Mit aller Macht wurde zu der bevorstehenden großen Reise gerüstet. Wie fast immer in Mioko ging dies aber, schon des Kohlenladens wegen, nicht so rasch und erst am 5. Mai (1885) verließ die »Samoa« seeklar, den Hafen. Sie führte, »all hands« gerechnet,18 Mann an Bord, eine Macht, die es auch ohne Kanonen mit den Eingeborenen aufnehmen konnte, wegen denen wir uns überhaupt keine Sorge machten. Aber was wir in unserer diesmaligen Ausrüstung mit Bedauern vermißten, waren Hunde, da die von Sydney und Cooktown mitgebrachten leider, meist an Hitzschlag, eingegangen waren. Hunde sind namentlich für kleinere Schiffe nützlicher als Kanonen, und nichts hilft wirkungsvoller das Deck von Eingeborenen klären, als ein kläffender Köter.
Für Abergläubige bot gleich der Anfang unserer Reise ungünstige Vorzeichen. Denn kaum waren wir außerhalb der Passage, so stand die Maschine still, bald darauf ein zweites Mal! Glücklicherweise gelang es aber Meister Nielsen beidemale, sie wieder in stand zu setzen, so daß wir wenigstens nicht umzukehren brauchten. In der Frühe des vierten Tages zeigte sich hohes Land, die in Wolken eingehüllte Insel Vulkan, bald darauf Lesson und erst später, gleich einem schmalen blauen Streif am Horizont, die Festlandsküste. Wir dampften ihr zu und sahen die bisher isolierten Hügel bereits zu Ketten vereint, als plötzlich das Kommando »stopp« die Fahrt unterbrach. Eine besondere Erscheinung veranlaßte dasselbe, denn soweit das Auge reichte, war auf einmal grüngefärbtes Wasser voraus, das von dem dunkelblauen, wie mit einem Messer, durch einen weißen Streif abgeschnitten erschien. Der ganze Eindruck war der eines ungeheuern Riffs und mahnte zur Vorsicht wie zum Loten. Aber »sechzehn Faden und kein Grund«, ließ sich der Mann mit der Leine unabänderlich vernehmen, und so dampften wir durch die Kabbelung des weißen Gischtstreifes in das trübe grüne Wasser hinein. Es schmeckte wenig salzig und ließ keinen Zweifel, daß wir es mit Auswässerung von Flüssen zu thun hatten, wie dies Unmassen von Treibholz, darunter ganze Baumstämme mit Ästen und Blättern, vollends bewiesen. Nach der Küste zu steuernd, die wie ein ununterbrochener Waldstreif erschien, später reiche Palmenbestände zeigte, gingen wir gegen Abend kaum mehr als zwei Meilen vom Ufer in fünf Faden Mudd zu Anker. Eine Gruppe besonders hoher Kasuarinen ca. sechs Meilen zu West war Venus-Point der Karten, eineandere ganz ähnliche, noch weiter westlich Cap de la Torre[71]. Vor uns am Ufer lagen, versteckt unter Kokospalmen, drei Dörfer, deren Bewohner mächtige Feuer anzündeten und bald in Kanus abkamen. Schon die letzteren zeichneten sich durch merkwürdigen Putz der Mastspitze aus. An der einen war die Nachbildung eines Fregattvogels aus Federn (Atlas VIII. 4), an einer anderen sonderbarer Faserschmuck mit einem Kreuz an der äußersten Spitze (VIII. 3) befestigt. Noch mehr interessierten uns aber die Insassen selbst, deren sonderbare Haartracht am meisten auffiel. Sie vereinigt das Haar am Hinterkopf zu einem abstehenden, dichtverfilzten Zopf, der häufig in einem zierlich geflochtenen konischen Körbchen (XVIII. 1) steckte, das oft noch besonders geschmückt war. Neben diesem Haarputz imponierten gewaltige Zwickelbärte, wie ihn der Mann auf der Abbildungzeigt, der zugleich mit einem jener reichverzierten Schamschurze aus Tapa bekleidet ist, die ich nur hier beobachtete. Für gewöhnlich sind sie, zwar sorgfältiger und decenter als sonst, viel einfacher (wie T. XVI. 2). Der übrige Körperausputz war sehr mannigfach. Schnüre aufgereihter kleiner Muscheln (Nassa) und Hundezähnen, um Stirn, Hals oder Hüfte geschlungen, spielten eine hervorragende Rolle. Kopfputz aus Wülsten von geschorenen Kasuarfedern, ganz wie solcher an der Südostküste vorkommt, war auch hier vorhanden. Selbstredend fehlten Armbänder nicht und zwar waren gewöhnliche, aus Pflanzenfaser geflochten, am häufigsten; es gab aber auch solche aus gebogenem Schildpatt, mit kunstvoller Gravierung, wie wir sie in Astrolabe (XIX. 2) kennen lernten. Ohr- und Nasenschmuck war kaum vertreten und statt des Ohrläppchens der Ohrrand durchbohrt. Kunstvolle Rosetten aus Hundezähnen (XXI. 4) als Brustschmuck erschienen mir neu, ebenso Leibschnüre (XXIV. 4) aus eigentümlich auf Baststreifen geflochtenen Muscheln (Nassa), die wahrscheinlich auch als Geld dienen. Ich sah auch sehr hübsche Frauenfaserschurze, in der bekannten Weise rot, gelb und schwarz gefärbt, aber sehr elegant mit Muscheln und Ringen aus Conus verziert. Die meisten Männer trugen hübsche, zuweilen reich mit Scherben von Cymbiummuschel verzierte, gestrickte Brustbeutel und führten noch eine besondere Art Tragkörbe[72]mit sich. Sie waren aus Pandanus- oder Kokosblatt geflochten und in eigentümlicher Weise mit buntgefärbter, kurzgeschorener Pflanzenfaser, plüschartig besetzt, außerdem mit kleinen Muscheln verziert.
Mann im Kanu, Venushuk.
Mann im Kanu, Venushuk.
Die Leute schienen ganz unbewaffnet, waren aber doch für alle Fälle vorgesehen und brachten nach und nach Unmassen Speere und Wurfpfeile zum Tausch, die sie sorgfältig in den Kanus versteckt hatten. Diese Wurfspeere, 1,60 bis 2,40 Meter lang, waren aus Rohr, mit langen Holzspitzen, zum Teil in sehr verschiedenartige und kunstvolle Kerbzähne und Widerhaken ausgeschnitzt. Für den Handwurf zu leicht, für den Bogen zu schwer, wußte ich anfangs nicht recht,wie ich diese Speere deuten sollte, bis die Frage durch ein besonderes Gerät gelöst wurde. Dasselbe bestand in einem ca. 70 cm langen Stück Bambu mit feingeschnitzter hölzerner Handhabe und erwies sich als Wurfstock (T. XI. 3), zum Werfen jener Pfeile (XI. 2), eine Methode, die bisher nicht in Neu-Guinea beobachtet wurde und ethnologisch ganz besonderes Interesse verdient. Bogen fehlten; aber ich beobachtete schöne Dolche aus Kasuarknochen. In Schnitzarbeiten schienen die Leute sehr geschickt, wie dies namentlich ihre Kanus zeigten, deren Schnäbel und Borde zuweilen in kunstvoller Weise damit verziert waren. Krokodilfiguren kamen dabei nicht selten und zwar in recht naturgetreuer Darstellung vor. So sehen wir auf der Abbildung (S. 292) an einem solchen Kanuschnabel ein Krokodil, dessen Schwanz in den Kopf eines Nashornvogels (Buceros) übergeht und im Atlas (VII. 5) einen Krokodilkopf in Verbindung mit einem Menschengesicht, dem Augen aus Perlmutter eingesetzt waren. Die Kanus bestanden übrigens nur in 20 bis 30 Fuß langen ausgehöhlten Baumstämmen und ähnelten in der Bauart denen von Astrolabe-Bai. Einzelne trugen 18 Mann.
Die eigentümlichen Haarzöpfe gaben diesen Eingeborenen ein mikronesisches Ansehen, aber sie waren echte Papuas, etwas heller als Neu-Britannier gefärbt, wie die meisten Papuas Neu-Guineas. Sie erschienen im ganzen kräftiger als die an der Ostspitze, und es gab wenig Hautkrankheiten unter ihnen, aber ich beobachtete bei einzelnen Pockennarben. Obwohl sehr lärmend und untereinander häufig streitend, ließ sich doch gut mit den Leuten handeln. Sie besaßen nichts an europäischen Sachen[73], interessierten sich weder für rotes Zeug, Glasperlen noch Tabak, gaben nichts um Messer, erhoben aber ein Freudengeschrei, als ich Bandeisen (kiram) zeigte. Sie brachten sehr schöne große Kokosnüsse, etwas Taro, Bananen und Unmassen aufgereihter zweischaliger Flußmuscheln (Batissa violacea und Finschii), die gegessen werden. Außer Betel und Tabak, der in derselbenWeise wie in Astrolabe (S. 59) geraucht wird, beobachtete ich hier zuerst eßbare Erde und — einen Kolben Mais. Er war sehr klein und wurde von einem Manne als Zierat im Haar getragen. Es wäre sehr interessant gewesen, heraus zu bekommen, ob dieser Mais angebaut wird, denn bisher kannte man diese Nutzpflanze nicht aus Neu-Guinea. Aber Maclay brachte sie nach Astrolabe-Bai.
Wie auf ein gegebenes Zeichen verließen uns die Eingeborenen vor Sonnenuntergang, wahrscheinlich um noch vor Einbruch der Dunkelheit durch die Brandung zu kommen. Sie schieden als Freunde, denn unser Bündnis war durch eine besondere Ceremonie besiegelt worden. Ein Häuptling nahm ein Kokosblatt, an dem die Fiedern bis auf einen kurzen Basisteil abgeschnitten waren und spaltete dasselbe in zwei Längshälften, wovon die eine am Mast seines Kanus befestigt, die andere mir als Friedenszeichen übergeben wurde. Auch ich ließ dasselbe am Maste anbinden, was den Leuten sichtliche Freude machte.
Es war ruhig geworden, aber wir konnten diese Ruhe und den wunderbar schönen Sonnenuntergang mit darauffolgendem herrlichen Zodiakallicht nur wenig genießen, da andere wichtigere Betrachtungen uns zu lebhaft beschäftigten. Sie betrafen die Weiterreise, wegen der Schiffsrat gehalten wurde. Wir waren in jener Region, wo trübgefärbtes Wasser unsere Vorgänger veranlaßt hatte, der Küste auszuweichen, und Kapitän Dallmann neigte anfangs sehr dazu d'Urville's Beispiel zu folgen. Als Schiffsführer verantwortlich, durfte es ihm gewagt erscheinen, die Fahrt in Gewässern fortzusetzen, deren unsichtbaren Gefahren (toten Riffen u. s. w.) nur wenig Sicherheitsmaßregeln gegenüber gestellt werden konnten. Denn Lotungen genügten nicht, um ein Aufrennen zu verhindern und das einzige wirksame Hilfsmittel, eine Dampfbarkasse, fehlte leider. Aus naturwissenschaftlichen Gründen konnte ich wohl mit ziemlicher Gewißheit den Mangel von Korallriffen infolge des geringen Salzgehaltes des Meerwassers begründen, aber nicht zugleich auch das Fehlen von Felsen und anderen Schiffahrtshindernissen garantieren. Freilich fuhren wir nicht zum erstenmale in trübgefärbtem Wasser und lagen auch hier bereits insolchem gemütlich vor Anker, aber wer konnte voraussagen, ob die Verhältnisse immer so günstig bleiben würden. Zu einer unfreiwilligen Robinsoniade verspürte ich selbst, wie alle, zwar auch keine Lust, aber eine Fortsetzung der Reise weitab von der Küste hatte überhaupt keinen Zweck und schließlich mußte doch überhaupt einmal der Anfang gemacht werden, dieselbe auch in der Nähe kennen zu lernen. Der Gedanke, kurz vor jenen Flüssen wieder umzukehren, über deren Vorhandensein hier herum schon Schouten und le Maire berichteten, war zu niederdrückend und ihr leuchtendes Vorbild konnte mit als Argument dienen. Sie waren die Ersten, welche am 6. Juli 1616 die brennende Insel »Vulkanus« entdeckten und durch Mangel an Lebensmitteln und Wasser gezwungen mit ihrem Segelschiff »de Eendracht« (Eintracht) in das trübgefärbte Wasser hinein bis an die Küste zu gehen, wo man am 9. und 10. Juli in einer Bucht ankerte. Sie erhielt später den Namen Cornelis Kniers-Bai, läßt sich aber nicht mehr mit Sicherheit ausmachen. Nach meinem Dafürhalten muß sie ca. 50 Meilen West von Kap de la Torre (Vlaken Hoek) liegen, denn damit stimmt noch am besten das Wenige überein, was Schouten über die Eingeborenen sagt. Sie waren (wie wir es auch fanden) freundlich, hatten aber nur wenig Kokosnüsse, und gaben »für einen Faden Leinwand nur vier Stück«. Ja, ja! das waren noch Entdeckungsreisen! und niemand konnte die Thaten der alten Seefahrer besser beurteilen und würdigen als wir an dieser Stelle. Gegen Sonnenuntergang kam die Spitze des Berges frei von Wolken und erschien wie die ganze Insel in wunderbar scharfer Beleuchtung. Rosiger Schein umfloß den Kraterrand, dessen im Westen eingestürzter Trichter deutlich eine feurige Stelle, wie einen brennenden Spalt zeigte, die nach Einbruch der Dunkelheit weit intensiver hervortrat, bis nach und nach Wolken den Berg verhüllten. Aber er hatte zu uns gesprochen im Geiste le Maire's und Schouten's, die vor mehr als 250 Jahren vielleicht auch hier herum über die Weiterreise nachdachten. Und wir, mit einem Dampfer, hätten umkehren sollen? nimmermehr! Die Erinnerung an die kühnen Niederländer gab den Ausschlag, und die Reise wurde am anderen Morgen längs der Küstefortgesetzt. Sie erscheint flach, dicht bewaldet, mit niedrigen Hügelreihen, weiter inland einer höheren Bergkette und dürfte brauchbares Kulturland aufweisen. Berg Jullien der Karten ließ sich nicht sicher ausmachen.
Wir hatten jetzt Broken-Water-Bay vor uns, von Powell so benannt, der aber im übrigen nichts über dieselbe berichtet, (l. c. S. 512). Zahlreiche Treibholzstämme und die von Grün in ein trübes Lehmbraun übergehende Farbe des Meeres zeigten immer deutlicher, daß Flußmündungen nicht fern sein konnten. Wirklich passierten wir bald darauf eine solche[74]und etwa fünf bis sechs Meilen weiter westlich einen anderen ansehnlichen Fluß, den ich Prinz Wilhelmfluß zu nennen mir erlaubte. Da sich vor demselben Brandung zeigte, so hielten wir nach Kap de la Torre zu, einem nicht sehr auffallenden Küstenvorsprung mit einer Gruppe höherer Bäume. Aber noch ehe wir das Kap erreichten, färbte sich das Wasser wieder trüb braun, und bald darauf zeigte sich die Mündung eines bedeutenden Flusses, vor der die »Samoa« ca. zwei Meilen in fünf Faden bereits in Süßwasser ankerte. Mit dem ersten Offizier Sechstroh machte ich sogleich im Walboot eine Rekognoszierung, aber die Strömung nahm bald so zu, daß sich mit Rudern nicht gegen dieselbe ankämpfen ließ. Glücklicherweise erlaubte eine aufspringende Brise Segel zu setzen und so war es möglich, bis in die eigentliche Mündung vorzudringen, deren Breite wir auf ca. eine halbe Meile schätzten. Die Ufer zeigten, wie die der ca. vier Meilen breiten Mündungsbucht dichten Baumwuchs, darunter viel Nipapalmen, die auf sumpfige Beschaffenheit schließen lassen. Am linken Ufer bemerkten wir zuerst ein paar schlechte Hütten, dann zwei größere Häuser, deren Bewohner aber in ihren großen Kanus eiligst flüchteten. Später sammelten sich circa fünfzig bewaffnete Eingeborene auf der mit viel Treibholz besetzten Sandbank des rechten Ufers, aber da hier gerade der stärkste Strom läuft, so war es nicht möglich,mit ihnen zu verkehren oder ihnen nur Geschenke zuzuwerfen. Überhaupt hatten wir auch Wichtigeres zu thun, nämlich zu loten, und kamen dabei zu dem wichtigen Resultat, daß der Fluß vollkommen frei und für Schiffe wie die »Samoa« (mit ca. drei Meter Tiefgang) voraussichtlich befahrbar sein dürfte. Wie weit? blieb freilich späteren Untersuchungen vorbehalten, da wir selbst natürlich an eine solche nicht denken konnten. Aber der seit mehr als 250 Jahren hier herum vermutete Fluß war endlich gefunden, und wahrscheinlich zugleich der größte, nicht nur in Kaiser Wilhelmsland, sondern an der ganzen Ostküste Neu-Guineas überhaupt. Mit der Entdeckung eines solchen Flusses durften Hoffnungen auf eine praktikable Wasserstraße, fruchtbare Uferstrecken u. s. w. verknüpft werden, die sich seitdem zum Teil erfüllten. Der »Kaiserin Augustafluß«, wie ich ihn benannte, ist wiederholt und ohne Schwierigkeiten mit Dampfern, zuletzt 380 Meilen weit, befahren, und seine Wasserstraße größer als die des Rheines geschätzt worden. Er bietet einen Weg zur Erschließung des Binnenlandes bis nahe zur Grenze des holländischen Gebietes von eminentester Wichtigkeit. Ja, wer in Australien einen solchen Fluß entdecken könnte, dem wäre geholfen!
Am anderen Morgen (10. Mai) dampfte die »Samoa« in W.-N.-W.-Kurs längs jener bisher nur punktiert auf den Karten eingetragenen, 65 Meilen langen Küste weiter, die ich, nach dem eigentlichen Urheber der Samoafahrten und der deutschen Kolonisation in Neu-Guinea, Hansemann-Küste benannte. Sie verläuft ohne tiefere Buchten gleich- und einförmig waldgesäumt, dürfte aber für Kulturzwecke einmal hohe Bedeutung erlangen, denn nirgends hatte ich bisher so ausgedehntes Flachland angetroffen als an dieser Küste, die nur weiter inland niedrige Hügelreihen zeigt. Sie scheint wenig bewohnt, denn nur an der Mündung zweier Flüsse (Hammacher- und Eckardtstein-Fluß), die das Meer weithin trüb färbten, beobachtete ich Kokospalmen und zählte fünf Siedelungen. Die Landungsverhältnisse der Hansemannküste scheinen übrigens nicht günstig, da wir längs derselben Brandung beobachteten. In der Nähe des Hammacher-Flusses circa zehn Meilen West von Kap de la Torre kamen sechs Segelkanus(T. VIII, 5, 7) mit Eingeborenen ab und längsseit; doch getrauten sich die letzteren nicht an Bord. Sie glichen den zuerst gesehenen von Venushuk und trugen wie diese das Haar in einem Körbchen oder wie der Mann auf der Abbildung einen dicken Zopf, der mit Binden aus Hundezähnen und Blättern verziert ist. Der weitere Ausputz besteht in einem Brustschmuck aus einer konkaven Scheibe von Cymbiummuschel, mit Kettchen aus schwarzen Samenkernen und Kauris, der mit das Wertvollste zu sein scheint. Am Backenbart sind Stückchen Perlschale, Hundezähne oder Muschelringe befestigt, im durchbohrten Ohrrande wie in den Nasenflügeln stecken grüne Blattstückchen. Andere Männer trugen eigentümliche, reichverzierte, lange Kämme (T. XVII, 2) mit Kettchen und Federn im Haar und besonderen Nasenschmuck aus Perlmutter (XX, 5).
Bewohner der Hansemannküste.
Bewohner der Hansemannküste.
Zu meiner Freude erhielt ich auch einen jener kostbaren zirkelrunden Eberhauer (S. 91), welche die Eingeborenen bei Venushuk um keinen Preis hergeben wollten. Dieser Zahn war noch außerdem in der Mitte zierlich mit rotem Strohgeflecht umwickelt, das dazu diente — die Fälschung zu verdecken, denn er bestand aus zwei Stücken. Ja! nicht alle können echte Brillanten tragen, und auch bei den Papuas muß sich manchermit Simile behelfen. — Alle waren mit Schamschurzen aus Tapa bekleidet. Ein eigentümliches Musikinstrument interessierte mich besonders deshalb, weil ich es in ganz gleicher Weise auch an der Südostküste (Port Moresby) erhalten hatte. Es besteht aus einem Stück Bambu mit einem zungenartigen Einschnitt und dient zum Taktschlagen bei Begleitung der Gesänge. An Waffen sah ich dieselben als vorher (S. 293) beschriebenen, aber auch schwerere Wurfspeere mit kunstvoll geschnitzter, reich verzierter Spitze (T. XI. 1) und sehr eigentümliche, mit Halswirbeln vom Kasuar verzierte. Die guten Leute fürchteten sich anfangs sehr, was man ihnen gewiß nicht verdenken konnte, denn offenbar hatten sie vorher keinen Weißen gesehen. Zu meiner Verwunderung kannten sie nämlich kein Eisen, und erst als ich praktisch den Nutzen eines Beiles zeigte, schien es bei ihnen aufzudämmern und jeder verlangte nun »maiang«! Um andere Dinge wie Glasperlen, Spiegel, Streichhölzer gaben sie nichts, jedenfalls weil sie den Zweck noch nicht recht begriffen, eine Erfahrung, die ich häufig gemacht habe. Das Erstaunen des sogenannten Wilden beim ersten Anblick von Weißen ist überhaupt in der Regel viel minder lebhaft, als gewöhnlich angenommen wird, sein Interesse, obwohl in erster Linie praktisch, unberechenbar und individuell sehr verschieden. Dem einen gefällt dies, dem anderen jenes, gerade wie dies bei uns und allenthalben der Fall ist.
Von Kap de la Torre verläuft die Hansemannküste ca. 30 Meilen in westlicher Richtung und wendet sich dann W.-N.-W. bis zu Kap Dallmann, welches die weite Krauel-Bucht, oder besser Bai nach Westen begrenzt. Das bergige Kap erschien von weitem wie eine Insel, bei der wir gute Ankerung zu finden hofften, hierin aber getäuscht wurden. Ein heftig aufspringender Ost nötigte überdies zurückzugehen und an der Küste einen passenden Platz zu suchen, den wir auch vor der Mündung eines Flusses, des Caprivi, kurz vor Sonnenuntergang fanden. An seinem linken Ufer waren zwei kleine Siedelungen, deren Bewohner die ganze Nacht Feuer unterhielten, und schon vor Anbruch des Tages (11. Mai) in ihren Kanus herbeieilten. Ganz ungeniert und ohne Zeichen von Furcht kamen sie sogleichan Bord, obwohl auch sie offenbar noch keine Weißen gesehen hatten und Eisen anfänglich verächtlich zurückwiesen. Man sieht, wie verschieden das Betragen Eingeborener beim ersten Zusammentreffen mit Fremdlingen sein kann, zuweilen furchtsam und zurückhaltend, zuweilen furchtlos und offen bis dreist und unverschämt. Das letztere ließ sich nun von diesen Eingeborenen nicht sagen, denn nirgends hatte ich vorher so liebenswürdige und manierliche »Wilde« kennen gelernt als hier. Da gab es kein wüstes Schreien, wie dies sonst meist der Fall ist, sondern die Leute verhielten sich ruhig, ja sprachen mit leiser Stimme, und zwar nicht etwa infolge von Angst. Auch hielten sie uns nicht für Götter, wie sich Weiße dies meist einbilden, kümmerten sich um die Blässe unserer Haut nicht im mindesten, gaben aber ihrem Erstaunen durch ein eigentümliches Schnalzen mit der Zunge Ausdruck, wobei sie die Backen aufbliesen. Da den Leutchen natürlicherweise alles und jedes an Bord neu war, so wollte das Schnalzen gar kein Ende nehmen. Meine bisherigen Erfahrungen, daß dem Kanaker »schenken« unbekannt ist, wurde übrigens hier zum erstenmale glänzend widerlegt, denn zu meinem Erstaunen kamen die Capriviten nicht mit leeren Händen. Sie brachten einen Korb mit etwas Yams, Kokosnüsse (die auch hier Niu heißen), gekochten Sago in Blätter gehüllt, spanischen Pfeffer, gekochtes und geräuchertes Schweinefleisch, in Stücke geschnitten und in eigentümlicher Weise zwischen Stöckchen gepreßt, sowie frische Holothurien (S. 275) und boten dieses alles als wirkliche Geschenke an, d. h. ohne Gegengabe dafür zu verlangen. Eine solche Freigebigkeit mußte natürlich belohnt werden, aber ich fürchte, daß die ersten Wohlthaten der Civilisation den Samen der Zwietracht in die Herzen dieser noch unberührten Naturkinder säten, denn da nicht alle gleichmäßig bedacht werden konnten, so werden Neid und Mißgunst wohl nicht ausgeblieben sein. Bei einem so kurzen Aufenthalte als dem unseren merkte man davon freilich nichts, sondern es herrschte eine Harmonie, wie sie schöner nicht gedacht werden kann. Aber ich weiß aus Erfahrung, daß eine solche Idylle gewöhnlich nicht von langer Dauer ist, selbst wennin formeller Weise Friedenszeichen ausgetauscht wurden. Das der hiesigen Eingeborenen bestand in einem ca. 45 cm langen, schmalen Streif Kokosblatt, in welches ein alter Mann acht Knoten knüpfte und mir denselben überreichte. Ob dabei die Zahl acht irgend eine symbolische Bedeutung hatte, vermochte ich natürlich nicht zu erörtern, denn für solche Fragen läßt die Zeichensprache im Stiche. Die Biedermänner vom Caprivi waren übrigens im allgemeinen schwächlich aussehende Leute, aber echte Papuas, meist so dunkel gefärbt als Neu-Britannier (zwischen Nr. 28 und 29 der Broca'schen Farbentafel), zuweilen heller, ja ich hatte wieder einmal die Freude, einen Albino kennen zu lernen. Mit Ausnahme der von der Sonne stark geröteten Stellen (Brust und Schultern) war seine Färbung so hell, als bei einem Europäer (Nr. 23 bis 25 von Broca), sein Haar blond; aber die lichtscheuen Augen konnten die Sonne nicht vertragen, wie dies meist bei Albinos der Fall ist.
Häuptling vom Caprivifluß.
Häuptling vom Caprivifluß.
Im Ausputz unterschieden sich die hiesigen Eingeborenen wenig von den vorher gesehenen (S. 293). Haarkörbchen waren aber seltener und schienen mehr eine Auszeichnung der Häuptlinge zu sein, während die Mehrzahl das Kopfhaar geschoren oder in der gewöhnlichen verfilzten und verzottelten Weise der Papua wachsen ließ. Die Abbildung zeigt einen solchen Häuptling, dessen Haarkörbchen in origineller Weise mit Streifen des weiß und rostgelb gefleckten Felles eines Beuteltieres (Phalangista orientalis) verziert ist, wie solche auch mit Vorliebe als Anhängsel der Armbänder benutzt werden. Der Zwickelbart des Mannes ist mit zwei der Länge nach gespaltenenund dünn geschliffenen Eberhauern geschmückt, die an dieser ganzen Küste sehr beliebt sind. Ein Sack und kleinerer Brustbeutel (mit Placunamuscheln als Zierat) vollenden die Ausstaffierung. Unter sonstigen Kostbarkeiten der hiesigen Eingeborenen bemerkte ich schön gravierte Armbänder aus Schildpatt (Taf. XIX. 3) und Imitationen gebogener Eberhauer aus Tridacna geschliffen (T. XXI. 3).
Von dieser größten aller jetzt lebenden Meeresmuscheln liefert bekanntlich der breite Schloßteil ein weit über die Südsee verbreitetes und allgemein hochgeschätztes Material, nicht nur für Schmuckgegenstände (Brust- und Armringe, Nasenkeile), sondern namentlich auch für Axtklingen, die häufig solchen von Stein vorgezogen werden. Da der Schloßteil einer 66 cm langen Tridacnamuschel kaum 6 cm breit ist, so kann man sich danach eine Vorstellung von der ungeheuren Größe solcher Exemplare machen, aus denen sich ein Ring von 13 cm Diameter herstellen ließ, wie ich sie hier sah. Da ein solcher Ring, bei ca. 1 cm Dicke, 10 cm im Lichten vollkommen kreisrund gearbeitet ist, so verdient, unter Berücksichtigung der bedeutenden Härte des Materials, der Fleiß und die Geschicklichkeit dieser Künstler der Steinzeit volle Bewunderung. Auf der Insel Ponapé in den Karolinen erhielt ich früher sauber gearbeitete Axtklingen aus Tridacna von 50 cm Länge, 11 cm Breite und neun Pfund Schwere. Sie stammten noch aus der guten alten Zeit und gehören wohl mit zu den kolossalsten Stücken, welche aus diesem Material hergestellt wurden.
Die langen, sehr schmalen Kanus der Capriviten zeigten, neben gewissen Eigentümlichkeiten in der Bauart, auch hübsche Verzierungen in Schnitzarbeiten (ähnlich T. VII. 4). Einzelne Kanus führten Mast und Segel; die größten trugen zwölf Mann.
Mit dem Caprivifluß endet das Flachland, und Berge säumen nun die Küste, ein Charakter, den sie bis Humboldt-Bai beibehält. Wir dampften längs den niedrigen Hügeln, welche an der Westseite von Krauel-Bai ziemlich steil bis zum Meere abfallen und deren dichte Bewaldung stellenweis durch grüne Flächen unterbrochen wird, welche der Landschaft ein liebliches Aussehen verleihen. Hie und da warenauch an steilen Abhängen Plantagen sichtbar, sowie einzelne Häuser. Aber Siedelungen, und zwar sehr kleine, die sich schon von weitem durch gelbe Bäume kenntlich machten, trafen wir erst in den Buchten vor Kap Dallmann. Es sind deren drei: Ritter-, Buchner- und Nachtigal-Bucht, die dicht hintereinander folgen und von denen namentlich die letztere einer genaueren Untersuchung wert scheint. Mit Kap Dallmann, einem ca. 400 Fuß hohen, steil abfallenden, dicht bewaldeten Hügel, bekamen wir d'Urville-Insel in Sicht und sahen eine weite Bai vor uns. Wie sich später zeigte, zerfällt sie in drei Buchten: Dove, Jannasch und Gauß, und wird im Westen durch Bessels-Huk begrenzt. Dieser ganze Küstenstrich, dicht mit Laubwald bedeckte Hügel und Vorland, hie und da mit sanft ansteigenden Grasflächen, scheint sehr versprechend, aber wenig bewohnt, wie sich schon aus dem Mangel von Kokospalmen schließen läßt. In der That bemerkten wir nur bei Kap Dallmann ein Dorf von ca. zehn Häusern und bei Sahl-Huk etliche Kokospalmen und Eingeborene. Doch werden jedenfalls mehr Ansiedelungen vorhanden sein, die ja häufig unter Bäumen versteckt unbemerkt bleiben. Die landschaftlichen Schönheiten dieser Küste erhalten durch ein weiter inland liegendes Gebirge, das Prinz Alexandergebirge[75], erhöhten Reiz, dessen malerische Kuppen sich über 3000 Fuß erheben mögen. D'Urville-Insel, ein langgestreckter, dichtbewaldeter Bergrücken, mit einem grünen Vorland, das sich als Gressien-Insel erwies, trat immer näher heran, und als wir die kleine Meta-Insel, etwas nördlich von Bessels-Huk passierten, öffnete sich der Blick auf eine breite Meeresstraße, die Dallmannstraße, mit zwei Inseln an ihrem westlichen Eingange. Gegenüber Gressien bemerkten wir eine hübsche Bucht, die im Osten durch das von Meta-Insel sich ausdehnende Riff einen schönen Hafen bildet, den Dallmannhafen. Wir ankerten hier sehr zur Freude von Eingeborenen, die uns in drei Kanus schon seit einer Stunde unverdrossen folgten. Auch am Ufer wurde es lebendig: Knabenwinkten mit grünen Zweigen, und eine Menge Eingeborener harrte sehnlichst auf unsere Ankunft. Bald wurde ihr Wunsch erfüllt, und sie sahen, wohl zum erstenmal, europäische Bleichgesichter unter sich. Denn auch diese Eingeborenen kannten kein Eisen, und der Gebrauch von Beilen und Messern mußte ihnen erst gezeigt werden. Ja, wie sollten solche unverfälschte Naturkinder der Steinzeit auch wissen, was ein Beil ist? Uns würde es in Bezug auf die Benutzung gewisser Geräte der Eingeborenen ebenso gehen, und unsere Museen besitzen gar manche Belegstücke dafür, deren Bezeichnung »Zweck unbekannt« häufig für immer unerklärbar bleibt. Das ungenierte Wesen, mit dem wir von diesen Eingeborenen ohne Scheu und Mißtrauen empfangen und behandelt wurden, war erstaunlich, und wer möglichst unverdorbene Menschen studieren will, dem ist Dallmannhafen zu empfehlen. Freilich würde der gute Rousseau manche seiner Vorstellungen über die Glückseligkeit des Naturmenschen zu verbessern gehabt haben, da sich eine solche überhaupt nirgends findet. Aber soweit sie überhaupt möglich ist, erfreuten sich diese guten Eingeborenen derselben, ein Völkchen, das, weiß Gott seit welchen Zeiten, ohne Civilisation ein sorgenfreies, behagliches Dasein führt. Für mich war es wiederum eine Freude, dieses fröhliche Leben und Treiben zu beobachten, denn es wird ja mit jedem Tage schwieriger, auf diesem Erdenrunde noch ein Fleckchen zu finden, wo man solche Beobachtungen machen kann. Wenn diese Eingeborenen als Typen möglichst unverdorbener Naturmenschen gelten dürfen, so ist Freigebigkeit eine angeborene Tugend des Menschengeschlechts und Bettelei erst später entstanden. Denn diese Leute schenkten mir freiwillig einige ihnen gewiß wertvolle Dinge, so einen schönen Knochendolch, einen Brustbeutel u. a., ohne gleich die Hand nach einer Gegengabe auszustrecken, wie dies sonst unabänderlich Kanakerbrauch ist. Meine bisherigen Erfahrungen hatten mich gelehrt, mit der Annahme von Geschenken Eingeborener vorsichtig zu sein, denn was sie heute schenken, erwarten sie morgen vielfältig zurückerstattet. Hier schien alles ohne die sonst übliche Berechnung, mit der man die Wurst nach der Speckseite wirft, und es herrschte vom ersten Begegnenan ein Ton, als wären wir lang erwartete liebe Freunde und schon seit Jahren in traulichem Verkehr.
Kopfbedeckung in Dallmannhafen.
Kopfbedeckung in Dallmannhafen.
In ihrem Äußeren stimmten diese Eingeborenen ganz mit denen vom Caprivi überein, ebenso hinsichtlich ihres Ausputzes. Cuscusfell (von einer Phalangista-Art) war häufig als Schmuck, für Glatzköpfe zuweilen auch als Kopfbedeckung verwendet. Außer den bekannten Haarkörbchen, die übrigens nur einzeln vorkamen, gab es noch eine andere besonders auffallende Kopfbedeckung, durch welche sich ein Mann auszeichnete. Er trug, wie die Abbildung zeigt, eine ca. 40 cm lange Röhre aus Pandanusblatt und ich freute mich, die Urform des Cylinders bei den Papuas entdeckt zu haben. In der That fehlt nur Deckel und Krämpe und die Angströhre ist fertig. Die Befestigung derselben geschieht mittelst Nadeln aus Vogelknochen, die in dem dichten Haarpelz sehr gut haften. Besondere Sorgfalt war auch auf Bartschmuck in Form von allerlei Breloques (wieS. 299) verwendet, und einzelne hätten sich damit bei uns für Geld sehen lassen können. So mein Freund Wulim, ein biederer Oberhäuptling, dessen sorgfältig mit kleinen Muscheln umwickelter, an der Spitze in Rohr eingeflochtener Zwickelbart eine Röhre von 35 cm Länge bildete. Der gute Alte schien meine Gedanken erraten zu haben, denn er erlaubte mir, die nicht wiederzuersetzende Körperzier abzuschneiden. So konnte ich, auch ohne Oberons Zauberhorn, einen Bart mit nach Hause nehmen, wie ihn der Kalif von Bagdad schwerlich besessen haben dürfte, und gleich mit Zähnen daran, freilich nicht die des Trägers, sondern Eberhauer, die auch hier als Schmuck sehr beliebt sind.
Unter Führung der Eingeborenen marschierten wir über schönes, fruchtbares Grasland nach ihren Niederlassungen, die an der Westseite von Gauß-Bucht liegen, da Dallmannhafen, mit Ausnahme von ein paar Häusern, unbewohnt ist. Unweit dieser Siedelungen in Gauß-Bucht mündet ein hübscher, leider unzugänglicher Fluß, der Herbert. Treffliche Kultivationen, in denen hauptsächlich Bananen und Tabak (Sagum) gezogen wurden, lehnten sich unmittelbar an das für papuanische Verhältnisse ebenso große als schöne Dorf Rabun oder Labuhn. Es zählte, von Bäumen und Kokospalmen beschattet, an 20 Häuser, solide und stattliche Bauten, denen nur Fenster fehlten, um gar manche viel armseligere Hütte daheim zu übertreffen. Einzelne dieser Pfahlhäuser (Rum) waren 40 bis 50 Fuß lang, 24 Fuß breit und bis unter die Giebelspitze an 20 Fuß hoch. Das Dach bestand aus Ried oder Gras, die Seitenwände aus sehr sauber befestigten, zuweilen rot und schwarz bemalten Blattscheiden der Nipa- oder Sagopalme, die Diele aus gespaltenen Latten von Betelpalmen. Charakteristisch für den hiesigen Baustil ist das Fehlen eines Vorplatzes oder einer Plattform, da die Treppe gleich unter der in eigentümlicher Weise verschiebbaren Thür liegt (vergl. AbbildungS. 308). Die im Inneren der Häuser herrschende Dunkelheit erlaubte erst allmählich Orientierung, ließ aber die gewöhnliche Einfachheit der Einrichtung erkennen: in der Mitte die Feuerstelle, aus einem mit Sand gefüllten Rahmen bestehend, an den Seiten Lagerstätten aus gespaltenem Bambu mit Kokosmatten belegt und Töpfe. Letztere stimmten in der Form (T. IV. 3, 4) mit denen von Bilibili überein und wie ich sie auch am Caprivi sah; es gab aber auch Töpfe von kolossaler Größe, die als Behälter für Sago dienten. Keramik schien auch hier eine Quelle des Wohlstandes und Reichtums, denn es gab Töpfe im Überfluß; so waren unter anderem auch besondere an Stricken befestigte Horden mit solchen versehen. Große Häuser enthielten zwei Abteilungen und werden, wie schon die doppelte Feuerstelle andeutete, wohl von mehr als einer Familie bewohnt. In einem Hause bemerkte ich eine roh geschnitzte Holzfigur, einen sogenannten Götzen, ähnlich den Telums von Astrolabe (T. XV. 1), aber ohne die für jenes Gebietcharakteristische langausgestreckte Zunge. Wenn auch Holzschnitzereien an den Häusern fehlten, so fanden sich doch andere Arbeiten, welche von der Geschicklichkeit der hiesigen Eingeborenen in diesem Genre zeugten. So die kolossalen trogförmigen Signaltrommeln, die, (wie auf der Abbildung), gewöhnlich vor den Häusern standen, also wohl nicht tabu sein mochten, sowie die Spitzen derKanus. Einzelne waren in sehr naturgetreuen Figuren, Krokodil und Menschengesichter darstellend (wie T. VII. 4) ausgeschnitzt, und diese Verzierungen häufig sorgfältig eingepackt, um sie vor Bestoßen zu schützen. Auch sonst stimmten die Kanus in der Bauart mit denen am Caprivi überein. Als Mastschmuck dienten Bastbüschel und artig aus Pflanzenfaser geflochtene Ketten; als Segel war, wie auch anderwärts, der zeugartige Bast von der Basis der Blattscheide des Kokosblattes verwendet. Waffen irgend welcher Art kamen mir nicht zu Gesicht, werden aber ohne Zweifel nicht fehlen. Von Musikinstrumenten sah ich Holztrommeln in der gewöhnlichen sanduhrartigen Form (ähnlich T. XIII. 2), mit Eidechsenhaut (von Monitor) überzogen.
Haus in Gaußbucht.
Haus in Gaußbucht.
Bei unserer Ankunft flüchteten die Weiber und Kinder eiligst in die Häuser, deren Thüren zugeschoben, aber gar bald wieder etwas geöffnet wurden, denn die so berechtigte Neugier, welche dem ganzen Menschengeschlecht eigen ist, überwand auch hier die Furcht, und nach und nach kamen, aufgemuntert durch die Männer, die Schönen zum Vorschein. In der That gab es sehr hübsche Gestalten von tadellosen Formen unter diesen braunen Mädchen, die in ihren bunten Faserschürzchen (T. XVI. 9) gar niedlich aussahen. Sie trugen das Haar meist kurz geschoren, in Form runder Pelzkäppchen, Frauen durch schwarze Farbe verschmierte Zotteln, ähnlich wie in Astrolabe-Bai (S. 40). Kleinen Kindern von drei bis fünf Jahren war der Kopf meist rasiert, bis auf eine Skalplocke zur Befestigung von Schmuck aus Muschelringen und dergleichen.
Außer den vorherbeschriebenen Häusern entdeckte ich übrigens noch zwei besondere, von ganz eigentümlicher Form, wie sie mir in Neu-Guinea sonst nirgends vorkamen. Sie waren lang und schmal mit schüsselförmigem Dach, standen auf niedrigen Pfählen (vergl. Abbild.S. 310), und hatten an jeder Seite eine Thür mit spitzwinkeligem Vorplatz, den vom Dachrande herabhängende, lange Blattfasern wie mit einer Portière verhüllten. Aus Rücksicht für die Eingeborenen, die sich sehr ängstlich zeigten, und deren Geduld ich ohnehin schon genug auf die Probe gestellt hatte, ließ ich das Innereunbetreten. Der Zweck dieser Gebäude blieb daher unaufgeklärt, aber ich werde wohl nicht irren, wenn ich sie für jene Versammlungs-, Junggesellen- oder Tabuhäuser halte, wie sie sich in verschiedenen Formen allenthalben in Melanesien finden.
Tabuhaus in Rabun, Gaußbucht.
Tabuhaus in Rabun, Gaußbucht.
Die Höflichkeit der hiesigen »Wilden« übertraf übrigens alle bisher erfahrene und jedenfalls die meinige in der Erwiderung. Man würde es bei uns und mit Recht als Zeichen geringer Achtung und Bildung auslegen, wenn ein Gast den angewiesenen Ehrenplatz (hier ein mit weißem Sand bestreuter Platz vor dem Hause) und die angebotenen Erfrischungen (hier Betel, »Bu« und Naturzigaretten) zurückweist, wie ich es that. Aber es gab soviel zu sehen und aufzuzeichnen, daß ich im Interesse der Wissenschaft selbst gegen die bei Papuas herrschende Etikette verstoßen mußte. Die guten Leute mochten von dem ersten Weißen, der ruhelos umherlief, überall unverständliche Zeichen aufkritzelnd, wohl einen sonderbaren Begriff bekommen und ich würde es ihnen nicht übel nehmen, wenn sie mich für übergeschnappt gehalten hätten. Siezeigten sich aber über mein Gebaren nicht unwillig, ja ihre Höflichkeit steigerte sich bis zur Gastfreundschaft, eine bisher von mir bei Kanakern niemals beobachtete Tugend. Die Pantomime des Kauens ließ im Verein mit behaglichem Klopfen und Streicheln der Magengegend keinen Zweifel, daß ein Festschmaus geplant wurde. Am Ende sollten wir als Schlachtopfer dafür dienen, wird vielleicht mancher denken, der da meint, Kannibalen machten allemal ähnliche Zeichen, ehe sie ihre Beute abmurksen! Ach, nein! das thun sie niemals; die braven Rabuniten waren überdies keine Kannibalen, und wenn sie auch solche gewesen wären, so würde uns dies wenig geniert und das Gefühl der Sicherheit nicht im mindesten alteriert haben. Zum großen Leidwesen der Bewohner schieden wir von dem freundlichen Rabun, und wenn wir auch für diesmal der zugedachten gastronomischen Prüfung entgingen, so ereilte uns doch das Schicksal im nächsten Dorfe. Hier wurden wir förmlich überrumpelt und mußten wohl oder übel an dem bereits servierten Festmahle teilnehmen. Ich gebe hier das Menu. Erster Gang: rötliche Sagoklöße (zähkleistrig, unkaubar, daher nach Angabe der Eingeborenen nur ganz zu verschlingen, was uns nicht gelang); zweiter Gang: kleine sprottenartige Fische mit den Eingeweiden geröstet (nicht übel); dritter Gang: gekochte Tiere einer kleinen Muschel (Neritina), mit den Zinken der Haarkämme aus der Schale gezogen (indifferent), dazu als Konfekt eßbare Erde, als Getränk Wasser und frische Kokosnußmilch. Das war freilich keine Bremer Schaffermahlzeit, aber das Hauptstück der Tafel, ein in der Erde zwischen heißen Steinen gedünstetes Schwein (Bohr), sollte ja erst zubereitet werden. Aber wir hatten keine Zeit darauf zu warten, obwohl uns damit ein Genuß entging. Denn ich darf versichern, daß in dieser Manier gar gemachtes Fleisch nicht zu verachten ist und getrost auf unserer Tafel erscheinen dürfte, wenn nicht das für uns unentbehrliche Salz fehlte. Mit Kokosnüssen beladene Eingeborene geleiteten uns, diesmals längs dem Strande, der meist aus Korallen besteht, wovon wir auch ausgedehnte Riffe in Gaußbucht beobachteten, die sich deshalb als Ankerplatz kaum eignen dürfte. Als wir bei unserem Boot anlangten, packten es unsereFreunde fast voll mit Kokosnüssen, was uns auch noch niemals passiert war. Erst jetzt verteilte ich die Gegengeschenke, und erwähne dies deshalb, weil dadurch erst die lobenswerte Uneigennützigkeit der Eingeborenen im rechten Lichte erscheint. Daß uns die guten Leute auch an Bord folgten, ist wohl selbstverständlich. Sie waren inzwischen klüger geworden und brachten allerlei zum Tausch, darunter neue und interessante Gegenstände. So groteske, buntbemalte, aus Holz geschnitzte Masken, mit meist kolossalen, oft vogelschnabelartigen Nasen, häufig mit Bart aus wirklichem Menschenhaar besetzt, wovon Taf. XIV (1, 2) gute Stücke repräsentiert, und kleine Holzgötzen (T. XV. 4, 5, 6). Sie stellen männliche wie weibliche Nachbildungen von Eingeborenen dar, öfters mit Haarkörbchen, zuweilen sogar mit Gesichtsmasken ausgeschnitten und sind jedenfalls keine Idole, wie jeder Missionär deuten würde, sondern mehr als Talismane zu betrachten. Die Leute gaben sie ohne Zögern her und hatten solche sogenannte Götzen nicht selten, wie Miniaturmasken (vergl. T. XIV. 3) als Zierat an ihren Brustbeuteln befestigt. Neu waren auch eigentümliche Kopfruhebänkchen, sogenannte Kopfkissen, aus Holz mit Schnitzerei und Beinen aus Bambu.
Um mich für die freundliche Aufnahme an Land zu revanchieren, versuchte ich die Eingeborenen mit allerlei Erzeugnissen der Civilisation bekannt zu machen. Außer Zigarrenstummeln ließen Genußmittel ziemlich teilnahmslos. Wie gewöhnlich wurde aus Höflichkeit von dem und jenem gekostet, ohne jedoch an den Speisen Geschmack zu finden, ganz so wie es uns im entgegengesetzten Falle geht; aber die Leute gaben zu verstehen, daß Zucker mit Zuckerrohr identisch sein müsse. Mehr Interesse erregten Nützlichkeitsgegenstände, und ich hatte auch hier wieder Gelegenheit, die individuell verschiedene Auffassung zu beobachten. Das Ticken einer Taschenuhr ruft meist freudiges Erstaunen, wie bei Kindern, aber auch nicht selten Schreck hervor, ganz so wie dies mit der Musik einer Spieluhr der Fall ist. Aber die fröhlichen Weisen, welche ich auf einer Mundharmonika vorspielte, fanden überall Beifall und erregten die Bewunderung der Eingeborenen. Streichhölzer versetzen immer in Erstaunen, dagegenMay'sche Streichwachslichte (Vestas) meist in Furcht, weil sie beim Entzünden knallen. Spiegel, und zwar jene runden Taschenspiegel in Blech- oder Zinnfassung, wie sie hauptsächlich üblich im Tausch, werden sehr verschieden beurteilt. Manchmal machen sie viel Spaß, häufig aber werden sie nur für eine glänzende Zierat, Brust- oder Stirnschmuck, gehalten. Denn der Naturmensch muß ja erst lernen sein Abbild im Spiegel zu erkennen, den er gewöhnlich so nahe oder so entfernt hält, daß dies nicht möglich ist. Dasselbe gilt bezüglich des Sehens durch einen Feldstecher, dessen Gebrauch noch mehr Unterricht erfordert. Einen viel größeren Eindruck machen Brenngläser; aber auch bei diesen weiß der Eingeborene den Brennpunkt nicht leicht zu finden und sie machen nur Mühe, denn jeder will das Brennen auf seiner Hand fühlen. Zur Belohnung gab ich den Rabuniten noch eine Extravorstellung meiner Spielsachen zum besten, wie ich zuweilen bei besserer Bekanntschaft mit Eingeborenen zu thun pflegte. Kinderspielzeug, Tiere aus Guttapercha, deren Quitschtöne zuweilen Krieger erschreckt über die Reiling jagten, fanden hier wenig Anklang, ebenso erging es dem Kaleidoskop. Dagegen machte ein Kreisel mit Musik viel Spaß, der sich, wie überall, unendlich steigerte, als ich eine schöne, gut angekleidete Mädchenpuppe mit Haar zeigte. Und nun gar erst die Freude über das Gegenstück dieser Europäerin, eine niedliche kleine Negresse, mit Wollkopf, rotem Röckchen und Perlhalsband! Eine Diva bei uns kann nicht mehr applaudiert werden, als diese Puppe hier; jeder wollte sie besitzen und würde alles dafür gegeben haben. Nicht wahr? Die Wünsche dieser »Wilden« sind oft unberechenbar. Wie bei allen Vorstellungen hatte ich das Glanzstück zum Schluß vorbehalten, und zwar die Elektrisiermaschine. Sie bildete wie überall, wo ich Eingeborene mit ihr bekannt machte, auch hier den Knalleffekt und ihre Wirkung äußerte sich in derselben Weise. Die Leute wollten schier vor Lachen zerbersten, wenn der erste Kühne, welcher die Metallkolben in den Händen hielt, sprachlos vor Überraschung anfing, allerhand Grimassen zu schneiden und Sprünge zu machen. Aber kaum hatte ich den ersten erlöst, so nahm ein zweiter seine Stelle ein, unerwartet, aberdoch erklärlich. Denn auch diese Naturkinder machten es ganz so wie es in ähnlichen Fällen bei uns zu geschehen pflegt. Nämlich, jeder sagte dem anderen, daß die Sache sehr schön sei, und so fielen am Ende alle der allgemeinen Heiterkeit zum Opfer.
Die Freude der Eingeborenen verwandelte sich übrigens in Leid, als am anderen Morgen (12. Mai) Vorbereitungen zur Weiterreise getroffen wurden. Die guten Leute schienen uns bereits als die Ihrigen zu betrachten und erwarteten alles Ernstes, daß wir uns dauernd bei ihnen niederlassen würden. Ja, ich hätte hier ein Glück machen können, wie es mir nie in meinem Leben angeboten war, noch je wieder angeboten werden wird! Ich sollte Kokospalmen und Schweine, Haus, Hof und Land und, als ich alles dies zurückwies, sogar ein Mädchen erhalten. Da die Ablehnung desselben die Leute vermutlich glauben ließ, daß mir eine Frau zu wenig sei, wurde gleich eine zweite bewilligt, denn man versuchte alles, um mich festzuhalten. Ja, ich brauchte nur zuzugreifen, um Schwiegersohn der angesehensten Häuptlinge und selbst »Negerfürst« zu werden. Aber die Wichtigkeit der weiteren Küstenforschung ließ mich auf alle diese herrlichen Aussichten verzichten, ein Verzicht, den die Eingeborenen gewiß nicht als Klugheit deuteten.
Es kostete übrigens Mühe, die Honoratioren von Rabun von Bord zu bringen, denn einige wollten partout mit, immer noch in der Hoffnung, daß wir uns anders besinnen würden. Wir dampften langsam durch Dallmannstraße, an Gressien-Insel, Muschu der Eingeborenen, vorbei, hinter der sich Kairu (d'Urville-Insel) erhebt, mit einem ansehnlichen Bergrücken, ohne besonders markierte Kuppen. Kairu ist an acht Meilen lang und sehr fruchtbar. Muschu mit sanften, grünen Grasflächen scheint für Viehzucht wie geschaffen. Es besitzt an der Westseite drei kleine Dörfer, deren Bewohner sich sehr im Gegensatz zu den Rabuniten scheu versteckten. Aber hinter »Pomone-Point« (von d'Urville), einer sanften, mit Kasuarinen bestandenen Huk der Festlandsküste, die hier aus Vorland mit ca. drei kleinen Siedelungen besteht, kamen Eingeborene in Kanus ab, um uns einzuholen. Mit der Ausdauer der Rabunleute würden sie uns erreicht haben, dennbald darauf nötigten Regen und dickes Wetter zu ankern. Dies geschah in Dallmannstraße unweit der kleinen Guap-Insel, die ca. eine Meile östlich vor dem etwas größeren Pâris (von d'Urville), Aursau oder Aarschau der Eingeborenen, liegt. Guap ist kaum zwei Meilen lang, niedrig, dicht bewaldet, besitzt sehr viel Kokospalmen und muß sehr stark bevölkert sein, denn ich zählte nicht weniger als 37 Kanus am Sandstrande der Südseite, der wir gegenüber lagen. Derartige Inseln, nahe der Küste, bilden häufig Bevölkerungscentren, weil sie ihren Bewohnern größere Sicherheit gegen Überfälle bieten und somit eine ruhigere und gedeihlichere Entwickelung ermöglichen. Nicht selten benutzen so günstig situierte Insulaner aber auch ihre Überlegenheit, um an der Küste Raubzüge auszuführen. Allem Anscheine nach waren die Guapiten, welche uns bald in ihren Kanus umringten, gut situierte Leute. Daß sie keinen Mangel litten, ging schon aus der Unmasse Yams hervor, den sie körbeweis zum Ankauf anboten. Da Guap für einen solchen Reichtum viel zu klein ist, so gehören die schönen Plantagen, die wir an der Südseite von Kairu (d'Urville-Insel) erblickten, vermutlich diesen Insulanern. Sie verlangten aber nichts als »Pore«, Eisen, das sie übrigens nur in Form von Bandeisen zu kennen schienen, denn sie machten sich nichts aus Äxten. Da konnte geholfen werden, denn Meister Nielsen, der Maschinist, schlug alte Kistenreifen in Stücke, die weggingen wie warme Semmeln. Da derartiges Bandeisen sehr dünn ist, so müssen die Stücke so kurz sein, daß man sie nicht mit den Fingern biegen kann. Denn jedes Stück wird von den Eingeborenen sorgfältig geprüft und wenn biegbar, zurückgegeben. Ich bemerkte übrigens einen Steinaxtstiel, der mit einem Stück Eisen montiert war. Es schien ein altmodischer Meißel, vielleicht noch aus der Zeit der ersten Seefahrer, aber sein Besitzer gab das Stück für kein Beil her, weil er ein solches eben nicht kannte. Gar gern hätte ich dieses Bastardgerät der Stein- und Eisenzeit erstanden, aber ich durfte mit den unverfälschten Steinäxten schon zufrieden sein. Die Eingeborenen besaßen davon schöne Exemplare in eigentümlicher Holzfassung (wie T. I, 7), mit rechtstehender Steinklinge (wie um Ostkap), aber auch solche mit querstehenderMuschelklinge. Hölzerne Masken und sogenannte Götzen, öfters zu mehreren zusammengebündelt, wurden ebenso häufig als in Dallmannhafen zum Kauf angeboten.
Diese Figuren enden zuweilen in eine lange Spitze (wie T. XV. 7), um mit derselben in die Erde gesteckt zu werden, da sie zum Teil als Talismane für gute Ernten dienen. Auch aus Holz geschnitzte, buntbemalte Tierfiguren, z. B. sehr erkennbare Eidechsen (Monitor), sowie eine neue Form Holzschüsseln, mit Schnitzerei, darunter unter anderem die Darstellung eines fliegenden Hundes, erhielt ich, ebenso breite Schildpattarmbänder mit Gravierung, die weiter westlich nicht mehr vorzukommen scheinen. Ein besonders feines Stück, aus einer 32 cm langen und 15 cm breiten Platte gebogen, ist im Atlas (Taf. XIX. 1) abgebildet. Wie hier östliche ethnologische Formen ihr Ende zu erreichen scheinen, so trafen wir hier zuerst charakteristische westliche. So unter anderm Brustkampfschmuck in Form eines breiten herzförmigen Schildes aus Eberhauern mit roten Abrusbohnen (wie T. XXIII. 2) und eine andere sehr merkwürdige Art aus Eberhauern und Ovulamuscheln. An Federschmuck kamen Paradiesvögel, sowie die schönen roten Federn des Borstenkopfpapageis (Dasyptilus Pequeti) vor. Im übrigen zeigte Ausputz wie Bekleidung der Leute nichts Besonderes. Als letztere diente ein zuweilen buntbemalter Streif Tapa, in der gewöhnlichen Weise um die Hüften geschlagen. Haarkörbchen sah ich nicht mehr, sie mögen aber vorkommen. Man trug das zu einem dichtverfilzten Zopfansatz verlängerte Kopfhaar mit Binden aus Pandanusblatt umwickelt oder die bereits bekannten Angströhren, die hier (wie auf Muschu) ihre eigentliche Heimat zu haben scheinen. An Bartschmuck in der vorher beschriebenen Weise (S. 299), fehlte es auch nicht, wie die nachfolgende Abbildung (S. 317) zeigt.