Drittes Kapitel

Der Zug mit dem ersten Toten vor dem Königlichen Schloß.Drittes Kapitel

Der Zug mit dem ersten Toten vor dem Königlichen Schloß.

Der Zug mit dem ersten Toten vor dem Königlichen Schloß.

Am nächsten Vormittag exerzierten die Rekruten aller Kompagnien wie alltäglich auf dem Kasernenhof.

Unter den vielen kommandierenden Unteroffizieren befand sich auch Heinrich. Seine Visitation übte gerade langsamen Marsch. Die jungen Soldaten waren noch reichlich unbeholfen. Sie standen zaghaft auf einem Bein und wackelten wie schlafende Hühner.

»Lehrschritt vorwärts – marsch!« kommandierte Heinrich mit Löwenstimme. Da warf die im Gänsemarsch stehende Reihe die Beine in die Luft, und jeder kämpfte mit den herabhängenden Armen um das bedrohte Gleichgewicht wie ein unsicher gewordener Seiltänzer, bis die riesigen Transtiefel krachend niederschlugen. »Und – rechts! und – links! und – rechts! und – links! …«

»Halt! Los!« Nach diesem Kommando guckten sich die jungen Soldaten jedesmal verwundert um und freuten sich, den soliden Kasernenhof wieder unter beiden Füßen zu haben.

Jetzt trat Leutnant Allmer, sein Rekrutenoffizier, an ihn heran.

»Korporal Mißbach,« fragte er leise, »hatten Sie gestern Nachtzeichen?«

Heinrich fühlte einen Stich in der Brust.

»Zu Befehl, Herr Leutnant,« antwortete er, ohne sich zu besinnen.

Leutnant Allmer hatte diese Antwort erwartet. Eine Sekunde lang stand er unschlüssig; er wußte, daß der junge Korporal die Unwahrheit gesagt hatte. Dann wandte er sich ab und ließ Heinrich stehen.

Um elf Uhr war das Exerzieren zu Ende. Und weil heute Sonnabend war, fiel die übliche Gymnastik und das Gewehrfechten am Nachmittag aus. Dafür fand gründliches Revierreinigen statt.

Leutnant Allmer wartete noch so lange, bis die Visitationen eingerückt waren. Dann verließ er durch das Hauptportal die Kaserne. Die Hände in den Manteltaschen, schritt er langsam schräg über die Allee und durch das Schmiedegäßchen bis zur Königstraße. Hier betrat er das gegenüberliegende Haus und zog an dem spiegelblanken, messingnen Klingelknopf im ersten Stock.

Nachdem ihn das Mädchen eingelassen hatte, klopfte er an eine der weißlackierten Türen und trat sodann in die Stube.

»Guten Tag, Tante,« sagte er, die Tür behutsam hinter sich schließend.

Auf dem verschossenen roten Ripssofa mit eingewirkten gelben Phantasieblumen saß häkelnd eine hagere, kleine Dame, um deren Mund und Augen ein spätherbstlicher Zug lagerte.

Sie erwiderte seinen Gruß in kühlem Ton und reichte ihm mit einer gemessenen Bewegung die Spitzen ihrer langen, dürren Finger. Dann zeigte sie stumm auf den Stuhl gegenüber. Leutnant Allmer nahm an dem runden Sofatisch Platz, während die kleine Dame die Häkelnadel wieder ergriff, die während der kurzen Begrüßung neben dem riesigen Ball zusammengewickelter Spitze geruht hatte.

Diese schon lange verblühte Jungfrau war Tante Sidonie. Sie lebte von einer sehr bescheidenen Rente, aß nur wenig mehr als ihr noch älterer Papagei und verrichtete all ihr Tun und Lassen mit einer feierlichen Pedanterie, daß ihre Bewegungen zuweilen wie die einer Marionettenfigur erschienen. Bei alledem war sie sehr fleißig! Mangels einer andern Beschäftigung strickte sie im Laufe eines jeden Jahres einen vollgemessenen Scheffel Strümpfe, häkelte ein Knäuel Madeiraspitze von der Größe einer Kanonenkugel und saß dabei ein tiefes Loch in das Sofa, – ebenfalls jedes Jahr eins.

»Warst du kürzlich bei Abendroths, liebe Tante?« fragte Leutnant Allmer ein wenig kleinlaut.

Tante Sidonie richtete über die hüpfenden Finger hinweg den Blick scharf auf den Frager, wobei sich ihre spitze Nase zu verlängern schien.

»Nein, Kurt,« erklärte sie in feierlichem Ton, »ich hatte in dieser Woche noch keine Zeit, Besuche zu machen.«

Das klang wie ein sanfter Vorwurf.

Leutnant Allmer blickte schweigend auf die Kanonenkugel und verstand.

Diesem angeregten Zwiegespräch folgte eine längere Pause. Dem jungen Offizier wurde es ungemütlich. Ersah vor sich nieder und spielte mit seinem Portepee. Die Augen der Tante glühten wie Kohlen. Er fühlte förmlich ihren sengenden Blick auf seinem Gesicht.

»Bist du viel ausgewesen?« fragte sie endlich scheinbar harmlos.

Leutnant Allmer rückte sich auf dem Stuhl zurecht und war entschlossen, scharf auf der Hut zu sein. Jetzt begann es. Vorläufig plänkelte sie freilich noch.

»Zweimal,« versetzte er vorsichtig. »Am Dienstag bei der Kommandeuse auf einen Löffel Suppe und gestern beim – Advokaten Marschall.«

Tante Sidoniens Rücken hatte sich während der letzten Worte heimlich von der Sofalehne losgelöst. Jetzt saß sie steif wie eine Wachsfigur. Nur die Finger, die wie Tanzpuppen durcheinanderflogen, bewegten sich an ihr. Das Häkchen der Nadel schoß von Zeit zu Zeit blitzschnell vor, faßte mit seinem scharfen Zahn den immer ängstlicher werdenden Faden, sprang alsdann wieder zurück und führte ihn mit so ungewöhnlicher Geschwindigkeit durch ein Labyrinth von Schleifen und Maschen, daß ihm hätte schwindelig werden dürfen. Dem wie gebannt zuschauenden Neffen gingen die Augen davon über.

»Beim – Advokaten – Marschall?« wiederholte sie mit Geisterstimme.

Leutnant Allmer nickte.

»Bei Marschall,« wiederholte er wie ein Echo.

Das dumpfe Ticktack des langen Perpendikels der alten Schwarzwälder Uhr klang in das Schweigen hinein. Der junge Mann strich sich über die Stirn und schloß eine Sekunde lang die Augen. Da war es ihm, als wenn ernächtlicherweile einsam im Bankettsaal einer alten Burg säße und die schlurfenden Schritte von unsichtbaren Gestalten vernähme.

Aus dieser Beklemmung befreite ihn Tante Sidoniens vorwurfsvolle Stimme.

»Kurt,« sagte sie halblaut.

In dem jungen Mann begehrte es auf. Er umklammerte den Säbelgriff krampfhaft und sagte:

»Es tut mir aufrichtig leid, daß du für Marschalls so wenig Sympathien hast, liebe Tante; es sind wirklich recht umgängliche Menschen.«

Die hagere Gestalt auf dem Sofa schien zu wachsen. Ihre Augen nicht von der Arbeit wendend, bot sie ein Bild vollkommener Ruhe. Nur die Finger tanzten emsig, und der Faden machte verzweifelte Kreuz- und Quersprünge. Der Neffe verspürte einen Hauch eisiger Kälte, der von dem grell gemusterten Sofa ausging. Da ließ Tante Sidonie plötzlich die Hände in den Schoß sinken.

»Du weißt, wie man von Marschall spricht,« versetzte sie.

Kein Fremder hätte aus dem ruhigen Ton ihre innere Erregung herausgehört. Tante Sidonie war viel zu sehr Dame, daß sie ihre Gereiztheit jemals verraten hätte. Allein der Neffe verstand sie.

»Es herrschen jetzt ungewöhnliche Zeiten, liebe Tante,« antwortete er beschwichtigend. »Auf der Seele des Volks liegt ein Druck. Allerorts ist man der Meinung, daß die verantwortlichen Männer den König schlecht beraten. In beiden Kammern des Landtags spricht man dies unverblümt aus, und in den öffentlichen Versammlungen fallen erregte Worte. Die große Masse verhält sich jaruhig; aber in den Herzen zittert der Widerhall dieser Reden nach und schürt die tiefe Unzufriedenheit, die im Lande herrscht. Bei uns ist es noch nicht einmal so schlimm wie anderwärts. Der König sei wohlgesinnt, sagt man allgemein, aber der Einfluß auf ihn wäre verhängnisvoll. Und unter den Ministern besteht keine Einigkeit. Ein paar Heißsporne aus der Mitte der Abgeordneten reden fortgesetzt Unüberlegtheiten und reizen auf. Dazu die stürmischen Verhandlungen im Frankfurter Parlament und die blutigen Aufstände in den Nachbarländern. Aber unser gutmütiges sächsisches Volk gelüstet es nicht nach Ausschreitungen. So etwas wie die Berliner Märztage könnte bei uns nie vorkommen. – Es wird sich ja alles noch klären.«

Kurt Allmer hatte anfänglich erregt gesprochen. Aber im Laufe seiner Rede hatte er sich wieder beruhigt. Tante Sidonie hatte sich inzwischen wieder ihrer Arbeit erinnert und häkelte emsig weiter. Freilich war ihre äußerliche Ruhe trügerisch. Dennoch hob sie die Augen nicht auf, als sie entgegnete:

»Advokat Marschall steht mitten in der Bewegung, die gegen den König gerichtet ist …«

»Nicht gegen den König,« fiel Kurt Allmer ihr ins Wort, »sondern gegen die Regierung!«

»Aber es ist ein Sturmlaufen wider Gesetz und Ordnung.«

»Die Gesetze sollen frei machen, liebe Tante; die bestehenden bedrücken aber, – wie man sagt.«

»Staatsfeindliche Umtriebe …«

»Es sind nicht die Schlechtesten, die an der Spitze der Bewegung stehen! Männer von Ehre und Ansehen!«

Da reckte sich die alternde Jungfrau höher auf und sah den kühnen Sprecher scharf an. Ihr tief eingewurzeltes monarchische Empfinden war verletzt.

»Du bist ein beredter Verteidiger der Widerspenstigen! Das muß ich gestehen! – Aber wer es mit seinem Volke gut meint, geht immer mit dem König!«

Kurt Allmer zuckte unmerklich mit den Schultern. Das verworrene Zeitbild war ihm in seinen Tiefen nicht völlig klar. Das gestand er. Aber die gute Tante klammerte sich zäh an das Althergebrachte. Das allein war vortrefflich. Wer zu ihr von Fortschritt und Entwicklung sprach, machte sie argwöhnisch. Sie vermochte den Geist, der auch die Gemäßigten jetzt erfaßt hatte, nimmermehr zu begreifen.

Tante Sidonie merkte wohl, daß sie auf dem betretenen Pfad nicht weiter konnte, und zog sich vorsichtig zurück. Plötzlich schlug sie einen Haken.

»Aber wozu streiten wir um Ideen! Gehst du bei Marschalls ein und aus, um allein von der Politik zu hören?«

Das war für ihren Mund stahlscharf gesprochen. Allmer empfand den Stich und schwieg. Endlich versetzte er mit gut gespielter Harmlosigkeit:

»Die Menschen, die dort zusammenkommen, liebe Tante, sind sehr interessant. Es wird auch nicht immer von Politik geredet. Und Fräulein Marschall,« schloß er in leichtem Tone, »ist eine wohlerzogene junge Dame und für ihr Alter recht klug.«

Nun war es heraus, worauf Tante Sidonie hinzielte.

Der flache Busen der Schweigenden hob sich einigeMale höher als sonst, bevor sie, ohne aufzusehen, langsam sagte:

»Wenn ein Mann mit Verpflichtungen, wie du, wiederholt in einem Hause verkehrt, in dem sich ein junges Mädchen befindet, so gibt dies leicht Anlaß zu falschen Deutungen.«

Kurt Allmer schwieg. Da fuhr sie fort:

»Dein Herz ist gebunden! Fühlst du innerlich nicht einen leisen Widerstreit, wenn du dort bist?«

Der junge Offizier errötete.

»Valentine Marschall besitzt ungewöhnliche Geistesgaben,« sagte er rasch, »und viel weibliches Empfinden. Mein Verhältnis zu ihr ist wirklich ganz harmlos. Ich plaudere gern mit feingebildeten jungen Damen.«

»Glaubst du nicht, daß Ursula darunter leidet, wenn du ihr selbst nur einen geringen Teil deiner Neigung entziehst, um sie einem anderen Mädchen zuzuwenden?«

Allmer kämpfte eine leichte Verlegenheit nieder.

»Ursulas Verstimmung, die sie vielleicht gegen Fräulein Marschall hegt,« antwortete er ausweichend, »würde sich sogleich ins Gegenteil kehren, wenn sie Valentine kennen lernte.«

»Kurt,« sagte Tante Sidonie mit sanftem Nachdruck, »einem Mädchen wie Ursula muß es weh tun, wenn sie weiß, daß der Geliebte ihr nicht sein ganzes Herz schenkt! Allerdings giltst du vor der Welt noch frei, euer Verlöbnis besteht vorläufig ja nur heimlich. Den tiefen Schmerz, den Ursula vor kurzem durch den überraschenden Heimgang ihrer Mutter erlitt, muß erst die Zeit lindern, bevor ihr euch vor der Welt als Brautpaar bekennt. Aber gerade dieser tiefbedauerliche Hinderungsgrundverpflichtet dich zu großen Rücksichten und verlangt von einem jungen Mann von Familie den höchsten Beweis feinen Taktes.«

Diese Worte kamen wie von einer Mutter und übten eine tiefe Wirkung auf den Zuhörenden.

»Glaubst du, liebe Tante, daß Ursula sich über meinen Verkehr bei Marschalls beunruhigt?« fragte Kurt. »Wir haben doch verabredet, daß ich nur in schicklichen Zeiträumen im Abendrothschen Hause vorsprechen soll, um jede Nachrede zu vermeiden.«

»Das ist wohl richtig,« antwortete Tante Sidonie. »Aber Ursula weiß um dein wiederholtes Zusammentreffen mit Valentine Marschall. Freilich ist sie ein viel zu edler Charakter, um Argwohn zu hegen oder dich zu bitten, die Besuche bei Marschalls einzustellen. Dennoch leidet sie darunter, wie ich empfinde. Denn sie liebt dich mit ihrem ganzen keuschen Herzen.«

Kurt lehnte sich zurück. Er fühlte deutlich sein Unrecht. Ursula war wirklich ein vornehmer Charakter. Seine ganze Seele hing an diesem herrlichen Mädchen, und es würde ihm weh tun, wenn er sie betrübt hätte.

Tante Sidonie erkannte mit scharfem Blick die innerliche Not des jungen Neffen. Plötzlich legte sie die Häkelarbeit mit liebevoller Sorgfalt in einen umfangreichen, weißen Spankorb, den rosafarbene Schleifen freundlich zierten, und sagte:

»Du ißt jetzt mit mir, Kurt, und danach machen wir zusammen einen Besuch bei Abendroths.«

Kurt warf der Tante einen dankbaren Blick zu, stand auf und schnallte den Säbel ab. Tante Sidonie ging zudem perlengestickten Klingelzug neben der Tür und läutete.

»Anna, du kannst decken,« sagte sie zu dem eintretenden Mädchen. »Der Herr Leutnant bleibt bei uns zu Tisch.«

Jetzt lächelte Kurt. Nun war sie wieder ganz Tante Sidonie, steif und gemessen in ihren Bewegungen, ausdrucksvoll und feierlich in ihren Worten. Worin das Mittagessen bestehen würde, wußte er übrigens auch schon.

Heute war Sonnabend, also der Tag des großen Reinemachens. Da wurde in der ganzen Wohnung das Unterste zu oberst gekehrt. Besen und Staubtuch wirbelten in der Luft, und das Röhrwasser ergoß sich in Fluten. So heischte es die Würde jeder ordentlichen Hausfrau. Deshalb unterblieb an diesem Tag auch die zeitraubende Zubereitung des einfachen Mittagessens. Statt dessen kamen auf den Tisch der sparsamen Tante nur der übliche dünne Kaffee und hauchartig bestrichene Butterbemmchen.

Endlich war Tante Sidonie zum Ausgehen bereit. Ihr Kleid stammte sicherlich aus dem vorigen Jahrzehnt. Aber es war fleckenlos und peinlich gebürstet. Und Tante Sidonie trug es mit Würde!

Sie gingen über den Bautzner Platz bis zur Glacisstraße und diese hinab. Endlich hatten sie das untere Ende erreicht. Hier stand nahe dem Elbufer in einem Garten ein einstöckiges Haus, dessen schwärzliches Ziegeldach sein hohes Alter bezeugte. In diesem Hause wohnte der pensionierte Königlich Sächsische Kriegsrat Christoph von Abendroth mit seiner Enkelin Ursula.

Als Kurt hinter der Tante die zum Eingang führenden wenigen Stufen hinaufschritt, fühlte er eine leise Beklemmung,die aber wieder von ihm wich, als sie im Flur den weißhaarigen, betagten Kriegsrat sahen, der sie mit lauter Freude begrüßte. Während Tante Sidonie den alten Herrn mit einer Frage absichtlich eine Weile zurückhielt, betrat der junge Offizier eine der auf den Flur mündenden Stuben.

An dem großen, runden Tisch inmitten des Zimmers saß in einem schlichten, schwarzen Hauskleid ein junges Mädchen, in das Lesen eines Buches versunken. Als die Tür geöffnet wurde, blickte sie auf. Vor freudiger Überraschung errötend, erhob sie sich und ging dem Eintretenden entgegen. Sie war von hoher, schlanker Gestalt und lieblicher Schönheit. Ihre feinen Züge trugen einen vornehmen Ausdruck, verbunden mit scheuer Zurückhaltung. Ursula von Abendroth galt als eins der schönsten Mädchen der Dresdner Gesellschaft.

Kurt näherte sich ihr rasch und küßte sie auf Stirn und Mund. In leichter Verwirrung schloß sie flüchtig die Augen und erwiderte die Liebkosung mit mädchenhafter Befangenheit.

»Verzeih', Ursula,« sagte Kurt schmeichelnd, »daß ich diesmal länger als sonst fern blieb.«

Es drängte ihn, das zu sagen, denn bei Ursulas Anblick fühlte er seine Schuld deutlicher als bisher. Doch wagte er nicht, Gründe für sein Ausbleiben anzuführen.

Das Mädchen hatte inzwischen ihre Befangenheit bekämpft und lud ihn zum Sitzen ein.

»Wie ist dir's ergangen, Kurt?« fragte sie, ohne auf seine Worte einzugehen.

»Gut, liebe Ursula. Und dir?«

»Danke, mir auch. Großvater ist immer kränklich gewesenund bedurfte sorgsamer Pflege. Nun wo der Winter kommt, zwickt ihn auch sein altes Podagra wieder in den Füßen. Du weißt ja …«

Kurt nickte bedauernd.

»Ich habe ihm einen dicken, wollenen Fußsack gestrickt, den er bis über die Knie heraufziehen kann. Damit sitzt er tagsüber viel im Lehnstuhl und liest eifrig die Zeitungen. Du kennst seine Vorliebe für Politik. So gutmütig er sonst ist, wird er beim Lesen zuweilen doch recht unmutig und schilt auf alle, die die Unzufriedenheit im Lande schüren.«

Kurt sah zur Seite. Dem Gespräch rasch eine andere Wendung gebend, versetzte er:

»Denk' mal, liebe Ursula, vor einigen Tagen sagte mir der Oberst, er beabsichtige, mich im kommenden Jahr zum Adjutanten zu machen.«

Das Mädchen sah in freudiger Bewegung auf.

»Ach, wie freue ich mich über diese Nachricht,« antwortete sie mit strahlenden Augen. »Viel Glück dazu, Kurt,« und hielt ihm ihre schöne, weiße Hand hin.

Kurt lächelte befriedigt.

»Wenn es gut geht, mache ich das Bataillonsexerzieren im nächsten Sommer schon zu Pferde mit. Die Adjutantur ist ja stets mein sehnlichster Wunsch gewesen. Natürlich reite ich nun auch immer, wenn sich Gelegenheit hierzu bietet. Ich habe schon mit allen berittenen Herren des Regiments gesprochen. Wer von ihnen einmal verhindert ist, sein Pferd zu bewegen, überläßt es an diesem Tage mir.«

»Das ist wirklich eine gelungene Überraschung und auch für mich eine große Freude,« versetzte Ursula.

Während sie so plauderten, kamen Tante Sidonie und Herr von Abendroth herein. Ursula ging dem alten Fräulein entgegen und ergriff mit einem Willkommengruß die dargebotene Hand. Ihre bescheidene Haltung, mit der sie Ältere begrüßte, zeugte für die vortreffliche Erziehung des jungen Mädchens.

»Meine liebe, kleine Pflegerin,« sagte der Kriegsrat scherzend zu Tante Sidonie, indem er den Arm um Ursula legte. »Sie vergißt sich selbst noch ganz vor Eifer, den sie an mich wendet, anstatt an ihre Jugend zu denken.«

»Aber Großvater!« rief Ursula, verlegen lächelnd und mit leisem Vorwurf.

Tante Sidonie strich mit der Hand liebevoll über die Wange des jungen Mädchens.

»Kindchen,« sagte sie eindringlich, ihre gewohnte Förmlichkeit für einen Augenblick vergessend, »Ihre Wangen sind wahrhaftig ein wenig blaß. Denken Sie auch an sich und gehen Sie öfters ins Freie.«

Ursula schlug eine dunkle Röte ins Gesicht.

»Ich bin ja täglich im Garten,« entgegnete sie.

»Wie wär's, Herr von Abendroth,« wandte sich Tante Sidonie an den Kriegsrat, »wenn wir jetzt alle zusammen einen Spaziergang elbaufwärts nach Linkens Bad machten? Die Sonne scheint gerade so warm. Können Sie bis dorthin gehen?«

Die jungen Leute waren von diesem Vorschlag freudig überrascht. Kurt sah mit einem warmen Blick auf Tante Sidonie. Er wußte, daß sie gewohnt war, ihr tägliches Arbeitspensum peinlich inne zu halten. Aus diesem Grunde würde sie die auf den Spaziergang verwendete Zeit beim Schein der Kerze nachholen.

Der alte Herr stimmte dem Vorschlag erfreut zu.

»Ich fühle mich heute so wohl,« versetzte er schmunzelnd, »daß ich's recht gut wagen kann. Wir haben lange genug das Zimmer gehütet.«

»Sei nicht unvorsichtig, Großvater,« mahnte Ursula.

»Nein, nein, kleines Hausmütterchen,« antwortete er mit jugendlichem Feuer, »heute wollen wir den schönen Herbsttag genießen.«

Damit klingelte er und bestellte den warmen Flauschrock.

Ursula versuchte zwar noch einmal, den Großvater zum Bleiben zu bestimmen. Aber der alte Herr ließ keine Einwendungen gelten. Und so schlenderten sie nach kurzer Zeit am Ufer der Elbe entlang. Tante Sidonie hielt sich immer neben dem Kriegsrat, während die jungen Leute ein Stück vorauf waren.

»Lassen Sie uns hübsch langsam gehen, Herr von Abendroth,« meinte sie mit Vorbedacht, »damit Ihnen der Spaziergang auch gut bekommt.«

Und als sie bemerkte, wie sich der Abstand bis zu dem jungen Paar trotz alledem nur wenig vergrößerte, blieb sie plötzlich stehen und sagte, sich umwendend:

»Finden Sie nicht, daß heute ein ungewöhnlich klarer Tag ist? Sehen Sie doch bloß, man kann auf der Brühlschen Terrasse die Spaziergänger ganz deutlich erkennen.«

Mit dieser kleinen List hatte sie den Redefluß des alten Herrn in das richtige Fahrwasser gelenkt, denn der Kriegsrat studierte, seitdem er pensioniert war, mit großer Vorliebe die Wissenschaft von den atmosphärischen Erscheinungen. Voll Eifer erklärte er ihr den Grund, warum jetzt eine längere Reihe von schönen Tagen gewesensei und daß nach den Anzeigen in der Natur das heitere Wetter noch einige Zeit anhalten würde. Tante Sidonie hörte eine Weile aufmerksam zu, dabei aber in einem fort über die Schulter zurückspähend. Plötzlich versetzte sie:

»Kommen Sie, Herr von Abendroth, wir wollen jetzt weitergehen, damit Sie keine kalten Füße kriegen.«

»Gnädiges Fräulein sind so gütig um mich besorgt,« sagte der alte Herr erfreut, während Tante Sidonie mit Befriedigung wahrnahm, daß die jungen Leute nunmehr einen tüchtigen Vorsprung gewonnen hatten.


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