Die ehr- und tugendsame Jungfrau Euphrosyne

Die ehr- und tugendsame Jungfrau Euphrosyne

Seit etwa einem halben Jahr ging die Euphrosyne vom Plattenhof auch schier gar nicht mehr aus der Kirche heraus, und im Dorf munkelte man allerlei, und nicht gar freundliche Randglossen machte man. Die drei Geschwister, die „einschichtig“ auf dem abseits an steiler Halde liegenden Plattenhof hausten, waren nicht beliebt bei den Dörflern. Man verdachte ihnen ihr besonderes Wesen. Die drei hatten bei dem frühen Tod der Eltern beschlossen, gemeinsam den Hof zu behalten, um die Erbteilung, die jedem wenig gelassen hätte und den Hofbesitzer mit Schulden belastet hätte, zu umgehen. „Der Karli hät halt in en Hof ihirote solle, ’s Euphrosyne in e Dienscht gehe un der Gottlieb eini mit Geld uf de Hof nehme. No wär’s scho gange. Anderi maches au eso,“ meinten die Dorfweisen, und die Plattenhofbuben und ’s Maidli, wie die drei ihres ledigen Standes wegen immer nochgenannt wurden, obwohl der Karli fünfzig, die Euphrosyne achtundvierzig und der Gottlieb, der Jüngste,[1]sechsundvierzig Jahre alt war, wurden ziemlich gemieden von den Nachbarn. Nur der geistliche Herr besuchte sie öfters auf ihrer Höhe, weil sie halt gar so fromm waren und für die Kirche immer einen offenen Beutel hatten. Aber gerade das, daß man wissen wollte, der zuletzt Überlebende solle den Hof der Kirche hinterlassen, das machte erst recht bös Blut unter den Bauern. „E paar hundert Märkli für Seelemesse, sell scho, wenn mer’s mache ka, aber e Hof braucht d’ Kirche nit,“ meinte wieder die Dorfweisheit. Und schadenfroh sah man jetzt zu, wie die Euphrosyne gar so viel betete, seit die junge frische Magd auf dem Hof war; nur damit konnte ihr bekümmertes Wesen erklärt werden, darüber waren die schlauen Frauen vom Dorf nur einer Meinung. Und sie hatten recht mit ihrer Vermutung. Dem Gottlieb war plötzlich eingefallen, daß er eigentlich noch jung genug sei zum Heiraten. Der Hof war in den langen Jahren der sparsamen Geschwisterwirtschaft besser geworden,manch Stücklein Acker war dazugekommen; er hätte jetzt die Geschwister schon auszahlen können, ohne sich selber zu ruinieren. Und die Resi „isch halt gar e schaffigs und luschtigs Maidli,“ meinte er, „das wär doch ein ander Leben, als mit der fromme Schwester.“ „’s druckt mer schier ’s Herz ab,“ sagte die Euphrosyne zu ihrer alten vertrauten Magd, die noch von Elternzeiten her auf dem Hof war, „wenn i denk, daß i g’schafft un g’rackert habe soll für des herg’laufe Mensch. Un jetz uf mei alti Täg no unter fremdi Lüt soll, un die setzt sich grad nei in Fetthafe. Un wo ni do gschafft hab für unser Herrgott, daß mer doch au e Fürbitt hät, wenn’s ans Schterbe geht, un jetz soll die’s ha für ihre Bube, die sie, wer weiß woher, dem alte Narr, dem Gottlieb, ufschwätze wird, des Mensch, des schlecht. Gott verzeih mer d’Sünd, wenn i er ’re Unrecht tue, i hät’s gern fortg’jagt, scho lang, aber no wär der Unfriede erscht recht do, un der Gottlieb tät se mer grad z’leid nit goh lo un vom Fleck weg hürote. Alli Wallfahrte han i jetz mitg’macht i dem Johr, im heilige Joseph han i’s ans Herz g’legt, daß er doch au d’Keuschheit vom Gottlieb hüte soll, un der Muttergottes uf em Lindeberghan i e Kerze g’opfert. Du weisch’s jo, fascht ’s ganz’ Wachs vom obere Bienestock han i derzu hergä, sie soll mer do e Licht ufstecke, wie ni des Maidli us em Hus bring, eso, daß d’Bube selber dermit iverschtande sin. Was meinsch, ob villicht mei Traum hüt Nacht m’r vu der Mutter Gottes g’schickt isch: i han träumt, der Pfarrer hät ’s Resi mit em Weihwasserwedel zum Hus naustriebe, un der Gottlieb hät er ’re no d’Sau hintenoch g’hetzet. I mein alls, i will emol mit em Pfarrer rede über d’Sach; i han mer nie recht traut, weisch, in so Sache; unser Pfarrer in Ehre, aber da haltet d’Mannslüt doch alli z’samme. Aber wenn mer d’Mutter Gottes hilft, wird er doch am End isehe, wenn i em recht schön klar mach, was für e G’fahr droht — unser Hof isch doch jetz uf siebzigtusend Mark g’schätzt — un der Unfriede im Haus, wo mer doch so gut z’samme g’lebt hän. Grad verhext muß sie en ha, Gott verzeih mer, wenn i er ’re Unrecht tue.“

Und so setzte sie beim nächsten Besuch des Pfarrers ihr bestes Kirschenwasser und Sträuble von zwölf Eiern gemacht und ihren schönsten Schinken ihm vor, und als er behaglich im Herrgottswinkel installiert war, brachte sie ihr Anliegenan. „I mein alls, Herr Pfarrer,“ schloß sie ihre lange Rede, „Sie könnte’s im Gottlieb in der nächste Bicht sage, daß des nit recht isch, im e christliche Hus so e schlechts Bispiel z’gä. Un ’s Maidli duret mi, wenn er’s so in Unehre bringt. Er soll sie in Gottesname hürote — d’Kirche verliert jo e schöns Schtückli Geld, aber die gute Sitte isch jo doch meh wert.“ Der Pfarrer unterbrach sie nun doch erstaunt: „Ja, Euphrosyne, was sagt Ihr da, das Maidli ist doch brav. Ihr wollt doch nit sagen, daß da schon ein unehrbares Verhältnis im Gang ist?“ Die Euphrosyne nahm erstmals einen tüchtigen Schluck Kirschenwasser ehe sie antwortete. Es war doch nicht so leicht, dem geistlichen Herrn so geradezu ins Gesicht zu lügen, aber der gute Zweck, und sie hatte ihren Plan, und den hatte sie der Mutter Gottes vorgelegt, und die hatte ihr im Traum ganz deutlich gesagt: „Mach das nur so, Euphrosyne, du tust ein gut Werk, und Gottes Wege sind dunkel. Du mußt das so anpacken, daß die nit merken, daß der liebe Gott sich deiner als Werkzeug bedient. Von wegen deiner Bescheidenheit, daß die nicht Not leidet.“ So antwortete sie denn: „Ja, Herr Pfarrer, Sie fraget au gar e sog’nau, für mich als ehrsame Jungfrau isch des halt e schenierlichi Sach, aber wie ni g’sagt hab, halte Sie’s im Gottlieb nur vor in der Bicht, daß des Maidli durch ihn in Unehre komme isch — Gott verzeih mer, wenn i e Unrecht tue — aber saget Sie’s em nur scharf, Sie wüßte’s aus sicherer Quelle, jo des isch e so.“ Der Pfarrer versprach nach ihrem Wunsch zu handeln und lobte sie ob ihres tugendlichen Verzichtes. „Jo, Herr Pfarrer, ’s isch scho schwer, unter fremdi Lüt z’müsse, aber alles mueß recht si, in Unehre soll ’s Maidli nit komme.“

Am nächsten Samstag kam der Gottlieb mit hochrotem Kopf aus dem Beichtstuhl, und ohne seine auferlegte Buße abzubeten, eilte er aus der Kirche dem Plattenhof zu. Die Euphrosyne fing ihn unter der Tür ab. „Bisch scho wieder do vu der Bicht?“ „Jo, los, i möcht di grad was froge; was isch mit em Resi?“ fragte Gottlieb dagegen. Euphrosyne nestelte an ihrer Schürze und schlug schämig die Augen nieder: „I mein alls, sell müßt i eigentlich di froge.“ „Bigelt,“ wetterte Gottlieb, „fangsch au mit dene Verrücktheite a, der Pfarrer hät mer scho der Kopf heiß g’macht. ’s Maidli muß bigöscht Dreck am Stecke ha, derPfarrer muß es do wisse, er hät gsait, er wüßt es aus sicherer Quelle, daß des Maidli durch mich in Unehre komme wär. Nit mit em kleine Finger han i sie agrührt. Hürote han i’s wolle, jo gell, do schausch, i ha der no nix dervo gsait, vor i im klare bin mit dem Maidli, han i niemed nix sage wolle. Aber des hät scho ä andere Gspusi, scheint mer. Was weisch du vun derene Sach?“ „Jo weisch, wenn de mi so grad uf de Kopf frogscht, i hät mer suscht lieber d’Zung abbisse, aber d’Wohrheit mueß mer alliweil sage, ’s Maidli isch mer komisch vorkomme i de letzte Woche. I ha mer halt denkt, du hesch am End Absichte. Un i mueß der grad sage, i hab viel bettet für di, weil du vor der Hochzit scho ...“ Sie machte eine verschämte Pause. „I hab halt alls g’meint, du wärsch es, wenn i in der Kammere vum Maidli rumore g’hört hab. Aber sell soll mer nit, uf e bloße Verdacht hi, des Maidli verschimpfiere, ’s hät jo au d’Katz si könne ... ’s Maidli isch b’sunders in de letzte Woche, aber nei, nur nit vu andere Böses denke, ’s Maidli isch am End doch brav, hürot sie nur.“ „Jo weggerli,“ fiel der Gottlieb ein, „sell paßt mer nimmi, woher denn soll der Pfarrer wisse, daß i sie in Unehrebracht hab, jo des hät ’r mer gsait, sie muß em doch bichtet ha?“ „Jo, wenn der Pfarrer sait, daß sie in Unehre isch, du bisch’s gwiß nit gsi?“ „Nei, bigelt.“ „I glaub der jo, du häsch nie nit g’loge, aber wenn’s der Pfarrer doch sait, mer hän doch niemed suscht uf em Hof. Der Mathes, unser Knecht, der macht keine so Sprüng meh mit sine fünfundsechzig Johr ... Isch’s am End der Karl gsi?“ setzte sie tastend hinzu. Gottlieb fuhr aus seinem Brüten auf und starrte die Schwester an. „Der Karli?“ „Hei jo, ebber muß ’s doch si, wenn’s der Pfarrer sait,“ bestätigte Euphrosyne, „wenn der Karli ’s Maidli hürote will, musch em uszahle. Aber mer wennt nit Rede halte, vor mer’s g’wiß wisse; unnütze Rede müsse mer verantworte am jüngste G’richt. Weisch Gottlieb, der Pfarrer soll der Karli ushorche, un i will uf ’s Maidli ufpasse, wenn du’s hürote willsch, isch des mei Pflicht, denn d’zukünftig Büeri uf em Plattehof muß e ehrsame Jungfrau si; aber laß der nix amerke, mer wennt erscht höre, was der Pfarrer zum Karli sait.“ Der Gottlieb war damit einverstanden, aber es rumorte in ihm, und nachts schlich er ums Haus herum und horchte an der Kammer, und er vernahmein leises Murmeln drin und manchmal ein Seufzen, und mit geballten Fäusten schlich er zurück in seine Kammer. Und die Euphrosyne ging am andern Tag beichten und klagte sich an, unbedacht ihren lieben Bruder Gottlieb verleumdet zu haben: „Der isch’s gwiß nit, ’s muß der Karli sei, hät ’r g’meint, aber i will kei übli Nachred mehr halte, Gott verzeih mer d’ Sünd. I leg d’Sach in Gotts Hand, der wird’s scho recht mache; gelle Sie, Herr Pfarrer, Gotts Wille g’schicht, was mir armi sündigi Mensche au plane.“

Der Pfarrer hatte es recht eilig, den Plattenhof zu besuchen. Der schöne Hof lag ihm doch recht sehr am Herzen, und daß der Karli auf seine alten Tage noch solche Streiche machen sollte, wollte ihm gar nicht in den Kopf. Es gab eine heftige Auseinandersetzung, und die Euphrosyne, die hinter der Tür horchte, rieb sich vergnügt die Hände. Der Karli trumpfte ordentlich auf, und der Pfarrer ärgerte sich über den verstockten Sünder und sprach von Ärgernis für das ganze Dorf und von dem Kummer der braven tugendsamen Jungfrau Euphrosyne, die immer zum Guten rede, gar erbaulich. Der Karli verstummte schließlich verstockt, und Euphrosyne fandes nun an der Zeit, mit unbefangener Miene in die Stube zu kommen, um die beiden mit guter Manier auseinander zu bringen. Ihr Samen würde jetzt schon aufgehen, mehr Eifer von Seiten des Pfarrers konnte ihr nur schaden. Und sie überschüttete den Pfarrer mit einem Redeschwall und komplimentierte ihn zur Tür hinaus, nicht ohne eine ansehnliche Geldgabe für heilige Messen: „Sie wisset scho, fürs b’sondere Aliege, daß alles guet usgoht.“

Und ein paar Nächte darauf sah der Gottlieb im Dunkeln den Karli um die Kammertür der Resi herumschleichen, aber der Karli sah auch den Gottlieb, und er blieb lauernd stehen, um zu sehn, ob der wohl hineinginge. Und wie sie so lautlos im Dunkeln warteten, hörten sie ganz deutlich hinter der Kammertür ein leises Kichern, dann eine unterdrückte tiefe Stimme und ein hastiges Tappen und Huschen, und unwillkürlich machten beide einen Schritt nach der Kammer zu und blieben dann verlegen voreinander stehn. „O des Mensch, des schlecht,“ sagte Gottlieb. Karli nickte bedächtig: „Also bischt du’s nit gsi!“ „Jo, wo denksch au hi,“ meinte leis der Gottlieb, „i werd mi do nit uf mini alti Däg so zum Narrehalte lo von so me junge Mensch ... Aber us em Hus muß se mer, morge no,“ setzte er in erneutem Ärger hinzu. „Jo, ’s wird ’s G’schitescht si,“ meinte der Karli, „weisch, mer sind in de Müler vom ganze Dorf, mir händ si’s gsait geschtern,“ und er lachte leise in sich hinein, „der Pfarrer hät g’meint, i hät se uf schlechte Weg brocht.“ „Us em Hus mueß se mer,“ wiederholte der Gottlieb, „d’Euphrosyne soll se morge in der Frueh fortschicke, i will’s gar nimmi sehe, des schlecht Maidli des; in unserm christliche Hus so e Lotterlebe z’führe.“ Brummend zogen sich die Brüder jeder in seine Kammer zurück.

Und drin in der Kammer der Resi streckte sich die Euphrosyne recht behaglich unter das dicke Federbett. Sie hatte sich ohne Wissen der Brüder für ein paar Nächte bei der Resi einquartiert. „Weisch, i han au so ängstliche Träum in der letzte Zit, un do möcht mer doch gern e lebigi Seel um si habe,“ hatte sie der Resi als Vorwand gesagt. Sie hatte das Knarren der Diele und das Flüstern der Brüder gehört und ihre Schlüsse draus gezogen. Sie wußte, daß sie jetzt auf dem Hof bleiben konnte bis zu ihrem Sterbestündlein, und ein guter Platz im Himmel war ihr auchsicher, wo doch der liebe Gott den schönen Hof bekam. Eine große Kerze gelobte sie noch der lieben Mutter Gottes, die ihren Plan, ohne Unfrieden das fremde Mädel fortzukriegen, hatte gelingen lassen. Und der Resi sollte auch nichts passieren. Sie hatte sich das schon zurecht gelegt. Am Morgen wollte sie sich mit ihr aufs Bernerwägeli setzen und zur Bas über den Berg fahren; die suchte eine Hilfe, bei ihrer Gicht konnte sie so schon lang ’s Vieh nicht mehr ordentlich besorgen. Daß die Resi gleich dort blieb, das wollte sie schon einrichten. Dann schlief die ehr- und tugendsame Jungfrau Euphrosyne befriedigt ein, und so gut und traumlos hatte sie schon seit Monaten nicht mehr geschlafen wie diese Nacht. Das ruhige Gewissen und das gute Einvernehmen mit dem lieben Gott und seinen Dienern auf Erden verlor sie nicht bis sie achtundsiebzigjährig als letzte der drei Geschwister selig verstarb.

Und der Pfarrer hielt ihr eine so erbauliche Grabrede, daß das ganze Dorf Rupertsweiler einsehen mußte, wie sehr es im Unrecht gewesen war mit seiner Abneigung und wie wohl verdient die Inschrift auf dem Grabstein war:

Hier ruhtbei ihrem Heilanddie ehr- und tugendsame JungfrauEuphrosyne Platner.Sie lebte ohne Lug und Fehl,Und gut geht’s ihrer armen Seel;Auch weil sie all ihr Gut und HabDem lieben Gott zu eigen gab.Sonst wollt’ sie nur den Grabstein haben.Gott möge ihre Seele laben.Amen.

Hier ruhtbei ihrem Heilanddie ehr- und tugendsame JungfrauEuphrosyne Platner.Sie lebte ohne Lug und Fehl,Und gut geht’s ihrer armen Seel;Auch weil sie all ihr Gut und HabDem lieben Gott zu eigen gab.Sonst wollt’ sie nur den Grabstein haben.Gott möge ihre Seele laben.Amen.

Hier ruhtbei ihrem Heilanddie ehr- und tugendsame JungfrauEuphrosyne Platner.Sie lebte ohne Lug und Fehl,Und gut geht’s ihrer armen Seel;Auch weil sie all ihr Gut und HabDem lieben Gott zu eigen gab.Sonst wollt’ sie nur den Grabstein haben.Gott möge ihre Seele laben.Amen.

Hier ruht

bei ihrem Heiland

die ehr- und tugendsame Jungfrau

Euphrosyne Platner.

Sie lebte ohne Lug und Fehl,

Und gut geht’s ihrer armen Seel;

Auch weil sie all ihr Gut und Hab

Dem lieben Gott zu eigen gab.

Sonst wollt’ sie nur den Grabstein haben.

Gott möge ihre Seele laben.

Amen.

[1]Im Schwarzwald übernimmt der Jüngste den Hof.

[1]Im Schwarzwald übernimmt der Jüngste den Hof.

[1]Im Schwarzwald übernimmt der Jüngste den Hof.


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