Das erste Kapitel.

Das erste Kapitel.

Von den Ungelegenheiten, welchevon den sogenannten Muschen oder Schminkfleckchenzu entstehen pflegen.

§. 34.

Nichts liegt wohl den Frauenzimmern mehr am Herzen, als die Sorge, ihrem Angesichte eine reizende Schönheit zu verschaffen. Sie haben unzählige Mittel, deren sie sich zu bedienen pflegen, um ihren Zweck glücklich erreichen zu mögen. Doch ihre Bemühung ist eben so tadelhaft nicht, als sie manchem wohl scheinet. Denn wenn man die Schönheit des Angesichts auf der rechten Seite betrachtet; so ist sie ein ordentliches Gewehr und Waffen, deren sich die Frauenspersonen mit einer ganz ausnehmenden und ihrem Geschlechte eigenen Klugheit gegen die Männer zugebrauchen wissen, um über die Herzen derselben den Sieg zu erhalten, und sich die Mannsbilder ihnen dienstbar zu machen. Der weise Anakreon schreibt in seiner andern Ode, so wie ich es gerne höre. Ich werde die Ehre haben, ihnen die Nachahmung mitzutheilen, und hier ist sie:

Wie sorgt die gütige NaturFür eine jede Kreatur!Sie schenkt den Menschen und den ThierenEin ihrem Wesen dienlich Gut:Dem Löwen gab sie Stärk und MuthUnd Hörner schenkte sie den Stieren.Sie lehrt den Fisch im Wasser gehn,Den Vogel sich zur Luft erhöhn:Dem Hasen giebt sie schnelle FüßeWomit er sich erretten kann:Mit Klugheit waffnet sie den Mann,Und zeigt, wie er sie brauchen müsse.Was blieb vors weibliche Geschlecht?Auch hier war sie nicht ungerecht;Ihm schenkte sie statt jener GabenDer Schönheit: Und gebraucht es die;So fehlt ihm Sieg und Stärke nie.Was will es andre Waffen haben?

Wie sorgt die gütige NaturFür eine jede Kreatur!Sie schenkt den Menschen und den ThierenEin ihrem Wesen dienlich Gut:Dem Löwen gab sie Stärk und MuthUnd Hörner schenkte sie den Stieren.Sie lehrt den Fisch im Wasser gehn,Den Vogel sich zur Luft erhöhn:Dem Hasen giebt sie schnelle FüßeWomit er sich erretten kann:Mit Klugheit waffnet sie den Mann,Und zeigt, wie er sie brauchen müsse.Was blieb vors weibliche Geschlecht?Auch hier war sie nicht ungerecht;Ihm schenkte sie statt jener GabenDer Schönheit: Und gebraucht es die;So fehlt ihm Sieg und Stärke nie.Was will es andre Waffen haben?

Wie sorgt die gütige NaturFür eine jede Kreatur!Sie schenkt den Menschen und den ThierenEin ihrem Wesen dienlich Gut:Dem Löwen gab sie Stärk und MuthUnd Hörner schenkte sie den Stieren.

Wie sorgt die gütige Natur

Für eine jede Kreatur!

Sie schenkt den Menschen und den Thieren

Ein ihrem Wesen dienlich Gut:

Dem Löwen gab sie Stärk und Muth

Und Hörner schenkte sie den Stieren.

Sie lehrt den Fisch im Wasser gehn,Den Vogel sich zur Luft erhöhn:Dem Hasen giebt sie schnelle FüßeWomit er sich erretten kann:Mit Klugheit waffnet sie den Mann,Und zeigt, wie er sie brauchen müsse.

Sie lehrt den Fisch im Wasser gehn,

Den Vogel sich zur Luft erhöhn:

Dem Hasen giebt sie schnelle Füße

Womit er sich erretten kann:

Mit Klugheit waffnet sie den Mann,

Und zeigt, wie er sie brauchen müsse.

Was blieb vors weibliche Geschlecht?Auch hier war sie nicht ungerecht;Ihm schenkte sie statt jener GabenDer Schönheit: Und gebraucht es die;So fehlt ihm Sieg und Stärke nie.Was will es andre Waffen haben?

Was blieb vors weibliche Geschlecht?

Auch hier war sie nicht ungerecht;

Ihm schenkte sie statt jener Gaben

Der Schönheit: Und gebraucht es die;

So fehlt ihm Sieg und Stärke nie.

Was will es andre Waffen haben?

§. 35. Doch es ist zu beklagen, daß die Schönen durch alle ihre Kunst dasjenige in Ewigkeit nicht erhalten werden, was ihnen die Natur einmalversagt hat. Die Schönheit ist eigentlich diejenige gewisse Vollkommenheit des Körpers, die vermöge unserer äußern Sinne empfunden werden muß. Gesetzt aber, die Natur hätte diese Vollkommenheit bey dieser oder jener Person vergessen; so wird man allen Fleiß vergebens anwenden, sich solche durch Kunst eigen zu machen, wenn man auch gleich tausend Mittel zur Hand nehmen wollte. Denn der müßte gewiß entweder ohne Gehirne gebohren worden seyn, oder doch wenigstens alle seinen Verstand eingebüßt haben, welcher diejenige Person vor eine Schönheit halten wollte, bey der die regelmäßige Verhältniß der äußern Theile des ganzen Körpers gegen einander fehlete, und bey der die sonst gewöhnliche und ordentliche Stellung aller äußerlichen Theile nicht ihre Richtigkeit hätte: Da doch diese Stücke das rechte Wesen und den wahren Grund der Schönheit einzig und allein ausmachen müssen. Ich läugne aber deswegen noch lange nicht, daß nicht auch eine angenehme Gesichtsfarbe, die nach meinem Geschmacke weder zu feuerroth, noch allzu weiß wie eine Gipsstatue, sondern blaßroth und lebhaft seyn muß, eine Zärtlichkeit der Haut, und ein sanftes, fast unvermerktes Zucken der Muskeln im Angesichte, welches eigentlich die Gesichtszüge und Minen auszudrücken geschickt ist, zu der Schönheit, als wesentliche und unentbehrliche Stücke gehören sollten. O nein! ich weis es gar zu gut, daß eine zarte Haut, dessen Zärtlichkeit aus nichts andern, als aus einer überaus künstlichen Zusammenfügungsehr kleiner und zarter Scheibchen besteht, vermögend sey, unsern Augen ein fast himmlisches Vergnügen zu machen, unsere Herzen in Flammen zu setzen, und in unserer Seele tausend Vorstellungen hervorzubringen, die mit einer artigen Abwechslung von einander entgegen gesetzten Leidenschaften vermischt sind, und die deutlicher empfunden, als beschrieben werden können. Ich dürfte mich fast über den thörichten Stolz mancher Schönen, welchen sie, ihrer Schönheit wegen an sich blicken lassen, in ein Hohngelächter auslassen, zumal da sie so gar viel Eitelkeit besitzen, und sich zuweilen über die Maaßen viel auf ihre vergängliche Angesichtsschönheit einbilden. Aber man sage mir doch nur einmal, besteht nicht eben die Schönheit bloß in einer verwirrten Vorstellung? gründet sie sich nicht auf eine seltsame Zusammenfügung der kleinen und zarten Scheibchen der Haut, auf eine anständige und reizende Vermischung der weißen und rothen Farbe? und endlich auf ein fast kaum merkliches Ziehen der Angesichtsmuskeln? Bedenken sie doch nur einmal, meine Schönen, so was Elendes und Eingebildetes ist es, auf dessen kurzen Besitz sie so närrisch hochmüthig zu werden geneigt sind, und welches sie habhaft zu werden mit der größten Begierde suchen, und mit dem heftigsten Verlangen wünschen. Ich sollte meynen, sie müßten nunmehr mit mir selbst, mir zu Gefallen, und blos zur Gesellschaft über ihre eigene Thorheit lachen? Ey machen sie doch sowohl sich, als mir die Freude, und lachen recht sehr! wollen sie? ich bitte.

§. 36. Um sich den so vergänglichen Schatz der Angesichtsschönheit eigenthümlich machen zu mögen, sind die Schönen aus einer bloßen Einbildung, und aus einem mehr als verkehrten Vorurtheile auf den tollen Gedanken gerathen, ihr Angesicht mit kleinen schwarzen Fleckchen, welche theils ganz runde, theils aber halbrunde Figuren vorstellen, und Schminkpflästerchen oder Muschen genennt werden, zu bekleben. Vielleicht haben die Frauenzimmer sich darum die schwarze Farbe zu ihren Schminkfleckchen erwählt, damit durch solche die Farbe des Angesichts desto besser erhöht werden soll. Zuweilen legen sie sich nur eines, zuweilen aber auch mehrere Pflästerchen in das Angesichte. Solche befleckte Schönheiten tragen beynahe das ganze himmlische Weltheer und das natürliche tychonische Weltsystem in ihrem Gesichte; ja sie sehen fast eben so bunt wie eine Elster aus: vielleicht aber geschieht dieses wegen der großen Verwandschaft, welche sie in Betrachtung ihrer Schwatzhaftigkeit mit diesen Thieren gemein haben. Doch ich will kraft diesem auf das feyerlichste um Verzeihung gebeten haben, wenn ich den Schönen etwa damit zu viel gethan, oder ihnen zu nahe getreten haben sollte! Vielleicht werde ich ihre Absicht besser errathen, warum die Schönen ihr Angesicht mit schwarzen Fleckchen zu bepflastern pflegen, wenn ich sage: daß sie dieses darum zu thun gewohnt wären, um dadurch ihr Angesichte zu verschönern, ihre Angesichtsfarbe mehr zu erheben, und in die Augen fallender zu machen, und die im Angesichte aufgeschoßten Blätterchen zu bedeckenund zu verbergen. Ist es nicht wahr? Aber sie werden mir es auch nicht ungütig nehmen, wenn ich mich unterstehe, ohne den geringsten Scheu vor der Wahrheit zu tragen, ihnen offenherzig zu versichern, daß ihre eitle Bemühung schöner zu scheinen, als sie natürlicher Weise sind, eine ganz unnatürliche und sehr gezwungne Sache sey. In der That, ein oder etliche ausgefahrne Blätterchen im Angesichte sind lange nicht vermögend, ihre angebohrne Schönheit zu vermindern, wenn nur sonst die Natur gerecht und gütig genug gegen sie gehandelt hat, das heißt, die regelmäßige Verhältniß aller äußerlichen Theile gegen einander, und die ordentliche Stellung der Glieder an den Schönen zu beobachten, befließen genug gewesen ist. Man kann schon andere und bessere Mittel gebrauchen, dieser im Angesichte stehender Blätterchen loß zu werden, ohne sich solcher schwarzen Fleckchen bedienen zu dürfen. Doch wenn die Frauenspersonen die Absicht einzig und allein zu ihrem Grunde haben, die im Angesichte hervorgesprossenen Blätterchen vermöge dieser Schminkläppchen zu verbergen; so kann man ihnen diese Muschen im Angesichte zu tragen noch ganz wol Erlaubniß und Ablaß geben.

§. 37. Diese Schminkpflästerchen nun werden meines Wissens, aus schwarzen seidenen Taffent verfertiget, über welchen man aufgelösetes Gummi streichet, wenn aber dieses auf dem Taffent trocken geworden ist, so werden diese Muschen mit einem scharffen besonders hierzu gemachten Ausstecheisen, welches bald eine zirkelrunde bald aber eine halbzirkelrunde Figur vorstellet, ausgestochen. Man muß aber doch auch wissen, daß es große, mittlere und kleine Schminkpflästerchen gebe, um solche auch bey verschiedenen Mängeln und Flecken des Angesichts in Gebrauch nehmen zu mögen.

§. 38. Nunmehr sollte ich auch etwas von dem Schaden sagen, welchen die Schminkpflästerchen der Gesundheit zufügen könnten. Aber ich muß hier meine Unwissenheit aufrichtig gestehen, daß ich eben keinen besondern Schaden einzusehen und anzugeben fähig bin, welcher auch nur einiger maaßen der guten Gesundheit nachtheilig und überlästig seyn könnte. Es müßte denn etwa dieser Schade seyn, daß die mit Gummi überzogenen Fleckchen, die wenigen Schweißlöcher, über die solche gelegt worden sind, zuklebeten. Aber da, nur einige wenige Muschen in das Angesichte gelegt werden; so wird auch die unmerkliche Ausdünstung eben dadurch nicht unterdrückt werden, und Ungelegenheit verursachen können. Ich würde es nothwendiger Weise zugeben müssen, daß Krankheiten von den aufgelegten Muschen zum Vorscheine kommen könnten, wenn das ganze Angesicht mit nichts als Schminkpflästerchen, so wie mit einer Larve belegt worden wäre: Freylich würden alsdenn lauter solche Zufälle ihren Ursprung nehmen müssen, die ihr wahres Daseyn der verhinderten unmerklichen Ausdünstung schuldig sind, s.§. 32.28.17.12.und5.und so würde ich mich nicht wundern dürfen, wenn krebsartige und fressende Geschwüre entstünden. Kurz, diese Schminkfleckchen sind mehr vor einen eitlen undaberwitzigen Angesichtsputz, als vor ein Mittel zu halten, welches der Gesundheit durch Zufügung einigen Unheils Eintrag zu thun vermögend seyn könnte. Es würde ein großes Unglück seyn, wenn alle närrische Erfindungen und Eitelkeiten zugleich neue Gelegenheit, krank zu werden, geben sollten: und so ist es auch noch lange die Folge nicht, daß alle Arten der Verschönerung des Angesichts schädlich werden müßten, wenn auch gleich einige fähig sind, Unbequemlichkeiten einzuführen, und Schaden anzurichten. Wer aber auch so schließen wollte, der würde eben einen solchen Schluß machen, wie die alte Frau Barbara ordentlicher Weise bey dem Spinnrade sonst zu machen gewohnt ist.


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