Dritte Abtheilung.Ueberdie Vereinigten Staaten.
Ehe ich die Stadt betrat, amüsirte ich mich noch erst an dem Treiben der Käufer und Verkäufer auf unserm Schiffe, denn viele Einwohner aus New-Orleans waren an Bord gekommen, aber unsere Spekulanten waren so überrascht, daß Anfangs keiner von ihnen verkaufen wollte: weder Früchte noch Vögel oder Hunde waren feil. Nur der englische Mechanikus machte hiervon eine Ausnahme: es hatte sich ein Hunde-Liebhaber aus New-Orleans eingefunden, um einen Bologneser zu kaufen, diesen suchte er zum Kaufen seines Rattenfängers zu überreden und hierzu schien ihm jetzt der Augenblick günstig zu sein, da keiner von den Creolen einen Preis fordern wollte. Er bot das schwerste Geschütz seiner Beredsamkeit dazu auf, den Käufer von der Vortrefflichkeit seines großen Bull-dogs zu überzeugen, und siehe da! es gelang ihm in der That und der Käufer, der ein kleines Schoßhündchen für seine Gemahlin hatte erstehen wollen, überbrachte derselben jetzt einen 12jährigen großen Bull-dog.
In der Stadt quartierte ich mich sofort in einem an der Wasserseite gelegenen Hotel, — es gehörte nicht zu denen der ersten Klasse, welche mehr in die Stadt hinein liegen; ich aber zog dieses vor, weil auf dem Schilde: „öffentliche Bäder“ bemerkt war. Die Rechnung, die mir bei meiner Abreise überreicht wurde, war eben so schwer als der Schmutz, den ich in den Zimmern dieses Hotels antraf.
Eins meiner ersten Geschäfte hierselbst war, zwei Briefe nach Havana zu schreiben, einen an Moyer, den andern an Dakin, in welchen ich die mir abgenommenen Summen reklamirte, und am Schluß erklärte: „Ich habe den Königlich preußischen Consul beordert, die mir von Ihnen zukommende Summe von 1014 Piaster in Empfang zu nehmen. Sollten Sie sich weigern, meinem gerechten Verlangen Genüge zu leisten, so werden Ihnen die Folgen von meinen Demarchen mehr Furcht einflößen, als des Herrn Dakins Drohung mit dem Federmesser und das Herbeirufen der Neger von Ihrer Seite in mir erregt haben u. s. w.“ Auf diesen und noch zwei andere Briefe erhielt ich natürlich keine Antwort.
Auf dem grünen Markt, den ich sogleich am andern Morgen besuchte, fand ich trotz der noch so frühen Jahreszeit (im Mai) Kartoffeln, Artischocken etc. in solchem Ueberfluß und von solcher Größe, wie man sie in Europa oft noch nicht im Monat August antrifft. Sodann begab ich mich nach dem Packhofe, um einen Erlaubnißschein zum Empfang meiner Sachen vom Schiffe zu erlangen. Ich mußte, nachdem ich die rechte Bude im Zollhause erreicht hatte, zuerst die Anzahl der Stücke meines Gepäcks angeben — was auf einen halben Bogen niedergeschrieben wurde; sodann wurde ich zum Collecter geschickt und mußte endlich für die Erlaubniß, als Reisender mein Gepäck nach Hause nehmen zu dürfen, in Summa Summarum 75 Cents (1 Thlr. Courant) bezahlen, wovon derAdvokat als Anfertiger der Supplik ⅔; und der Collecter ⅓ erhält. Die Revision durch die auf dem Schiffe stationirten Zollbeamten war nicht nach französischer oder englischer, sondern nach preußischer Weise, d. h. liberal.
Eine schwere Aufgabe war es jetzt, die Sachen vom Schiffe nach dem etwa 60 Schritte entfernten Hotel zu bekommen; ich verweilte wohl eine volle Stunde am Bollwerke, aber von den vorübergehenden Arbeitsleuten hatte keiner zu einer solchen Bagatelle Zeit. Auf dem Bollwerke sah ich Knaben und Mädchen aus der ärmern Klasse beschäftigt, um die beim Ausladen umhergestreuten einzelnen Caffeekörner und Zuckerstückchen aufzulesen, wovon, wie mir ein ebenfalls zusehender Herr bemerkte, morgen ein tüchtiger, gesüßter Caffee mit Wohlgefallen werde verzehrt werden. Sehr viele Familien hierselbst existiren hierdurch und durch das Einsammeln der Baumwolle, welche im Zupfen der Proben niederfällt und liegen bleibt. Glücklicherweise gelang es mir, während dieser Unterredung, einen vorübergehenden Mulatten für den Transport meiner Sachen für etwa 12 Gr. Courant zu dingen.
Unterdessen war die Börsenzeit herangekommen. Ich passirte sehr viele reinliche Straßen, welche den Namen der Hauptstraßen von Paris führen — da New-Orleans ja eine französische Colonie war. Alles sprach hier französisch, auch die Leute aus der niedern Klasse, wie denn z. B. Jemand, den ich um den Weg fragte, mir sagte, daß er das Englische nicht verstehe. Auf meinem Wege nach der sogenannten französischen Börse, welche indeß von der ganzen Kaufmannschaft errichtet worden ist, zog am meisten meine Aufmerksamkeit auf sich ein freier, mit Bäumen besetzter Platz, auf welchem sich das Rathhaus und die katholische Kirche befinden, zwei Gebäude, die, obgleich unbedeutend, von Außen keinen unangenehmen Anblick gewähren. Außerdem berührte ich auf meinerTour nach der Börse den Baumwoll-Markt und die sehr bemerkenswerthen Canäle, ferner die Bank-Gebäude, welche eben so leer an Metall sind, als die Taschen vieler Amerikaner überfüllt mit ihren unbezahlt gebliebenen Noten. Die Börse ist ein wahres Pracht-Gebäude, mit einer Kuppel gleich der St. Pauls-Kirche in London. Im Eingang, der von großem Umfang ist, befindet sich ein Buffet, in welchem durch einen französischen Restaurateur alle Erfrischungen von der allerbesten Qualität für einen mäßigen Preis verkauft werden. Tritt man aus diesem Entrée in den zirkelförmigen Saal hinein, so wird man durch die schöne Bauart und die höchst geschmackvolle Einrichtung überrascht. Man bemerkt eine Tribüne für jeden Wechselplatz der alten und neuen Welt, in jeder derselben befindet sich ein Wechsel-Mäkler, um die für diesen Tag durch sie bestimmten Course zu proklamiren, und die ganze Börsenversammlung harrt auf diese Aussprüche, um sie ehrfurchtsvoll entgegenzunehmen. Der ganze obere Theil des Börsen-Gebäudes ist zum Empfang der Reisenden höchst brillant eingerichtet.
Als ich die Börse verlassen hatte, schlenderte ich ohne weitem Plan am Ufer hinunter, um die Schiffe zu mustern und bemerkte, daß sehr Viele mit dem Hinausholen beschäftigt waren. Auf meine Frage, ob alle diese Schiffe in See gingen, wurde erwiedert, daß sie alle diese Schiffe außerhalb der Stadt hinauslegen, woselbst sie beinahe vier volle Monate verbleiben würden. „Die Comptoire“, fuhr der Berichterstatter fort, „so wie überhaupt alle kaufmännischen Geschäfte, werden von dem 16ten Juni ab geschlossen und Jeder, der Geld aufbringen kann, reiset während der Fieber- und Cholera-Zeit nach den nördlichen Staaten und Badeörtern.“ — Auch ich hielt es, nachdem ich alle meine Angelegenheiten und alle Rücksichten erwogen hatte, für gerathener, aufs baldigste vonhier abzureisen; sogleich nach Tische erkundigte ich mich nach einem Dampfschiff.
Ich fand, als ich an das Ufer trat, sogleich eins; „Albany nach Louisville“; 35 Piaster ist der Preis, für welchen der Capitain mich mitzunehmen verspricht. In nicht geringer Entfernung lag ein anderes Schiff, Namens Diana, welches ebenfalls an demselben Tage nach Louisville abgehen sollte, jedoch für 40 P. Passagier-Geld. Mein Correspondent empfahl mir das letztere, weil es das rascheste sei. Noch unentschlossen, mit welchem von beiden ich reisen solle, ließ ich meine Sachen auf einem Karren durch einen Mulatten nach dem Ufer bringen; es war ein überaus heißer Morgen; der Mulatte, obwohl ohne Hemd, schwitzte, als wäre er aus dem Wasser gezogen und wird beinahe ohnmächtig, als er eben mit seinem Karren dicht am Schiffe Diana steht. — „So bringe die Sachen nach diesem Schiffe, ich will fünf Piaster mehr bezahlen, um Dich nicht länger zu quälen.“ Er thut es und will mir aus Dankbarkeit die Hand küssen, allein nach dem, was später sich ereignete, habe ich beinahe Ursache, dankbar zu sein, denn dieser Ohnmacht verdanke ich vielleicht mein Leben. Bei meiner Ankunft in Pittsburg las ich in der Zeitung, daß der Kessel der Albany auf dieser Tour zersprungen sei und viele Passagiere hierdurch ihr Leben eingebüßt hätten.
Unsere Reisegesellschaft bestand nur aus etwa vierzig Personen. Anfänglich hielt ich sie für deutsche Wandersmänner; indeß mein Wahn schwand sehr bald, denn ich bemerkte, daß sie sich dem sehr unschuldigen Vergnügen des Tabackkauens hingaben. Nach einigen Stunden war ich mit ihnen so bekannt, dass ich es wagen konnte, meine Glossen darüber zu machen. Niemand von allen war darüber aufgebracht; von Einigen wurde ich sogar wegen dieser Freimüthigkeit gepriesen. Einer von ihnen meinte: „Sie müssen Nachsicht mit uns Amerikanern haben, wir haben Fehler und diese hat die Jugend stets. Wir sehen es gerne, wenn Deutsche zu uns kommen, weil die Deutschen die bravsten und zugleich ehrlichsten Lehrer für uns sind.“ — „Sie sind sicher und gewiß aus keinem englischen, und wenn dieses wäre, aus keinem Yorkshire-Blut entsprungen?“ entgegnete ich. „Ich freue mich“, war die Antwort, „daß mein Urgroßvater ein Deutscher gewesen ist.“
Die Fahrt auf dem Mississippi gewährte mir viel Vergnügen, seine Ufer sind die schönsten, die ich je gesehen habe, sie nehmen die einzelnen Schönheiten der Main-, Elbe-, Themse- und selbst der Rhein-Ufer — abgerechnet die Weinberge und die steilen Anhöhen mit den Ruinen der Ritterburgen — in sich auf. Erwägt man jedoch die Gefahr, der man sich bei einer solchen Reise auf dem Dampfschiff Preis giebt, so muß man halb wahnsinnig sein, um sie bloß des Vergnügens halber zu unternehmen. Kann nicht jede Stunde, jede Minute das Dampfschiff ein Raub der Flammen werden? Wer über die fortdauernde ungeheure Gluth, welche zur Fortschaffung des Schiffs erforderlich ist, nachdenkt und diese selbst beobachtet und controllirt, wird die Gefahr bald auffinden. Erwiesen ist es, daß von der Zeit an, da es in jeder großen Stadt Schauspielhäuser giebt, in jedem Jahre eins durch Feuer zerstört worden ist. Die Anzahl aller Schauspielhäuser aber verhält sich zu der aller Schiffe etwa wie 1 zu 1000. Nichts destoweniger fürchtet man gewöhnlich beim Antritt einer Seereise mehr die Wellen als die Feuersgefahr. Allein die letztere steht zu der ersteren in keinem Verhältniß, da ein Schiff mit nichts als brennbarem Material ausgerüstet, und folglich durch Feuer weit leichter zerstört werden kann, als alle anderen massiven Häuser, die man doch stündlich in Schutthaufen verwandelt sieht oder hört. Ich verweise den geneigten Leser zur Begründung meiner Behauptung auf Lloyds Liste, in welcher jede Wochedurch Feuer zerstörte Segel-Schiffe angezeigt sind. Die Zahl der durch Feuer verunglückten oder durch raschen Beistand noch vom Untergange geretteten Dampfschiffe ist freilich nicht bedeutend, aber wie viele Dampfschiffe existiren auch! und doch kann ich mehrere anführen: ein nahe an der Stadt Lübeck verbranntes russisches; der ganz neuerlich in den V. St., im Werthe von 100,000 Piaster verbrannte Great-Western und zwei durch rasche Hülfe gerettete englische Dampfschiffe, die London, das von Hull nach London fahrende und die Great-Western vor der ersten Abfahrt nach den V. S.
Von der Feuersgefahr überzeugte ich mich auf dieser Reise nach Louisville mehr als je zuvor, indem hier noch einige Umstände dazu kamen. Bei der Nacht ist sie noch größer als am Tage, weil die in dem breiartigen Flußwasser schwimmenden Bäume (snags genannt) während der Nachtzeit von den auf der obersten Decke des Schiffs stehenden Steuermännern nicht gesehen werden können; wenn diese aber durch den starken Strom gegen die Schiffe geworfen werden, so besitzen sie die Kraft, die Maschinerie in Unordnung zu bringen und dadurch das Auffliegen des Schiffs zu verursachen. Es werden nicht nur täglich 60 Klafter von sechs Fuß langem Brennholze verbraucht und dadurch eine ungeheure Gluth in den Oefen fortdauernd erhalten, sondern nebenbei wird durch das Verbrennen von zwei großen Fässern Pech die erforderliche Quantität von Dämpfen zum Durchbringen des Schiffs in dem breiartigen Wasser verbraucht. Wenn nun Jemand die feurigen Funken und Kohlen, gleich einem Feuerregen aus dem Schornstein hervorfliegen sieht, so muß er, und wäre er auch der Muthigste, besonders bei den dunkeln Nächten, in Grübeleien gerathen, und wird sich der Furcht nicht ganz erwehren können.
Jeder der Reisenden hatte daher auch einen Live-preserver bei sich; es sind dies wasserdichte Gürtel, vondemselben Stoffe, der zu den Mänteln dieser Art verwendet wird. Auf mehreren der dortigen Dampfschiffe findet sich in jedem der Betten ein solcher. Jeder meiner Reisegefährten hatte seinen Gürtel zur Tages- und Nachtzeit in der Hand und war beschäftigt, Luft hineinzublasen und ihn zu füllen. Nur ich hatte keinen solchen Lebens-Retter mit und ward deshalb von Allen wegen großer Nachlässigkeit getadelt.
Um mir eine Uebersicht von der Quantität Holz zu verschaffen, die jährlich in den Dampfschiffen auf dem Mississippi und Ohio verbraucht wird, erkundigte ich mich genau beim Capitain und den Steuermännern, wie groß die Anzahl der zwischen New-Orleans und den andern Städten fahrender Dampfschiffe sei. Von beiden Theilen wurde dieselbe auf 640–650, und die Anzahl der Reisen auf 15–16 hin und eben so viel zurück bestimmt. Ich beschloß, die Rechnung auf die mäßigste Weise anzulegen und auszuführen. Ich ließ demnach die gesammte Anzahl Schiffe nicht mehr als zehn mal hin und zurück fahren, und gab den Schiffern die unmögliche Hinfahrt von 6½ Tagen Dauer und zur Rückfahrt (mit dem Strome) 3½ Tage. Nach dieser Berechnung wäre für ein jedes der Schiffe 6000 Klafter und für die gesammten auf jenen Strömen fahrenden Schiffe ein Quantum von nicht weniger als 3,900,000 Klafter Brennholz nöthig. Es läßt sich mithin folgern, daß inclusive der übrigen Dampfschifffahrt und Wagen wenigstens 4½–5 Millionen Klafter Holz in den V. S. verbraucht werden. Diesen Verbrauch des Brennmaterials kann nur derjenige, der das Land kennt, wie enorm und gefährlich derselbe auch scheint, als wohlthätig erkennen. Ohne Dampfschiffe wären die V. S. unglücklich, sie sind zur Cultivirung des Landes unbedingt nothwendig, indem die Urwälder vielleicht noch nach einem Jahrhundert in solcher Fülle da stehen werden, als wäre noch kein einziger Stamm aus denselben genommenwerden; ich habe die Urwälder im russischen Asien und sonst gesehen, aber sie sind gar nicht mit diesen zu vergleichen.
Der Ertrag des Holzes, welches von den Schiffern für 2½–3 Piaster gekauft wird, sichert den Grundeigenthümern sehr häufig den fürs Land bezahlten Preis, welcher 1¼ höchstens 1½ P. pro Acker beträgt, und oft auch die Unkosten für Urbarmachung desselben. Die Uferbewohner harren stets auf das Signal eines vorbeifahrenden Schiffs und stellen sogar eine Wache ans Ufer, um, sobald mit der großen Schiffs-Glocke das Signal gegeben wird, bereit zu sein; das Holz steht bereits abgemessen da, der Holz-Inspector steigt vom Schiffe, mit dem Maaß-Stocke in seiner Hand und empfängt die 30 Klafter, welche für die ersten 12 Stunden erforderlich sind. Das Herbeibringen dauert nicht lange, aber doch wohl eine volle Stunde. Zu dieser Arbeit werden die Deck-Passagiere gebraucht, denen diese Arbeit bei der Entrichtung des Passagiergeldes zur Bedingung gemacht worden ist. Arbeitslustige bezahlen 5 P. für die Fahrt, Andere 8–10. An Arbeitern kann es daher den Dampfschiffen nie fehlen. Die Arbeiter, welche auf Ruder-Fahrzeugen (mit dem Strom) Baumwolle und Getraide von Natches, St. Denis, New-Madrid, Rom, Louisville und mehreren andern Städten nach New-Orleans geschifft haben, können auf ihren Fahrzeugen nicht gegen den Strom zurückreisen; sie müssen dieselben in New-Orleans verkaufen und begeben sich dann auf die Dampfschiffe.
Die Städte auf der ganzen Tour von New-Orleans bis Pittsburg sind, mit Ausnahme von Cincinnati, höchst unbedeutend; außer den oben bereits angeführten sind noch zu nennen: Point-pleasant, Portsmouth, Warsaw (Warschau), Hannibal und Hamburg, die aber alle nichts besonderes zeigen.
Auf dem Ohio wird es für jene Arbeiter noch leichter, weil die Holz-Eigenthümer die erforderliche Quantität Holz bereits in Barken eingepackt haben, welche, sobald das Signal gegeben worden ist, aufpassen, um das Tau, welches vom Dampfschiff herabgeworfen wird, zu befestigen, worauf sie während der Fahrt das Holz hineinwerfen; die Arbeiter haben also dasselbe nur zu ordnen.
Diese meine Reise auf dem bedeutendsten Flusse Nord-Amerika’s rief mir diejenige Gedächtniß zurück, welche ich vor vielen Jahren auf einem der größten Ströme Asiens, auf dem Obi machte. Der Vergleich, wozu ich unwillkührlich getrieben wurde, fiel, was die Landschaft betrifft, nicht zum Vortheil Asiens aus, was aber die Menschen betrifft, die an den Ufern beider Flüsse leben, so erinnerte ich mich mit Vergnügen der an letzterm Flusse wohnenden Nomaden, der vom Fisch- und Zobelfang lebenden Ostiacken und Tungusen, bei welchen ich einkehrte. Sie wohnen nur in Jurrten, allein dieselbe haben eine bessere Form, ein besseres Aeußere und ein reinlicheres Innere als ich an den Hütten entdeckte, welche von Republikanern, von Besitzern von Baumwoll-Plantagen, Kornfeldern, Heerden und vieler Neger-Sclaven bewohnt werden. Erstaunt war ich, als ich die häusliche Einrichtung und die Lebensweise vieler am Mississippi wohnenden Republikaner sah. In einer kleinen erbärmlichen Hütte residirt eine Familie bedeutenden Umfangs. An der Außenseite derselben befinden sich Hängematten, in welchen man nicht selten 3–4 Kinder in puris naturalibus zusammengepackt liegen sieht, wahrscheinlich damit die hierselbst in den Wäldern einheimischen Insekten an den kleinen Schlafenden ohne große Mühe Durst löschen können. Schon hier überzeugte ich mich, nachdem ich die Cultur dieser Waldbewohner am Mississippi genauer kennen gelernt, daß das gepriesene Glück der Bewohner der V. S. einen großen Theilderselben wenigstens nicht erreicht, da sie sich noch im rohen Natur-Zustande befinden.
Nach diesem überzeugte mich von dem übermäßigen Wachsthum der Baumwolle. Ich hielt immer auch früher die Production der Baumwolle für übermäßig, und die Aeußerungen, die ich mir in dieser Beziehung als kaltblütiger Kaufmann, besonders in Manchester erlaubte, fanden nichts als Widerspruch, es wurde mir der Vorwurf gemacht, daß ich weiße Baumwolle mit zu schwarzen Augen ansehe. Ich suchte jetzt Facta zu sammeln, wonach man diese Sache bestimmt beurtheilen könnte und der Leser mag sich selbst aus denselben überzeugen, ob ich Recht hatte. Wie außerordentlich hat sich die Production der Baumwolle seit den letzten 50 Jahren, als ich in meiner väterlichen Handlung zuerst als Lehrbursche eintrat, vermehrt!
Von dieser letztern Quantität wurden in demselben Jahre in den Fabriken der V. S. circa 98,000,000 Pfund verarbeitet und das Uebrige nach Europa verführt.Es ist unbedingt zu erwarten, daß die Produktion in dem nächsten halben Jahrhundert noch einem weit größern Maßstabe zunehmen wird; wenigstens giebt die Menge von deutschen Auswanderern, welche alle zur Cultivirung der Ländereien in den V. S. gebraucht werden, Raum zu dieser Vermuthung; rechnet man nunnoch die in Egypten, Ostindien und Texas produzirte Baumwolle hinzu, was soll dann am Ende mit dieser ungeheuren Quantität von Baumwolle angefangen, wozu soll sie verwendet werden? und wird der daraus erzeugte Stoff wohl so viel Ertrag geben, daß die Produzenten auch nur zur Hälfte für ihre Mühe und Arbeit belohnt werden? Gewiß nicht! Laboriren doch beide Theile schon jetzt an der Schwindsucht! Zwar ist England mit seinen vielen Spinnereien im Stande, für die ganze Welt den Garn-Bedarf anzufertigen und verdient deshalb wohl das große Welt-Spinnhaus genannt zu werden, aber wird und kann das Volk und Land dabei blühen? Da ich später auf diesen Gegenstand zurückkomme, so bemerke ich vorläufig nur: England muß zu Grunde gehen, wenn es nicht von dem Vorsatz, alle auf der ganzen Welt erzeugte Baumwolle aufzuspinnen, zurücktritt.
Für den etwa reiselustigen Leser wird es nicht unangenehm sein, etwas über die Einrichtung auf den Dampfschiffen zu erfahren. Die Diana gehört, da sie den Brief-Beutel führt, zu denen der ersten Klasse. Untersucht man sein Bett, so erschrickt man und legt man sich hinein, so wird man von Ekel ergriffen; man empfindet einen Schweißgeruch, welcher andeutet, daß seit vielleicht 12 Monaten keine Wäscherin etwas mit den Bett-Ueberzügen zu schaffen hatte. Passagiere werden, so viele sich nur melden mögen, aufgenommen. Bei der Ankunft in Louisville ist die Anzahl derselben um das dreifache gewachsen, weil in jedem Ort, den das Schiff passirt, mehrere hinzukommen. Hat der Capitain seine Summe vom Passagier erhalten, so beauftragt er seinen Mulatten, dafür zu sorgen, daß der Reisende um 10 Uhr Abends ein Lager zum Ausstrecken bekommt. Da aber in der Regel die Anzahl der Passagiere die der Betten um das dreifache übersteigt, so errichtet der Mulatte eine Art von Hängematte, die vier Etagen hoch und einem Gerüste ähnlicherals einer Schlafstelle ist, so daß es für den oben auf Nr. 4. liegenden fast lebensgefährlich ist, hinaufzuklettern. — Gehen wir zum Essen. Der Tisch für 50 Personen (für mehrere ist nicht Raum) ist gedeckt. Das Brod ist schon am frühen Morgen in Portionen geschnitten worden und wird daher, bei der übermäßigen Hitze den Zwiebacken ähnlich. Die Mulatten und Neger, die keineswegs ihre Lehrjahre als Kellner in Frankfurt a. M. durchgemacht haben, sind emsig mit dem Tranchiren der Braten beschäftigt. Sobald sie dies Geschäft im Schweiß des verdächtig couleurten Angesichts beendet haben, setzen sie die Stühle hinter jedes der Couverte und der Capitain wird jetzt benachrichtigt, daß ihre Meisterwerke beendigt seien. Dieser verfügt sich jetzt zu den Damen, um sie zum Mittagsessen einzuladen. Während der ganzen Procedur vom Beginn des Tranchirens an stehen diejenigen Herren, welche so glücklich waren, einen Stuhl zu erhaschen und durch Festhalten zu behaupten verstanden, unbeweglich hinter demselben und kauen zum Zeitvertreib dabei ihren Kentucky-Taback. Diejenigen, welche bei der Besitznahme der Stühle nicht rasch genug waren, befinden sich schon wieder draußen auf dem Deck. — Jetzt tritt der Bellman (Glockenläuter) mit einer sehr großen Metall-Handglocke in die Saal-Thüre und giebt das Signal zum Sitzen. Die Spucknäpfe, deren einige Dutzend hinter den Stühlen der Herren in gerader Linie aufgestellt sind, sind so gefällig ihre Reste von dem edlen Tabackskraute entgegen zu nehmen. Kaum sitzen die Herren fünf Minuten, so sieht man sie schon aufstehen und im Fortgehen ihren letzten Bissen verzehren, um ihren Kentucky-Freund aufs Neue im Munde zu empfangen. Mulatten und Neger eilen jetzt herbei, säubern den Tisch so rasch und gut wie möglich, indem von Außen die ungesättigten 100 sich mit Eifer nach dem Saale hin drängen. Es wird wieder viel und geschwind von den Ueberbleibseln geschmaust und zwar wegen Mangel an Tellern mehrere Gerichte von einem und demselben; worauf die zweite Abtheilung der dritten Platz macht. Diese muß sich dann mit den kalten Ueberresten begnügen. Die beiden letzten Abtheilungen sind nicht nur die weniger Verzehrenden, sie werden auch überhaupt etwas vernachläßigt und sind dem Verzehrtwerden ausgesetzt, denn die beiden Mulatten, die zum Verscheuchen des Ungeziefers angestellt sind, legen ihre von Federn angefertigten Scheuchen nieder und setzen also die Essenden diesen Bestien aus.
Bis um sieben Uhr Abends promenirt Jeder auf dem Verdeck des Schiffes, ergötzt sich an den schönen Ufer-Gegenden oder steigt, wenn Brenn-Material eingenommen wird, ans Land um sich in den herrlichen Wäldern unter den merkwürdigen Pflanzen und Thieren umzusehen. Wir hatten einen trefflichen Schützen bei uns, der die Tour stets mit der Pistole in der Hand mitmachte und besonders manche Schlange (jedoch kleine und unschuldige) schoß. Um sieben Uhr wird das Signal zum Thee d. h. Abendessen gegeben, wobei es eben so tumultuarisch wie am Mittage zugeht. Eine Stunde nach dem Souper, etwa um neun Uhr finden sich die resp. Bett-Architecten, die Mulatten, zum Aufbauen der vier Etagen hohen Bettgerüste ein. Während diese mit großem Fleiße bauen, schwärmen ihre Collegen umher, um für die unerwarteten vielen Passagiere einzelne Bettstücke als Kopfkissen u. s. w. aus den Betten der von New-Orleans Mitgekommenen zu kapern; so fand ich auch einmal einen bei meinem Bette in voller Arbeit. Da die Betten jedoch nicht für die Hälfte der Reisenden zureichen, so ist es kein Wunder, daß man dieselben sehr eifrig und pfiffig spekuliren sieht, um eins zu erhaschen. Es geht hierbei nicht minder bunt zu, wie beim Mittagsessen. Die Kleider werden abgeworfen und liegen in einem so beklagenswerthen Zustande auf dem Boden, wie ihre Eigenthümer auf denLagern. Jetzt ist der Saal mit Schlaf-Pavillons und mit Schlafkünstlern gefüllt, allein da stehen noch 20–25 bettlose stattliche Yankees, mit kläglicher Stimme den Capitain um Beistand anflehend. Dieser kann nichts anderes thun als ihnen freundschaftlich rathen, die herrliche Nacht auf dem Deck zuzubringen und den folgenden Tag sich auszuschlafen. — Hierbei ist zu bemerken, daß hier überhaupt nicht das in Europa übliche Recht gilt, nach welchem man von der Abfahrt an bis zum Bestimmungs-Orte der Reise, als Eigenthümer eines Platzes angesehen und behandelt wird. Hier nimmt Jeder den ihm besser scheinenden Platz ein, wie lange auch sein Vorgänger schon den Platz behauptet haben mag. Deshalb hat das Reisen in den Kutschen schon in dieser Hinsicht viel Unangenehmes, allein es ist auch wegen der bösen Wege, wegen des hierdurch entstehenden langsamen Fahrens, wegen der schlechten und theuern Gasthöfe an den Fahr-Straßen — nicht zu empfehlen.
Den Rath des Capitains, die Tageszeit zum Ausschlafen zu wählen, befolgen diejenigen am liebsten, welche, wie die meisten Amerikaner, Hang zum Hazard-Spiele haben; für diese Leute ist dann der Bettmangel eine Goldangel, allein Mancher opfert außer der nächtlichen Ruhe auch sein Geld. Mit dem Glockenschlage: fünf! wird die Zeit zum Aufstehen signalisirt, damit der Saal zum Frühstücken, welches von 6–8 Uhr dauert, geräumt werden könne. Jetzt nun beim Ankleiden erhebt sich die größte Confusion: Alle und ein Jeder sucht einen Theil seiner Garderobe, die schon durch Nachlässigkeit beim Auskleiden ein wenig sich vermischte, jetzt aber durch den Diensteifer der Mulatten, welche um den Saal rasch zu räumen, alle Kleidungsstücke auf einander werfen, in der größten Unordnung durcheinander liegt. Ist diese Verlegenheit beseitigt, so eilt man dem Wasch-Loch auf dem Verdeck zu. Hier findet man einen Raum, in welchem fürdrei Personen Platz ist: auf einem an der Wand befestigten, sehr schmalen Brette befinden sich drei Waschbecken von weißem Blech in Fesseln, worin man das schmutzige Wasser der Vorgänger findet; auf dem Tische liegt zum allgemeinen Gebrauch ein butterweiches Stück Seife. Auf einer an der andern Wand angebrachten Rolle hängt ein etwa fünf Ellen langes Handtuch von der Art wie man sie in unsern Fuhrmanns-Herbergen findet, an welchem sich schon am frühen Morgen die sämmtlichen Mulatten und zarten Neger Gesicht und Hände getrocknet hatten und welches für 150 Personen bestimmt war. Am Eingange des Waschlochs endlich befindet sich ein Eimer, mit dem lehmigten Mississippi-Wasser gefüllt, zur beliebigen Selbstbedienung. Da ich glücklicher Weise Handtücher und Seife mitführte, so sagte eines Morgens ein Yankee zu mir: „Die Amerikaner sind durchgängig gesunde Menschen; Ihre Vorsicht ist daher überflüssig.“ — Solche Reisen, wie die gegenwärtige auf dem Mississippi und die frühern auf dem Obi sind also im Ganzen betrachtet, interessant, aber sie sind auch, was die Lebensweise betrifft, mit so viel Unannehmlichkeiten verknüpft, daß man an Einemmale genug hat.
Schon am sechsten Tage hatten wir uns zum Aerger der mit unserer Göttin Diana rivalisirenden Dampfschiffe: Sultan und Monarch, welche ihrer Kühnheit wegen auf der Liste der Todeskandidaten zu stehen verdienen, so weit durchgearbeitet, daß der Capitain uns die Ankunft auf den folgenden Abend mit Gewißheit verkündigte. Der Mississippi soll, wie unser Capitain meinte, und wie man auch im Allgemeinen glaubt, die Kraft haben, die Zahl der darauf Umkommenden reichlich zu ersetzen, durch die Eigenschaft nämlich, welche der Emser Brunnen besitzt, wodurch die Neger-Bevölkerung mit jedem Jahre zunimmt. Es sei etwas sehr gewöhnliches, setzte er hinzu, daß dieNegerinnen Zwillinge und Drillinge gebähren, ja man höre oft von 4–5 Exemplaren.
Während der letzten Nacht war die Fahrt von der Art, daß alle Passagiere in Unruhe geriethen, weil sie glaubten, daß in Verhältniß zu dem sehr schmalen Raum im Kessel, welcher ohnedies durch den vielen Sand aus dem Mississippi-Wasser noch um Vieles kleiner geworden war, viele Dämpfe angewendet würden. Es war freilich ein ungewöhnliches Getöse, ein Klappern der Gläser, Tische etc. vernehmbar, aber um stromaufwärts in einem so reißenden Fluß, wie dem Mississippi zu fahren, ist viele, sehr viele Dampfkraft erforderlich.
Am folgenden Abend um neun Uhr langten wir am Kanale von Louisville an, woselbst der Capitain zur Ersparniß von 50 Piastern, die das Hinauffahren kostet, zu bleiben beschloß. Unsere göttliche Diana wurde neben den Ruinen eines Dampfschiffes befestigt, worüber ich nach näherer Erkundigung erfuhr, daß es Bugann geheißen und vor ungefähr 10 Tagen durch Zersprengen des Kessels gegen 40 seiner Passagiere den Kirchhöfen überwiesen habe. Mit mehrern Reisegefährten beschloß ich, das Wrak näher zu besichtigen und wir bestiegen dasselbe mit brennenden Lichtern in den Händen; hierbei fand ich, daß derjenige Theil des Schiffes, worin sich mein Bett befand, im Bugann ganz und gar zerstört und aufgelöst war. Wir plauderten noch lange über unsere ausgestandene Gefahr, von welcher wir uns jetzt um so lebhafter überzeugt hatten und legten uns nachher ruhiger als die vorige Nacht zu Bette.
Am folgenden Morgen hatten sich viele spekulirende Fiaker von Louisville eingefunden. Es wurden jetzt Parthieen zu vier Personen arrangirt, die von jenen Fiakern nach der Stadt gebracht wurden. Unser Führer, war ein wahrhafter Riese, ein junger Mann von 22 Jahren und wie er sagte, 7¾ Fuß Höhe. Als er uns nach Louisvillegebracht hatte, forderte er auch einen riesenmäßigen Lohn, nämlich einen Piaster von einem Jeden, der den gewöhnlichen um mehr als das Doppelte überstieg. Da er indeß versicherte, daß er gewöhnlich mehr als andere Fuhrleute bekomme, weil die Meisten Gefallen an seiner Figur fänden, so sträubten auch wir uns nicht dagegen.
In Louisville bemerkte ich bald, daß es nicht der Mühe werth sein würde, hier längere Zeit zu verweilen. Alle am Mississippi und Ohio gelegenen Städte haben denselben Anstrich von Unvollendung; sie liegen alle auf Bergen und erscheinen daher vom Ufer aus sehr hoch. An der Wasserseite wohnen die meisten Geschäftsleute, welche Läden haben, um sogleich bei der Hand zu sein, wenn geldbedürftige Handelsleute mit geldwerthen Gegenständen von New-Orleans oder New-York ankommen. Diese Ladenherren sind meistens alle Deutsche oder französische Ausreißer, die, wenn die Umstände darnach sind, auch von dort wieder ausreißen und anderswo wieder unter anderer Firma auftreten.
Meine Wißbegierde in Betreff von Louisville’s Neuigkeiten war bald gesättigt, weshalb ich meine Reise ohne Zögern fortzusetzen beschloß und den steilen Berg hinunter, dem Ufer zu schlenderte. Da traten mehrere Deutsche an mich heran, mit denen ich nichts zu schaffen haben wollte und um solchen Leuten zu entgehe, beschleunigte ich um so mehr meine Abreise. Da lagen drei Dampfschiffe, welche um ein Uhr nach Cincinnati absegeln wollten: das Postschiff Pick (Hecht) mit den Briefen, ein überaus geschwindes Schiff. Auf diesem Raubfische wollte ich meine Reise fortsetzen, allein ich gab bald dies Vorhaben auf, als ich kaum so viel Platz fand, um bis zum Bureau gelangen zu können. Fort also zu dem zweiten Dampfschiffe, zum Robert Fulton, dachte ich, dem du doch wegen Erfindung der Dampfschifffahrt Dankbarkeit schuldig bist, allein wider Erwarten und zu meinem großen Erstaunen fand ich hier so viele Dankbare, — er war noch mehr überladen als der Pick, so daß ich auch von hier mich zurückzuziehen veranlaßt sah.
In einer sehr kurzen Entfernung vom Fulton lag die loyal Anna. Kaum hatte ich sie erblickt, als ich auch mit guter Hoffnung mich ihr näherte, da Hagestolze, zu denen ich doch nun einmal gezählt werden muß, gern mit loyalen Frauen Umgang haben. Noch nie habe ich eine solche Propretät auf einem Schiffe wahrgenommen, wie auf diesem, man bemerkte hier außer der Reinlichkeit noch ein gewisses Etwas, was nur von den Frauen herrühren kann. Erst später erfuhr ich, daß dieses Schiff ein Spielzeug, eine Puppe des sehr reichen Capitains sei, welcher auf dessen Verschönerung mehr als auf die seines Wohnhauses verwendet. — Sieben Männer hatten sich bei der loyal Anna gemeldet und keine einzige Dame — eine geringe Anzahl Bewerber für eine so schöne Miß, indeß trat ich sofort zu diesen über. Wir fuhren zwar um Vieles langsamer, als der Pick und Fulton, aber dafür auch bequemer und sicherer. Unsere Reise sollte nach Cincinnati und von da nach Pittsburg gehen.
In Cincinnati sagte mir der Capitain, daß Frau Anna sich erklärt hätte, sie könne, als eine Frau von so vortrefflichem Baue, nicht mit sieben Männern zufrieden sein; alle Frauen würden von Launen regiert, in welche man sich fügen müsse; sie werde wohl ein bis zwei Tage hier verweilen, um noch einige Männer mehr zu acquiriren, und siehe da! als die Glocke zur Abfahrt ertönte, da schwärmten um diese Liebenswürdige so viele neue Verehrer, daß es den alten, wie vielen Männern nach der Verheirathung ging — es waren keine Plätze mehr, weder zum Stehen noch zum Niedersetzen, zu finden.
Der Aufenthalt in Cincinnati kam mir nicht so sehr unangenehm; dieser Ort wird in den V. S. City (große Stadt) genannt, allein sie ist nichts weniger als das; jedoch verdient sie ihrer Anlage nach, nach dem, was sie einmal werden kann, allerdings diesen Namen. Cincinnati ist, wie die anderen Städte an diesem Flusse, in einer Höhe von etwa 200 Fuß vom Ufer gebaut. Alle Buden befinden sich an der Wasserseite und sind nicht zum dritten Theil für die Schacherwelt hinreichend. Die Miethen sind daher so enorm, daß sie im Allgemeinen wohl das doppelte von denen in New-York und Philadelphia betragen. Die Baulust ist aus diesem Grunde sehr groß und nimmt mit jedem Tage zu. Jedoch fehlt es an Grund für solche Gebäude, in welchen die einträglichsten Geschäfte betrieben werden könnten, nämlich am Ufer.
Cincinnati’s Bevölkerung beläuft sich auf etwa 40,000 Einw., unter denen Deutsche, wenn nicht die Hälfte, doch wenigstens den dritten Theil ausmachen; von diesen sind wohl 8000 Juden, welche vor einiger Zeit eine in schönem Stil erbaute Synagoge einweihten. Ich lernte mehrere Deutsche dort kennen, auch wurde ich von Mehreren angeredet, die vorgaben, mich zu kennen und mich auch wirklich bei meinem Namen anredeten. Alle versicherten, zufrieden zu sein, verriethen jedoch in der Conversation Unzufriedenheit; sie redeten stets von Millionen und konnten von Menschenkennern ihrer Kleidung und ihrem Aeußern nach, für nichts anders als Tagelöhner gehalten werden. Der Ort an und für sich bietet nichts Merkwürdiges dar; die Umgegend ist nicht besonders reizend. Er eignet sich zum Speditions-Geschäft und treibt dieses auch in der That, aber auf eine sehr unvollkommene Weise, und zwar aus dem Grunde, weil es an Arbeitsleuten fehlt, die bei einem Geschäft solcher Art nicht zu entbehren sind. Die Güter, welche zur Spedition dort ankommen, werden deshalb oft — zu Wasser, wie ich während meines Aufenthalts selbst Augenzeuge eines solchen Vorfalls war. Es langte nämlich ein Dampfschiff an, welches 15 große Fässer Zucker für jenen Ort geladen hatte, die der Capitain am Ufer abladen und hinwerfen ließ, um sofort weiter zu fahren. Während der darauf folgenden Nacht schwoll aber der Fluß dermaßen an, daß der Herr Spediteur, als er am andern Morgen mit seinen Arbeitern hinzukam, statt des Zuckers Zuckerwasser in den Fässern fand. Ganz amerikanisch-kaltblütig fragte er die Umherstehenden: what can I do? Uebrigens spricht jeder Amerikaner mit Respekt von diesem Orte, so daß es mir lieb war, ihn kennen gelernt zu haben.
Desto lästiger dagegen wurde mir der Aufenthalt auf der Anna, da es, wie schon bemerkt, nicht nur an Raum fehlte, sondern unter den neuen Passagieren hatte sich auch eine große Anzahl von Spielern eingefunden, die den Raum durch einen großen Tisch, an welchem sie Stoßen, das alte und beliebte deutsche Hazard-Spiel, spielten, unter Beistand einer Menge von Zuschauern dermaßen beengten, daß mir nichts zu thun übrig blieb, als mich nach den untern Regionen des Schiffs zu den Deck-Passagieren zu begeben.
Daselbst bemerkte ich mehrere deutsche Familien; da saßen Einige mit Bibeln vor sich, Andere in Kattun-Jacken, schmauchend nach alt-deutscher Weise, aus kurzen deutschen Pfeifen von dem edeln Kentucky-Taback, den die Amerikaner lieber auf nassem Wege auflösen. Die Frauen derselben strickten zum Ärger der Chemnitzer Strumpfwirker und zur Freude der Amerikanischen Produzenten Strümpfe aus der auf Amerikanischem Boden gewachsenen Baumwolle. Da ich Bekanntschaft mit diesen Leuten anknüpfen wollte, so näherte ich mich zuerst den Bibellesern, in der Meinung, daß diese die weniger Glücklichen in der Gesellschaft sein müßten, indem die Meisten im Unglück sich entweder zur Religion oder zum Aberglauben wenden. Ich hatte mich darin auch nicht geirrt, dann sie versicherten mir, in jeder Rücksicht sehr unglücklich und, obgleich sie schon ein Viertel-Jahrhundert in Amerika zugebracht hätten, noch immer sehr arm zu sein.
Hierauf näherte ich mich den Taback rauchenden Männern und Strümpfe strickenden Frauen. Von diesen erfuhr ich, wie die amerikanisch-deutsche Auswanderungs-Commissionaire in New-York sie schändlich betrogen und irre geleitet hätten. Sind doch Commissionaire ein tödtendes Gift in allen Branchen, dachte ich, da mir schon in Louisville ein pallastähnliches Haus gezeigt worden war, welches ein Deutscher auf Unkosten der armen Einwanderer erbaut hat, indem, wie sich der Amerikaner ausdrückte, der es mir zeigte, zum Fundament desselben die Seufzer der Unglücklichen, zum Löschen des Kalks die Thränen derselben verwendet wurden. Diese Unglücklichen müssen sich wegen Mangel an Sprachkenntnissen gleichsam als Sclaven an den Commissionair verkaufen und das sehr wohlfeil gekaufte Land für ihn kultiviren. Einen aus der Gesellschaft, der mir am klügsten schien, ersuchte ich, mich mit der Art und Weise, wie jene Commissionaire in New-York mit ihnen verfahren hätten, bekannt zu machen. Vermuthlich nicht so arg, wie die Havaneser uns armen Kaufleuten, dachte ich hierbei. „Die verdammten Diebe,“ hob der Erzähler an, „haben uns vom ersten Augenblick unserer Ankunft an konfuse gemacht; sie haben uns zu Reisen verleitet, wodurch das Wenige, was uns nach Zahlung der 125 Francs Reisekosten noch übrig blieb, aufging; jetzt müssen wir alle zurück, weil hier, wo uns die Diebe hingeschickt haben, Nichts zu machen ist.“ Als ich hierauf bemerkte, sie hätten besser gethan, Deutschland nicht zu verlassen, weil man, um hier etwas anfangen zu können, wenigstens 1000 Piaster baares Geld mitbringen müßte, lachten sowohl die Strickenden als die Rauchenden, und Einer meinte: „wenn wir 1000 Piaster gehabt hätten, so wären wir sicher noch zuHause und tränken Wein für sechs Kr., während wir hier Essig mit ½ Piaster bezahlen müssen.“ — Dies vorläufig als Warnung für den Auswanderer; ich werde später genauer hierauf zurückkommen, da ich bei meinem zweiten Aufenthalt in New-York diese Suche genauer kennen zu lernen Gelegenheit hatte, und setze vorläufig meine Reise nach Pittsburg fort, um baldigst in New-York einzutreffen, wonach ich mich um so mehr sehne, da die loyal Miß Anna um Vieles zu liberal geworden war.
Wir langten nach einer viertägigen Fahrt in Pittsburg, dem Birmingham der V. S. an. Jeder Amerikaner spricht in tiefster Ehrfurcht von dieser Stadt, von welcher es in den statistischen Berichten heißt, es würden für 30 Millionen Piaster Waaren hier fabrizirt; einige Tage hier zu verweilen, um die bedeutenden Fabriken in Augenschein zu nehmen und ihre Erzeugnisse zu prüfen, war mein Vorsatz.
Schon am Ufer gewahrte ich, daß Eisengießereien hier ein bedeutender Erwerbszweig sein müssen, indem eine bedeutende Masse von Gußwaaren zum Einladen bereit lag. Zunächst begab ich mich nach dem Innern der Stadt, um das Exchange-Hotel (Börsenhaus), wohin sich viele meiner Reisegefährten begeben hatten, aufzusuchen, was mir auch, da Pittsburg sehr regelmäßig gebaut ist, ohne Mühe gelang. Wie ein hungriger Jagdhund über seine Speise, so fiel ich über die seit vier Tagen entbehrten Tagesblätter her und fand mit Schrecken und mit Freuden zugleich die Verunglückung des Dampfschiffes Albany, mit dem ich anfangs reisen wollte. — Um die Fabriken aufzusuchen, begab ich mich auf eine Anhöhe und richtete die Augen nach dem Himmel zu; ich bedurfte nicht, wie die Astronomen, wenn sie Kometen suchen, eines Teleskops; ich merkte auf die dichten Rauchwolken, die aus den hohen Schornsteinen hervorströmen und konnte sicher sein, eine Fabrik zu finden.
Zuerst gelangte ich zu einer Glasfabrik, in welche ich ungenöthigt hineintrat. Nur der Aufseher war zugegen und so gefällig, mir vieles Hübsche zu zeigen. Ich ersah, daß die Glaswaaren hier nicht, wie in Böhmen oder Schlesien, geblasen, sondern gegossen werden, folglich fällt hier das Schleifen weg, indem das Bunte auf diesen Gläsern in den Formen erzeugt wird. Nach dieses Mannes Erzählung waren die Amerikaner, als Erfinder dieser Fabrikation eine Zeitlang die Monopolisten darin, jetzt aber, nachdem Engländer und Franzosen dieselbe Fabrikate erzeugen, haben sie eine schwere Concurrenz zu bestehen.
Durch den Anblick eines mächtigen Granit-Quarrées auf einem Berge angezogen, näherte ich mich demselben. Unerklärlich war mir diese Erscheinung, eine so mächtige viereckige Felsenburg ohne Fenster und Thüren; was kann das sein? Da ich neben diesem Felsenklumpen ein von eben solchen Steinen errichtetes, aber unbeendetes Gebäude mit einer prächtigen Kuppel sah, so trat ich in dasselbe, um mir Auskunft zu erbitten. Ich freute mich sogleich einen Mann zu treffen, dessen Anblick sonst Niemand sehr erfreut; den Schließer des Gefängnisses, welcher sich im Souterrain jenes mir räthselhaften Granit-Quarrées befand. Dies war so eingerichtet, daß die Zugänge zu demselben durch das Souterrain des unbeendeten Prachtgebäudes, den neuen Gerichtshof führten, und folglich jeder Arrestant, ohne sich müßigen Zuschauern exponirt zu sehen, vor die Richterstühle gelangen kann.
Die benachbarte katholische Kirche ist auf ähnliche Weise gebaut.
Am Ufer fand ich ein Schiff, welches zum Hausiren auf dem Ohio bestimmt war, zur Abfahrt fertig. Um diese schwimmenden Hausirer kennen zu lernen, bestieg ich das Schiff, in welchem ich ein komplettes geordnetes Waarenlager antraf. Die Mannschaft darauf versieht zugleich die Dienste der Handlungsdiener; bei allen Ortschaften werden Verkaufs- und Ankaufsversuche gemacht.
Den Mechanismus der sogenannten Snag-boats wollte ich jetzt kennen lernen; diese Bote sind nämlich seit etwa zwei Jahren durch den Washingtoner Congreß, auf dem Ohio und Mississippi eingeführt zum Auffischen der in jenen Flüssen treibenden Bäume, welche den Untergang so vieler Dampfschiffe herbeigeführt haben; es giebt derselben bis jetzt nur sechs, obgleich für beide Ströme wohl 150 erforderlich sind; ich freute mich, sie kennen gelernt zu haben, denn sie verdienen alle Aufmerksamkeit.
Auf dem Rückwege von dort gerieth ich in eine Baumwoll-Spinnerei. Der Fabrikant war eben damit beschäftigt, eine verkaufte Quantität dem Käufer zuzuschicken. Da ich auf den Fünf-Pfund-Paqueten No. 10 bemerkte, so ersuchte ich den Fabrik-Inhaber mir eins von No. 40 zu zeigen. „Hiermit beschäftigen wir uns nicht,“ erwiederte er, „die Anfertigung solcher Nummern überlassen wir den Engländern, wir spinnen nur bis zu No. 14, indem wir nicht so viel Capitalien haben, um mit sechs Prozent, denn mehr liefern feine Garne nicht, zufrieden zu sein. Auf Nummern wie diejenigen sind, welche wir spinnen, ist die Steuer zu groß, und aus diesem Grunde verbietet sich die Einfuhr von selbst. Besäße ich mehr Vermögen, so könnte ich mehr fertig schaffen und, anstatt daß ich jetzt 3000 Pfund jeden Tag absetze, das dreifache Quantum verkaufen.“ — Es würde mich sehr freuen, wenn einer von den geneigten Lesern so gefällig sein wollte, mir Aufschluß zu geben, warum der Amerikaner, welcher die Baumwolle und Kohlen dicht an der Thüre hat, mit den englischen Fabrikanten nicht soll concurriren können. Wäre es nicht zweckmäßig, daß die Regierung einen Ausfuhrzoll von Baumwolle erhöbe?
Während ich mich auf der Pittsburger Brücke befand — alle Brücken in den V. S., muß ich nebenbei bemerken, sind den Häusern ähnlicher als den Brücken, indem sie zur Abhaltung des Schnees mit Dächern und Fenstern versehen sind — und mich der großen Granitblöcke, worauf die Brücke ruht, erfreute, traf ich einen frühern Reisegefährten, welcher mich bat, mit nach seiner Tuchfabrik zu reisen. Er beklagte sich sehr über die Schmuggelei von England aus über Canada; noch mehr aber wegen des hohen Zolls auf roher Wolle, wodurch den Woll-Produzenten, zum Nachtheil der Fabrikanten ein sehr lästiges Monopol eingeräumt sei. Dürften wir, setzte er hinzu, unsern Wollbedarf gegen Erlegung eines Zolls, wie der in England festgestellt ist, von Deutschland einführen, so würden wir England sehr bald bei Tuchen entbehren können.
Als die beste Reisegelegenheit, um von hier nach Philadelphia und New-York zu kommen, wurde mir gerathen, auf einem Kanalboote bis nach Harrisburg zu fahren. Diese Fahrt wäre mir indeß beinahe schlecht bekommen, indem ich beim Durchfahren unter einer Brücke in die größte Gefahr kam, erdrückt zu werden. Bis nach Harrisburg trafen wir wohl 100 Brücken und bei den höchsten derselben konnte man, auf dem niedrigsten Punkte des Bootes aufrechtstehend, kaum ohne Gefahr durchkommen. Deshalb befindet sich Abends ein Mann auf dem Posten um „Herren, eine Brücke!“ als Warnungszeichen zu rufen. Diesmal rief er, als es schon zu spät war, um von den Koffern, auf welche ich mich zum Schutz vor Regen gesetzt hatte, herabzukommen. Ich warf mich sogleich auf den Rücken und erwartete das Schlimmste, aber die Vorsehung ließ auch diese Gefahr glücklich für mich vorübergehen. Ich enthalte mich der Beschreibung dieser Treckschuiten (die nach der alten sächsischen Lehrmethode wohl eher mit einem D zu schreiben sind),weil sie desselben nicht werth sind. Jeder, der dergleichen Schiffs-Gelegenheiten in Holland gesehen hat, welche den Amerikanischen zum Muster gedient zu haben scheinen, wird meine Versicherung, daß 43 Personen in der Cajüte schlafen mußten, in Zweifel ziehen, und 5 Nächte mußten wir in dieser peinlichen Lage zubringen; drei Hängematten über einander, in vier Alleen eingetheilt, lieferten sämmtliche Ruhestellen.
Uebrigens gewährte diese Reise sehr viel Abwechselung und Vergnügen in mancher Hinsicht. Das Merkwürdigste hierbei war eine Fahrt von etwa 35 englischen Meilen über sehr hohe Gebirge auf Eisenbahnen, vermöge des Mechanismus vieler Dampf-Maschinen, welche auf kurze Distancen die mächtigsten Wagen mit dem allerschwersten Gepäck ohne Locomotive auf die hohen Berge zogen — so daß wir die 35 Meilen in sieben Stunden zurücklegten. Es scheint, daß, zur Anlegung von Tunnels kein Fonds vorhanden war, da man zur Beförderung der Güter auf den Canälen, zu einer solchen Maaßregel hat schreiten müssen. Sobald wir von den sehr hohen Bergen ohne Locomotive etwa 6 Minuten hindurch auf die Canäle zu hinunterfuhren und bei denselben angelangt waren, stand ein Boot und Pferde bereit; die Umpackung währte etwa sechs Minuten. — Am folgenden Abend passirten wir den herrlichen Fluß Susquehannah. Ueber diesen führt eine herrliche Brücke, die ich in der Entfernung, da sich an derselben zwei Gallerieen für die hin- und zurückziehenden Pferde befinden, für ein Theater hielt. Die Gegend um diesen Fluß ist die reitzendste von allen, die ich auf meinen vielfältigen Reisen gesehen habe. Die Stadt Petersburg, welche an der entgegengesetzten Seite des Flusses liegt, konnte ich bei der sich nähernden Abendzeit nicht gut sehen.
In Harrisburg hören die Canalfahrten auf und die nach Philadelphia führende Eisenbahn beginnt. Da wirdas Reisegeld für die Fahrt von Pittburg bis Philadelphia entrichtet hatten, so war es des Capitains Sache, für unsere Weiterschaffung zu sorgen, was denn auch bald geschah. Für die aus Pittburg angekommenen Reisenden wurden sowohl für Personen als Gepäck eigene Wagen angewiesen; aus Harrisburg fuhren mehrere Hunderte. Die Wagen waren alle für funfzig Personen und so arrangirt, daß sie mittelst großer Zugänge gleich einem Wohnhause in Verbindung stehen; man kann während der Fahrt die sämmtlichen Wagen durchstreichen und die an beiden Seiten paarweise Sitzenden mustern. Am Eingange des ersten, dicht an der Locomotive befindlichen Wagens, in welchem zwei Abtheilungen angebracht sind, las man am Eingange zur zweiten Abtheilung „Damenzimmer“. In diesem befand sich ein großer Spiegel, nächst dem Manne, das erste Bedürfniß für Damen, Sopha, Arbeitstisch. Von Harrisburg bis Philadelphia, (welche Entfernung 96 englische Meilen beträgt,) fährt man mit Einschluß der Zeit, welche zum Frühstück und Mittagsessen zugestanden ist, sieben Stunden. Für das letztere, welches verhältnißmäßig eben so rasch verzehrt werden muß, als die Locomotive sich fortbewegt, wird ein eben so reissender Preis, d. h. ½ Piaster oder 18 gGr. bezahlt. Beim Bezahlen bemerkt man Viele, die bemüht waren, einige von den abgesetzten Bank-Noten, womit ihre Brieftaschen sich in ungesegneten Umständen befanden und auf Entbindung nicht hoffen dürfen, — anzubringen, allein der Cassirer hat das Textbuch vor sich liegen, bleibt im Text und besteht auf werthvoller Bezahlung des werthlosen Mittagessens.
Auf der Tour von Harrisburg bis Philadelphia hat der deutsche Reisende Gelegenheit sich über den Fleiss und die Ordnungsliebe seiner Landsleute zu freuen, da diese die Bewohner jenes Strichs ausmachen. Man glaubt hier in Deutschland zu sein, überall erblickt man Feld- und Baumfrüchte; auf jedem Hause in den Dörfern glaubt mandie Worte: „Wohlhabenheit und Zufriedenheit“ zu lesen. Gutgekleidete Kinder beiderlei Geschlechts drängen sich mit Blumen und reifen Baumfrüchten an den Wagen, um für die bereits gehaltene Aerndte etwas für sie Brauchbareres zu ärndten. Genug, man empfindet auf dieser Reise keine Langeweile, wenn man nicht etwa unwohl ist, wie ich es ein wenig war; ich hatte bei der Passage über die Berge ein Erkältungsfieber erhascht und kam ziemlich krank in Philadelphia an.
Da saß ich in einem langen Omnibus, die alten kraftlos scheinenden Rosse thaten Wunder, denn sie trabten von einem Gasthofe zum andern und nirgends fand ich ein Plätzchen für mich. Obgleich vom heftigsten Kopfweh gepeinigt, freute ich mich dennoch; war es doch ein Zeichen, daß ich den Kopf nicht in Havana verloren hatte. „Fahre nach welchem Gasthof du willst, nur nach keinem schmutzigen“, sagte ich zum Omnibus-Kutscher und bald standen die Rosse vor Baltimore-house, welches mir der Kutscher als ein gutes und sehr reines Haus anpries, in dessen Nähe auch das Dampfschiff nach New-York abfahre.
Ich wurde in diesem Hause mit etwas versehen, was mir seit einer Reihe von Jahren entfremdet war und das war — ein Federbette welches gut war, weil es den Dienst eines russischen Dampfbades versah und mich dermaßen auf die Beine brachte, daß ich am folgenden Morgen in Philadelphia umherzustreichen mich mit hinlänglicher Kraft ausgerüstet fühlte. Ich fand, daß Philadelphia ungefähr in demselben Verhältniß zu New-York steht, wie Potsdam zu Berlin. Der Ort ist schön, weil die Häuser durchgängig gut gebaut und die Straßen regelmäßig sind; wenn man die vielen Canäle in denselben abrechnet, über die man aber auch in New-York Beschwerde führen kann, aber nicht darf, weil die Amerikaner leidenschaftlich am Canalbau hangen. — Ich bestieg das Rathhaus bis zu seinen höchsten Regionen, d. h. bis zur Glocke, und war höchst überrascht, als ich die herrliche grosse Stadt mit den vielen Kirchen und squares (Quarrées) nebst der herrlichen Umgegend zu meinen Füßen liegen sah. Ich besuchte die Münze, das Taubstummen-Institut, das Collegium und fuhr etwa drei Meilen weit nach dem Wasserwerk, gelegen in einem Schweizerthal mit Bergen umgeben, auf welchen sich die herrlichsten Anlagen befinden. Für diese Fahrt hin und zurück bezahlte ich nur ¼ Piaster — der wohlfeilste in den V. S. mir erwiesene Dienst; muß man doch für das einmalige Putzen der Stiefeln dasselbe bezahlen. Auch nach Vauxhall begab ich mich, in welchem 1000 Chinesische Lampen brennen und eben so viele Orangenbäume gezeigt werden sollten. Da aber nur einige Lampen brannten, so blieben natürlich die blühenden Orangen unsichtbar. Ich kehrte nach der Kasse zurück, um meinen halben Piaster Entree zu reklamiren, allein der Kassirer versicherte mir, er sei an diesem Platze zum Geld-Einnehmen, nicht Ausgeben; ich könne aber am folgenden Abend Gebrauch von der Charte machen. — Weise ist nach Lessing derjenige, welcher sich auf seinen Vortheil versteht; ich erklärte daher diesen Mann für weise und zog ab.
Meine Rechnung in Baltimore-house belief sich auf eine artige Summe, obgleich ich keine einzige Mahlzeit in demselben eingenommen hatte. Der Wirth bewies mir, daß er bei den hohen Preisen aller Lebensmittel zu Grunde gehen müßte, wenn es nicht so manchen gäbe, der nie ißt, aber dennoch üblicher Weise bezahlt. Es wird in ganz Amerika 2½–5 Piaster in jedem Gasthofe den Logirenden angeschrieben, wenn er auch gar nichts genossen hat.
Am folgenden Morgen fuhr ich mit dem ersten Dampf-Schiff nach New-York. Auf diesem befanden sich etwa 300–350 Passagiere, ungeachtet zu derselben Stundedie Dampfwagen dahin abfahren. Man giebt den Dampfschiffen darum den Vorzug, weil von den Schornsteinen der Locomotiven zu viel brennende Kohlen umher geworfen werden, und dadurch viele Kleidungsstücke der Mitreisenden zu Grunde gehen. Man muß jedoch auch auf der Fahrt mit dem Dampfschiff ungefähr 20 Meilen auf dem Dampfwagen zurücklegen, um alsdann die Reise im Schiff zu beendigen.
Um etwa 1 Uhr kamen wir in New-York an. Das Erste, was ich that, war, mir ein Privat-Logis aufzusuchen, denn die Boarding-Häuser hasse ich wegen des darin statt findenden Zwangs. In einem freien Lande darf man auf Freiheit Anspruch machen, Thorheit ist es also, wenn man dem Gastwirth seine Freiheit verkauft und noch dazu, wie hier in New-York viel dafür bezahlt.
Als ich so an Broadway hinschlenderte, fühlte ich mich in der heitersten Stimmung. Als ich über den Grund derselben nachdachte, fand ich ihn darin, daß ich hier nicht, wie in Havana, das menschliche Elend d. h., mit Lumpen umhangene Neger auf jedem Schritte vor mir sah, sondern nur freie wohlgekleidete Menschen. Noch immer konnte ich die Erinnerung an die Behandlungsweise der Sclaven von Seiten der Herren nicht aus meiner Seele verdrängen; ich sah, wie die Herren Negerfrauen im Beisein ihres Mannes züchtigten, oder wie der Mann während der Procedur hereintrat, um das Mittagsmahl mit seiner Familie zu verzehren, den züchtigenden Herrn ehrerbietig grüßte und gleichgültig that, als ob ihn das nichts angehe. Wie diese Unglücklichen von Afrika aus transportirt werden, will ich nur kurz erwähnen. In den Räumen der Sclavenschiffe sind innerlich Abscheidungen von Brettern, mit nicht mehr Zwischenraum, als daß zwei Personen aufrecht darin stehen können, errichtet. Die Neger werden paarweise mit ihrem Rücken gegeneinander zusammengebunden und zwischen diesen Räumenan die Wände derselben angeschlossen. Aus dieser peinlichen Stellung werden sie während der Reise täglich nur einmal, jedoch nicht mehr als 8–10 Personen auf einmal, und nur auf 5–6 Minuten erlöst.
Ich fand ein Haus, an dessen Thüre ich auf einem Zettel: furnished rooms (meublirte Zimmer) las. Die Wirthin, so wie Alles im Hause deutete auf Reinlichkeit, nichts Archenähnliches war an dem mir offerirten Zimmer zu bemerken. Meine vis a vis waren friedliebende, gar nicht neugierige Menschen, die mich auf keine Weise geniren konnten, ja um alle weltliche Dinge sich nicht mehr kümmerten, weil sie alle auf dem mit Blumen und Bäumen geschmückten Kirchhofe wohnten. Sofort miethete ich dieses Zimmer und befand mich sehr wohl in demselben. Dann suchte ich wieder mein französisches Boarding-Haus zum Speisen, da ich mir in Philadelphia wegen der Unpäßlichkeit die Hungerkur auferlegt hatte. Auf die Frage der freundlichen Wirthin, wie mir ihre Küche munde, erwiederte ich: nach einer mit Oel gesalbten Küche, deren ich in Havana so viele Monate hindurch unterworfen war, fühlt sich mein Gaumen höchst geschmeichelt. Ein Schweizer meinte, daß es in der That in Havana höchst schlecht sein müsse, wenn es ein Berliner schlecht finde, denn nach seiner Ueberzeugung lebe man in Berlin sehr schlecht; er versicherte, er habe in den Gasthöfen erster Klasse daselbst für zwei Thaler das Couvert auf seinem Zimmer servirt, abominable gegessen. Ich vertheidigte meine Mitbürger aufs eifrigste, war aber nicht im Stande, ihn zu einer bessern Ueberzeugung zu bringen.
Uebrigens war ich gerade zur rechten Zeit hier angekommen, um dem Feste der Gründung der Unabhängigkeit der V. S., welches am vierten July gefeiert werden sollte, mit beizuwohnen. Die Nacht vor dem Geburtstage der Republik wurde mit einer solchen allgemeinen Theilnahme durch das Abbrennen von Feuerwerken, Schießgewehren in allen Straßen kund gethan, daß mir kein anderer Wunsch übrig blieb als der, daß die Lustigen auch an andere Leute denken möchten, die wegen dieses Getöses beinahe die ganze Nacht nicht schlafen konnten. Es ging ununterbrochen fort bis um acht Uhr des Morgens, zu welcher Zeit die verschiedenen Armee-Abtheilungen, alle neu uniformirt, mit Feldmusik und Trommeln sich dem Demokraten-Könige, der an diesem Tage eintreffen sollte, in aller Pracht zeigen wollten. Es wimmelte in Broadway von Militair, welches nach dem Paradeplatz an der Batterie marschirte. Da jedes Revier eine eigene Compagnie bildet, und sich jede derselben nach ihrer eigenen Bestimmung kleidet, weshalb nun alle mit einander wetteifern, in prachtvoller Ausstattung, so kann der Leser leicht denken, daß diese ganz glänzend sein mußte; — besonders zeichnete sich der Generalstab und die Spielleute, deren jede Compagnie ihre eigene hat, in dieser Hinsicht aus. Hierbei konnte man bemerken, daß zur Verherrlichung jedes Festes Militair Bedürfniß ist. Die Anzahl der Generäle und Adjutanten in ihren prachtvollen Uniformen, welche größtentheils Schimmel, die Lieblingsfarbe der Amerikaner an Pferden, ritten, war sehr beträchtlich und kam mir weit größer vor, als die in den großen Armeen großer Mächte.
Um etwa 12 Uhr verkündete der Kanonendonner die Landung des mit 40,000 Piaster besoldeten Regenten; er wird die Truppen mustern, hieß es, und dann seinen Einzug halten. Von meinem Zimmer aus beobachtete ich ganz ruhig die Sache; ich zählte über 2000 Militairs, die in einer Linie vor dem Präsidenten her zogen. Jetzt erschien derselbe mit entblößtem Haupte, welches er bei dem jedesmaligen Hurrahruf rechts und links neigte. An den Präsidenten schlossen sich sämmtliche Magistrats-Personen in schwarzer Kleidung an, mit sehr langen Pergamentrollen in der Rechten; hierauf folgten 100 berittene Bürger und der Generalstab. Weder Constabler noch sonstige Polizei-Beamte waren zur Aufrechthaltung der Ordnung bemerkbar; und dennoch sah man unter einer Masse von 200,000 Menschen, die sich in dieser Straße bewegten, eine exemplarische Ordnung. Als Militairs zeichneten sich in dem Zuge die Deutsche und Irländische Compagnie, so wie auch ein Veteran aus, der den Befreiungskrieg mitgemacht hatte.
Da in keinem Lande dergleichen große Feste, ohne daß das Leben einiger Individuen geopfert wird, ablaufen, so stand es nicht zu erwarten, daß dies Fest in diesem Lande, woselbst die Menschen den gefährlichsten Elementen, Feuer und Wasser mit einer gewissen Frechheit die Stirn bieten, eine Ausnahme von der Regel machen würde. Die Decke eines Dampfschiffes (die Dampfschiffe dieser Art zum Vergnügen haben außer dem gewöhnlichen Verdeck noch ein höheres auf Säulen ruhendes, Decke genannt) hatte wohl 1000 Menschen mehr aufgenommen, als die Stärke derselben erlaubte; sie stürzte ein und 10 Personen kamen ums Leben. Durch Zerspringen von einem der Kessel der Locomotiven, so wie auch durch die Anwendung der Schießgewehre von Knaben, verunglückten mehrere Menschenleben. Nur die Kinder sämmtlicher hiesigen Schulen, zwischen 15–20,000, welche, um dem Präsidenten ihr Compliment zu machen, nach einer kleinen Stadt gebracht worden waren, kamen wohlbehalten nach New-York zurück.
An diesem Abend gab sich Jeder dem Vergnügen hin; es ward viel Champagner in der That, und in der Idee getrunken und mit Bank-Noten baar bezahlt. (?) Auf den Hauptplätzen (als: Park, Batterie-Platz) u. s. w. waren, wie auf unsern Messen, Buden errichtet, in denen viel Leben war; jene Plätze waren mit Feuerwerken und Schießlustigen überfüllt, die sich gegenseitig neckten; esging so weit, daß die in den vis a vis gelegenen Gasthöfen Globe und Sans-Souci Logirenden sich aus den Fenstern durch Zuwerfen von Feuerkugeln, Fontainen und Schwärmern dermaßen belustigten, daß in einem Zimmer die Fenstervorhänge schon brannten und beinah ein größeres Feuerwerk entstanden wäre. Im Castle-Garden (Schloßgarten) wurde, wie man mir sagte, ein glänzendes Feuerwerk bei etwa 10,000 Zuschauern abgebrannt.
Nach der Beendigung dieses großen Festes besuchte ich den Advokaten Dr. Lord, um Erkundigung einzuziehen, wie weit er in der Prozeß-Angelegenheit gegen die M. und H. gediehen sei, und siehe da! der gute Mann bedauerte, mir sagen zu müssen, daß er sich noch nicht einmal beim Anfang befinde, indem meine Gegner stets Gelegenheit gefunden hätten, die Sache in die Länge zu ziehen; sie hätten die Gründe, weshalb sie die Sache ausgesetzt zu sehen wünschten, beschworen; ihr Anwalt habe überdies, mit Genehmigung des Gerichtshofes, eine Reise nach Europa unternommen, welches dazu beitrage, diese Affaire in die Länge zu ziehen. Er empfahl mir Geduld, die ihm freilich nicht so leicht abgeht, da ich 300 Piaster Vorschuß geleistet habe.
Jetzt begab ich mich zum Commissionair, an welchen ich, wie früher bemerkt, verschiedene Waaren von Havana mit der Ordre geschickt hatte, dieselbe bis zu meinem Dahinkommen liegen zu lassen. Allein die Geduld hatte ihn verlassen, er hatte sie für die Hälfte des Werths verkauft und händigte mir jetzt die Verkaufs-Rechnung ein. Einen zweiten Prozeß mit einem abermaligen Vorschuß von 300 Piaster anzufangen, war schon deshalb nicht räthlich, weilEinProzeß, selbst unter dem mildesten Prozeß-Himmelsstrich wenigstens für mich hinreichend ist; ferner war wegen des heraufziehenden Ungewitters in der New-Yorker Geldwelt ein zweiter Prozeß zu vermeiden. Ueberdies war ich nicht gesonnen, dasGanze den Launen der Advokaten und des Zufalls Preis zu geben, denn wie leicht kann durch eine Zahlungs-Unfähigkeit der Banken, die mir unausbleiblich schien, Alles verloren werden, wenn auch die Sache zu meinen Gunsten entschieden würde? Es blieb mir mithin nichts Anderes übrig, als den Belauf für meine Güter zu nehmen und gegen das Verfahren meines Commissionairs zu protestiren. — Ergo ist in der neuen Welt nur viel zu verlieren, und mit großem Risico wenig zu verdienen.