Kampf an der Ecke Wallstraße-Scheffelgasse.Neuntes Kapitel
Kampf an der Ecke Wallstraße-Scheffelgasse.
Kampf an der Ecke Wallstraße-Scheffelgasse.
Am jenseitigen Ufer dehnte sich die Wiese bis zum Eliasfriedhof. Heinrich ging langsam darüber hinweg. Die große Erregung und das anhaltende rasche Laufen hatten ihn außer Atem gebracht. Hier war er in Sicherheit!
Wohl fühlte er sein Gewissen schlagen, wenn er an den Schritt dachte, den er getan. Aber er war frei! Das war ein köstliches Gefühl, wie er es noch nie empfunden hatte. Er hätte es nicht ausgehalten, sein Leben lang in der Kaserne zu verbringen. Nein, er hätte es nicht gekonnt, und wenn er sich die ewige Seligkeit damit verdient hätte! In den letztvergangenen Tagen war er fast tiefsinnig geworden. Die meisten seiner Kameraden waren immer fröhlich und gern Soldat. Er hatte sie nie begriffen!
Jetzt näherte er sich den ersten Häusern der großen Ziegelgasse. Da sah er am oberen Ende der schmalen Gasse einen hohen Bau, der den Weg sperrte. Es war die äußerste Barrikade in der Pirnaischen Vorstadt.
Als Heinrich die Barrikade erreicht hatte, umringten ihn ein paar finsterblickende Bewaffnete und erkundigten sich nach seinem Begehr.
»Kämpfen will ich,« sagte er.
Die Züge der Barrikadenmänner hellten sich auf, als sie das hörten. Solche athletische Burschen wie diesen konnten sie noch viele brauchen.
»Geh auf den Altmarkt,« entgegnete einer, »dort ist andauernd Appell. Da kannst du dich melden.«
Damit ließen sie ihn vorbei. Bald hatte Heinrich den Elbberg erreicht. Hier bemerkte er am Brühlschen Garten wieder eine Barrikade.
Den Platz vor der Synagoge bedeckte eine aufgeregte Menschenmenge. Auf dem Moritzmonument stand ein Mann, der die Zuhörenden zum Kampf anfeuerte. Aus seinen Reden erfuhr Heinrich, daß der Aufstand seine ersten Opfer schon gefordert hatte. Als das Volk versucht, in das Zeughaus einzudringen, hätten die Soldaten geschossen. Vier Tote seien auf dem Platz geblieben. »Männer,« rief der Sprecher, »es ist Bürgerblut geflossen! Mag nun dies Blut über die kommen, die es verschuldet, die frevelhaft die göttlichen Rechte des Volks mit Füßen getreten haben!«
Die Menge schrie Beifall und setzte sich stadtwärts in Bewegung. Auch Heinrich wurde mitgerissen. Vor den Haupttoren des Zeughauses staute der Strom. Hier stand bereits Kopf an Kopf eine unübersehbare Anzahl von Menschen. Aus den geöffneten Fenstern des gegenüberliegenden Kuffenhauses sahen bewaffnete Turner heraus, die Gewehre im Anschlag.
Da kam durch die Rampische Gasse ein hoher Leiterwagen,gezogen von Männern in grauen Hüten mit roten Federn. Auf dem Wagen lag ein alter Mann mit entblößter Wunde, – einer der vier Gefallenen. Man hatte ihn vor dem Königlichen Schloß zur Schau gestellt und währenddessen die Fenster über dem Georgentor mit kurzen Knüppeln eingeworfen. Jetzt wurde er unter großem Tumult nach dem Klinikum auf dem Zeughausplatz gebracht.
Als der Tote vom Wagen gehoben wurde, brach die Menge in ein Wutgeheul aus. Heinrich sah, wie eine große Anzahl der Umstehenden plötzlich nach Deichsel und Rädern griff und den Wagen im Sturmschritt gegen das mittlere Haupttor des Zeughauses rollte. In demselben Augenblick, in dem die Torflügel durch die Wucht des Anpralls dröhnend aufsprangen, krachte aus dem Innern ein Kartätschenschuß in den nachdrängenden, dichten Haufen hinein.
Im Nu war das Geheul verstummt; nur ein paar Wehlaute gellten. Und als sich der Rauch verzogen hatte, war das Pflaster mit etwa zwanzig Gefallenen bedeckt. Die meisten lagen regungslos. Einige wälzten sich unter heftigen Zuckungen herum und wimmerten leise. Heinrich fühlte einen heftigen Schlag am Kopf, daß er taumelte und in die Knie sank.
Eine kurze Weile mochte er so gelegen haben. Da weckte ihn das stärker als vorher abbrechende Wutgeschrei der Menge, die jetzt das Straßenpflaster aufriß und einen Hagel von Steinen gegen das Zeughaus richtete. Gleichzeitig krachten aus den Fenstern des Kuffenhauses in rasender Geschwindigkeit die Gewehre der Turner. Der Tumult war unbeschreiblich.
Da sprang Heinrich in die Höhe. Eine unbändige Wut flammte in ihm auf. Gierig griff er nach den umherliegenden Steinen und schleuderte sie nach dem Zeughaus. Aber das befriedigte ihn nicht. Als er neben sich einen Turner das Gewehr auf das von der Zeughausbesatzung schnell wieder verrammelte Tor richten sah, sprang er hinzu, riß ihm die Waffe aus der Hand und schoß sie über aller Köpfe hinweg ab. In diesem Augenblick fühlte Heinrich eine unwiderstehliche Schwäche. Er griff mit den Händen in die Luft und sank zu Boden. Wie im Traum merkte er noch, daß man ihn aufhob und forttrug. Dann schwand ihm das Bewußtsein.
Als Heinrich aus seiner tiefen Ohnmacht erwachte, war es stockfinster. Endlich gewöhnte sich aber sein Auge an die Dunkelheit, und er sah eine kleine Öllampe hängen, die nur ein schwaches Licht verbreitete.
Er lag in einem Bett, das in einem großen Raum stand, der zwei Reihen von Betten enthielt. Zuerst wußte er nicht, wie er hierher gekommen war, bis sich die Erinnerung langsam einstellte. Der Lärm vor dem Zeughaus gellte ihm mit einem Male wieder in den Ohren, und nun entsann er sich deutlich, daß ihm nach dem Schuß, den er abgegeben, die Sinne geschwunden waren.
Heinrich sah sich um. Neben ihm lag ein alter Mann, der ihn neugierig betrachtete.
»Sie müssen einen ganz grimmigen Schlag vor den Kopf bekommen haben,« sagte dieser leise. »Ist Ihnen jetzt wieder wohl? Sie liegen in der Klinik.«
Heinrich sah den Sprecher fragend an. Was dieser redete, war ihm unklar.
»Na,« fuhr der Nachbar gutmütig fort, »Sie sind wieder bei sich, das sehe ich nun schon. Mit mir ist es auch schneller gegangen, als ich geglaubt hätte. Gerade wie ich mich nach dem ersten Stein bückte, wurde ich umgestoßen und mit Füßen getreten. Eine Weile hält man das für eine so gute Sache wie die unsrige schon aus. Endlich wurde mir's aber doch zuviel, und ich konnte nicht mehr aufstehen. So bin ich hierher gekommen. Als man Sie hereinbrachte, dachte ich, es sei ein Toter.«
Mit schwerer Zunge versetzte Heinrich:
»Jetzt erinnere ich mich, daß ich plötzlich einen starken Schmerz an der Schläfe verspürte.«
»Es wird ein Prellschuß gewesen sein,« gab der alte Mann leise zurück. »Seien Sie froh, daß es nicht ärger gekommen ist. Ihre Kugel war eben noch nicht gegossen.«
Die Morgendämmerung drang durch die Fenster in die Krankenstube hinein.
»Aber es war doch heller Tag, wie es passierte,« sagte Heinrich verwundert. »Und nun habe ich die vielen Stunden bis zum Morgen geschlafen?«
Der Nachbar lächelte.
»Welcher Tag war es denn, als Sie den Treffer kriegten?«
Heinrich besann sich.
»Welcher Tag? Nun, gestern – Donnerstag.«
»Heute ist Sonnabend,« versetzte der alte Mann nickend, »Ihre Ohnmacht hat also sechsunddreißig Stunden gedauert.«
Heinrich machte ein erstauntes Gesicht. Und nun erfuhr er, was sich inzwischen zugetragen hatte.
»Der König ist gestern bei Nacht und Nebel heimlich auf die Festung Königstein entwichen,« erzählte der Nachbar, »und mit ihm sind die Minister geflohen. Da das Land jetzt also buchstäblich ohne Regierung ist, hat sich auf dem Rathaus aus der Mitte der Bürger eine provisorische Regierung gebildet. Nun gilt es nur noch, den Truppen klarzumachen, was es heißt, daß ihr Kriegsherr und seine ersten Ratgeber sie preisgegeben haben. Wenn die Soldaten vernünftig sind und die neue Regierung anerkennen, dann ist alles in Ordnung. Sachsen wird Republik, und alle deutschen Länder werden auf uns neidisch sein, daß wir das so rasch und ohne große Opfer erreicht haben. Freilich,« schloß der Erzähler nachdenklich, »sicher ist es noch nicht, ob die Truppen mit uns gemeinschaftliche Sache machen.«
Mittlerweile war die Sonne aufgegangen, und ihre Strahlen machten die Schläfer munter. Heinrich sah, daß alle Betten belegt waren. Wie ihm sein freundlicher Nachbar mitteilte, waren es Aufständische, die bei dem Zeughaussturm verwundet worden waren. Einige mußten schwer leiden. Sie lagen regungslos in den Kissen und stöhnten leise.
Als der Morgenkaffee ausgeteilt wurde verbreitete sich die Neuigkeit, daß gestern abend die leichte Infanterie aus Leipzig angekommen sei, und vor einer Stunde wäre aus Chemnitz ein Bataillon vom Leibregiment eingetroffen.
Diese Kunde verursachte große Enttäuschung unter den Verwundeten. Denn man hatte schon allgemein damit gerechnet, daß jede Stadt ihre Truppen am Abmarsch hindern würde, damit die Dresdner Garnison nicht verstärkt werde.
Der alte Mann neben Heinrich war aber ein Feuerkopf.
»Nun, so mag es gehen, wie es will,« eiferte er. »Wir werden endlich doch triumphieren. Glauben Sie mir, junger Freund, unsere gerechte Sache muß siegen! – Fühlen Sie sich kräftig genug, die Klinik wieder zu verlassen?«
Heinrich streckte die Glieder und bejahte. Die allgemeine Kampfesstimmung hatte auch ihn erfaßt. Und wozu wäre er denn sonst aus der Kaserne entflohen?
»Dann werde ich Ihnen ein Gewehr verschaffen,« versetzte der Alte. »Verstehen Sie, damit umzugehen?«
Heinrich erklärte, daß er es könne, verschwieg aber, wo er es gelernt hatte.
Da traten zwei Ärzte in den Saal. Der ältere von ihnen war der Leiter der Klinik, Professor Richter. Sie gingen von einem Bett zum andern, maßen die Temperatur der Fiebernden, erneuerten die Verbände und gaben der begleitenden Pflegerin Verhaltungsmaßregeln.
Als sie zu dem alten Mann traten, erklärte dieser, daß ihm nichts mehr fehle, und daß er die Klinik verlassen würde.
Jetzt wandte sich der Professor zu Heinrich und untersuchte ihn.
»Schwere Gehirnerschütterung,« sagte er zu seinem Begleiter, »die eine tiefe Ohnmacht zur Folge hatte. Der Mann muß eine Riesennatur haben, sonst wäre er nicht so glimpflich davongekommen. Sie sind entlassen.«
Mit diesen Worten wollte er sich zum nächsten Kranken wenden, als sein Blick auf Heinrichs Gesicht haften blieb. Sinnend betrachtete er ihn eine kurze Weile. Dann beugte er sich zu ihm nieder und fragte leise:
»Sind Sie nicht Heinrich Mißbach?«
Heinrich schwieg. Aber er fühlte, daß er rot wurde.
Professor Richter schüttelte den Kopf und maß den Liegenden mit einem vorwurfsvollen Blick. Heinrich konnte den Blick nicht aushalten und schlug die Augen nieder. Er kannte den Professor seit vielen Jahren und wußte, welch hohe Achtung er im Marschallschen Hause genoß.
Mittlerweile hatte sich der alte Mann angekleidet, und Heinrich beeilte sich, ebenfalls rasch fertig zu werden. Der Boden des Klinikums brannte ihm unter den Füßen.
Als sie auf den Zeughausplatz traten, war es neun Uhr vorbei. Aus der Richtung des Königlichen Schlosses drang das Knattern von Gewehrfeuer herüber. Der Platz war mit einem lärmenden Menschenhaufen bedeckt, aus dessen Mitte unaufhörlich wilde Drohungen und Flüche schallten. Das Zeughaus lag wie ausgestorben. Seine Tore waren geschlossen. Der Wandputz war durch die vielen Gewehrschüsse stark beschädigt, und die eingeschossenen Fenster hatte die Besatzung mit Bohlen und großen Kisten verrammelt.
Der alte Mann führte Heinrich durch die kleine und große Schießgasse, die beide mit starkbesetzten Barrikaden versperrt waren, bis zu seiner Wohnung am oberen Ende der Moritzstraße, dicht neben dem Gewandhaus. Auf dem kleinen, mit Messing eingefaßten Porzellanschild an der Tür stand der Name Dietze. Heinrich war verwundert, als er die gut bürgerlich eingerichteten Stuben sah.
Herr Dietze setzte schnell ein einfaches Frühstück auf den Tisch. Während sie aßen erfuhr Heinrich, daß seinGastgeber lange Jahre einen Kaufmannsladen bewirtschaftet hatte. Als im vorigen Jahr seine Frau gestorben war, hatte er das Geschäft verkauft und ein zurückgezogenes Leben geführt. Durch den Ausbruch des Aufstands war er aus seiner Ruhe aufgejagt worden. Rasch hatte er seine Hausmagd entlohnt und die Wohnung verschlossen. Dann war er auf die Gasse geeilt, um sich den Turnern anzuschließen. Kaum hatte er aber den Zeughausplatz erreicht, als er auch schon zu Boden gerissen wurde und unter die Füße der Drängenden geriet.
»Das ist sicherlich eine Vorbedeutung,« schloß der alte Mann. »Aber mag kommen, was will, ich habe vorgesorgt. Sehen Sie, junger Freund, ich besitze ein gemütliches Heim und einige Tausend Taler erspartes Geld. Ich könnte meine alten Tage hinbringen, ohne Not zu leiden. Aber ich mag hier nicht ruhig sitzen, während draußen um die Freiheit gekämpft wird. Was tut es auch, ob ich ein paar Jahre früher oder später sterbe. Ich habe weder Kind noch Kegel. Niemand wird Kummer haben, wenn mir etwas zustößt. Vor ein paar Tagen bin ich auf dem Bezirksamt gewesen und habe mein kleines Vermögen bei Heller und Pfennig den Kindern vermacht, deren Väter im Kampfe fallen werden. Alles hab' ich bedacht. Ich bin immer für Ordnung gewesen.«
Diese Rede machte auf Heinrich einen tiefen Eindruck. Während des Essens hatte er wiederholt an die kranke Frau Marschall gedacht, und er war entschlossen gewesen, alsbald nach der Brüdergasse zu gehen. Jetzt wagte er nicht, dies zu tun. Der alte Mann hätte ihm nicht geglaubt und ihn für feig gehalten.
Nun führte Herr Dietze Heinrich in die Schlafkammer, wo er aus dem Kleiderschrank zwei Gewehre hervorzog.
»Hier,« sagte er, indem er Heinrich eins gab, »das soll Ihre Waffe sein. Ich schenke sie Ihnen.«
Heinrich war überrascht. Das Gewehr war ein nagelneuer Hinterlader. Er öffnete das Schloß und zog die Kammer zurück, um den Mechanismus zu prüfen. Die Militärgewehre waren älteren Systems, und ihre Treffsicherheit konnte mit der Wirkung dieser Gewehre längst nicht wetteifern.
Herrn Dietze war die Überraschung Heinrichs nicht entgangen.
»Eine schöne Büchse, nicht?« fragte er stolz. »Noch bevor es Ernst wurde, habe ich die Gewehre beim Büchsenmacher Gründig gekauft. Sie sollen ausgezeichnet schießen, versicherte er mir.«
Nun stopfte sich Heinrich noch die Taschen voll Patronen, und dann verließen sie die Wohnung wieder.
»Wir gehen zu der Barrikade auf dem Zeughausplatz,« sagte Herr Dietze in Kampfstimmung. »Wenn die Truppen angreifen sollten, geht es an der Brühlschen Terrasse sicher zuerst los.«
Sie liefen den Weg, den sie gekommen, wieder zurück und meldeten sich bei dem Kommandanten der Barrikade, unweit des Gondelhafens. Dieser Freischärler war ein wüst aussehender Kerl, der dem Branntwein stark zugesprochen hatte. Er begrüßte die beiden Ankommenden mit Handschlag und brachte ein Hoch auf sie aus, in das die Barrikadenbesatzung begeistert einstimmte, worauf Herr Dietze mit einem Hoch auf die Freiheit antwortete.
Hier erfuhren sie auch, daß die Führer des Aufstandesmit dem Zeughauskommandanten eine Konvention abgeschlossen hatten, nach der die Kommunalgarde die Wache des Zeughauses und die Posten besetzt hielt, während die Truppen das Innere des Gebäudes bewachten.
Plötzlich nahm der Lärm des Gewehrfeuers im Zentrum der Stadt erheblich zu. Die Besatzung der Barrikade brach hierüber in laute Jubelrufe aus, die sich unter den auf dem Zeughausplatz müßig Herumstehenden fortpflanzten.
Da kam die Nachricht, daß der Kriegsminister den Befehl über das gesamte Militär dem Generalleutnant von Schirnding übertragen habe. Diese Kunde bereitete den Freischärlern, soweit sie diesen alten Veteranen aus den Freiheitskriegen von ihrer Dienstzeit her kannten, einiges Unbehagen. Denn der General galt als ein umsichtiger und außerordentlich energischer Offizier.
Aber bald war die anfängliche Beklemmung wieder gewichen, und die Besatzung harrte voll Ungeduld des Angriffs der Truppen. Besonders waren es die Turner, deren Kampfbegierde kaum noch zu zügeln war. An der hinteren Seite der Barrikade waren große Fässer aufgestellt, über die starke Bretter führten. Auf dieser Laufbrücke stand die Besatzung, die Gewehre über den oberen Barrikadenrand hinweggeschoben. Aber nirgends war ein Soldat zu sehen.
Unter den Harrenden ging gerade wieder einmal die frisch gefüllte Schnapsflasche herum, als plötzlich das Kommando erscholl:
»Achtung!«
Diesen Ruf hatte unwillkürlich Heinrich ausgestoßen, der mit dem zu seiner Linken stehenden Herrn Dietzedas Trinken verschmäht und wachsam nach dem Gondelhafen geschaut hatte. Die Aufrührer blickten überrascht auf und erkannten, wie eine Kompagnie leichter Infanterie die niedrige Terrassentreppe heruntereilte. Im nächsten Augenblick schlugen die auf kurze Entfernung abgefeuerten Kugeln der Soldaten in die Barrikade ein und fast gleichzeitig tönte es aus hundert Kehlen: »Hurra!«
Jetzt krachten wie eine geschlossene Salve die Gewehre der überrumpelten Barrikadenbesatzung in die Stürmenden hinein. Aber die Soldaten kehrten sich nicht an die Wirkung der Schüsse. Mit verblüffender Kühnheit rannten die Schützen unter dem rasselnden Gewehrfeuer quer über den Platz, allen voran ihr Hauptmann mit gehobenem Säbel. In wenigen Sekunden waren sie an der Barrikade und kletterten an ihr empor.
Gerade als die ersten schwarzen Tschakos vor den Augen der Besatzung am oberen Rand der Barrikade auftauchten, sprang der Kommandant auf die Brüstung und schickte sich an, die Gewalt des Sturmes im letzten Augenblick durch eine Ansprache zu beschwören.
»Soldaten! –« rief er, da traf ein schwerer Kolbenstoß seine Brust und warf ihn rücklings in die Tiefe. Heinrich schoß sein Gewehr auf den vor ihm hochkommenden Kopf ab, daß dieser blitzschnell wieder verschwand. Dann stand die Brüstung voll Soldaten. Ein Schützenkorporal, dessen Augen wie die einer Katze funkelten, ergriff Heinrichs Gewehr an der Mündung, um es ihm zu entreißen. Heinrich ruckte heftig zurück, – da flog der kleine Korporal im Bogen über ihn hinweg und schoß mit dem Kopf voran auf das Pflaster hinunter.
Heinrich stand gerade im Begriff, sich gegen einen andern Angreifer zu wenden, als er zu seiner Linken einen dumpfen Schlag und einen entsetzlichen Schrei hörte. Er fuhr herum und sah Herrn Dietze mit weit aufgerissenen Augen zusammensinken. Der Hut war ihm herabgeflogen, Schädel und Stirn waren gespalten, das Gesicht mit Blut überströmt.
Schon riß der Soldat auf der Barrikadenkrone, der den furchtbaren Schlag getan, das mit beiden Händen gefaßte Gewehr wieder in die Höhe, als Heinrich ihm in grenzenlosem Zorn seine Gewehrmündung in den Leib rannte. Der Getroffene verfärbte sich im Augenblick leichenblaß. Die emporgehobene Waffe entglitt den sie umklammernden Händen, und der Schütze fiel langsam um und rollte von der Barrikade auf die Straße hinunter.
Jetzt bemerkte Heinrich, daß er nur noch allein auf der Barrikade stand. Seine Mitkämpfer rannten in voller Flucht über den Zeughausplatz hinweg, als wenn der unwiderstehliche Ansturm sie fortgeblasen hätte. Da knirschte er eine Verwünschung, sprang hinab und eilte ebenfalls zurück. Die ihm nachgesandten Kugeln pfiffen wirkungslos an ihm vorbei.
Auf dem mittlerweile überraschend schnell leer gewordenen Platz stand vor dem Zeughause Professor Richter mit dem Heinrich ebenfalls bekannten Advokaten Heintz, beide die dreifarbige Kokarde am Hut und ohne Waffen.
Heinrich hielt in seinem raschen Lauf inne, trat an Doktor Richter heran und sagte atemlos:
»Herr Professor, eilen Sie rasch davon, die Schützen werden auf Sie schießen.«
Professor Richter sah eine Sekunde lang in das ihm wohlbekannte Gesicht des Burschen, bis er antwortete:
»Warten Sie drüben am Kuffenhaus auf mich. Ich habe mit Ihnen zu sprechen. Jetzt aber fort!«
Da hörte Heinrich von hinten her den Gleichtritt heranrückender Schützenkompagnien, vor deren Front die ausgeschwärmte Sturmmannschaft lief. Er eilte hinüber zu der Kuffenhausbarrikade, die von ihren Verteidigern schon preisgegeben war, und verbarg sich dahinter.
Als die Kompagnien die Mitte des Zeughausplatzes erreicht hatten, trat Professor Richter grüßend an den Führer heran. Der Major kommandierte Halt und ließ die Gewehre abnehmen. Bevor jedoch Professor Richter das Wort ergreifen konnte, fuhr Advokat Heintz den Major in barschem Ton an:
»Wie können Sie hier vorrücken, Herr! Das ist neutraler Boden. Sie mißachten die Konvention!«
Heinrich sah, wie dem bereits ergrauten Offizier das Blut ins Gesicht stieg, und vernahm, wie dieser mit mühsam erzwungener Ruhe antwortete:
»Ich handle nach meinem Befehl!«
»Aber die Konvention, die die Zeughausbesatzung mit der Kommunalgarde abgeschlossen hat?«
Der Offizier zuckte mit den Achseln.
»Nun, so wird die Kommunalgarde doch wenigstens die Wache und Posten besetzt halten dürfen?«
Der Major verneinte bestimmt.
»Dann fordere ich entschieden, daß die Kommunalgarde ihre Posten vor dem Abmarsch ordnungsgemäß einziehen darf!«
»Dagegen habe ich nichts einzuwenden,« antworteteder Major kühl. »Sorgen Sie bitte dafür, daß dies rasch geschieht. Im übrigen lehne ich es ab, mit Ihnen weiter zu verhandeln.«
Mit diesen Worten wandte er dem Advokaten den Rücken und rief die vor ihren Kompagnien stehenden Hauptmänner zu sich heran. Advokat Heintz aber eilte in den Zeughof, und wenige Minuten darauf rückte die zweiundachtzig Rotten starke Kommunalgardenbesatzung durch die Rampische Gasse ab.
Jetzt vernahm Heinrich die Stimme des Majors:
»Die Barrikade neben der Frauenkirche ist stark besetzt. Die 3. Kompagnie rückt sogleich durch die Rampische Gasse vor und nimmt die Barrikade!«
Der Offizier, an den der Befehl gerichtet war, salutierte mit dem Säbel. Da schritt Professor Richter schnell auf den Major zu und sagte in verbindlicher Haltung:
»Herr Major von Reitzenstein, bitte erlauben Sie mir, der Sturmkolonne voranzueilen. Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, die Besatzung der Barrikade zum Abzug zu bewegen.«
Diese ruhigen Worte machten Eindruck. Professor Richter war den Offizieren hinlänglich als besonnener Mann bekannt. Zudem wußten sie um den ehrenvollen Ruf, den er als Leiter der chirurgischen Klinik genoß. Eine kurze Weile schwankte der Major, dann hatte er sich entschieden. Wenn die Barrikadenbesatzung abzog, blieb unnützes Blutvergießen erspart. Denn der Sturm durch die lange und schmale Gasse würde viele Opfer kosten.
»Versuchen Sie es immerhin, Herr Professor,« versetzte der Major. »Ich werde mit dem Vorrücken noch zehn Minuten warten.«
Heinrich hatte mit verhaltenem Atem dieser laut geführten Unterhaltung zugehört. Jetzt trat er hinter der Barrikade vor und rannte Professor Richter nach, der die Rampische Gasse hinablief. Als er ihn erreicht hatte, sagte dieser zu ihm:
»Suchen Sie den Advokaten Marschall, Heinrich. Er soll morgen in aller Frühe, wenn es noch ruhig ist, seine Frau, sorgfältig in Betten verpackt, nach dem Trompeterschlößchen fahren lassen. In der Brüdergasse ist sie nicht mehr sicher, man hat dort was vor. Ich würde im Laufe des Vormittags nach ihr sehen.«
Diese Worte versetzten Heinrich in große Bestürzung, und stotternd fragte er nach dem Befinden der Kranken. Aber Professor Richter wehrte mit der Hand ab und eilte zu der Barrikade hin, über deren oberen Rand die im Anschlag liegenden Verteidiger hinwegsahen. Heinrich blieb während des Laufens immer an der Seite des Professors.
Endlich hatten sie die Barrikade erreicht.
»Wer ist hier der Kommandant? Ich will ihn sprechen!« rief Professor Richter keuchend.
Da stieg hinter der Brüstung ein hochgewachsener, hagerer Mann langsam herauf, der einen eng zugeknöpften, schwarzen Schößenrock trug. Sein Gesicht war bleich und eingefallen und wurde von einem langen, kohlschwarzen Bart eingerahmt. Die tiefliegenden Augen glühten in politischem und religiösem Fanatismus. Der Mann war ein Pastor. Als die schrillen Töne der Sturmglocken über das sächsische Land schallten, hatte er Kanzelrock und Barett an den Nagel gehangen und war zum Kampf nach der Hauptstadt geeilt.
»Was wünschen Sie, mein Herr?« fragte der Kommandant mit tiefklingender Stimme und in unverfälschter oberlausitzer Mundart.
Professor Richter antwortete:
»Ich ersuche Sie dringend, Ihren Leuten die Weisung zu geben, die Barrikade sofort zu räumen. Auf dem Zeughausplatze stehen drei Kompagnien der leichten Infanterie, die in wenigen Minuten zum Sturm vorrücken werden.«
»Sie sollen kommen,« versetzte der Hohläugige gelassen. »Wir harren ihrer schon längst.«
»Es wäre Wahnwitz, wenn Sie den Angriff abwarten wollten! Gegen diese Übermacht können Sie nichts ausrichten.«
»Es verlangt uns danach, für die Freiheit zu sterben; Gott wird mit uns sein und unser Auge schärfen und unsern Arm stark machen!«
»Aber Sie opfern sich mit ihren tapfern Männern umsonst. Der Ansturm der Truppen wird Sie über den Haufen werfen.«
»Wer den Sieg erringen soll, steht bei dem droben!« antwortete der Lange mit mühsam gebändigter Leidenschaft.
Das Pathos dieser Worte befremdete Professor Richter, und er ahnte den Geistlichen in dem Sprecher.
»Nun, mein Herr!« rief er ungeduldig, »wenn Sie den Namen des Allmächtigen so geflissentlich im Munde führen, dann kennen Sie sicher auch das göttliche Wort: Wer unnütz Blut vergießt, des Blut soll auch vergossen werden.«
Der Mann auf der Barrikade stand wie eine Bildsäule, die Rechte auf das Gewehr gestützt, die freie Hand in die schwarzrotgoldene Binde geschoben, die den hageren Leib umschloß.
»Das Vaterland hat seine Söhne gerufen,« antwortete er mit unerschütterlichem Gleichmut, »sie sind gekommen und bereit, für sein Heil zu sterben. Wer für die höchsten Güter der Menschheit kämpft, erwirbt sich die Liebe des himmlischen Vaters!«
Professor Richter fuhr erbittert auf. Der Mann war ein Schwätzer, und die Sekunden waren zu kostbar, sie für die Bekehrung eines Fanatiker hinzugeben.
»Leute!« schrie er der Barrikadenbesatzung zu, die dem Wortwechsel aufmerksam zugehört hatte, »ich muß euern Mut ehren. Aber besonnenen Männern ziemt es, von einer nutzlosen Tollkühnheit abzustehen. Ihr habt die Pflicht, euer Leben nicht in den Wind zu schlagen! Setzt es dort ein, wo Ihr dem Vaterland damit nützen könnt. Seid vernünftig und räumt die Barrikade!«
Der tiefe Eindruck dieser Rede auf die Barrikadenmänner war offensichtlich. Was der da unten sprach, traf den Nagel auf den Kopf.
Professor Richter bemerkte ihr Schwanken.
»Die Kindschen Häuser,« rief er, »und die beiden Hotels an der Moritzstraße sind längst noch nicht stark genug besetzt. Das sind Stützpunkte, die wir behaupten müssen! Geht dorthin und verstärkt die Besatzung. Aber zögert nicht mehr! Die Truppen können jeden Augenblick angreifen.«
Der Kommandant fühlte die starke Wirkung dieser Worte auf seine Leute. Und er las auf ihren Mienen,daß der Warner sie überzeugt hatte. Nur wenige schienen noch unschlüssig zu sein.
Da feuerte er mit zündender Rede noch einmal zum Bleiben an. Aber seine Stimme wurde niedergeschrien. Und aus der Mitte der Erregten trat einer in Turnerkleidung an die Brüstung und rief hinab:
»Wieviel Kompagnien, sagten Sie, stünden auf dem Zeughausplatz?«
»Drei! Eure Barrikade mit der geringen Besatzung ist für einen solchen Ansturm zu schwach.«
»Der Mann hat recht; wahrhaftig, er hat recht,« wandte sich der Turner an seine Kameraden. »Wozu sollen wir uns umsonst opfern? Auf dem Neumarkt werden unsere drei Dutzend Gewehre besser gebraucht. Auf, Brüder, ziehen wir nach Hotel Rom!«
Diesen Worten wurde lärmend zugestimmt. Die Mutigen waren klug genug, die Nutzlosigkeit ihres Ausharrens einzusehen, und den weniger Herzhaften kam der Abzug von dieser gefährlichen Stelle gelegen. Lieber aus den Fenstern eines verrammelten Hauses herausschießen, als einen Sturm auf freier Barrikade abwehren.
»Nach Hotel Rom!« schrie es durcheinander, und die Besatzung kletterte von der Barrikade herab.
Um die Lippen des Mannes mit dem Asketengesicht spielte ein verächtliches Lächeln; – schweigend lief er seinen Leuten nach. Auch Heinrich schloß sich den Zurückgehenden an, nachdem er gesehen, wie Professor Richter die Rampische Gasse zurückeilte, an deren Ende der zum Angriff schreitende vorderste Schützenschwarm soeben sichtbar wurde.
Kaum hatte der Trupp der abziehenden Freischärlerden Neumarkt betreten, als er schon von der Bildergalerie her lebhaft beschossen wurde. Sogleich begannen einige zu laufen.
Da klang die erzürnte Stimme des Geistlichen im Insurgentengewand:
»Ein Feigling, wer läuft! Will das streitende Bürgertum sich zum Gespött der Knechtenden machen?«
Diese Worte brachten wieder so viel äußerliche Ruhe in den Haufen, daß die Männer ohne Hast weitermarschierten, ungeachtet der vielen vorbeischwirrenden Kugeln. Wenn eine solche dicht über sie hinwegpfiff, zog jeder unwillkürlich den Kopf ein, obwohl alle wußten, daß das Geschoß bereits vorbeigeflogen war, wenn sie sein Pfeifen hörten.
Jeder Einzelne fühlte die ungeheure Nervenanspannung, die das langsame Vorwärtsschreiten in dem Kugelregen verursachte. Aber keiner wagte zu laufen. Zwar konnten sie ihren Führer nicht sehen, denn er ging hinter ihnen. Doch fühlte jeder seine Nähe, und sein dämonischer Einfluß beugte die Männer unter seinen Willen und zwang sie, der hohen Gefahr kaltblütig die Stirn zu bieten.
»Es ist ein Unsinn,« rief Heinrich, »unter Feuer stehende Abschnitte im Schritt zu passieren. Das tut nicht einmal das Militär!«
Der Kommandant warf dem Rufer aus seinen flackernden Augen einen mißbilligenden Blick zu, verschmähte es aber, zu antworten.
Da erhielt der Trupp plötzlich auch von hinten starkes Feuer, das die leichte Infanterie abgab, die inzwischen die verlassene Barrikade besetzt hatte. Heinrich hörtedeutlich das Kommando: »Zug – Fert'g! – An! – Feuer! – Ladet – Gwehr!« – – Und eine Sekunde darauf schlugen auch von der Brühlschen Terrasse her Kugeln in ihrer Nähe ein, die die Münzgasse entlang fegten.
In den scheinbar gleichgültig dahinschreitenden Männern zitterte jeder Nerv. Unter dem gräßlichen Eindruck, den dieses furchtbare Kreuzfeuer ausübte, brach die nur noch mühsam aufrecht erhaltene Ruhe endlich doch zusammen. Das ging über Menschenkraft! Und als plötzlich einer der Marschierenden inmitten des Haufens stolperte und mit einem markerschütternden Schrei vornüberfiel, da rannten alle wie auf ein Signal in wilder Flucht über den Platz hinweg, bis sie Stadt Rom erreicht hatten.
Nur der hagere Kommandant im schwarzen Schößenrock ging mit erhobenem Haupt und die Schritte absichtlich verkürzend in unerschütterlicher Ruhe weiter, obwohl die Kugeln wie Hagelkörner an ihm vorbeiflogen. Sein bleiches Gesicht trug den Ausdruck unsäglicher Verachtung.
So erreichte er unbeschadet das Hotel.