Die Revolution in der Nanking Road.
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Eine blutrünstige Ueberschrift, nicht wahr, meine Gnädige? Wenn man in China nur das Wort Revolution hört, verknüpft man (die Erfahrung lehrt es) gleich etwas Schreckliches damit. Henkersschwert, lose sitzende Köpfe, Bomben und abgerissene Gliedmassen. Man denkt dabei auch an Fürsten, die ihre verbrieften Herrscherrechte scheinbar aus den Händen gegeben haben, weil das Volk, zornig mit dem Fuss stampfend, darauf bestand; man denkt an Männer, die sich bei dem Streben nach Neuerungen von wahrem Patriotismus leiten lassen, aber auch an Schreier, Schwätzer und unreife Politiker. Nichts von alle Dem will ich Ihnen erzählen. Denn Sie wissen, dass eine Revolution nicht immer politisch grausam zu sein braucht, sie kann auch wirtschaftlich friedlich sein. Und darüber möchte ich mit Ihnen plaudern, wenn Sie im Geiste Ihren Arm in den meinen legen wollen, damit ich Sie ohne Fährnisse vom Bund bis zum Rennplatz führen kann.
Wenn Sie an jenem grossen westländischen Kaufhaus an der Ecke der Szechuan Road stehen bleiben, so sind Ihnen schon gelegentlich im Schaufenster in protzig chinesischer Schrift geschriebene Ankündigungen aufgefallen. Sie haben sicher schon darüber ihren Kopf geschüttelt, haben Ihre Augen bestürzt über die krausen Schriftzeichen wandern lassen und vergeblich nach dem Preis gesucht, ohne aber auf den Gedanken zu kommen, etwas zu kaufen; die Güte des Ausgestellten und die chinesische Anpreisung sagten Ihnen, dass die Waren nicht für Westländer bestimmt sind. Hier haben Sie es schon: Revolution. Vor ein paar Monaten hätte kaum ein westländisches Geschäft daran gedacht, auf diese Weise chinesische Kundschaft heranzuziehen. Wie sollte es auch, wo das chinesische Gewerbe und die Industrie leistungsfähig genug waren, die Bedürfnisse der chinesischen Massen zu befriedigen. Wie viel Chinesen dachten vor ein paar Monaten an Schuhe, Hemden, Strümpfe und dergleichen Erzeugnisse westländischer Art? Heute ist es anders geworden. Bleiben Sie bitte noch ein Weilchen vor dem Schaufenster stehen und schauen Sie ab und zu nach dem Eingang. Jetzt hält ein Ponygespann an. Ihm entsteigen drei vornehme Chinesinnen. Sie betreten das Kaufhaus. Eine Schiebetür hinter dem Schaufenster öffnet sich, Sie sehen die drei Damen nach Gegenständen deuten.Die zierliche flinke Verkäuferin vermag kaum noch Alles auf ihren Armen zu halten; das kleine Köpfchen verschwindet fast hinter dem Stapel Baumwollwaren. Gerade als der Pony unruhig zu stampfen anfängt, kommen die drei Vornehmen, mit Paketen beladen, aus der Eingangstür, und die Fahrt geht weiter. Sie aber sehen mich entrüstet an. Ihre Augen scheinen zu sprechen: „Wie kann man nur...“ Ich weiss genau, was Sie sagen wollen: Wie so vornehme Frauen so billige Ware kaufen können. Die verwöhnte Westländerin verlangt natürlich die feinsten Stoffe, weisses Linnen oder knisternde Seide. Alles Andere hält sie für „shocking“. Was Sie so entrüstet, ist jetzt aber bei der vornehmen Frauenwelt Chinas Mode. Und die Mode ist eine eigensinnige Dame.
Jetzt kreuzen wir die Strasse und betreten die deutsche Buchhandlung. Während wir die neu eingetroffenen Bücher ansehen, kommen einige Chinesen und zuletzt eine Chinesin in den Laden. Ich weiss bestimmt, wenn Sie Verkäuferin wären, dass Sie in Ihrem Schanghaier Kosmopolitismus gefragt hätten: „Woat ting wantschie?“ Aber lauschen Sie nur. „N’ Tag, möchte mir ’mal Ihre Bücher ansehen.“ Ein junger Chinese spricht es in fliessendem Deutsch und begibt sich auf die Wanderung durch die Menge der ausgelegten Bücher. Ein anderer tritt ein und spricht, den Oberkörper steif biegend, kurz und abgehackt militärisch deutsch: „Famoses Buch, die Kriegsgeschichte von General Müller. Ist mir leider während der Revolution abhanden gekommen. Möchte nachbestellen. Sein Sohn stand übrigens mit mir in Halberstadt in Garnison.“ Und er kauft sich die neuen deutschen Dienstvorschriften, einen Kriegsroman und einen Neuruppiner Bilderbogen von der preussischen Garde für seinen Jungen. Und von den anderen Chinesen nimmt der Eine ein technisches Fachwörterbuch, der Andere die Verfassung des Deutschen Reiches, und wieder ein Andrer interessiert sich für Berg- und Hüttenwesen. So geht es Tag für Tag. Sprechen solche Augenblicksbilder in dem deutschen Buchladen nicht ganze Bände? Sieht man nicht daraus, wie sich merklich das Interesse für deutsches Wesen unter den Chinesen zu regen beginnt. Ist es nicht ein Stückchen geistige Revolution? Doch beinahe hätten wir die junge Chinesin vergessen. Sie steht ein wenig schüchtern abseits und endlich verlangt sie — Hand aufs Herz — das bekannte Buch vom „imponierenden Auftreten“ und ein Werk über moderne Frauenfragen.
Nun müssen wir wieder in das Strassengewühl. Es stürmt so viel Neues, Revolutionäres auf die Augen ein, dass man kaum weiss, was man zu zuerst als besonders bezeichnend herausgreifen soll. Vor uns geht ein Chinese in eigenartiger Tracht. Wenn Sie illustrierte chinesische Romane aus dem fünfzehnten Jahrhundert durchblättern, finden Sie das Vorbild. Das Volk bezeichnet sie als Mingtracht. Es ist ein langes, quer über die Brust zusammengeschlagenes Gewand, dessen Kragen mit Samt eingefasst ist. Wahrscheinlich haben wir es in diesem Falle mit der neuen Nationaltracht zu tun, für die die chinesische Presse in letzter Zeit Stimmung gemacht hat. Als ob die bisherige Kleidung nicht praktisch wäre! Ja, praktisch ist sie, aber Manchem zu politisch. Denn man muss wissen, dass der letzte Modewechsel nach dem Sturz der Mingdynastie stattgefunden hat. Die neuen mandschurischen Herren sorgten für eine neue Mode, um das Andenken an die Ming zu verwischen. Und das Gleiche streben heute die Kleiderreformer an, die von der jetzigen Volkstracht Alles verbannen wollen, was an die Mandschus erinnert. Dann wollen sie aber auch dem Tragen westländischer Kleider entgegenwirken, in denen sich junge Stutzer so gern gefallen. Wenn man als durchschnittlich behäbig gekleideter Mitteleuropäer heute einem jener modisch gekleideten Stutzer begegnet, so kommt man sich recht klein vor. Und erst die Augen, die so herablassend auf den europäischen Kuli blicken! Ja, die Zeiten beginnen sich zu ändern. Das sieht man auch an dem Paar, das vor uns geht. Die Beiden sind entweder verlobt oder jung verheiratet. Sie gehen Arm in Arm. O, heiliger Konfuzius! Nein, wirklich nicht deshalb, weil sie Arm in Arm gehen, ich glaubte zwar, das sei etwas ganz Neues.... Aber sehen Sie, die junge Chinesin trägt ja ein — „Korsett“ ergänzen Sie seelenruhig, als ob es das gleichgültigste Ding der Welt sei. Keine Täuschung; die Chinesin trägt ein Korsett. Man sieht ganz deutlich, wie stark die Hüften geschnürt sind, wie mit Gewalt nach berühmten westländischen Vorbildern eine neue Linie geschaffen werden soll. Wohin man blickt, Revolution. Noch eine Schöpfung der neuen Zeit drängt sich in der Nanking Road zur Schau. So farbenschreiend auffallend ist ihr Aeusseres, dass die Augen mit Gewalt angezogen werden. Es sind die neuen Barbierläden. Um die von Grund auf verfolgte Wandlung, die das Barbiergewerbe durchgemacht hat, darzustellen, muss ich Ihnen zum Massstab erst einen der alten Barbierlädenvorzeichnen. Er war so sehr unter der Flucht von anderen Lädchen versteckt, dass nur der Kundige das anpreisende Firmenschild „Tscheng-jung“ (Ordnung des Gesichts) unter den vielen anderen herausfand. Der Glasverschlag, der die Barbierstube von dem Lärm der Strasse trennte, war schmutzig und mit Staub überzogen und wenn man durch die Tür blickte, so sah man einige mit heissem Wasser gefüllte Schüsseln auf Holzgestellen, worüber der sich in die Obhut des Barbiers Begebende seinen borstigen Vorderschädel beugte und ihn mit heissem Wasser einreiben liess. Der Barbiergehilfe setzte dann das viereckige, an einem schwarzen Holzstengelchen befestigte Messer auf die Kopfhaut und entfernte den Borstenwald. Dann wurde die verschlungene Strähne des Zopfes geöffnet, das Haar mit einem starken Kamm durchgekämmt und neu geflochten. Einschliesslich Rückenmassage zahlte der Kunde sechs Kupferlinge. Diese Barbierläden wurden fast ausschliesslich von den männlichen Angehörigen der unteren und mittleren Volksklassen besucht; der Vornehme hielt sich seinen eigenen Barbier oder liess ihn täglich ins Haus kommen. Dieser Zustand hat sich durch das Entstehen der modernen Barbierläden geändert. Der Uebergang vollzog sich aber nicht von heute auf morgen. In den ersten Wochen nach dem Ausbrechen des Aufstands lief noch Alles zu den alten Läden, deren Inhaber sich flugs Haarschneidemaschinen anschafften, um für das Wachsen des plötzlich vom Zopf entblössten Haares einen festen Grund zu legen. Derweilen wurden auf die alte Art die sprossenden Gesichtshaare entfernt. Allmählich gingen die Barbiere zur Benutzung von europäischem Barbierwerkzeug über. Den Wünschen des „feinen Publikums“ gerecht werdend, wurde die innere Ausstattung des Barbierladens nicht vernachlässigt. Heute gibt es Läden in der Nanking Road, die in Bezug auf Ausstattung, von dem bequemen, einstellbaren Lehnsessel bis zu dem mit einem blendend weissen Ueberwurf bekleideten Gehülfen, den Vergleich mit manchem westländischen Barbiergeschäft aushalten. Das schreiende Aeussere der früher die Zurückhaltung bewahrenden Barbierläden liegt in dem den japanischen Einfluss verratenden Anbringen von farbig bemalten Stangen und in den hochtönenden Anpreisungen der neuen Haarschneide- und Rasiermethoden; ja ein Barbier in der Nanking Road ging so weit, ein Schild mit westländischen Köpfen malen zu lassen, worauf er in Schriftzeichen andeutet, dass in seinemGeschäft die deutsche, englische, amerikanische und französische Haar- und Barttracht gepflegt würde. In den modernen Barbierläden findet die neue Zeit ihre stärkste Ausprägung.
Von der friedlichen Revolution sind auch die chinesischen Kaufhäuser nicht verschont geblieben, die sich wie hungrige Maultiere an die Krippe zu beiden Seiten der allmählich breiter werdenden Nanking Road drängen. Der Typ des alten, gemütlichen Ladens wird von der neuen Zeit allmählich verdrängt. Ja, gemütlich war es darin, für die Kunden sowohl wie für die Angestellten. Die Ladenfront war nach der Strasse hin offen; und während der Verkäufer, die Wünsche des Kunden erfüllend, die Waren zusammensuchte, konnte der Kunde an einem Tisch Platz nehmen, seinen Tee schlürfen und plaudern, wozu immer einer der Angestellten ein angenehmer Gesellschafter war. Es spielte sich Alles in einem ruhigen, von gegenseitiger Ehrerbietung getragenen Rahmen ab. Heute gibt es zwar noch Läden in der Nanking Road, die ein Ueberbleibsel der gemütlichen, vorrevolutionären Zeit sind; aber in den meisten Geschäften hat eine amerikanische Hast ihren Einzug gehalten; übereifrige Höflichkeit und verächtliche Abfertigung werden aus einem Mund den Kunden gegenüber gepflogen. In den Läden alten Typs ist jeder Kunde den Verkäufern gegenüber nach Rang und Stand gleich. Betritt aber heute ein ärmlich gekleidetes Bauernweib eines der grossen Kaufhäuser und folgt ihm eine im Automobil angekommene, in Seide strotzende und mit Armspangen und Similibrillanten geschmückte Schöne, so wird Letztere mit unterwürfigen Bücklingen behandelt, während das Bauernweib so ganz von oben herab nach seinen Wünschen gefragt wird. Aeusserlich heben sich die Kaufhäuser neuen Stils von den alten sehr ab. Die Schaufenster, in denen, soweit es solche überhaupt gab, früher die Waren wahl- und ziellos durcheinanderlagen, sind für die Augen geschmackvoll hergerichtet; man merkt, wie genau die Aussteller vor den westlichen Läden Studien gemacht haben. Viele Artikel, die vor wenigen Monaten einzelne Ladenhüter waren, sind nun in den Vordergrund der Nachfrage gerückt, so Strohhüte, Taschentücher, sogar solche mit Sun Ya tsen in Schwarzdruck, westländische Anzüge, Schuhe und dergleichen. Und am Abend schwimmen die Fenster in elektrischem Licht, sodass das bekannte Schild: „Tschen bu erl gia“ (Hier gibt es wirklich keine zwei Preise) merklich überstrahlt wird. Was sich demWestländer so unangenehm aufdrängt ist die Prunksucht der Ladeninhaber. Man merkt, wie mit Gewalt alle Mittel des äussern Scheins angewandt werden, um die Käufer anzulocken. Von den mit englischen Aufschriften versehenen Firmenschilder anfangend bis zu dem in verschwenderischer Pracht geübten elektrischen Farbenspiel sind das Alles Zeichen für die Vorliebe äusserer Gefallsucht, wenn nicht Zeichen eines erbitterten Wettbewerbs, der in der lärmdurchtobten Nanking Road ausgefochten wird und den der Aussenstehende nur ahnen kann. Für die Spezialgeschäfte scheint eine bedenkliche Krisis gekommen zu sein. In den chinesischen Städten steht zwar heute das Spezialgeschäft, das in der Regel die Verkaufstelle der in dem damit verbundenen Betrieb hergestellen Ware ist, noch in hoher Blüte. Von der Nanking Road wird es aber verdrängt, wenn es sich nicht den neuen Verhältnissen anpasst. Denn schon sind Kaufhäuser entstanden, die alle Bedarfsartikel des täglichen Leben führen. Interessant ist die Beobachtung, wie sich die alten Spezialgeschäfte für Fussbekleidung umformen. Sie sind zunächst der gegenwärtigen Entwicklung gefolgt und haben ihren Betrieb auf den Verkauf von westländischem Schuhwerk erweitert. Das scheint aber nicht den erwünschten Gewinn zu bringen; denn alle Schuhgeschäfte führen neuerdings auch Kopfbedeckungen. Also auch der chinesische Kaufmann in der Nanking Road macht seine Revolution durch. Sie hat schon manches Ehrwürdige eingerissen und Zweifelhaftes an seine Stelle gestellt; und Letzteres neigt bedenklich vom Soliden zum Unsoliden.
Mit solchen Betrachtungen bahnen wir uns den Weg durch das Gewühl. Sehen ab und zu mit eitlen, parfümduftenden Chinesen besetzte Autos vorbeijagen, die man für ein paar Dollar mieten kann; sehen überelegante, zierliche Ponygespanne, deren Insassen prunkende Gewänder tragen, und lassen uns schliesslich, auf der Suche nach einem ruhenden Punkt, in einem chinesischen Café nieder, wo wir in Eiskaffee mit Schlagsahne schlemmen. Die Sahne, die eben noch süsser als Honig schmeckt, wurde plötzlich bitter; denn herein trat das verliebte Braut- oder Ehepaar von vorhin, dessen weiblicher Teil die Linienrevolution durchmacht. Der galante junge Mann bestellte zweimal Fleischbrühe mit Hörnchen....