Die Lenebas
Die Lenebas war nicht immer die bestgeachtetste Frau im Dorf Rupertsweiler gewesen. Lange hatte man ihr sehr verdacht, daß sie es durchsetzte, ihren Hof ganz ohne Knecht besorgen zu wollen. Ein Abweichen von der Regel liebt man auf dem Dorf gar nicht, und auf ein Gut von der Größe des der Lenebas gehört ein Großknecht. Und selbst, daß sie bald Preise heimbrachte von den Geflügelausstellungen, und daß das Gespinst von ihr und ihren Mägden auf der Großherzoglichen Landesausstellung den ersten Preis errang und sie von der Großherzogin die Brosche erhielt, die für fleißige Spinnerinnen von der hohen Frau gestiftet worden war, das alles half ihr im Dörflein Rupertsweiler nichts, man zuckte die Achseln über sie und meinte: „So e einschpännigs Frauezimmer isch halt gschupft, un ’s wird schon noch e bös End nähme.“ Erst als die Großherzogin bei einer Besichtigung des neuen Waisenhauses, das in dem ehemaligenKloster eingerichtet worden war, auch einen Besuch bei der Lenebas machte und fast eine halbe Stunde lang deren Geflügelhof besichtigte und sogar ein „Strüweli“ annahm und am Kaffee, den die Lene ihr anbot, nippte, da schlug die Stimmung um, und die Bauern rückten die Zipfelmütze, wenn sie an der Lenebas vorbeikamen, fast wie beim Pfarrer, und sagten hinter ihr drein: „Die Lenebas, die schafft wie zwei Mannsbilder, dös isch e tüchtigs Frauezimmer.“ Und von da an kamen sie Rat holen zur Lenebas; eine Frau, von der sogar die Großherzogin sich hatte zeigen lassen, wie man die Ställe und Nester für Hühner und Enten einrichtet, die mußte schon über alles Bescheid wissen. Aber einmal hätte sie doch fast wieder ihren ganzen Einfluß verloren, und wochenlang tobte der Kampf im Dörfchen zwischen den Verteidigern, die sehr in der Minderzahl waren, und den Anklägern der Lenebas, und es gab erhitzte Köpfe. Nur grad die Lenebas selber blieb ruhig und ging ihren Weg weiter und schien es gar nicht zu merken, daß sie die meistbeschimpfte Person im ganzen Dörflein war. Die Lenebas hatte nämlich den Pfarrer zu ihrem Hause hinausgewiesen,richtig hinausgewiesen, wie einen lästigen, gefährlichen Strolch. Die Großmagd erzählte es immer wieder im Dorf: „Dagschtande isch se, wie der heilig Erzengel Gabriel, mir hän uns grad gfürchtet, un zum Pfarrer hät sie gsait: ‚Ganget usi, uf der Schtell ganget er, oder bigelt, i nimm e Schtecke und trieb euch usi‘.“ Und die Großmagd und die Zuhörer bekreuzigten sich jedesmal, wenn sie in der Erzählung wieder an diesem Höhepunkt angelangt waren. Die Mägde hatten ernstlich unter sich beraten, ob sie nicht allesamt der Lenebas kündigen wollten; denn das Strafgericht Gottes mußte ja das Haus treffen, wo so was geschah, und da wären sie unschuldig mitgehangen. Aber der Erdboden verschlang das Haus merkwürdigerweise nicht, auch kam kein Hagelwetter und zerstörte alle Ernte, nicht einmal unter dem Federvieh brach eine Seuche aus; die legten ihre Eier, als wäre nichts geschehen. Die Großmagd prophezeite zwar, es würden Basilisken aus den Eiern ausschlüpfen, die die Hennen grade bebrüteten — solche Gottesgerichte standen in ihrem Gebetbuch viele angezeichnet — aber es kamen gesunde und lustige Kücken und Entlein heraus wie immer,und da legte sich allmählich die Unruhe der Mägde, und an deren Stelle kam ein gewisser Stolz, auf einem Hof zu dienen, wo so eine Frau Bäuerin war, die nicht nur die Großherzogin zu Kaffee und Sträuble bei sich sah, sondern sogar den Herrn Pfarrer ungestraft aus dem Haus jagen durfte. Und gut war die Stelle, und gut war die Lenebas immer gewesen, die Mägde hingen eigentlich alle an ihr und standen denn auch bald tapfer auf ihrer Seite, wenn jemand wagte, in ihrer Gegenwart ihre Bäuerin anzugreifen. Und nach und nach wurde die Auffassung der Mägde vom ganzen Dorf angenommen, und man war jetzt doppelt stolz auf das „Dunderswib“, die Lenebas.
Und daß die Lenebas den Pfarrer aus ihrem Haus gejagt hatte, das war so gekommen: Als sie einmal um Weihnachten herum spät abends noch nach dem Weiher gegangen war, um eine Marderfalle frisch zu stellen — der Räuber hatte ihr zwei Prachtshennen weggefangen in den letzten Nächten — da sah sie ’s Marei, die Magd vom Schulzenhof, durch den dichten Schnee auf den Weiher zukommen. Fast wie betrunken stolperte sie daher, und als die Lenebas sich ihr inden Weg stellte und mit der Laterne ihr ins Gesicht leuchtete, da sah sie ein verweintes, verstörtes Gesicht und ein paar Augen, die kaum zu erkennen schienen, was um sie vorging. Kurz entschlossen, nahm die Lenebas ’s Marei am Arm, schwenkte sie herum und wollte sie ins Haus führen. Da wehrte und sträubte sich aber ’s Marei und fing an zu jammern: „Lasset mi los, i muß ins Wasser, des überleb i nit.“ Aber die Lenebas hielt nur um so fester und sagte: „Schtill bischt, Maidli, ins Wasser kannsch immer noch, erscht kommsch jetz emol zu mir in e warmi Schtube un verzehlsch mer, wenn de ufgfrore bisch, bisch jo de reinscht Isklumpe, was de für Schmerze häsch. I halt keins, wenns us dere Welt dervolaufe will, aber erscht musch emol wie e vernünftige Mensch dei Sach vom Ofewinkel us mit ere warme Suppe im Leib aschaue. Wenn de derno immer no meinsch, ’s isch kei Plätzli meh für di do, sell isch denn en anderi Sach; aber in dere Verfassung ka mer keini Bschlüß fasse.“ Und während sie so redete, hatte sie die immer weniger Widerstrebende bis ins Haus gebracht, installierte sie im Ofenwinkel und eilte nun, ihr warme Strümpfeund Schuhe und einen trockenen Rock zu bringen.
’s Marei ließ alles mit sich geschehen; als sie trocken und warm angezogen war, rückte die Lene nahe zu ihr auf die Ofenbank und sagte: „Glei kommet jetz d Mägd mit der Obedsuppe in d Schtube rei. Du bisch e ordentli Mädli, i kenn die vo klei uf un hen dini Eltere, Gott hab sie selig, kennt, des ware bravi Lüt. Hüt Nacht schlofsch in der Schrankkammere nebe meiner, un morge dischkuriere mer derno wieder über dei Sach. Aber solang d Mägd in der Schtube sind, nimmsch di z’samme un tusch nit dergleiche, des versprichsch mer.“ Und sie streckte der Marei die Hand hin, und die schlug ein, und damit war die Lenebas befriedigt. Und bei der Abendsuppe wurde über die täglichen Verrichtungen gesprochen wie sonst auch, und nur ganz beiläufig sagte die Lenebas: „’s Marei will no was von der Hühnerzucht zulerne. Annastasi, du richtesch derno ’s Bett für’s in der Schrankkammere, bruchsch d’Pfulbe nur us der Truhe nemme, ’s liegt alles bienander.“ Und dann wurde das gemeinsame Abendgebet gesprochen, und die Mägde schoben mit einem „Gut Nacht au“ zur Tür hinaus.Die Bäuerin hielt ’s Marei einen Augenblick zurück: „’s Annastas zeigt der dei Kammere, un schlof guet die erscht Nacht im Maidlihof, un halt di tapfer.“ Und damit reichte sie dem Marei die Hand und nahm dann die Stalllaterne vom Türpfosten, ihren üblichen Rundgang noch zu machen.
Und am Morgen nach der Frühsuppe, als jeder an seine Arbeit gegangen war, blieb die Lenebas mit dem Marei im Herrgottswinkel sitzen. „So,“ meinte sie, „jetz hen mer e Schtündli für uns, jetz könne mer schaue, ob’s wahr isch, was de geschtern gmeint hesch, daß kei Plätzli meh für di uf derer Herrgottswelt isch; aber alls schön der Reih nach. Hesch dei Sach no uf em Schulzehof?“ Das Marei nickte nur. „Hesch bündeled?“ fragte die Lene weiter. Dem Marei kamen doch wieder die Tränen in die Augen: „Er hät mi fortgjagt, i hätt scho Zit gha z’bündle, aber i hen ghült, un derno wie’s dunkel worde isch un der Schulzebur a mei Kammere klopft hät, no bin i grad wie ni war an nem vorbigrennt, alls fort ...“ Sie stockte und die Lene ergänzte gelassen: „Glücklicherwis der Lenebas grad in d’Arm neigrennt.“ Und nun fragte sie bündig:„’s Kind isch vom Bur, nit vom e Knecht?“ ’s Marei guckte erstaunt auf. Das wußte die Lenebas also schon. Wie zur Antwort nickte die Lenebas: „Worum hättscht denn suscht ins Wasser renne wolle. Aber i verschtoh do nit recht, worum hät der Bur di denn fortgjagt? D’Frau liegt krank un schtoht au kaum meh uf, bis mer sie mit de Füeß vorweg zum Hof naustraget. Die hät’s doch nit erfahre un nit verlangt; un der Bur ... hät der scho wieder en anderi wolle?“ „Nei, sell nit,“ erzählte nun ’s Marei, „wenn i em Bur zwille wär, so könnt i grad e Herrelebe führe uf em Hof.“ Und jetzt brach’s aus ihr heraus, der ganze Jammer, und die Worte überstürzten sich fast, mit denen sie der Lenebas klar machen wollte, wie sie in die elende Lage gekommen sei. „Jo schauet, der Bur isch mer nachgange vom erschte Tag, wo ni uf em Hof war, i hän mer lang nix derbi denkt, i war halt au no e dumms Ding un hab gmeint, wo ner doch verhürotet isch, no solt’r do nit nach de Mädli luege. Aber derno hän’s die andere gmerkt un hän gschpöttelt und gschtichelt un händ alles tue, um im Bur d’Glegeheit z’mache. Si hän mer e Kammere gä, ganz ab vu de andere Mägdekammere,si hän gsait, daß i nächer bei der kranke Büeri si soll. Wie ni emol uf em Heubode z’ tue ghabt hab un der Bur au rufgschtiegen isch, no het der Großknecht unte d’Leiter ewegzoge. Un derno hän i deutli gmerkt, was der Bur vu mer will; blaui Flecke han i ghabt, no acht Däg lang, so han i kamplet mit em, aber ’s het mer nix gholfe, er het si Wille ghet. I will nit lüege, Lenebas, i han mi gwehret, sell isch wohr, aber ’s isch e Moment gsi, wo ni mi nimmi gwehrt hab, un i het jo au glei derno bündle könne, aber i bin dobliebe, un i han em am Obig d Kammeretüre nit zugmacht. Aber derno, wie ni d’Büeri wieder gsehe hab uf ihrem Siechbett, un wie die Huslüt alli so schiech guckt hän, oder au gar so um mi rumg’schmeichelt hän un mi schier scho wie d’künftig Büeri um alles gfragt hän, wo doch d’recht Büeri no lebig isch, do han i en Ekel kriegt. I han der Bur nimmi sehe könne un hab mi gschämt, daß d’Sonn mi ascheint. Der Bur hät bettelt un hät mer bei alli Heilige versproche, daß i sei Büeri wir, wia die ander tot isch; aber wenn er bei mer i der Kammere gsi isch, no isch grad immer d’Büeri mit ihrem breschthafte Lib zwische unsgsi, so daß es mer graust het, un i hans nimmi könne ushalte, i hab nei gsait un nei, un wie i’s Kind gmerkt hab, derno hab i erscht recht gwußt, daß i der kranke Büeri des nit antue ka. Der Bur het in sim Zorn brüllt un gsait, wenn i nem nit z’wille bi, so gibt er der Büeri grad Rattegift. Derno han i mer nimmi z’helfe g’wußt andersch, i han em gsait, daß i en Andere gern heb, un er soll mi in Ruh losse. Jo, un derno hät er mi verschlage un hät mi dervog’jagt; un wie ’r am Obig wieder komme isch un bettlet hät un mer alles möglich versproche hät, un i soll em nur sage, daß des von dem Andere e Lueg isch, do bin i fortg’rennt un hab mer denkt: lebe kann i nimmi.“ Die Lenebas hatte den ganzen Ausbruch ruhig mit angehört und ihr Spinnrad gedreht: „So han i m’r d’Sach ug’fähr scho selber denkt, i kenn jo de Schulzebur“, meinte sie jetzt gelassen, „daß de weggange bisch vom Schulzehof isch recht, du hetsch ’s a weng früher tue könne, ’s wär besser gsi, aber was g’schehe isch, isch g’schehe. Nur Maidli, do verschtoh i kei Schpaß, du bisch zu dem Kind komme, nit viel anders, wie ne Henne en Ei legt; ’s isch der halt so komme, un i sag der g’wiß nix dergege,aber jetz häts en End mit dem in Dag neilebe, jetz bisch für des Kind do un nit für di. Jetz häsch derfür z’sorge, daß des Kind e warms Plätzli uf dere Welt findet, un wenn de nix andersch häsch als dini Ärm, no häsch halt dini Ärm um so fester um des klei Wurm z’samme z’halte, daß es nit gar z’frue merkt, wia kalt d’Welt suscht isch. Un helfe will i der derbi, do de mer grad in d’ Ärm neigrennt bisch. Jetz blibsch uf em Hof un hilfsch mer bei der Arbet, un was witers wird, des wolle mer unserm Herrgott überlasse.“ Und ’s Marei sagte „Vergelt’s Gott viel dusigmol“ und weinte noch ein Weilchen, und dann nahm sie ihr Leben wieder in zwei Hände und ging an die Arbeit. Und es wäre alles gut gegangen, denn die Mägde des Maidlihofs nahmen die Sache natürlich und gutmütig, und die Lenebas war die letzte, die sich um Gerede gekümmert hätte, wenn geredet worden wäre. Aber ’s Marei fand sich doch nicht immer mit dem gleichen Mut in ihre Lage; oft genug ertappte die Lenebas sie, wie sie mit verweinten Augen vor sich hinstarrte. Und da der Lenebas eine Aussprache mit ihrem Herrgott immer geholfen hatte, so riet sie der Marei eines Morgens:„I mein alls, dir täts guet, emol bichte z’goh; du bisch jetz scho zwei Monet bei mer un häsch in dere Zit dei Friede nit g’funde. I ganget jetz emol, wenn i di wär, un tät unserm Herrgott ’s Herz usschütte, un e gueti Bicht hilft mengesmol, wenn mer e schwers Herz hät.“ Und da ’s Marei in den zwei Monaten gelernt hatte, die Lenebas wie eine Mutter zu verehren, so folgte sie auch jetzt, und eilte gleich am nächsten Samstag zur Beichte. Aber das Resultat war anders, als die Lenebas erhofft hatte. ’s Marei kam verstört und halb von Sinnen aus der Kirche zurück und erzählte der erschrockenen Base, der Pfarrer habe sie so hart beschimpft, daß sie nicht mehr wisse, wie sie weiter leben solle. „O die Mannsbilder,“ fuhr die Bäuerin auf, „die elendige Mannsbilder, wenn die nur alles hinterefür aschtelle könne! Schau Marei, was so a Mannsbild sagt, un wenn’s der Herr Pfarrer isch, des gilt grad gar nix; was verschtoht denn so a Mannsbild, noch derzue so e einschichtigs, vu uns Wibervölker. So laß en doch schwätze un halt dich an unsere liebi Mutter Gottes; jetz häsch dei Pflicht tue, wie ’s d’Kirche vorschreibt, un jetz bettescht zum liebe Gott, un derno wird’s d’r schobesser were. Was der Pfarrer gsait hät, des schlagsch d’r aus em Kopf, der schwätzt halt wie’r ’s verstoht un wie’r meint, daß er muß; aber des musch nit schwerer nehme, als wenn unser Geißbock dir e Stoß mit de Hörner gibt, ’s tut e weng weh, aber so em e uverninftige Tier ka mers do nit verdenke, un derno lacht mer drieber.“ Es schien, als würd’s der Marei etwas leichter ums Herz unter dem Zuspruch der Lenebas, aber es hielt nicht an. Ihr Gemüt war verstört und wurde es immer mehr. Als sie gar erfuhr, daß die Schulzenbäuerin gestorben sei, da wuchs ihre Aufregung so, daß die besonnene Lenebas sich fragte, ob das Mädel nicht besser in einem Krankenhaus untergebracht würde. ’s Marei schrie laut, sie habe die Schulzenbäuerin getötet, und die Lenebas konnte ’s Marei nur mit Mühe davon abhalten, vor dem ganzen Dorf und vor dem Gericht sich des Mordes anzuklagen. ’s Marei war geisteskrank, das wurde der Lenebas klar, aber sie vertraute immer noch auf die gute Natur des Mädchens, und ein Arzt, den sie aus der nahen Stadt hatte rufen lassen, gab ihr im Grunde recht und tröstete sie mit der Behauptung, daß diese Verstörung mit der Schwangerschaftzu Ende gehen werde. Die letzten Tage vor der Niederkunft wich die Lenebas dem Marei fast nicht von der Seite. Ein kleiner Bub kam zur Welt, und ’s Marei hörte auf zu jammern und zu schreien und lag still in ihren Kissen und hätschelte den kleinen Kerl. Und die Lenebas atmete auf und ging nun wieder mit erleichtertem Gemüt ihren etwas vernachlässigten Geschäften nach und überließ ’s Marei sich selbst und dem Einfluß ihres Kindes. Und da geschah das Unheil. Als die Lenebas eines Nachmittags ihre Geflügelställe inspizierte, kam plötzlich die Anastas gelaufen und meldete ihr: „Der Herr Pfarrer isch kumme, er hät nach em Marei gfrogt un ’r isch drin bi n’ re.“ Die Lenebas eilte was sie konnte nach dem Haus zurück; da hörte sie schon auf dem Gang zu Mareis Stube lautes Weinen und dazwischen die erregte Stimme des Pfarrers. Ohne Zaudern riß die Lenebas die Tür auf und stand vor dem erstaunten Geistlichen. Mit einem kurzen „Grüß Gott, Herr Pfarrer“, ging sie an ihm vorbei zur weinenden Marei und nahm sie tröstend in ihre Arme. „Bäuerin, Ihr tut Unrecht, den Trotz dieser Verworfenen noch zu stützen,“ fing der Pfarrer an, „ich bin mit denbesten Absichten hergekommen der Schulzenhofbauer hat mich beauftragt, Geld für das Kind, für dieses Kind der Sünde, zu bringen. Seine Verirrung reut den Mann, und er will ’s Marei wieder zu Ehren bringen und, soweit möglich, gutmachen, was er gefehlt und wozu er doch wohl von dieser Person eigentlich ist verführet worden, denn er war immer ein braver Sohn unserer heiligen Kirche; aber er will ’s Marei zu seiner christlichen Ehefrau machen. Das hab ich ausgerichtet und der Marei gesagt, sie soll in Demut unserm Herrgott danken, daß er sie aus ihrem tiefen Fall wieder sich erheben lassen will.“ Geduldig hatte die Lenebas bis jetzt zugehört, die erregte Kranke mit leisem Zuspruch zwischen hinein tröstend; nun war ihre Geduld zu Ende: „Un mit Verlaub, Herr Pfarrer, i mein alls, Sie könnte jetz dodervu ufhöre; ’s Marei isch krank, un ob sie eine Sünderin un eine Verworfene isch, des könnet Sie doch unserm Herrgott überlasse un meinswege im Beichtstuhl mit e’re usmache. Aber jetz scheint’s m’r nit grad die recht Zit dazue, un was Sie vom Schulzebaur z’sage händ, des könnet Sie mir sage, aber in meine’re Schtube; i sag derno scho imMarei, was se z’wisse brucht.“ ’s Marei rief dazwischen: „E Sündekind isch der Klei, so hät der Pfarrer gsait, un i bin schlecht un in der Schand. O himmlischer Heiland, brenne müsse mer alle zwei im höllische Feuer, o heilige Mutter Gottes hilf, un e Mörderin bin i, i han d’Schulzebäueri umbrocht; i, i hans tue, schterbe will i, so schlaget mer doch de Kopf ab ...“ „Was liegt da noch vor,“ fragte der Pfarrer, „da scheint ja noch die irdische Gerichtsbarkeit einschreiten zu sollen.“ „Marei, jetz bisch schtill,“ wandte sich die Lenebas zunächst an die Kranke, „e arme Tschole bisch un witers nix, un do hesch dei Kindli,“ und sie legte ihr den Kleinen in den Arm; „jetz sei verninftig un red nit so, ’s Kind wird jo no krank, un mir meine’s guet mit dir alli, un nix Böses häsch tue, du arme Tropf du, nix ...“ „So darf man doch wohl ...“ wollte der Pfarrer unterbrechen; aber jetzt wandte sich die Bäuerin ihm zu: „Händ Sie no nie e Fieberkranks dumms Zeug schwätze höre, Herr Pfarrer? Kommet Se jetz, ’s witer verzell i ne in meinere Schtube,“ und sie drängte den Pfarrer in den Gang hinaus. „I bin glei wieder bei d’r,“ rief sie dem Marei noch zu. Und dannführte sie den Geistlichen in ihre Stube. Was die beiden da sprachen, konnte selbst die hellhörige Anastas nicht erfahren; als kleine Befriedigung ihrer Neugierde bemerkte sie nur, daß Bäuerin wie Pfarrer nach einer kleinen halben Stunde mit ziemlich roten Köpfen herauskamen und die Verabschiedung recht kurz war. Die Lenebas eilte dann schnell zur Marei zurück, da fand sie Bett und Wiege leer. Voller Angst eilte sie aus dem Hause in den Hof und in banger Ahnung nach dem Weiher. Da sah sie rasch genug, was passiert war. Das Kind lag fast am Rand des Weihers, die Kräfte hatten ’s Marei wohl verlassen, sie hatte es fallen lassen, es war mit dem Köpfchen auf einen Stein gefallen und war tot, das sah die Lenebas auf den ersten Blick. Nicht weit davon im flachen Wasser, deutlich erkennbar, lag ’s Marei in einem Gewirr von Wasserpflanzen, die sie niederhielten. Ein paar Augenblicke stand die Lenebas, unfähig sich zu rühren; dann eilte sie zum Nachbarhof, Hilfe zu holen. Und nun setzte das Räderwerk der Staatsmaschine sich in Bewegung. Polizei und Schulze machten die nötigen Notizen und Berichte, und erst nach langen, langen Stunden konnte ’s Marei mitihrem Kind in den herbeigeschafften Sarg gelegt werden.
Am andern Nachmittag kam der Pfarrer auf den Hof, von der Bäuerin den Hergang zu erfragen. Die Lenebas empfing den Geistlichen zuerst ruhig, als er aber nach den ersten Worten von „Selbstmörderin“ sprach, da riß sie die Tür zum Nebenzimmer auf, wo der Sarg stand und wo die Anastas mit zwei andern Mägden den Rosenkranz für die armen Seelen beteten, und zeigte auf die Tote: „Herr Pfarrer, nix für ungut, aber i mein alls, an dere Lich täte Sie besser, nit vo Selbstmord z’rede; wenn Einer in dere Schtube Schuld hät, no sind Sie’s, Herr Pfarrer, un wenn g’mordet worde isch, no hän Sie g’mordet, Herr Pfarrer! Des Maidli wär e bravs Wibervolk worde, wenn mer em über die schweri Zit nüberg’holfe hät; aber uf si schwere Weg auch no Schtei z’werfe, des het i nit g’meint, daß des e Mensch tue könnt, wenn i Sie, Herr Pfarrer, nit rede hät höre am Bett vu dem arme Maidli.“ „Was Sie da reden, werd’ ich überhören, weil Sie in begreiflicher Aufregung sind,“ sprach der Pfarrer, „aber ich spreche im Namen unserer heiligen Kirche und an Gottes Statt: ich verweigereder Marei das christliche Begräbnis als einer Selbstmörderin.“ „No sprech ich im Name vo unserm liebe Heiland un verzehl am Grab, wenn’s sei mueß, wer sie zu dem triebe hät,“ sagte die Lenebas gelassen; „aber mir zwei sind fertig miteinander, Herr Pfarrer,“ und sie richtete sich in ihrer ganzen Größe auf, „jetz ganget usi un kommet mer nimmi ins Hus, un wenn i uf em Totbett lieg nit. Ganget usi, oder i trib Euch mit em Stecke usi, wie e Räuber und Mörder.“ Der Pfarrer ging, und die Lenebas stand an der Leiche und betete ein andächtiges „Gott gebe ihr die ewige Ruh, und das ewige Licht leuchte ihr. Amen.“