Sechstes Kapitel
Während der nächsten Tage befand sich das ganze sächsische Volk, allen voran die Einwohnerschaft Dresdens, in einem Taumel. Die Erregung wuchs ungeheuer, und die Ereignisse drängten zur Entscheidung.
Wer abseits vom Tageslärm aufmerksam gelauscht, der hätte den eisernen Tritt der schweren Zeit vernommen, mit dem sie über das sächsische Land hinwegschritt. Indiesen Tagen bereitete sich ein bitterernster Abschnitt der Geschichte des jungen Königreiches vor. Die von Kugeln durchlöcherten Blätter, worauf Klio mit zitterndem Griffel die kommenden Geschehnisse niedergeschrieben, tragen Blutspuren, und ihre Ränder hat das Feuer versehrt.
Am Morgen nach dem Feste bei Marschalls mußte Kurt an einer Felddienstübung teilnehmen, zu der zwei kriegsstarke Kompagnien auf den »Heller« rückten. An seiner Stelle beaufsichtigte ein Sergeant das Rekrutenexerzieren.
Die Übung dehnte sich so lange hin, daß die Truppen erst am späten Nachmittag wieder in der Kaserne eintrafen. Obgleich Kurt sehr müde war, kleidete er sich nach dem Essen rasch um und begab sich zu Ursula. Als er das Abendrothsche Haus erreichte, war es schon dunkel.
Der alte Kriegsrat hatte sich frühzeitig zu Bett gelegt, und Ursula war allein im Zimmer. Sie saß in dem hohen Lehnstuhl des Großvaters und blickte gedankenschwer in die Flamme der auf dem Tisch stehenden Kerze.
Bei Kurts unvermutetem Eintritt fuhr Ursula auf. Langsam kam sie ihm ein paar Schritte entgegen. Plötzlich blieb sie jedoch stehen, und als Kurt sie umschlang, fühlte er, daß sie heftig zitterte. Diese Wahrnehmung steigerte seine Befangenheit, die er schon auf dem Wege verspürt hatte.
Er führte das Mädchen zu dem großen Stuhl zurück und nötigte sie sanft zum Sitzen. Dann zog er sich einen Sessel heran, und nun plauderten sie von gleichgültigen Dingen.
»Geht es deinem Großvater nicht gut, Ursula?« fragte Kurt.
»Er fühlt sich nicht schlechter als sonst,« antwortete sie in müdem Ton. »Aber gerade heute Nachmittag war ihm gar nicht wohl. Deshalb ging er so früh schlafen.«
»Du bist doch nicht krank, liebe Ursula?« forschte Kurt mit heimlichem Bangen, »du siehst bleich aus!«
»Nein, nein,« wehrte sie hastig ab, »es ist nichts; ich bin ganz wohlauf.«
Während sie dies sprach, sah sie auf den Teppich nieder. Kurt betrachtete aufmerksam Ursulas Gesicht. Es erschien ihm schmal, wie er es noch nicht beobachtet hatte. Sie mußte leiden. Zärtlich nahm er ihre Hand und streichelte sie. Ursula tat ein paar tiefe Atemzüge. In der nächsten Sekunde stand sie auf, als wenn sie ihre innere Bewegung verbergen müßte, ging zum Tisch und ergriff die eiserne Lichtschere, die neben dem Leuchter lag.
»Sieh, Kurt,« scherzte sie und machte einen schwachen Versuch, zu lächeln, »die Lichtschnuppe neigt sich dir zu. Du wirst bald einen Brief bekommen oder eine Neuigkeit hören.«
So sprechend, putzte sie sorgfältig die Flamme wieder hell.
Kurt hatte sich gleichfalls erhoben und stand nun neben ihr. Beide schwiegen. Der Schein der Kerze lag voll auf dem bleichen Gesicht des Mädchens. Kurt sah die herabgesenkten Augenlider, umrandet von langen, sammetnen Wimpern, und den feingeschnittenen Mund.
Da fiel plötzlich die eiserne Lichtputzschere laut aufden Tisch nieder, und im nächsten Augenblick warf Ursula schluchzend ihre Arme um seinen Hals und lehnte sich willenlos an ihn. Von tiefer Bewegung übermannt, setzte sich Kurt auf einen Stuhl und zog die heftig Weinende auf seinen Schoß nieder. Ihre Wangen lagen aneinander, und der junge Mann fühlte Ursulas Tränen auf seinem Gesicht.
Kurt versuchte nicht, diesen jähen Tränenstrom aufzuhalten, dessen Grund Ursula aller Fassung beraubt hatte. Er drückte die Schluchzende sanft an sich, flüsterte ihr alle Schmeichelnamen leise ins Ohr, die er ihr gegeben, und streichelte ihre Wangen. Endlich wurden die schweren Atemstöße leichter. Das Weinen ließ nach, und das Mädchen wurde ruhiger. Sie griff nach ihrem Taschentuch und trocknete die Tränen.
»Geliebte,« sagte Kurt in tiefer Bewegung, »ich habe dich betrübt, ich weiß es. Verzeihe mir.«
Ursula hob den niedergesunkenen Kopf auf und sah ihn mit einem Blick voll unendlicher Liebe an.
»Kurt,« antwortete sie leise, die Augen noch voll Tränen, »wenn du doch öfter an mich denken wolltest. Empfindest du nicht, wie schwer ich darunter leide?«
Dem jungen Mann versagte die Sprache, und es stieg ihm feucht in die Augen.
»Ich habe dich von ganzem Herzen lieb,« stammelte er.
Ursula atmete tief auf.
»Ich glaubte, du wolltest dich von mir wenden,« kam es fast unhörbar von ihren Lippen.
Kurt empfand, wie ihn diese leise Klage erschütterte.
»Sei versichert,« erwiderte er mit zuckenden Lippen, »daß ich dich wahrhaft und innig liebe!«
Mit diesen Worten zog er Ursula an sich, und sie fühlte den lauten Schlag seines Herzens.
So hielten sie sich eine lange Weile umschlungen. Dann erhob sich das Mädchen, strich das hereingefallene Haar über die Stirn zurück und setzte sich von neuem in den Lehnstuhl am Fenster. Ihr Gesicht war noch bleicher als vorher.
»Ich hörte,« sagte sie endlich zögernd, »du verkehrtest viel in Kreisen, die der politischen Bewegung nahestehen. Sieh, lieber Kurt, ich verstehe nichts von all dem, was sich jetzt draußen abspielt. Dieses kleine Haus ist meine Welt. Der Großvater bedarf der sorgfältigsten Pflege –«
»Argwöhne nicht, liebe Ursula,« fiel Kurt ihr ins Wort, »daß die Bewegung im Volke grundlos und etwa auf den Umsturz gerichtet sei. Die besten Namen sind mit ihr verbunden.«
»Ich weiß es,« versetzte das Mädchen. »Der Großvater sagt zwar immer, die Leute seien verblendet und wüßten nicht mehr zu unterscheiden zwischen den nationalen Forderungen, denen auch die der Bewegung Fernstehenden zustimmten, und den inzwischen heraufgekommenen staatsfeindlichen Bestrebungen. Er sähe den Dingen auf den Grund, denn er sei ein alter Mann, dem das Leben die Sinne geschärft habe.«
»Dein Großvater irrt, wenn er etwa meint, daß die Führer das Bestehende zerstören wollen. Aber in den alten Grundpfeilern des Staatsgefüges sind viele Steine verwittert. Die sollen durch frische ersetzt werden, bevor der morsche Bau zusammenbricht.«
Ursula wußte hierauf nichts zu erwidern. Der Geliebtesprach ja förmlich begeistert; vielleicht hatte der Großvater doch unrecht.
»Sei es, wie es wolle,« versetzte sie fügsam, »nur um das eine bitte ich dich, lieber Kurt, vergiß mich nicht über diesem allen.«
»Ich werde dir niemals wieder Grund geben, traurig zu sein,« antwortete er herzlich. Damit war Ursula zufrieden.
Nun unterhielten sie sich noch eine Zeitlang, bis sich Kurt erhob und Abschied nahm.
»Empfangt ihr denn nicht manchmal Besuch in eurer Abgeschiedenheit?« fragte er.
»Solange der Großvater sich noch viel Schonung auferlegen muß, bitten wir niemand zu uns,« antwortete Ursula, »natürlich nehmen wir auch keine Einladungen an. Nur selten kommt jemand auf einen kurzen Besuch. Sie wissen nicht, ob sie gern gesehen sind. Witterns sprechen ab und zu vor und meine Freundin Amalie von Zehmen.«
Beim Klange dieses Namens zuckte es in Kurts Mundwinkeln. Die Zehmen war eine ältere Jungfrau mit überfreundlichem Getue und einer gefürchteten Zunge, die schon manches Unheil angerichtet hatte. Er konnte ihre süßliche Art nicht ausstehen. Aber er schwieg.
Beim Abschiednehmen empfand Kurt noch einmal Ursulas ganze Hingebung. In unsäglicher Bangigkeit hielt sie ihn umschlungen, erwiderte seine Küsse innig und bat ihn zögernd noch einmal, sie nicht allzu lange auf sein Wiederkommen warten zu lassen. Kurt versprach es und nahm bewegten Herzens und mit einer seltsamen Beklommenheit von Ursula Abschied – – –
Es war ein milder Frühlingsabend, Ausgangs April. Kurt schritt langsam die Glacisstraße hinunter, um Tante Sidonie noch auf ein Stündchen zu besuchen. Als er über den Bautzner Platz gegangen war und in die Königstraße einbiegen wollte, hörte er hinter sich eine bekannte Stimme rufen:
»Guten Abend, Herr Leutnant!«
Kurt wandte sich rasch um und erkannte Valentine Marschall. Sie trug einen langen, dunkeln Mantel und hatte den Kopf in ein weißes Tuch gehüllt.
»Sie sehen ja heute Ihre besten Freunde nicht,« sagte sie lächelnd und streckte ihm die Hand entgegen.
Kurt war höchlich überrascht. Und er empfand zum erstenmal bei Valentinens Anblick ein leises Gefühl von Unbehagen. Aber er faßte sich rasch und murmelte eine Entschuldigung. Valentine wehrte ab.
»Ich bin heute abend zu Lindemans eingeladen,« plauderte sie. »Begleiten Sie mich dahin, wenn Sie nichts Besseres vorhaben.«
Kurt erklärte sich gern bereit. Er hätte nur die Absicht gehabt, seiner Tante guten Abend zu sagen. Erwartet würde er nicht. Damit bot er Valentine den Arm, und nun schlenderten sie um den einsamen Platz.
»Wissen Sie denn auch schon, welch wichtiger Vorgang sich heute in der Ersten Kammer zugetragen hat?« fragte Valentine lebhaft.
Kurt verneinte. Valentine kenne seine Anteilnahme an den politischen Zuständen, fügte er hinzu, aber die Tagesereignisse verfolge er nicht. Dazu sei er dienstlich zu sehr in Anspruch genommen.
»Nun also, dann hören Sie: Präsident Joseph hatheute die von der Regierung vorgelegte Steuerbewilligung von der Tagesordnung abgesetzt.«
»Und was bedeutet das?« fragte Kurt, der den Sinn dieses Vorgangs nicht recht begriff.
»Ach, Sie Weltfremder,« lachte Valentine. »Sagen Sie niemandem, daß Sie mein Schüler gewesen sind. Was dies bedeutet? Der Landtag verweigert der Regierung den Kredit! Und zu alledem sind die Sitzungen am Montag zu Ende.«
»Also ist die Regierung nunmehr ohne gesetzmäßige Mittel? Der Landtag hat ihr den Konflikt angesagt?«
»So ist es,« antwortete Valentine, »und wissen Sie, wie der famose Herr von Beust diesen Schlag erwidert? In der heutigen Abendausgabe des ›Journals‹ hat er die Auflösung des Landtags bekannt gegeben.«
»O,« entfuhr es Kurt, »das wird wieder böses Blut machen.«
»Dieser Schritt ist eine unglaubliche Unklugheit,« fuhr Valentine erregt fort. »Wie mein Vater sagte, wird der Landtag darauf bestehen, daß die Auflösung nach dem Wortlaut der Geschäftsordnung in den Kammern selbst und durch ein Königliches Dekret ausgesprochen wird. Die Regierung soll nur fortfahren, solche Fehler zu machen. Damit reizt sie das Volk bloß auf und treibt es zur Katastrophe.«
Kurt schwieg. Valentine hatte recht; durch solche Unklugheiten gab die Regierung ihre Autorität preis.
»Und nun noch eine Neuigkeit: gestern hat der König von Preußen die Kaiserkrone bestimmt abgelehnt.«
Kurt konnte die peinliche Überraschung nicht verbergen, die ihm diese Mitteilung bereitete. Zwar hatte er schonbei Marschalls die Befürchtung aussprechen hören, an der unentschlossenen Haltung der Fürsten möchte das große Werk der Einigung aller deutschen Stämme scheitern. Dennoch glaubte man allgemein, daß der König von Preußen dem Drängen des Volkes nachgeben und die angebotene Krone annehmen würde. Und nun hatte er sie doch ausgeschlagen!
»Die Ablehnung zu dieser Stunde kommt mehr wie ungelegen,« bemerkte er, »denn alle Welt wird glauben, daß es nur am Widerstand der Fürsten liegt, wenn Friedrich Wilhelm sich zur Annahme der Kaiserkrone nicht bereit erklärt hat.«
»Das ist zweifellos auch der alleinige Grund,« entgegnete Valentine bestimmt. »Warum sollte Friedrich Wilhelm die ihm vom Reichsparlament angetragene Würde sonst ablehnen? Weiß er doch, daß die Krönung der Wunsch aller ist! Das ganze deutsche Volk wird die wahre Ursache der Ablehnung erkennen und wie einen Schlag ins Gesicht empfinden. Und wer hat in der Tat die ungeheuerliche Kränkung dem Volke bereitet? Niemand anders, als die Fürsten mitsamt ihren Regierungen!«
Während dieser Unterhaltung waren sie die Antonstraße hinabgeschritten. An der Ecke der Querallee blieb Valentine stehen.
»Hier bin ich angelangt,« sagte sie, ihren Arm aus dem ihres Begleiter ziehend.
Kurt hatte Valentinens Erregung aus ihren Worten deutlich herausgehört. Er begriff die starke Verstimmung des Mädchens. Aber der Ton, in dem sie gesprochen, war ein Mißklang, der ihm das nämliche Unbehagen bereitete,das er schon gestern empfunden, als Valentine die offene Gewalt als das letzte Mittel bezeichnet hatte. Gewiß schätzte er ihren starken Charakter! Hier aber fühlte er, daß sie aus Eifer für das Gelingen des großen nationalen Gedankens die Wahrung ihrer weiblichen Würde vergaß. Das schmerzte ihn! Und es lag Weichheit und Wärme in seiner Stimme, als er plötzlich sagte:
»Ich kann es recht wohl begreifen, Fräulein Valentine, wenn Sie jetzt bitter enttäuscht sind. Denn Sie haben aus natürlicher Neigung und weil ihre häuslichen Verhältnisse Sie von Jugend auf darin bestärkten, der nationalen Bewegung viel größeres Interesse gewidmet, als andere Frauen. Begeisterung für eine edle Sache verrät immer ein empfindsames Herz. Wenn sich aber ein Weib in dem Maße, wie Sie es getan, in den politischen Kampf begibt, dann reißt sie der Eifer nur zu leicht über die Schranken hinweg, die ihr die Natur gezogen hat. Warmes Mitgefühl für die Sache des Volkes in bewegten Zeiten ziert auch die Frau. Aber der Mann sieht es doch lieber, wenn sie abseits vom Tageslärm steht und ihre weibliche Würde sorgfältig wahrt. Würden Sie nicht besser tun, das offene Eintreten für die Rechte des Volkes den Männern zu überlassen?«
Valentinens Erstaunen war während dieser Worte immer mehr gewachsen. Eine maßlose Gereiztheit hatte sich ihrer bemächtigt, und die scharfe Entgegnung lag ihr schon auf der Zunge, mit der sie Kurts Ratschlag zurückweisen wollte. Da bemerkte sie, wie sein Blick ernst, aber voll ehrlicher Anteilnahme auf ihr haftete.
Eine kurze Weile ruhten beider Augen fest ineinander. Dann senkte Valentine den Blick und Kurt sah, wie einedunkle Röte in ihr Gesicht schlug. Da trat er im plötzlichen Aufwallen warmen Mitgefühls dicht an das Mädchen heran und berührte mit den Lippen ihre Stirn.
»Liebe Valentine,« sagte er leise und mit bewegter Stimme, »ich wollte Ihnen bei Gott nicht weh tun …«
Valentinens hohe Gestalt überlief ein Zittern. Langsam strich sie mit der Hand über die Augen und trat einen Schritt zurück.
In diesem Augenblick bemerkte Kurt, wie hinter ihm eine Dame rasch vorüberschritt, die auf der schlechtbeleuchteten, menschenleeren Straße unbemerkt herangekommen war. Kurt fühlte plötzlich den Drang, sich nach ihr umzusehen. Die lange Gestalt, die eckigen Schultern, – war ihm die in der Dunkelheit schon wieder Verschwundene nicht bekannt? Aber schon hatte er die Unterbrechung wieder vergessen.
Er vernahm Valentinens Stimme, die bewegt sagte:
»Ich danke Ihnen, lieber Freund, für Ihre Worte.«
Dann reichte sie ihm die Hand und fügte in ihrem gewöhnlichen Tone hinzu:
»Nun gute Nacht; man wird mich schon erwarten!«
»Gute Nacht, Fräulein Valentine,« gab er zurück. Damit trennten sie sich.
Kurt ging die Antonstraße langsam zurück. Zu einem Besuch bei Tante Sidonie verspürte er kein Verlangen mehr. Seine Gedanken beschäftigten ihn viel zu sehr.
Als er den Bautzner Platz betrat, fiel ihm eine Menschenansammlung auf. Die Leute standen in Gruppen zusammen und sprachen erregt miteinander. Aber er ging achtlos an ihnen vorüber.
Am Eingang der Hauptstraße, kurz vor der Kaserne, hielt wieder eine zusammengedrängte Menge.
Inmitten des Haufens stand auf einem umgestürzten Schubkarren ein sorgfältig gekleideter Mann, der mit lebhaften Worten auf die Umstehenden einsprach.
Als Kurt vorbeikam, hörte er die Worte: »… der König von Württemberg ist erschossen, der König von Hannover ist tot. Berlin befindet sich in vollem Aufstand. Neunhundert Mann Truppen sind von Böhmen her in Freiberg eingerückt, um der sächsischen Regierung zu helfen …«
Da schrie der Haufe wüst auf, und die weiteren Worte des Redners gingen in dem Tumult unter.
Kurt erschrak. Wenn das wahr wäre! Noch quälte ihn dieser Gedanke, als sein Blick auf die friedlich liegende Allee fiel und auf die Kaserne, aus deren Fenstern das Pfeifen und Singen der Soldaten herausschallte. Das beruhigte ihn, und er mußte über seine Besorgnis lächeln.
Heute war Sonnabend. Irgendein Harmloser hatte nach der Arbeit reichlich über den Durst getrunken, und nun spukte es in seinem Hirn. Die Tagesereignisse boten einer lebhaften Einbildung ja genug Stoff, um ungewöhnliche Vorgänge maßlos zu übertreiben.
Mit schnellen Schritten ging er weiter, bis er das Kasernentor erreicht hatte. Da hörte er, wie eine Stubenmannschaft in den stillen Abend hineinsang:
Eine Kugel kam geflogen,Gilt sie mir oder gilt sie dir – –
Eine Kugel kam geflogen,Gilt sie mir oder gilt sie dir – –
Dieses schwermütige Lied stimmte ihn wieder ernst.
Am darauffolgenden Tag, einem Sonntag, zog der Dresdner, wie er es bei seinem sprichwörtlichen Familiensinn gewohnt war, bald nach dem Mittagessen mit Kind und Kegel hinaus vor die Tore.
Innerhalb der Stadt bildete die Brühlsche Terrasse den Hauptanziehungspunkt. Auf dem Belvedere wurde vom frühen Nachmittag an Musik gemacht. Die Gäste saßen eng zusammengedrängt friedlich beieinander, aßen zu den mitgebrachten Semmelzeilen dünngeschnittene Zwiebelwurstscheiben und tranken Weißbier oder Kaffee.
Nach dem Essen wurde die Zigarre in Brand gesteckt. Hierzu dienten fingerlange Schwefelhölzer, deren giftgrüne Kuppen einmal ums andere fortsprangen und auf den Kleidern ernsthafte Schadenfeuer anrichteten. Deshalb galt es auf der Hut zu sein und jeden dieser Ausreißer durch rasches Daraufschlagen unschädlich zu machen. Obendrein beleidigte der verbrennende Phosphor empfindlich die Nase. Wer am guten Alten festhielt, zog die kurze Stummelpfeife und den Tabaksbeutel von Schweinsblase aus den Tiefen der baumelnden Rockschöße und paffte Portoriko oder den beißenden Varinaskanaster seelenvergnügt in die Luft.
Als Unterhaltungsstoff dienten natürlich die sich immer mehr zuspitzenden politischen Tagesereignisse.
Gegen Abend machte sich alles wieder auf den Heimweg. Der Mann nahm die Kinderwagendeichsel in die Hand und zog unverdrossen daran; die herangewachsene Nachkommenschaft jagte als Eskorte nebenher, und den Schluß des Zuges bildete die Mutter mit dem ärgsten Schreier auf dem Arm. Um sieben Uhr wurde zu Hause das bescheidene Abendbrot gegessen. Danach ging manbald schlafen, um am andern Morgen für das Tagewerk der beginnenden Woche wieder gekräftigt zu sein.
Einige verzehrten das Abendbrot draußen. Die mußten es schon faustdick haben, obwohl nur sechsunddreißig Pfennige genügten, daß der Dresdner Bürger sich delektieren konnte: achtzehn Pfennig für eine Portion Sauerbraten und ebensoviel für eine große Lase Bier.
Die großen Kaffeegärten außerhalb der Stadt waren an schönen Sonntagen bis auf den letzten Platz gefüllt. Da wurde aber politisiert! Glücklicherweise hat bei den streitbaren Sachsen der Kaffee niemals als ein aufregendes Element gewirkt. Das ist eine der wenigen Tatsachen, über die bis heutigen Tages unter allen Völkern, gleichviel welcher Hautfarbe und von welchem Glaubensbekenntnis, wohltuende Übereinstimmung herrscht. Dafür sind aber auch dortzulande die Kaffeekannen viel größer als anderswo.
Wer gemächlich spazieren gehen wollte, ging bis zu Brechlings an der Vogelwiese, oder in das Ostragehege, oder bis zur »Goldenen Sonne« auf den Scheunenhöfen. Besonders Rüstige dehnten den Spaziergang bis zum »Schusterhaus« aus. Auch das »Waldschlößchen« war ein beliebtes Ziel für weitere Ausflüge, ebenso »Kammerdieners« und die »Grüne Tanne« am Eingang der Dresdener Heide. Selbst bis auf das »Lämmchen« liefen welche. Ja, es gab etliche, die marschierten bis Blasewitz, ließen sich dort nach Loschwitz über die Elbe setzen und klimmten den Plattleitenweg empor bis zum »Weißen Hirsch«, um alsdann über die Mordgrundbrücke und an der Saloppe vorbei nach Hause zurückzukehren.
Aber das waren Gewaltleistungen, die in dieser gemächlichenZeit wenig Nachahmer fanden. Wer sie glaubhaft nachweisen konnte, forderte die stille Bewunderung seiner Zuhörer stärker heraus, als heutzutage ein Afrikareisender mit seinen Berichten.
Der große Kaffeegarten des »Lämmchens« an der Blasewitzer Landstraße war an dem sonnigen Aprilsonntag von Besuchern überfüllt. Auch Feldwebel Mißbach war mit Linchen und Heinrich hier eingekehrt. Sie hatten sich am Hospitalgarten über die Elbe rudern lassen und waren dann quer über die großen Wiesen gegangen.
Die Unterhaltung im Garten galt der gestern erfolgten Landtagsauflösung. Das sei ein Trompetenstoß, der über das ganze Land hinweg vernommen würde.
Von diesem Thema kam keiner los. Und wenn ein Beherzter, um das Gespräch zu wechseln, von den neuen Rüböllampen anfing, oder wenn einer behauptete, die Pieschner Bauern täten jetzt zu wenig Kümmel in ihren echten Altenburger Ziegenkäse, so landete er mit seinem Redekähnchen nach fruchtlosem Plätschern beim dritten Satze doch wieder im Hafen der Politik.
Selbst Feldwebel Mißbach redete von Politik. Und das wollte etwas heißen!
»Kinder, wie gut ist es bloß,« sagte er, »daß ihr nicht mehr zu Marschalls geht! Der Advokat gilt heute als einer der gefährlichsten Demokratenführer.«
Linchen antwortete nicht, und auch Heinrich blieb stumm. Er wurde bis über die Ohren rot und guckte aufmerksam in sein Bierglas.
»Sie sollen es nur nicht zu bunt treiben,« fuhr Mißbach übelgelaunt fort, »sonst mischt sich die Polizei noch ganzordentlich hinein und setzt die Ärgsten hinter Schloß und Riegel.«
Heinrich räusperte sich.
»Es gibt schon beinahe niemand mehr,« sagte er vorsichtig, »der nicht der Bewegung angehörte. Ob die Leute nicht doch vielleicht ein bißchen recht haben?«
»Ob sie recht haben oder nicht,« erklärte Mißbach barsch, »ist ganz egal. Darauf kommt's hier nicht an. Sie wollen anders als das Ministerium. Und das darf in einem geordneten Staat nicht sein. Die Welt ist immer regiert worden und hat bis heute bestanden. Sie wird auch in Zukunft bestehen.«
»Was früher galt, braucht aber heute nicht mehr gut zu sein,« warf Heinrich ein.
»Das ist es ja,« ereiferte sich Mißbach, »was die Unzufriedenen immer sagen. Aber bisher ist es gegangen, warum sollte es so nicht weitergehen? Sie behaupten, alles müsse mit der Zeit fortschreiten, auch die Staatseinrichtungen. Die Freiheit des Bürgers sei eingeschränkt. Nun frage ich einen Menschen, wer sie einschränkt. Der Staat? Ja, womit denn! Der hätte viel zu tun, wenn er sich um den Einzelnen kümmern wollte. Wer bloß ordentlich für Frau und Kind sorgt, seine Steuern pünktlich bezahlt und Achtung vor dem Gesetz hat, der bleibt ungeschoren und hat seine Freiheit.«
Mißbachs lebhafte Augen blieben hier auf Heinrich ruhen.
Das Gesicht des Jungen gefiel ihm nicht! Es sah aus, als wenn er den Worten des Vaters nicht glaube.
»Aber Zucht muß sein,« fuhr er ärgerlich fort. »Sonst gibt's Mord und Todschlag.«
»Es ist viel Armut im Lande,« versetzte Heinrich bescheiden. »Durch freiheitlichere Gesetze soll den Notleidenden geholfen werden. Der Wohlstand würde sich damit heben, sagen die Leute.«
Feldwebel Mißbach lachte gezwungen.
»Du redest wie ein Buch, Junge. Laß diese Gedanken fahren, rate ich dir! Der Wohlstand soll sich heben? Ist nicht alles schon viel besser geworden? Du lieber Gott! Wenn ich daran denke, wie es vor dreißig Jahren war. Damals konnte man wirklich von schlechten Zeiten sprechen. Da nährte sich eine Familie von dicken Erbsen, Kartoffeln mit Salz und Kaffee. Und doch wurden die Kinder groß und stark dabei! Und wie ist es heute dagegen? Jeden Tag kann der arme Mann natürlich nicht Fleisch essen. Aber er wird satt, und das ist die Hauptsache. Und zu einem Stückchen Streuselkuchen Sonntagnachmittags reicht es bei vielen.«
Da richtete sich Linchen plötzlich auf und sah über die Nebensitzenden hinweg. Durch den Mittelgang des Gartens schritt Valentine, ihr hinterdrein Madam Marschall. Feldwebel Mißbach, der ebenfalls auf die Kommenden aufmerksam geworden war, zog die Augenbrauen zusammen.
»Kinder,« sagte er, »unser Weg ist noch weit. Den Groschen für die Überfahrt können wir uns sparen. Wir gehen über die Augustusbrücke nach Hause. Trinkt aus.«
Schweigend gehorchten Linchen und Heinrich, und bald darauf verließen sie mit dem Vater den Garten. Kaum waren sie auf die Straße getreten, als ihnen unvermutet Advokat Marschall entgegenkam.
»Ah, guten Tag, Herr Feldwebel!« rief der immerwohlgelaunte alte Mann. »Guten Tag, Linchen! Guten Tag, Heinrich!«
Auf Mißbachs Gesicht spiegelte sich peinliche Verlegenheit. Hier auf der offenen Straße mit dem Demokratenführer zusammenstehen! Wenn das jemand sah! Gleichwohl nahm Mißbach aus dem in Fleisch und Blut übergegangenen Gefühl der Unterordnung unter den Höherstehenden militärische Haltung an.
»Na, wie geht's, Herr Feldwebel?« fragte Marschall freundlich.
»Danke, Herr Advokat, gut.«
»Was macht die Gesundheit?«
»Daran fehlt's mir nie.«
»Immer viel Dienst?«
»Dienst ist nie zuviel.«
»Haben Sie in der Zeitung gelesen, daß es jetzt ernst wird?«
»Ich lese keine Zeitung, Herr Advokat.«
Marschall hatte Mißbachs frostige Haltung längst bemerkt.
»Haben Sie gar kein Interesse für die Vorgänge, die jetzt das ganze Land rege gemacht haben?« fragte er.
»Man hört so mancherlei,« antwortete Mißbach, »aber man horcht nicht darauf. Sie wissen ja, Herr Advokat, ich bin Soldat …«
»Bilden Sie sich kein Urteil über die Vorgänge?«
»Mein Urteil kommt von oben herab.«
»Ob das nicht ein Fehler ist, wenn man heute keine eigenen Gedanken hat?«
Feldwebel Mißbach stockte eine Sekunde lang. Dann platzte er heraus:
»Wenn das ein Fehler von mir ist, so ist mein ganzes Leben ein Irrtum gewesen. Kommt der Tag, an dem ich das einsehe, dann geh' ich hin und schieße mir eine Kugel vor den Kopf.«
Marschall sah mit einem Gefühl von Bedauern und Bewunderung auf Mißbach.
»Na, nichts für ungut. Adieu, Herr Feldwebel,« sagte er, ihm die Hand reichend.
»Adieu, Herr Advokat,« versetzte Mißbach und richtete sich höher auf.