Abschnitt 2, Kapitel 2, KopfstückDas zweyte Kapitel.
Abschnitt 2, Kapitel 2, Kopfstück
Von den Beschwerlichkeiten, welchevon der rothen Schminke des Angesichtserzeugt werden.
§. 39.
Da ich den Vorsatz gefaßt habe, von der rothen Schminke des Angesichts, und von der hiervon zu entstehenden Schädlichkeit zu schreiben; so sollte es mir hier nicht an Gelegenheit mangeln, zumal wenn ich in das Alterthum zurück gehen wollte, von der dazumal gewöhnlichen rothen Angesichtsschminke vieles zu reden. Hierkönnte ich von dem Ursprunge und von dem Gebrauche der rothen Schminke handeln, und wenn ich es sonst vor gut befände, eine eigene Abhandlung davon aufsetzen: Allein da eben dieses eigentlich nicht zu meiner Sache gehört; so sehe ich nicht ein, warum ich mich, ohne Grund zu haben, in überflüßige und critische Weitläuftigkeiten einlassen soll. So viel aber kann ich doch nicht unberührt lassen, daß die rothe Schminke bey den Griechen sowohl als Römern in den Schauspielen gebraucht wurde, und daß gemeiniglich diejenigen Personen ihre Angesichter roth zu färben gewohnt gewesen sind, welche diese oder jene Geschichte auf dem Schauplatze vor dem Volke vorstellten. Die wahre Absicht, warum solche Leute ihre Angesichter roth schminkten, mag wohl allem Vermuthen nach diese gewesen seyn, sich nämlich denen Zuschauern unkenntlich zu machen, oder auch wohl ihren Angesichtern durch solche rothe Schminke eine reizendere Schönheit geben zu mögen, um die Augen der Anwesenden mehr auf sich zu reizen, theils von ihnen bewundert, theils aber auch geliebt zu werden. Wider die Möglichkeit streitet es im geringsten nicht, daß sich nicht einige Zuschauer in eine solche roth gemahlte Schönheit verliebt haben sollten. Denn da dieses noch heut zu Tage geschieht, warum sollte es auch vor alten Zeiten nicht eben so vorgefallen seyn. Auch noch zu unsern Zeiten wird die rothe Angesichtsschminke von den Schauspielerinnen, welche man Komödiantinnen und Operistinnen nennt, auf dem Theater gebraucht, um sich lebhafter und schöner im Angesichte zu machen. Ich bin nun schoneinmal des guten Glaubens: daß auch andre Frauenzimmer denen Theaterschönen nachgeahmet sind, und um mehr geliebt und verehrt zu werden, sich ebenfalls dieser rothen Schminke bedient haben. Die Erfahrung bestätiget meine Meynung, und die Bücher der alten Dichter beweisen es zur Genüge, daß ich wiederum Recht habe. Man wird es nunmehr zu begreifen im Stande seyn, daß die Mode, das Angesichte roth zu schminken, von den Schauspielen der Alten seinen Ursprung genommen habe, noch heutiges Tages bey den Theaterschönheiten üblich, und nachher von andern Frauenzimmern zum Gebrauch angewendet worden sey. Die Farbe aber, der sich die Alten, um damit ihre Angesichter roth zu schminken, bedient haben, soll nach dem Zeugniß der Alterthumsverständigen Critiker die Meerschnecke gewesen seyn. Ich will dieses eben nicht gänzlich in Abrede seyn, doch halte ich auch dafür, so viel freyen Willen zu haben, auch glauben zu mögen, daß das Alterthum auch wohl andere rothe Farben, um sich schminken zu können, gebraucht haben müsse. Doch ich mag eben keine unnöthige Untersuchung anstellen, was es eigentlich vor Farben gewesen sind, die die Alten, um ihre Angesichter roth zu färben, genommen haben. Meinetwegen kann es Menge, Kermeskörner oder Koccionille gewesen seyn, genug, daß es eine rothe Schminke gewesen ist, die dazumal den Leuten gefallen haben muß, und die reizend genug gewesen seyn mag, daß man von einer solchen rothgemahlten Schönheit hat bezaubert werden können, ohne andre abergläubische Mittel zu Hülfe nehmen zu dürfen.
§. 40. Es ist, bey meiner Ehre, ein mehr als strafbarer Fehler, welcher sich einzig auf die Menschheit gründet, daß man niemals mit denjenigen Leibesgaben vergnügt zu seyn pflegt, welche uns doch die Weisheit und Vorsicht der gütigen Natur aus erheblichen Ursachen beschieden hat. Aber auch eben diesen Fehler wird man am allermeisten bey den Frauenzimmern antreffen, vielleicht aber bloß darum, weil sie mehr Menschheit als andre an sich haben, und ich wollte es fast lieber, aus eben diesem Grunde, doch zwar nur zum Scherze, selbst glauben, daß die Schönen darum mehr menschlich wären, weil die unbenabelte alte Frau Eva von dem ersten Menschen, nicht aber wie Adam, aus Erde gemacht worden ist. Ihre Töchter sind noch eben so, wie ihre Urmutter geartet: Jene wollte mit ihrer Vollkommenheit nicht zufrieden seyn, ihre eitle Begierde, noch vollkommner zu werden, brachte sie zum Falle, und stürzte sie in das Elend, und ihre Töchter, so gleiche Unart und gleiche Neigung mit ihrer Stammmutter in ihren Adern nähren, bestreben sich äußerst, immer vollkommner zu werden, ob sie sich gleich durch ihre Bemühung nur mehr Unvollkommenheit und Unglück auf die Achseln laden. Aber eben das mag auch die wahre Ursache seyn, warum blasse Frauenzimmer roth von Angesichte aussehen, die rothen aber sich eine Blaßheit des Angesichts zuwege bringen wollen. So geht es auf der Welt! alte Weiber wollen nicht alt, junge Schöne nicht jung heißen. Aber warum? ich will es so gleich sagen:Weil die jungen zu lieben anfangen, die alten aber noch lieben, und beyde geliebt zu werden wünschen. Bloß also ihren Liebhabern gefallen zu mögen, bemüht sich die rothe Schöne sich blaß zu machen, die blaße aber färbt sich roth. Nimmermehr, wird eine rothgemahlte Schönheit mich zu reizen, und mich durch ihre rothgeschminkte Backen, so wie die rothen Ebischbeeren die Gramsvögel in ihre Schlinge zu locken, vermögend seyn. Mir gefallen solche Theaterschönheiten und rothgefärbte Drechslerpüppchen durchaus nicht. Nicht aber etwa darum, weil sie nicht natürliche, sondern fremde Farben haben, auch nicht darum, weil ich die rothe Schminke vor die schlechteste und niederträchtgiste Art, sich im Angesichte zu verschönern, halte. Nein, sondern bloß darum, weil ich bey solchen rothgemahlten Gesichtern auch ein geschminktes, das heißt, ein falsches Herz vermuthe, ein Mißtrauen auf ihre Tugend und Keuschheit setze, und damit ich den rechten Titel gebrauche, weil ich solche rothgefärbte Schönen auf gut deutsch vor Huren halte. Ich habe nicht geschimpft, sondern nur die Wahrheit gesagt, folglich darf ich mich keines Injurienprocesses befürchten. Denn ich bin Bürge dafür, daß keine geschminkte Schöne sich dieses zu Gemüthe ziehen werde, weil ich versichert bin, daß es in Ewigkeit keine zu gestehen gewohnt sey, daß sie sich im Angesichte roth zu mahlen pflege. Gewiß, solche rothgemahlte Schönheiten werden einen viel größern Verstand von sich blicken lassen, als manche Mannsperson, welche sich klug zu seyn dünket. Ich werde ihre Klugheit zu rühmen wissen, wenn sie mich und meineSchrift nicht sogleich zum Feuer verdammen. O! wenn alle satyrische Schriften und Strafpredigten verbrannt werden sollten, in denen man sich getroffen und abgeschildert findet; so würde die Welt gar bald in Brand gesteckt werden. Bleibet bey euren guten Gedanken, und
Seyd klüger als wie jener Pfaffe,Wenn euch ein Sinngedichte sticht:Seyd nicht so tumm als wie der AffeDer gleich das Spiegelglas zerbricht,So ihm sein wahres Bildniß zeiget:Klug ist, wer fühlt, sich bessert, schweiget.
Seyd klüger als wie jener Pfaffe,Wenn euch ein Sinngedichte sticht:Seyd nicht so tumm als wie der AffeDer gleich das Spiegelglas zerbricht,So ihm sein wahres Bildniß zeiget:Klug ist, wer fühlt, sich bessert, schweiget.
Seyd klüger als wie jener Pfaffe,Wenn euch ein Sinngedichte sticht:Seyd nicht so tumm als wie der AffeDer gleich das Spiegelglas zerbricht,So ihm sein wahres Bildniß zeiget:Klug ist, wer fühlt, sich bessert, schweiget.
Seyd klüger als wie jener Pfaffe,
Wenn euch ein Sinngedichte sticht:
Seyd nicht so tumm als wie der Affe
Der gleich das Spiegelglas zerbricht,
So ihm sein wahres Bildniß zeiget:
Klug ist, wer fühlt, sich bessert, schweiget.
Aber im rechten Ernste, solche Frauenzimmer, welche sich roth färben, sind warhafte Huren, und ich wollte gleich schwören, daß sie nichts anders wären. Denn hätte eine redliche Frau nicht die Absicht, mehr Männern zu gefallen, so würde sie sich es auch nicht haben in Sinn kommen lassen, ihr Angesichte zu schminken, sondern sie würde mit ihrer natürlichen Farbe, welche doch allemal die schönste ist, und ihrem Manne, wenn er anders kein Narr wäre, gefallen müßte, vollkommen vergnügt seyn: und ich würde eine Wittwe und Jungfrau vor aussätzig an ihrer Tugend halten, die sich, um viele Verehrer zu haben, in ihren Angesichtern roth schminken wollten. Gesetzt aber, daß es eine oder die andere thäte, gewiß, so würde niemand so beredt seyn, es mir auszureden; daß ich nicht feste glauben sollte, eine solche müßte sich ihres eignen Fleisches nähren. Denn was hätte sie außerdem Ursache, ihr Angesicht roth zu mahlen, zumal da diese Beschäftigung eine der größten Thorheiten ist. Aber um der Wahrheit das Recht zu erweisen, werden mir diejenigen alle, so ihre fünf Sinne zu brauchen wissen, gutwillig eingestehen, daß diese Art der Schminke die armseligste und pöbelhafteste sey, und bey denen ein sehr niederträchtiges Gemüthe verrathe, die sich einfallen lassen, sich solcher Schminke zu bedienen. Nur diese rothe Theaterschminke pflegt so gar den Unwissendsten in die Augen zu leuchten, so, daß sie bey sich selbst denken müssen, diese rothe Angesichtsfarbe sey unnatürlich und geschminkt.
Man hat wohl mehrmals gesehen, daß sich ein rothgeschminktes Angesicht durch einen unverhoft hervorgebrochenen Schweiß, welcher über die Stirne und Backen geronnen ist, geoffenbaret, und sich andern zum Gelächter gemacht habe: Ja man sieht augenscheinlich die weiße Haut vorleuchten, wenn der Schweiß die rothe Farbe abgewaschen hat. Ein solches Angesicht kommt mir eben so vor, wie eine weiße Wand, über die man eine rothe Farbe gestrichen hat, welche aber von dem Regen hier und da abgewaschen worden ist, und weiße Flecke zu ihrer Schande zeigen muß.
§. 41. Das Schminken ist eine Kunst, vermöge gewisser Mittel die Farbe der Haut zu ändern, selbige schön zu machen, und solche schön zu erhalten. Die Farbe der Haut wird entweder durch blaßmachende, oder rothmachende Mittel verändert. Dasjenige Mittel nun, welches geschickt ist, der Haut ein rothes Ansehen zu geben, und welches heut zu Tage gewöhnlich gebraucht wird, heißt Rosentuch, vielleicht weil dieses Tuch der Farbe einer rothen Sammetrose ziemlich nahe kömmt. Dieses eigentlich sogenannte Rosentuch ist nichts anders, als etwas starke rothgefärbte Leinwand, welche ihre rothe Farbe, entweder von der Koccionille, Kermeskörnern, oder auch von Fernebocke, dem durch eine besondere Kunst so eine hochrothe rosengleiche Farbe gegeben worden ist, bekommen hat. Mit dieser rothgefärbten Leinwand färben die Frauenzimmer ihre Wangen, und mahlen sich das Angesicht damit roth: doch muß dieses Rosentuch vorher in Lindenblüthwasser eingetaucht und feuchte gemacht werden, denn außerdem färbet das Rosentuch nicht ab. Einige nehmen guten florentinischen Lack, streichen solchen auf ein Stückchen Scharlachtuch und reiben die Haut des Angesichts damit. Besser aber thut man, wenn man kermesinrothes türkisches wöllnes Garn nimmt, selbiges sehr klein hacket, durch ein Haarsieb siebet, und in ein sehr zartes Pulver verwandelt, hernach aber auf ein Stückchen Scharlachtuch streuet, und die Backen damit reibet. Dieses Mittel ist fähig genug, ein recht unvergleichlich schönes und rothes Gesichte zuwege zu bringen. Andere bemahlen sich mit Karmin, und wiederum andere bemühen sich, die Farbe ihrer Wangen und Lippen mit Zinnober zu erhöhen.
§. 42. Nunmehr will ich endlich den Schaden anzeigen, den sich diejenigen Frauenspersonen zuziehen, welche so närrisch sind, ihr Angesicht roth zu färben. Ich habe nur itzo im41stenAbsatze gesagt, daß das Angesichte mit denen Läppchen stark gerieben werdenmüsse, wenn daß Angesicht roth geschminket werden soll. Da aber durch das starke Reiben die Haut des Angesichts sehr gereizt, angespannt, und dichte gemacht wird, und allemal auf eine starke Anspannung eine der angespannten Haut gemäße Erschlaffung zu erfolgen pflegt; so wird man, wenn man anders Verstand hat, sehr deutlich einsehen können, daß eine solche geschminkte Schönheit vor den Jahren alt werden und Runzeln bekommen müsse. Aber dieses ist noch lange nicht der Lohn, welchen solche Theaterpüppchen vor ihre Schminke empfangen: Auch außer den Runzeln bekommen sie eine gelbe, garstige und grobe Haut, so, daß sie zu einem wahren Scheusal der Männer, und zu einem wirksamen Gegenmittel wider das aufsteigende Fleisch werden. Es werden auch die Schweißlöcher der Haut des Angesichts von dieser rothen Schminke zugeklebt und verstopft, folglich wird die so heilsame Ausdünstung verhindert werden müssen, und also werden alle diejenigen Umstände entspringen, welche von der unmerklichen Ausdämpfung des Angesichts natürlicher Weise zu entstehen pflegen s.§. 38.32.28.17.12.und5.Da nun, wie ich nur itzo erweislich gemacht habe, eine geschminkte Haut nicht so, wie es sich geziemt, ausdünstet; so müssen freylich daher im Angesichte Finnen, Schwindflechten, und Sonnensprossen entstehen. Diejenigen Frauenspersonen, welche sich diese Thorheit haben einnehmen lassen, ihre Wangen und Lippen mit Zinnober zu färben, bekommen gemeiniglich den Krebs an dem Munde, und faules Zahnfleisch, wackelnde Zähne, einen stinkenden Athem und triefende Augen. Denn das im Zinnoberversteckte Quecksilber dringt in die Thränendrüse so wohl, als in diejenigen Drüsen, welche von D. Meibomen den Namen bekommen haben, und erweitert deren Gänge, so, daß solche hernach ihre Narrheit, und den Verlust ihrer Gesundheit mit einem beschwerlichen Schwären der Augenlieder, und beständigen Thränen der Augen ohne Aufhören beweinen müssen(*). Schöner Lohn für eure rothe Schminke!
§. 43. Wenn die Frauenspersonen, welche Belieben an einem rothen Angesichte tragen, und gerne roth auszusehen wünschen, meinem Rathe folgen wollten, so würden sie vernünftiger handeln, zumal, wenn sie sich lieber mit innern Mitteln von einem verständigen Arzte eine lebhafte rothe Farbe des Angesichts zuwege bringen ließen, und sich nicht selbst und ihrem Körper durch solche schädliche äußerliche Hülfsmittel so viel Unheil und Häßlichkeit zufügten und ungesund machten, nicht ihren Nebenmenschen, über sie zu spotten, und sich zu ärgern Gelegenheit gäben, nicht ihren Schöpfer zum Zorne reizten, und sich seiner Gnade verlustig machten. Ein geschminktes Angesicht soll darum das Angesicht GOttes nicht schauen, weil es durch die Schminke andre gereizt und entzündet, und ihnen Anlaß zu sündigen gegeben hat.
(*)Platnerde morbis ex immunditie.§. 16.
(*)Platnerde morbis ex immunditie.§. 16.
(*)Platnerde morbis ex immunditie.§. 16.