Abschnitt 2, Kapitel 3, KopfstückDas dritte Kapitel.
Abschnitt 2, Kapitel 3, Kopfstück
Von denüblen Zufällen, welche von der blaßmachendenSchminke des Angesichts herkommen.
§. 44.
Alle Schönheitsverständige geben mir noch heutiges Tages einen allgemeinen Beyfall, daß die blasse Angesichtsfarbe eine ganz ausnehmende und bezaubernde Schönheit sey, so, daß solche ihrer Annehmlichkeit wegen so gar den Titel der adlichen Farbe erhalten hat. Ich gestehe der blassen Angesichtsfarbe auch ganz gerne, ohne Zwang, nach meinem Geschmacke dieses Vorrecht zu, wenn nur die blasse Angesichtsfarbe nicht gar zu weiß, so wie ein von Gipse gegossenes Bild ist: Denn diese hat allemal eine kränkliche Beschaffenheit des Körpers zum Grunde, und ist eine reiche Quelle unzählbarer Krankheiten. Jene angenehme Blaßheit des Angesichts hingegen ist ein offenbares Zeichen eines vollkommen gesunden Körpers. Beynahe alles Frauenzimmer wünscht sich diese adliche Farbe eigenthümlich zu machen, um adlich scheinen zu mögen. Ich lobe ihren guten Willen, und ich würde solchen noch mehr loben, wenn sie nach der adlichen Tugend eben so, wie nach der Farbe strebeten. Ich würde offenbar wider mein eigenes und besseres Wissen handeln, wenn ich so unartig seyn, und es läugnen wollte, daß es eine Unmöglichkeit wäre, seinen Körper so zu ändern, daß er geschickt würde, eine Blaßheit im Angesicht hervorzubringen. O! es ist mir gar zu wohl wissend, daß man durch gewisse Hülfsmittel, welche man theils äußerlich, theils aber auch innerlich im Gebrauch zu nehmen pflegt, und durch eine besondere Lebensordnung, die man in den so genannten sechs nicht natürlichen Dingen zu beobachten nöthig hat, dem Angesichte diese reizende Blaßheit zuwege zu bringen im Stande sey, ohne, daß dadurch der Gesundheit das geringste Uebel zugefügt werde. Aber von dieser Art der Blaßheit soll hier nicht die Rede seyn. Wer aber begierig ist, solche genauer kennen zu lernen, der darf nur meine Abhandlung von der blassen Angesichtsfarbe nachzulesen belieben. Ich versichre, daß diese ihrer Neubegierde eine Genüge thun wird. Gegenwärtig aber ist nur mein Vorsatz, von derjenigen blassen Angesichtsfarbe zu handeln, welche ordentlicher Weise der guten Gesundheit viel Nachtheil zu bringen fähig ist.
§. 45. Die Blaßheit des Angesichts ist eine gewisse Beschaffenheit der Haut, welche keine rothe Farbe sichtbar zu machen vermögend ist. Was nun diese Beschaffenheit der Haut hervorbringen soll, das muß geschickt seyn, den Fäserchen der Haut ein stärkeres Vermögen zuzufügen, das in den zarten Blutgefäßchen des Angesichts befindliche Blut, kraft einer lebhaftern Zusammenziehung der Fäserchen nach den innern Theilen stoßen zu können. Die Mittel aber, welche diese Tugend besitzen, nennt man stärkende oderblaßmachende Mittel, und diese werden sowohl von außen, als auch von innen, um seine Absicht zu erlangen, angewendet. Aber auch dieses sind zum Theil schädliche, zum Theil aber auch unschädliche und heilsame Mittel. Was es aber für Mittel sind, und was man hierbey für eine Lebensordnung brauchen müsse, um diese gesunde blasse Angesichtsfarbe zu erlangen, wird die oben im44stenAbsatze angeführte Abhandlung ausführlicher lehren. Voritzo will ich nur derjenigen Mittel Erwähnung thun, welche zwar eine Blaßheit des Angesichts zu machen kräftig und wirksam genug sind, aber, die auch zugleich Gelegenheit geben, krank zu werden.
§. 46. Um nun eine blasse Angesichtsfarbe zu bekommen, bedienen sich die Frauenzimmer zuweilen der sogenannten Jungfermilch, welche aber nichts anders ist, als Silberglätteßig, der durch zugesetzte und aufgelöste rohe Alaune eine milchähnliche Farbe bekommen hat. Mit dieser Milch pflegen die Schönen ihre Angesichter öfters zu waschen, und glauben dadurch ihres Wunsches theilhaft zu werden. Es ist wahr, sie erhalten ihre Absicht, aber auch zu ihrem größten Verluste. Andre im Gegentheil nehmen nur gemeinen Bleyzuckereßig, oder Silberglätteßig zu eben dieser Absicht. Ja es giebt Personen, welche in Bohnenblütwasser, oder in einem andern ihrem Zwecke gemäßen abgezogenen Wasser, Bleyzucker, weißen Vitriol oder Alaune auflösen, und statt eines Waschwassers brauchen: zuweilen gießen sie auch Benzoestinctur, und Ochsengallenessenz oder Myrrhenessenz hinzu. Und wiederum andere sind gewohnt,Wegebreitwasser zu nehmen, darinnen sie aber vorher einen glüend gemachten Stahl öfters haben abkühlen, und diesem Wasser hernach entweder Bleyzuckereßig oder Jungfernmilch beymischen, oder Alaune, weißen Vitriol oder Bleyzucker zusetzen lassen, um zu ihrem Waschwasser zu gebrauchen. Noch andere sind sogar auf den rasenden Gedanken gerathen, und haben geglaubt, weil die Milch weiß aussähe, so müßte sie auch geschickt seyn, eine weiße Angesichtsfarbe machen zu können. Sie haben sich also in diesem Glauben, mit Milche gewaschen, aber sie sind auch recht in ihrer Meynung betrogen worden, und anstatt eine weiße Farbe der Haut zu überkommen, sind sie im Angesichte ganz gelb und braun, so wie sonst die Egyptier oder Ziegeuner auszusehen pflegen, geworden. Ich kenne etliche solche Frauenzimmer, die sich auch noch am Leben befinden, und die sich eine solche gelbe und braune Farbe durch ihre Afterkunst zugezogen haben. Sie bereuen itzo ihre begangne Thorheit, und beseufzen ihre natürliche eingebüßte Farbe. Doch haben sie nur Geduld, meine Frauenzimmer, wenn alle tumme Köpfe klüger zu werden anfangen werden, werden sie auch schöner werden. Jene Frau, die ohnlängst ihren Verstand mit ihrem liebsten Söhnchen begraben ließ, hofft auch auf diesen freudenreichen Tag. Trösten sie sich nur unterdessen mit der zukünftigen Schönheit, und wischen ihre Thränen von den Augen ab. Einige brauchen auch trockne Sachen, um eine Blaßheit des Angesichts zu überkommen: Sie nehmen entweder Puder, oder sehr zart zu Pulver gemachtes Bleyweiß, und reiben damit dieHaut ihrer Angesichter, obschon zu ihrem eigenen Schaden. Ich wollte wohl, wenn ich sonst ohne Noth weitläuftig zu werden Lust hätte, etliche Bogen mit solchen schädlichen blaßmachenden Mitteln und Schminkwaschwassern anfüllen. Doch diese mögen voritzo, was nämlich die äußerlichen Mittel anbelangt, zureichend seyn. Ich will nun auch diejenigen Mittel anführen, welche, wenn sie durch den Mund eingenommen werden, gemeiniglich eine solche der Gesundheit nachtheilige Blaßheit des Angesichts zu erzeigen mehr als zu fähig sind.
§. 47. Diejenigen Mittel nun, welche innerlich genommen, ein blasses Angesicht zum Vorschein bringen können, sind ebenfalls vielfältig, meistentheils aber äußern sie eine gar zu anhaltende und zusammenziehende Kraft, und eben darum sind sie auch vermögend, der Gesundheit unzählige üble Zufälle zuzuführen. Manche Frauenzimmer nehmen, ich weis selbst nicht, aus was für einem närrischen Triebe, und aus was für einem abgeschmackten Appetite, gelöschte Kohlen zu sich. Andere essen Kreide, Kalk und Gips, und wiederum andere bedienen sich des sogenannten rohen Heydegrützes. O! welch eine Lüsternheit! welch ein abentheuerliches Verlangen nach einer eingebildeten Schönheit, nämlich, der blassen Angesichtsfarbe! Ich habe Frauenzimmer zu kennen das Vergnügen gehabt, welche in dieser Absicht rohe Alaune, Granatäpfelschalen, und ich weis selbst nicht was noch mehr gebrauchten. Ja einige sind so unsinnig, und lassen sich von Marktschreyern wohl gar Arsenik und Bleyzucker beybringen, um sich ein Bettedrey Ellen in der Erde tief dadurch bereiten zu lassen. Aber ist das nicht eine verdammte Verwegenheit, da man aus einer bloßen Tollheit, ein blasses Angesicht zu überkommen, recht vorsetzlich dem Tode entgegen und in den Rachen rennet?
§. 48. Ich kenne eine gewisse Stadt, in der beynahe alle Frauenspersonen eine recht blaßgelbe Farbe im Angesichte haben, und die wegen dieser Farbe sprüchwortsweise die gelben Rüben geheißen werden. Ich verwunderte mich anfänglich, ehe ich die Ursache dieser blaßgelben Angesichtsfarbe wußte. Daß aber solche Frauenzimmer diese Farbe im Angesichte tragen, rührt natürlicher Weise daher, weil bey solchen Goldammerchen die üble Gewohnheit eingewurzelt ist, sehr starken Kaffee Morgens früh, in großer Menge, wenn der Magen noch leer und nüchtern ist, zu trinken, und dieses ist die wahre Ursache ihrer Midasfarbe. Denn es ist bey den Aerzten eine ausgemachte Sache, daß der Kaffee ein dickes und schweres Blut zu machen geschickt sey. Wenn nun aber ein dickes Blut erzeugt wird; so kann diese veränderte Beschaffenheit des Bluts nicht in die zarten Röhrchen der Haut eindringen, und folglich muß das Blut außer Vermögen gesetzt werden, durch das zarte Gewebe der Haut eine Röthe durchschimmern zu lassen. Es werden also freylich von einem solchen Blute sehr viele Ungelegenheiten entspringen müssen. Hiervon wird die sogenannte Jungfernsucht, die Bleichsucht, und eine üble Beschaffenheit und schlechte Vermischung der ganzen Säfte entstehen. Diese Krankheiten nun geben zur Verstopfung der monatlichen ReinigungAnlaß, und legen den Grund zu geschwollnen Schenkeln, Wassersuchten des Unterleibes sowohl, als derjenigen wäßrichen Geschwülste, welche sich zwischen der Haut und dem Fleische befindet. Ja es werden Engbrüstigkeiten, Erstickflüße, Blutspeyen, Lungensuchten, Gelbesuchten, und Schwarzgelbesuchten, Verstopfungen, Verhärtungen und Geschwüre in der Leber, in dem Milze, in den Gekrösdrüsen, in den Nieren und in der Lunge zum Vorscheine kommen, und zu allen diesen Verdrießlichkeiten wird sich endlich ein abzehrendes Fieber, mit verdrießlichen Nachtschweißen, und Ausfallung der Haare gesellen, welches diese Leute wegen ihrer Unbesonnenheit und Unmäßigkeit, und zur Strafe dem Tode in die Hände liefern wird.
§. 49. Ich glaube nunmehr wohl zu thun, wenn ich diejenigen Schädlichkeiten itzo vorbringen werde, welche von den äußerlich blaßmachenden Mitteln, so ich im46stenAbsatze angeführet habe, ihren Ursprung herleiten. Da diese Hülfsmittel vermöge der Silberglätte, des Bleyzuckers und der Alaune nicht nur eine gar zu heftig zusammenziehende Kraft besitzen, sondern auch wegen der sich darinnen befindlichen Schädlichkeiten ein heimliches und tödtendes Gift bey sich führen, welches vermöge der zurückführenden Oeffnungen der Haut, dem Blute und den Säften beygemischt wird, so daß davon eine rechte todtengleiche Blaßheit des Angesichts hervorgebracht werden muß. Aber man muß wissen, daß auch eben diese Blaßheit des Angesichts allemal mit einer Trägheit des ganzen Körpers, mit einem Widerwillen, und mit einer Verdrießlichkeit des Gemüths, mit einem Ekel vor denSpeisen, und mit abzehrenden Nachtschweißen verbunden sey. Kurz, diese kränkliche, und blasse Angesichtsfarbe wird alle diejenigen Krankheiten erzeugen, deren ich im48stenAbsatze gedacht habe. Selbst der große Börhave gedenkt in seinem andern Theile der Chemie auf der 309ten Seite: daß er sechs oder sieben adliche Fräulein gekannt hatte, welche allesamt von dem Gebrauche der blaßmachenden Schminke des Silberglätteßigs ihr Leben hätten einbüssen müssen.
§. 50. Da nun die äußerlich im Gebrauch gezogenen blaßmachenden Schminkmittel so vieles Unheil gebähren können, was werden erst diejenigen Mittel zu thun mächtig seyn, welche man innerlich zu nehmen, thöricht genug ist? Alle diese im47stenAbsatze angezeigte Mittel sind wahrhafte Sachen, welche dem Menschen zwar einen langsamen, aber doch einen durch keine Kunst abzuhaltenden Tod verursachen. Werden also nicht alle diejenigen unglücklichen Zufälle weit eher und geschwinder ihr Daseyn haben, als von den äußerlichen im46stenAbsatze erzählten Mitteln? Ich nehme keinen Anstand, mich lange zu besinnen, sondern ich falle dieser Meynung sogleich bey; ja ich behaupte so gar, daß diese allesammt von der letztern Art der blaßmachenden Mittel hervorgesproßte und im48und49stenAbsatze angeführte Krankheiten gänzlich unheilbar sind, und zwar bloß darum, weil durch diese Mittel das Blut sowohl, als die übrigen Säfte ganz und gar vergiftet worden sind, und weil diese vergifteten Säfte die festen Theile des Körpers angreifen, und zerstöhren.
§. 51. Wer nun aber dennoch mit aller Gewalt eine blasse Angesichtsfarbe haben will, der muß sich derjenigen Hülfsmittel bedienen, die ich in der Abhandlung von der blassen Angesichtsfarbe vorgeschrieben, und angepriesen habe. Aber das muß ich selbst eingestehen, daß diese Art sich schön und blaß zu machen, ziemlich beschwerlich sey. Doch wer die Absicht zu erlangen willens ist, der muß auch die hierzu dienlichen Mittel zur Hand nehmen und nicht verwerfen. Niemand fährt mit Wollust und Vergnügen in den Himmel, sondern er muß zuerst auf der Welt den Dornenweg betreten: Und wer schön und blaß zu werden ein sehnliches Verlangen trägt, der muß sich selbst Zwang anthun gelernt haben, und gut stoisch, aber doch gleichwohl kein Stockfisch seyn.