Sechstes Kapitel.Englisches Gebiet.

(S. 176.)Im Dorfe Ssuam, Finschhafen.

(S. 176.)

(S. 176.)

Im Dorfe Ssuam, Finschhafen.

Ich fand bei den Bewohnern Finschhafens so ziemlich dieselben Gegenstände, welche ich schon früher in Huon-Golf, ja selbst Astrolabe-Bai, gekauft hatte, und von denen sich viele durch außerordentlich kunstvolle Arbeit und geschmackvolle Ornamentierung auszeichneten. So u. a. ein Kampfbrustschmuck (T. XXII 6), die breiten, zum Teil durchbrochen gearbeiteten Armbänder aus gebogenem Schildpatt, Simassim, (Atl. XIX), die fein eingravierten Armringe aus Trochus niloticus, Bii, (XVIII 5, und XIX 4), die schwungvoll geschnitzten hölzernen Kopfkissen, Palim, (Taf. III 1), und länglich-ovalen, mit einer Art Metall (Graphit oder Mangan) geschwärzten Holzschüsseln, Ssu, (III 3), alles Dinge, welche außerordentlich mit den in Astrolabe-Bai üblichen übereinstimmen oder identisch sind. Besonders schön waren auch die Schnitzereien der Ruder, Holztrommeln, Ong, (XIII 4) und Doppelhaken zum Aufhängen von Gegenständen über dem Feuer oder im Hause, letztere zum Teil menschliche Figuren, Buam, (Taf. III 2), darstellend. Sehr reich sind die verschiedenen Schmuckgegenstände, zu denen neben Scheiben aus dem Spitzenteil von Conusmuscheln, besonders kleine Kaurimuscheln, Ssanem, eine Art Cypraea, und Hundezähne das hauptsächlichste Material bilden. Jabo, d. h. fast kreisrunde Eberhauer galten auch hier als der kostbarste Schmuck (vergl. Atl. XXI 2). Neu war mir eine, jedenfalls künstlich, hochgelb gefärbte Grasart, Ssemu, aus welcher elegante Armbänder, Stirn- und Leibbinden (XXIV 5), zum Teil mit Hundezähnen garniert, geflochten werden, die wenn neu, wie Goldbrokat leuchten. Als ich am 20. Dezember 1885 die hohe Ehre hatte unserem erhabenem Kaiserpaar eine Auswahl von Gegenständen der Eingeborenen Neu-Guineas zu zeigen und zu erläutern, waren die Allerhöchsten Herrschaften auf das äußerste überrascht[51]. Und in der That, dieseArbeiten sind staunenswert, und ich freue mich wenigstens einige derselben im Bilde bringen zu können.

Die Waffen sind die gewöhnlichen und im ganzen schlecht. So kleine Bogen (Talam) mit Sehne (Teko) von gespaltenem Rotang, und Pfeile (Sob), ziemlich rohe Speere (Gim) und flache lange Holzkeulen (Ssing). Aber es gab Schilde von sehr eigentümlicher Form, wie ich dieselben nur hier gesehen habe. Sie bestehen aus einem konkav gebogenem Stück Holz, so lang und breit, daß es fast einen Mann zu decken vermag, wie dies am besten aus der beigegebenen Abbildung eines Kriegers beim Scheinangriff ersichtlich ist, welche auch die eigentümliche Verzierung in bunter Malerei andeutet.

Scheinangriff.

Scheinangriff.

Sehr geschickt sind auch die in bunten Mustern (Atl. X. 2), oft mit Hundezähnen garnierten, Beutel gestrickt, in welchen verschiedene Kleinigkeiten aufbewahrt werden, darunter kleine Büchschen aus Bambu mit einem graulichen Pulver (Da), — Zahnpulver! Man sieht, daß die Finschhafener bereits sogar in Toilettenkünsten entwickelt sind, wenn sie sich auch äußerlich wenig von ihren sonstigen Stammesgenossen unterscheiden und ebenso schmierig als die ganze Papuagesellschaft erscheinen. Dazu trägt hauptsächlich eine schmutzige Halsstrickeleibei, welche die meisten tragen, und der häufig sehr unzureichende Schamschurz aus Tapa (Opo), die ganz denen von Huon-Golf (Atlas XVI, 4, 5) ähneln. Tapa wird auch zu eigentümlichen Kopfbedeckungen der Männer benutzt. Der ehrenwerte Herr auf meiner Abbildung mit dem kostbaren Brustschmuck aus Hundezähnen zeigt eine solche Mütze (Opo), welche zugleich den Abumtau oder Häuptling bezeichnet. Andere Kappen von kegelförmiger Gestalt, Parung genannt, werden ganz aus Menschenhaar hergestellt und ähneln durchaus einer Derwischkappe. In der That, kein Anthropolog würde auf einem Bazar in Stambul oder Alexandrien einen Ssuamiten in solcher Kopfbedeckung für einen Papua, sondern ohne allen Anstand für einen frommen Moslem und Mekkapilger halten. Das bringt mich auf die äußere Gestalt! Und da will ich nur erwähnen, daß auch die hiesige Bevölkerung so erheblich individuell abweichend ist, wie überall in Neu-Guinea. Aber jedenfalls findet sich der negroide Typus weniger als sonst, dagegen trifft man nicht selten echt semitische Gesichter, wozu der Bart, welchen die meisten älteren Männer stehen lassen, nicht wenig beiträgt.

Häuptling von Finschhafen.

Häuptling von Finschhafen.

Die Bewohner von Finschhafen scheinen sehr betriebsam, namentlichauch in der Fischerei, wie die Unmasse gutgearbeiteter Fischhaken (Ing) beweisen, wovon Tafel IX des Ethnol. Atlas eine ganze Reihe darstellt. Auch die schönen großen Netze (Uh) und namentlich ihre Kanus (Uang) sprechen dafür. Letztere sind oft von bedeutender Größe (60 bis 70 Fuß lang), haben zuweilen drei Seitenbretter und zwei Plattformen übereinander, zwei Maste mit großem viereckigen Mattensegel und sind an den Schnäbeln reich mit Schnitzerei, an den Seiten mit bunter Malerei verziert. Sie nähern sich in der Bauart schon mehr den großen Kanus, wie ich sie später in den d'Entrecasteaux kennen lernte, und die total von der in Polynesien gebräuchlichen abweicht. Es kann daher gar keine Rede davon sein, daß die Polynesier die Lehrmeister der Melanesier in der Schiffsbaukunst waren, wie manchmal von Gelehrten behauptet wird. Wie so oft bedauerte ich ganz besonders hier, daß es nicht möglich war, ein solches Kanu nach Berlin schicken zu können, wie mir dies seiner Zeit mit einem großen seetüchtigen Kanu der Marshall-Inseln gelang. Es würde am besten zeigen was die unscheinbare Steinaxt in der Hand des Eingeborenen zu leisten vermag, denn jedermann würde über die technisch ausgezeichnete Bauart und die Eleganz und stilvolle Ausschmückung staunen. Wie lange wird es dauern und kein solches mit Steinwerkzeugen gearbeitetes Kunstwerk wird mehr zu haben sein! Für die Erhaltung der Werkzeuge selbst ist durch meine Sammlungen gesorgt worden. Die Steinäxte der hiesigen Eingeborenen (vergl. Atlas I, 4), meist mit einer Klinge aus einem dioritischen Gestein (Ki) oder Tridacnamuschel (Gadi) versehen, ähneln am meisten den »Lachela« von Hood-Bai an der Südostküste, welche sich durch die Drehbarkeit der Klinge auszeichnen. Die Leute thaten übrigens ziemlich rar mit Steinäxten, um so begehrlicher aber gegenüber unseren Hobeleisen, die sie ebenfalls »Ki« nannten und welche, wie überall, bald der gesuchteste Artikel waren. Ich versprach einem jungen Burschen, unter der Bedingung ihn zurückzubringen, wenn er mitgehen wolle, ein ganzes Dutzend Äxte (claw hatchets), konnte ihn trotz dieser enormen Versuchung aber doch nicht verlocken.

In Besitz so ausgezeichneter Fahrzeuge unternehmen die Finschhafener auch Handelsreisen und stehen mit Tami oder den Cretininseln, einem anscheinenden Atoll, in Verbindung, wie wahrscheinlich mit Rook, das bei unbedecktem Himmel von unserem Ankerplatz aus sichtbar war. Wir sahen später große Segelkanus, die von Rook-Insel nach Finschhafen zu standen und wurden dort von den Tamiten selbst besucht. Ja, ja! auch in so abgelegenen Gegenden wird die Ankunft von Fremden viel schneller bekannt, als man glauben sollte. Übrigens sind die Entfernungen keine großen, da Rook nur ca. 40, die Tami-Inseln 15 Meilen von Finschhafen liegen. Ob in dem Verkehr vielleicht Töpfe als Tauschartikel eine Rolle spielen, vermochte ich nicht auszumachen. Aber Töpfe sind in Finschhafen in Gebrauch. Sie zeichnen sich durch die oben weite, mehr halbkugelige Form (T. IV. 5) aus, ähnlich wie ich sie später in Teste-Island traf, und sind am Rande mit erhabenen Knötchen verziert.

Wir waren in Ssuam stets gern gesehene Gäste, schon weil wir die Bewohner von einer Plage befreien halfen, der der Kakadus. Diese Vögel (Cacatua Triton) thaten den Pflanzungen der Eingeborenen viel Schaden und verschonten selbst Kokosnüsse nicht. Kokospalmen (Niep) sind übrigens keineswegs in großer Anzahl vorhanden, wenn auch zwischen Mitrafels und Astrolabe-Bai das Gebiet von Finschhafen immerhin noch am reichsten daran ist. Schon bei meinem ersten Besuche war mir die große Menge verfaulend am Erdboden liegender Kokosnüsse aufgefallen, durch deren Schalen ein wie mit einem Meißel geschlagenes Loch ging. Im Dorfe selbst sah ich an den Fruchttrauben der Palmen Stricke angebracht, deren Zweck ich mir nicht zu erklären vermochte. Bald sollte ich denselben kennen lernen, denn laut kreischend flogen Kakadus herbei, die sich an die Nüsse hingen und sich durch das Schütteln mit dem Bindfaden wenig beirren ließen. Unsere Schüsse öffneten ihnen die Augen, oder vielmehr verschlossen ihnen dieselben auf immer, sehr zum Jubel der Eingeborenen, die mit Steinwürfen und Flitzbogen wenig ausrichten können. Aber Kakadus sind bei den Papuas sehr beliebt und zwar ihrer gelben Haubenfedern wegen, welche den beliebtesten Haarschmuckdes Mannes bilden. Ich dachte aber, daß diese reizenden Federn einem eleganten Damenhütchen, mit einem niedlichen Gesicht darunter, auch nicht übel kleiden müßten, und rettete so verschiedene aus den Krallen der Papuajungen. Übrigens ist ein Kakadu zum Essen auch nicht zu verachten, für solche die seit Wochen nur Büchsenfleisch gegessen haben. Ich rate dann aber die Vögel nur als Suppe verkochen zu lassen. Delikat! d. h. die Suppe; das Fleisch kann man ruhig einem Kanaker geben, dessen Zähne besser damit fertig werden.

Das Jagen in diesen Urwäldern ist übrigens nicht so leicht, schon wegen der bedeutenden Höhe der Bäume, für welche unsere gewöhnlichen Flinten häufig nicht ausreichen und die deshalb weittragende »chok-bore« Läufe erfordern. Und selbst für solche sind die Waldriesen oftmals zu hoch und dicht belaubt. So schoß Kapitän Dallmann bei einer Gelegenheit dreimal nach demselben Kakadu, traf ihn jedesmal, und doch flog der Vogel noch weg, um unauffindbar zu verenden. Und das passiert gar häufig, denn gerade das Auffinden der Beute macht die größte Mühe und bleibt oft resultatlos. Gut dressierte Hunde nützen, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, wenig und werden in den Tropen bald unbrauchbar. Unendlich viel besser sind eingeborene Jungen als Jagdhunde zu gebrauchen und stets bereit den Jäger zu begleiten, wenn sie die erste Furcht vor dem Knall überwunden haben. Zum Aufspüren sind sie fast unentbehrlich, denn nur das scharfe, geübte Auge des Eingeborenen vermag in dem Dickicht die Beute zu erspähen, eine Gabe, die der Europäer nicht so leicht erlernt. Wie oft hört man nicht das Gurren einer Taube und bemüht sich vergeblich, ihrer ansichtig zu werden. Da weiß ein schwarzer Junge stets auszuhelfen. Übrigens gab es nicht viel zu jagen, auch wenn man dazu Zeit gehabt hätte, denn Finschhafen ist ein sehr tierarmes Gebiet. Die Vogelwelt machte sich auch hier besonders in den Arten bemerkbar, welche wir schon in Friedrich-Wilhelms-Hafen (S. 95) kennen lernten und wie dort war mir, im Vergleich mit der Südostküste Neu-Guineas, die Spärlichkeit von Kleinvögeln auffallend. Doch hörte ich den wohlbekannten Ruf des»Rifle-bird«, einer zu den Paradiesvögeln gehörenden, farbenprächtigen Ptilorisart, des raketschwänzigen Eisvogels (Tanysiptera), und das sonderbare Getriller eines anderen Eisvogels (Syma torotoro). Auch ein alter, lieber Bekannter aus der Heimat ließ sich zuweilen blicken: der trillernde Wasserläufer (Actitis hypoleucos), der nach Beendigung seines Brutgeschäftes im hohen Norden hier gemütliche Winterruhe hält und von mir nicht gestört wurde. Doch was flattert dort schwankenden Fluges durch das Gelaube? schon greift man an das Gewehr, läßt es aber gleich wieder sinken, denn es ist nur ein Schmetterling, aber ein wahrer »mocking bird«, der selbst das geübte Auge momentan zu täuschen vermag. Freilich übertrifft er in der Flügelbreite, welche an sechs Zoll beträgt, gar manches Vögelchen, aber er ist auch der größte Tagfalter, die weit über die Papuaregion verbreitete Ornithoptera aruensis. Das Männchen gehört dabei mit zu den schönsten Faltern, während das ansehnlich größere Weibchen unscheinbar schwarz und weiß gefärbt ist. — Nach der häufigen Verwendung von Kasuarfedern bei den Eingeborenen zu urteilen, muß dieser gewaltige Vogel nicht selten sein, allein er liebt das Dickicht der Wälder, ist sehr scheu und deshalb nur sehr ausnahmsweise zu sehen. Doch beobachtete ich nicht einmal die leicht kenntliche Fährte von Kasuaren, häufiger dagegen die von Wildschweinen. Das war aber auch alles was ich von Säugetieren zu sehen bekam, denn niemals erblickte ich ein Känguru, die an der Südostküste doch zu den gewöhnlichen Erscheinungen gehören. Alle übrigen Säugetiere Neu-Guineas sind ja, mit Ausnahme einiger Flugtiere und Nager, durchgehends Beuteltiere mit nächtlicher Lebensweise und schon deshalb nur durch Zufall sichtbar.

»Aber Schlangen, die giebt es wohl in Menge und die sind wohl recht gefährlich«? Nun! auch diese inkommodieren und erschrecken so wenig als bei uns, denn man begegnet ihnen nur sehr selten. Abenteuer mit Riesenschlangen, und reißenden Tieren überhaupt, sind also nicht zu bestehen, und die Herren Offiziere waren froh, wenn sie mit ein paar Kakadus, grünen Papageien oder Tauben von der so erwartungsvollen Tropenjagd zurückkehrten.

Aber einmal erlegten die Herren vom Kriegsschiff sogar ein Krokodil, das natürlich verloren ging, da diese Saurier regelmäßig im Wasser untersinken und nur zu erhalten sind, wenn sie am Lande gleich auf der Stelle tödlich getroffen werden.

Also es gab Krokodile! Das freute mich sehr, als ich mit Steuermann Sechstroh eine Bootfahrt nach dem Bumi unternahm. So heißt ein hübscher Gebirgsfluß, der etwas oberhalb Ssuam in eine flache Bucht mündet. Die Eingeborenen hatten hier sorglicher Weise ein Fischwehr angebracht, öffneten dasselbe aber in ihrer bekannten freundlichen Manier, und ein paar der hervorragendsten Abumtaus gaben uns das Geleit. Der Fluß war anfangs sehr versprechend, mit üppiger Vegetation, darunter Sagopalmen (Labi), am linken Ufer senkrechte Wände eines bläulichen Mergels mit zahlreichen recenten Muschelresten. Bald kamen aber Untiefen, Stromschnellen, über welche wir das Boot in tieferes Wasser schleppten, bis die fröhliche Gondelei, bei der wir fast mehr das Boot zu tragen hatten, als das letztere uns, überhaupt das Ende erreichte. Der Fluß wurde hier, von beiden Seiten durch steile Felswände mit üppigem Baumwuchs eingeengt, zum völligen Gebirgswasser, in welchem wir noch ein gutes Stück watend vorwärts kamen. Kreischende Weiberstimmen unterbrachen das angenehme Murmeln bei der sonst so wohlthuenden Stille. Wir hatten um eine Ecke biegend eine Schar arglos fischender Mädchen aufgescheucht, die nun wie die Gemsen an den Felswänden emporkletterten und ihre Fischhamen eiligst im Stiche ließen. Leider enthielten sie keine Tafelfische, sondern nur wissenschaftliche Ausbeute, ein paar kaum fingerlange Gobius-artige Fischchen mit Kehlsaugapparat, ähnlich wie ich sie in den Gebirgswässern Mauis erhalten hatte. Ja, der paar Fischelchen wegen brauchte sich kein Krokodil hier herauf zu bemühen, und so verzichtete ich abermals auf die Beute, wie der Fuchs auf die Trauben. Da war es in Konstantinhafen noch besser gewesen! Da lag ich einmal mit dem Boot gerade über einem solchen Ungetüm, wohl zehn Fuß lang, dessen Umrisse ich deutlich unterscheiden konnte. Ins Wasser kann man wohl schießen, aber mit dem Treffen ist es dann so eine eigeneSache. So hieß es denn abwarten; das brave Tier schien den Fall in demselben Lichte zu betrachten und zu denken: »ich hab' Zeit! Dor! Dor ligt de Donnerslag!« sagte der Matrose, welcher mein Boot ruderte! »Ja! Man stille, stille! ich sehe ihm ja!« Und wir warten wieder — das Krokodil unten behaglich im Wasser, wir in der glühenden Sonnenhitze! Da, plötzlich: »Dor geit he hen«, eine mächtige Wolke Schlamm trübte das Wasser, und Roß und Reiter sah man niemals wieder! Das ist eine Krokodiljagd in Wirklichkeit, nicht wie sie gewöhnlich beschrieben wird. In Neu-Guinea und Neu-Britannien giebt es, wenigstens nach meinen Erfahrungen, herzlich wenig Krokodile, das darf ich jeden versichern, und das ist ja im ganzen kein Fehler. Freilich Herr Powell beschreibt Flüsse in Neu-Britannien, in welchen es von Krokodilen förmlich wimmelt[52], große, mittlere, kleine; man brauchte sie sich nur auszusuchen. Wahrscheinlich hielten die Tiere gerade Volkszählung und alle Krokodile von Blanche-Bai bis Kap Glocester waren hier zur Kontrollversammlung. Aber Herr Powell sah auch »fischende« Kasuare, und »fliegenschnappende« Krokodile!?

Die Zeit unseres Abschiedes nahte, sehr zum Bedauern der Eingeborenen, deren Häupter natürlich Andenken erhielten, darunter mein alter braver Freund Makiri ein äußerst ungewöhnliches, wie ich es noch nie einem Freunde gab, noch geben konnte. In einer Ecke der Kajüte besaßen wir ein Seltzogen, d. h. einen jener bekannten Apparate, in welchen man künstliche kohlensaure Wasser bereitet. — »Und den bekam der Wilde?« wird vielleicht mancher Leser denken. Natürlich nicht, sondern nur einen Teil desselben. Die Sache war nämlich so gekommen. Wir hatten an Bord einen schwarzen Burschen, einen schneidigen Jungen, der den weißen Mann und seine Finessen aus dem Grunde kannte. Er verstand einen Riemen zu ziehen, Gewehre und Tischgerät zu putzen, aß bereits Schiffsbrot, noch lieber eingemachte Früchte oder Sardinen in Öl, woran sich alle Kanaker so schnell gewöhnen, mit einem Wort, er war ein sehrgebildeter junger Mann. Sogar einen Selterswasser-Apparat wußte er kunstgerecht zu füllen. »Oh! me sabi! that fellow white paura likelike, that other fellow mangero!« (O, ich weiß, von diesem weißen Pulver wenig, von dem andern viel). Richtig, er hatte die Sache los, nicht wahr, was nicht so ein Kanaker alles lernt! Das Kohlensaure, in den Tropen eine wahre Erquickung, war also bald fertig und sollte eben probiert werden. Da, auf einmal ein Krach, als ginge eine kleine Kanone los! Ich dachte natürlich zunächst an den Kessel, aber glücklicherweise so schlimm war es nicht, sondern nur das Seltzogen explodierte. Da lag die Bescherung! das daumendicke Glas zersprengt und Hunderte feiner Splitterchen überall ins Holzwerk geflogen. Das mußte ein wahres Sprühfeuer von Glassplittern gewesen sein, denn die Kajüte war ja nicht groß (8 Fuß bei 5) und wirklich ein Glück, daß sich gerade niemand in derselben aufhielt. »Boy! you look« Knabe, betrachte dies!? — »Aipua! me make that fellow mangero mangero good! that fellow bottle not all same strong paura« (O weh! ich habe es zu gut gemacht; die Flasche war nicht so stark als das Pulver). Da hatte er ebenfalls recht, und wir waren beide um eine Erfahrung reicher; er, daß es auch weißes »Paura« (= Powder, Schießpulver) giebt, welches im Wasser »bum« macht; ich, daß man niemals einem Schwarzen einen Selterswasser-Apparat ansetzen lassen soll.

Mit dem Kohlensauren war es nun aus, und nur das hohe birnförmige Drahtgeflecht übrig, das mit rotem Zeug umwunden in der That eine aparte Kopfbedeckung bildete, welche meinen Freund Makiri mit Stolz und Freude erfüllte. Gut, daß wir übrigens bald darauf weggingen, denn jeder Abumtau wollte jetzt eine solche Mitra haben. Dieser Vorfall erinnert mich übrigens an eine andere ähnliche Geschichte aus meinem Südseeleben, die noch komischer ist und deshalb hier mitgeteilt werden mag. Aber ich schweife da wieder ab —! »Schadet nichts, nur zu!« »Nun Sie wollen es! also gut!« Als ich im Jahre 1880 auf Jaluit in der Marshallgruppe weilte, war für Lebon Kabua, den damaligen »Oberhäuptling und Herrn von Radak und Ralik« ein Herrscherornat von Hamburg eingetroffen, Theatergarderobe,unter welcher sogar die Krone nicht fehlte. Der vergoldete, reich mit Glassteinen besetzte, zackige Reif imponierte dem guten Kabua freilich nicht wenig. Aber er sollte ihn, wie die ganze königliche Gewandung bezahlen, und da hieß es natürlich gleich: »i bane! edschilok dala ao!« (ich kann nicht! kein Geld mein). Krone, Scepter und Purpur lagen nun daher, bis sich ein passender »King« finden würde, an welchen ja in diesen Regionen kein Mangel ist. Und er kam. Eines schönen Tages brachte ein deutscher Dampfer gar wunderliche fremde Gesellen, dunkel, mit Krausköpfen, ja, die mußten ja weit her sein aus dem Morgenlande. Nein, aus dem Abendlande, denn sie kamen mehr aus West, da wo von Jaluit aus die Sonne untergeht, aus Neu-Irland. Darunter war nun auch ein König, ein wirklicher Mohrenkönig, den ersten, welchen ich sah. Freilich brachte er weder Gold, Weihrauch noch Myrrhen, sondern nur seine eigene Haut, die wie bei dem Mohrenkönige jenes Märchens, mit dem unsichtbaren, aus nichts gewebten Stoffe umhüllt war, wodurch sich dem blöden Auge des gewöhnlichen Sterblichen also jedes vom Ringwurm abgenagte Fleckchen deutlich zeigte. In der That gerade keine sonderlich königliche Auszeichnung, welcher seine beiden Begleiter sich auch erfreuten, denn Ringwurm und Schuppenkrankheit sind ja Nationaleigentum der ganzen braunen und schwarzen Südseegesellschaft. Um nun Majestät von den Ministern einigermaßen auszuzeichnen, damit sie nicht immer verwechselt wurden, bekam nun der König die Krone, natürlich als Geschenk, vielleicht nur leihweis, denn womit hätte er bezahlen wollen? König und Krone waren unzertrennlich wie beim Kartenkönig, und es sah urkomisch aus, die lange hagere Gestalt in vollständiger Nacktheit mit dem funkelnden Kopfschmuck umherwandeln zu sehen. Selten ist wohl eine Krone soviel gebraucht, fast möchte ich sagen strapaziert worden als diese, denn die schwarze Majestät behielt sie auch auf, wenn sie sich schlafen legte. Freilich wäre ihm der Purpurmantel weit praktischer, jedenfalls viel lieber gewesen, aber er mochte denken: Na! eine geschenkte Krone ist auch nicht ohne!

Wir verließen Finschhafen an demselben Morgen wie die »Hyäne«,welche südlich ging, um die Bucht hinter Finschhafen zu untersuchen, die ich schon vom Berge aus gesehen hatte. Sie erwies sich später als praktikabel und erhielt den Namen »Langemack-Bucht«. Wir gingen bis Kap Cretin, sechs durch Riff verbundene Inseln, die immer der Untersuchung wert erschienen, aber nur vorgemerkt werden konnten. Dann dampften wir nordwärts bis Long-Insel, an deren Ostseite wir entlang gingen. Sie zeigt einen ähnlichen Charakter, wie Dampier, ist durchaus vulkanisch mit mehreren erloschenen Vulkanen, von deren drei hervorragendsten Kegeln zunächst Coriz-Pik vor uns lag. Er mag an 4000 Fuß hoch sein und ist wie die übrigen Berge dichtbewaldet. Gegenüber Coriz-Pik an der Nordostseite liegt der etwas niedrigere Berg Réaumur, aber Findlay (Pacific Directory S. 931) irrt, wenn er sagt, beide Berge seien durch ein tiefes Thal getrennt. Die ganze Insel ist vorzugsweise bergig, mit sehr wenig flachem Land und nur mäßigen Schluchten oder Thälern durchzogen. Die Küste erschien sowenig versprechend als das Land selbst, das sich übrigens leichter zur Kultivation eignen dürfte wie Dampier-Insel, da es nicht so dichten Urwald, sondern mehr mit Gestrüpp bedeckte Striche zeigt. Das Ufer war meist ein nicht sehr hohes felsiges Steilufer, zuweilen etwas abfallend und sanfte Buchtungen bildend, die wohl aber kaum als Hafen brauchbar sein dürften, wenigstens nicht an der Ostküste, die wir befuhren. Nirgends waren Plantagen bemerkbar, aber in der zweiten Buchtung bemerkte ich einen gelben Baum und etliche Kokospalmen, die einzigen, welche wir auf der ganzen Insel sahen. Und — »da sind sie ja die schwarzen Kunden!« sagte der Steuermann. Wirklich ein Segelkanu mit acht Insassen kam langsam aus der Bucht heraus, aber noch längst nicht nahe heran. Da hatten die Lungen unserer Mioko-Schwarzen wieder Arbeit. »Good ship that fellow! plenty kaikai! (Essen), plenty tobacco! plenty papine! (Mädchen) plenty lavalava (Lendentücher)! Kjap (Kapitän) very good! uti! alut! alut! aijap! (kommt! schnell, schnell)!«, wie sie es an Bord von Arbeiterwerbeschiffen, welche sie begleitet hatten, gewohnt waren. Nur daß diesmal das »me kulia men« (wir kaufen Leute) wegfiel, denn damit hatte sich die Samoaglücklicherweise nicht zu befassen. Das machte freilich auf die Long-Insulaner keinen Eindruck, denn sie verstanden von dieser Sprache soviel wie wir von der ihren: nichts. Und damit kamen wir, als sich das Kanu endlich längsseit gewagt hatte, auch ganz trefflich aus. Die Leute, übrigens echte Papuas und ganz wie die Bewohner des Festlandes von Neu-Guinea, waren bescheiden, und es ließ sich gut mit ihnen schachern. Aber sie hatten nicht viel, übrigens alles Gegenstände, wie sie in Astrolabe-Bai vorkommen, so geflochtene Armbänder (XVIII 4), Brustschmuck, (XXII 1, 2) auch die gleiche Art Bogen und Speere. Als so ziemlich ausverkauft war, gaben sie den Ausputz ihres Kanus her und schnitten selbst die bemalten Seitenborde ab. Darunter waren gar merkwürdige Sächelchen: so auf der Mastspitze ein Triangel mit roh geschnitzten Vögeln, ein sonderbares Gestell auf dem Ausleger (vergl. Atlas VI 6 und VIII 1, 2) u. s. w., alles Gegenstände, die jetzt im Museum für Völkerkunde in Berlin zu sehen sind, das wohl vorher kein Stück von Long-Island besaß. An Lebensmitteln wurden nur einige alte Kokosnüsse und etwas Blättertabak gebracht. Stangentabak schienen die Leute nicht zu kennen, dagegen Glasperlen und Eisen, das hier mit dem Ausruf »Gari« begrüßt wurde. Im Eifer des Handelns fiel einem der Männer das eben erstandene Messer ins Meer. Da konnte man ein betrübtes schwarzes Gesicht sehen, denn für ein solches Naturkind ist das gar nicht zum Lachen. Nun, ich sehe gern zufriedene Menschen, da schenkte ich dem Manne ein anderes Messer, und nun konnte man sich wieder an einem fröhlichen schwarzen Gesichte freuen. Vermutlich stehe ich noch heute bei den Long-Insulanern in gutem Andenken; denn wie des Bösen erinnert sich der Schwarze auch etwas des Guten, und wahrscheinlich erzählt man noch von dem fremden Schiffe ohne Segel und dem weißen Manne mit dem roten Barte. Muß der reich gewesen sein! Ja, an Messern hat es mir von meinen Knabenjahren an nie gemangelt, am allerwenigsten auf der Samoa, die unzählige Gros an Bord führte.

Von Long-Island standen wir in Sicht der Inseln Lottin, Rook, Tupinier und Vulcano, nach der Nordküste Neu-Britanniens hinüber, deren an 6000–7000 Fuß hoher Pik bei Kap Glocester nur eineFortsetzung dieser vulkanischen Inseln zu sein schien. Denn hier sind eben alle Berge Vulkane, die wir freilich sämtlich erloschen[53]fanden. In der Nähe von Lottin hatten wir die seltene Gelegenheit eine Wasserhose zu beobachten. Sie zeigte sich nicht in der gewöhnlichen Gestalt eines Geiser, wie sie gewöhnlich abgebildet wird, sondern anfangs wie eine nicht hoch über dem Wasser schwebende Rauchwolke, aus der plötzlich ein hoher, schiefer, dunkler Strahl hervorschoß. Dieser Strahl verdünnte sich nach und nach an der Basis und nahm die Form einer etwas gebogenen Feder an, bis sich nach und nach das Ganze auflöste. Die Erscheinung mochte 10 bis 12 Minuten dauern und zeigte sich in einem dicht mit Regenwolken bedeckten Horizont, hinter dem die Insel eben auftauchte.

Zwischen Kap Gauffre und Kap Raoul liefen wir längs der Küste Neu-Britanniens nach Osten bis Weberhafen. Sie stimmt in der Konfiguration wenig mit der Karte überein, die allerdings einen großen Teil der Küstenlinie nur punktiert zeigt. Ost von Kap Raoul fanden wir auf eine Strecke von ca. sechs Meilen schönes, offenes Land, das sich trefflich zu Kulturen eignen dürfte, und das beste scheint, welches wir in Neu-Britannien überhaupt sahen. Da wir, schon in Rücksicht auf unsere Kohlen, die Küste nur rekognoszieren konnten, so mußten wir dies schöne Land diesmal ununtersucht lassen und bis zu einer anderen Gelegenheit aufsparen. An diesem Teile der Küste sind mehrere kleine Inseln vorgelagert, die durch Riff verbunden scheinen, doch kamen die Eingeborenen in ihren Kanus durch die Brandung heraus, das einzigemal, daß wir mit solchen an dieser Küste in Verkehr traten. Weiter ostwärts fanden wir das Land weniger versprechend, meist bergig, dichtbewaldet, wenig oder gar keine Anzeichen von Bevölkerung und dazu zahlreiche Riffe. Von Willaumez-Insel bis Kap Lambert kamen wir in das zuerst durchWilfred Powell zum Teil eingehender beschriebene Gebiet, welches er im Jahre 1879 oder 1880 mit der Ketch »Star of the East« (15 Tons) explorierte und (mit nur zwei Eingeborenen) kartographierte. Schon die Beschreibung seines Kap Campbell, der Ostspitze von Willaumez, stimmte wenig mit der Wirklichkeit, und vor allem mußte es befremden, auf seiner Karte »High-Island« verzeichnet zu finden, da dies doch nur der hohe Pik im Südwesten der Insel Willaumez[54]ist. Andere Punkte ließen sich überhaupt nicht ausmachen oder waren nicht aufzufinden[55].

Von Weberhafen sprachen wir noch an der Nordwestspitze Neu-Irlands vor, wo sich Friedrich Schulle seit Mitte des Jahres auf der Insel Nusa wieder gefestigt hatte und Koprahandel betrieb. Und wer war dazu besser geeignet als er; hatte er doch früher als Geschäftsführer von Hernsheim & Co. fast all die Stationen in jenem damals durchaus neuen und ergiebigen Gebiet errichtet. Als Schulle im Jahre 1881 wegging bestanden noch ein Dutzend solcher Kopra-Stationen, jetzt gab es nur noch zwei. Und was war die Ursache dieses Rückganges? Die Labourtrade, welche hier vorzugsweis von Queensländer Schiffen in rücksichtsloser Weise betrieben, soviel Unheil angerichtet hatte. Kein Wunder, wenn die Eingeborenen, wirklich wild geworden, nach Rache dürsteten. Ganz besonders galt dieselbe einem weißen Händler, einem Deutschen, der noch mit dem Chandernagor des Marquis des Rays herausgekommen war, und es sehr profitabel fand Arbeiter an die Werbeschiffe zu besorgen, wobei es nicht immer sauber hergegangen sein mag. Als der Erwähnte vollends einen Häuptling erschoß, da war es den Eingeborenen endlich doch zu viel: sie griffen an, brannten die Station nieder, und er rettete nur das Leben. Dafür wurden die Eingeborenen später von einem Kriegsschiffe gestraft, aber der Anstifter — nun der ging leer aus. So geht es inder Südsee, und da ließe sich noch gar manches erzählen. Aber diese gefürchteten Wilden müssen doch wohl nicht so schlimm als ihr Ruf sein! Friedrich Schulle lieferte den besten Beweis dafür, denn er lebte ganz allein, nur mit drei Farbigen, unter ihnen und zwar so gemütlich, als man damals in Neu-Irland überhaupt leben konnte. Und dabei faßte er die Eingeborenen nicht mit Glacéhandschuhen an, sondern es kam ihm, wenn notwendig, nicht darauf an Krieg zu erklären und denselben ganz allein durchzuführen. Freilich mögen sich die Verhältnisse inzwischen wieder geändert haben, da seitdem durch unsere Kriegsschiffe noch weitere Strafexpeditionen in jenen Gebieten unternommen wurden.

Wir dampften längs der Westküste von Neu-Irland, die ausnahmslos aus zum Teil sehr steilen, dichtbewaldeten Hügeln und Bergen besteht, die wenig versprechend aussehen, da es hier nur äußerst wenig Kokospalmen giebt, und trafen am 9. Dezember wieder in Mioko ein.

Drei Jahre sind bereits verflossen seitdem ich mit der Samoa Finschhafen entdeckte. Die Idylle, wie sie meine Abbildung (S. 162) zeigt, ist verschwunden, denn der weiße Mann hat seinen Einzug gehalten, um sich dauernd hier niederzulassen. Etwa elf Monate (18. Oktober 1885) nach uns, lief das erste deutsche Segelschiff die Brigg »Lübken« aus Hamburg mit Vorräten und Kohlen im Finschhafen ein, fand aber zu ihrem Erstaunen nur die Eingeborenen, denn erst Anfang November (5.) langten die beiden Dampfer der Neu-Guinea-Kompanie »Samoa« und »Papua« an, mit einer Anzahl Beamten, malayischen von Java importierten Arbeitern, und damit konnte erst die eigentliche Gründung der Niederlassung beginnen. Seitdem sind noch mehr Segelschiffe nach dem auf allen Seekarten verzeichneten Finschhafen gekommen. Die Dampfer der Kompanie unterhalten einen regelmäßigen Dienst mit der nächsten Post- und Telegraphenstation Cooktown in Queensland; Briefe nach Finschhafen sind dem Weltpostverkehr übergeben. Weitere Beamte und eine größere Anzahl malayischer Arbeiter haben eine größere Anzahl Häuser nötig gemacht,darunter das mit allem Komfort ausgestattete des Landeshauptmanns. Denn Finschhafen ist Sitz der Landesverwaltung,die Hauptstadt von Kaiser-Wilhelms-Land und dem Bismarck-Archipelgeworden. Es giebt hier ein Gericht, Seemannsamt, Standesamt, Postamt, kurzum alle Institute eines geordneten Staatswesens. Selbstverständlich fehlen auch Gastwirtschaften, die sich streng an die von der Kompanie vorgeschriebenen Tarife zu halten haben, nicht. Auf Kap Bredow ist eine Bake errichtet, die flache Stelle im Hafen durch Bojen markiert worden. Mit Kulturen und Versuchsplantagen hat man auch in der benachbarten Langemack-Bucht angefangen, wie Pferde, Rindvieh, Ziegen und Schafe eingeführt; alles gedeiht trefflich, und was die Hauptsache ist, auch die klimatischen Verhältnisse sind sehr befriedigend. Der Boden wird wie der Hafen allgemein gerühmt, kurzum alle Hoffnungen und Erwartungen, welche ich an diesen Platz knüpfte, sind so ziemlich erfüllt, zum Teil übertroffen worden, in der That eine Genugthuung, die mir der schönste Lohn ist für viele ernste und schwere Sorgen und anstrengende Thätigkeit. Auch die Mission hat ihr Werk begonnen. Am 12. Juli 1886 traf der lutherische Missionär Johann Flierl ein und gründete später die Station Simbang in der Langemack-Bucht, dem seitdem drei Kollegen deutscher Missionsgesellschaften (von Barmen und Neuendettelsau) folgten.

Und so wollen wir Finschhafen recht von Herzen eine allseitig glückliche Weiterentwickelung wünschen! »Was ist aber aus den Eingeborenen geworden? Die helfen wohl tüchtig mit arbeiten?« höre ich fragen. Nein, die sind der Mehrzahl nach ausgewandert, so z. B. die Bewohner der Dörfer Ssuam und Kedam in corpore. Hoffentlich werden bald nützlichere und brauchbarere Menschen ihre Plätze einnehmen: Ansiedler. Bis jetzt fehlt dieses wichtigste Element der Kolonisation noch ganz; aber bereits können Leute mit genügenden Mitteln Land pachten, auf fünf Jahre. Nun da wird hoffentlich bald der Anfang gemacht und damit erst die eigentliche Kolonie begründet werden. Möge diese Zeit bald anbrechen!

Geringe Kenntnis Neu-Guineas. — Schwierigkeiten ins Innere vorzudringen — sind nicht unüberwindlich. — Armut an Naturprodukten — bis jetzt kein Eldorado. — Schiffsverkehr in Mioko. — Arbeiterwerben. — S. M. Kreuzerkorvette »Marie«. — Unfall derselben. — Auf der Suche nach Steinkohlen. — Kriegszustand mit Neu-Irland. — Port Breton. — Trauriges Ende der französischen Kolonie. — Reminiscenzen an dieselbe. — Port Praslin. — Schwierigkeiten zu strafen. — Englisches Gebiet. — Erst durch Moresby erschlossen.

Während der »schwarze Kontinent«, Afrika, in den letzten Jahrzehnten nach allen Richtungen erfolgreich durchkreuzt wurde, blieb das Innere seiner östlichen Schwester, der mächtigen schwarzen Insel Neu-Guinea, so gut als unbetreten, und nur zu Wasser wurden bisher ansehnliche Distanzen zurückgelegt. So 1876 durch den kühnen Italiener d'Albertis, welcher den Flyfluß an 450 engl. Meilen weit mit einer Dampfbarkasse befuhr, und neuerdings auf dem Kaiserin-Augusta-Fluß, über dessen Entdeckung durch die Samoa ich noch zu berichten habe. Zu Land sind gegenüber anderen Erdteilen und Inseln nur unbedeutende Vorstöße zu verzeichnen. In dem am meisten explorierten Gebiete von Port Moresby an der Südostküste, gelangten unternehmende, meist vom Golddurst getriebene Pioniere, darunter auch unser Landsmann Karl Hunstein, nur bis in die Region des Owen-Stanley-Gebirges, in der Luftlinie gemessen, kaum weiter als 40 engl. Meilen von der Küste. Auf der äußersten Südostspitze überquerte der Reverend Chalmers die kurze Strecke von Südkap (Stacey-Island) bis Milne-Bai, während Dr. A. B. Meyer als der Erste den Isthmuszwischen der Geelvink-Bai und dem Golf von Mac Cluer kreuzte, jener schmälsten Stelle der ganzen Insel, deren Breite hier kaum mehr als 5 Seemeilen beträgt. Wir kennen also noch heut ungefähr nur die Küsten Neu-Guineas, und auch mit der Erforschung dieser hat es lange genug gedauert, wenn man bedenkt, daß über 360 Jahre seit der Entdeckung Neu-Guineas durch den Portugiesen de Meneses (1526) verflossen. Man war stets geneigt diese geringen Erfolge den besonderen Schwierigkeiten, welche gerade Neu-Guinea wegen seines mörderischen Klimas und seiner wilden blutdürstigen Bevölkerung bieten sollte, zuzuschreiben, indes sehr mit Unrecht. Das Klima hat sich im ganzen nicht schlechter als anderwärts in den Tropen erwiesen, und die gefürchteten Eingeborenen sind auch bei weitem besser als ihr Ruf, sie haben sich fast überall da, wo sie von dem verderblichen Verkehr mit Weißen unberührt blieben, als harmlose Menschen gezeigt. Die Hauptschwierigkeiten eines tieferen Eindringens zu Land liegen weder im Klima noch den Eingeborenen, sondern ganz wo anders: einfach in dem Mangel an landeskundigen Führern und ganz besonders Trägern, und sind noch genau dieselben geblieben als vor 300 Jahren. Die Schuld daran trägt hauptsächlich die Isoliertheit der Bevölkerung! Die Bewohner der Küsten, ohne andere Stammeszusammengehörigkeit als der kleinerer Dorfgemeinden, schon in Entfernung von oft nur wenigen Meilen in ganz verschiedene Sprachen zersplittert, fast in steter Fehde lebend, wagen sich über das engbegrenzte Gebiet der ihnen befreundeten Dörfer nicht hinaus und kennen mit Ausnahme gewisser durch Kanufahrten in Verkehr stehender Küstenpunkte ihr Heimatsland am wenigsten. Mit dem Inneren besteht kaum Verbindung, ja es fehlen sehr häufig selbst Pfade, und da Neu-Guinea vorherrschend dichtbewaldetes Gebirgsland ist, so ergeben sich schon daraus gewaltige Hindernisse. Wer wie ich selbst an der Südostküste Neu-Guineas, in bekannten Gegenden, mit großen Schwierigkeiten kaum 15 M. weit ins Innere gelangen konnte, wird diese Verhältnisse am besten zu würdigen wissen und sich damit trösten können, daß selbst besonders begünstigte Reisende, wie z. B. Chalmers, kaum mehr als noch einmal soweit vordrangen. N. von Miklucho-Maclaykam während eines fünfzehnmonatlichen Aufenthaltes in Astrolabe-Bai nicht über das Litoral hinaus. Und warum? Überall die nämliche alte Geschichte: die Eingeborenen fürchten sich, weiter als bis zu den nächsten Dörfern, selten mehr als eine Tagereise mitzugehen und sind als Träger, weil ungewohnt mit dieser Beschäftigung oder zu faul, wenig wert. Größere Reisen in das Innere werden sich daher nur mittelst importierten, geschulten Trägerpersonals ausführen lassen und mit einer Ausrüstung, wie sie bisher keine der vielen Expeditionen aufzuweisen hatte. Wer über Mittel verfügen könnte, wie seiner Zeit Stanley in Afrika, dem würde es auch in Neu-Guinea an Erfolg nicht fehlen, und die Zeit ist hoffentlich nicht fern, wo diese Erfolge thatsächlich erzielt werden. Ein »Neu-Guinea-Stanley« wird sich schon finden, wenn erst der »Neu-Guinea-Bennett« da ist, welcher das Geld dazu hergiebt. Denn das bleibt schließlich die Hauptsache, wenn auch längst nicht soviel Mittel erforderlich sein würden als bei jener ewig denkwürdigen Riesentour durch den schwarzen Kontinent. Wie weit selbst ein Einzelner in Neu-Guinea ungefährdet vorzudringen vermag, das hat Karl Hunstein am besten bewiesen, der nur von einem Südseefarbigen begleitet in die Rhododendron-Region des Owen-Stanley[56]gelangte und hier mehrere Wochen mit Sammeln von Vogelbälgen, darunter herrlichen neuen Paradiesvogelarten, zubrachte. Freilich gehört dazu ein mit Land und Leuten so gut bekannter Mann als Hunstein, der unter den ersten Goldsuchern am weitesten eindrang und mit zu den besten Pionieren Neu-Guineas zählt. Freilich, die Gebirge, die Gebirge! Sie werden stets gewaltige Hindernisse bieten, würden aber bereits überwunden worden sein, wären Schätze zu holen gewesen. Wenn kühne Männer zuerst in die Wildnis der Felsgebirge und anderer unwirtlichen Gegenden eindrangen, so fanden sie ihre Anstrengungen durch die Ausbeute an wertvollen Pelztieren, später Erzen reichlich belohnt, aber Neu-Guinea bietet ja in der Tierwelt nichts als Paradiesvögel, die trotz ihrer Federprachtdoch nur wissenschaftlichen Wert haben. Der Mangel an lukrativen Naturprodukten ist es eben, welcher Neu-Guinea so lange verschlossen hielt, und wir würden ganz anderen Verhältnissen dort begegnen, wenn der Goldreichtum wirklich gefunden worden wäre, von welchem heut noch so viele träumen. Namentlich in Queensland wird Neu-Guinea als das wahre Eldorado betrachtet, und nicht bloß auf das »we know it« des Reverend Mac Farlane hin, sondern von professionellen Goldgräbern, die ja im Geiste immer die größten Erwartungen hegen. Nun, die Zeit wird ja lehren, ob diese bis jetzt nur schwach begründeten Hoffnungen[57]sich verwirklichen!

Ich hatte selten in einem Südseehafen eine so große Anzahl von Schiffen gesehen als bei unserer Rückkehr nach Mioko. Vier Fahrzeuge lagen zu Anker, aber in einer Weise, die selbst dem Laien ungewöhnlich erschien. Da mußte etwas Besonderes vorgehen, und so verhielt es sich auch. Man war nämlich beschäftigt ein Schiff zu heben, einen kleinen Kutter von 50 Tons, der infolge von Altersschwäche nicht mehr schwimmen, sondern absolut sinken wollte. Das geschah denn auch und zwar glücklicherweise unmittelbar vor der Station, in wenig tiefem Wasser. Es gelang daher den Trotzkopf zu bändigen und heraufzuholen, der jetzt wahrscheinlich wieder lustig auf den Wellen tanzt; hatte er doch erst 34 Jahre! mitgemacht. Eine solche Flotte von Handelsschiffen unter deutscher Flagge, die damals selbst in Sydney zu den Ausnahmen gehörte, konnte dem Unkundigen wohl imponieren und ihm Respekt vor dem deutschen Handel in jenem entlegenen Südseewinkel einflößen. Aber es war nur ein größeres Schiff aus Deutschland darunter, welches noch viel Kopra hätte laden können, wenn sie eben vorhanden gewesen wäre; die anderen Fahrzeuge waren nur kleine Kutter und Schuner von 50–60 Tons. Sie dienen dazu Kopra von den Küstenplätzen zusammenzuschleppen, was oft bedeutende Schwierigkeiten hat, zeitweis gar nicht möglich ist, oder sind im Werbegeschäft thätig, da Mioko dasCentraldepot für Samoa ist. Von hier aus wurden 1883–84 allein aus Neu-Britannien und Neu-Irland 700 angeworbene Arbeiter nach dort verschifft. Der Schuner Ninafou[58]gehörte zu diesen Werbeschiffen und war eben von einer Reise aus dem Nordwesten zurückgekehrt, hatte aber im Rekrutieren wenig Glück gehabt. Zwanzig Eingeborene waren das ganze Resultat einer elfwöchentlichen Kreuzfahrt, und der Kapitän, welcher für jeden angeworbenen Arbeiter fünf Dollar Prämie erhält, schien wenig zufrieden damit. Aber die Verhältnisse haben sich eben überall verschlechtert. Das Rekrutieren ist immer schwieriger geworden, da die Eingeborenen nicht mehr weg, und weder nach Queensland noch nach Samoa, gehen wollen, was man ihnen ja auch im Grunde genommen nicht verdenken kann. Auch die neuen Ankömmlinge mit der Ninafou, Eingeborene von den Admiralitäts-Inseln, Hermites und Gott weiß woher, schienen die Bedeutung ein Kreuzchen auf ein Stück Papier gekritzelt zu haben, welches sie drei Jahre von ihrer Heimat reißt und zur Arbeit zwingt, erst jetzt einzusehen, denn von den zwanzig liefen gleich sieben weg. Nun, Mioko ist eine kleine Insel, da können sie nicht weit kommen und schließlich giebt es ja auch Handschellen. Das ist freilich ein durchaus neues Gerät für Eingeborene, welche die ersten Weißen wie das Mädchen aus der Fremde betrachten, das jedem eine Gabe in Gestalt von Glasperlen, Kaliko und Tabak mitteilt. Ja, das anscheinend so uneigennützige Schenken und Hätscheln der Eingeborenen hört gar bald auf, wenn sie erst das verhängnisvolle Kreuzchen, ihre erste und einzige Schreibprobe, gemacht, oder wie es in der Werbersprache heißt, »gezeichnet« haben. Die weiß-schwarze Fraternité hat plötzlich einen Riß bekommen, und statt des freundlichen »come on, my good fellow« heißt es plötzlich: »work! you nigger!« Freilich Leute, welche die Südsee nie gesehen haben, die nur »die Knute der amerikanischen Baumwollenbarone«nach Tante Stowe kennen, die wissen über solche Verhältnisse am besten zu schreiben und zu sprechen; die denken nicht an Handschellen und was sonst Häßliches mit der »Labourtrade« zusammenhängt. Wer aber selbst, irgendwo in der Südsee, Eingeborene, die rechte Hand an die linke, in Handschellen paarweis, wie siamesische Zwillinge, aneinander gekettet umhergehen sah, nicht für einen Tag sondern wochenlang, der wird so recht an Onkel Toms Hütte erinnert worden sein. Handelte es sich doch nicht um Verbrecher, sondern nur um Ausreißer oder nach unseren modernen Begriffen um Leute, die sich ihrem Dienstverhältnis zu entziehen versuchten, was bei uns ja wohl nur eine Ordnungsstrafe nach sich ziehen würde.

Die vielen Schiffe, zu denen bald darauf noch S. M. Kreuzerkorvette Marie, Kommandant Kapitän z. S. Crokisius, einlief, nutzten uns übrigens in Bezug auf die so nötige Briefbeförderung nichts, und so blieb nichts anderes übrig, als selbst nach Cooktown, dem nächsten, ca. 1000 Meilen entfernten, australischen Hafen mit Post- und Telegraphenverbindung abzudampfen. Die Samoa wurde also so rasch als möglich seeklar gemacht, und wir begaben uns wieder auf die Reise, diesmal in hoher Gesellschaft, denn wir liefen mit der Marie zugleich aus. Im freien Fahrwasser des Georgs-Kanal nahmen wir Abschied, Hüte und Tücher wurden geschwenkt, die Flaggen senkten sich dreimal zum Gruß und die »Marie« dampfte Matupi zu, während wir unseren Kiel nach Süden wendeten. Ein gar herrlicher Anblick so ein stattliches Kriegsschiff von mehr als 2000 Tons und einer Besatzung von mehr als zweihundert Mann an Bord! Wie klein und unbedeutend erschien die »Samoa« neben diesem Riesen! Aber auch einem so stolzen Fahrzeuge drohen die heimtückischen Bauten der Korallentierchen mit Verderben, wie die Marie leider zu bald erfahren sollte: kaum eine Woche später saß sie auf dem Riff bei Nusa an der Nordwestspitze von Neu-Irland. Eine plötzlich aufspringende schwere Böe hatte das stolze Schiff[59]gerade beim Passieren der engen Nissel-Durchfahrt,in dem ohnehin gefährlichen Fahrwasser, auf das Riff getrieben, und nur unter den größten Anstrengungen gelang es, dasselbe abzubringen und vom Untergange zu retten. Freilich war es arg beschädigt, der Hintersteven und das Ruder geknickt und verbogen. Aber alle die Schäden wurden nach harter zweimonatlicher Arbeit soweit repariert, daß das Schiff die Reise nach Sydney fortsetzen konnte, eine Leistung unserer Marine, auf die wir stolz sein dürfen und welche seitens der englischen die vollste Anerkennung fand.

Ich hatte Nachricht über das Vorkommen eines reichen Kohlenschiefers in Port Breton an der Südspitze von Neu-Irland erhalten und beschloß hier vorzusprechen, um mich von der Wahrheit zu überzeugen, an der ich allerdings starke Zweifel hegte. Aber mir lag die Analyse dieses Kohlenschiefers von einem Professor in Sydney vor, und jedenfalls war die Sache umsomehr der Untersuchung wert, als es sich nur um einen kleinen Abstecher handelte. Wir sollten also den Schauplatz der Thaten des Marquis de Rays oder vielmehr seiner schwindelhaften Kolonisationsversuche kennen lernen, da er selbst ja nie dieses Land der Verheißung betrat. Der Herr Reichskommissar hatte freilich ernste Bedenken gegen einen Besuch jenes Platzes, wo die Hyäne erst vor kurzem zu strafen versuchte, denn er fürchtete, wir könnten infolge dieses Vorfalles von den Eingeborenen überfallen werden. Aber ich kannte die letzteren doch besser und wußte, daß der Rauch der Samoa genügen würde, sie schleunigst in die Berge zu jagen. Da war auch wenig Aussicht den gefürchteten Häuptling »Wallace« zu erwischen, dessen Inhaftnahme für das deutsche Reich wichtig sein sollte! Denn wir lebten ja mit Neu-Irland in Krieg, was die wenigsten gewußt haben werden; hörte ich doch selbst zu erstenmale von dieser bedenklichen politischen Lage. Aber die Samoa konnte es auch ohne Kanonen mit ganz Neu-Irland aufnehmen, deswegen brauchte ich mir keine Sorge zu machen; so dampften wir denn dem Feinde ruhig in den Rachen. Dieser Teil der Küste Neu-Irlands ist womöglich noch weniger versprechend als die nordwestliche, welche wir bisher kennen lernten. Nichts als steile,ziemlich hohe Gebirgsrücken, vom Fuße bis zum Scheitel dicht bewaldet, zuweilen etwas unterwaschenes Felsufer, selten schmaler Sandstrand, nirgends Kokospalmen oder andere Anzeichen menschlicher Siedelungen, das ist der Charakter dieser Küste. Port Breton ist um kein Haar besser und schlechter als Likelike (Lavinia-Bai), wo ich 1880 die letzten Reste der ersten französischen Expedition antraf. Zwei unbedeutende Einbuchtungen, von Carteret schon 1767 entdeckt und Irish- resp. English-Cove benannt, von den Erfindern des »Nouvelle France« aber in »Baie Française« und »Port St. Joseph« umgetauft, bilden den sogenannten Hafen Breton. Wir gingen nicht ohne Mühe vor Anker, da der Grund sehr unklar ist und ein Schiff kaum Raum zu schwingen hat, so daß es am besten gleich an den Uferbäumen festlegt. Durch die im Süden vorgelagerte Wallis-Insel (Lombom) wird der Ankerplatz übrigens vollständig geschützt.

Auch diese Insel ist hoch, dichtbewaldet und besteht wie die Küsten des Festlandes aus Korallfels, gehobenem Meeresboden, denn ich bemerkte an den Felswänden, weit höher als der Meeresspiegel, tote Austernbänke. Das sah wenig nach Kohlen aus! Von Maragano, »au Roi de Lam-Boum«, kaufte Kapitän Rabardy im Jahre 1882 ganz Neu-Irland, obwohl der Marquis schon drei Jahre früher 600000 Hektaren dieses Landes in Europa verkauft hatte und dasselbe später noch einmal in Manilla zu versilbern versuchte. Der Preis einer Hektare Landes oder vielmehr Steingerölls war von 5 Francs inzwischen auf 50 und höher gestiegen. Wir befanden uns also in dem berüchtigten Port Breton, der einstigen Hauptstadt Neu-Frankreichs, wo so viele Vermögen, Gesundheit, ja das Leben eingebüßt hatten. Die Emigranten, welche mit der vierten Expedition 1881 von Barcelona aus hinausgingen, gehörten zu einer ganz anderen Klasse von Leuten als die der vorhergehenden, die, zum großen Teil Abenteurer, sich längst in alle Winde verstreut hatten. Jetzt kamen gut situierte Leute heraus mit der festen Absicht, unter dem Banner des souveränen Marquis, für sich und ihre Familien eine neue Heimat zu gründen. Da finden wir unter anderen Herrn Tilmont mit Frau, vier erwachsenen Töchtern und zwei Knaben, der sein Vermögen von 25000 Francsflüssig gemacht hatte, wie in gleicher Weise die Familie Pitoy und soviele andere, die alle hier ein ungestörtes und behagliches Dasein zu finden hofften. Vater Pitoy studierte auf der Karte stillvergnügt sein neues Besitztum von 700 Hektaren. Es sollte nach seiner Heimatsstadt »Nancy« genannt werden, das kleine kühle Wässerchen »Moselle«! Ach, welche Enttäuschung für diese armen Leute, als sie nun endlich im gelobten Lande anlangten und ringsumher nichts als steile dichtbewaldete Berge erblickten! Da mag manchem das Herz gesunken sein, schon im Gedanken an Frau und Kinder, und für viele sollten sich diese Befürchtungen nur zu rasch erfüllen. Vater Pitoy fand unter seinen siebenhundert Hektaren Land nicht einen Daumen breit kulturfähiges, und den übrigen ging es nicht besser. Sie waren eben alle in der schändlichsten Weise betrogen worden, und Kummer und Elend, unterstützt von Fieber, raffte gar viele dahin, denen es daheim an nichts fehlte. Der brave Pitoy und seine Frau starben; ihre drei hilflosen Waisen blieben zurück, anderen erging es noch schlimmer, und die Feder sträubt sich niederzuschreiben, wie weit sich durch den Tod ihrer Angehörigen verlassene und alleinstehende Frauenspersonen erniedrigen mußten, nur um das bißchen Leben zu fristen. Und der Mann, welcher alle diese Leichtgläubigen verführt und ins Unglück gestürzt hatte, was wurde ihm dafür? Als die französischen Gerichte den Schwindler endlich erwischten, verurteilten sie ihn, nicht zum Galgen oder auf die Galeere, sondern er kam mit sieben Jahren Gefängnis davon, das war alles!

Ich ging wohlbewaffnet mit Kapitän Dallmann an Land, um nach dem Kohlenflötz zu forschen, das hier an einen mir näher bezeichneten Platz zu Tage treten sollte, aber unser Forschen war vergeblich. Die Kohlen, welche jener Analyse zu Grund lagen, mochten allerdings von hier, aber aus von den Franzosen zurückgelassenen Vorräten stammen. Das Flötz selbst existiert ebensowenig als die famose »Mine de cuivre« der Karte von Port Breton, welche im Journal »La Nouvelle France« publiziert wurde, jenem schwindelhaften Organ des Marquis, welches durch seine pomphaften Ankündigungen so viele Opfer auf den Leim lockte. Da ist neben zahlreichen Baulichkeitenund kultiviertem Terrain eine »Route carrossable«, ein »Parc à bestiaux« verzeichnet, aber alles existierte eben nur auf dem Papiere. Die fahrbare Straße erwies sich als ein schmaler Eingeborenenpfad; der Tierpark als ein kleines an der Bachmündung angeschwemmtes Inselchen, auf dem keine Ziege leben konnte und für ein »Plateau à défricher« ist überhaupt nirgends Platz vorhanden. Denn unmittelbar hinter dem kaum ein paar Tausend Schritt breiten Ufersaum steigen gleich die steilen Berge empor. Auch das kleine Flüßchen, welches man jetzt überall durchwaten konnte, windet sich bald durch Berge, und nirgends ist eine Spur jenes herrlichen Thales vorhanden, von welchen mir der Kapitän Rabardy, »Gouverneur provisoire« 1881 in Matupi erzählt hatte. Hier waren die Kaffeeplantagen projektiert, zu deren Anlage der »Genil« einige kümmerliche Pflänzchen mitbrachte, während die Wasserkraft des Bächleins, welche der sanguine Franzose auf 700 Pferdekraft schätzte, allerlei gewerbliche Anlagen treiben sollte. Wie schnell die gewaltige Fruchtbarkeit der Tropen, selbst in dem schlechten, mit Koralltrümmergestein besäten Boden von Port Breton, die Spuren des Menschen verwischt! Kaum mehr als zwei und ein halbes Jahr waren verflossen, und nur mit Mühe ließen sich einzelne Rudera der früheren Herrlichkeit entdecken. Niemand würde geglaubt haben, daß hier einmal eine Ansiedelung von ein paar Hundert Weißen bestand. Von der »Débarcadère« waren noch einige Pfähle vorhanden, sonst fanden wir nichts als etliche Bretter, Scherben, eine eiserne Trommel und die Sohle nebst Absatz eines einst eleganten Damenschuhs, den ich zum Andenken mitnahm. Welcher reizenden Französin mochte er angehört haben? Und welche Leidensgeschichte würde er erzählen können? Vielleicht ruhte die Trägerin auf dem Kirchhofe, von dem sich keine Spuren mehr erkennen ließen, da auch hier die üppige Vegetation der Tropen alles überwuchert hatte. Keine Tafel, kein Stein mit einem Kreuz bezeichnet mehr die Stelle, wo so viele brave Leute, fern von der Heimat, in Trübsal, Hunger und Elend ein frühes Grab fanden, verdorben und vergessen wie Port Breton, dessen traurige Geschichte für viele neu und nicht uninteressant gewesen sein dürfte.

Wir hatten bei unserer Landtour nur Fußspuren der Eingeborenen und eine kleine Taroplantage gesehen; als wir aber durch die Straße von Lombom dampften, ruderte ein Kanu eilig von der Insel nach dem Festlande, wo sich bald eine Anzahl Bewaffneter versammelten. Da wurden gewiß alle Vorkehrungen zu einem warmen Empfange getroffen und das Deck gefechtsklar gemacht? Ja, natürlich! Ich bewaffnete mich mit einem langen Fetzen roten Zeuges und rief so kräftig, als es meine Lungen erlaubten, nach Marango, dem Könige von Lombom, und dem gefürchteten Häuptling Wallace. Sie hüteten sich wohl der freundlichen Einladung zu folgen und beschränkten sich darauf, außer Schußweite mit ihren Speeren und Keulen zu fuchteln. Eine Kugel aus einem Winchester würde die Gesellschaft schnell auseinandergebracht haben. Aber vor mir waren sie sicher, ich habe niemals auf Eingeborene geschossen. Ja, ich würde auch den braven Wallace gut behandelt, ihm vielleicht ein Stück Tabak und dergleichen gegeben und gesagt haben: »Wallace dear! you no kill white men! bye and bye me make you all same« d. h. töte keinen Weißen, sonst machen wir es so: Pantomime des Aufhängens! Von dem durch die »Hyäne« zerstörten Dorfe sahen wir übrigens kaum eine Spur mehr, dagegen fanden wir die Übelthäter der Mioko lustig in dem nahen Port Praslin angesiedelt, sie gaben aber gleich Fersengeld. In solchen Lokalitäten vermag freilich kein Kriegsschiff etwas auszurichten, ja es kann selbst für Bewaffnete gefährlich werden, den Eingeborenen in das Dickicht dieser Berge zu folgen, in denen sich nur der Sohn der Wildnis behend zu bewegen weiß. Mit Strafexpeditionen hat es daher seine Schwierigkeiten; sie verlaufen meist wie vor 300 Jahren, als Don Pedro Sarmiento, der General von Mendana, die Eingeborenen der Salomons züchtigen wollte. Schon damals flüchteten sie unerreichbar in das Dickicht, und der General mußte sich, wie dies noch heute geschieht, mit Abbrennen und Vernichten der Siedelungen begnügen.

Von Kap St. George, der Südspitze Neu-Irlands, suchten wir einen südlichen Kurs zunächst nach der Gruppe Kirvirai oder dem Trobriand der Karten, da ich den östlichen Teil des Englischen Gebieteskennen lernen wollte, über welches wir nur durch Kapitän Moresby unterrichtet waren. Ihm ist (1873–74) die Aufnahme der Küste von Heath-Insel bis Huon-Golf, in der Luftlinie auf eine Strecke von 340 Meilen, zu verdanken, die bis dahin nur an ein paar Punkten von d'Entrecasteaux (1793) und Simpson (1872) gesichtet wurde. Durch Moresby erfuhren wir zuerst, daß nicht Südkap das äußerste Ende Neu-Guineas ist, sondern daß die Ostspitze eine ganz andere Konfiguration hat, wie sich am besten aus einer Vergleichung seiner Karte mit den früheren ergiebt. In der That, wohl keine Expedition hat soviel zur besseren Kenntnis von Neu-Guinea beigetragen, als die des »Basilisk« unter Kapitän (jetzt Admiral) Moresby und seiner trefflichen Offiziere.

Wir werden im folgenden den größten Teil dieses Gebietes kennen lernen, wohin ich drei verschiedene Reisen mit der Samoa unternahm, die nicht allein dem bloßen Besuche bei unseren Nachbarn, sondern auch anderen, wichtigeren Zwecken galten, denn damals hatte England sein Protektorat nur bis Ostkap erklärt. Um Wiederholungen zu vermeiden, gebe ich die Erlebnisse dieser verschiedenen Reisen hier vereint.

Kartographische Unkenntnis. — Längs der Westküste. — Eingeborene. — Eigentümlichkeiten derselben. — Haifischfang. — »Kaikai«. — Riesen-Yams. — Kanus. — Lagrandiere. — Otto Riff. — Lusancay-Lagune.

Schon in der Frühe des zweiten Tages seit unserer Abreise von Port Breton wurde Land gesichtet, dichtbewaldete, niedrige Inseln wie lange Waldstreifen, über welche die Karte nur sehr ungenügend Auskunft gab. Denn so wie Trobriand vor fast 100 Jahren von d'Entrecasteaux auf der Karte eingetragen wurde, so findet es sich heute noch verzeichnet, d. h. nur punktiert. Und doch ist die Hauptinsel Trobriand nicht unbedeutend, denn ihre Länge beträgt 20 bis 25Meilen. Wir gingen an der Westseite herab, an welcher ein guter Ankerplatz sein soll, konnten denselben aber nicht finden, weil der Kapitän noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder in freiem Fahrwasser sein wollte, da es an Riffen hierherum eben nicht mangelt. Der Grund weshalb diese schöne Insel den weißen Mann bisher nicht reizte, war angesichts derselben sehr leicht zu begreifen und besteht in dem Mangel von Kokospalmen. In der That erblickten wir auch nicht eine Palme, obwohl solche gewiß vorkommen; nichts als dichter Urwald säumte gleich einem Gürtel ununterbrochen das Ufer, welches zuweilen aus kahlem Fels, seltener aus Sandstrand besteht. Aber hinter diesem Urwaldsgürtel befindet sich ausgedehntes, fruchtbares Land, in welchem die Eingeborenen ausgezeichneten Yams zeitigen, jenes stärkemehlhaltige Knollengewächs, welches in diesem Teile der Tropen die Kartoffel ersetzt. Trobriand wird daher zuweilen von kleinen Handelsfahrzeugen besucht, die hier in der günstigen Jahreszeit in wenigen Tagen eine ganze Ladung einhandeln können, wie mir aus meinen früheren Erfahrungen von Neu-Britannien her wohlbekannt war.

Wir hatten uns der Nordwestspitze der Insel kaum genähert, als sich schon Kanus mit Eingeborenen zeigten, die trotz der Brandung und dem hohen Seegang abkamen und nicht lange darauf den Dampfer umlagerten. Das waren gar eigentümliche Gesellen, die dem Anthropologen Kopfzerbrechen machen konnten. Nach dem vorherrschend schlichten Haar mußte man sie als Ozeanier ansprechen, aber es gab auch Individuen mit melanesischen Wollköpfen, ja Haarwolken, und man zieht sich am besten aus dieser verzwickten Frage heraus, wenn man die Trobriander für eine Mischlingsrasse erklärt. Dafür sprach auch die erhebliche individuelle Verschiedenheit in der Physiognomie, wenn auch hier ozeanischer Typus vorzuherrschen schien. Die Leute waren übrigens nicht dunkler als z. B. die Gilberts-Insulaner, aber so helle Papuas findet man überall.

Sie trugen in eigentümlicher Weise ein breites Stück Pandanusblatt zwischen den Schenkeln durchgezogen, das wulstartig in einem dicken Leibstrick befestigt war. Vielen genügte indes hinter- undvorderseits ein Blatt in dem letzteren befestigt als Bekleidung. Der übrige Körperschmuck war gleich Null: Halsstrickchen, geflochtene Armbänder, hie und da ein Reif aus Schildpatt im Septum. Es gab demnach wenig einzuhandeln, dieses Wenige war aber sehr interessant. So runde, flache Holzschüsseln mit eingravierter Randverzierung, desgleichen Wasserschöpfer, kugelrunde Kalkkalebassen in äußerst schwungvollen, eingebrannten Mustern ornamentiert, besonders schöne Fischnetze und hölzerne Schilde in ganz eigentümlicher Form und kunstvoller Bemalung, wie sie Fig. 2 Taf. XII des Ethnologischen Atlas zeigt. An Waffen besaßen die Insulaner außerdem nur noch Speere, zum Teil mit Schnitzerei verziert, sowie kurze, schwertartige Handkeulen (ganz wie Atl. XI, 4), darunter Exemplare aus Ebenholz, das auf Trobriand vorkommen soll. An den Schilden konnte man sehen, daß auch diese friedlichen Inselbewohner nicht immer in Frieden leben, denn in dem einen zählte ich nicht weniger als elf abgebrochene Speerspitzen. Eine Menge Gegenstände (z. B. die schönen Kalkkalebassen) werden jedoch von Woodlark-Insel eingetauscht, deren Bewohner mit ihren großen, seetüchtigen Kanus weite Handelsreisen unternehmen. Fischerei scheint übrigens ein Haupterwerb von Trobriand und namentlich der Fang von Haifischen betrieben zu werden. Dafür sprachen die großen, an anderthalb Fuß langen hölzernen Haken (T. IX, 9), welche die Eingeborenen nur sehr ungern weggaben. Man konnte an diesen Haken deutlich die Spuren der Zähne sehen, welche die Seeungeheuer zurückgelassen hatten, und die Eingeborenen wußten in sehr drastischer Weise pantomimisch die vergeblichen Anstrengungen des gefangenen Hai darzustellen, bis er endlich erschlagen wird. Zum Anlocken des Hais bedient man sich besonderer Rasseln, die aus einem hölzernen Reif bestehen, an welchem eine Anzahl halbdurchschnittener Kokosnußschalen befestigt sind, wie ich dieselben schon aus Neu-Britannien kannte.

Unsere eisernen Angelhaken, selbst die großen mit Kette versehenen Haifischhaken, machten übrigens keinerlei Eindruck auf die Eingeborenen, die nach ihrer Methode jedenfalls bessere Erfolge erzielen. Werfen doch selbst Europäer, welche lange in der Südseeleben, unsere Fischhaken beiseite und bedienen sich der der Eingeborenen.

Man konnte übrigens nicht bemerken, daß viele Schiffe hier vorsprechen, da die Eingeborenen weder Glasperlen noch sonst etwas von europäischen Erzeugnissen besaßen und selbst Rauchtabak nicht kannten und verlangten. Ihr ganzer englischer Sprachschatz bestand in den Wörtern: Tomihawk (Beil), knife (Messer) und beads (Perlen). Aber was sie hauptsächlich verlangten, war »Toke«, d. h. Hobeleisen oder Flacheisen, die ihnen lieber waren als Beile. Aus Glasperlen machten sie sich nichts, ebensowenig aus Zeug, und Spiegel flößten ihnen Furcht ein. Auch das Wort »Yams« kannten sie und »kaikai«! Wie mich das anheimelte! Es ist dies ein aus Ostpolynesien stammendes Wort, das sich durch Schiffsverkehr bis Neu-Britannien verbreitet hat, und der erste Ausdruck, welchen der Kanaker im Verkehr mit Weißen oder umgekehrt, lernt, denn es bedeutet »essen«! Wie oft hatte ich dieses »kaikai« gehört! Dort suchen z. B. Weiber häßliche, schwarze Sumpfschnecken; man fragt wozu: »kaikai«; hier bringt ein Junge einen widerlichen Tintenfisch und sagt vergnügt »kaikai«, ein anderer streichelt eine Buschratte mit »kaikai«, unter »kaikai« werden große Käferlarven aus mulmigem Holz ausgegraben, und als ich mich einst in Neu-Irland nach einem Menschenschädel erkundigte, der an einem Baumaste hing, riefen alle schmunzelnd »kaikai«! Ja, dieses »kaikai« ist charakteristisch, aber in Neu-Guinea nicht bekannt.

Von Yams brachten die Leute übrigens eine Menge an, darunter wahre Riesenexemplare von 12 bis 17 Pfund Schwere und fast sechs Fuß Länge. Danach zu urteilen, muß die Insel äußerst fruchtbaren Boden besitzen. Auch Pandanus und Bündel großer Bananen wurden zum Kauf angeboten, aber keine Kokosnüsse, obwohl dieselben vorkommen, wie die Wassergefäße und Körbe zeigten. Interessant für den Ornithologen waren lebende Exemplare des grünen Papageis (Eclectus polychlorus) und einer eigenen kleinen Kakaduart mit gelber Haube (Cacatua Trobriandi, Finsch).

Jedenfalls ist die Insel bisher von Werbeschiffen verschont geblieben, denn die Eingeborenen kamen ohne Scheu an Bord, wennauch mit Widerstreben in die Kajüte. Aber man mußte vor ihren Fingern auf der Hut sein, wie ich erst bemerkte, als ich denselben Wasserschöpfer zum zweitenmale kaufte. Ja, Diebsgelüste scheint einmal in der ganzen Menschheit zu stecken. Die Leute waren zwar recht laut und lärmend, wozu ein eigentümliches Bellen als Zeichen der Verwunderung nicht wenig beitrug, aber durchaus harmlos. In der Begrüßung zeigten sie sich zu meiner Überraschung als »Nasenreiber«, was wiederum für Polynesien spricht, ethnologisch zwar sehr interessant, aber in der Praxis nicht gerade ganz angenehm ist. Ich spielte daher lieber den Dummen, denn ich wußte aus Erfahrung, daß die Sache kein Ende nimmt, wenn man erst mit einem auf diese Weise Brüderschaft gemacht hat.

Zu den ethnologischen Eigentümlichkeiten gehörte übrigens auch die besondere Bauart der Kanus, sowie die Form der Ruder, im übrigen stimmten die meisten Gegenstände, auch die Bekleidung mit denen überein, wie wir sie in den d'Entrecasteaux und an der Ostspitze Neu-Guineas kennen lernten. Jedenfalls wird Trobriand von Normanby, Welle und Woodlark-Insel aus besucht, da die Trobriander wohl selbst keine Handelsreisen unternehmen. Schon ihre Kanus ohne Segelgeschirr sind für größere Seefahrten ungeeignet. Einige derselben waren an den Schnäbeln mit Schnitzerei verziert, wovon der Atlas (T. VII 6) eine Probe giebt. Das Wort »Kirvirai«, wie bei den Eingeborenen die Insel heißen soll, kannte übrigens keiner, und ich habe den Namen derselben überhaupt nicht erfahren können, denn Kebole oder Kaibol bezeichnete offenbar nur das Heimatsdorf der Leute in den Kanus.

Wir gingen um Kap Denis an der Ostseite von Trobriand herab, die aus Steilufer besteht und für Schiffe unzugänglich scheint, wie Lagrandiere, das nur durch eine schmale Straße von der ersteren Insel getrennt wie eine Fortsetzung derselben erscheint und genau denselben Charakter zeigt. Wir wollten von hier einen westlichen Kurs nach der Küste von Neu-Guinea steuern, fanden aber unseren Weg durch ein Riff vorgeschrieben, dem wir über 30 Meilen bis fast zu den Amphlett-Inseln in südlicher Richtung folgten, und welchesunsere Navigateure Otto-Riff tauften. Es bildet die Südostgrenze der Lusancay-Lagune, nach Findlay der größten der Welt, die sich über drei Längen- und ein und ein viertel Breitengrad erstreckt. Dieses Riff ist bis heute noch ebenso unbekannt geblieben als die nördliche Grenze der Lagune, das Lusancay-Riff, welches die Karten nur nach den flüchtigen Aufnahmen von d'Entrecasteaux (1793) wiedergeben.


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