Zweites Kapitel
Heinrichs Mutter war als Mädchen bei Marschalls Näherin gewesen und ihnen auch noch dann treu geblieben, nachdem sie Mißbach geheiratet hatte. Marschalls hatten die stille Frau lieb gehabt und ihr viele Wohltaten erwiesen. Es war ihnen bekannt, daß sie an der Seite ihres polternden und jähzornigen Gatten furchtbar litt. Die liebevollen Menschen bewunderten die Seelengröße des einfachen Weibes, mit der sie ihr schweres Geschick ergeben trug. Nie kam eine Klage von ihren Lippen, und Tröstungen, die man ihr zusprach, wies sie sanft zurück.
Linchen begleitete als kleines Kind die Mutter an ihren Nähtagen regelmäßig in das Marschallsche Haus. Später tat es Heinrich. Dort verlebten beide die glücklichsten Stunden ihrer Kindheit. Vor dem wetternden Vater daheim fürchteten sie sich. In dem alten, dunkeln Hause des Advokaten dagegen ging ihnen das Herz auf. Hier waltete köstlicher Frieden. Und die nach dem Hofe gelegene, hoch gewölbte Galerie, die breiten Treppenmit den angetretenen Sandsteinstufen und die vielen heimlichen Schlupfwinkel boten ihren Spielen und ihrer kindlichen Phantasie einen unerschöpflichen Anreiz.
Als Linchen zehn Jahr alt geworden war, durfte sie die Mutter nicht mehr begleiten. Daheim lag ein großköpfiger, starker Junge in der Wiege, der die kleinen, dicken Fäuste verlangend nach seiner jungen Pflegerin ausstreckte. Dieses Brüderchen war das getreue Abbild des Vaters, was dem Gestrengen nicht wenig schmeichelte. Und er gelobte sich, den Jungen zu einem tüchtigen Soldaten zu erziehen.
Das Würmchen lag noch in den Windeln, als Feldwebel Mißbach mit der Erziehung auch schon begann. Nun ist es allerorts sattsam bekannt, daß die Kinder, besonders im zartesten Alter, gegen die erziehlichen Einwirkungen der Eltern entschiedene Abneigung besitzen. Auch der kleine Heinrich betrachtete die hierauf gerichteten Bemühungen seines Vaters recht argwöhnisch. Der heimliche Zwist zwischen Vater und Sohn trat etwa um die Zeit offen zutage, als Heinrich die ersten Gehversuche machte. Vater Mißbach hatte einen harten Kopf, aber auch der seines Söhnchens war nicht von Pappe. Bedauerlicherweise schien diese Tugend die einzige zu sein, die sie gemeinsam besaßen.
Noch guckte dem kleinen Heinrich das weiße Zipfelchen fürwitzig aus dem Hosenschlitz, als er schon seine festen Grundsätze hatte. Und er fand es recht störend, daß der Vater immer anders wollte, als er. Dennoch verfolgte er seine Eingebungen mit äußerster Zähigkeit.
Gegen die wie Graupelwetter auf ihn niederfallenden Belehrungen zeigte Heinrich offene Geringschätzung, unddie väterlichen Liebkosungen waren ihm unbequem. Heinrich offenbarte keine Anlage, jemals ein rücksichtsloser Draufgänger zu werden, wie es sein Vater war. Im Gegensatz zu diesem faßte er seine Entschlüsse langsam, und sein Handeln war träge. Aber in dem beharrlichen Festhalten an seinen Vorsätzen und in der skrupellosen Verachtung des Eindrucks, den seine Willensäußerungen machten, war er dem Vater überlegen.
So bestand schon frühzeitig eine Spannung zwischen Vater und Sohn, deren Ursache ihre gänzlich verschiedenen Charaktereigenschaften bildeten und welche von Tag zu Tag durch eine Erziehung verschärft wurde, die zwar das Beste des Kindes wollte, aber doch verkehrt war. Und als eines Tages der Dreikäsehoch der väterlichen Erziehungskunst rücksichtslos eine scharfe Abfuhr erteilte, war der Bruch fertig. Dem Feldwebel Mißbach trat endlich die Galle ins Blut. Mit fester Faust hob er den jungen Verächter seiner weisen Lehren an der Jacke hoch in die Luft und hielt ihm mit der Säbelscheide eine aufs knappste zusammengedrängte Vorlesung über die Pflichten eines braven Kindes – die übliche letzte Zuflucht, wenn sich die rednerische Begabung als zu kümmerlich erweist.
Der kleine Heinrich quittierte dieses Höchstmaß aller bisher empfangenen Prügel mit weithin vernehmlichem Einspruch. Und der Zufall fügte es, daß sich diese familiäre Auseinandersetzung an einem schönen Sonntagvormittag mitten auf dem Kasernenhof abspielte. Ihre Lebhaftigkeit rief die Soldaten aller Kompagnien an die Fenster, so daß die Exekution sozusagen vor versammelter Mannschaft vollzogen wurde.
Seit diesem Tage lebten Vater und Sohn in offener Feindschaft.
Wenn Mißbach die feinen Regungen der Seele seines Kindes verstanden hätte, würde er entdeckt haben, daß Heinrich nur mit Hilfe eines Mittels zu erziehen war: mit Liebe. Hätte der Knabe diese genossen, wäre er leichter als viele andere Kinder zu zügeln gewesen. So aber begleiteten ihn auf seinem Lebenswege Strenge und Grausamkeit. Das Kind mit der fein empfindenden Seele wurde widerspenstig und störrisch, wie es das Los verprügelter Kinder ist.
Der geringe Rest von Liebe zu seinem Vater verschwand spurlos aus dem Herzen des heranwachsenden Knaben, als er die unzähligen feinen Nadelstiche empfand, die der Vater ihm schonungslos – aus erzieherischer Notwendigkeit, wie er meinte – zufügte. Da erstarrte die kindliche Seele allmählich. Am schwersten freilich litt das blutende Mutterherz. Bis es den Gram nicht länger tragen konnte und aufhörte zu schlagen. –
Die Hauptstraße hinabschreitend, hatte Heinrich seine frühe Jugend wieder einmal an seinem Geiste vorüberziehen lassen. Bei ihr verweilten seine Gedanken ungern. Danach aber kamen herrliche Jahre, eine Zeit, um derentwillen ihm das Leben erst wertvoll erschienen war. Es war sein Aufenthalt im Marschallschen Hause.
Nachdem Heinrich die Garnisonschule verlassen, willigte der Vater auf Marschalls Zureden darein, daß sein Sohn den geschätzten Beruf eines Advokatenschreibers einschlug. So kam Heinrich zu seinen Wohltätern.
Advokat Marschall hatte noch nie einen so anstelligen und gelehrigen Schreiberlehrling besessen, wie Heinriches war. Seine Handschrift war wie in Stahl gestochen, und die Schleifen der Buchstaben waren so überaus zierlich und wohlgerundet, daß jedermann seine Freude daran hatte. Bald schrieb er alle notariellen Verhandlungen und feierlichen Urkunden. Und wenn der Herr Kanzleivorsteher an den hohen Aktenständern vorüberging, liebäugelte er mit den klaren, wohlgefälligen Aufschriften auf den Aktenschwänzen und nannte Heinrich im stillen eine wertvolle Kraft der Kanzlei.
Aber auch in andern Dingen verstand es Heinrich vortrefflich, sich in die Gunst seines Brotherrn zu setzen.
Frau Marschall war eine gutherzige Dame, die das Vertrauen des verschlossenen Jungen im Fluge gewonnen hatte. Sie kannte die Qualen, die er unter der Erziehung seines Vaters erlitten, und ihr weibliches Empfinden ließ sie ahnen, wie sehr sich Heinrich seit dem Tode seiner Mutter nach Liebe gesehnt. Deshalb war sie mild und gütig zu ihm und sorgte für sein Wohlbefinden wie für das ihres eigenen Kindes.
Heinrich erkannte ihre Zuneigung mit unsäglicher Freude, und das übervolle Herz des Knaben hängte sich an seine Wohltäterin. Er verehrte Frau Marschall aus tiefster Seele. Wo er sich ihr dienstbar erweisen konnte, tat er's, und seine unbeholfenen Bemühungen für die grenzenlos verehrte Frau fanden zuweilen einen rührenden Ausdruck.
Der junge Schreiberlehrling begnügte sich aber nicht allein mit seiner Tätigkeit in der Advokaturkanzlei.
Wenn Heinrich nach Schluß der Schreibstube in der Küche sein Abendbrot verzehrt hatte, machte er sich überall nützlich. Mit Hammer und Zange strich er wie ein guterGeist durch die Räume des alten Hauses, klopfte hier und da einen locker gewordenen Nagel fest, brachte geschickt schwer zu schließende Türschlösser in Ordnung, wachte darüber, daß die leeren Waschfässer nicht eintrockneten und erwarb sich die volle Gunst der alten Köchin durch allerlei Handreichungen. Kein schiefhängendes Rouleau entging seinem spähenden Blick, und die Türen getrauten sich kaum noch, leise zu knarren. Sogleich erschien Heinrich mit seinem Fläschchen und kitzelte mit dem öligen Federbart ihre trocken gewordenen Angeln.
Besuchte Frau Marschall das Königliche Hoftheater, so ging Heinrich mit gravitätischen Schritten hinterdrein und trug den großen Operngucker. War die Vorstellung zu Ende, so wartete er schon wieder unter einem bestimmten Baum am Zwingerwall und hing seiner Herrin das schottische Umschlagetuch zum Schutz gegen die Abendkühle sorgfältig über die Schultern. Zu Hause angekommen, schloß er die Tür auf, zündete die am Fuß der Treppe zurechtgestellte Kerze an und leuchtete der Madam vorauf.
Bevor er aber seine Bodenkammer aufsuchte, ging er in die Küche, briet über der Öllampe gewissenhaft kleine Speckstückchen lecker, als Nachtschmaus für seine kleinen Freunde, die Mäuse, die er mit einer engelsfrommen, nicht müde zu machenden Beharrlichkeit bekriegte.
Sobald dann am nächsten Morgen das liebliche Geräusch der Kaffeemühle an sein feines Ohr drang, stand er hurtig auf und huschte im schlichten Nachtgewand und auf bloßen Füßen zu den Mausefallen. Und wenn er ein unglückliches Opfer darin entdeckte, spiegelte sich in seinem Auge ungeheuchelte Freude.
Mit diesen vielseitigen Talenten machte sich Heinrich im Marschallschen Hause geradezu unentbehrlich. Überall verspürte man sein stilles Walten. War etwas verlegt, so forderte man seine Hilfe; er fand es. Auf dem Boden wußte er unter den alten weggestellten Geräten ebensogut Bescheid, wie im Keller unter den Einmachetöpfen, Kartoffeln und Kohlen. – Heinrich war der Liebling des Hauses.
Die kleine Valentine, Marschalls einziges Kind, war ihm besonders zugetan. Bereits in früheren Jahren, als er die Mutter an ihren Nähtagen zu Marschalls begleitete, hatte er mit dem um wenige Jahre jüngeren Mädchen herzliche Freundschaft geschlossen. Keine von Valentinens Gespielinnen verstand es so gut, mit Puppen umzugehen, wie Heinrich. Seine Phantasie war unerschöpflich im Erfinden neuer Spiele. Jeden Tag sorgte er für Abwechslung. Und seine Geduld und Nachsicht, die das kleine, herrische Wesen manchmal arg herausforderte, kannten keine Grenzen. –
Von diesen freundlichen Erinnerungen begleitet, hatte Heinrich den Weg zurückgelegt und die Schloßgasse erreicht. Nun bog er in die kleine Brüdergasse ein und betrat das Marschallsche Haus. Schon auf der Treppe drang ihm ein süßer Duft entgegen. In der Küche stand vor dem Herd die Köchin und rührte mit einem langen Holzlöffel emsig den Inhalt eines großen, eisernen Topfes durcheinander.
»Du kommst wie gerufen,« sagte Frau Marschall, als sie ihn bemerkte. »Valentine, gib dem Heinrich erst mal eine tüchtige Käsebemme, dann mag er weiterrühren. Ich habe noch ein paar Metzen Pflaumen bekommen,« setzte sie zur Erklärung für ihn hinzu.
Mit diesen Worten war Frau Marschall aus der Küche gegangen, als sie noch einmal zurückkam.
»Hast du heute Nachtzeichen?« fragte sie.
Heinrich war verdutzt. Wie ein Blitz durchfuhr ihn die Erinnerung an die Unterhaltung der Soldaten in seiner Stube, die das späte Heimkommen aufgaben, weil sein Vater Kasernendienst hatte. Da sah er in das erwartungsvolle Gesicht von Frau Marschall, die, wie es schien, seine Hilfe brauchte.
»Ja,« log er und legte Mütze und Seitengewehr auf den Fensterstock.
»Das paßt gut. Wir haben heute abend Gesellschaft, da kannst du den Herren immer frisches Bier hineintragen. Dort in der Ecke liegt das Fäßchen.«
Damit ging sie.
»Hier ist deine Bemme, Heinrich,« sagte Valentine und legte das bereitete Käsebrot auf den Küchentisch.
Heinrich biß herzhaft hinein. Das schmeckte besser als das Abendbrot des Vaters! Dann nahm er der Köchin den Holzlöffel aus der Hand und rührte das Mus fleißig um.
»Wer kommt denn heute?« fragte Heinrich.
»Ach, du kennst ja doch alle,« antwortete Valentine ausweichend und unter leichtem Erröten, während die Köchin mit den Kellerschlüsseln hinausging.
Nun plauderten sie miteinander. Heinrich warf ab und zu einen verstohlenen Blick zur Seite. Valentine wird wirklich immer hübscher, dachte er. Zwar war der ausgeprägte Zug um ihren Mund für ein junges Mädchen zu herb. Aber die schöne, breite Stirn und der ruhige Blick ihrer braunen Augen gefielen ihm.
Valentine war schon für die Gesellschaft angekleidet. Die einfache, blaue Wollbluse spannte sich über ihrer kräftig entwickelten Brust.
»Wie geht's Linchen?« fragte Valentine im Gespräch.
Heinrich empfand plötzlich ein Würgen in der Kehle und räusperte sich.
»Gut,« versetzte er etwas kurz, »wie immer.«
»Sie kommt doch von nächster Woche abzweiTage?« meinte Valentine dringlich.
Heinrich wußte nicht sogleich zu antworten. Sollte er beichten, daß ihnen der Vater heute ihr Haus verboten hatte? Und der Ingrimm stieg wieder in ihm herauf. Ach, mochte es Linchen doch selbst ausrichten. Sie würde in den nächsten Tagen sicherlich zu Frau Marschall gehen.
»Wenn du es ihr gesagt hast, wird sie schon kommen,« versetzte er unwirsch und stieß den Löffel wiederholt nachdrücklich in die Tiefen des Muses hinein.
Valentine stand auf und trat an den Herd.
»Du tust doch gerade, als ob du den Boden vom Topf stoßen müßtest,« sagte sie lachend. »So rührt man ja in ganz Dresden kein Pflaumenmus. Warum bist du denn mit einem Mal so schlecht gelaunt? Bin ich etwa schuld daran?«
Heinrich fühlte, daß er sich verraten hatte. Die letzten Worte des Mädchens aber machten ihn verlegen.
Er lächelte und rührte besänftigt weiter.
»Warum sollte ich denn schlechter Laune sein?« warf er gleichmütig hin, »was du nicht gleich denkst.«
Das Mädchen trat an ihn heran, legte den Arm auf seine Schulter und strich liebkosend über sein welligesHaar. Heinrich tat, als wenn er das nicht bemerke, aber ein unsägliches Glücksgefühl erfüllte ihn.
»An diesen langen Ohren habe ich mich immer festgehalten,« sagte Valentine und nahm seine Ohrmuschel in die Hand. »Du krochst auf den Knien in der Stube herum, und ich ritt auf deinem Rücken. Jetzt weiß ich erst, was für ein gutmütiger Junge du gewesen bist. Kein anderer hätte meine Teufeleien so willig ertragen wie du. Denkst du noch manchmal daran, Heinrich?«
Der Bursche stand regungslos über den großen Topf gebeugt, und der Rührlöffel lag untätig in seinen Händen.
»Laß das Pflaumenmus nicht anbrennen,« mahnte das Mädchen. Da erinnerte er sich seiner Pflicht und nahm hurtig die Kreisbewegungen wieder auf.
Draußen klangen leichte Schritte, und das Mädchen trat vom Herd zurück.
»Guten Abend, Fräulein Valentine,« tönte im nächsten Augenblick eine Stimme hinter ihnen.
Heinrich guckte sich neugierig um. In der Tür stand hoch aufgerichtet ein junger Offizier ohne Säbel und Mütze. Es war Leutnant Allmer von seiner Kompagnie. Da trennte Heinrich sein Schicksal von dem des Pflaumenmuses und ließ den Löffel im Stich. Er ruckte zusammen und nahm militärische Haltung an. Der Offizier blickte überrascht zuerst auf den Korporal, dann auf das Mädchen.
»Rühr' weiter, Heinrich,« sagte Valentine ruhig und wandte sich an den Eintretenden. »Guten Abend, Herr Leutnant. Sie lieben Überraschungen …«
Den jungen Offizier machte diese Begrüßung sichtlich sehr verlegen. Er schlug die Hacken zusammen und ergriff rasch die dargebotene Hand.
»Ihre Frau Mutter schickt mich … sie sagte … ich solle doch gleich einmal … Sie seien in der Küche …«
»Rühr' weiter, Heinrich,« gebot Valentine noch einmal dringlich, als sie sah, daß dieser noch immer steif stand. Denn Mannszucht und Überraschung hielten den jungen Korporal im Bann. Auf die abermalige Mahnung gedachte er wieder des Pflaumenmuses und rührte nun um so geschwinder.
Mit ruhiger Sicherheit wandte sich das Mädchen wieder zu dem Offizier:
»Ich darf es der Mutter nicht länger überlassen, die Gäste allein zu bewillkommnen. Gehen wir hinein, Herr Leutnant.«
Während Valentine das sagte, näherten sich auf dem Gang gewichtige Schritte der Tür, und ein großer, wohlbeleibter Mann mit weißem Haupthaar und Vollbart trat in die Küche. Leutnant Allmer eilte auf ihn zu:
»Herr Advokat …«
»Ei der Tausend,« rief dieser erfreut, »willkommen!« und reichte ihm die Hand. »Wollen Sie nicht immer hineingehen, Herr Leutnant? Aber ich hörte doch, der Heinrich sei da? Ah, da ist er ja. Stich flink das Fäßchen an, Heinrich, und bring' uns Bier.«
»Rück' den Topf vom Feuer,« rief Valentine.
»Ach so, der Junge rührt Pflaumenmus,« meinte Herr Marschall, wobei sich sein breites, gutmütiges Gesicht zu einem Lächeln verzog.
Da klangen von neuem Tritte und Stimmen auf dem Gang, und gleich darauf drängten sich mehrere Herren herein.
»Wie wär's, wenn wir es uns heute abend in der Küchebequem machten,« schlug einer vor, worauf die andern lachend beistimmten.
Advokat Marschall lachte am meisten.
»Meine Frau wird außer sich sein, wenn sie diese Bescherung sieht,« versicherte er. »Aber, erlauben Sie: Herr Leutnant Allmer, – Herr Doktor Minkwitz, Herr Advokat Tzschirner, Herr Hofbaumeister Semper, Herr Musikdirektor Röckel.«
»Nein, was soll denn aber das bedeuten?« rief hinter ihnen Frau Marschall, die Hände zusammenschlagend.
Ihre weiteren Klagen wurden von der lauten Heiterkeit der Herren übertönt.
»Kommen Sie, Herr Hofbaumeister,« wandte sich Frau Marschall an den ihr zunächst stehenden Herrn, »wir wollen vorangehen.«
»Ihr Diener, Madam,« versetzte dieser, der Hausfrau artig den Arm reichend. Und so zog die ganze Gesellschaft unter ausgelassener Fröhlichkeit wieder zur Küche hinaus. Leutnant Allmer und Valentine bildeten den Schluß.
Nur Heinrich blieb zurück und schlug geschwind den hölzernen Bierhahn in das Fäßchen.
Als einige Stunden später die Herren das Marschallsche Haus verlassen hatten, ging auch Heinrich nach Hause. Mit raschen Schritten lief er die Schloßgasse hinab, durch das dunkle Georgentor und trat sodann auf den Schloßplatz.
Es war eine kühle Herbstnacht. Der Mond war von Wolken ganz verhüllt. Nur ein paar vereinzelte Sterne funkelten am Himmel.
Der mächtige Bau der katholischen Hofkirche lag wie ein ungeheurer Felsblock zu seiner Linken. Von ihrem Haupttor schallten die langsamen Schritte eines Nachtwächters herüber.
Die Uhr des Schloßturms verkündete gerade mit feierlichen Schlägen die Mitternachtsstunde, als Heinrich die Augustusbrücke betrat. Hier standen die Gaslaternen in großen Abständen. Ihr spärliches Licht wurde von der Dunkelheit fast aufgesogen. In der Tiefe rauschte dumpf die Elbe, deren hochgehendes Wasser sich an den mächtigen steinernen Pfeilern brach. Auf dem Strom lag undurchdringliche Finsternis. Drüben am Belvedere auf der Brühlschen Terrasse schimmerten matt ein paar Lichter.
Heinrich empfand leises Unbehagen. Wenn er nur erst in seinem Bette läge, dachte er. Er tat es ungern, Zapfen zu streichen.
Endlich stieg am Ausgang der Brücke der kolossale Würfel des Blockhauses aus der Dunkelheit herauf. Der Posten vor dem Gewehr der Neustädter Hauptwache lehnte verschlafen am Schilderhaus und sah über den Markt hinweg auf den stumm zu Pferde sitzenden August den Starken.
Heinrich ließ die Hauptstraße links liegen und schlug den Weg durch die Kasernenstraße ein, an dem langgestreckten Gebäude der Ritterakademie vorbei. Jetzt hatte er die Kaserne erreicht. Unwillkürlich verkürzte er seine Schritte. Ob Linchen schon schlief? Sicherlich nicht. Sie wachte ja die halben Nächte durch und nähte für die Herrschaften!
Er ging über die Ritterstraße und blieb vor dem hohen Hoftor stehen. Oder sollte er bis zum Tor in derMagazinstraße gehen? Dort galt das Übersteigen für weniger gefährlich! Aber seine Trägheit siegte, und er blieb.
Heinrich sah sich nach allen Seiten um. Kein Mensch war zu sehen. Die mächtige Kaserne lag wie ausgestorben. Hinter keinem Fenster, so weit er sehen konnte, brannte noch Licht. Da stieg er entschlossen auf den Prellstein neben dem Tor, griff in eine Vertiefung im Rahmen des Holzes und kletterte, Füße und Knie zwischen Tor und Mauer einstemmend, so weit in die Höhe, bis er mit der rechten Hand die obere Kante des Tores erfassen konnte. Nun griff er mit der Linken nach, machte einen Klimmzug und schwang sich in Reitsitz. Prüfend glitten seine Augen in die pechschwarze Dunkelheit hinein. Bevor er hinabsprang, mußte er überzeugt sein, daß niemand in der Nähe lauerte.
Aber so weit der Blick reichte, war nichts Verdächtiges zu sehen. Da ließ er sich leise am Tor hinab und sprang auf die Erde. Noch einmal lauschte er – kein Laut! Vorsichtig ging er bis zur Ecke des Gebäudes, von wo er den Kasernenhof übersehen konnte.
Der ausgedehnte Platz lag in tiefer Einsamkeit. Die Finsternis ließ den Blick nicht weit dringen. Totenstille! Die Tritte seiner schweren Stiefel so viel er konnte dämpfend, lief Heinrich quer über den gepflasterten Weg, der rund um den Kasernenhof führte, bis er die festgestampfte Erde des Exerzierplatzes unter den Füßen fühlte. Hier waren seine Schritte fast unhörbar. Das Tor, durch welches er in die Kaserne gelangen konnte, lag in der Mitte des Flügels; es stand auch während der Nacht offen. Langsam ging er weiter und stierteunter Anspannung aller Sinne in die Dunkelheit hinein.
Plötzlich blieb er stehen. Hatte er nicht ein leises Geräusch gehört? Seine Schläfen schmerzten, so angestrengt sah er den Weg entlang. Da erkannte er in geringer Entfernung eine menschliche Gestalt, die regungslos am Stamm einer der Platanen am Rande des Exerzierplatzes lehnte. Heinrich starrte nach dem Baum. Nein! Es war kein Irrtum, dort stand jemand.
Blitzschnell wandte er sich um; – da rief laut eine befehlende Stimme:
»Halt! Stehen bleiben!«
Den jungen Korporal durchzuckte es: »Der Vater!« Gleichzeitig hörte er, wie dieser ihm nacheilte.
Schnell lief Heinrich den gepflasterten Weg zurück. Aber kaum hatte er ein paar Schritte getan, als sein Knie mit aller Kraft gegen einen harten Gegenstand rannte. Es war eine der Bänke, auf denen die Soldaten Sonnabends ihre Drillichkleidung scheuerten und die er in der Dunkelheit nicht bemerkt hatte. Das leichte Gerät flog unter lautem Geräusch zur Seite.
Heinrich fühlte einen heftigen Schmerz am Knie und stürzte seiner ganzen Länge nach auf die Steine. Im nächsten Augenblick sprang er wieder auf, den Schmerz verbeißend. Aber schon hörte er dicht hinter sich die eilenden Schritte seines Vaters.
Da fiel sein Blick auf ein offen gebliebenes Speisesaalfenster zu ebener Erde. Wie toll schoß er darauf zu, stolperte jedoch, schlug noch einmal hin und rutschte alsdann auf der schiefen Fläche der Fensterhöhlung kopfüber in den Speisesaal hinunter. Halb betäubt von demSturz raffte er sich auf und eilte durch den dunkeln Raum nach der Tür. Sie war verschlossen. In blinder Wut warf er seinen schweren Körper so heftig dagegen, daß die Krampe aus ihrem steinernen Lager flog und die Tür donnernd aufsprang. Dann lief er weiter. Am vorderen Ende des Ganges blieb er keuchend stehen und horchte. Es war alles still. Hastig zog er die Stiefel aus, nahm sie in die Hand und rannte in sinnloser Eile nach dem Revier der 4. Kompagnie.
Endlich hatte er sein Bett erreicht, das sich in dem Karree der Unteroffiziere befand. Eine übermannshohe Wand aus Latten und grauer Leinwand trennte diese Lagerstätten von denen der Mannschaften. Auf dem großen Schlafsaal herrschte tiefe Stille. Nur das übliche laute Schnarchen einiger Schläfer war zu hören.
Heinrich blieb erschöpft vor seinem Bett stehen und wischte sich mit dem Taschentuch die Schweißperlen von der Stirn. Das verletzte Knie schmerzte fürchterlich. Endlich ging sein Atem langsamer, und er kleidete sich aus.
Da hielt er plötzlich inne: auf dem Korridor klangen hastige Schritte. Vornübergebeugt lauschte er mit offenem Munde eine Sekunde lang. Dann vernahm sein scharfes Ohr deutlich Säbelklirren. Und diese Tritte? Es war wieder sein Vater! Er mußte ihn in der Dunkelheit unsicher erkannt haben und hegte Verdacht. Geschwind ergriff Heinrich Mütze, Waffenrock, Stiefel und Seitengewehr und schleuderte alles unter das Bett. Dann riß er die Hosen und Unterhosen auf, schob sie bis unter die Knie hinab, sprang ins Bett und warf sich die Decken über.
Im nächsten Augenblick wurde die Tür aufgerissen,und Feldwebel Mißbach trat in den Schlafsaal. Er nahm die Laterne mit der trübe brennenden Öllampe von dem Nagel in der Tür und näherte sich mit wuchtigen Tritten dem Bett seines Sohnes. Heinrich lag unbeweglich auf dem Rücken – scheinbar in tiefem Schlafe. Kopfschüttelnd leuchtete Mißbach dem Schläfer ins Gesicht. Schon wollte er sich wieder entfernen, als er plötzlich die Bettdecke erfaßte und bis über den Leib des Liegenden zurückschlug. Heinrich fühlte, wie sein Herzschlag aussetzte.
Wenn der Vater die Decke noch um eine Handbreit tiefer hinabschob, sah er die Hosen, und er war entdeckt! Ein furchtbarer Zornausbruch seines Vaters mußte folgen. Zudem würde er morgen sein Zuspätkommen und seine Flucht im Frührapport dem Regiment melden. Ja noch mehr! Er würde den Ungehorsamen auf der Stelle arretieren und auf die Kasernenwache bringen.
Heinrich zwang mit ungeheurer Willenskraft seine Aufregung nieder. Kein Muskel zuckte in seinem starren Gesicht …
Da warf Feldwebel Mißbach die Decke wieder zurück, trug die Laterne wieder zur Tür und verließ den Schlafsaal.
Noch lange, nachdem Heinrich die Tritte hatte verhallen hören, lag er regungslos. Ein furchtbarer Kampf tobte in ihm. Scham und Zorn rangen miteinander. Und er fühlte zum erstenmal, solange er diente, mit grausamer Deutlichkeit, was für ein schlechter Soldat er war. Jeder seiner Kameraden beschämte ihn. Warum mußte ihn aber auch sein Vater gewaltsam aus dem Marschallschen Hause reißen, aus einem Berufe, dem er mit Lust und voller Hingabe angehangen! Sein Vater! Alles, wasihm in seinem Leben Kummer bereitet, war von seinem Vater gekommen! Und zuletzt hatte ihn dieser in eine Laufbahn gezwungen, in der er sich tief unglücklich fühlte.
Heinrichs Zorn bäumte auf. Ja, jetzt wußte er es: er haßte seinen Vater!
Da war es ihm, als wenn eine linde Hand über sein Haar striche, – Valentinens Hand. Und in seinem Ohre klang leise ihre liebe Stimme. Im Nu war der jähe Zorn des jungen Menschen verraucht, und er empfand, daß er weich wurde.
Eine Zeitlang biß Heinrich die Zähne zusammen und sträubte sich tapfer gegen die Schwäche. Zuletzt fühlte er sich aber besiegt. Er wandte den Kopf auf die Seite und weinte still bittere Tränen.