Achtes Kapitel

Achtes Kapitel

Am nächsten Morgen hielten die Kompagnien wieder auf dem Kasernenhof Einzelexerzieren ab. Die große Felddienstübung mit den Gardereitern bei Rähnitz war abgesagt worden.

Die Offiziere standen beieinander und machten ernsteMienen. Die Mannschaften waren in großer Spannung. Allerlei Gerüchte liefen herum, nach denen es in der Altstadt zwischen den Aufrührern und der Kommunalgarde schon zu blutigen Zusammenstößen gekommen war.

Die Vormittagstunden schlichen dahin; jeder merkte, daß das Exerzieren nur abgehalten wurde, um die Zeit hinzubringen. Niemand war richtig dabei. Und eine gedrückte Stimmung, die auf allen wie Blei lastete, verhinderte selbst das Aufkommen des alten Soldatenhumors, der schon über manche ernste Stunde hinweggeholfen hat.

Unter den Soldaten der damaligen Zeit herrschten die erheblichsten Altersunterschiede. Es gab welche, die kaum das siebzehnte Lebensjahr erreicht und wiederum Unteroffiziere, die die Fünfzig überschritten hatten. Unter ihnen waren Verheiratete, deren Frauen eine Wirtschaft betrieben oder einen kleinen Kramladen besaßen. Der Dienst endete zumeist zeitig am Abend, und die Mannschaften hatten viel freie Zeit, die sie im engen Verkehr mit dem Kleinbürgertum verbrachten.

In den letztverflossenen Jahren hatte es unter der sächsischen Bevölkerung gewaltig gegärt, und die Stimmung gegen die Armee war verbittert. Der Soldat erfreute sich lange nicht mehr der hohen Schätzung wie nach den Freiheitskriegen, sondern wurde über die Achsel angesehen.

Als sich aber der Unwille des Volks gegen die Regierung steigerte, änderte sich das Verhalten der bürgerlichen Kreise. Sie versuchten, unter den Mannschaften Mißstimmung zu erregen und besonders die Unteroffiziere für ihre Ideen zu gewinnen.

So hatte es sich, vornehmlich während der letzten Monate, vielfach zugetragen, daß nicht nur einfache Männer aus dem Volke, sondern auch Vertreter des gehobenen Bürgerstandes in den Wirtshäusern mit Soldaten zusammensaßen, ihnen Bier und Branntwein reichen ließen und Zigarren darboten. Man hätte sich früher geirrt, wurde den Arglosen versichert, wenn man sie gehaßt und vertierte Söldlinge genannt habe. Der einfache Soldat sei ein Freund des Volks, und man müsse ihn schätzen! Er allein verstünde die große Not, die jetzt im Lande herrsche! Er gehöre zum Volk und fühle mit ihm! Aber die Offiziere –!

So war es nicht schwer gewesen, den Beifall manches Leichtgläubigen zu gewinnen. Und die Zuversicht weiter Kreise, die Disziplin der Armee zu lockern, war erheblich gewachsen. Man hatte sich immer mehr mit dem Gedanken vertraut gemacht, die Truppen im Ernstfalle gegen die Regierung zu benutzen.

Aber der Gang der Ereignisse bereitete den Zuversichtlichen die schwersten Enttäuschungen. Der Soldat nahm die Darbietungen schmunzelnd an und ließ sich Bier und Zigarren gut schmecken. Er nickte zu den Anklagen beistimmend und schimpfte unter der Einwirkung des Branntweins zuweilen wohl auch auf die Zustände und auf gewisse Offiziere, die durch Strenge unbeliebt waren. Den guten Soldatengeist konnten diese Wühlereien aber nicht ertöten. Der Soldat erinnerte sich seiner Mannszucht in dem Augenblick, als er sah, daß die Sicherheit des Thrones und der Frieden des Landes ernstlich gefährdet waren.

Die Truppen taten ihre Schuldigkeit. Und ihre Erbitterungwuchs, je mehr sich die Hartnäckigkeit steigerte, mit der ihnen die Aufrührer während des Straßenkampfes Widerstand leisteten. –

Kurt ging während des ganzen Tages mit verstörtem Gesicht umher. Seine Kameraden beobachteten, wie schwer er seelisch litt und schoben es auf die große Enttäuschung, die er mit seinen lange gewahrten Sympathien für die bürgerliche Bewegung erlebt hatte. Anfänglich versuchten sie, den Schweigsamen aufzuheitern. Aber sie gaben ihre Bemühungen auf, als sie erkannten, daß sie fruchtlos waren.

Wieder war es Abend geworden, als Kurt einsam in seinem Zimmer saß. Da wurde ihm eine Dame gemeldet. Es war Tante Sidonie. Das alte Fräulein hatte all ihre, jederzeit streng gewahrte Feierlichkeit verloren. Sie war völlig fassungslos und konnte vor innerer Bewegung kaum sprechen.

Ihre stumme Hilflosigkeit rührte Kurt. Er sah, wie tief sie erschüttert war. Ganz gebrochen saß sie auf der Stuhlkante, und ihre schmalen, weißen Hände zitterten beständig.

Endlich bat sie ihn, ihr alles zu erzählen. Sie wäre heute bei Abendroths gewesen und hätte auch die Zehmen dort getroffen. Aus ihrem Munde habe sie die schweren Anklagen vernommen, die gegen ihn gerichtet würden.

Kurt schüttete der Tante sein Herz aus. Es tat ihm wohl, zu einem vertrauten Menschen sprechen zu können. Er begann damit, wie er Valentine Marschall kennen gelernt, schilderte seine Besuche bei ihren Eltern und verschwieg nicht den tiefen Eindruck, den das geistig hochstehende Mädchen auf ihn gemacht. Anfänglich hättesie durch ihre Klugheit sein Interesse geweckt, dann hatte er ihren edlen Charakter erkannt und sie hoch geschätzt, bis er schließlich entdeckt, daß sich ein warmes Gefühl für das Mädchen leise in sein Herz geschlichen. Damit hätten auch die schweren seelischen Kämpfe begonnen, unter denen er viel gelitten.

Als er dies sagte, lösten sich Tante Sidoniens ineinandergerungenen Hände und tasteten zitternd über die Falten des Kleides in ihrem Schoß. In dem Herzen des alten Fräuleins mochten verklungene Lieder aus der Jugendzeit leise wieder erklingen, und verblichene Bilder stiegen wohl in ihrer Seele herauf, die sie längst vergessen geglaubt. Damals mochte auch bei ihr der Zorn aufgeflammt sein, als ihre zartesten Mädchengefühle tief verletzt wurden. Heute urteilte sie milder. Die Zeit hatte den bitteren Schmerz geläutert, und in der Seele der alt gewordenen Jungfrau war ein großes Verzeihen langsam herangewachsen.

»Sage mir alles, Kurt,« bat sie unter leisem Weinen.

Da schilderte er den Verlauf seiner Beziehungen zu Valentine Marschall, sprach von seinen Sympathien für das Programm der demokratischen Partei, von den Zweifeln an der Rechtmäßigkeit und Billigkeit ihrer Forderungen, die an ihm immer wieder heraufgestiegen seien, und endlich von der Stunde, in der die Binde von seinen Augen gefallen war.

»Ich weiß, daß ich gegen Ursula gefehlt habe,« fuhr Kurt fort. »Aber ihr reines Bild ist auch während der Tage meiner Schwachheit nicht aus meinem Herzen verdrängt gewesen. Zu derselben Stunde, in der ich erkannte, daß ich den Forderungen der demokratischen Partei ausÜberzeugung nicht mehr beistimmen konnte, wich auch mit einem Schlag alle Schwäche von mir, die der Grund meines Schwankens zwischen Valentine und Ursula gewesen war. Schon vor diesem Zeitpunkt hatten sich meine Empfindungen für Valentine Marschall, wie ich dunkel empfand, heimlich gewandelt. Ich bewunderte und schätzte das geistvolle Mädchen mehr, als ich noch Zuneigung für sie hegte.

Der Bruch mit den Demokraten verscheuchte auch mein Zaudern und hieß mich handeln. Ich teilte Valentine Marschall meine politische Wandlung mit und sagte ihr für immer Lebewohl, wobei ich nicht unterließ, sie in mein Inneres blicken zu lassen. Heute bin ich mehr als je davon überzeugt, daß sie ein hochherziger Charakter ist.

Als es mich sodann drängte, Ursula alles zu gestehen und um Verzeihung für meine Schuld zu bitten, war es zu spät. Ich zürne ihr nicht, denn ich habe ihr Vertrauen schlecht belohnt und ihre reinen Empfindungen verletzt.«

Tante Sidonie hatte dieses Geständnis stumm und mit abgewendetem Gesicht angehört. Ihre Haltung war gebrochen. Alle Beherrschung war von ihr gewichen. Sie verstand, wie hier jeder Versuch zu versöhnen, vergeblich sein mußte.

An diesen beiden Menschen hing Tante Sidonie mit ihrem ganzen Herzen. Ihre Brust hatte von Jugend an das große Sehnen erfüllt, Liebe zu geben und zu empfangen. Doch hatte sie nie einen Menschen in ihr Inneres blicken lassen und ihre Weichheit stets unter einer zurückweisenden Haltung verborgen. So war die unerfüllt gebliebene Sehnsucht mit ihr alt geworden. An Kurt, den Sohn ihrer verstorbenen Lieblingsschwester, hatte sichihr Herz geklammert. Sein Glück sollte das ihrige sein! Deshalb hatte er ihre Liebe, ohne es zu wissen, mit Ursula teilen müssen. Im Träumen und Wachen waren die beiden jungen Menschen ihr ein und alles gewesen! – Und nun – – –?

Lange saßen Kurt und Tante Sidonie mit gesenkten Augen wortlos einander gegenüber.

Endlich sagte das alte Fräulein tonlos:

»Was wird die Zukunft noch an Schlimmem bringen!«

Kurt stand auf.

»Was sie auch bringen mag, liebe Tante,« versetzte er in tiefem Ernst, »ich werde mit dem Schicksal nicht hadern, sondern es in Geduld auf mich nehmen.«

Da erhob sich auch Tante Sidonie, küßte den Neffen mit zuckenden Lippen und ging still wieder fort, wie sie gekommen war.

Blutigrot stieg am Morgen des verhängnisvollen Donnerstags die Sonne herauf. Man schrieb den 3. Mai 1849. Als das Frühlicht hinter den Loschwitzer Höhen aufglimmte und die ersten Sonnenstrahlen die Kirchturmspitzen der sächsischen Hauptstadt vergoldeten, als die Milchfuhrwerke über das holprige Straßenpflaster rollten und in der alten Infanteriekaserne auf der Hauptstraße die schmetternden Töne der Reveille die Schläfer weckten, da herrschte in der Altstadt schon reges Leben.

Während der ganzen Nacht war bei Laternenschein rastlos an der Aufrichtung der Barrikaden gearbeitet worden. Das Straßenpflaster und die Granitplatten der Bürgersteige lieferten hierzu ausgezeichnetes Material. Ein Meister von Ruf hatte ihren Bau geleitet und seinBestes für das Gelingen eingesetzt, so daß ihre Festigkeit, wie sich erweisen sollte, selbst der furchtbaren Gewalt der Zwölfpfünder spottete. Die meisten Barrikaden waren fünf Ellen stark und reichten bis zum ersten Stockwerk der Häuser. Die beiden stärksten standen auf der Moritzstraße, Ecke Neumarkt, und bei Stadt Gotha.

In den frühesten Morgenstunden begannen von auswärts die Zuzüge der Bewaffneten. Aus der Oberlausitz, aus Leipzig, Freiberg und Riesa, aus den Bergwerken des Erzgebirges, den dichtbevölkerten Weberdörfern des Vogtlandes und den großen Bezirken der Zwickauer Kohlenschächte eilten die Männer in starken Tagesmärschen heran. Besonders zahlreich stellten sich die Turner und Studenten ein. Auch befand sich unter der Menge eine erhebliche Anzahl Polen, deren Sammelpunkt das Café français war.

Jeder Schwarm wurde von dem im Rathaus andauernd tagenden Sicherheitskomitee begrüßt, und die den Altmarkt bedeckende Menge jauchzte den Eintreffenden in überschäumender Begeisterung zu. »Revolutionshimmel!« – »Barrikadenwetter!« – »Retter des Vaterlands!«

Die Kommenden brachten eine überraschende Anzahl von Zündnadelgewehren und Spitzkugelbüchsen mit. Viele der Männer waren sichere Schützen, die ihre Schießfertigkeit in den heimatlichen Schützengilden längst erprobt hatten.

So zeigte sich schon mit Sonnenaufgang in den Straßen eine ungewöhnliche Bewegung. Die dem Tumult gegenüber ohnmächtigen städtischen Behörden sandten am Vormittag noch einmal eine Abordnung ins Schloß, darauf hinweisend, daß die aufs höchste gestiegene Leidenschaftdes Volks schon in der nächsten Stunde zum Ausbruch kommen könne.

Der Monarch empfing diese Abordnung tiefernst und wiederholte, daß er die Reichsverfassung alsbald anerkennen und die Kaiserkrönung billigen werde, wenn Preußens König darein willigte. Ohne Preußen könne aber kein machtvolles, großes Deutschland erstehen, nur ein zerstückeltes und uneiniges. – Während diese Worte fielen, umstanden Tausende und aber Tausende das Schloß und harrten ungeduldig der Entscheidung.

Die Kommunalgarde wurde durch anhaltende Glockenschläge vom Kreuzturm herab zusammengerufen. Aber auch in ihren Reihen gärte es gewaltig. Und unter den friedlich Bleibenden gab es ihrer viele, die in Uniform und Bewaffnung alten, biederen Landsoldaten glichen und die ganz außerstande waren, gegen entfesselte Volksleidenschaften zu kämpfen. Dazu wurden die Massen auf der Wilsdruffer Gasse, auf dem Altmarkt, dem Postplatz und vor dem Zeughaus immer aufgeregter.

Beim Linienregiment Albert war für den heutigen Vormittag kein Dienst angesetzt. Die Kompagnien hielten sich zum Abrücken bereit. Kein Mann durfte das Kompagnierevier verlassen; die Leute blieben in den Stuben versammelt. Die Seitengewehre mit Patronentasche waren umgeschnallt, und die Hosen steckten in den Stiefelschäften. Auf den Tischen lagen die gepackten Tornister mit aufgeschnalltem Feldkessel, die gerollten Mäntel und die gefüllten Brotbeutel. Daneben standen die Tschakos.

Gegen elf Uhr wurden die Kompagniefeldwebel auf das Regimentsbureau gerufen. Dort erfuhren sie unter anderem, daß alle Mannschaften auszurücken hätten,wenn der Befehl zum Abmarsch käme. Nur die Köche und die drei Unteroffiziere vom Kasernendienst sollten unter Hauptmann Zimmermann in der Kaserne zurückbleiben.

Diesen letzten Teil des Befehls hörte auch Heinrich, der sich mit seinen beiden Kameraden gerade beim Regimentsadjutanten als Unteroffizier vom Kasernendienst gemeldet hatte. Als er bei seinem, inmitten der Feldwebel stehenden Vater vorüberging, raunte ihm dieser mit finsterem Gesicht zu:

»Ich habe mit dir sofort nach dem Befehlschreiben zu sprechen!«

Heinrich ahnte nichts Gutes und begab sich in die väterliche Wohnung. Der junge Mann war tief bedrückt. Durch die Konsignierung der Truppen war es ihm nicht möglich gewesen, die Kaserne zu verlassen, um zu Marschalls zu gehen. Er wußte nicht, wie es mit der Kranken stand, und die Besorgnis um sie quälte ihn fürchterlich.

Linchen empfing den Bruder mit tief bekümmertem Gesicht. Auch sie litt schwer unter der Ungewißheit.

»Der Vater ist vorhin hier gewesen,« sagte sie trostlos. »Er war ganz wild auf dich.«

Heinrich legte die Hände auf die Patronentasche und zuckte verächtlich mit den Achseln.

»Wenn wir nur etwas von der Madam wüßten, Linchen, das ist mein ganzer Kummer,« sagte er. »Hättest du wirklich nicht einmal hinüberhuschen können?«

»Du glaubst nicht, wie der Vater auf mich aufgepaßt hat,« antwortete die Schwester. »Nicht eine Stunde lang hat er mich aus den Augen gelassen. Ich befürchte bald,es ist ihm hinterbracht worden, daß du immer drüben gewesen bist. Das wäre ja fürchterlich!«

Heinrich murmelte etwas Unverständliches.

Da schlug das zitternde Mädchen die Arme um seinen Hals und zog ihn zu sich herab.

»Ach, Heinrich,« stammelte sie mit zitternder Stimme, »mir ist so bange!«

»Sei ruhig, Linchen,« tröstete der ungeschlachte Bursche und tätschelte liebevoll die bleichen Wangen seiner Schwester. »Es wird wieder einmal ein Donnerwetter geben. Das sind wir doch schon gewohnt.«

Das Mädchen erschauerte tief, als wenn sie ein furchtbares Verhängnis ahne.

»Sei geduldig, lieber, guter Heinrich,« flehte sie, »– antworte ihm nicht, – kein Wort sage zu allem, – was er auch vorbringen mag.«

Heinrich nickte.

»Versprich mir's,« stammelte Linchen mit fliegendem Atem.

»Ja doch,« antwortete er ungeduldig.

Da klang draußen Stampfen, und die Tür flog auf. Feldwebel Mißbach trat ein. Sein Gesicht war von Zorn gerötet. Er warf das dicke Notizbuch auf den Tisch und schrie:

»Lump, meineidiger! Du hast dein Versprechen nicht gehalten.«

Heinrich blickte beiseite. In so maßloser Wildheit mochte er seinen Vater erst recht nicht sehen.

»Ich habe nichts versprochen,« antwortete er verbissen.

»Warum hast du meinem Befehl nicht gehorcht?« schrie Mißbach noch ärger.

Heinrich schwieg.

»Rede!« donnerte Mißbach.

»Ich konnte nicht.«

»Du konntest nicht? Du konn – test – nicht? – – Heiliggottverdammich, so rede doch, warum du nicht konntest!« Die Stimme schlug ihm über.

»Gegen seine Natur kann niemand,« antwortete Heinrich mit unnatürlicher Ruhe. »Marschalls haben an mir gehandelt wie Eltern.«

»Ungeratener!« schrie Mißbach in so fürchterlichem Ton, daß Linchen entsetzt zusammenfuhr. »Hund von einem Sohn! Ich wünschte, du wärst schon frühzeitig krepiert, anstatt ein solcher Schuft geworden!«

Heinrichs starker Körper bebte. Da sah er in Linchens totenblasses Gesicht. Ihre Augen waren mit herzzerreißendem Flehen auf ihn gerichtet. Das gab ihm die Kraft, seine furchtbare Erregung niederzuzwingen.

»Und dieser Advokat, der ehrlose Lump, litt es!« fuhr Mißbach von neuem auf. »Der König- und Landesverräter …«

Diese Worte trafen Heinrich wie ein Peitschenhieb.

»Herr Marschall ist ein Ehrenmann,« versetzte er mit leisem Beben in der Stimme. »Und was er tut, tut er zum Wohle des leidenden Volks!«

»Waas?« schrie Mißbach. »Bekennst du dich etwa auch für seine hochverräterischen Ideen?«

Linchen rang hinter dem Vater Heinrich die Hände zu. Jetzt kommt es zum Ärgsten, durchzuckte es sie. Heinrich gewahrte ihre Verzweiflung, aber er konnte sich nicht länger beherrschen! Nein – bei Gott, er konnte es nicht! Den väterlichen Freund in diesem Augenblick verlassen,hielt er für einen Schimpf. Und es mußte jetzt herunter von der Brust, was ihm lange schon fast den Atem raubte! Dem Vater furchtlos ins Gesicht sehend, antwortete Heinrich:

»Lügen kann ich nicht, Vater. Willst du es wissen, wie es um mich steht? Nun gut: ich bin auf der Seite des Herrn Advokaten!«

Feldwebel Mißbach stand regungslos inmitten des Zimmers, als wenn ihn der Schlag getroffen hätte. Seine mächtige Gestalt war hochaufgereckt, und seine breite Brust arbeitete schwer. Er rang nach Luft, um nicht zu ersticken. Plötzlich schlug er eine entsetzliche Lache auf.

»Hahaha! So hat mich meine Ahnung doch nicht betrogen,« höhnte er zwischen keuchenden Atemstößen, die seinen starken Körper erschütterten. »Seit sechsunddreißig Jahren trage ich den Rock des Königs in Ehren, damit ihn schließlich das eigene Blut in den Straßenkot zerrt. Hahaha!«

Plötzlich riß das erzwungene Lachen ab. Eine maßlose Wut flammte in dem jähzornigen Manne auf.

Linchen wußte, was kommen würde und eilte instinktiv zu dem Bruder. Da machte der Vater mit dem Arm eine abwehrende Bewegung gegen sie, daß der leichte Körper des Mädchens wie ein Ball zur Seite flog. Dumpf schlug sie mit der Stirn gegen den eisernen Untersatz des Kachelofens und blieb ohnmächtig liegen.

Mit einem Sprung stand Mißbach jetzt vor seinem Sohn und packte ihn mit der Faust an der Kehle.

»Bube!« keuchte er in einem fort und stieß Heinrich im Zimmer vor sich her. »Bube! …« Heinrich ranntegegen den schweren Tisch, daß er von seinem Platze sprang. Im nächsten Augenblick drückte Mißbach den sich Sträubenden rücklings auf den Tisch nieder. Heinrich sah das Gesicht des Vaters dicht über sich gebeugt. Es war blaurot. Die Augen funkelten, und der Schaum stand dem Rasenden vor dem Munde. Nur nicht die Besonnenheit verlieren! durchfuhr es wie ein Blitz Heinrichs Hirn, nur jetzt ruhig bleiben. Der Vater war ein Riese, das wußte er. Wenn er jetzt aber aufsprang, zerriß er ihn!

»Kanaille!« knirschte Mißbach sinnlos vor Wut und riß mit der freien Hand den Säbel aus der Scheide – – –

In diesem Augenblick geschah etwas Seltsames.

Der langgezogene Ton eines Hornes hallte vom Kasernenhof halb verklungen herauf, den Arm des Rasenden lähmend. In der nächsten Sekunde flogen dröhnend Türen auf, und die polternden Schritte und das laute Durcheinanderrufen der an die Korridorfenster eilenden Soldaten wurden hörbar.

Noch einmal tönte der einsame Hornruf: Das Ganze sammeln! Da fiel ein zweiter, ein dritter, ein vierter ein. Jetzt hatte auch der Signalist aus der nebenliegenden Mannschaftsstube das Horn an die Lippen gesetzt und erwiderte pflichtgemäß das Alarmsignal, das nunmehr in allen Kompagnierevieren nachgeblasen wurde.

Zu gleicher Zeit begannen die Trommeln dumpf zu rasseln. Der Tambour der Kompagnie lief auf dem Korridor auf und ab und schlug unaufhörlich den Wirbel. Die Trommeln anderer Kompagnien klangen darein – Generalmarsch!

Feldwebel Mißbach hatte wie versteinert in den plötzlichenLärm hineingehorcht. Jetzt ließ er von Heinrich ab und stieß den Säbel wieder in die Scheide. Seine Besinnung war zurückgekehrt; die Pflicht rief! Schnell raffte er das vom Tisch gefallene Notizbuch auf, warf den gerollten Mantel über den Kopf, ergriff den Tschako und stürzte aus der Stube.

Nun richtete sich Heinrich auf. Sein Haar war verwirrt, sein Gesicht bleich. Der Hals war gerötet, wo die Faust seines Vaters gelegen hatte. Langsam griff er nach der beim Ringen vom Kopfe gefallenen Mütze und setzte sie auf. Draußen schallte brausender Lärm: auf den Rücken fliegende Tornister, erregtes Durcheinanderrufen, aus den Stützen gerissene Gewehre und die dröhnenden Schritte der Davoneilenden.

Da fiel Heinrichs Blick auf das wie tot am Boden liegende Linchen. Er trat zu ihr, nahm die Ohnmächtige in die Arme und legte sie auf das Sofa. Dann eilte auch er hinaus.

Auf dem Kasernenhof hatten sich inzwischen die Kompagnien gesammelt. Zwar glichen sie noch aufgestörten Ameisenhaufen, und von allen Seiten liefen noch Soldaten herbei. Aber die energisch dazwischen tretenden Kompagniekommandanten brachten bald Ordnung in das Durcheinander. Kommandorufe fuhren in den Lärm, und die einzelnen Züge der Kompagnien richteten sich.

In der Mitte des Kasernenhofes hielt Oberst von Friederici.

»Bitte zu melden!« klang seine Stimme über alles hinweg.

Die Bataillonskommandanten wurden ungeduldig; noch waren einige Kompagnien nicht in Ordnung.

»Herr Hauptmann von Carlowitz, die fünfte Kompagnie melden!« – »Rasch, achte!« – »Ihre Meldung fehlt noch, Herr Hauptmann von Falkenstein!«

Die Hauptmänner eilten vor und wieder zurück. »Zweites Bataillon – Achtung! Schultert – – Kontermandiert! – – Augen – rechts!«

Endlich standen die Bataillone, und der Oberst empfing die Meldungen.

»Die Herren Offiziere!« rief er, worauf die Hufe der galoppierenden Pferde der Stabsoffiziere und Adjutanten mit kurzem Dröhnen den Exerzierplatz schlugen, während die Hauptmänner und Leutnants schnellen Schritts vor die Front liefen.

Während nun der Regimentskommandeur zu den ihn umgebenden Offizieren sprach, hielt vor der Kaserne auf dampfendem Pferde ein Generalstabshauptmann und klopfte mit dem Säbelkorb an das wegen der Unruhen geschlossene, eisenbeschlagene Tor. Der Wachthabende öffnete, und der Reiter ritt in die Torhalle.

»Wo ist Herr Oberst von Friederici?«

»Dort,« erwiderte der Unteroffizier und zeigte in die Richtung.

Aber schon hatte der Fragende seinen Braunen gespornt und flog auf die dichte Gruppe in der Mitte des Kasernenhofes zu. Kurz vor dem Regimentskommandanten parierte der Generalstäbler sein Pferd und legte die Hand an den Helm:

»Befehl des Herrn Kriegsministers! Das Regiment soll mit einem Bataillon unverzüglich das Königliche Schloß besetzen. In einer Stunde sollen drei Kompagniennach dem Zeughaus marschieren; der übrige Teil des Regiments soll gleichzeitig ins Schloß folgen!«

Der Oberst dankte und wandte sich – ohne noch eine Frage an den Überbringer des Befehls zu richten – in vollkommener Ruhe wieder zu seinen Offizieren.

»Das I. Bataillon nach dem Schloß abrücken. Die 5., 9. und 10. Kompagnie marschieren in einer Stunde unter Herrn Hauptmann von Falkenstein nach dem Zeughaus ab. Die übrigen Kompagnien des Regiments folgen dem I. Bataillon unter Herrn Major von Egidy zu derselben Zeit in das Schloß! Ich reite mit dem I. Bataillon.«

Nun folgten noch ein paar kurze Weisungen der Bataillonskommandanten. Dann senkten die Hauptmänner die Degen und eilten zu ihren Kompagnien zurück.

Leutnant Allmer stand mit tiefernstem Gesicht vor der 4. Kompagnie. Die Mannschaften harrten in stummer Erwartung. In der Kompagnie nebenan ging Feldwebel Mißbach aufgeregt hinter dem dritten Glied entlang und rückte an den Tornistern herum.

Da kam Oberleutnant Wetzig zurück.

»Die 4. Kompagnie besetzt das Prinzenpalais!« rief er. »Ich erwarte von euch die größte Aufmerksamkeit und während des Marschierens peinliche Ordnung. – – Lieber Allmer,« sagte er leise zu Kurt, »nun aber frischen Mut. Jetzt wird's Ernst!«

»Sie können unbedingt auf mich rechnen, Wetzig,« antwortete Kurt bedeutungsvoll und ging auf den Flügel seines Zuges.

Da ertönten die Kommandos. Die Kompagnien nahmen über, schwenkten ein und traten an.

Als sich das Bataillon mit dem Regimentsstab an derSpitze dem Hauptportal näherte, riß Heinrich mit den beiden andern Unteroffizieren vom Kasernendienst die großen Torflügel auf. Im gleichen Augenblick zuckte der Stab des Bataillonstambours nieder, und der Tambourzug schlug ein. Betäubend hallten die Wirbel von den Mauern der hohen Torhalle zurück.

Vor dem Kasernentor stand eine gedrängte Menge, deren Vorderste beim Nahen der voranmarschierenden Spitze von zehn Unteroffizieren beiseite flogen.

Eine Stunde darauf rückten auch die beiden andern Bataillone ab.

Jetzt rief der als Kasernenkommandant zurückgebliebene Hauptmann Zimmermann die diensthabenden drei Unteroffiziere zu sich und verteilte sie auf die verschlossenen Tore. Heinrich erhielt die Aufsicht über das Hauptportal und mußte sich in der von der Mannschaft verlassenen Wachtstube am Fenster nach der Hauptstraße aufstellen.

Die Allee war menschenleer; alles war aus Neugierde mit dem Regiment fortmarschiert.

Heinrich lehnte die brennende Stirn an die Fensterscheibe. Sein Kopf schmerzte zum Zerspringen. Wenn er an den Auftritt mit seinem Vater zurückdachte, stieg ihm die Schamröte ins Gesicht. Jetzt galt ihm sein Leben nichts mehr! Diese Schmach konnte er nie vergessen! Warum mußte der Signalist auch gerade in dem Augenblick Alarm blasen, wo er den Säbel funkeln sah! Eine Sekunde später, und es wäre alles vorbei gewesen. Aber er konnte nicht lügen! Wer es auch sei, der ihn fragte, er würde antworten, daß er es mit dem Volke hielt!

Heinrich verfiel in dumpfes Grübeln. Er dachte an seine freudlose Jugend, an seine verstorbene, liebevolle Mutter, an Linchen, die sich aufzehrte vor Leid, und an die zahllosen Zornausbrüche des Vaters und seine grausamen Bestrafungen, mit denen er im Herzen seines Sohnes alle kindliche Liebe schon frühzeitig getötet. Hatten die Kinder nur ein einziges Mal eine weiche Regung bei ihm entdeckt? Nein! Nie! Dienst und Pflicht und Schuldigkeit, – wie hallten diese Worte jetzt in seinem Ohre wider.

Wenn ihn das Schicksal doch auf einen anderen Lebensweg gestellt hätte! Mit welcher Freudigkeit würde er alles getan haben, was man ihm auferlegte. Nur Soldat durfte er nicht werden! Diesen Beruf hatte ihm sein Vater schon in früher Jugend verleidet. Wie ihn die Luft der Kaserne doch fast zum Ersticken brachte! – Und von den Lippen des jungen Korporals kam ein gepreßter Schrei ohnmächtiger Wut.

Er wandte sich vom Fenster ab, und seine Augen glitten durch die leere Wachtstube. Die Pritschen waren in die Höhe geschlagen und die Bänke davor ausgerichtet. Wenn er bloß wüßte, wie es der Madam ging! Und gleichzeitig gedachte Heinrich der zahllosen Wohltaten, die ihm die Gute erwiesen. Das liebe Haus auf der Brüdergasse stand vor seinen Augen, und er sah die heimlichen Winkel, in denen er mit Valentine so oft Versteck gespielt, und die dämmerigen Kanzleistuben mit den hohen Aktengestellen an der Wand und den alten, mit zahllosen Tintenflecken bedeckten Schreibtischen.

Heinrich fühlte, wie er weich wurde; seine Augen gingen ihm über. Dort hätte ihn der Vater lassen müssen,da wäre ein zufriedener und rechtschaffener Mensch aus ihm geworden!

Wenn er wenigstens hätte mit ausziehen und kämpfen dürfen! Vielleicht würde eine Kugel Mitleid mit ihm haben!

Doch nein, es war gut so. Nicht gegen die fechten, deren Sache er innerlich unterstützte. Denn die Männer, zu deren Bekämpfung die Soldaten ausgezogen, waren trotz allem doch im Recht! Darauf konnte er blind schwören! Hätte sich andernfalls ein solcher Ehrenmann wie Advokat Marschall mit an ihre Spitze gestellt? Deshalb war es gut so, daß er dazu bestimmt worden war, hier zu bleiben, anstatt zu kämpfen. – Aber, halt – – kämpfen?

Heinrich klammerte sich am Fensterbrett fest. Ein jäher Gedanke war in ihm erwacht, fürchterlich und doch berauschend schön – – – Noch einmal: kämpfen? – – Ja, – kämpfen! Aber nicht gegen sie, – nein, mit ihnen!

Das Blut jagte durch seine Adern, und die Gegenstände in der Wachtstube tanzten vor seinen Augen. Wie, wenn er jetzt heimlich aus der Kaserne entwich? Ein Stockwerk höher lagen die von ihren Inhabern verlassenen Leutnantsstuben. Dort würde er Zivilkleidung finden!

Wenn er nach Altstadt flüchtete und sich der Bürgerpartei anschlösse und sagte: Hier bin ich, ich will an Eurer Seite fechten – –

Du brichst den Eid! flüsterte ihm eine Stimme zu. Du begehst Fahnenflucht! Du verläßt deinen Posten vor dem Feinde!

Der junge Mann schlug mit der Faust auf den Fensterstock, daß die Scheiben klirrten und seine Knöchel bluteten.

Ja und abermals ja! schrie eine andere Stimme in ihm den Warner nieder. Wie würde sich Herr Marschall freuen – und die Madam – und Valentine –

Da eilte er schon zur Tür, öffnete und beugte sich vorsichtig hinaus, – alles war still. Er trat auf den Korridor und klinkte die Tür leise wieder zu. Dann sprang er die Treppenstufen hinauf und stand nun vor den Offizierswohnungen. Dort befand sich die Stube vom Leutnant Allmer, die kannte er. Mit ein paar Sätzen war er an der Tür und glitt hinein. Das Zimmer war unaufgeräumt, wie es sein Bewohner in der Eile des Alarms verlassen hatte. Der Kleiderschrank stand weit geöffnet; ein grauer Zivilanzug hing vornan, darüber lag auf einem Brett ein kleiner, runder Hut.

Mit zitternden Händen riß Heinrich die Knöpfe seines Waffenrocks auf, warf die Uniform ab und fuhr in den Anzug. Er war ihm zu eng, aber was tat das! Zwei Minuten später, als er das Zimmer betreten, stand er wieder auf dem Korridor.

Die Sinne aufs äußerste anspannend, lief er die Treppen hinunter bis ins Kellergeschoß und jagte dann durch den langen Gang, um das hintere Tor nach der Ritterstraße zu erreichen. In der Kaserne herrschte eine tiefe, befremdende Stille. Als er das Ende des Korridors erreicht hatte, sprang er die Halbtreppe hinauf, nach dem Ausgang auf den Kasernenhof. Hier war das Kompagnierevier seines Vaters. Unwillkürlich warf er einen Blick hinein.

Da hörte er leises Geräusch. Und wie er sich umwandte,sah er einen Menschen, bei dessen Anblick ihm das Herz fast stillstand: an der leeren Gewehrstütze lehnte totenblaß Linchen. Heinrich war wie gelähmt. Stumm trafen sich die Augen der Geschwister. Plötzlich streckte das Mädchen flehentlich die Hände nach dem Bruder aus und sank lautlos auf die steinernen Fliesen nieder, während sich Heinrich blitzschnell umwandte und davonschoß. Er hörte noch, wie hinter ihm ein menschlicher Körper dumpf auf die Steinplatten aufschlug, – dann sprang er auf den Kasernenhof hinaus.

Mit wenigen Sätzen war er an demselben Tor, das er in jener unheilvollen Nacht überstiegen, kletterte mit Hilfe der wagrechten Balken hinauf und sprang auf die Straße hinunter. Nun rannte er am Gerichtsamt vorbei, um das Arresthaus herum und die Hospitalstraße hinunter bis zur Glacisstraße.

Hier stand dicht am Elbufer ein niedriges Haus, aus dessen Fenstern ein alter Herr und ein schönes, junges Mädchen mit bleichem Gesicht verwundert auf den Eilenden blickten.

»Hallo,« rief Heinrich im Näherkommen dem Fährmann zu, »schaff mich hinüber!«

In der nächsten Sekunde sprang er ins Boot, und der Staken des weißhaarigen Schiffers stieß ins Wasser.


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