Zehntes Kapitel

Zehntes Kapitel

In Stadt Rom angekommen, stellte sich Heinrich sogleich an eines der Fenster dieses stark besetzten Hauses und begann kaltblütig nach der Bildergalerie auf der gegenüberliegenden Seite des Neumarkts zu schießen. Aus den Fenstern des Johanneums und vom äußersten Flügel des Brühlschen Palais her wurde lebhaft zurückgeschossen.

Dem Hotel Stadt Rom gegenüber stand an der andernEcke der Moritzstraße mit dem Neumarkt das Hotel de Saxe. Dieses mächtige Haus war gleichfalls von Freischärlern besetzt, welche aus allen Stockwerken feuerten. Die Straße zwischen beiden Hotels sperrte eine hohe Barrikade. Aus den Kindschen Häusern, die von der Frauengasse bis zum Jüdenhof den Platz begrenzten, krachten die Gewehre der Aufrührer unaufhörlich hinüber nach den Truppen auf der am Ende der Münzgasse sichtbaren Brühlschen Terrasse und im Coselschen Palais neben der Frauenkirche.

Heinrich merkte bald, daß die Kugeln der Truppen wenig Wirkung hatten. Er kannte ihre Perkussionsgewehre ja ganz genau und wußte, daß die Entfernung für sie sehr groß war, während die Geschosse aus den weittragenden Büchsen der bürgerlichen Kämpfer die Stellungen der Truppen mit unverminderter Kraft erreichten.

Als Ziel hatte sich Heinrich das letzte Fenster der Bildergalerie an der Ecke der Augustusstraße gewählt. Da schien es ihm mit einem Mal, als ob er die Leute in diesen Fenstern kenne. Er sah scharf hinüber. Es war kein Irrtum, – die Mannschaften seiner Kompagnie standen dort!

Eben hatte der Soldat Kießling seiner Visitation das Gewehr erhoben und zielte herüber. Heinrich sah den Feuerstrahl aus der Mündung blitzen und hörte trotz des unaufhörlichen Krachens ringsum deutlich den Knall des Schusses, als wenn nur dieses eine Gewehr abgefeuert worden sei.

Im nächsten Augenblick dröhnte das steinerne Fenstergewände dicht neben seinem Kopf, zerborstenes Bleispritzte umher, und ein großes Stück Sandstein fiel auf das Fensterbrett vor ihm nieder.

Heinrich rieb sich den Staub aus den Augen. Da sah er, wie Soldat Kießling sein Gewehr gleichmütig wieder lud und von neuem anlegte. Schnell riß Heinrich den Kolben an die Backe und drückte ab. Krachend fuhr der Schuß hinaus. Im nächsten Augenblick sank drüben dem Zielenden das Gewehr vom Kopfe herab und fiel zum Fenster hinunter, während Kießling eine Schmerzensbewegung machte und auf seine herabhängende rechte Hand starrte.

Da wurde der Verwundete vom Fenster gezogen, und ein anderer Soldat trat an seine Stelle. Heinrich biß die Zähne aufeinander und machte das Gewehr wieder fertig. Langsam hob er die Waffe und zielte scharf auf den eben Herangetretenen.

Plötzlich ließ er das Gewehr sinken. Er konnte nicht schießen! Der jetzt dort stand, war Korporal Johne, ein vortrefflicher Mensch. Johne war der Einzige gewesen, mit dem er jederzeit treue Kameradschaft gehalten hatte.

Heinrich trat vom Fenster zurück und sicherte das Gewehr. Auf seine Kompagnie mochte er nicht zielen. Es gab hier genug Schützen, die aus Mangel an Fensterplätzen nicht zum Feuern kamen. Er konnte sich eine andere Stelle aussuchen. Übrigens wurde es auch Zeit, daß er zu Marschalls ging.

Bei diesem Gedanken fühlte Heinrich, wie ihm das Blut ins Gesicht trat. Denn er war sich dessen bewußt geworden, daß er Professor Richters Auftrag im Eifer des Gefechts bald vergessen hätte.

Die Mauern von Stadt Rom und den Nachbarhäusern der kleinen Kirchgasse waren von den Verteidigern durchgeschlagen worden. Heinrich hing das Gewehr über die Achsel und verließ auf diesem Wege das Hotel. Als er die Badergasse erreicht hatte entschloß er sich, die Barrikade bei Stadt Gotha aufzusuchen, von deren Stärke er im Hotel Rom schon gehört hatte. Dort war er auch in Marschalls nächster Nähe.

Auf dem Altmarkt war das Gewühl so dicht, daß Heinrich nur langsam durchkommen konnte. Aus den Dörfern im Plauenschen Grunde kamen gerade Wagen mit Lebensmitteln an. Auch zwei große Scharen auswärtiger Turner, die mit nicht endenwollenden Jubelrufen empfangen wurden, marschierten in geschlossener Ordnung nach dem Rathaus.

Beim Betreten der Schloßgasse hörte Heinrich die Kugeln der im Thronsaal des Schlosses aufgestellten Truppen pfeifen. Er lief schnell bis zur Rosmaringasse und meldete sich beim Barrikadenkommandanten.

»Sie können gleich hinaufsteigen, mein Sohn,« versetzte dieser, ein älterer, anscheinend den höheren Ständen angehörender Herr. »Zeigen Sie, ob Sie auch schießen gelernt haben.«

Heinrich kletterte die Leiter empor und trat hinter die Brüstung. Er staunte über die Größe und Festigkeit dieser Barrikade. Sie reichte fast bis zum zweiten Stock des Hotels und war ganz aus Pflastersteinen und Granitplatten gebaut. Auf der Plattform lagen die Verteidiger Mann an Mann und schossen unaufhörlich nach dem Schloß, aus dessen Fenstern über dem Georgentor das Feuer heftig erwidert wurde. Zu Füßen der liegendenSchützen kniete eine zweite Reihe, und über diese hinaus ragten die Köpfe des hinter der Barrikade auf Laufbrettern stehenden dritten Gliedes.

Das unaufhörliche Krachen der Gewehre von den in drei Etagen feuernden Schützen in der schmalen Schloßgasse mit ihren hohen Häusern war ohrenzerreißend und machte eine mündliche Verständigung auf der Barrikade nahezu unmöglich.

Heinrich stellte sich in die hinterste Reihe, legte die Gewehrmündung auf eine der quer gezogenen Latten und schoß so lange, bis er keine Patrone mehr hatte.

Da sah er ein paar große hölzerne Eimer stehen, woraus jeder, der sich verschossen hatte, seine Munition ergänzte. Und da fast alle Freischärler die erst vor kurzem in den Handel gekommenen Hinterlader besaßen, paßten die Patronen für jedes Gewehr.

Plötzlich bemerkte Heinrich, wie in der Tiefe des Georgentores einige Soldaten sichtbar wurden. Und sein scharfes Auge erkannte eine Kanone, deren Umrisse in dem Hintergrund des dunklen, durchgangartigen Tores nur schwer zu sehen waren.

Noch zielte er darauf, als das Geschütz unter donnerartigem Krachen abgefeuert wurde. Im nächsten Augenblick schlug der Vollkugelschuß in die Vorderwand der Barrikade ein, den festen Bau erschütternd.

Eine kurze Weile stockte auf der Barrikade das Feuer, und man hörte, wie der heftige Luftdruck Hunderte von Fensterscheiben des Schlosses und der ihm zunächstliegenden Häuser der Schloßgasse zertrümmerte und wie die herabfallenden Stücke auf dem Straßenpflaster zersplitterten.Dann nahm die Barrikadenbesatzung das Feuer mit vermehrter Heftigkeit wieder auf.

Bald krachte das Geschütz drüben noch einmal, und als Antwort schrien bei den Freischärlern ein paar Stimmen verzweifelt auf. Diesmal war es ein wohlgezielter Kartätschenschuß gewesen, der dicht über die Brüstung hinweggestrichen war.

Das erste Opfer war ein blutjunges Bürschlein, – zart wie ein Mädchen. Laut stöhnend wurde er an Heinrich vorübergebracht. Seine Brust war durch einen Steinsplitter vom Herzen bis zum Hals aufgerissen. Der junge Mann, fast noch ein Knabe, blickte aus stieren Augen und stammelte wirre Worte. Plötzlich rief er gellend: »Mutter, – – Mutter!« dann fiel sein Kopf zurück.

Nach ihm wurden zwei Tote hinabgelassen und hierauf noch ein Verwundeter, ein bartloser Student mit den Farben der Leipziger Saxonen. Heinrich sah, wie dieser die Hand lächelnd auf den Unterleib preßte und heldenhaft jeden Schmerzenslaut unterdrückte. Aber von seinen Lippen floß Blut, so biß er darauf.

Aufs äußerste erbittert, richteten jetzt alle die Gewehre auf den Eingang des Georgentors, und ein Triumphgeschrei brach aus, als das Geschütz plötzlich zurückgezogen wurde.

Dafür feuerten die Truppen aus den Fenstern des Thronsaales nun um so heftiger, und die Zahl der Verwundeten auf der Barrikade wurde immer größer. Auch hörte man jetzt in der Richtung des Neumarkts Kanonenschüsse, und das Gewehrfeuer, das vom Zwinger herüberschallte, steigerte sich von Minute zu Minute.

Der Barrikadenkommandant war auf die Brüstung gestiegen. Hier stand er, auf den blanken Säbel gestützt, furchtlos inmitten des dichten Kugelregens und feuerte die Verteidiger zu immer rascherem Schießen an.

Plötzlich hörte Heinrich, wie in seinem Rücken eine Stimme in den betäubenden Lärm hineinschrie:

»Herr Kommandant, Herr Kommandant! Ich habe Ihnen eine Meldung abzustatten!«

Der Gerufene vernahm die Stimme und ging zu dem auf der Leiter Stehenden zurück.

»Was bringen Sie?« fragte er, sich zu ihm hinabbeugend.

»Die Wache auf dem Kreuzturm hat vor einer halben Stunde mit dem Fernrohr beobachtet, wie ein Bataillon vom Berliner Alexanderregiment auf dem Neustädter Bahnhof ausgeladen worden ist.«

Der Kommandant fuhr erzürnt auf.

»Fremde Truppen im Land? Das ist Verrat am eigenen Volk! – Aber laßt sie nur kommen,« fügte er lächelnd hinzu, »wir werden ihnen schon heimleuchten! Wie steht es auf dem Neumarkt?«

»Die Unsrigen halten sich vortrefflich. Die beiden Hotels werden jetzt von der Augustusstraße her mit Kanonen beschossen. Aber die Kugeln richten wenig Schaden an. Die Verluste der Truppen sind größer als die unsern.«

»Bravo, bravo!« rief der Kommandant. »Und wie sieht's im Zwinger aus?«

»Das Leibregiment hat den Wall und den Mathematischen Salon besetzt. Dort sitzen sie wie in einer Mausefalle. Das Feuer vom Turmhaus an der Ostra-Alleeund von der Spiegelfabrik am Postplatz räumt furchtbar unter ihnen auf.«

»An dieser Stelle steht das Gros der Turner,« versetzte der Kommandant frohlockend. »Ein wackres Korps, diese Turnerschaft, schlägt sich ausgezeichnet!«

»Die provisorische Regierung läßt Ihnen den gemessenen Befehl zugehen, Herr Kommandant, Ihre Barrikade um jeden Preis zu behaupten. Stadt Gotha bilde den Schlüssel für unsere ganze Stellung. Sie könnten so viel Scharfschützen und Munition fordern, wie Sie wollten. Von der unbegrenzten Hingabe der auf Ihrer Barrikade Kämpfenden hinge unser aller Schicksal ab, denn die Schloßgasse bildet das Einfallstor in unsere Stellung.«

Mit diesen Worten stieg der Bote die Leiter wieder hinunter.

Der Kommandant blieb eine Sekunde lang wie betäubt stehen. Dann richtete er sich ruckartig auf und wandte sich zu seinen Leuten, deren Gewehre unaufhörlich die blutige Arbeit verrichteten. Mit einer ungestümen Bewegung riß er die auf der Mitte der Barrikade aufgepflanzte schwarzrotgoldene Fahne in die Höhe, stieg mit jugendlicher Behendigkeit auf einen umgestürzten Patroneneimer und schrie mit der ganzen Kraft seiner Stimme in den Höllenlärm hinein:

»Brüder! Ihr kämpft auf dem bedeutungsvollsten Punkte der ganzen Stellung. Die Geschichte wird die Namen derer, die hier gefochten, einst mit Ehrfurcht nennen! Die Blicke aller Mitkämpfenden sind voll Bewunderung auf uns gerichtet. Die provisorische Regierung erwartet von euch, daß jeder sein Herzblut daransetzt, diesen Ehrenplatz nicht in die Hände des Feindes fallen zu lassen. Die große Stunde der Entscheidung ist gekommen! Es lebe die Einheit und Freiheit Deutschlands! Es lebe die deutsche Reichsverfassung!«

So stand der Mann in grauem Haar mit dem feurigen Mut eines Jünglings, des Eisenhagels spottend, hoch über seinen Leuten, die wallende Fahne der Freiheit in der Faust. Und das hundertstimmige Jauchzen der von seiner Begeisterung Hingerissenen vereinte sich mit dem scharfen Pfeifen der Kugeln und dem stärker anschwellenden Rollen des Gewehrfeuers zu einer schauerlichen Musik, deren rasende Weise wie ein entfesselter Orkan gegen die Mauern der Häuser fuhr und – zurückgeworfen – den Kampfeslärm ins Ungemessene steigerte.

Noch war der begeisterte Jubel nicht verhallt, als der Mann auf der Tonne plötzlich wankte und dann schwer auf die Plattform der Barrikade niederfiel. Das dreifarbige Panier sank mit ihm nieder, seinen Körper bedeckend.

Erschrocken eilten die Nächstliegenden hin und richteten ihn auf. Mitten in der Stirn hatte er ein kreisrundes Loch, aus dem einige Tropfen hellroten Bluts sickerten. Friedlich, als wenn er schlummere, lag er vor ihnen. Seine Züge trugen noch das Lächeln der Begeisterung, aus der er so plötzlich abberufen worden war.

Die Männer tasteten nach seinem Herzen, – alles umsonst! Erschüttert hoben sie den entseelten Körper auf und trugen ihn behutsam hinab. Auf der Barrikade aber tobte der Kampfeslärm unvermindert fort, und ein anderer stellte sich auf den frei gewordenen Platz. –

Heinrich hatte diesen Vorgang aus unmittelbarer Nähebeobachtet. Sein Herz krampfte sich zusammen, als er den Mann zu Tode getroffen liegen sah. Das war der Krieg in seiner ganzen Entsetzlichkeit – der Bürgerkrieg! Und er dachte daran, was für eine schwere Schuld die Regierenden traf. Denn sie nur allein – das stand bei Heinrich außer Zweifel – hatten den Aufstand herbeigeführt.

Da fühlte er mit einem Mal eine große Abspannung. Und er erinnerte sich, daß er nichts wieder gegessen, seitdem er mit Herrn Dietze zusammen gefrühstückt hatte. Der Gedanke an den gräßlichen Anblick, den dieser gutmütige, alte Mann, von der Barrikade sinkend, geboten hatte, vermehrte sein Übelbefinden. Aber Heinrich schämte sich seiner Schwachheit und feuerte weiter.

Bald merkte er jedoch, wie ihn eine neue Schwäche anwandelte. Doch was war das? Narrte ihn seine Einbildung? Hatte er unter den an den Fenstern des Thronsaales stehenden Soldaten nicht soeben ein wohlbekanntes Gesicht gesehen? Die Helle des Tages war schon gewichen, – er mußte sich getäuscht haben! Aber sein Auge war außergewöhnlich scharf, das wußte er.

Heinrich nahm das Gewehr bei Fuß, legte beide Hände wie einen Schirm über die Augen und sah mit äußerster Anstrengung seiner Sinne nach dem Schloß. Da fielen plötzlich seine Arme herab, und kaltes Grausen kam über ihn. Nein, – jetzt war kein Zweifel mehr: er hatte unter einem der Tschakos ein breites Gesicht mit einem starken, weißen Schnurrbart gesehen.

Die dort im Thronsaal feuerten, waren Soldaten der 3. Kompagnie seines Regiments, und an jenem Fenster stand sein Vater – –

Hastig wandte sich Heinrich um und stieg die Leiter hinab. Es war die höchste Zeit, daß er zu Marschalls ging!

War er betäubt von dem Höllenlärm, in dem er so lange gestanden? Oder verwirrte ihn die entsetzliche Entdeckung so, die er eben gemacht? Heinrich schwankte, daß er fast auf die Straße sank. Mit Mühe ging er ein Stück zurück und setzte sich auf einen Fensterstock.

Endlich hatte er sich wieder soweit erholt, daß er seinen Weg fortsetzen konnte. Bei Marschalls würde er zu essen bekommen, das mußte ihn von neuem stärken. Da fiel ihm die Kranke ein, und dieser Gedanke beflügelte seine Schritte.

Er ging die große Brüdergasse entlang und durch das Gäßchen nach der kleinen Brüdergasse. Nun stand er vor dem Hause. Heinrich klinkte an der Tür; sie war verschlossen.

Er klopfte an, vergeblich. Er klopfte stärker und wiederholte es fünf-, sechsmal – niemand öffnete. Die Fensterladen im Erdgeschoß, wo die Kanzlei lag, waren geschlossen. Auch an sie klopfte er. Aber es kam niemand, um nachzusehen, wer Einlaß begehrte.

»Hallo!« schrie Heinrich, »Anna, Anna, – Valentine …«

Keine Antwort. Seine Stimme ging fast unter in dem Getöse des ohne Unterbrechung fortdauernden Feuergefechtes. Vier Häuser entfernt befand sich Stadt Gotha. Die kleine Brüdergasse traf die Schloßgasse im rechten Winkel. Die Barrikade stand dicht hinter der Ecke, daß er sie nicht sehen konnte. Aber die hin und her schwirrenden Kugeln sah er. Ihre Bahnen bildeten plötzlich erscheinende,dunkle Fäden, die ebenso rasch wieder abrissen, wie sie auftauchten, wenn das Geschoß am Ausgang der Gasse vorbeigeflogen war. Als wenn Geisterhände an einem ungeheuern, unsichtbaren Webstuhl arbeiteten.

Nur das unaufhörliche Krachen der Gewehre belehrte ihn, daß es keine Einbildung war, was er sah, und die lauten Rufe, mit denen die Schießenden ihre blutige Arbeit begleiteten, verstärkte den grausigen Eindruck.

Heinrich blickte verzweifelt an dem Hause hinauf. Es sah aus, als wenn es von seinen Bewohnern verlassen sei. Auch hinter den Fenstern der nebenliegenden Häuser konnte er keine menschliche Seele entdecken. Ob Marschalls schon geflüchtet waren? Und wohin? Diese Ungewißheit quälte ihn fürchterlich.

Da riß er sein Gewehr von der Schulter und schlug mit dem Kolben wiederholt heftig an die Tür, daß sie dröhnte. Aber es blieb alles still. Der dumpfe Schall im Hausflur bildete die alleinige Antwort.

Eine geraume Weile noch blieb Heinrich auf der Mitte der Gasse stehen, scharf zu den Fenstern hinaufspähend. Dann begann es zu dunkeln. Enttäuscht warf er sein Gewehr über die Schulter und entfernte sich langsam. Morgen in aller Frühe, bevor das Gefecht von neuem beginnen würde, wollte er wieder hier sein.

Nun ging er das schmale Gäßchen wieder zurück bis zur Wilsdruffer Gasse. Hier waren die Gasflammen angezündet, und eine dichtgedrängte Menge wogte auf und ab. Die meisten Männer waren bewaffnet, etliche angetrunken. Sie sangen Freiheitslieder oder stießen unflätige Rufe aus.

Aus einigen Häusern schleppten Freischärler und Turner unter wildem Geschrei Kommunalgardisten und angesehene Bürger heraus, nachdem sie in deren Wohnungen eingedrungen waren und die Besitzer mit Drohungen oder Gewalt zum Mitgehen veranlaßt hatten.

»Auf die Barrikaden mit den Hunden!« schrien sie und stießen die zu Tode Geängstigten vor sich her.

Heinrichs Blick fiel auf einen Greis, der augenscheinlich aus dem Bett geholt worden war und dem man keine Zeit gelassen hatte, die Oberkleider anzuziehen.

Zwei Frauen hielten ihn umschlungen: eine ehrwürdige, alte Dame und ein junges, bildschönes Mädchen. Sie weinten laut und beschworen die Bedränger, ihren Gatten und Vater freizulassen. Er sei krank und könne vor Fieber kaum stehen. Da faßten rohe Fäuste nach den Bittenden und rissen sie zurück. Die alte Dame rang die Hände ineinander und schrie verzweifelt auf, während das sich heftig sträubende Mädchen im Gedränge zu Boden geworfen wurde.

»Verfluchte Hexe!« brüllte ein zerlumpter Freischärler der zitternden Greisin geifernd ins Gesicht, »sollen wir uns die Knochen allein entzweischießen lassen? Hat nicht Ihr Mann noch in der vergangenen Woche im Tivoli den Krieg für Recht und Freiheit gepredigt? Nun haben wir den Kampf! Jawohl, Maulhelden spielen! Und wenn's dann losgeht, in's Bett kriechen!«

»Vorwärts, du alter Sünder!« schrie ein anderer dem Greise zu, der inmitten einer drohenden Rotte stand und ohnmächtig auf die gemißhandelten Frauen sah.

Da traf ein heftiger Kolbenstoß den Rücken des alten Mannes, daß er wankte. Dann rissen ihn die Freischärlermit sich fort. Die gellenden Wehrufe der alten Dame schallten ihnen hinterdrein.

Heinrich drängte sich zu dem noch immer mitten im Gewühl auf der Gasse liegenden jungen Mädchen. Ein ekelhaft aussehender Kerl kniete auf ihrer Brust und rang mit ihr.

»Lassen Sie augenblicklich das Mädchen los,« sagte Heinrich, sich niederbeugend, mit wutbebender Stimme.

Der Freischärler hielt die sich mit letzter Kraft Wehrende an den zarten Handgelenken gepackt und preßte ihr die Hände auf die Kehle. Als er die drohenden Worte vernahm, sah er auf und maß Heinrich mit funkelnden Augen. Im nächsten Augenblick empfing der Kniende einen Faustschlag gegen die Schläfe, daß er wie leblos auf das Pflaster sank.

»Stehen Sie auf,« sagte Heinrich und richtete die Zitternde in die Höhe. »Wo wohnen Sie?«

»Meine Mutter!« rief das Mädchen in den Tönen der Verzweiflung.

Heinrich sah sich um. Da bemerkte er die alte Frau, die inzwischen niedergesunken war und in Gefahr schwebte, von der Menge zertreten zu werden. Rasch schlang er den Arm um das Mädchen und bahnte sich mit seiner ganzen Kraft einen Weg durch das Gedränge. Nachdem er die Ohnmächtige erreicht hatte, nahm er sie in seine Arme und hob sie auf.

»Gehen Sie voran,« rief er dem Mädchen zu, »ich folge Ihnen!«

So gelangten sie zu einem vornehmen Bürgerhaus in der Wilsdruffer Gasse, in dessen erstem Stock sichdie Wohnung befand. Heinrich legte die alte Frau behutsam auf das Sofa und wandte sich zum Gehen.

Da eilte ihm das Mädchen nach, ergriff seine Hände und küßte sie wortlos viele Male und unter heftigen Tränen. Heinrich fühlte, wie ihm die Bewegung die Kehle zuschnürte. Er dachte an Frau Marschall.

»Geben Sie Ihrer Mutter Wasser,« sagte er mit Anstrengung, »dann wird sie wieder aufwachen. Und schließen Sie das Haus zu.«

Damit ging er.

Auf der Gasse wurde er sogleich wieder vom Strom der Menge erfaßt und fortgeschoben. In einem der letzten Häuser vor dem Altmarkt sah er einen verschlossenen Laden, an dessen Tür mit Kreide geschrieben war: Heilig ist das Eigentum! Vor diesem Laden standen zwei Männer, unter deren Axtschlägen das Holz der Tür in Splitter flog. Jetzt fiel die Tür krachend ein, und ein paar heruntergekommene Gesellen, die auf diesen Zeitpunkt schon ungeduldig gewartet hatten, stürmten hinein. Im Nu war darin alles durcheinandergeworfen, und die Plünderer ergriffen die Goldwaren und Schmuckgegenstände und stopften sie in ihre Taschen, worauf sie hohnlachend den Laden wieder verließen. Ein anderer Haufe drängte hinein.

Mit grimmiger Enttäuschung erkannten diese Neugekommenen, daß alle Kästen bereits ausgeraubt waren. Einen lästerlichen Fluch ausstoßend, strich einer der Gesellen ein Schwefelholz an und warf es in einen Haufen Papier. Zischend fuhr die Flamme hoch auf und griff mit gieriger Gefräßigkeit um sich. Eine Minute später glich das Innere des Ladens einem Feuermeer.

Heinrich fühlte, wie ihn die Wut schüttelte, und er wandte sich ab. Wieder riß ihn der Strom fort bis zum Altmarkt. Hier standen die Menschen wie eingekeilt Schulter an Schulter.

»Wo bleiben die Zuzüge?« rief es von allen Seiten. »Brot fehlt! Geld wollen wir haben! Waffen! Waffen! Munition! Waffen!«

Ein sinnbetäubender Lärm hob an. Alles schrie durcheinander. Einige forderten dazu auf, das Rathaus zu stürmen. »Dort sitzen die Schufte und tun sich gütlich! Wir können unterdessen umkommen wie Hunde!«

Ein alter Kommunalgardist versuchte, die ärgsten Schreier zu beruhigen.

»Die provisorische Regierung,« meinte er begütigend, »arbeitet die ganze Nacht durch. Habt nur Vertrauen, Mitbürger, sie wird schon alles gut hinausführen.«

»Was, der Schwarzgelbe will Fisematenten machen und uns nasführen?« brüllte ein zerlumpter, riesenhafter Kerl, trat hinzu und schlug den Kommunalgardisten mit der Faust ins Gesicht, daß diesem das Blut aus dem Munde brach und er zur Seite taumelte.

»Es lebe die Menschlichkeit!« schrien Tausende von Stimmen. »Hoch die Freiheit! Nieder mit der Regierung! Tod dem König! Tzschirner, Tzschirner … hooch!«

Da trat der Gerufene auf den Balkon des Rathauses.

»Nieder mit dem Verräter!« empfingen ihn wütende Rufe. »Zerreißt das Aas in Kochstücke!« und wieder: »Hoch, Tzschirner! … hooch!«

Die Parteien gerieten zusammen. Brüllend wie Tiere schlugen sie mit Knüppeln und Fäusten aufeinander ein, zerkratzten und zerbissen sich die Gesichter undrissen sich die Kleider in Stücken vom Leibe. Die am Boden sich wälzenden Knäuel gerieten in Gefahr, unter die Füße der drängenden Menge zu kommen.

Da – ein Trompetenstoß! Der Tumult verringerte sich. Alles horchte.

Advokat Tzschirner, das Oberhaupt der provisorischen Regierung, beugte sich über das Balkongeländer und rief mit gemachtem Pathos über die Köpfe der wie durch einen Zauberspruch plötzlich still gewordenen Menge hinweg:

»Mitbürger! Der Kampf ist uns schnöde aufgezwungen worden! Aber die heilige Sache siegt! Die Gerechtigkeit muß triumphieren! Das langmütige sächsische Volk hat seine besten Söhne auf die Barrikaden gesandt, um die Einheit und Freiheit Deutschlands zu erkämpfen. Bewundernd richtet das ganze gesittete Europa seine Augen auf euch! Die ohnmächtig zusammengebrochene Regierung hat fremde Truppen herangezogen, – ein Schrei der Entrüstung zittert durch die gebildete Welt. Aber ihr werdet den Kampf mit um so größerer Tapferkeit fortführen, ihr, die Helden der Freiheit! Durch Nacht zum Licht! Tod den Bedrückern! Tod den Blutsaugern! Tod den Tyrannen! Es lebe das geeinte, freie und große deutsche Vaterland! Es lebe die Menschlichkeit! Es lebe die Revolution!«

Die Wirkung dieser Rede war unbeschreiblich. Während Tzschirner zurücktrat und sich die tropfende Stirn trocknete, brach auf dem Altmarkt ein ohrenzerreißendes Geschrei aus. Tausende von Stimmen jubelten, kreischten und brüllten durcheinander. Der Sprecher hatte alle Gemüter entflammt. Wäre er unter der Menge gewesen,so hätte man ihn vor Begeisterung zerrissen. Die Männer fielen in Verbrüderung einander um den Hals und küßten sich. Wer so unvorsichtig war, zu dem Gehörten Bedenken zu äußern, wurde blutig geschlagen. »Hoch die Revolution! Hoch Deutschland! Nieder mit den Volkstyrannen!«

Heinrich empfand einen heftigen Widerwillen gegen den wüsten Auftritt und wollte den Altmarkt verlassen. Als er versuchte, sich durch das Gedränge einen Weg zu bahnen, stand plötzlich hochroten Gesichts und mit rollenden Augen ein Freischärler vor ihm, der ihn schon eine Weile argwöhnisch betrachtet hatte.

»Warum stimmst du nicht in den Beifall ein?« schrie dieser ihn an.

Heinrich empfand nicht übel Lust, den Mann an der Kehle zu fassen. Aber er verlor seine Besonnenheit nicht.

Da holte der Kerl drohend mit dem Gewehrkolben aus. Heinrich schoß das Blut in die Schläfen. Wenn ihn jetzt die Beherrschung verließ, schlug er seinem Bedränger mit der Faust die Stirn ein. Im nächsten Augenblick würden ihn freilich die Umstehenden, die schon eine drohende Haltung annahmen, in Stücke zerreißen.

»Gib Beifall,« zischte der Freischärler, sinnlos vor Wut.

»Hoch! hoch!« rief Heinrich und zwang sein Gesicht zu einem Lächeln.

Da ließ der Mann von ihm ab, und der Kreis, der ihn umgab, öffnete sich.

Die schmetternden Klänge eines Horns hallten durch den Tumult. Alles lauschte nach der Richtung, aus der die Töne kamen. Auch Heinrich sah neugierig dahin. Da erkannte er, wie von der Seegasse her ein neuerTrupp auswärtiger Kämpfer vor das Rathaus marschierte. Die Ankommenden waren über und über mit Staub bedeckt und durch einen anstrengenden Gewaltmarsch sichtlich sehr ermüdet. Aber die Mehrzahl hatte ihre straffe Haltung bewahrt, und der Anblick der Menge und deren jauchzender Beifall richtete auch die Mattgewordenen wieder auf. Alle trugen Gewehre über den Schultern und auf dem Rücken gepackte Ränzel.

Dem Äußeren nach zu urteilen, waren es Handwerker, bärtige Männer mit ernsten Gesichtern und schwieligen Händen, die daheim in der Werkstatt das Schurzfell abgebunden und Hobel und Hammer beiseite gelegt hatten, um das Werkzeug mit der Waffe zu vertauschen.

»Willkommen, Brüder! Woher des Wegs?« wurde ihnen von allen Seiten entgegengerufen.

»Von Schneeberg und Aue und Eibenstock!«

»Wo seid ihr heute früh aufgebrochen?«

»Seit Freiberg in einem unterwegs! Ihrer fünfzig treffen morgen noch ein.«

Die Menge raste in Verzückung.

Der Führer, ein hochgewachsener Mann, mochte seines Zeichens Schmied sein. Wie er, seine breiten Schultern leicht wiegend, in ungebeugter Haltung den Marschierenden voranschritt, zeigte er nicht die geringste Müdigkeit. In dem ernsten Gesicht zuckte kein Muskel. Das laute Beifallrufen schien keinen Eindruck auf ihn zu machen.

Jetzt ließ er seine Schar – wohl an die hundert Mann – vor dem Rathaus halten und Gewehr abnehmen. Auf dem Balkon stand Oberstleutnant Heinze, der Kommandant der Freischärler, und begrüßte die Angekommenen unter jubelnder Zustimmung der Menge.

Als der Wortschwall nicht enden wollte, riß dem ruhigen Handwerksmeister aus dem Erzgebirge die Geduld, und er rief mit kerniger Stimme dem Sprecher hinauf:

»Wie steht es um die Sache! Willigt die Regierung in die Verfassung ein?«

»Die bisherige Regierung hat aufgehört zu existieren,« antwortete der Oberstleutnant. »Es gibt keine anderen Machthaber in Sachsen, als die provisorische Regierung des die Knechtherrschaft niederwerfenden Volks!«

Bei diesen Worten lief eine Bewegung durch die Angekommenen.

»Wenn die Minister nicht mehr sind,« rief der Mann wieder, »mit wem verhandelt ihr denn dann?«

»Es gibt nichts mehr zu verhandeln,« antwortete es von oben herab. »Die Würfel sind gefallen! Wir kämpfen gegen die schandwürdigen Söldlinge der Tyrannei, die in dem Blut ersticken sollen, das um ihretwillen vergossen worden ist.«

Während dieser Wechselrede war es auf dem weiten Platz merkwürdig still geworden. Jeder bemühte sich, die gesprochenen Worte zu erhaschen.

»Das klingt aber doch ganz anders,« rief der Führer wieder, »als eure gedruckten Proklamationen, die ihr uns sandtet. Da hieß es, eine große bewaffnete Kundgebung sei unternommen, um den König von dem ernsten Willen des Volks zu überzeugen.«

»König?« – – – Kommandant Heinze lachte spöttisch auf. »Der König ist mitsamt seinen Ministern geflohen. Das Feld gehört uns! Und wir wollen den mit Bürgerblut gedüngten Acker bestellen, daß die Saat derFreiheit herrlich aufgeht. Nieder mit allen Knechtenden des Volks! Hoch die menschenbeglückende Freiheit! Hoch die Revolution!«

Ein Sturm brauste über den weiten Platz. Hüte und Fäuste wurden in die Luft geworfen, und das Tosen von abertausend Stimmen schlug wie schäumende Brandung gegen die Häuser: »Hoch die Freiheit! Hoch die Reichsverfassung! Hoch die Revolution!«

Der starke Mann unter dem Balkon des Rathauses stand eine Sekunde lang wie versteinert. Dann wandte er sich zu seinen Leuten. Seine starke Stimme bebte in tiefer Bewegung, als er ihnen zurief:

»Ich brauche euch nach diesen Worten nichts mehr zu sagen! Ihr wißt jetzt alles …«

Ein einziger Ruf der Zustimmung aus hundert Kehlen unterbrach ihn.

»Die Gewehre übernehmen! Zweimal linksschwenkt marsch!«

Da flogen die Flinten auf die Schultern, und die ermüdete Schar trat mit neu erwachter Kraft den Weg wieder an, den sie vor wenigen Minuten gekommen war.

Bis zu diesem Augenblick hatte die Menge das Schweigen gewahrt, das nach dem Beifallsturm von neuem eingetreten war. Jetzt aber brach ein wahres Höllengeschrei aus, und die Abziehenden wurden mit Schmähreden und Schimpfworten überschüttet. Die Wildesten unter der Menge stellten sich der Kolonne entgegen und versuchten, ihr den Weg zu versperren. Aber die Marschierenden schlossen dicht auf, und vor ihrem energischen Ausschreiten wichen die Wutheulenden zur Seite.

Heinrich war aus unmittelbarer Nähe Zeuge diesesVorfalls gewesen, denn er hatte dicht neben dem großen Tor des Rathauses gestanden. Der Führer der Schar hatte ihm gefallen. Er mußte ein kernhafter Mann von altem Schrot und Korn sein. Auch seinen Leuten sah man die Achtbarkeit an und die knorrige Art ihrer Gesinnung. Schade, daß sie wieder abzogen! Das Toben der leidenschaftlich erregten Menge mußte jeden Vernünftigdenkenden allerdings mit Ekel erfüllen. Doch brachte eine bewaffnete Erhebung das wohl so mit sich.

Auch die überschwenglichen Worte des Kommandanten waren gerade nicht geeignet gewesen, die Abziehenden für die Sache zu gewinnen. Aber wuchert nicht auch zwischen den saftgeschwellten Halmen eines blühenden Kornfeldes allerlei Unkraut? Die braven Erzgebirgler müßten die Männer sehen, die auf den Barrikaden kämpften! Da würde ihnen das Herz aufgehen!

Andere Gedanken als diese kamen Heinrich nicht. Der junge Mann war ein reiner Tor und von der Lauterkeit der bürgerlichen Erhebung so durchdrungen, daß kein Argwohn in seiner Seele aufstieg. Er hatte niemand, der ihm die Binde von seinen Augen gelüftet hätte. So war er ein typischer Vertreter für viele. Der Advokat Marschall stand an der Spitze der Bewegung, Professor Richter, der Hofbaumeister Semper und andere Männer ohne Falsch, deren Namen mit Achtung genannt wurden. Das genügte Heinrich. Damit war bewiesen, daß das Volk berechtigt handelte! Hätte die Regierung die billigen Forderungen erfüllt, so wäre die Anwendung der Gewalt unterblieben. Anstatt aber nachzugeben, hatte sie das Volk vor den Kopf gestoßen – –

Heinrich hatte genug von dem Schreien, das seineSinne verwirrte und dessen Ende nicht abzusehen war. In seinem Magen wühlte der Hunger. Aber woher sollte er jetzt etwas zu essen bekommen! In eine abgelegene Gasse laufen, um ein noch geöffnetes Wirtshaus zu suchen, danach fühlte er kein Verlangen. Er war zu abgespannt. Seine Müdigkeit war größer als der Hunger. Die Schwäche mußte wohl noch eine Folge der Gehirnerschütterung sein, die er erlitten. Schlafen, nur schlafen!

Da sah er die hellerleuchtete, breite Hausflur des Rathauses und trat hinein. Drei Ratsdiener sperrten ihm den Weg. Er drängte den nächsten zur Seite und ging durch die Halle. Im Hintergrund entdeckte er eine Tür, die ins Freie führte.

Nun stand er auf dem Hof. Hier war es still. Der Lärm drang vom Altmarkt nur wie entferntes Summen herein. Das Schießen hatte wohl schon seit einer Stunde aufgehört. Jetzt mochte es elf Uhr sein. Der Himmel war bewölkt, und der Hof des Rathauses lag in tiefem Dunkel.

Heinrich stellte das Gewehr an die Wand und legte sich auf den Erdboden. Ah – wie das wohl tat! Und er fühlte, daß er zum Umsinken müde gewesen war. Nur jetzt nicht mehr denken, bloß schlafen.

Er versuchte, seinem Körper eine bequeme Lage zu geben, was ihm denn zuletzt auch leidlich gelang. Nur unter den zu tief liegenden Kopf hätte er gern eine Unterlage gehabt. Zwar war es empfindlich kühl, aber das würde ihn nicht sonderlich stören.

Da stieß er in seinem Bemühen, den Arm unter den Kopf zu legen, mit der Hand an etwas Hartes. Er richtete sich auf und sah sich um. Hinter ihm war eingroßer Haufen Steine, wie ihm schien, an der Wand aufgeschichtet. Schon halb im Schlaf beugte er sich zurück, ergriff einen und legte den Kopf darauf. So ging es besser. Doch was war das? Roch der Stein nicht wie Brot?

Vollständig ermuntert fuhr Heinrich auf und untersuchte den vermeintlichen Stein. Wahrhaftig, es war ein Brot! Hart zwar, aber doch Brot. Der wohlgesetzte Haufen war gewiß für die Verpflegung der Barrikadenkämpfer bestimmt. Da fühlte er mit einem Schlage wieder den nagenden Hunger, den er schon vergessen hatte.

Diese köstliche Entdeckung erschien ihm wie ein Wunder. Aber er grübelte nicht weiter nach, sondern zerbrach das Brot über dem Knie und fiel heißhungrig darüber her. Das schmeckte! Binnen kurzer Zeit hatte er die Hälfte aufgezehrt. Dann griff er noch einmal zurück, nahm ein zweites Brot und legte den Kopf darauf. Die Sättigung bereitete ihm Wohlbehagen, daß er sich vergnügt streckte. Madam Marschall, dachte er noch, Valentine – – – dann war er fest eingeschlafen.


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