Ein verdienstliches Werk

Ein verdienstliches Werk

„Gell Lenebas, du denksch au ans Mariele bei seinere erschte Kommunion? I kan em jo die fine Sache un alles nit anschaffe. Der Pfarrer hett mer vom Kommunikanten-Verein der Stoff zum Kleidli gä, un dem Lehrer si Frau ’s Betbuch und der Rosekranz, aber ’s ander alls fehlt no.“ Die alte Sailern war das Bitten und Betteln gewohnt, seit ihr Mann sie früh als Witwe in dem kleinen winkligen Häusle mit vier kleinen Kindern zurückgelassen hatte. Hier und da konnte sie in die nahe Stadt als Waschfrau gehen oder ein paar Eier den Stadtfrauen verkaufen, im Sommer brachten die Kinder Beeren aus dem Wald für den Markt; aber doch war Bargeld eine rare Sache, und wenn die Paten der vier Maidele nicht hier und da ausgeholfen hätten, wäre es wohl gar nicht gegangen, denkleinen eigenen Winkel zu behalten. Die Lenebas nickte auch freundlich zu der vorgetragenen Bitte: „He freili jo, wenn eins zum erschtemol zu unserem Herrgott geht, des isch e gar guet Werk, wenn mer doderzu hilft, dös tu i gern. Schick’s Mariele nur her, i gang so morn i d’Stadt, no kann’s am Obig sei Sach hole.“ Die Sailern empfahl sich mit vielen „Vergelt’s Gott tusigmol“ von der wohlhabenden Bas und ging ein paar Häuser weiter, dieselbe Bitte vortragen, und am Abend hatte sie so ziemlich die Runde bei allen reichern Bauernfrauen gemacht und war ihrer Sorgen wieder einmal ledig. Alle hatten gern versprochen, ihr Scherflein für die kleine Erstkommunikantin beizutragen. Am andern Abend schickt die Sailern denn auch das Mariele zur Bas: „Un vergiß au nit z’sage, daß de an dim Ehretag recht bette wilsch für deini Wohltäter.“ Und die Lenebas hatte auch richtig ein paar feine Knopfstiefel fürs Mariele gekauft, mit schönen Lackspitzen. ’s Mariele hätt vor lauter Freud über die „glänzige“ Stiefel fast sein Sprüchle vergessen „vom bette für seine Wohltäter“. Vergnügt zeigt’s die Stiefel, „schönere het’s Bürgermeisters Marie au keine g’hätt“, derMutter, und die schickt’s gleich weiter zur Patin, zur Burgerbäckin: „Paß uf, die schenkt ders Kränzli und der Schleier und am End gar no d’Kerze.“ ’s Mariele geht den steilen Weg zu dem stattlichen Hof mit ungeduldigen Hopsern hinauf, und die Bäuerin winkt ihr vom Eckfenster schon zu mit freundlichem Lachen. „Grüß Gott, Mariele, jo du kumsch gerad zrecht, i ha der dei Sach scho gricht. Waisch, i tu’s gern, ’s isch gar e verdienschtlichs Werk“ ... und damit wickelte sie ein Paket auf, „wenn mer em Erstkommunikantli d’Stiefel schenkt, mit dene ’s zum erschtemol zum Tisch des Herrn geht.“ Dem Mariele kamen fast Tränen in die Augen, wie’s hörte, daß es schon wieder Stiefel bekommen sollte, aber als die Bäuerin ihr das Paar entgegenhob, verschlug’s ihr fast den Atem: weiße Lederstiefel! So fein war nur ’s Doktors Tochter zur ersten heiligen Kommunion gekommen vor drei Jahren. „Jo gell, do schaust,“ meinte die freundliche Patin, „i han mer’s ebbes koschte losse. Weisch, nochher kansch se schwarz mache — aber unser Herrgott wird’s mir anrechne, so ä arm Maideli muß doch au ämol im Läbe si Ehretag ha — bett halt schön für mi, wenn de unser Heilandzum erschtemol in dim reine Herzle häsch. ’s isch kei Gebet so kräftig, wie des von so enem unschuldige Erstkommunikantli.“ Die Sailern machte ein betroffenes Gesicht, als ’s Mariele strahlend zurückkam, aber die selige Freude ihres Kindes mochte sie doch nicht verderben, und so ging sie zur Lenebas und erzählte der von dem zweiten Paar Stiefel. Die erboste sich aber arg, nachdem sie die Sache begriffen: „Was! meini Stiefel sind der Rotznas jetzt nimi schön gnug, weil die hochnäsig Burgerbäckin dem Maidli der Kopf verdreht hätt mit wiße Stiefel! I loß mir vo dere nix wegnehme. Wenn mer d’Stiefel schenkt, mit dem eins zum erschtemol zur Kommunion geht, so rechnet des unser Herrgott eim ganz bsonders a, dös laß i mir nit nehme, und in meine Stiefel geht’s Mariele in d’Kirch, oder i will nix mehr von euch Bettelpack wisse — so, jetzt waisch’s.“ — Die Sailern wollt’s nicht verderben mit der sonst gutmütigen, kinderlosen Lenebas und ging auf ihre Seite über: „Jo i ha’s glei gsait, ’s isch verruckt, dem arme Maidli wißi Stiefel zgä, i gang jetzt zu ner, un ’s Mariele muß dine Schuh anziehe, un unser Herrgott soll’s der vergelte.“ Die Burgerbäckin nahm aber das Anliegen derSailern, die Stiefel gegen irgend ein anderes nötiges Stück umzutauschen, erst recht ungnädig auf. „I ha’s gut gmeint, un dös isch jetzt mei Lohn, so geht’s uf dere Welt. — D’ Lenebas hätt gar kei Recht, d’Stiefel z’schenke, des kommt mir zua, i bin d’Patin, un unser Herrgott tät’s mir nit verzeihe, wenn i meim Patekind nit d’Stiefel zu seinere erschte heilige Kommunion schenke tät. Des laß i mir nit nehme, des ghört zu meine geischtliche Pflichte, un uf em Sterbbett tät i’s im Mariele nit verzeihe, wenn’s nit mit meine Stiefel ’s erschtmol zu unserm Herrgott geh tät.“ — Die Sailern nickte mit bekümmertem Herzen und stimmte der reichen Patin zu, gab ihr in allem recht und verschwand aus der Stube mit einem „Tusigmol vergelt’s Gott“. Und ’s Mariele bekam eine derbe Ohrfeige, als sie bei der Heimkunft der Mutter mit den weißen Stiefeln im Zimmer vorsichtig herumstolzierte. „Des mag unser Herrgott wisse, wie i aus dem Schlamassel rauskomme soll,“ meinte sie ernstlich besorgt zur ältesten Tochter, „i mein alls, i frag der Pfarrer drum.“ Zunächst schickte sie aber ’s Mariele zu den andern Wohltätern; der Schleier, die Kerze, ’s Kränzle, die Handschuh, Strümpfeund Wäsche mußten noch kommen. Wie’s mit den beiden feindlichen Stiefelspenderinnen werden sollte, das mußte der Herr Pfarrer und der Herrgott halt entscheiden. Als aber ’s Mariele vom dritten, vierten und fünften Bittgang auch je mit einem Paar Stiefel, verschieden nur an Güte und Feinheit zurückkam, mit der Versicherung von jeder Spenderin, daß „d’Stiefel, mit dem eins zum erstemal zum Tisch des Herrn geht, halt a ganz a besonderi Gnad vom Himmel der Spenderin in Aussicht stellen“, da jammerte sie mit dem Mariele um die Wette, und es war kein „Vergelt’s Gott tusigmol“, was sie an dem Abend für die „Wohltäter“ gen Himmel aufschickte. Der Pfarrer, dem sie am Morgen ihr Leid klagte, machte ihr wohl den Vorschlag, die Stiefelpaare dem Verein zur Ausstattung von Erstkommunikanten zu geben und dagegen die andern Gebrauchsstücke einzutauschen; damit war allerdings ’s Mariele angezogen aber der Zorn der Wohltäterinnen nicht abgewendet. Der kleinen buckligen Schneiderlene klagte sie schließlich ihre Not, und die wußte in ihrem hellen Kopf einen Rat: „Wissener, i mach ’s Kleid vom Mariele so lang, daß mer d’Stiefel gar nit sieht —in der Stadt hän sie jetzt au immer d’Kleider vorne und hinte so lang, daß mer druftritt“, und sie zeigte der ungläubigen Sailern ein farbiges Modebild, wo wirklich das Kleid ringsum zehn Zentimeter auf dem Boden lag — „ganz so lang nit“, beruhigte sie die Mutter, die zweifelte, ob ihr „gaschpliges Mariele“ drin würde gehen können, „aber a so, daß mer halt d’Stiefel nit sehne kann.“ Die Sailern wollte sich schon beruhigen, als ihr einfiel: „Jo, aber die wiße Schuh von der Burgerbäcki.“ Aber auch dafür wußte die Lene Rat. „Jetzt gangsch no amol zur Burgerbäcki und saisch zu nere: du tätsch natürli im Mariele ihre Schuh lo, aber der Pfarrer hätt’s verbote im Mariele, ’s derf nit in wiße Schuh komme, von wege weil das Neid bi de andere un Hoffart bim Mariele erwecke könnt. Du müscht se gli anschwärze und sie soll der’s doch jo nit verüble und em Mariele nix davu sage, dem tät’s so scho schier’s Herz abdrücke, daß es sie nit wiß anziehe könnt. Aber der Verdienst von seinere liebe Patin vor unserem Herrgott, der blibt si jo glich.“ Und so geschah’s, und ’s Mariele ging in einem so langen „vürnehme“ Kleid zur Kirche, daß es die Treppe hinaufstolperte, und die verschiedenenWohltäterinnen verlangten alle vom lieben Gott ihre Extrabelohnung, weil sie so schön fürs Mariele gesorgt hatten und die Stiefel geschenkt hatten, mit denen ’s zum erstenmal zur heiligen Kommunion gegangen war.


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