Abschnitt 2, Kapitel 6, KopfstückDas sechste Kapitel.
Abschnitt 2, Kapitel 6, Kopfstück
Von denUnangenehmen Empfindungen, welchedie Schönen leiden, indem sie sich einehohe Stirne zu machen, beschäftigen.
§. 69.
Einmal hat nun schon die Einbildung in den Herzen unsrer Schönen so tiefe Wurzel geschlagen, daß eine hohe Stirne, die nämlich auf der Mitten gleich über der Nase eine Spitze hat, auf beyden Seiten aber in etwas zurück läuft, und eine einwärtsgehende halbzirkelrunde und zurückgebogene Krümmung macht, eine ganz besondere und bewundernswürdige Schönheit sey. Die Frauenzimmer sind unverdrossen, sich eine solche hohe Stirne zuwege zubringen, und wollen lieber entweder durch Anlegung ihrer eigenen Hände, oder durch Beyhülfe andrer Staatsmärtyrinnen werden, als diese eingebildete Schönheit gänzlich entbehren. Es ist ein belachenswürdiges Bemühen, da man sich, um eine hohe Stirne zu haben, so vielen schmerzhaften Empfindungen aussetzt. Ich dächte, die Natur hätte ihnen schon ohnedies Schmerzen genug auferlegt, ohne daß sie nöthig hätten, ihre Pein aus einer bloßen närrischen Modesucht zu vermehren. Ich bin der völligen Meynung, daß sich die Schönen, um ihres Wunsches theilhaft zu werden, oftmals weit mehr Marter, entweder selbst, oder sich durch andere anthun lassen, als wenn man die peinlichen Fragen an sie ergehen, oder an ihnen alle Grade der Tortur vornehmen ließe. Ich getraue mir eine Wette zu gewinnen, daß ihnen unter dieser Beschäftigung die Thränen häufig über die Wangen herunter laufen müssen, und daß sie für Angst tiefgeholte Seufzer von sich hören zu lassen gezwungen würden. Ja, ja, was man sehnlich zu haben wünscht, darnach seufzet man desto brünstiger. Man sollte es fast nicht glauben, daß das menschliche Herz einen so großen Ueberfluß thörichter Eitelkeiten in sich schließen könnte.
§. 70. Die sich nun einmal vorgesetzt haben, eine solche im69stenAbsatze beschriebene hohe Stirne zu haben, die besitzen auch Herzhaftigkeit genug,sich die Haare von der Stirne mit einem hierzu verfertigten Zängelchen ausreißen zu lassen, bis sie glauben, ihre Stirne habe nunmehr diejenige Modefigur, die sie haben muß, wenn sie vor schön gehalten werden soll. Ich aber möchte die Schmerzen nicht büßen, die sie doch aus Hochmuth gutwillig leiden. Sonst pflegten sich nur diejenigen die Haare auszureißen, denen ein großes Unglück begegnet war, itzo aber reißt man sich die Haare aus, um sich zeitlich glücklich machen zu mögen. Andere lassen sich, in eben dieser Absicht, die Stirne mit einer Salbe bestreichen, welche aus lebendigen Kalke, gelben Arsenik und schwarzer Seife bereitet wird. Diese Sachen nun werden mit scharfer Meisterlauge, so viel als hierzu erforderlich ist, zu einer dünnern Salbe gemacht, um die Haare damit weg zu beizen. Dieses haarbeizende Mittel heißt, das türkische Rußma. Denn man will uns versichern, daß die Türken, welche sonst an ihrem ganzen Leibe, ausgenommen auf dem Kopfe und an dem Barte, keine Haare zu tragen gewohnt wären, mit dieser Salbe ihre Haare weg zu bringen bemüht seyn sollten. Andern aber gefällt es, an statt der Meisterlauge kampferirten Weingeist zu nehmen. Einige bedienen sich des weißen Pechs, oder des bis zur Härte gekochten Terpenthins, und zerlassen es mit etwas Wachs über Kohlen, hernach lassen sie sich solches warm über die Stirne streichen, und wenn es darauf kalt und harte geworden ist, so erlauben es die Schönen, daß man es ihnen abreißen mag, da denn die Haare mit sammt den Zwiebeln ausgerissen werden, sie aber zur Belohnung ihrer Staatspein die längst gewünschte hohe Stirne als eine Beute davon tragen. Sauer erworbener Sieg! Aber man darf nicht denken, daß die hohe Stirne nur von einer ausgestandenen Geduldsprobe so gleich fertig gemacht werde. Nein, man muß sich solche Marter öfters, und solange anthun lassen, bis auf der Stirne kein Härchen mehr zu sehen ist.
§. 71. Diejenigen, welche entweder ihre Haare auf der Stirne mit einem Zängelchen ausreißen, oder mit weißem Peche und Wachse wegbringen lassen, müssen zwar große Schmerzen ausstehen: doch was duldet man um der Mode wegen nicht! Aber diejenigen Frauenspersonen, welche die Haare von der Stirne mit dem türkischen Rußma wegbeizen lassen, müssen noch weit mehr ausstehen, denn sie bekommen Entzündungen der Haut, welche unsäglich brennen und wehe thun, ja es erzeugen sich so gar Grinde, unter welchen ein Eiter und eine scharfe tief unter sich fressende Feuchtigkeit wohnt. Alles dieses plagt die Schönen öfters, so, daß sie lange Zeit die Stube zu hüten genöthiget werden. Das Uebel aber pflegt noch böser zu werden, und länger zu dauern, wenn die, so dieser Thorheit Frohndienste geleistet haben, verdorbene Säftebesitzen. Doch ich wollte, daß ihre Eitelkeit noch weit schlimmere Folgen verursachte, weil das Frauenzimmer so verwegen ist, die ewige Weisheit zu tadeln, der doch die Schönheiten, als geringe Geschöpfe, mit aller Dankbarkeit verbunden seyn sollten, wenn auch die Natur sie nur zu einer Auster gemacht hätte. Mein Eifer ist gerecht: Aber werde ich auch damit alle thörichte Herzen vernünftiger zu machen fähig seyn? In Ewigkeit nicht.