiGleiche Teile, und jedwedemVon den beiden schwarzen Boten

Schenkte er als BotenlohnSolch ein Drittel, und das dritteGab er einem Badeknechte,Der sein Bad besorgt, als Trinkgeld.

Seinen Wanderstab ergriff erJetzo und verließ die Hauptstadt;Vor dem Tor hat er den StaubAbgefegt von seinen Schuhen.

»Hätt er menschlich ordinärNicht gehalten, was versprochen,Hätt er nur sein Wort gebrochen,Zürnen wollt ich nimmermehr.

»Aber unverzeihlich ist,Daß er mich getäuscht so schnödeDurch den Doppelsinn der RedeUnd des Schweigens größte List.

»Stattlich war er, würdevollVon Gestalt und von Gebärden,Wen'ge glichen ihm auf Erden,War ein König jeder Zoll.

»Wie die Sonn am Himmelsbogen,Feuerblicks, sah er mich an,Er, der Wahrheit stolzer Mann -Und er hat mich doch belogen.«

Schach Mahomet hat gut gespeist,Und gut gelaunet ist sein Geist.

Im dämmernden Garten, auf purpurnem Pfühl,Am Springbrunnen sitzt er. Das plätschert so kühl!

Die Diener stehen mit Ehrfurchtsmienen;Sein Liebling Ansari ist unter ihnen.

Aus Marmorvasen quillt hervorEin üppig brennender Blumenflor.

Gleich Odalisken anmutiglichDie schlanken Palmen fächern sich.

Es stehen regungslos die Zypressen,Wie himmelträumend, wie weltvergessen.

Doch plötzlich erklingt bei LautenklangEin sanft geheimnisvoller Gesang.

Der Schach fährt auf, als wie behext -Von wem ist dieses Liedes Text?

Ansari, an welchen die Frage gerichtet,Gab Antwort: Das hat Firdusi gedichtet.

Firdusi? - rief der Fürst betreten -Wo ist er? Wie geht es dem großen Poeten?

Ansari gab Antwort: In DürftigkeitUnd Elend lebt er seit langer Zeit

Zu Thus, des Dichters Vaterstadt,Wo er ein kleines Gärtchen hat.

Schach Mahomet schwieg, eine gute Weile,Dann sprach er: Ansari, mein Auftrag hat Eile -

Geh nach meinen Ställen und erwähleDort hundert Maultiere und funfzig Kamele.

Die sollst du belasten mit allen Schätzen,Die eines Menschen Herz ergötzen,

Mit Herrlichkeiten und Raritäten,Kostbaren Kleidern und Hausgeräten

Von Sandelholz, von Elfenbein,Mit güldnen und silbernen Schnurrpfeiferein,

Kannen und Kelchen, zierlich gehenkelt,Lepardenfellen, groß gesprenkelt,

Mit Teppichen, Schals und reichen Brokaten,Die fabriziert in meinen Staaten -

Vergiß nicht, auch hinzuzupackenGlänzende Waffen und Schabracken,

Nicht minder Getränke jeder ArtUnd Speisen, die man in Töpfen bewahrt,

Auch Konfitüren und Mandeltorten,Und Pfefferkuchen von allen Sorten.

Füge hinzu ein Dutzend Gäule,Arabischer Zucht, geschwind wie Pfeile,

Und schwarze Sklaven, gleichfalls ein Dutzend,Leiber von Erz, strapazentrutzend.

Ansari, mit diesen schönen SachenSollst du dich gleich auf die Reise machen.

Du sollst sie bringen nebst meinem GrußDem großen Dichter Firdusi zu Thus.

Ansari erfüllte des Herrschers Befehle,Belud die Mäuler und Kamele

Mit Ehrengeschenken, die wohl den ZinsGekostet von einer ganzen Provinz.

Nach dreien Tagen verließ er schonDie Residenz, und in eigner Person,

Mit einer roten Führerfahne,Ritt er voran der Karawane.

Am achten Tage erreichten sie Thus;Die Stadt liegt an des Berges Fuß.

Wohl durch das Westtor zog hereinDie Karawane mit Lärmen und Schrein.

Die Trommel scholl, das Kuhhorn klang,Und laut aufjubelt Triumphgesang.

La Illa Il Allah! aus voller KehleJauchzten die Treiber der Kamele.

Doch durch das Osttor, am andern EndVon Thus, zog in demselben Moment

Zur Stadt hinaus der Leichenzug,Der den toten Firdusi zu Grabe trug.

Nächtliche Fahrt

Es wogte das Meer, aus dem dunklen GewölkDer Halbmond lugte scheu;Und als wir stiegen in den Kahn,Wir waren unsrer drei.

Es plätschert' im Wasser des RuderschlagsVerdrossenes Einerlei;Weißschäumende Wellen rauschten heran,Bespritzten uns alle drei.

Sie stand im Kahn so blaß, so schlank,Und unbeweglich dabei,Als wär sie ein welsches Marmorbild,Dianens Konterfei.

Der Mond verbirgt sich ganz. Es pfeiftDer Nachtwind kalt vorbei;Hoch über unsern Häuptern ertöntPlötzlich ein gellender Schrei.

Die weiße, gespenstische Möwe wars,Und ob dem bösen Schrei,Der schauerlich klang wie Warnungsruf,Erschraken wir alle drei.

Bin ich im Fieber? Ist das ein SpukDer nächtlichen Phantasei?Äfft mich ein Traum? Es träumet mirGrausame Narretei.

Grausame Narretei! Mir träumt,Daß ich ein Heiland sei,Und daß ich trüge das große KreuzGeduldig und getreu.

Die arme Schönheit ist schwer bedrängt,Ich aber mache sie freiVon Schmach und Sünde, von Qual und Not,Von der Welt Unfläterei.

Du arme Schönheit, schaudre nichtWohl ob der bittern Arznei;Ich selber kredenze dir den Tod,Bricht auch mein Herz entzwei.

O Narretei, grausamer Traum,Wahnsinn und Raserei!Es gähnt die Nacht, es kreischt das Meer,O Gott! o steh mir bei!

O steh mir bei, barmherziger Gott!Barmherziger Gott Schaddey!Da schollerts hinab ins Meer - O Weh -Schaddey! Schaddey! Adonay! -

Die Sonne ging auf, wir fuhren ans Land,Da blühte und glühte der Mai!Und als wir stiegen aus dem Kahn,Da waren wir unsrerzwei.

Vitzliputzli

Präludium

Dieses ist Amerika!Dieses ist die neue Welt!Nicht die heutige, die schonEuropäisieret abwelkt. -

Dieses ist die neue Welt!Wie sie Christoval KolumbusAus dem Ozean hervorzog.Glänzet noch in Flutenfrische,

Träufelt noch von Wasserperlen,Die zerstieben, farbensprühend,Wenn sie küßt das Licht der Sonne.Wie gesund ist diese Welt!

Ist kein Kirchhof der Romantik,Ist kein alter ScherbenbergVon verschimmelten SymbolenUnd versteinerten Perucken.

Aus gesundem Boden sprossenAuch gesunde Bäume - keinerIst blasiert und keiner hatIn dem Rückgratmark die Schwindsucht.

Auf den Baumesästen schaukelnGroße Vögel. Ihr GefiederFarbenschillernd. Mit den ernsthaftLangen Schnäbeln und mit Augen,

Brillenartig schwarz umrändert,Schaun sie auf dich nieder, schweigsam -Bis sie plötzlich schrillend aufschreinUnd wie Kaffeeschwestern schnattern.

Doch ich weiß nicht, was sie sagen,Ob ich gleich der Vögel SprachenKundig bin wie Salomo,Welcher tausend Weiber hatte

Und die Vögelsprachen kannte,Die modernen nicht allein,Sondern auch die toten, alten,Ausgestopften Dialekte.

Neuer Boden, neue Blumen!Neue Blumen, neue Düfte!Unerhörte, wilde Düfte,Die mir in die Nase dringen,

Neckend, prickelnd, leidenschaftlich -Und mein grübelnder GeruchsinnQuält sich ab: Wo hab ich dennJe dergleichen schon gerochen?

Wars vielleicht auf Regentstreet,In den sonnig gelben ArmenJener schlanken Javanesin,Die beständig Blumen kaute?

Oder wars zu Rotterdam,Neben des Erasmi Bildsäul,In der weißen WaffelbudeMit geheimnisvollem Vorhang?

Während ich die neue WeltSolcher Art verdutzt betrachte,Schein ich selbst ihr einzuflößenNoch viel größre Scheu - Ein Affe,

Der erschreckt ins Buschwerk forthuscht,Schlägt ein Kreuz bei meinem Anblick,Angstvoll rufend: »Ein Gespenst!Ein Gespenst der alten Welt!«

Affe! fürcht dich nicht, ich binKein Gespenst, ich bin kein Spuk;Leben kocht in meinen Adern,Bin des Lebens treuster Sohn.

Doch durch jahrelangen UmgangMit den Toten, nahm ich anDer Verstorbenen ManierenUnd geheime Seltsamkeiten.

Meine schönsten Lebensjahre,Die verbracht ich im Kyffhäuser,Auch im Venusberg und andernKatakomben der Romantik.

Fürcht dich nicht vor mir, mein Affe!Bin dir hold, denn auf dem haarlosLedern abgeschabten HinternTrägst du Farben, die ich liebe.


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