Siebentes Kapitel.Kaiser Wilhelmsland.

(S. 262.)Missionsstation Aroani.

(S. 262.)

(S. 262.)

Missionsstation Aroani.

Das Bekehrungswerk in Neu-Guinea ist bekanntlich in Händen der Londoner Gesellschaft, der größten und reichsten der Welt, die hier im Jahre 1871 die ersten Missionslehrer einsetzte. Jetzt verfügt sie über etliche dreißig, die in gewissen Gebieten der Südostküste, von Saibai bis Milne-Bai, in etwa 25 Stationen verteilt sind. Die Centralstation mit dem »Institute« zur Erziehung eingeborener Lehrer ist auf Erub (Darnley-Isl.), in der östlichen Torresstraße, unter der Leitung von ein bis zwei englischen Geistlichen, zwei andere residieren in Port Moresby, dem Centrum für Neu-Guinea selbst. Alle übrigen Stationen sind mit sogenannten Lehrern (teachers) besetzt, Südsee-Insulanern, die entweder von der Loyalitäts-Gruppe (Lifu und Maré) oder aus Ost-Polynesien (Savage-Island, Rarotonga u. s. w.) herstammen. Das Missionswerk hat diesen dunklen Sendboten unendlich viel zu verdanken und ihre Verdienste sind bei uns viel zu wenig bekannt. Sie waren und sind die eigentlichen Pioniere nicht nur der Mission, sondern der Civilisation überhaupt, die es wagten, sich als Erste unter sogenannten »Wilden« niederzulassen, die noch niemand kannte, mit denen niemand zu sprechen verstand, und von denen kein Mensch voraussehen konnte, welche Aufnahme den Fremdlingenzu teil werden würde. Wie dem Händler (Trader) ein notdürftiges Haus gebaut wird, in welchem man ihn mit einigen Vorräten und Lebensmitteln seinem Schicksale überläßt, bis das Schiff wiederkehrt, so machte es auch die Mission[65]. Während aber dem Händler schon die weiße Hautfarbe stets ein Übergewicht verleiht, fällt dieser Rassenvorteil beim farbigen Missionslehrer weg, denn der Eingeborene hat vor seinesgleichen, wenn auch in europäischer Kleidung, natürlich nicht den Respekt als vor dem weißen Manne. Die Geschichte der Missionsgründung in Neu-Guinea liefert den besten Beweis, daß es mit der so arg verschrieenen Wildheit der Papuas nicht so schlimm bestellt ist. Auch sie haben sich meist als Menschen gezeigt, indem sie die Fremdlinge, welche man auf unbestimmte Zeit ihrer Obhut anvertraute, nicht nur unbehelligt ließen, sondern dieselben hie und da noch unterstützten. Auch das Missionsschiff blieb zuweilen länger aus als erwartet, und die Lehrer waren mitunter lediglich auf die Eingeborenen angewiesen. Wenn es auch nicht an Bedrohungen fehlte, die selbst das zeitweilige Verlassen einer Station nötig machte, so verdient doch hervorgehoben zu werden, daß bei der Gründung der Mission nur auf Bampton-Insel, nahe der Mündung des Flyflusses zwei Lehrer zu Märtyrern[66]wurden, während die Tücke des Klimas eine Menge Opfer forderte. Diese Thatsache lautet gewiß sehr zu Gunsten der Eingeborenen und sollte in goldenen Lettern allgemein Anerkennung finden; aber wer spricht von den »Wilden« um sie zu loben? Wer das Wesen des Eingeborenen kennt, wird freilich wissen, daß dies gute Betragen nicht aus purer Humanität entsprang, sondern daß, wie so häufig im menschlichen Leben, Eigennutz die Triebfeder zu dieser Handlungsweise war. Schon der weiße Mann, welcher die fremden, braunen Gäste installierte, verlieh den letzteren in den Augen des Eingeborenen einengewissen Nimbus. Aber man wußte auch, daß das Schiff zurückkommen würde und fürchtete Bestrafung für etwaige Missethaten. Mehr als diese Furcht wirkte jedoch das Auftreten der Sendlinge selbst zur Anknüpfung guter Beziehungen. Sie waren ruhige Leute, welche die Eingeborenen nicht inkommodierten, und die letzteren fanden sich schon aus Neugierde beim Gottesdienst ein, der ihnen ja etwas durchaus Neues war. Bald erkannte der Eingeborene auch den praktischen Nutzen der Mission, die ihm zuerst eiserne Geräte, allerlei Tand, und ganz besonders Tabak zuführte und dem betreffenden Dorfe dadurch ein Übergewicht verschaffte. Der nüchterne, berechnende Kanaker-Vorstand fand schnell heraus, daß eine solche Zufuhrsquelle erhalten werden müsse, und man hütete sich daher wohl, die Gans mit den goldenen Eiern umzubringen. Die geringen Vorräte einer Missionsstation vermögen die Habsucht der Eingeborenen auch nicht in dem Maße zu reizen, wie dies gegenüber den viel reicheren Handelsstationen eintreten kann, um durch einen Handstreich auf einmal in den Besitz von Schätzen zu gelangen. Bald hatte die Mission hie und da durch den Einfluß eines Häuptlings unterstützt, die in Neu-Guinea meist wenig bedeuten, Freunde unter den Eingeborenen und gewann dadurch immer festeren Boden. Selbst entferntere Dörfer verlangten nach einem Missionär, um gleiche Vorteile zu genießen und darauf ist so häufig der »Schrei nach dem Evangelium« zurückzuführen. Diese Erfolge sind zum großen Teil den farbigen Lehrern zu verdanken, da die weißen Missionsleiter ja nur in längeren Zwischenräumen die über neun Längengrade ausgebreiteten Stationen besuchen können. Während die Mission bisher glücklicherweise keinen Europäer verlor, hat der Tod unter den eingeborenen Lehrern um so reichere Ernte gehalten, denn gar viele erlagen dem Klimafieber. Fern von der Heimat und ohnehin fatalistisch veranlagt, ist der energielose Kanaker viel weniger widerstandsfähig als der Europäer, ja mancher stirbt, weil er sterben will. Das klingt freilich paradox, ist aber wahr, und gilt auch für die braunen Sendboten des Evangeliums, die trotz ihres civilisatorischen Anstriches doch Kanaker blieben. Wenn so ein Menschplötzlich erkrankt und die Medizin, welche man ihm zurückließ, nicht bald hilft, dann hält er sich häufig für verloren, giebt sich selbst auf und unterliegt nicht selten einer Krankheit, die ein Europäer bei einiger Behandlung überwinden würde. Der Missionslehrer stirbt in vollem Gottvertrauen und in der Beruhigung eines gottergebenen Lebens, der Tod hat also keine Schrecken für ihn. In der That verdient die Selbstverleugnung dieser Leute die größte Anerkennung, denn sind sie auch meist von geringer Herkunft, so standen sie sich doch meist in ihrer Heimat besser. Mancher hatte hier ansehnlichen Besitz, andere lernten die Welt als Matrosen kennen, und für die wenigsten sind daher die zwanzig Pfund Sterling (400 Mark), welche ein Missionslehrer an Jahresgehalt empfängt, gleichwertig seiner früheren Lebensstellung. Aber das neue Amt verschafft ihm ein ganz anderes Ansehen. Früher gewohnt zu gehorchen, kann er jetzt kommandieren und sich zum Herrn und Gebieter einer Gemeinde aufschwingen, wie dies den meisten Lehrern sehr bald gelingt und wiederum für die gute Art der Eingeborenen spricht. Sie sind es, welche gegen geringes Entgelt in Tauschwaren das Feld mitbestellen helfen, das die Lehrerfamilie ernährt, die ja an Eingeborenenkost gewöhnt, nur wenig Bedürfnisse hat. Im Verein mit gelegentlichen kleinen Nebeneinnahmen sind sogar noch Ersparnisse möglich. Die farbigen Lehrer der Londoner Missionsgesellschaft stehen sich daher weit besser, als die der Wesleyaner im Bismarck-Archipel, die außer Kleidung (d. h. Lavalava oder Lendentücher) nur mit etwas Tabak und vier Pfund Glasperlen jährlich ihren Unterhalt zu bestreiten haben. Wenn gegenüber dem Aufwande an Mühe und Kosten, den Verlusten an Menschenleben und Gesundheit, die Bekehrungserfolge[67]auch keine großen sind, so läßt sich das segensreiche Wirken der Mission doch nicht verkennen und verdient volle Anerkennung. Eine Missionsstation ist stets ein Hort des Friedens, namentlich in solchen Gebieten,wo der Verkehr mit den Eingeborenen durch Weiße gestört wurde, deren Betragen nicht selten auch die Mission in bedrohliche Lage brachte.

(S. 266.)Vor der Kirche Aroani.

(S. 266.)

(S. 266.)

Vor der Kirche Aroani.

Ein Besuch auf der Insel Aroani zeigte das Leben und Treiben, wie es an jeder Missionsstation herrscht. Alles eilte herbei, um dem weißen Fremdlinge die Hand zu geben und ihn mit »denani« zu begrüßen; einzelne ließen wohl auch ein »good morning« und den leisen Wunsch nach Tabak einfließen, ohne eigentlich zu betteln. Eine Menge Wörter der hiesigen Sprache zeigte übrigens nahe Verwandtschaft mit dem Motu von Port Moresby. Es war gerade Sonntag, und jeder erschien im besten Staate, aber gerade daran konnte der Erfahrene merken, daß wir uns an einer entfernten Nebenstation befanden. Denn während am Sabbath in Port Moresby Kanakerinnen nicht selten in Kleidern mit Volants paradieren, mußten sie sich hier mit den landesüblichen Volant-Grasröcken begnügen. Nur wenige besaßen außerdem ein Kattunjäckchen oder ein Strohhütchen mit künstlichen Blumen, wie die possierlich ausstaffierten Mädchen in der lebensvollen Gruppe unserer Abbildung. Sie zeigt so recht den Gegensatz zwischen den Anfängen einer mit europäischem Plunder übertünchten Civilisation und der ursprünglichen Eingeborenentracht. Die letztere dürfte dabei als die vorteilhaftere erscheinen, da die rot und gelben Grasröcke, aus Blattfasern der Sagopalme, die braunen Gestalten in der That trefflich kleiden. Tätowierung ist in Milne-Bai nicht Sitte, und die damit verzierten Frauen unseres Separatbildes waren Gäste von Dinner-Insel. Die Vorderseite der Kirche giebt einen weiteren interessanten Vergleich christlicher und heidnischer Kunst, die ebenfalls zum Vorteil der letzteren ausfällt. Denn die skelettartige Karikatur über der Thür ist nur aus schwarz und weißgefärbtem Pandanusblatt verfertigt, hat also wenig Mühe gemacht, während wir in dem Aimaka auf Bilibili (S. 73) noch solide Holzbildhauerei kennen lernten. Und wenn ich hier auf die Decenz beider Darstellungen eingehen dürfte, dann hätte ich für beide drastische Bemerkungen zu machen. Die Kirche war im übrigen ein solider Pfahlbau, welchem ein mit Kerben versehener Baumstamm alsTreppe diente. Bald läutete der Lehrer zum Gottesdienst, dem einige 40 Eingeborene, meist weiblichen Geschlechts mit Kindern und Säuglingen, beiwohnten. Nach den Regeln der Londoner Mission wurde in der Landessprache geredet und gesungen, denn die Eingeborenen lernen Singen gar schnell. Im übrigen herrscht natürlich am Sonntage die Ruhe der englischen Kirche, welche den Missionszöglingen aber wenigstens das Rauchen gestattet. Die Londoner Gesellschaft ist überhaupt viel toleranter als z. B. die amerikanische in Mikronesien, welche nicht allein das Rauchen verbietet, sondern auch die Tracht der Eingeborenen durch allerlei Satzungen verändert und dadurch bald alle Originalität auslöscht. Was würde sie erst zu dem eigentümlichen Rauchgerät sagen, das ich nach langer Zeit zuerst hier wiedersah, und welchem der Eingeborene wahrhaft frönt! Es ist dies der an der ganzen Südostküste bekannte Baubau, hier Kirä genannt, ein langes Stück Bambu mit einem Loche. Das letztere dient zur Aufnahmeeiner kleinen mit Tabak gefüllten Blattdüte, einer Art Zigarette. Ist die letztere angezündet, so wird das Rohr voll Rauch gesogen, dann die Zigarette herausgenommen und aus dem kleinen Loch der Rauch eingesogen oder vielmehr verschlungen, wobei der Kirä von Mund zu Mund wandert. Ich darf versichern, daß diese Rauchmethode sehr wirkungsvoll ist, denn sie betäubt förmlich, aber kleine Kinder sind bereits daran gewöhnt, und der »Baubau« ist unzertrennlich mit dem Leben des Papuas der Südostküste Neu-Guineas verknüpft.

Kirärauchen.

Kirärauchen.

Das Haus des Lehrers war ein ähnlicher Bau als die Kirche und, wie diese, von Eingeborenen gemacht worden. Es enthielt im Inneren drei Abteilungen und außer selbstgefertigten Tischen und Bänken den üblichen Wandschmuck, Bilder aus London Illustrated News, Graphic, Modezeitungen u. s. w., sowie einige Kisten und Kasten, denn auch der Hausrat eines Missionslehrers ist meist sehr bescheiden. Aber Diën baute an einem neuen Wohnhause, das sehr gut zu werden versprach. So wurden die Wände außen mit Kalk (aus Korallen gebrannt), verputzt und sollten innen tapeziert werden und zwar — mit Segeltuch, was sich freilich schon der Kosten wegen unausführbar erwies.

Aroani, zum großen Teil von Mangrove-Lagunen eingeschlossen, mit schlechtem korallinischem Boden, ist jedenfalls sehr ungesund. Aber ich erstaunte, trotz des kümmerlichen, korallbesäten Erdreiches so gute Plantagen zu finden. Außer den üblichen Feldfrüchten Yams, Taro, Bananen und Zuckerrohr wurden auch Kürbisse, Wassermelonen und Mais angebaut; alles schien trefflich zu gedeihen, bis auf die wenigen jungen Kokospalmen.

Lieblicher Vogelgesang, eine Seltenheit in den Tropen, den ich schon von Bord aus gehört hatte, und der mir mit seinen nachtigallähnlichen Strophen durchaus neu war, reizte den Urheber zu erlangen. Bald war er in meinen Händen, ein unscheinbares Vögelchen, Ptilotis sonoroides, das bisher nur auf Waigiu und Mysol beobachtet wurde. Sonst erlangte ich nur noch wenige Kleinvögel, denn die großen Fruchttauben waren zu scheu, und so mußte ich mich mit der kleinen Ptilinopus aurantiifrons begnügen, einem jenerreizenden, kleinen Täubchen, welche Neu-Guinea in so überraschender Fülle und Farbenpracht eigen sind.

Milne-Bai bildet eine an 20 Meilen lange und ca. 10 breite Einbuchtung im Ostende Neu-Guineas, deren Nordrande wir bis über die Hälfte folgten, um dabei ein Kopragebiet von seltenem Reichtum kennen zu lernen. Das Vorland an dieser Seite der Ostkap-Halbinsel ist viel ausgedehnter als an der nördlichen und zeigt stellenweis förmliche Wälder von Kokospalmen. Nach der Aussage der Lehrer würde sich dieses Kopragebiet in noch größerer Ausdehnung bis in die Tiefe und längs dem West- und Südwestrande der Bai erstrecken, so daß dasselbe reiche Ausbeute verspricht, deren Verwertung inzwischen schon in Angriff genommen sein dürfte. Trotz dieses Überflusses schien die Bevölkerung unbedeutend. Nur selten zeigte sich ein einzelnes Haus am Strande, und an den grünen Vorbergen wurden Kultivationen seltener. Das allmählich höher ansteigende Stirlings-Gebirge ist, wie sich schon an der dichten Bewaldung erkennen ließ, unbewohnt.

In Mita, ca. fünf Meilen von Aroani, der zweiten Missionsstation, ließ ich mich an Land setzen und wurde von Dick, dem Lehrer, einem dunklen Maré-Mann, begrüßt. Hilfreiche Hände zogen das Boot durch die Brandung und reichten geöffnete Kokosnüsse als Willkommen, noch ehe wir das Land betreten hatten. Die Station ist viel kleiner als die auf Aroani und besteht nur aus zwei Häusern, von denen eins als Kirche dient; auch war der Anhang von Eingeborenen viel geringer. Unter den letzteren zeichnete sich ein mit Hemd, Hose und Filzhut bekleideter ältlicher Mann aus, der König, denn er sagte wiederholt »me king«, alles, was er an englischen Worten wußte, und empfing natürlich den üblichen Tribut in einigen Stücken Tabak. In Begleitung des »Königs« und Dicks Sohn Joana, einem fixen Knaben, der ziemlich englisch sprach, ging ich nach dem nächsten Dorfe, um wenigstens etwas von Land und Leuten kennen zu lernen. Der Weg führte teils durch Urwälder, in denen außer anderen Vogelstimmen sich auch die von Paradiesvögeln (Paradisea Raggiana) vernehmen ließen, teils durch Plantagen,welche den Reichtum und die Fruchtbarkeit des Bodens bekundeten. Joana erzählte, daß ein anderer »King« seinem Vater nach dem Leben trachte, aber gleich ausreißen würde, wenn er mich mit dem Gewehre sähe. Bald kamen wir an eine hübsche Bucht, welche zur Anlage einer Station wie geschaffen scheint, besonders da sie auch für Segelschiffe sichere Ankerung bietet. Längs dem Sandstrande dieser Bucht gelangten wir zuerst zu dem kleinen Dorfe Higiba, (Higäbei), das nur aus drei Häusern besteht, weiterhin, einen seichten Fluß durchwatend, nach dem etwas größeren Baragom, das sich durch einen großen Kanuschuppen auszeichnete. Er stimmte ganz mit dem auf Goulvain (S. 224) überein, und wie wir solche in Hihiaura und an der Ostkap-Landzunge kennen lernten. Diese Kanuschuppen scheinen, in Ermangelung anderer Baulichkeiten, zugleich als Versammlungshaus der Männer zu dienen, in welches man Fremde nicht gern eintreten läßt. Außer dem Kanu, das Eigentum des Häuptlings oder der Gemeinde ist, enthielt der Schuppen nur eine Anzahl großer hölzerner Kampfschilde, die ganz mit denen in Bentley-Bai übereinstimmten. Von diesen Schilden giebt es zwei Formen, länglich-ovale und rechteckige (ca. 1 m hoch und 40 cm breit), die zum Teil mit erhabener Schnitzerei und bunter Bemalung verziert sind und mit zu den besten Erzeugnissen des Kunstfleißes zählen.

Die Häuser unterschieden sich von denen in Bentley-Bai (S. 237) hauptsächlich dadurch, daß sie auf sehr hohen Pfählen wohl zehn Fuß über der Erde stehen und aus Sagopalmblatt gebaut sind, deren lohfarbene Färbung sie schon von weitem auszeichnet. Ich sah übrigens auch Häuser auf niedrigen Pfählen und solche von ovaler Form, denen gewisse Häuser auf Aroani wohl als Muster gedient hatten. Besonders überraschte mich ein Baumhaus, das noch im Bau begriffen war, wie dies die Abbildung (S. 272) zeigt. Solche Baumhäuser, die ich aus dem Inneren von Port Moresby kannte, gehören zu den kunstvollsten Bauwerken der Steinzeit. Denn es ist nicht so leicht in den Ästen und im Wipfel eines Baumes, oft in einer Höhe von 50 bis 60 Fuß, ein Haus zu bauen, das den Winden widersteht.Diese Häuser dienen als Festen und Warten, in welche sich die Dorfbewohner bei einem feindlichen Überfall zurückziehen. Die primitive Leiter aus Lianen, welche zu dem luftigen Bau führt, wird hinaufgezogen und die Festung ist zur Verteidigung fertig. Sie enthältaußer Wasservorräten Unmassen von Wurfgeschossen in Gestalt von Speeren und Steinen, womit gar mancher Sturm abgeschlagen werden kann, wenn auch das Dorf in Flammen aufgehen sollte.

Baumhaus in Milne-Bai.

Baumhaus in Milne-Bai.

Die Eingeborenen, welche inzwischen zahlreich herbeigeeilt waren, unterschieden sich in nichts von denen in Bentley-Bai und Hihiaura, sprechen auch fast dieselbe Sprache. Sie brachten außer Büscheln buntblättriger Crotons kaum etwas zum Tausch, und ich erlangte mit Mühe wenige Schilde und Steinklingen, da auch hier die Steinzeit ihrem Ende entgegengeht. Die Eingeborenen von Milne-Bai, erwiesenermaßen Kannibalen, stehen in keinem guten Ruf. Aber auch sie sind weit besser als der letztere, wie ich von Hunstein weiß, der länger unter ihnen lebte und sehr gut mit ihnen auskam. Moresby, der zuerst hier war, fand überall freundliche Aufnahme. Aber die Gewaltthätigkeiten der Werbeschiffe, welche hier rekrutierten, und das zuweilen brutale Auftreten von Tripangfischern haben seitdem auch hier dem Weißen keinen guten Ruf verschafft; man darf sich daher über etwaige Massacres als Repressalie nicht wundern.

Die Samoa war inzwischen herangekommen und wir setzten unseren westlichen Kurs noch etwas weiter fort, bis wir die Tiefe der Bai sehen konnten, die aus Flachland zu bestehen scheint. Hier liegen die Dörfer Maivara und Gihara, die wie Wagawaga (Discovery-Bay), am Südwestrande, stark bevölkert sein sollen. Wir wandten dann unseren Bug ostwärts und dampften, im Angesicht der 1500 bis über 3000 Fuß hohen Gebirge am Südrande der Bai, Chinastraße zu, Moresby gab ihr diesen Namen, weil sie einen kürzeren Seeweg zwischen Australien und China eröffnet, der sich in der Praxis aber nicht bewährte. Wir hatten North-Foreland, die Nordspitze der südlichen Halbinsel von Milne-Bai passiert, die aus steilen, an 1800 Fuß hohen Gebirgen besteht, ohne Siedelungen und Kokospalmen, und sahen die malerischen Inseln des Moresby-Archipel vor uns. Sie sind alle bergig, mit zahlreichen Kultivationen der Eingeborenen bedeckt, am Strande dicht mit Kokospalmen gesäumt, und mögen danach zu urteilen ziemlich gut bevölkert sein. Bald hatten wir die kleinen Inseln Meckinley (Maivara) und Paples an Backbordseite und sahenin die Tiefe von Jenkins-Bai, die fast hufeisenförmig von der gebirgigen Basilisk-Insel (Urapotta), nebst Hayter (Sáriwa oder Sariba) umschlossen wird. Am Nordwestrande der letzteren Insel passierten wir Possession-Bay, wo Moresby am 24. April 1873 zum erstenmale die Flagge hißte und im Namen Englands von den Inseln Besitz ergriff. Die Straße erreicht nun ihre schmalste, kaum eine Meile breite Stelle und schien am südwestlichen Ende durch Heath-Insel (Rogia, Logia) geschlossen, aber bald öffnete sich der Blick nach Südost und wir hatten die kleine Dinner-Insel (Samárai) vor uns. Sie ist kaum eine Meile lang, ca. 200 Fuß hoch, und war, ehe die Londoner Missionsgesellschaft (1876 oder 77) eine Station errichtete, unbewohnt. Jetzt siedeln hier an 30 bis 40 Eingeborene der Nachbarinseln, meist von Rogia, die unter der Obhut von Ipunessa, eines Lifumannes, eine kleine Gemeinde bilden.

»Dimdim stop mission« (ein Weißer lebt im Missionshause) sagte ein Zögling, der gleich mit dem ersten Kanu längsseit und an Bord gekommen war; es stand uns also eine Überraschung bevor, als wir an Land ruderten. Und in der That, unter der uns erwartenden Menge war ein Dimdim, ein wirklicher Weißer. Er stellte sich in englischer Sprache als »Harry Smith« vor und erkundigte sich zunächst nach der Nationalität unserer Flagge. Als er hörte, daß es die deutsche sei, da entpuppte er sich plötzlich als ein Landsmann von der Ostsee, der den englischen Namen, Gott weiß aus welchem Grunde, nur angenommen hatte. Ja, ja, so werden Deutsche über die ganze Welt umhergeschleudert, und man wundert sich an irgend einem Orte keinen Deutschen zu finden. Von Nordkap und Nord-Sibirien an bis auf den entlegensten Inselchen im Indischen und Stillen Ozean, wie z. B. Diego Garcia, in den Gilberts u. s. w., allenthalben habe ich Landsleute angetroffen, nicht immer mit besonderer Freude. Daß Harry als früherer deutscher Matrose die deutsche Flagge nicht kennen sollte oder wollte, durfte befremden und der Umstand, daß er zur Besatzung des berüchtigten Werbeschiffes »Hopeful« gehört hatte, war ebenfalls als keine Empfehlung zu betrachten. Die gegen Eingeborene verübten Unthaten dieses Sklavenschiffeskamen zufälligerweise einmal heraus, ein seltener Fall in der Geschichte der Labourtrade. Die Missionslehrer hatten Anzeige gemacht, und die Urheber wurden diesmal wirklich vor Gericht gestellt. Der in Brisbane verhandelte Fall, bei welchem die Lehrer die Haupt-Belastungszeugen bildeten, machte damals großes Aufsehen in Australien. Das Urteil sprach nämlich den Kapitän, Steuermann und Arbeiteragent oder »Agent of immigration«, wie er euphonistisch heißt, des Todes schuldig. Drei Weiße wegen einer Handvoll Niggers!! Ein solcher Fall war noch nie dagewesen und erschien so ungeheuerlich, daß die Zeitungen ein furchtbares Geschrei erhoben. Schließlich sind denn auch die Übelthäter dem Galgen entronnen und zu lebenslänglichem Kerker (davon drei Jahre in Ketten!) begnadigt worden.

Harry führte übrigens hier im Hause des Missionars ein beschauliches Leben als Händler (Trader), kaufte Kokosnüsse, um Kopra zu machen, und war dabei, eine Tripangstation zu errichten. Tripang oder Bêche de mer —?? — ja das wollte ich ja eben sagen —, heißen jene zur Ordnung der Stachelhäuter (Echinodermata) gehörenden Meerestiere der Gattung Seewalzen oder Seegurken (Holothuria), wenn sie gehörig zubereitet und getrocknet sind. Diese Tiere bilden im Leben einen langgestreckten, runden, walzenförmigen Körper von einhalb bis drei Fuß Länge und erinnern an runzlige, plumpe, kolossale Würste, die träge auf dem seichten Grunde des Korallriffs liegen (daher englisch »Sea slug«) und wenig animalisches Leben verraten. Beim Anfassen entleeren sie eine Menge Wasser und in langen, schleimigen, klebrigen Fäden ihre Eingeweide, wodurch das Unappetitliche ihrer Erscheinung nur noch erhöht wird. Die Bereitung von Tripang ist im ganzen nicht schwierig. Die Tiere werden in großen, flachen, eisernen Pfannen in Seewasser gekocht, am andern Tage der Länge nach aufgeschnitten, vollends gereinigt, etwas an der Sonne getrocknet und dann geräuchert. Man errichtet zu diesem Zwecke ein höchst primitives Räucherhaus, in welchem der »Fish«, wie die Tripangfischer auch Holothurien nennen, auf übereinanderliegenden Horden getrocknet wird. Es erfordert dies großeAufmerksamkeit, da es hauptsächlich auf ein allmähliches, recht langsames Trocknen ankommt. In diesem Zustande hält sich die Ware jahrelang. Sie geht hauptsächlich nach Hongkong und zwar meist von Cooktown oder Thursday-Insel aus. In China bildet Tripang, für uns nur ein trockenes, lederartiges, unangenehm riechendes Produkt, eine große Delikatesse der Tafel, auf der sie in verschiedener Zubereitung erscheint.

Man unterscheidet in der Südsee drei bis vier Arten Tripang, die im Preise von 40 bis 110 Lstl. (800 bis 2200 Mark) per Tonne (2200 Pfund engl.) variieren. Tripang ist also ein wertvoller Artikel, an dem die Fischer reich werden müssen, sollte man denken! Aber das letztere kommt wohl kaum vor, denn es giebt keine größeren Abenteurer als diese Tripangfischer. In kleinen, schlechten Fahrzeugen, nicht selten einem offenem Boote, gehen sie mit wenigen Leuten, meist von Cooktown, nach der Küste Neu-Guineas bis zur Louisiade, um nach Fischereigründen zu suchen und ihre ambulante Station aufzuschlagen. Mit einigen Tafeln Wellblech läßt sich da schon viel thun, und eine solche sogenannte Station ist das primitiveste, was man sich denken kann. Aber ohne die Hilfe der Eingeborenen läßt sich nichts machen. Sie sind es, welche die Holothurien bei Ebbe auf dem Riff oder tauchend sammeln, welche Feuerholz zum Räuchern herbeischleppen, wozu große Quantitäten erforderlich sind, und sonst allerlei Dienste leisten. Glasperlen und andere Kleinigkeiten erhalten den Eifer der Eingeborenen bis zum Abschluß der einige Monate dauernden Campagne rege, mit der die eigentliche Bezahlung stattfinden soll. Aber gar häufig verschwindet der biedere Weiße ohne dieselbe, vielleicht noch unter Mitnahme einiger Eingeborenen, die anderswo gratis zu arbeiten haben, manchmal ihre Heimat überhaupt nicht wiedersehen. Das merken sich die Eingeborenen natürlich, und gar mancher Tripangfischer hat für die Missethaten seiner Fachgenossen, wenn nicht für eigene, büßen müssen. Am Dubu in Maupa an der Südostküste sah ich selbst die Schädel neun chinesischer Tripangfischer, die durch brutales Betragen ihr Schicksal verschuldet hatten, ein Fall, der von einem englischenSchiffe untersucht, aber zu Gunsten der Eingeborenen entschieden wurde.

Das Missionshaus auf Dinner-Insel, ganz aus Wellblech, auf hohen Pfählen erbaut, mit wirklichen Glasfenstern, erschien gegenüber der schuppenartigen Kirche gleich einem Palast. Die Bekehrten und die Missionszöglinge waren in zwei großen Grashäusern untergebracht, und die ganze Station machte einen sehr freundlichen Eindruck. Von der Insel selbst läßt sich dies nicht sagen. Sie besteht an der Westseite meist aus Sand und nur die Hügel der Nordostseite besitzen kulturfähigen Boden, während das flache Innere zur Regenzeit in eine Lagune verwandelt wird, die jedenfalls einen gesundheitsschädlichen Einfluß ausübt. Infolge des steilen Bodens giebt es mehr Gestrüpp als Bäume auf der Insel, wie auch die Kokospalme nur kümmerlich gedeiht. Umso reicher an letzteren sind die Nachbarinseln Rogia und Sariba, wo die Mission auch Filialen und Plantagen besitzt.

Von diesen Inseln ruderten bald Eingeborene heran, in Kanus, die zum Teil nur in einem ausgehöhlten Baumstamm, ohne Ausleger, bestanden. Sie brachten nur wenig zum Tausch, darunter kleine Schilde (Jessi) aus weichem Holz, die jetzt eigens für den Handel gemacht werden, aber auch noch einiges aus der guten alten Zeit. Darunter Gaiagaia, Armbänder aus einem menschlichen Unterkiefer, die von nahen Anverwandten herstammen und als teure Andenken getragen werden. Dagegen schienen einige Schädel (Romaroma) Trophäen erschlagener Feinde zu sein, wie noch vor wenigen Jahren Kannibalismus auf diesen Inseln herrschte und vielleicht im Kriege mit den Festlandsbewohnern noch heute im stillen betrieben wird. Am meisten überraschte es mich, hier Tätowierung zu finden, die ich auf allen unseren bisherigen Reisen nicht beobachtet hatte, und die selbst auf den nahen d'Entrecasteaux und in Milne-Bai fehlt. Es zeigt dies wiederum, daß manche Sitten und Gebräuche außerordentlich lokalisiert verbreitet sind. Die Tätowierung der Frauen und Mädchen, denn nur solche wenden diesen Körperschmuck als Verschönerungsmittel an, ist eine sehr eigentümliche und reiche, diezuweilen in Grecmuster Gesicht, Arme und die Vorder- und Rückseite des Körpers bedeckt. Die beigegebene Abbildung einer Frau von Rogia zeigt diese charakteristische Tätowierung und zugleich kostbare Armringe (Massuoro) aus dem Querschnitt einer großen Kegelschnecke (Conus millepunctatus), wie wir dieselben schon auf Normanby (S. 215) kennen lernten.

Tätowierte Frau von Rogia.

Tätowierte Frau von Rogia.

Ich beschloß Teste-Insel (Chas oder Tschas der Eingeborenen) anzulaufen, die äußerste, südöstlichste Insel des Moresby-Archipel, welche zuweilen schon zur Louisiade gerechnet wird. Sie liegt ziemlich isoliert und scheint ein Überbleibsel des großen gesunkenen Barrier-Riffs zu sein, das sich von Neu-Guinea bis auf die Louisiade erstreckt, dessen Brandung die ersten Seefahrer so lange von der Entdeckung der Südostspitze Neu-Guineas abhielt. Wir genossen auf dieser Reise den Anblick herrlicher, fruchtbarer Inseln, die sich fast ununterbrochen von West nach Ost erstrecken, unter denen Moresby (Basiraki, Wasilaki) mit seinem über 1200 Fuß hohen Bergrücken besonders hervortritt. Eine hübsche Abwechselung gewährten die flinken Segelkanus der Eingeborenen (Atlas VIII. 9), die sehr rasch vor dem Winde laufen und mit zu den besten Fahrzeugen der Südsee gehören.

Bald zeigte sich Teste-Insel mit seiner charakteristischen Landmarke, dem Glockenfels, (S. 279) einem über 400 Fuß hohen, isoliert aus dem Meere aufsteigenden Fels, wie ihn die Skizze zeigt. Die 2½ Meilen lange Insel selbst gleicht an der Nordseite, wo die »Samoa« ankerte, einem langgestreckten, grünen Hügel, mit viel urbargemachtem Lande, am Strande von Bäumen und Kokoshainen eingefaßt. Auf der kahlen ca. 500 Fuß hohen Mittelkuppe machensich drei hohe Bäume schon von weitem bemerkbar und kennzeichnen die Insel. Obwohl die Nordseite unbewohnt ist, so war unsere Ankunft doch bemerkt worden, und Eingeborene erwarteten uns am Strande als Führer nach dem Dorfe und der Missionsstation. Redensarten in gebrochenem Englisch, wie »How is that Captain me no smok?« oder »What for you no pay me cigar?« zeigten, daß die biederen Insulaner gut mit Weißen bekannt, und das Verlangen nach Zigarren, Holzpfeifen und zwölfzölligen Messern, daß sie bereits verwöhnt sind. In der That wird Teste-Insel häufig von kleinen Handelsfahrzeugen, namentlich Tripangfischern besucht, und verschiedene Eingeborene haben an Bord von solchen sogar Cooktown kennen gelernt. Von der Höhe des Hügels eröffneten sich dem Auge schöne Fernblicke auf die kaum 20 Meilen entfernten Moresby-Inseln, die Engineer-Gruppe bis Normanby hin, aber Neu-Guinea war nicht sichtbar. Seine Südostspitze liegt noch etliche 30 Meilen ab und die Gebirge derselben sind nicht hoch genug.

Glockenfels.

Glockenfels.

Durch reiche Plantagen, namentlich von Bananen, gelangten wir nach der Siedelung Kasadekaua, der größten der vier, welche die Insel besitzt. Ich war erstaunt über die prächtigen Pfahlbauten, große Häuser, wie man sie auf einer so kleinen Insel nicht erwartet. Sie ähneln im ganzen denen von Normanby, sind aber viel stattlicher, ruhen auf soliden behauenen Pfählen, die zum Schutz gegen Ratten u. s. w. oberseits mit einer runden tellerartigen Scheibe versehen sind. Die Seitenwände bestehen aus Kokosmatten, welche sich praktischerweise verstellen lassen. Das sattelförmig eingebogene Dach ist aus einer Art Schilf gefertigt und mit toten Palmblättern belegt. An ein paar Häusern sah ich Giebelleisten mit etwas buntbemaltemSchnitzwerk, jedoch keine Darstellung menschlicher Figuren. Unsere Abbildung zeigt den vorherrschenden Baustil dieser Insel nebst einer Grabstätte, in Form eines Miniaturhauses, wie sie in ähnlicher Weise auch an anderen Plätzen Neu-Guineas (vergl.S. 173) vorkommen. Aber nicht alle Häuser sind so stattlich, sondern es giebt auch kleinere, lottrig gebaute, sowie ein ganz besonderes Haus. Dasselbe steht ebenfalls auf Pfählen, ist sehr groß (wohl 40 Fuß lang) und zeichnetsich durch ovale Form[68], mit hohem schüsselförmigen Dach aus, ein Stil, der mir bisher nicht vorgekommen war und ethnologisch von ganz besonderem Interesse ist.

Häuser und Grab auf Teste-Insel.

Häuser und Grab auf Teste-Insel.

Außer den Häusern hat sich auf Teste-Insel aber noch eine andere hochinteressante ethnologische Eigentümlichkeit erhalten, nämlich die Töpferei, welche hier schwungvoll betrieben wird. Die geologische Formation, verwitterter Basalt, mit viel, zum Teil kristallinisch eingesprengten Schörl, liefert dafür in einem reichen Wackenthon treffliches Material. Ich ließ sogleich ein paar Frauen kommen, in deren Händen auch hier, wie überall, allein das Töpfergewerbe ruht, und war hoch erfreut, eine ganz besondere Manier kennen zu lernen. Die Töpfe werden nämlich nicht wie in Bilibili (S. 83) oder Port Moresby aus einem Klumpen Lehm mittelst eines Steines und Klopfers getrieben, sondern nur mit den Händen geformt. Wie unsere Skizze einer Töpferin bei der Arbeit (S. 280) zeigt, macht dieselbe eine wurstförmige, etwa daumendicke Rolle aus Thon, die spiralig aufgebaut und mit den Fingern, sowie einer kleinen Muschelschale (Tellina) platt gestrichen wird. Das Verfahren ist also genau dasselbe, wie es bei unseren pfahlbauenden Vorfahren war, deren keramische Überreste und Fragmente so manchen Gelehrten beschäftigen und sorgfältig zusammengekittet zu den kostbaren Schätzen der Museen zählen. Hier konnte ich prähistorische Töpferei noch von Lebenden gehandhabt, vom Kneten des Lehmes bis zu dem einfachen Brennprozeß (IV. 7) studieren. Die Form des hiesigen Fabrikats ist (vergl. Abbild.S. 280und IV. 6) eine eigentümliche und erinnert an tiefe Näpfe oder Schüsseln mit rundem Boden. Der obere senkrechte Rand zeigt verschiedene einfache Randmuster (IV. 10), die mit gabelförmigen Instrumenten aus Bambu (IV. 9) eingekratzt werden und nicht als Ornament, sondern als Handelsmarke dienen. Denn auch hier hat jede Frau ihr eigenes Merk (Kulikulikuto), mit dem sie ihr Fabrikat kennzeichnet. Dasselbe findet weithin, bis auf die d'Entrecasteaux, nach Chads-Bai, Südkap (Suau), Woodlark-Insel(Murua, Mulua), vielleicht auch auf der Louisiade, Absatz. Das kleine Chas wird dadurch ein Centrum des Tauschhandels für alle diese Gebiete, denen Töpferei unbekannt ist. Kaum mit brauchbarem Holze zum Hausbau versehen, müssen die Insulaner solches, wie eine Menge fertiger Geräte und Waffen, ja einen Teil der Lebensmittel von anderswo eintauschen, Verhältnisse, die sich inzwischen sehr verändert und zum Teil in andere Bahnen gelenkt haben. Durch den Verkehr mit Weißen und die Mission ist es auf Teste nämlich bereits mit der Steinzeit vorbei und ein großer Teil Originalität verloren gegangen. Ich konnte daher nur letzte Reste einer untergegangenen Kulturepoche retten. So, eigentümliche Holztrommeln, große flache Holzschüsseln (Gaibe) mit hübscher Randverzierung (T. III. 4), kolossale an drei Meter lange, ruderförmige Rührlöffel (Kolopale) für Sago, mächtige Steinbeilklingen (Gune) bis 32 cm lang und 16 cm breit, kurze Handkeulen (Bossim) aus Knochen des Spermwal, die an Meri der Neu-Seeländer erinnern (T. XI, 6), schön geschnitzte Speere (Womari) und Schilde, letztere ganz in der Form, wie die in Milne-Bai (S. 271) und einiges andere. Ein Teil dieser Gegenstände kommt oder kam von den d'Entrecasteaux (Duau und Kulala), von woher ich selbst Obsidian auf Teste sah, andere, darunter die großen, schönen, seetüchtigen Segelkanus von Mulua oder Murua, das in lebhaftem Verkehr gestanden zu haben scheint und worunter die 150 Meilen entfernte Woodlark-Insel zu verstehen ist. Wie in Port Moresby aus dem Papuagolf ganze Handelsflotten eintreffen, um gegen Sago Töpfe einzutauschen, so kommen die Bewohner Muruas nach Teste, um dieses wichtige Küchengerät zu erstehen. Ich beobachtete übrigens, daß die erhandelten Kanus zum Teil erst auf Teste vollendet werden und hier ihren Schmuck an Schnitzereien erhalten. Die letzteren sind in sehr schwungvollen Mustern vertieft gearbeitet und mit roter und schwarzer Farbe ausgeschmiert, wozu man sich eines eigentümlichen Instruments (Keginiß T. VI. 5) aus Muschel (Pinna nigra) bedient. Es mag noch bemerkt sein, daß auf Teste einzeln noch Catamarans benutzt werden; auch sah ich die eigentümlichen Fischfallen von Bentley-Bai (T. IX, 1), hier Wuba genannt.

Junges Mädchen von Teste.

Junges Mädchen von Teste.

Junger Mann von Teste.

Junger Mann von Teste.

Was die, stark mit Ichthyosis behafteten, Eingeborenen anbelangt, so sind sie echte Papuas, die sich von denen des Festlandes in nichts unterscheiden, wie das beigegebene Porträt eines jungen Mannes zeigt. Er trägt das Haupthaar in der üblich aufgezausten Wolke, im Nacken lange Zottelstränge, die mit Cypraeamuscheln verziert sind. Ich beobachtete übrigens, wie fast allenthalben, auch vereinzelt schlichthaarige Individuen, nicht selten Kinder mit blondem Haar (ohne Einwirkung von Kalk) und ganz europäische Physiognomien, alles individuelle Abweichungen die, wie besonders erwähnt sein mag, mit Vermischung nichts zu thun haben, denn es giebt auf Teste kein Halbblut. Die Haartracht des weiblichen Geschlechts ist ähnlich wie die des männlichen, und dichtverfilzte Nackensträhne, die Polkalöckchen ähneln, sind auch bei ihm beliebt. Unsere Abbildung veranschaulicht eine junge Schönheit, deren fransenartiger Brustlatz aus fein geflochtenen Strickchen einen Trauerschmuck darstellt, wie er in ähnlicher Weise auch in Finschhafen vorkommt. Eine besondere Art Trauerschmuck heißt Sapisapi, und besteht aus einem dicken Polster von Haaren, mit Spondylusscheibchen verziert, das auf der linken Brustseite getragen wird. Ich offerierte einer Frau hohenPreis, aber vergeblich, da das Haar von ihrer verstorbenen Schwester herrührte, gewiß ein schöner Beweis von Pietät gegen Verstorbene. In derselben Weise wurden früher hier Unterkiefer naher Anverwandten als Armbänder getragen, welche für Unkundige gewöhnlich als Zeichen von Kannibalismus gelten. Diese Armbänder sind durch die Mission abgeschafft worden, aber man muß es der Londoner Gesellschaft nachrühmen, daß sie anderen »heidnischen« Schmuck duldet. So die Tätowierung, die beim weiblichen Geschlecht hier sehr verbreitet ist, in Mustern, welche so ziemlich mit den auf Rogia und Sariba gebräuchlichen übereinstimmen. Ich sah kleine Mädchen noch im Kindesalter, bei denen mit dieser, übrigens wenig schmerzhaften, Körperverzierung bereits begonnen war. Die beigegebene Abbildung zeigt Tätowierung im ersten Stadium des Aufzeichnens, was mit Ruß aus gebrannter Kokosnußschale mittelst eines Hölzchens geschieht. Die schwarze Farbe wird dann mit einem spitzen Instrument (Dorn) in die Haut eingeschlagen und erscheint, nachdem der leichte Schorf abgeheilt ist, viel blässer, (wie dies die Abbild.S. 278zeigt). Die Bekleidung der Insulaner ist ganz so wie überall an der Ostspitze Neu-Guineas, aber die jungen Mädchen (darunter sehr niedliche), paradierten in besonders feinen, rot- und schwarzgestreiften Faserschürzchen in Volants mit Schärpe (T. XVI. 8). Schmucksachen (Ohrringe und Halsketten) aus Spondylusscheibchen, die von Murua kommen, waren nicht selten, aber meist unverkäuflich, wie die eleganten, etwas gekrümmten Nasenstifte (Panaiate) aus dem Schloßteil einer Hippopusmuschel, mit denen namentlich junge Mädchen kokettierten (vergl. Abbild. oben).

Aufgezeichnete Tätowierung.

Aufgezeichnete Tätowierung.

Moresby, der 1872 als der erste Weiße Teste-Insel betrat und sehr freundlich empfangen wurde, sah noch zahlreiche Schädel erschlagenerFeinde als Trophäen an den Häusern aufgehangen. Die Insulaner waren damals kriegerisch und wie alle Bewohner des Archipels (und der Louisiade) Kannibalen. Das hat jetzt glücklicherweise aufgehört, die Bewohner brauchen keine Waffen mehr und führen unter der Ägide der Mission ein friedliches Leben, sind aber seitdem an Zahl bedeutend zurückgegangen und auf ca. 300 Köpfe zusammengeschmolzen. Die hiesige Sprache ist, um dies noch zu bemerken, sehr nahe mit der von Rogia und den übrigen Inseln des Moresby-Archipels verwandt. Der farbige Lehrer, Idande, ein dunkler Lifumann, hat großen Einfluß und regiert die, meist der Mission angehörenden, Eingeborenen als der erste Häuptling. Seine Station war sehr gut gehalten, die Kirche aber, wie so häufig, das schlechteste Gebäude. Es mag dabei bemerkt sein, daß die Lehrer die Häuser ohne besondere Entschädigung zu bauen haben. Außer Hühnern, die überall an Missionsstationen gehalten werden, aber selten zu haben sind, besaß Idande auch Gänse und Schweine europäischer Rasse, sowie treffliche Hunde. Letztere sind auch durch Tripangfischer nach der Ostspitze Neu-Guineas gebracht worden und haben hier an manchen Orten die eingeborene Rasse bereits verdrängt. Ich übernachtete bei Idande, der als früherer Matrose auf einem Walfischfahrer mancherlei zu erzählen wußte und sich als geborener Franzose mit lebhaftem Interesse nach dem deutsch-französischen Kriege erkundigte, über den ich ihm zu seiner Freude aus eigener Anschauung berichten konnte. Er gehörte zu den Veteranen der Mission, welche 1871 zuerst von den Rev. Murray und Mac Farlane in Neu-Guinea eingesetzt wurden und die im Anfange gar viel durchzumachen hatten. Mit Dankbarkeit erinnerte er sich Kapitän Moresby's, der ihn, wie so manchen der schlecht versorgten Lehrer, fast vom Hungertode[69]rettete. Wie Missionslehrer gewöhnlich zu thun pflegen, klagte auch Idande, infolge des langen Ausbleibens des Missionsschiffes, über Mangel verschiedener notwendiger Provisionen, wie Salz, Zucker, Streichhölzer, Mehl, Petroleum, Tabak, und ich freutemich, ihm aushelfen zu können. Als Gegengeschenk ließ er zum Abschiede zwei alte Hähne und eine Ananas an Bord bringen, die erste und einzige, welche ich auf unseren bisherigen Fahrten gesehen hatte. Ich bestimmte sie zu einer Bowle, mit der wir Silvester feiern wollten, aber es kam, wie so oft, anders! In Bewunderung der spiegelglatten See und eines herrlichen Zodiakallichtes, das mit Untergang der Sonne 6 Uhr 21 Minuten den westlichen Himmel bis 7, 23 in verschiedenen zarten Tinten färbte, saßen wir gemütlich auf dem kleinen Quarterdeck. Die Bowle stand auf dem Kajütstische und war im Wasserfilter angerichtet. Eben wollte ich den letzteren vorsichtshalber festbinden, da machte das Schiff eine Bewegung — krach! und mit unserer Bowle und Silvesterfeier war es vorbei!

Teste-Insel liegt nur etwa 400 Meilen von Cooktown entfernt, unserem damaligen Reiseziel, wo die Ankunft eines Dampfers unter deutscher Flagge große Aufregung verursachte. Man erging sich in allerlei wunderlichen Vermutungen, hatte aber die Beteiligung der »Samoa« bei der Besitzergreifung Deutschlands in Neu-Guinea bald heraus.

Und daß man, bei den damaligen Ansichten der Kolonisten, darüber nicht eben erbaut war, läßt sich begreifen; betrachtete doch Australien, besonders Queensland und Victoria, die Papuaregion, insonderheit Neu-Guinea als ihr angestammtes Erbe. In der Town-Hall wurde ein »Indignation-Meeting« unter dem Vorsitz des Mayor abgehalten und Englands Politik, die Übergriffe Deutschlands überhaupt zugelassen zu haben, auf das ärgste getadelt. Da man den armen Gladstone nicht bei der Hand hatte, konzentrierte sich der ganze Unmut von Presse und Publikum auf mein Haupt. Während die erstere einmal faktisch drohte, mich mitsamt der »Samoa« in die Luft zu sprengen, hörte ich nicht selten beim Vorübergehen die Worte »that is the fellow who stol us New Guinea«! Wahrhaftig, wer die Kolonien mit ihrem »free and easy« nicht gekannt hätte, konnte sich in Cooktown unbehaglicher als unter Wilden fühlen, die wenigstens keinen Dynamit besitzen.

Aber ich kümmerte mich nicht um die Leute und ließ sie reden, was sie wollten. Wußte ich doch zur Genüge, daß es nicht schlimm werden würde, und daß ich nichts zu fürchten hatte. Dafür bürgte schon der mächtige Schutz der deutschen Flagge und der Respekt vor unserem großen Reichskanzler, der, wie sich die Leute nicht ausreden ließen, den Doktor mit der »Samoa« ausgesandt haben sollte.

Unsere Vorgänger. — Vulkan-Insel. — Weithin schmutzig gefärbtes Meer. — Bei Venushuk. — Eingeborene. — Ethnologisches und Anthropologisches. — Bedenken gegen die Weiterreise. — Schouten und le Maire. — Längs unbekannter Küste. — Wir entdecken den Kaiserin Augustafluß. — Hansemann-Küste. — Zusammentreffen mit Eingeborenen. — Krauel-Bucht. — Eingeborene am Caprivifluß. — Albino. — Kap Dallmann. — Neue Buchten. — Prinz Alexander-Gebirge. — Dallmannhafen. — Eingeborene. — Landexkursion. — Dorf Rabun. — Hausbau. — Frauen. — Tabuhaus. — Gastfreundschaft. — Ein Papuadinner. — Papuanische Auffassung europäischer Utensilien. — Spielzeug. — Elektrisiermaschine. — Ich soll Häuptling werden. — Muschu. — Insel Guap. — Eingeborene derselben. — Brustbeutel. — Äußerer Ausputz derselben. — Inhalt. — Waffen. — Kanus. — Wiedersehen. — Pâris oder Aarsau. — Finschküste. — Neue Flüsse. — Kaskadefluß. — Malgari und seine beiden Söhne. — Macht der Musik. — Wieder neue Flüsse. — Tagai. — Auf Palmblättern. — Pfeil und Bogen. — Paradiesvögel. — Kolossales Haar. — Torricelli-Gebirge. — Kein Passier-Point. — Sainson-Inseln. — Berlinhafen. — Sanssouci. — Kopradistrikt. — Neue Flüsse. — Große Lagune. — Schacher mit Eingeborenen. — Ethnologisches Sammeln. — Kein Karan-Riff. — Massilia. — Eingeborene. — Berg Bougainville. - Angriffshafen. — Eingeborene — im Kriegsschmuck. — Neues ethnologisches Gebiet. — Enorme Nasenkeile. — Anthropologisches. — Pfiffigkeit. — Aussicht auf Humboldt-Bai. — Germaniahuk. — Zu Anker am Sechstrohfluß. — Eingeborene. — Vorsicht nötig. — Schwieriger Handel. — Ethnologisches. — Eßbare Erde.

Von allen Küsten Neu-Guineas war wohl keine weniger bekannt als die nordöstliche zwischen Astrolabe- und Humboldt-Bai, eine Strecke, die, in der Luftlinie gemessen, sechs Grade oder nahezu 360 Meilen deckt. Was die Karten hier verzeichneten, ist den Entdeckungsreisen der französischen Kriegsschiffe »Coquille« unter Duperrey (1823) und »Astrolabe« unter Dumont d'Urville (1827) zuverdanken, wie schon aus der französischen Namengebung hervorgeht. Sie bezieht sich, außer richtig festgelegten Inseln, auf 16 vorspringende Punkte der Küste, Kaps oder Huks, mit erheblichen Lücken dazwischen. Für große Strecken hatten die Schiffe nämlich so weit vom Lande abzuhalten, daß sie die Küste nur sichteten, an wenigen Stellen kamen sie ihr näher, nirgends betraten sie dieselbe. Nur einmal war dies überhaupt geschehen, aber lange, lange vorher und zwar bei der denkwürdigen Weltreise von Jacob le Maire und Willem Schouten (sprich: Schauten), die im Juli 1616 an einem nicht mehr genau auszumachenden Punkt, auf den wir noch zurückkommen, als die Ersten und Letzten wirklich landeten. Das Schicksal hatte uns vergönnt in die Fußstapfen der glorreichen niederländischen Seehelden zu treten, denn unsere bisherigen Reisen ließen in Kaiser Wilhelmsland nur jene oben erwähnte Küste übrig, die unbekannteste überhaupt. So bezeichnete sie Robidé van der Aa, der beste Kenner der Litteratur über Neu-Guinea, noch Ende 1883. Das beigegebene Kärtchen (S. 290)[70]wird, im Verein mit der Übersichtskarte, wenigstens soweit zur Orientierung dienen, um unserer Reise einigermaßen folgen zu können.

Beinahe hätte ich diese Reise überhaupt nicht mitmachen können und unfreiwillig eine andere machen müssen, die jedem früher oder später einmal bevorsteht. Wie ein Dieb in der Nacht kam nämlich ganz plötzlich ein Choleraanfall über mich, und hätte den Namen meines kleinen Hauses in Mioko »onverwacht« (unerwartet) bald in einer Richtung wahr gemacht, die mir bei der Verleihung am allerwenigsten vorschwebte.


Back to IndexNext