Mitrafels aus Nordwest.
Mitrafels aus Nordwest.
Ich landete diesmal in der Nähe von Alligator-Point Moresbys, an einer Stelle, wo anscheinend verlassene Hütten die Neugier besonders rege machten; vielleicht konnten wir dennoch Eingeborene hier antreffen! Heftige Dünung erschwerte das Landen und nötigte das Boot wieder vom Ufer abzuhalten, welches wir nur zu zweien, von einem schwarzen Jungen begleitet, durchstreiften. Ängstlich prüftedas scharfe Auge des letzteren den schwarzen Ufersand nach Menschenspuren, aber nirgend zeigte sich ein Fußtritt, und nur Eidechsen und Krabben hatten ihre bekannten Schlängelspuren zurückgelassen. Die etwa neun Hütten ähnelten in der Form ganz den am Herkulesflusse gesehenen und waren nichts als rohe, mit Blättern der Nipapalme bedeckte Stangengerüste, 10 bis 30 Fuß lang und etwa mannshoch. Niedrige Bänke aus gespaltenen Stangen deuteten an, daß diese Hütten als Schlafstätten benutzt worden waren; sonst fand sich nichts bei denselben als ein paar verkohlte Holzstücke und Fetzen alter Kokosnußfaser. Da diese Palme selbst an dieser ganzen Küste nicht vorkommt, so sprachen diese Reste nur zu deutlich von gelegentlichen Besuchen der Inlandsbewohner, wie ich dies schon im Vorhergehenden erwähnte. Aber wo mochten die Menschen, welche Moresby vor 10 Jahren noch so zahlreich hier antraf, hingekommen sein, und von deren Dörfern wir selbst keine Spur mehr entdeckten? Schon das Fehlen von Kokospalmen schien diese Frage zu beantworten, noch mehr der Charakter des uns vorliegenden Landes, das eben nicht sehr versprechend aussah. Das was uns von weitem als Gras erschien, erwies sich als dichtes, auf dem Sande hinkriechendes Windengeranke, der Uferwaldsaum als sehr schmal, und hinter ihm dehnte sich sumpfiges, reichlich mit Nipapalmen und anderen Bäumen bestandenes Land aus, das zu betreten durchaus nutzlos gewesen wäre.
Wiederum hatten wir auf unserer Reise nordwestwärts imposante Gebirgsbilder, mit grellen Tinten in Schwarz, Violettschwarz, Dunkelblau und zartem Grün vor uns, ja eine frühe Morgenstunde zeigte uns einmal in der Gegend von Traitors-Bay, fern, fern in Südwest ein Hochgebirge, das wohl kein anderes als die Owen-Stanleykette sein konnte. Trotz der Entfernung von etlichen 60 Meilen in der Luftlinie scheint bei der bedeutenden Höhe von über 13000 Fuß eine solche Annahme wohl möglich. Ich kannte zwar den Owen-Stanley von der Südostküste her sehr gut, aber wer vermöchte aus so großer Entfernung ein Gebirge wiederzuerkennen?
Adolphshafen mit Ottilienberg.
Adolphshafen mit Ottilienberg.
Wir hatten die Luard-Inseln wieder erreicht und versuchten esnochmals wenigstens einen Ankerplatz zu finden, und wurden diesmal durch die Entdeckung eines hübschen Hafens belohnt, (18. November 1884). Er bildet ein geräumiges, länglich rundes Becken mit gutem Ankergrund von 10 bis 20 Faden Tiefe, das rings von steilen bewaldeten Bergen umschlossen wird. Unter diesen zeichnet sich, wie die Skizze unten zeigt, besonders eine ca. 1000 bis 1200 Fuß hohe, pyramidenförmige Kuppe aus, welche W. S. W. die Einfahrt giebt. Ich benannte sie »Ottilienberg« nach Frau von, den Hafen selbst »Adolphshafen«, nach Herrn von Hansemann in Berlin, der bekanntlich die Samoa-Expedition ins Leben rief. Nach den Ortsbestimmungen Sechstrohs liegt Adolphshafen unter 7° 44′ Süd und 147° 44′ Ost. Wie sich schon die Einfahrt durch schmutzig gefärbtes Süßwasser auszeichnet, so der Hafen selbst, eine Eigentümlichkeit, die zur Reinigung eiserner Schiffe wichtig werden kann. Im übrigen ist die Umgebung des Hafens für Ansiedelung wenig versprechend. Das Vorland des westlichen Ufers erwies sich alssumpfiges, mit Pandanus, Kasuarinen, Ried und Binsen bestandenes Terrain, die zum Teil stagnierende Mündung eines Flusses, dessen Hauptarm nördlich von einer Landzunge herauszukommen schien. Auf der letzteren zeigten sich plötzlich etliche Eingeborene, von denen wir im Hafen selbst keine andere Spur als ein paar verfallene Gerüste gefunden hatten. Es waren sieben, anscheinend total nackte Männer, die gewaltige Schilde und Speere mit sich führten, uns aber durch Winken mit grünen Zweigen ans Land einluden. Das ging nun leider nicht, da um die Spitze der Landzunge eine gewaltige Strömung schoß und der einbrechende Abend uns zur Rückkehr an Bord nötigte, wo wir noch eben vor Eintritt der Dunkelheit eintrafen. Auf diese Weise profitierten leider die Entdecker des neuen Hafens selbst nicht einmal die Nachtruhe in demselben, sondern mußten wie gewöhnlich von der Küste abhalten, um sich recht gründlich durchschütteln und durchrütteln zu lassen, Eigenschaften, welche die kleine Samoa in schadenfroher Weise gerade diese Nacht mehr als je zum Ausdruck brachte.
Mit den Luard-Inseln beginnt jene tiefeinschneidende westliche Einbuchtung der Küste, welche 1793 von d'Entrecasteaux, nach seinem berühmten Landsmann Huon Kermadec, »Huon-Golf« benannt wurde, in welcher aber erst Moresby einige Punkte bestimmte und benannte. Er hielt sich hauptsächlich drei Tage lang in einer von ihm »Death-Adder-Bay«[44]benannten Bucht (7° 29′ S., 147° 25′ O.) auf, um Feuerholz zu schlagen, und schloß damit seine unvergleichlich wichtigen, für Neu-Guinea epochemachenden Küstenaufnahmen. Wir konnten denselben kaum etwas hinzufügen, denn böiges Wetter und trübgrün gefärbtes Wasser ließ es Steuermann Sechstroh rätlich erscheinen, außerhalb jener Reihe von Inselgruppen zu halten, welche sich von den Luard-Inseln bis Solitary-Island, in einem Abstande von drei bis sechs Meilen, über 40 Meilen parallel mit der Küste hinziehen. Sie sind alle klein, hügelig, dichtbewaldet, manche nur mit Buschwerk begrünte Felsen, und scheinen alle unbewohnt. Nur bei Saddel-Island (»Longuerue« von d'Entrecasteaux), der größten dieser Inseln, zwei einhalb Meilen lang und ca. 700 Fuß hoch, versuchten uns vergeblich ein paar Segelkanus einzuholen, und auf Solitary-Island bemerkte ich Kokospalmen, so daß vermutlich hier Menschen wohnen. Soweit wir die Küste zu sehen bekamen, besteht dieselbe aus steilabfallenden, dichtbewaldeten Bergen mit wenig Vorland, hie und da scheinen Buchten[45]einzuschneiden. Wie gern hätte ich dieselben untersucht! Aber Steuermann Sechstroh, auf dem die Verantwortung der Schiffsführung doppelt lastete, wollte von dem Insellabyrinth um so weniger etwas wissen, als sich nicht selten Brandung zeigte. Und unter unseren Verhältnissen war Vorsicht jedenfalls besonders geboten. Mit Solitary-Island hatten wir uns der Küste wieder genähert und bald Rawlins-Point von Moresby vor uns, wo eine schöne Bucht einschneidet, die ich Ki-Bucht benannte. Dieselbe wird nördlich von einer langgestreckten, bergigen, bewaldeten Insel begrenzt, die, wie wir später bemerkten, aber durch einen schmalen, dichtbewaldeten Streifen niedrigen Landes mit der Küste zusammenhängt und somit eine Landzunge bildet. Es ist Parsi-Point, von Moresby nach der eigentümlichen Kopfbedeckung der hiesigen Eingeborenen benannt, welche an die hohen Mützen der Parsis oder Feueranbeter erinnert, und welche die Abbildung veranschaulicht.
Mann von Parsi-Point.
Mann von Parsi-Point.
Schon von weitem hatten wir an den Bergen Kulturflecke, d. h. Stellen urbar gemachten Landes, am Ufer endlich wieder einmalKokospalmen bemerkt, und bald umringten uns die Eingeborenen selbst in zahlreichen, zum Teil mit Segeln versehenen, Kanus (Atlas VIII 6). Es waren nicht sehr dunkle Leute, von weniger negerartigem Typus als z. B. Neu-Britannier oder Salomons-Insulaner, die sich sehr manierlich betrugen, aber schon wegen ihrer geringen Bekleidung (vergl. Atlas XVI 4, 5) keinen guten Eindruck machten. Sie kamen singend und handelten singend, wahrscheinlich um sich Mut zu machen, denn viele zitterten vor Angst. Freilich mochten wohl die wenigsten je einen Weißen gesehen haben, denn keiner verstand nur ein Wort Englisch oder besaß irgend etwas von europäischem Tande. Aber Eisen schienen sie zu kennen, und als ich Hobeleisen zum Vorschein brachte, da erschallte einstimmiges Freudengeschrei, und »Ki, ki« (Eisen) war die Losung. Für die geringste Kleinigkeit verlangte man jetzt nur Eisen. Die braven sogenannten »Wilden« sind in der Regel sehr praktisch und im Handel nicht minder gewandt; auch bei ihnen gilt das Prinzip viel für wenig zu erhalten.
Die Parsen hatten übrigens allerlei hübsche Sächelchen, darunter oben anstehend breite Armbänder von Schildpatt mit zierlich eingravierten, sehr eleganten Mustern, wie ich dieselben schon (S. 90) von Astrolabe-Bai erwähnte, hübsche mit Muscheln besetzte Armbänder, Brustschmucke von Flechtwerk, zum Teil reich mit Hundezähnen verziert, und eigentümliche Schildpattohrringe (Atlas XVII. 5, 6). Von besonderer Kunstfertigkeit zeugten auch die in bunten Mustern filetgestrickten Tragbeutel (vergl. Atlas X. 3), wie Holzschnitzerei bei ihnen auf einer hohen Stufe steht. So z. B. die Verzierungen an den stattlichen, seetüchtigen Kanus, deren Seitenborde zuweilen buntbemalt waren (Atlas VII. 9). Die feingeschnitzten »Kopfkissen«, welche freilich wenig mit den unseren zu thun haben, verdienen ebenfalls besondere Beachtung. Sie bestehen nämlich nur aus einem soliden Stück Holz, das beim Schlafen als Stütze dient (vergl. Atlas III, 1), und sich in ähnlicher Weise bei vielen Völkern, z. B. auch in Afrika und China wiederfindet. Wie die zahlreichen, sehr gut gearbeiteten Fischhaken, die übrigens ganz mit solchen von Astrolabe-Bai übereinstimmen, und Netze zeigten, scheinen diese Eingeborenentüchtige Fischer zu sein. Sie brachten aber auch etwas grünen Blättertabak, Bananen, wenige Kokosnüsse und boten mir als Freundschaftszeichen einen Hund an, den ich aber dankend ablehnte. Ich kannte die nächtlichen Heulkonzerte dieser lieben Tiere eben zur Genüge, um die ohnehin knapp bemessene Nachtruhe nicht noch durch einen solchen Störenfried schmälern zu lassen. Und bei allem Verlangen nach frischem Fleisch konnte mich doch Hundebraten, zu welchem Zweck das Geschenk bestimmt war, nicht reizen. — Merkwürdigerweise führten die Leute keinerlei Waffen mit sich.
Häuptlings-Haar.
Häuptlings-Haar.
Übrigens trugen nur die wenigsten die sonderbaren Parsenmützen aus Tapa (geschlagenem Baumbast), sondern die meisten das Haar unbedeckt, in allen möglichen Stadien der Entwickelung, von ganz kurz geschorenem, bis zu dem gewaltigen Zottellockenkopfe meiner Skizze. Derartiges Haar hatte ich noch nie bei Papuas gesehen! Es hing in 18 Zoll langen, bleistiftdicken, dichtverfilzten Strähnen, wie ungezupftes Roßhaar, bis zur Brustmitte herab, und die wenigen Träger solcher Haarmassen schienen große Leute, Häuptlinge, zu sein, wie ich dies noch öfters in Neu-Guinea bemerkte. Was war erklärlicher als der Wunsch ein paar dieser Locken des hehren Hauptes zu besitzen! Der Eigentümer hatte meine Pantomime richtig begriffen und trennte, noch ehe ich ihm eine Schere reichen konnte, mit eigener Hand einige seiner Staatslocken mit einem Steinbeil ab, das ich sogleich dazu kaufte. Im Museum für Völkerkundezu Berlin sind diese Schätze jetzt zu sehen, für solche, die sich etwa dafür interessieren sollten.
Wie die Ki-Bucht[46]südlich, so begrenzt die Ungimé-Bucht nördlich die Parsi-Landzunge; aber wir konnten von beiden nur Einblicke gewinnen, denn zu einer Untersuchung fehlte uns die Zeit, und es drängte uns vor allen den Nordrand von Huon-Golf zu erreichen. Und daran war Moresby schuld, welcher diese Gegend, allerdings nur mit wenigen Worten, als gut bevölkert, reich an Palmen und Wasserläufen beschreibt. Wir fanden von all dem so gut wie nichts und unsere Erwartungen gar sehr enttäuscht. Der Charakter der Küste bleibt sich im großen und ganzen gleich: Berge und Gebirge, von der Sohle bis zum Gipfel dichtbewaldet, wie das Vorland, welches durch Zurücktreten der Berge zuweilen sich ansehnlich weit ausbreitet. In diesem Vorlande oder der Thalsohle bemerkt man gewöhnlich auch einen oder mehrere Flußläufe; es fehlt also nicht an Wasser. Allein alle diese Flüsse scheinen reißende Gebirgswässer, und ihre Mündung ist meist durch Barren oder andere Hindernisse versperrt. So wurde eine Meile von der Mündung des von Moresby »Markham« benannten Flusses viereinhalb bis fünf Faden Tiefe gefunden, wogegen an anderen Stellen der Dampfer oft so nahe dem Ufer ging, daß man fast Zweige von den Bäumen pflücken konnte, ohne daß Ankergrund zu finden war. Das Rawlinson-Gebirge[47]am Nordrande des Golfes ist übrigens wenig höher als die »Kuper-Kette« längs dem westlichen Ufer und mag zwischen 3000 bis 4000 Fuß ansteigen. Wir sahen die Kammlinie übrigens, selbst beim hellsten Sonnenschein, nur selten frei, dann aber drei hintereinander liegende Gebirgszüge, alle dichtbewaldet, wie dies fast ausnahmslos bei den Gebirgen der Fall ist. Das eintönige, dunkle Grün ermüdet durch seine Einförmigkeit sehr bald, denn vergebens forscht das Augenach grotesken und malerischen Felspartien, steilen Schründen und Schluchten und dergleichen Abwechselung.
Wenn das Vorherrschen von Wäldern übrigens Kultivationen in Huon-Golf zu erschweren scheint, so dürfte möglicherweise diese Fülle an Holz zu verwerten sein und, sofern dasselbe Brauchbares liefert, sich vielleicht die vorhandenen Wasserkräfte zur Anlage von Sägemühlen gut verwenden lassen.
Was die Bevölkerung anbelangt, so ist dieselbe, wie wir gesehen haben, eine sehr geringe und Parsi-Landzunge scheint das Hauptcentrum nicht nur für Huon-Golf, sondern bis Mitrafels, innerhalb eines Küstengebietes von ca. 150 Meilen. Möglicherweise ist aber das Inland bevölkert. Abgesehen von einzelnen Hütten, mehrten sich die Anzeichen des Vorhandenseins von Eingeborenen, erst als wir uns im östlichen Ende des Nordrandes von Huon-Golf, False-Island, näherten. Hie und da zeigten sich kleine Gruppen, meist kränklich aussehender, Kokospalmen, zuweilen Häuser unter denselben, an den steilen Berghängen eingezäunte Plantagen. An einer Stelle kamen auch eine Menge Kanus mit Eingeborenen ab, die im Aussehen und allem was sie besaßen, ganz mit den gestern bei Parsi-Landzunge gesehenen übereinstimmten. Wie diese boten sie vorzugsweis gut gearbeitete Fischhaken (ganz mit denen auf Tafel IX des Atlas übereinstimmend) zum Kauf an, sprachen aber eine ganz andere Sprache, in welcher das Wort »Kas« wie in Port Konstantin Tabak bezeichnete. Ein Mann trug drei Ringe kleiner grüner krystallfarbener Glasperlen in der Nase, das Erste was ich auf dieser ganzen Reise an europäischen Erzeugnissen bemerkte.
Die Ostspitze von Huon-Golf bildet das von d'Entrecasteaux benannte »Kap Cretin«, ein schwierig auszumachender Punkt, indem gerade hier einige kleine, dichtbewaldete Inseln hart an der Küste liegen, von denen wahrscheinlich die südlichste das bewußte Kap ist. Aber die Bestimmungen der älteren Seefahrer sind meist sehr oberflächlich und unzuverlässig.
Mit Kap Cretin erhält die Landschaft übrigens wie mit einem Schlage ein anderes Ansehen. Statt der höheren, dichtbewaldetenGebirge in Huon-Golf begrenzen hier niedrige, nur etliche hundert Fuß hohe Hügelreihen das Ufer, auf denen hellgrüne Hänge und Matten mit größeren und kleineren, dunkelgrünen Wäldern, Hainen und Baumpartien in der mannigfachsten Weise abwechseln. In der That eine gar liebliche und versprechende Gegend, wie wir sie bisher in Neu-Guinea nicht erschauten. Sie macht ganz den Eindruck eines verwilderten Parkes, und es fehlen nur Villen, geebnete Wege und Viehherden, um sich an die Ufer eines heimischen Sees versetzt zu fühlen, denn der Charakter der Vegetation hat gar nichts Tropisches. Nur hie und da sieht man eine kleine Gruppe Kokospalmen am Ufer, aber keine Niederlassungen dabei. Dagegen zeigen die zahlreichen und oft ausgedehnten Pflanzungen in den Bergen, daß die Gegend ziemlich gut bevölkert sein muß, wenn sich auch nur selten ein Haus erkennen läßt. Interessant war es mir, auch hier Baumhäuser, in der Art der Kohoros an der Südostküste, wahrzunehmen. Die Dörfer mögen eben versteckt in den Schluchten und Buchtungen liegen und sind von See aus nicht sichtbar. Dagegen erkennt man deutlich schon die Anfänge jener Terrassenbildung, welche westlich von Festungshuk so prägnant hervortritt, und die ich bereits eingehend beschrieb. Auch das zum Teil steile Felsufer zeigt unverkennbar die korallinische Bildung, welche ich in Huon-Golf nirgends beobachtete, wo überhaupt ganz andere geologische Verhältnisse zu herrschen scheinen.
Finschhafen aus Süd.
Finschhafen aus Süd.
Gleichwie in einem Zaubermärchen eine neckische Fee die verheißene Prinzessin erst nach vielen Prüfungen erringen läßt, so erging es uns an dieser Küste bezüglich eines Hafens oder Ankerplatzes überhaupt. Denn wir alle sehnten uns nach wenigstens einer ruhigen Nacht, die wir nach anstrengender Tagesarbeit wohl bedurften. So an dreizehn Stunden, oft länger, auf Deck zu stehen, unausgesetzt durchs Fernrohr zu sehen, Notizen zu machen, und diese dann noch ins Reine zu schreiben, ist eben kein Kinderspiel. Und das Sprichwort »nach gethaner Arbeit ist gut ruhen« war der kleinen »Samoa« durchaus unbekannt, die ohnehin aufgeregt und nervös, sich von der leisesten Dünung zum wildesten Tanze verleiten ließ. Sie rollteund schlingerte eben ganz fürchterlich, zumal wenn abends Dampf abgeblasen und die Schraube außer Thätigkeit gesetzt worden war. Kein Wunder, daß selbst dem Seemann diese kontinuierliche Nachtschunkelei zuviel wurde, denn die »Samoa« machte es wirklich oft zu arg. Und dann wollten wir doch auch gern den Kriegsschiffen einen guten Hafen anbieten, da Adolphshafen zu weit ablag und uns überhaupt nicht genügend erschien. Wir hatten daher unsere ganze Hoffnung gerade auf diese Küste gesetzt, die allerdings sehr wenig aussichtsvoll schien. Hinter False-Island geht zwar eine Bucht hinein, aber sie ist zu klein und die Untersuchung der weit versprechenderen Inseln von Kap Cretin[48]konnte nicht ausgeführt werden, denn entweder fiel gerade eine Bö ein oder wir vermochten dieselben überhaupt nicht zu erreichen. Und daran war der Nordweststrom schuld, welcher sich gerade an dieser Küste, namentlich bei Festungshuk, in einer Stärke von zwei bis drei Meilen die Stunde so sehr bemerkbar macht.Er versetzte uns in der einen Nacht bis hinter Festungshuk, in der folgenden gar bis in die Nähe der Low-Islands bei Rook, 30 Meilen zu Nord von dem Punkte, an welchem wir bei Anbruch des Tages zu sein hofften. Da hatten wir freilich ein unvergleichlich prächtiges Panorama der Küste mit dem Terrassenlande vor uns, aber es dauerte immer lange, ehe dieselbe wieder erreicht wurde. So gelangten wir erst am vierten Tage an eine bestimmte Stelle, etwas Nord von Kap Cretin, wo sich eine Öffnung, oder wie der Seemann sagt, ein »Loch«, in der Küste zeigte, welche der Untersuchung wert schien. Ich hatte es schon bemerkt und skizziert, als wir diese Küste zum erstenmale passierten, aber nicht gedacht, daß es die Einfahrt zu einem später bekannten Hafen (vergl. Abbild.S. 161) sein würde.
(S. 162.)Moru in Finschhafen.
(S. 162.)
(S. 162.)
Moru in Finschhafen.
Infolge der Enttäuschungen der letzten Tage war mein Zutrauen freilich gering, als ich mit Obersteuermann Sechstroh ins Boot stieg, aber kaum waren wir etwas tiefer in die weite sackartige Bucht gekommen, da tönte es häufiger hin und wieder: »Sieh! nicht übel! — tein Fam! — ganz famos! nich? — twalf Fam! — wer hätte das gedacht? — sestein Fam!« u. s. w. Vor uns lag eine Landzunge mit einem Hause ganz wie dies meine Skizze zeigt, wie wir später erfuhren Moru genannt, wo wir zunächst landeten. Aber die Eingeborenen, mit denen ich noch kurz zuvor in See gehandelt hatte, waren uns in ihren Kanus vorausgeeilt, nicht uns festlich zu empfangen, sondern um schleunigst auszureißen. Das mußte in gar großer Eile geschehen sein, denn hier stand noch ein Topf mit Essen auf dem Feuer, dort quiekte ein Ferkelchen oder knurrte ein junger Hund, da selbst diese erkorenen Lieblinge der Damen in der Eile vergessen worden waren. Wir fanden noch ein paar Häuser im Dickicht der Halbinsel, aber alles Rufen und Schreien nach ihren Insassen blieb erfolglos. Sie hatten sich rückwärts konzentriert, und zwar zu Wasser; denn hinter der Halbinsel setzte sich das äußere Hafenbassin in ein zweites schmäleres fort. So begnügte ich mich damit hie und da bei den Häusern kleine Geschenke niederzulegen, nicht wie es sonst so häufig von sammelnden Forschern geschieht, als Entgelt für mitgenommene Ethnologica, sondern nur, um den Leutchen unsere gutenAbsichten zu zeigen. Und dafür mußten auch die roten Bändchen sprechen, mit denen ich verschiedene der kleinen Borstentiere geschmückt hatte, was die gute Wirkung nicht verfehlte. »Wer unsere Schweinchen liebt, liebt uns« mochten die Papuas denken; und so war gleich von Anfang an das beste Einvernehmen hergestellt. Für jetzt hatten wir keine Zeit uns mit den neuen Freunden abzugeben, denn wir mußten wieder hinaus, um die »Samoa« zu holen, die nochan demselben Abend (Sonntag den 23. November 1884) in den neuen Hafen in 11½ Faden Mudd zu Anker ging.
Finschhafen.
Finschhafen.
Ich hatte denselben in meinem Tagebuch »Deutschland-Hafen« genannt, aber die Herren Kommandanten unserer Kriegsschiffe erwiesen mir die Ehre, ihn nach mir »Finschhafen« zu taufen, so daß auch mein Name[49]mit einem Punkte in Deutsch Neu-Guinea verknüpft ist.
Die beigegebene Kartenskizze nach den Aufnahmen S. M. Kanonenboot »Hyäne« (Kommandant Kapt.-Lt. Langemack) überhebt mich einer weiteren Beschreibung. Es genügt zu sagen, daß der Hafen ringsum von einem Mangrove-Waldgürtel eingefaßt wird, die Umgebung aber aus sanft ansteigenden Hügeln und Bergen bis vielleicht 1200 Fuß Höhe mit parkartigem Charakter und gutem Boden besteht, wie die Plantagen der Eingeborenen am besten zeigten. Auch an Süßwasser und zwar murmelnden Gebirgsbächen mit trefflichem Trinkwasser fehlt es nicht, so daß sich hier eine Menge günstiger Verhältnisse zur Niederlassung von Europäern in seltener Weise vereinen. Dazu gehörten auch vor allen Dingen die klimatischen Vorzüge dieses Platzes, die mir selbst bei dem kurzen Aufenthalte anderen Plätzen gegenüber sehr günstig erschienen und sich in der That seither trefflich bewährt haben. Ja, wo würde sich am besten anfangen lassen? »Die kleine Insel Madang ist jedenfalls der am meisten gesicherte und am leichtesten gegen die Angriffe der »Wilden« zu verteidigende Punkt« denkt der Neuling. »Ach was! Wilde!« antwortet der Praktiker, »mit denen wollen wir schon fertig werden! botter the natives! Oben am Berge ist es jedenfalls besser und gesunder! Und wenn die Eingeborenen auch sonst nicht viel taugen, einen Weg werden sie schon noch mit anlegen helfen, dazu ist ihnen Bandeisen noch zu verlockend. Und später wird man doch gleich Pferde herbringen müssen.« — »Pferde? Und die sollen das harte mannshohe Gras fressen?« frägt wieder der Neuling. »Natürlich! undgern dazu!« antwortet der Praktiker, welcher das treffliche Gedeihen dieser Tiere unter schlechteren Verhältnissen bei Port Moresby kennen lernte. »Freilich, das »Regierungsgebäude« wird am besten auf der Halbinsel liegen, die Arbeiterwohnungen auf der Insel — und« — so und in ähnlicher Weise gingen mir die Gedanken durch den Kopf. Hatte ich doch zunächst über Brauchbarkeit des Platzes nicht nur als Hafen, sondern überhaupt zu berichten. Und je mehr ich denselben kennen lernte, um so mehr wurde es bei mir zur Gewißheit: »hier laßt uns Hütten — und Häuser bauen«! Aber aus recht gutem Holz, damit sie nicht gleich von den weißen Ameisen gefressen werden. Denn »billig und schlecht« rächt sich in den Tropen am meisten und in jeder Weise. Freilich am Hafen als solchen fand Kapitän Dallmann später einiges auszusetzen, namentlich, daß er gegen den Nordwest völlig offen sei, aber da konnten ja gewisse Verbesserungen geschehen, und dann bot ja, schon nach unseren ersten Auslotungen, das hintere Hafenbassin für kleinere Fahrzeuge mit ca. 9 Fuß Tiefgang vollkommene Sicherheit. Dasselbe zeigte bei näherer Untersuchung südlich noch ein drittes sackartiges, kleineres Endbassin, welches, wie andere seichte Stellen des Hafens, durch ein Fischwehr der Eingeborenen abgesperrt war. Hier zeigte, bei geringer Tiefe von ein bis zwei Faden, der Meeresgrund ein reiches Tierleben: weiße, bräunliche und rötliche Korallen, zwischen deren Verästelungen herrlich saphirblaue und schwarz und weiß gestreifte Fischchen spielten, häßliche, schmutzig grüne, gelbgestreifte Seewalzen (Holothurien) ihren plumpen Körper ausstreckten und große stachlige Seeigel neben schön buntgefärbten kleinen Seesternen ein friedliches Dasein führten. In der That ein natürliches Aquarium, wie man es sich schöner nicht denken konnte, obwohl es immer noch weit hinter jenen Schilderungen überschwenglicher Beschreiber zurückblieb, die wahrscheinlich selbst lebende Korallriffe wohl nicht gesehen haben.
Den meist aus Mangrove bestehenden Uferwaldsaum fanden wir glücklicherweise überall nur schmal. Gleich hinter ihm dehnt sich schönes Land mit fettem schwarzen Boden aus. Hier liegen die Plantagen, in welchen hauptsächlich Taro, Bananen und Zuckerrohr, auchetwas Tabak gezogen wurde, und die auch hier die musterhafte Ordnung und den Fleiß der Eingeborenen bekundeten. Die Ostseite des Hafens wird, wie ich später vom Berge aus sehen konnte, von einer schmalen Halbinsel, Salankaua, gebildet, hinter der sich südlich noch eine zweite Bucht zeigte. Das flache Uferland hat übrigens nirgends bedeutende Ausdehnung, sondern steigt bald zu Hügeln an, welche aus gehobenem Korallfels oder Kalkstein überhaupt bestehen und deutlich terrassenförmige Bildung erkennen lassen. Wie im eigentlichen Terrassenlande sind auch diese Erhebungen mit schwarzer Erde und Büschelgras bedeckt, das je höher nach oben, um so feiner wird. »Ja, hier müßten Pferde, noch besser Esel oder Maultiere, trefflich leben und sich mit solchen überall leicht hinkommen lassen können! Und wie wäre es mit Zebus, den leichtfüßigen, leicht zu ernährenden Zwerg-Zebus, die ich von Ceylon her kannte? Ja, die wären noch besser und billiger; hier!« — »Hier wird nicht in Zukunftsmusik gemacht, sondern aufs Meer geschaut«, unterbrach der mich begleitende Eingeborene meine Reflexionen, nicht mit Worten, sondern Pantomimen, indem er mit der Hand aufs Meer hinauswies. Und richtig: ein kleines schwarzes Pünktchen mit Rauch; kein Zweifel, unsere Kriegsschiffe! Hurra!
Selbstredend eilten wir so schnell als möglich den Berg hinab an Bord, und bald dampfte die Samoa mit 150 Schraubendrehungen in der Minute in See, als gälte es die Konkurrenz von Bugsierdampfern zu schlagen. Die »Hyäne« kam übrigens allein, denn eine Menge Fieberfälle hatten es Kommandant Schering rätlich erscheinen lassen, Friedrich-Wilhelms-Hafen wie Neu-Guinea überhaupt möglichst rasch wieder zu verlassen und nach Mioko zurückzukehren. Von hier setzte die Elisabeth, an deren Bord sich allein etliche vierzig Kadetten befanden, die Reise nach Japan fort.
Kapt.-Lt. Langemack, der uns Kapitän Dallmann wieder mitbrachte, war natürlich über den funkelnagelneuen Hafen sehr erfreut, denn er brauchte gerade einen solchen, um Feuerholz zu schlagen, da seine Kohlen sehr auf die Neige gingen. Nun, Holz gab es ja, Gott sei Dank, in Hülle und Fülle und umsonst! Gleich auf der Halbinselgegenüber dem Ankerplatz der »Hyäne« lagen bereits einige alte Waldriesen am Boden, die nur zersägt und zerhauen zu werden brauchten. Aber mit etlichen Kappbeilen läßt sich nicht viel schaffen, und anderes hatte S. M. Kanonenboot nicht an Bord. Glücklicherweise konnte die Samoa mit schweren amerikanischen Äxten und großen Sägen aushelfen, und bald ging es an ein fröhliches Baumfällen und Holzspalten, wobei sich »all hands«, auch die Herren Offiziere beteiligten, daß es eine Lust und Freude war.
Da hatten die biederen Eingeborenen, nachdem sie sich über den ersten Schreck des großen neuen Schiffes und die vielen weißen Menschen beruhigt, wieder etwas zu sehen und wohl noch nie eine so bewegte Zeit als diese erlebt; fast wußten sie nicht, wo zuerst anfangen. Und nun gar, als eine stattliche Abteilung Matrosen in Waffen auf der Flaggenhalbinsel, dem sonst so stillen Moru, landete und die Feierlichkeit des Aufhissens der deutschen Reichsflagge stattfand (27. November), wozu ich schon die vorgehenden Tage eingeladen hatte. »Nur ruhig, Kinder! es geschieht euch ja nichts! recht so! immer ran und hiergeblieben!« Und sie blieben, bis das Kommando zum Aufpflanzen der Seitengewehre gegeben wurde. Das konnten sie nicht vertragen und es kostete mir viele Mühe wenigstens die Beherzteren wieder zusammenzubringen, da setzte der Hornist sein Instrument an den Mund, ein »teterädä«! und weg waren meine Helden wie weggeblasen. Ja freilich, ich habe Eingeborene auch vor dem ausgespreizten Stativ mit der Camera obscura ausreißen sehen! Und die Furcht der hiesigen Eingeborenen war um so erklärlicher, da sie wohl kaum vor uns einen Weißen bei sich gesehen hatten. Wenigstens fand ich nie nur eine Glasperle bei ihnen, wie außerdem nur in dem einen erwähnten Falle in Huon-Golf. Diese Glasperlen waren jedenfalls nicht durch Labourtrader hierher gelangt, welche jene ungangbaren Sorten wohl nie führen. Denn auch in dieser Richtung herrscht bei den Eingeborenen ein sehr verschiedener Geschmack, und oftmals finden solche Sorten, welche wir für die besten und teuersten halten, bei den guten Naturkindern gar keinen Beifall.
Ja, Naturkinder! und zwar solche der besten Sorte, die noch unbelecktvon der Civilisation, ja ungewohnt des weißen Mannes, dennoch in kürzester Zeit gelernt haben, mit ihm umzugehen, zu feilschen, zu schachern, aber nicht für ihn zu arbeiten, als solche zeigten sich die Bewohner von Finschhafen damals voll und ganz. Der Verkehr mit ihnen war also nicht schwer, denn sie begriffen leicht, wo sie begreifen wollten, und wurden bald so zutraulich, daß sie uns in ihren Dörfern nach und nach das schöne Geschlecht zeigten, weil dabei doch stets einige Glasperlen (Gemgem) und andere Kleinigkeiten abfielen. Denn »Nehmen ist seliger als Geben« scheint auch dem Kanaker in der Schule des Naturmenschen die eigentliche Lebensweisheit; ein Spruch, der sich ja wie ein roter Faden durch das ganze Kanakertum der Menschheit zieht, wie das Nehmen überhaupt. »Fehlt Ihnen vielleicht eine Ölkanne?« fragte ich den Maschinisten, als ich eine solche auf dem breiten Schnabel eines längsseit liegenden Kanus stehen sah. »Nee! — ja doch! der Kerl hat sie gestohlen!« lautete die Antwort. »Gott bewahre! nur mitgenommen, vermutlich als Andenken, denn wäre dieser Sohn der Natur ein bewußter Dieb, er würde das Corpus delicti doch nicht so offen hinstellen«. Natürlich langte der freundliche Mann die Ölkanne gleich wieder herauf mit einer Miene, als wenn er sagen wollte: »Entschuldigen Sie gütigst! Ich wußte nicht, was das Ding war und erlaubte mir nur, es etwas näher ansehen«! Noch ein anderer Fall. Ich vermißte eines schönen Morgens mein Etui mit Bleistiften. Natürlich konnte es ja nur gestohlen worden sein und zwar am Abend zuvor in dem Dorfe Ssuam, wo ich unter der andächtigen Zusicht der Bewohner skizziert hatte. Als nun all die Kanus der Ssuamiten mit Anbruch des Tages versammelt waren, da sprach ich zu dem Volke: — »Ja, konnten Sie denn in den paar Tagen schon mit ihnen sprechen«? Natürlich! ich hatte bereits an 150 Wörter aufgeschrieben, und das bedeutet für eine Kanakersprache, in welcher man mit 350 bis 400 Wörtern schon einen Roman schreiben kann, immerhin etwas, und dann wo bliebe das Volapük, die Zeichensprache? Also das macht man so: man zeigt einen Bleistift und einen Finger; dann fünf Bleistifte und fünf Finger; öffnet und schließt im Geiste ein Kästchen, ganz wie es dieLeute gestern gesehen hatten. Dann deutet man an, daß dieses Kästchen mit den fünf Bleistiften verschwunden sei, und sieht dabei einen recht scharf an, der wieder zurückblickt, als wollte er sagen: »Ich? nein, ich habe es nicht!« Das geht nun so die Reihe herum; Keiner hat es. Also das Kästchen muß im Dorf sein. »Er wird es irgendwo haben stehen lassen«, denken die Leute und zischeln miteinander; »sie werden sich untereinander verraten«, denke ich; und schon gehen ein paar Kanus nach dem Dorfe ab. Aber sie kommen mit leeren Händen zurück, deuten an, daß ein fremder Besucher das Ding mitgenommen haben müsse, denn bei ihnen sei es nicht, und alle scheinen sehr bestürzt über den Fall. »Heuchelei!« denke ich wieder, unter Meditationen über die Erbsünde, — da finde ich das Kästchen zufällig unter ein paar Büchern in der Kajüte, wohin es verlegt worden war. Ja, ja! Jedenfalls wissen diese Menschen recht gut, daß Stehlen immerhin unrecht ist, aber sie besitzen darin noch längst nicht das Raffinement des Weißen und lernten dasselbe erst. Denn Menschen bleiben Menschen und sind sich überall im großen und ganzen gleich. Jedenfalls haben diese Naturkinder so gut ihre Licht- und Schattenseiten, wie wir, doch merkt man von beidem weniger. Aber was diese Menschen vor allem so vorteilhaft auszeichnet ist ihre große Moral, wie ich dies bei allen noch unberührten Völkern gefunden habe. So kennen sie z. B. nichts von Trunkenheit und jenen bösen Krankheiten, welche unter anderem Cook als erstes, leider bleibendes Geschenk der Civilisation den guten Hawaiiern mitbrachte. Leidenschaftsloser als wir, sind sie auch glücklicher, das ist gar kein Zweifel, und ich muß immer über das Bedauern der civilisierten Welt lächeln, welche alle Menschen durch unsere Civilisation glücklich zu machen meint. Das geht eben nicht überall; am wenigsten können diese Naturmenschen mit einem Satze in die Civilisation, und dankbar für die Wohlthaten derselben, hineinspringen, wie man dies so häufig erwartet. Freilich den Tand des weißen Mannes nehmen sie gern, besonders das ihnen neue und so nützliche Eisen, aber das ist auch alles. Daß der weiße Mann, sofern er die Eingeborenen gut behandelt, gern gesehen ist, daß man ihm willigeinen Platz zur Ansiedelung verkauft, um ihn festzuhalten, ist ja sehr erklärlich. Deshalb sind einzelne Missionäre und Händler die willkommensten und begehrtesten Fremden und werden in weit aus den meisten Fällen gut behandelt. Sie inkommodieren die Eingeborenen nicht, bringen stets etwas ein, und deshalb ist der »Schrei nach dem Evangelium« ein oft so lebhafter. Das bißchen Kirchegehen lernt sich bald, da braucht man nichts zu thun; und dazu ist der Kanaker stets bereit, denn so sehr pressiert ist er ja nie in seiner Zeit. Ganz anders verhält sich aber die Sache, wenn es sich um Arbeit handelt. Freilich, im Anfang da hilft der Eingeborene stets gern, freiwillig, fast ohne Entgelt. Es macht ihm Spaß mit neuen Werkzeugen zu hantieren, und alles arbeitet plötzlich mit einem Eifer, der leider nur zu schnell verfliegt. Bald verlangt der Eingeborene Bezahlung, wobei er auch gern auf Akkordarbeit eingeht, aber auch diese Periode geht rasch vorüber. Und warum? Hat nicht der Kanaker inzwischen an der Arbeit und dem daraus erzielten Gewinn Vergnügen gefunden, ist es ihm nicht zum Bedürfnis geworden? I Gott bewahre! Er hat eben bereits leere Bierflaschen, Glasperlen, Messer, Beile und dergleichen genug, und weiß sie selbst in dem engen Kreis seines Verkehrs nicht mehr unterzubringen, wozu sollte er mehr zusammenscharren? Fehlt es ihm doch eben an Bedürfnissen, und ehe sich nicht solche herausbilden, ist an ein Handinhandarbeiten des schwarzen und weißen Mannes in jenen Gegenden nicht zu denken. Auch das Gefühl der größeren Sicherheit unter den Fittichen des Weißen, mit seinen Schießgewehren und anderen energischen Waffen wird wohl nur in seltenen Ausnahmefällen ein Argument von Bedeutung für den Kanaker sein. Denn jede kleine Gemeinschaft derselben ist sich selbst genug, um ihr Besitztum wie die Vorfahren zu verteidigen — oder sie verändert eben den Wohnplatz. Und dann scheint ihnen so ein bißchen Kriegführen auch Spaß zu machen, ja, wie bei uns mangelt es auch ohne Zeitungen nicht an alarmierenden Nachrichten, und wie bei uns, kann es täglich losgehen. Freilich handelt es sich nicht um große Kriege, wobei Tausende ihr Leben einbüßen, wie bei uns, sondern nur um kleine Fehden, am liebsten Überfälle, wobeiauf leichte Weise ein paar Menschen, ganz gleich ob Frauen oder Kinder, erschlagen werden. Denn das macht den Papua zum Mann, zum Krieger, und dieser regiert die Welt. Warum sollte es nicht auch im Kanakertum so ein bißchen Chauvinismus geben? sind die Leute doch so gut Menschen als wir, wenn es auch bei ihnen im großen und ganzen bei weitem friedlicher hergeht als bei uns. Denn auch Kanaker können nur im Frieden gedeihen oder sich wenigstens dann in einer gewissen Stärke erhalten und sind daher mehr friedliebend als kriegerisch. So leben sie, der Mehrzahl nach, ein stilles, ruhiges Völkchen, nach der Weise ihrer Väter, fleißig im Feld wie Handel, soweit es ihre Verhältnisse erheischen. Und diese bedingen wohl stets eine mäßige, unter Umständen vielleicht sogar angestrengte Thätigkeit, aber niemals das, was wir unter Arbeit verstehen. Der Kanaker, welcher noch nie einen Menschen vom frühen Morgen bis zur späten Abendstunde fast unausgesetzt arbeiten sah, wird einen solchen als Sklaven höchstens bemitleiden, — bewundern und ihm nacheifern nie! Wozu auch? Dazu ist er von seiner frühesten Jugend an viel zu sehr diejenige persönliche Freiheit gewöhnt, die ihn schon zeitig selbständig machte und auf eigenen Füßen stehen lehrte, und die für den Naturmenschen ein Gut ist, dessen Wert wir ebensowenig kennen, als er unseren rastlosen, nie ermüdenden Fleiß zu schätzen und würdigen versteht. »So wird sich also aus dem jetzigen Eingeborenen nie ein brauchbarer Mensch in unserem Sinne erziehen lassen?« Ja, wer das beantworten könnte? Erziehen vielleicht wohl, aber nur in der Jugend, und welche Zeit wird darüber hingehen! Denn selbst die redlichen und aufopfernden Arbeiten der Mission haben in jenen Gebieten nicht entfernt den Wandel geschafft, den man mit Recht gerade von diesem segensreichen Institut erwarten durfte. Darüber kann, trotz aller gegenteiligen Behauptungen, kein Zweifel[50]herrschen, am allerwenigsten bei denen, welche die Verhältnisseeingehender kennen zu lernen Gelegenheit hatten. Wirkliche Arbeiterschulen werden statt des nutzlosen sogenannten Schulunterrichtes jedenfalls besser wirken, aber auch hier stellen sich eine Menge Hindernisse entgegen, deren Erörterung mich hier zu weit führen würde.
Ja, so sehr sich auch die Eingeborenen über uns freuten und zum Bleiben aufforderten, mit ihrer alten Gemütlichkeit ging es zu Ende, sobald erst unser Nachschub dauernd hier Fuß gefaßt hatte, das war mir schon damals klar; aber das ist einmal so der Welt Lauf. Überall muß der sogenannte Naturmensch sich der Civilisation unterordnen oder derselben weichen, wenn ihm das erstere, wie dies fast ausnahmslos der Fall ist, nicht möglich ist. Deswegen braucht es noch nicht zu blutigen Kämpfen und einem Vernichtungskriege zu kommen, wenn auch kleine Reibereien stattfinden mögen, denn in diesem Lande ist noch gar viel Raum für Menschen. Wenn daher den eigentlichen Besitzern die neuen Eindringlinge unbequem zu werden anfangen, da giebt es ein einfaches Mittel, welches die Papuas Neu-Guineas gar wohl kennen und anwenden: auszuwandern! Sie gehen mit Sack und Pack, Kind und Kegel weiter inland oder in ihren Kanus nach einem anderen passenden Platze der Küste und die Sache ist zu beiderseitiger Befriedigung erledigt. Um große Völkerwanderungen handelt es sich ja dabei nicht, denn was bedeutet die ganze Bewohnerschaft eines Gebietes wie das von Finschhafen, obwohl es mit zu den besser bevölkerten in Neu-Guinea gehört.
Die unmittelbare Umgebung zeigte nur wenige kleine Siedelungen von zwei bis sechs Häusern, und die Eingeborenen wußten mir überhaupt nur etwa ein Dutzend Namen aufzuzählen, womit ihre Ortskenntnis erschöpft war. Das Hauptbevölkerungs-Centrum bildete offenbar das schon erwähnte Dorf Ssuam, außerhalb des eigentlichen Hafens am nordwestlichen Eingange der Buchtung im Dickicht des Urwaldes versteckt. Es mochte an 25 Häuser zählen, und ihre Bewohner waren jedenfalls in diesem ganzen Gebiete am dominierendsten. Aber weiter nach Nordwesten sollen noch zwei Buchtungen mit je einer Flußmündung und ansehnlichem Dorfe vorhanden sein, mitderen Bewohnern die Ssuamiten trotz der unbedeutenden Entfernung in Fehde zu leben schienen, wie dies so häufig vorkommt.
Haus mit Grab.
Haus mit Grab.
Haus (Rückseite).
Haus (Rückseite).
Die Häuser sind im ganzen recht stattliche Pfahlbauten und ähneln so ziemlich denen der Motu an der Südostküste, nur daß sie durchgehends viel sorgfältiger und mit Wänden aus Brettern erbaut sind, wie dies z. B. meine Abbildung (S. 180) zeigt. Nicht selten sind diese Bretter mit Malerei verziert, rühren aber dann von Kanu-Seitenborden her, die so gern zu diesem Zwecke benutzt werden. Ein besonders großes Haus, welches meinem Freunde dem Häuptling Makiri in Ssuam, einem alten würdigen Greise, gehörte, stellen meine Abbildungen und zwar von der Vorder- und Rückfront (S. 174) dar, den Grundplan des Hauses giebt der Atlas (T. II, 3). An der Rückseite ist die nur für Papuas praktikable Stiege, aus einem mit Kerben versehenen Baumstamme, bemerkenswert, welche zum ersten Stockwerk dieses soliden und in seiner Art einzigen Bauwerkes führt. DieSeitenwände bestehen aus Mattenflechtwerk von Kokospalmblatt und lassen sich in praktischer Weise je nach dem Wetter leicht versetzen oder ganz entfernen. Eine besondere Zier im hiesigen Baustil sind die langen, vom Dachrande herabhängenden Franzen aus zerschlissener Pflanzenfaser. Schnitzereien waren übrigens an dem Hause nicht angebracht, das offenbar als Versammlungslokal der Männer, im oberen Stockwerk als Schlafraum für die jungen Leute diente. Übrigens fehlten die freistehenden Plattformen, wie ich dieselben von Port Konstantin beschrieb, und die dort Barla heißen, auch hier nicht. Auch etwas dem Telum Mul von Bongu Äquivalentes war in Ssuam vorhanden und erregte meine vollste Bewunderung. Es waren dies zwei weit übermannshohe menschliche Figuren, und mußten schon deshalb ein besonderes Interesse erregen, weil sie gleich aus den noch in der Erde wurzelnden Baumstämmen gezimmert waren, Denkmäler der Steinaxtperiode, wie ich sie wedervor noch nachher zu sehen bekam. Die beigegebenen Abbildungen werden die beste Vorstellung dieser hochinteressanten Bildhauereien geben, wobei besonders auf die trefflich gelungene Darstellung des Krokodils (Oa) auf der Rückseite (S. 176) aufmerksam gemacht werden muß. An der Basis der Vorderansicht ist der Kopf einer Eidechse (Monitor) deutlich kennbar. Diese beiden, übrigens so ziemlich gleichen Figuren wurden »Abumtau Gabiang« genannt und lassen, da Abumtau »Häuptling« heißt, keinen Zweifel, daß es sich hier nicht im entferntesten um Götzenbilder, sondern Ahnenfiguren handelt, wie ich dies schon bei den Telums in Konstantinhafen annahm. Freilich würde wohl jeder Missionär diese Gabiang für mächtige Idole der »Heiden« und in Verbindung mit Krokodilkultus u. s. w. gedeutet haben, und es ließe sich da in der That ein artiges Geschichtchen zusammenreimen.
Gabiang.
Gabiang.
Gabiang (Rückseite).
Gabiang (Rückseite).
Daß, wie fast bei allen Melanesiern, die Ahnen- resp. Totenverehrungauf einer hohen Stufe steht bekundeten auch die hiesigen Eingeborenen durch die Art der Gräber. Gleich neben den Bildsäulen (S. 180) sieht man einen viereckigen Holzrahmen, der mit weißem Sand ausgefüllt ist und eine Grabstätte bezeichnet. Vielleicht ist es die des berühmten Häuptling Gabiang, wahrscheinlich eines gewaltigen Helden, dessen Andenken das Volk der Ssuamiten durch diese bewundernswerten Denkmäler ehrte. Ein anderes Grab, in der Form eines Miniaturhauses, zeigt die Abbildung des Hauses (S. 173) rings von einem Zaune aus Steinen umgeben, innerhalb dem buntblättrige Ziersträucher angepflanzt waren. Jedenfalls sind Menschen, welche ihren Toten solche Pietät beweisen, keine Wilde. Aber ich habe manchem großen Kanakerbegräbnis beigewohnt und will gleich hier einfügen, daß es sich in einem solchen Falle stets um Vornehme, Reiche handelte. Mit Unbemittelten und Armen macht man, wie bei uns, nicht viel Federlesens, um sie unter die Erde zu bringen;deswegen gehen die Dorfbewohner nicht wochenlang mit geschwärztem Gesicht oder wie es sonst die Trauergebräuche der Papuas erheischen.