Das Fest der Literaten.

Der Garten Li-HsüanZuSeite 49.❏GRÖSSERES BILDDas Fest der Literaten.

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Der berühmte, achtzig Jahre alte Bücherleser Wang Hui kai aus Hunan hat am Fest des „Erwachens der Insekten“ den ehemaligen Provinzialschatzmeister Wu Hsi kai, den frühern Minister der Ta Tsing Dynastie Ku Hung chi und einige andere hochgebildete Literaten im Garten Li hsüan zu sich einladen, um sich zu unterhalten und „Gedichte zu machen“. So war vor einiger Zeit in einem Schanghaier chinesischen Blatt, das zu den „gemässigten“ Republikanern gehört, am Liebsten aber sein republikanisches Mäntelchen gegen einen Kaisermantel eintauschen möchte, zu lesen. Zwischen all den Artikeln und Artikelchen über Parteiquacksalbereien, tollgewordenen Hunden, Lokalpolitik und Verschwörergesellschaften, wirkte das Lesen jener kleinen Mitteilung erquickend, wie ein kräftiger Landregen im heissen Sommer. Die Mitteilung hatte „Erdgeruch“. Endlich wieder einmal eine Neuigkeit, die Einen daran erinnert, dass man in China lebt. Ich kenne weder den Herrn Wang Hui kai noch den gewesenen Schatzmeister Wu Hsi kui und die Anderen. Ich weiss nur, dass sie echte Chinesen sind, Chinesen, die in der Zeit des Umsturzes und der politischen Zersetzung in ihrem tiefsten Herzensschrein noch ein Fünkchen Liebe für ihre alte Kultur bewahrt haben. Und das bedeutet viel, sehr viel. Bei den sogenannten Jungchinesen wäre ein solches Fest, das der achtzigjährige Wang Hui kai aus Hunan im Garten Li hsüan veranstaltet hat, ganz undenkbar. Wo heute zwei Jungchinesen zusammensitzen, wird über Politik gesprochen. Nein, nicht gesprochen, sondern geprahlt, unerreichbaren Phantomen nachgejagt, statt hübsch mit den Füssen auf dem Boden zu bleiben und tapfern Auges umherzublicken. Da wird der Mund recht voll genommen, gemäkelt, kritisiert, geschimpft, verschworen, eine andere Zeit herbeigesehnt und stumm die Hand gedrückt: „Na warte, wenn wir ans Ruder kommen!“ So ringt das immer gärende Jungchinesentum nach Gärung, in Wirklichkeit wühlt es den Schlamm im unergründlichen Brackwasser der sogenannten neuen chinesischen Weltanschauung immer tiefer auf. Anders ist es bei den „Altchinesen“, wie sie Herr Wang Hui kai im Garten Li hsüan um sich geschart hatte. „Um Gedichte zu machen“ stand auf der Einladungskarte. Herr Wang hatte mich mit keiner Einladung beehrt. Darob zürnte ich ihm nicht; denn wie könnteer doch auch von einem „fremden Teufel“ annehmen, dass er sich für seine literarischen Schmausereien interessiere, ein „fremder Teufel“, der dazu noch in einer von chinesisch westländischem Materialismus beglückten Weltstadt wohnt. Aber die kurze Mitteilung in dem chinesischen Blatt liess das ganze Fest der Literaten vor mir entstehen, liess es mich innerlich miterleben.

Der Garten Li hsüan. Ich weiss nicht, wo der Garten liegt, kann mir aber genau vorstellen, wie es dort aussieht. Wenn man hineinblickt, sieht man eine in Miniatur zusammengepresste chinesische Landschaft. Die aus grünbemoosten, kopfgrossen Steinen zurechtgebauten Berge sind kaum drei Meter hoch; sie schliessen einen mit Riedgras bewachsenen „See“ ein, auf dessen Wasser Trauerweiden ihre Zweige wiegen. In dem Teich tummeln sich Karpfen und Goldfische, die mitunter, nach Fressbarem schnappend, die Wasserfläche quirlend aufwühlen. In den Trauerweiden streitet sich ein beutehungriges Elsternpaar. In einem kleinen Pavillon am Seeufer, von dem man die ganze Landschaft übersehen kann, sitzen am steinernen Tisch und auf steinernen, säulenförmigen Stühlen Wang Hui kai aus Hunan und seine Gäste, machen sich in artigen Redensarten Komplimente und nippen feurigen Schau hsinger Wein, mit mageren, zitternden Händen die kleinen Schälchen an den zuckenden Mund führend und mit dem Seidenärmel verlorene Tröpfchen vom Bart wischend. Die Herren gedachten alter Zeiten, beweihräucherten sich gegenseitig und lächelten zufrieden. Und dann belauschten sie die Natur. Das Elsternpaar in der Trauerweide hatte sich noch nicht ausgetobt; von Krallen- und Flügelschlag löste sich ein dürrer Zweig und klatschte, sich überstürzend ins Wasser, dieweil die hungrigen Goldfische danach schnappten und dann wieder enttäuscht ihre Köpfe unter das Wasser steckten. Der Zweig trieb auf ein einsam schwimmendes Blatt zu, und Beide schwammen vereint zum Ufer. Die Köpfe der Greise klappten nachsinnend zusammen; nach wenigen Sekunden war die chinesische Literatur um ein Gedicht bereichert. Das beste Gedicht in Schönheit des Ausdrucks und des Rhythmus erhielt der Minister Ku Hung tschi. Und so ging es Stunden lang. Die Wangen der Greise glühten in dichterischem Rausch. Dann wurde es still im Kreis, so still, dass man die Trauerweidenzweige knistern und knacken hörte. Und dann wurde es laut. Aus der Ferne fauchte es heran, tutend und staubaufwirbelnd. Keck durchbrach es dieEingangspforte und drang störend in das Dichterreich. Es war ein Auto, ein ganz gewöhnliches Auto. Ihm entstiegen drei chinesische Damen und zwei Herren, von denen Einer Offiziersuniform trug; dem Range nach war er kommandierender General, dem Geburtsschein nach kaum dreiundzwanzig. Der andere Herr war im Gehrock und Zylinder, er war höherer Beamter. Die Kleidung der Damen trug den Modelaunen der Zeit Rechnung. Fast bestürzt richteten sich die Augen der Literaten auf die Eindringlinge, die sich frei und ungezwungen bewegten. Eine Dame rief dem kommandierenden General ein zärtliches Scherzwort zu, und er haschte nach ihr; wie eine Gazelle sprang sie davon; endlich erreichte er sie, drückte mit seiner kommandierenden Generals-Hand die Handknöchel der Entwichenen und sah ihr mit heissen Augen ins Gesicht. Der andere Herr quetschte vor lauter Vergnügen den Gummiball der Automobilhupe und die beiden anderen Damen stachen mit dünnen Spazierstöckchen nach den Goldfischen. Oben im Pavillon waren die Gesichter immer noch bestürzt. Der siebzigjährige Wu Hsi kuei murmelte eine Strophe aus dem „Schih tsching“:

Habt vor dem Himmelszorne Scheu,wagt nicht so eitle Spielerei!

Habt vor dem Himmelszorne Scheu,wagt nicht so eitle Spielerei!

Habt vor dem Himmelszorne Scheu,

wagt nicht so eitle Spielerei!

Die Literaten horchten auf. Und der achtzigjährige Wang Hui kai aus Hunan ergänzte:

Der Himmel wirft sein Strafnetz aus:Fresswürmer, die am Innern zehren.Dummköpfe, Harte, Leut’ ohn’ Ehren,Verwirrungsstifter, Rechtsverdreher.Die herrschen, unserm Land Zucht zu lehren.(Schih tsching III 3.11)

Der Himmel wirft sein Strafnetz aus:Fresswürmer, die am Innern zehren.Dummköpfe, Harte, Leut’ ohn’ Ehren,Verwirrungsstifter, Rechtsverdreher.Die herrschen, unserm Land Zucht zu lehren.(Schih tsching III 3.11)

Der Himmel wirft sein Strafnetz aus:

Fresswürmer, die am Innern zehren.

Dummköpfe, Harte, Leut’ ohn’ Ehren,

Verwirrungsstifter, Rechtsverdreher.

Die herrschen, unserm Land Zucht zu lehren.

(Schih tsching III 3.11)

Wang Hui kai lachte, alle Form vergessend, laut auf und damit endete das Fest der Literaten...

Seite 51, Deko


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