A-tous Vater.A-tous Vater
A-tous Vater
V
Vor Monaten brachte eine Zeitung in Schanghai folgende Notiz.
Ein junger Chinese, der westländische Kleidung trug, geriet mit seinem Vater in Streit, in dessen Verlauf der Sohn ausfällig wurde und dem Vater mit einem Stock ins Gesicht schlug. Als der Vater seinen Sohn dafür züchtigen wollte, zog letzterer einen Revolver aus der Tasche. Zum Glück schritt rechtzeitig die Polizei ein, die grösseres Unglück verhütete. Den Anlass zum Streit soll die Aufforderung des Vaters gegeben haben, der Sohn solle sich seiner westländischen Kleidung entledigen und in der herkömmlichen Tracht den Ahnen die vorgeschriebenen Opfer darbringen.
Ein junger Chinese, der westländische Kleidung trug, geriet mit seinem Vater in Streit, in dessen Verlauf der Sohn ausfällig wurde und dem Vater mit einem Stock ins Gesicht schlug. Als der Vater seinen Sohn dafür züchtigen wollte, zog letzterer einen Revolver aus der Tasche. Zum Glück schritt rechtzeitig die Polizei ein, die grösseres Unglück verhütete. Den Anlass zum Streit soll die Aufforderung des Vaters gegeben haben, der Sohn solle sich seiner westländischen Kleidung entledigen und in der herkömmlichen Tracht den Ahnen die vorgeschriebenen Opfer darbringen.
Das Ereignis ist ein Kulturdokument, das zwischen den paar Zeilen, in denen es dargestellt wurde, unbegrenzte Weiten und Tiefen hat. Es ist das Dokument einer chinesischen Weltstadt, die ein unfiltriertes, gärendes Gemisch von chinesischer und westländischer Kultur ist, ein Gemisch, das die edlen und wertvollen Teile der beiden Kulturen zu untätiger Verbannung ausscheidet, während sich die leichtbeweglichen, materialistischen Teile zu einem berauschenden Trank vermischen, der nach Ansicht Vieler das künftige Lebenselixier Chinas werden soll. Lange habe ich die fünfzeilige Notiz in meiner Westentasche herumgetragen, sie an stillen Abenden hervorgeholt, durch die Finger gleiten lassen und über sie nachgedacht. Ich hab mich im Geist in die Gedankenwelt der beiden Streitenden versenkt, ihre Gründe und Gegengründe gehört, und zuletzt standen sie in meiner Phantasie greifbar vor mir. Und als ich an einem Sommerabend, während vom Fluss weiche, erfrischende Luft wehte, überlegend am Schreibtisch sass, da sagte ich plötzlich laut vor mich hin: „Komm, alter Vater, erzähle mir von Deinem Schmerz und Deinem Zorn.“
Und der Alte erzählte:
Vor fünfzehn Jahren lebte ich in dem Fischerdorf Kiang wan, jenem Ort zwischen Schanghai und Wusung, wo vor einem Jahr der Ausländer in dem grossen Schmetterling durch die Luft flog. Damals bewohnte ich eine kleine Hütte, unterrichtete die Dorfjugend und nährte mich mit Frau und Sohn redlich. Ja, der Himmel hatte mir einen „Edelstein“ geschenkt, der mein Stolz und meine Freude war. Einen Sohn, den ich mir im Geiste der konfuzischen Lebensregeln erziehen wollte, der meiner Seele opferte, wenn dereinst die schattigen Lebensbäume über meinem Grabe rauschten. Ich war nur ein armer Gelehrter, trug aber in meinem Herzen Hochachtung vor dem grossen Unsichtbaren, der die Gestirne in ihren Bahnen lenkt, der aus schlechten Menschen gute und aus guten schlechte zu schaffen vermag.
Trotzdem ich mich eines ordentlichen Lebenswandels befleissigte, strafte mich der Himmel an meinem Sohn. Ich glaube nicht, dass es meine Schuld war, sondern nehme an, dass irgend einer meiner Ahnen Böses trieb, und dass die Strafe des Himmels erst nach vielen Jahrzehnten wirksam ward und gerade meinen Sohn traf.
Bis zu seinem zwölften Jahre war A-tou fleissig und treu. Eines Tages überredete mich ein Verwandter, doch mein einsames Lehrerleben aufzugeben und mich mit dem kleinen ersparten Kapital (es waren etwa sechshundert Stränge Lochkäsch) in Schanghai, der Stadt der Fremden, niederzulassen. Schweren Herzens verkaufte ich meine Hütte und zog nach Schanghai.
Wie mir ums Herz wurde, als ich mit Frau und Kind durch die Strassen der grossen Stadt zog, an den riesigen Steinmauern entlang schritt, die jeden Augenblick einzustürzen drohten, als ich nur ein Stückchen Himmel und keine Sonne sah, will ich nicht schildern. Mir war zu Mute, als ob ich durch die unterlassene Darbringung von Opfern meine Ahnen aufs Schwerste beleidigt hätte und jede Minute von ihrer Strafe ereilt werden könnte. Die Freude meines jungen A-tou war aber ohne Grenzen. Ueberall blieb er stehen. Alles fesselte ihn, über alles wollte er Auskunft haben.
Ich fühlte, wie schon beim ersten Betreten die Weltstadt meinen Jungen in ihre Fangarme nahm, und machte mir gleich selbst Vorwürfe, dass ich ihn nicht streng genug im Geiste unserer Väter erzogen hatte; denn das wäre ein Mittel gewesen,ihn gegen alle Einflüsse, die mit unserer Weltanschauung nicht im Einklang stehen, widerstandsfähig zu machen. Wer aber der Strafe des Himmels verfallen ist, treibt unwiderstehlich dem Zusammenbruch zu; dagegen hält auch die gründlichste Erziehung nicht Stand. So ging es meinem Sohne A-tou. Die bösen Einflüsse gewannen in seinem Herzen die Oberhand und sie erfassten auch mich in manchen Stunden des Tages.
Noch heute verfluche ich die Stunde, wo mich ein reicher Freund besuchte und mich bat, meinen Sohn bei ihm in die Lehre zu schicken. Ich gab den damals Fünfzehnjährigen aus der väterlichen Gewalt. Das Unglück schritt schnell. Ab und zu kam er, modisch gekleidet, zu mir, redete hochtönende Worte und gebärdete sich wie ein hochmütiger Ladenbesitzer. Er hatte mitunter Ansichten, die mir als Vater die blasse Scham in die Wangen trieben; er redete vom Sturz von Kaiser und Altar, von einem Staat, wo kein kaiserlicher Beamter, sondern nur das Volk regierte, und dergleichen Dinge mehr. Seine Ansichten waren so fest unerschütterlich, dass ich keine Worte finden konnte, seinen verirrten Geist wieder auf den richtigen Weg zu führen. Ich erinnere mich nur, dass ich ihm in meiner grenzenlosen Wut die Tür gewiesen habe. Mit einem höhnischen verächtlichen Blick, der mir heute noch aus allen Ecken entgegengrinst, wenn ich nur an A-tou denke, verliess er mich.
Eines Tages kam der reiche Freund und klagte bitterlich. Ich ahnte nichts Gutes, und plötzlich gestand er mir, dass A-tou seit drei Tagen dem Geschäft fern geblieben sei. Er glaube, A-tou, der wegen revolutionärer Umtriebe verhaftet werden sollte, sei völlig in die Dienste der geheimen Umsturzgesellschaft getreten. Beim Hören dieser Schmerzensbotschaft war mir, als ob der Taischan eingestürzt sei. Meine Frau sass in der Ecke und weinte; Wochen lang war sie aufgeregt, bis sich eines Tages der Todesgeist in ihre Kehle setzte; da sie zu schwach war, musste sie ihn herunterschlucken und sterben. Sie wurde bei Kiang-wan beigesetzt.
Lange hatte ich von A-tou nichts mehr gehört. Inzwischen brach die Revolution aus. Und da erfuhr ich, dass mein Sohn zwei Jahre im Wutschanger Gefängnis gesessen habe, weil er sich gegen die heilige Person des Kaisers vergehen wollte, indem er den Aufstand predigte und Bomben anfertigte. Als Wu tschang fiel, wurde er aus dem Gefängnis befreit und trat in dasVolksheer ein, wo er es bald zum Offizier brachte. Das alles erzählte mir ein Kamerad A-tous, der von ihm überredet, als Freiwilliger gegen den Kaiser gekämpft hatte.
In jenen Tagen, als mir die Schande meines Sohnes erzählt wurde, wollte ich mich voller Gram in den Fluss stürzen. Ich vertraute aber auf den „alten Herrn Himmel“, dem ich täglich einige Stäbchen Weihrauch opferte, damit er das Herz meines Sohnes läutere und noch in letzter Stunde auf den rechten Weg führe, den „Weg der Mitte“, den unser Volk Jahrhunderte in schlichter Einfachheit geschritten ist. Ich wünschte mir, A-tou gegenüberzusitzen, und wollte mit ihm plaudern wie damals, als wir den Kiangwaner Fischern beim Netzflicken zuschauten. Ganz schlicht und einfach wollte ich zu ihm sprechen, ihm meinen Gram aus der Seele schütten, ihn väterlich zur Umkehr ermahnen. Vielleicht hatte die rauhe, vom Ausland angesteckte Zeit noch ein Fünkchen Mitleid in meinem Sohne gelassen, das, geschickt zur Flamme entfacht, A-tou zu innigem Verzeihen vor mir auf die Knie gezwungen hätte. Ja, diesem Augenblick sah ich als dem stolzesten meines Lebens entgegen.
Der Himmel erhörte mich, um mich aber nur noch schlimmer zu züchtigen. Eines Tages fuhr ein knatternder ausländischer Wagen ohne Pferde vor meiner schlichten Wohnung vor, und ein westländisch gekleideter Chinese mit einem wippenden Stöckchen in der Hand trat herein. Als er die blaue Brille von seinen Augen nahm, erkannte ich A-tou, der mir zur Begrüssung hochnäsig zurief, er sei jetzt Beamter der neuen Regierung. Das war eine nette Einführung. Den ihm angebotenen Tee wies er verächtlich von sich, weil die Tasse zu schmutzig sei; dabei lief er räsonnierend in den Zimmern umher und wippte dabei immerfort mit dem Stöckchen. Ich alte Einfalt folgte ihm, wie ein ganz gemeiner Kuli seinem Herrn.
Vor dem Papierbild des Schutzgeists unserer Familie blieb A-tou stehen. Trotz der Jämmerlichkeit meiner Lage frohlockte ich innerlich, weil ich glaubte, A-tou wolle dem Schutzgeist seine Rückkunft nach dem väterlichen Hause anzeigen. Statt dessen vollführte er mit der Gerte einen Schlag über das Gesicht des Gottes, dass das Papier klatschend auseinanderriss. Ich schrie vor Schmerz über diese Freveltat laut auf. Verwundert schaute mich A-tou an und befahl mir, den Plunder herunterzureissen.Man müsse an nichts anderes als an sich selbst glauben; das sei die beste Religion.
Das war der väterlichen Geduld zu viel zugemutet. Ich hatte bis zum letzten Augenblick gehofft, Gelegenheit zu haben, mit A-tou gütlich zu reden. Jetzt musste ich ihm aber zeigen, dass ich der Vater war und er von meiner Autorität auf die Knie gezwungen werden muss.
„Du Verräter deines Vaterlandes“, herrschte ich ihn an, „du Zerstörer von Gott und Reich, du Vernichter der Ordnung des Volkes, du Zerstörer meines Familienglücks! Ich verlange von dir, dass du alle deine Taten sühnst. Vor dem Grabe deiner Mutter, deren Tod du verschuldet hast!“
Es ist schamlos für einen Vater, einzugestehen, dass die Worte unbeachtet im Raum verhallten. Denn A-tou sass auf dem Opfertisch, liess die Beine schlenkern und wippte verächtlich mit dem Stöckchen; dabei murmelte er etwas von Blödsinn, altem Weib, neuer Zeit, Zivilisation und was sonst mehr. Seine trotzige, unversöhnliche Art steigerte meinen Zorn. Und ehe er sich versah, hatte ich ihn am Kragen gepackt und mit einem Griff ihn mir Auge um Auge auf dem Boden gegenüber gestellt.
„So,“ rief ich, indem ich ihm die westländische Jacke herunterriss, „heraus aus dem fremden Sklavenanzug! Noch heute steckst du dich in die herkömmliche Festkleidung. Wir beide gehen nach Kiang wan, und du verbrennst Weihrauchstäbchen am Grabe deiner Mutter!“
Blitzschnell sauste als Antwort die Gerte über meinen Kopf. Das setzte der Schande die Krone auf. Voller Schmerz hob ich A-tou in die Luft und liess ihn wie einen Reissack auf den Boden fallen. Flugs hatte er sich erhoben, einen Revolver aus der Tasche gezogen und ihn auf mich gerichtet. Da erschien ein „Hsün pu“ und machte dem Streit ein Ende. A-tou fuhr unbelästigt im Wagen davon.
Ich dankte dem Himmel, dass er für seine Tat nicht bestraft worden ist, sondern sah darin ein günstiges Vorzeichen, dass mir der Himmel die Vollziehung der Strafe vorbehielt. Denn A-tou hatte, als er die Hand gegen mich erhob, das schwerste Verbrechen begangen, dessen ein Sohn gegen seinen Vater fähig sein kann. Da braucht man zu keinem Ortsbeamten zu laufen, um den Sohn anzuklagen, denn das ungeschriebene chinesische Familienrecht erkennt in diesem Falle den Vater als denalleinigen Richter an. Ebenso wie er einem Sohn das Leben geben kann, so darf er es ihm auch wieder nehmen. Die Freveltat schrie nach Rache.
Zu dieser Zeit geschah es, dass ich den Entschluss fasste, in mein Heimatdorf Kiang wan zurückzukehren; ich besuchte daher öfter das Dorf, um ein Haus ausfindig zu machen, in dem ich wohnen konnte. Kurz nach Sonnenuntergang machte ich mich eines Tages auf den Rückweg von Kiang wan nach Schanghai. Unterwegs kam ich an dem grossen Platz vorbei, wo Chinesen und Ausländer ihre Pferde um die Wette laufen liessen. Das Fest war zu Ende, und Tausende von Menschen strömten auf dem Feldweg zur Bahnstation. Ganz hinten klapperte ein Wagen ohne Pferde. Plötzlich hielt er still. Von einer Ahnung gepackt, rannte ich nach der Stelle und sah, dass der Wagen, vom Weg abgeraten, in tiefem Lehm festsass. Ich sah noch mehr. Nein, ich schrie. Scharf und kurz, dass A-tou, dem der Ruf galt, erschreckt zusammenfuhr und ängstlich um sich blickte. Ha, auf einsamem Feld wirkte die väterliche Autorität.
Mit grimmigem Behagen trat ich an ihn heran, packte ihn wortlos an der Gurgel und zog ihn hinter mir her. Wir gingen quer über das Feld einem kleinen Gräberhain zu. Dort angekommen, drückte ich den Kopf A-tous gegen den frischbewachsenen Grabhügel und sagte kurz: „Dort unten ruht deine Mutter!“ Ich verschränkte die Arme und blickte abwartend auf die kauernde Gestalt.
A-tou wagte nicht aufzuschauen; er lag da wie ein Reissack, sein Rock war zerrissen und mit Lehm bespritzt. Ahnte er, dass sein Richter vor ihm stand?
Und zum zweiten Mal schrie ich ihn an, dass ihm mein Speichel ins Gesicht spritzte: „Dort unten ruht deine Mutter!“ Endlich fand A-tou Worte. Und er fragte leise: „Hast du Weihrauchstäbchen mitgebracht, Vater?“
Eine solche Frage hatte ich nicht erwartet. Was klang nicht alles aus dieser Frage? So schlicht und rein, so fragend und reuevoll klang die Stimme, dass ich von tiefstem Mitleid erfasst wurde, das meine Augen zum Weinen trieb. Mir dünkte, als habe A-tou zum ersten Mal seit Jahren wieder von Herz zu Herz mit mir gesprochen. Ich glaubte seine Stimme zu hören, als wirdamals in Kiang wan in Eintracht zusammenlebten, und sah plötzlich die Kluft überbrückt, die zwischen meiner und seiner Weltanschauung lag. Sein verirrter Geist war klar geworden: A-tou gedachte seiner Mutter: Meinen stillen Schwur, von dem mir zustehenden Recht Gebrauch zu machen und A-tou lebendigen Leibes in eine Grube zu werfen und Erde darüber zu schaufeln, musste ich brechen. Die Stunde war gar feierlich.
Ich befahl A-tou aufzustehen, und mit tausend Schwüren musste er am Grabe seiner Mutter geloben, ein neuer Mensch zu werden und morgen zur Versöhnung zu opfern. Das tat er.
Weit in Tibet suchte er später sein Arbeitsfeld. Dort kämpfte er für unsere Kultur gegen die Wilden. Bei Li tang ist er gefallen. Nun kann ich zufrieden meinem Lebensabend entgegensehen. Mir bangt nur vor der Frage: „Wer wird mir opfern wenn ich unter den schattigen Lebensbäumen ruhe?“
Seite 79, Deko