Zehntes Kapitel
„Pierreist so langweilig,“ sagte Albert zu seiner Mutter, als sie miteinander in den vom Regen erfrischten Garten gingen, um Rosen zu schneiden. „Er hat sich ja die ganze Zeit nicht eben viel aus mir gemacht, aber gestern war rein gar nichts mit ihm anzufangen! Neulich, als ich davon sprach, wir wollten einmal eine Wagenfahrt zusammen machen, da war er ganz begeistert. Und gestern mochte er kaum mitgehen, ich mußte ihn fast darum bitten. Es war ja kein sehr großes Vergnügen für mich, da ich nicht beide Pferde nehmen durfte, ich ging eigentlich überhaupt nur seinetwegen.“
„War er denn unterwegs nicht artig?“ fragte Frau Veraguth.
„Ach, artig war er schon, nur so langweilig! Er hat manchmal direkt etwas Blasiertes, der Junge. Was ich auch vorschlug und was ich ihm zeigte oder anbot, war ihm kaum ein Jaja oder ein Lächeln wert, er wollte nicht auf dem Bock sitzen, er wollte nicht kutschieren lernen, nicht einmal Aprikosen essen wollteer. Richtig wie ein verwöhnter Prinz. Es war ärgerlich und ich sage es dir, weil ich ihn wirklich ein andermal nicht wieder mitnehmen möchte.“
Die Mutter blieb stehen und sah ihn prüfend an; sie mußte über seine Erregung lächeln und sah mit Befriedigung in seine funkelnden Augen.
„Großer Junge,“ sagte sie begütigend, „du mußt Geduld mit ihm haben. Vielleicht war er nicht ganz wohl, er hat auch heut früh fast nichts gegessen. Das kommt bei allen Kindern zuweilen vor, bei dir war’s auch einmal so. Ein bißchen Magenkatarrh oder eine Nacht mit schlechten Träumen ist meistens schuld daran, und Pierre ist freilich etwas zart und empfindlich. Und dann, versteh, ist er vielleicht auch ein wenig eifersüchtig. Du mußt bedenken, er hat mich sonst immer ganz für sich, und jetzt bist du da und er muß mit dir teilen.“
„Wenn ich doch Ferien habe! Das muß er doch wahrhaftig begreifen, er ist ja nicht dumm!“
„Er ist ein kleines Kind, Albert, und du mußt schon der Gescheitere sein.“
Es tropfte noch von den frisch metallen glitzerndenBlättern. Sie gingen den gelben Rosen nach, die Albert besonders liebte. Er bog die Kronen der Bäumchen auseinander und die Mutter schnitt mit der Gartenschere die Blumen ab, die noch etwas nüchtern und verregnet herabhingen.
„War ich eigentlich Pierre ähnlich, als ich in seinem Alter war?“ fragte Albert nachdenklich.
Frau Adele besann sich. Sie ließ die Hand mit der Schere sinken, sah dem Sohn in die Augen und schloß dann die ihren, um sein Knabenbildnis in sich wachzurufen.
„Du warst ihm äußerlich ziemlich ähnlich, bis auf die Augen, und du warst weniger dünn und schlank, das Wachsen kam bei dir etwas später.“
„Und sonst? Ich meine innerlich?“
„Nun, Launen hast du auch gehabt, mein Junge. Aber ich glaube, du warst doch beständiger, du hast deine Spiele und Arbeiten nicht so rasch gewechselt wie Pierre. Er ist auch überschwenglicher, als du warst, er ist weniger im Gleichgewicht.“
Albert nahm der Mutter die Schere aus der Hand und beugte sich suchend über einen Rosenstrauch.
„Pierre hat mehr von Papa,“ sagte er leise. „Du, Mutter, das ist so merkwürdig, wie in den Kindern sich die Eigenschaften ihrer Eltern und Vorfahren wiederholen und vermischen! Meine Freunde sagen, jeder Mensch habe schon als kleines Kind alles in sich, was sein ganzes Leben bestimmt, und man könne gar nichts dagegen tun, einfach gar nichts. Wenn zum Beispiel einer die Anlage zum Dieb oder Mörder in sich hat, so hilft alles nichts, er muß und muß ein Verbrecher werden. Es ist eigentlich furchtbar. Du glaubst doch auch daran? Es ist vollkommen wissenschaftlich.“
„Das ist mir einerlei,“ lächelte Frau Adele. „Wenn jemand ein Verbrecher geworden ist und Menschen umgebracht hat, so kann die Wissenschaft vielleicht nachweisen, daß das schon immer in ihm gesteckt hat. Aber ich zweifle gar nicht daran, daß es sehr viele rechtschaffene Leute gibt, die von Eltern und Voreltern her Böses genug geerbt haben und doch gut bleiben, und das kann die Wissenschaft nicht gut untersuchen. Eine gute Erziehung und ein guter Wille ist mir sicherer als alle Vererbungen. Wasrecht und anständig ist, das wissen wir und können es lernen, und daran muß man sich halten. Was man aber etwa von vorväterlichen Geheimnissen in sich hat, das weiß niemand genau und es ist besser, damit nicht viel zu rechnen.“
Albert wußte, daß seine Mama sich auf dialektische Dispute niemals einlasse, und sein Wesen gab ihrer einfachen Denkart eigentlich instinktmäßig recht. Doch spürte er wohl, daß damit das gefährliche Thema keineswegs erledigt sei, und er hätte nun gerne etwas Gründliches über jene Lehre von der Kausalität gesagt, die ihm aus den Reden einiger Freunde immer so sehr eingeleuchtet hatte. Doch besann er sich vergebens auf feste, klare, stichhaltige Sätze, auch fühlte er – im Gegensatz zu jenen Freunden, die er doch bewunderte – sich eigentlich viel mehr für eine moralische oder auch ästhetische Betrachtung der Dinge begabt als für die wissenschaftlich vorurteilslose, zu der er sich unter seinen Studiengenossen bekannte. So ließ er denn diese Dinge auf sich beruhen und ging den Rosen nach.
Unterdessen war Pierre, der sich wirklich nichtwohl fühlte und am Morgen weit später als sonst und ohne Lebensfreude erwacht war, so lange im Kinderzimmer bei seinen Spielsachen geblieben, bis es ihm langweilig wurde. Es war ihm ziemlich elend zumute und ihm schien, es müsse heute schon etwas Besonderes geschehen und sich einfinden, damit dieser geschmacklose Tag erträglich und ein bißchen hübsch werde.
Unruhig zwischen Erwartung und Mißtrauen ging er aus dem Hause und in den Lindengarten, auf der Suche nach irgend etwas Neuem, nach irgendeinem Fund oder Abenteuer. Sein Magen war öde, das kannte er aus früheren Erfahrungen, und sein Kopf war müde und schwer, wie er ihn noch nie gefühlt hatte, und am liebsten hätte er sich an der Mutter Knie geflüchtet und geheult. Allein das ging nicht, solange der stolze, große Bruder da war, der ihn ohnehin immer fühlen ließ, daß er noch ein kleiner Bub sei.
Wenn es nur der Mutter eingefallen wäre, von sich aus etwas zu tun, ihm zu rufen und ihm ein Spiel vorzuschlagen und nett mit ihm zu sein. Aberdie war jetzt natürlich wieder mit Albert gegangen. Pierre fühlte, es war heute ein Unglückstag und wenig zu hoffen.
Er schlenderte unentschlossen und mißmutig die Kieswege entlang, den welken Stiel einer Lindenblüte zwischen den Zähnen und die Hände in den Taschen. Es war frisch und feucht im morgendlichen Garten, und der Stiel schmeckte bitter. Er spie ihn aus und blieb verdrießlich stehen. Nichts wollte ihm einfallen, er mochte heute nicht Prinz noch Räuber, nicht Fuhrmann noch Baumeister sein.
Mit gerunzelter Stirne schaute er am Boden umher, stocherte mit den Schuhspitzen im Kies und schleuderte eine graue schleimige Wegschnecke mit dem Fuß weit fort ins nasse Gras. Es wollte nichts zu ihm sprechen, kein Vogel noch Schmetterling, nichts wollte ihn anlachen und ihn zur Fröhlichkeit verführen. Alles schwieg, alles sah alltäglich, hoffnungslos und schäbig aus. Er versuchte am nächsten Strauch eine kleine hellrote Johannisbeertraube; sie schmeckte kalt und sauer. Man sollte sich hinlegen und schlafen, dachte er, so lange schlafen, bisalles wieder neu und schön und lustig aussähe. Es hatte ja keinen Sinn, da herumzugehen und sich zu plagen und auf Dinge zu warten, die doch nicht kommen wollten. Wie schön könnte es sein, wenn zum Beispiel etwa ein Krieg ausgebrochen wäre und eine Menge Soldaten zu Pferde auf der Straße herankämen, oder wenn irgendwo ein Haus in Flammen stände oder eine große Überschwemmung wäre. Ach, diese Sachen standen alle nur in den Bilderbüchern, in Wirklichkeit bekam man sie nie vor Augen und vielleicht gab es sie gar nicht.
Seufzend schlenderte der Knabe weiter, das hübsche, zarte Gesicht erloschen und voll Kummer. Als er jenseits der hohen Spalierwand die Stimme Alberts und der Mutter hörte, überfiel ihn Eifersucht und Widerwillen so stark, daß er Tränen in die Augen bekam. Er kehrte um und ging ganz leise, um nicht gehört und angerufen zu werden. Er wollte jetzt niemand Rede stehen, er wollte von niemand zum Reden und Aufmerken und Artigsein genötigt werden. Es ging ihm schlecht, jämmerlich schlecht, und niemand kümmerte sich um ihn, sowollte er wenigstens die Vereinsamung und Trauer auskosten und sich richtig elend fühlen.
Er dachte auch an den lieben Gott, den er zu Zeiten sehr schätzte, und einen Augenblick brachte der Gedanke einen fernen Schimmer von Trost und Wärme, aber das sank schnell wieder unter. Wahrscheinlich war es mit dem lieben Gott auch nichts. Und doch hätte er gerade jetzt so sehr jemand gebraucht, auf den ein Verlaß war und von dem man sich etwas Hübsches und Tröstliches versprechen durfte.
Da fiel ihm der Vater ein. Es war ein ahnungsvolles Gefühl, daß der ihn vielleicht verstehen könnte, da er selber meistens still und gespannt und unfroh aussah. Der Vater stand ohne Zweifel, so wie immer, in seinem großen, stillen Atelier drüben und malte an seinen Bildern. Da war es eigentlich nicht gut, ihn zu stören. Aber er hatte ja erst ganz kürzlich gesagt, Pierre solle nur immer zu ihm kommen, wenn es ihn gelüste. Vielleicht hatte er es wieder vergessen, alle Erwachsenen vergaßen ja ihre Versprechungen immer so bald wieder. Aber versuchenkonnte man es einmal. Lieber Gott, wenn man doch durchaus keinen anderen Trost wußte und es so nötig hatte!
Langsam erst, dann in aufglimmender Hoffnung rascher und straffer ging er den schattigen Weg zum Atelier. Da nahm er die Türklinke in die Hand und blieb stehen, um zu lauschen. Ja, der Papa war drinnen, er hörte ihn schnauben und räuspern, und er hörte das hölzerne Geräusch der fein klappernden Pinselstiele, die er in der Linken hielt.
Vorsichtig drückte er die Klinke herab, öffnete die Türe geräuschlos und steckte den Kopf hinein. Der heftige Geruch von Terpentin und Lack war ihm zuwider, aber des Vaters breite, starke Gestalt erweckte Hoffnung. Pierre trat ein und schloß die Türe hinter sich.
Beim Einschnappen der Klinke zuckte der Maler, von Pierre aufmerksam beobachtet, mit den breiten Schultern und wendete den Kopf zurück. Die scharfen Augen blickten beleidigt und fragend herüber und der Mund stand unangenehm offen.
Pierre rührte sich nicht. Er sah dem Vater in dieAugen und wartete. Alsbald wurden dessen Augen freundlicher und sein böses Gesicht kam in Ordnung.
„Sieh da, Pierre! Wir haben uns einen ganzen Tag nicht gesehen. Hat Mama dich hergeschickt?“
Der Kleine schüttelte den Kopf und ließ sich küssen.
„Willst du ein wenig bei mir sein und zusehen?“ fragte der Vater freundlich. Zugleich wandte er sich wieder seinem Bilde zu und zielte scharf mit einem spitzen Pinselchen auf einen Fleck. Pierre sah zu. Er sah den Maler auf seine Leinwand blicken, sah seine Augen gespannt und wie zornig starren und seine starke, nervöse Hand mit dem dünnen Pinsel zielen, er sah ihn die Stirnfalten spannen und die Unterlippe mit den Zähnen fassen. Dazu roch er die scharfe Werkstattluft, die er nie gern gehabt hatte und die ihm heut besonders widerlich war.
Seine Augen erloschen und er blieb wie gelähmt bei der Türe stehen. Er kannte das alles, diesen Geruch und diese Augen und diese Grimassen der Aufmerksamkeit, und er wußte, es war töricht gewesen zu erwarten, daß es heute anders sei als immer. Der Vater arbeitete, er wühlte in seinenstarkriechenden Farben und dachte an nichts in der Welt als an seine dummen Bilder. Es war töricht gewesen, hier hereinzukommen.
Die Enttäuschung ließ des Knaben Gesicht erschlaffen. Er hatte es ja gewußt! Es gab heute keine Zuflucht für ihn, bei der Mutter nicht und hier erst recht nicht.
Eine Minute lang stand er gedankenlos und traurig und blickte, ohne etwas zu sehen, auf das große Bild mit den spiegelnd nassen Farben. Dafür hatte Papa Zeit, für ihn nicht. Er nahm die Klinke wieder in die Hand und drückte sie nieder, um still davonzugehen.
Veraguth hörte aber das schüchterne Geräusch. Er blickte sich um, brummte und kam heran.
„Was ist, Pierrot? Nicht davonlaufen! Willst du nicht ein wenig beim Papa bleiben?“
Pierre zog seine Hand zurück und nickte schwach.
„Hast du mir etwas sagen wollen?“ fragte der Maler freundlich. „Komm, wir setzen uns zusammen, dann erzählst du mir. Wie war denn die Ausfahrt gestern?“
„O, es war nett,“ sagte der Kleine artig.
Veraguth fuhr ihm mit der Hand übers Haar.
„Hat es dir nicht gut getan? Du siehst ein bißchen verschlafen aus, mein Junge! Du hast doch nicht etwa Wein bekommen, gestern? Nein? Also, was tun wir jetzt? Wollen wir zeichnen?“
Pierre schüttelte den Kopf.
„Ich mag nicht, Papa. Es ist heut so langweilig.“
„So? Du hast gewiß schlecht geschlafen? Wollen wir ein wenig miteinander turnen?“
„Ich mag nicht. Ich mag nur gerne bei dir sein, weißt du. Aber es riecht hier so schlecht.“
Veraguth streichelte ihn und lachte.
„Ja, das ist ein Unglück, wenn du keine Farben riechen magst und ein Malerskind bist. Da wirst du wohl nie ein Maler werden?“
„Nein, ich will auch nicht.“
„Was willst du denn werden?“
„Gar nichts. Am liebsten wär’ ich ein Vogel oder so etwas.“
„Das wäre nicht schlecht. Aber sag mir jetzt,Schatzi, was du gern von mir haben möchtest. Schau, ich muß an dem großen Bild weiter arbeiten. Wenn du willst, kannst du dableiben und etwas spielen. Oder soll ich dir ein Bilderbuch zum Anschauen geben?“
Nein, das war nicht, was er wollte. Er sagte, nur um wieder loszukommen, er werde jetzt die Tauben füttern gehen, und er merkte genau, daß der Vater aufatmete und froh war, ihn gehen zu sehen. Er wurde mit einem Kuß entlassen und ging hinaus. Der Vater zog die Türe zu, und Pierre stand wieder allein, noch leerer als zuvor. Er irrte quer über den Rasen, wo er eigentlich nicht gehen sollte, er riß zerstreut und bekümmert ein paar Blumen ab und sah gleichgültig zu, wie seine hellen, gelben Schuhe im nassen Grase Flecken bekamen und dunkel wurden. Schließlich warf er sich, von Verzweiflung überwältigt, mitten in den Rasen, wühlte schluchzend den Kopf ins Gras und fühlte die Ärmel seiner hellblauen Bluse naß werden und an den Armen kleben.
Erst als er zu frieren begann, stand er ernüchtert wieder auf und schlich sich scheu ins Haus.
Bald würde man ihn rufen, und dann würde man sehen, daß er geweint hatte, und dann würde man die nasse, schmutzige Bluse und die feuchten Schuhe bemerken und ihn dafür schelten. Feindselig ging er an der Küchentüre vorüber, er mochte jetzt mit niemand zusammentreffen. Er wäre am liebsten irgendwo weit fortgewesen, wo gar niemand von ihm wußte und nach ihm fragte.
Da sah er an einem der selten bewohnten Gastzimmer den Schlüssel stecken. Er ging hinein, zog die Türe zu, schloß auch die offenstehenden Fenster und verkroch sich wild und müde und ohne die Schuhe auszuziehen auf ein großes unüberzogenes Bett. Da blieb er zwischen Weinen und Schlummern in seinem Jammer liegen. Und als er, nach einer langen Zeit, seine Mutter im Hof und auf der Treppe nach ihm rufen hörte, gab er keine Antwort und grub sich trotzig tiefer in die Decke. Die Stimme der Mutter kam und ging und verklang endlich, ohne daß er sich überwinden konnte, ihr zu folgen. Zuletzt schlief er mit nassen Wangen ein.
Mittags, als Veraguth zu Tische kam, fragte ihnseine Frau sogleich: „Hast du denn Pierre nicht mitgebracht?“
Ihr etwas erregter Ton fiel ihm auf.
„Pierre? Ich weiß nichts von ihm. War er denn nicht bei euch?“
Frau Adele erschrak und redete lauter.
„Nein, ich habe ihn seit dem Frühstück nimmer gesehen! Als ich ihn suchte, sagten mir die Mädchen, sie hätten ihn ins Atelier gehen sehen. War er denn nicht dort?“
„Ja, er war da, aber nur einen Augenblick, er lief gleich wieder weg.“
Und ärgerlich fügte er hinzu: „Sieht denn kein Mensch im Haus nach dem Jungen?“
„Wir glaubten, er sei bei dir,“ sagte Frau Adele kurz und gekränkt. „Ich gehe ihn suchen.“
„Schicke jemand nach ihm! Wir wollen nun doch essen.“
„Ihr könnt ja inzwischen beginnen. Ich gehe selbst suchen.“
Sie ging hastig aus dem Zimmer. Albert stand auf und wollte ihr folgen.
„Bleib hier, Albert,“ rief Veraguth. „Wir sind bei Tische!“
Der Jüngling sah ihn zornig an.
„Ich werde mit Mama essen,“ sagte er trotzig.
Ironisch lächelte ihm der Vater ins erregte Gesicht.
„Meinetwegen, du bist ja Herr im Hause, nicht wahr? Falls du übrigens Lust hast, wieder einmal mit Messern nach mir zu werfen, so laß dich bitte nicht durch irgendwelche Vorurteile davon abhalten!“
Der Sohn wurde bleich und stieß seinen Stuhl zurück. Es war das erstemal, daß der Vater ihn an jene zornige Tat seiner Knabenzeit erinnerte.
„So darfst du nicht mit mir reden!“ rief er ausbrechend. „Ich dulde es nicht!“
Veraguth nahm sich ein Stück Brot und aß einen Bissen davon, ohne zu antworten. Er schenkte sich Wasser ins Glas, trank es langsam aus und beschloß ruhig zu bleiben. Er tat, als sei er allein, und Albert trat unschlüssig gegen das Fenster.
„Ich dulde es nicht!“ rief er endlich nochmals, unfähig, seinen Zorn bei sich zu behalten.
Der Vater streute Salz auf sein Brot. Er sah sich in Gedanken ein Schiff besteigen und auf endlosen fremden Meeren fahren, weit weg von diesen unheilbaren Verwirrungen.
„Es ist gut,“ sagte er beinahe friedlich. „Ich sehe, daß es dir unsympathisch ist, wenn ich mit dir rede. Lassen wir’s doch!“
In diesem Augenblick hörte man draußen einen erstaunten Ausruf und eine Flut erregter Worte. Frau Adele hatte den Knaben in seinem Schlupfwinkel entdeckt. Der Maler horchte auf und ging rasch hinaus. Heute schien alles durcheinander zu gehen.
Er fand Pierre mit schmutzigen Stiefeln in dem zerwühlten Gastbett liegen, das Gesicht verschlafen und verweint, die Haare wirr, und davor seine Frau in hilflosem Erstaunen.
„Aber Kind,“ rief sie endlich zwischen Sorge und Ärger, „was machst du denn? Warum gibst du keine Antwort? Und warum liegst du hier?“
Veraguth richtete den Kleinen auf und sah ihm erschrocken in die ausdruckslosen Augen.
„Bist du krank, Pierre?“ fragte er zärtlich.
Der Knabe schüttelte verwirrt den Kopf.
„Hast du denn hier geschlafen? Bist du schon lange hier?“
Mit einer dünnen, mutlosen Stimme sagte Pierre: „Ich kann nichts dafür ... Ich habe nichts getan ... Ich habe nur Kopfweh gehabt.“
Veraguth trug ihn auf seinen Armen ins Speisezimmer hinüber.
„Gib ihm einen Teller Suppe,“ sagte er zu seiner Frau. „Du mußt ein wenig Warmes essen, Kind, das tut gut, du wirst sehen. Du bist gewiß krank, armer Kerl.“
Er setzte ihn in seinen Sessel, schob ihm ein Kissen in den Rücken und gab ihm selber mit dem Löffel seine Suppe ein.
Albert saß schweigend und verschlossen.
„Er scheint wirklich krank zu sein,“ sagte Frau Veraguth beinahe beruhigt, mit dem Gefühl der Mutter, die zu Hilfe und Pflege freudiger bereit ist als zur Untersuchung und Behandlung ungewöhnlicher Unarten.
„Wir bringen dich nachher zu Bett, iß jetzt nur, mein Herz,“ tröstete sie zutraulich.
Pierre saß, grau im Gesicht, mit halbwachen Augen und schluckte widerstandslos, was ihm eingelöffelt wurde. Während der Vater ihn mit Suppe fütterte, fühlte ihm die Mutter den Puls und war froh, kein Fieber zu finden.
„Soll ich den Doktor holen?“ fragte Albert, um doch auch etwas zu tun, mit unfester Stimme.
„Nein, laß nur,“ sagte die Mutter. „Pierre kommt ins Bett und wird fein warm gewickelt, dann schläft er tüchtig aus und wird morgen wieder gesund. Nicht wahr, Schatzi?“
Der Kleine hörte nicht zu, und er schüttelte abwehrend den Kopf, als ihm der Vater noch mehr zu essen geben wollte.
„Nein, zwingen soll er sich nicht dazu,“ sagte die Mutter. „Komm nur mit, Pierre, wir gehen zu Bett, da wird alles wieder gut.“
Sie nahm seine Hand und er stand schwerfällig auf. Schläfrig folgte er der Mutter, die ihn mit sich zog. Aber in der Türe blieb er stehen, verzog dasGesicht und krümmte sich zusammen, und in einem Anfall von Übelkeit gab er alles wieder von sich, was er eben gegessen hatte.
Veraguth trug ihn ins Schlafzimmer und überließ ihn der Mutter. Glockenzüge klangen und Dienstboten liefen treppauf und ab. Der Maler aß einige Bissen, zwischenein lief er zweimal wieder zu Pierre hinüber, der nun ausgekleidet und gewaschen in seiner messingenen Bettstatt lag. Dann kam Frau Adele zurück und berichtete, das Kind sei ruhig und ohne Schmerzen und scheine einschlafen zu wollen.
Der Vater wandte sich an Albert: „Was hat Pierre gestern zu essen bekommen?“
Albert besann sich, wandte aber seine Antwort an die Mutter.
„Es war nichts Besonderes. In Brückenschwand ließ ich Pierre Brot und Milch geben, und zum Mittagessen in Pegolzheim bekamen wir Makkaroni und Koteletten.“
Der Vater fragte inquisitorisch weiter: „Und später?“
„Er wollte nichts mehr nehmen. Am Nachmittagkaufte ich bei einem Gärtner Aprikosen. Von denen hat er nur eine oder zwei gegessen.“
„Waren sie reif?“
„Ja, natürlich. Du scheinst zu glauben, ich habe ihm absichtlich den Magen verdorben.“
Die Mutter bemerkte seine Gereiztheit und fragte: „Was habt ihr denn?“
„Nichts,“ sagte Albert.
Veraguth fuhr fort: „Ich glaube gar nichts, ich frage nur. Ist gestern gar nichts passiert? Hat er nie erbrochen? Oder ist er gefallen? Hat er nie über Schmerzen geklagt?“
Albert gab mit Ja und Nein knappe Auskunft und wünschte sehnlich, diese Mahlzeit möchte vorüber sein.
Als der Vater nochmals auf Zehenspitzen in Pierres Schlafzimmer ging, fand er ihn eingeschlafen. Das blasse Kindergesicht war voll von tiefer Ernsthaftigkeit und sehnlich inbrünstiger Hingabe an den tröstenden Schlaf.