Einleitung.

Einleitung.

Reisen ist, wie Viele sagen, eine angenehme Sache, weshalb sehr Viele darnach streben. Was man gern thut, dazu findet man denn auch bald Gründe. Demnach wird sich der Leser auch nicht wundern, wenn der Entschluß, eine Reise nach den Vereinigten Staaten und West-Indien zu unternehmen, mir eben keine große Mühe kostete. Ich hatte zwar keinen Spleen zu vertreiben, wie die Engländer, wenn sie auf Reisen gehen; auch waren es gerade nicht Geschäfts-Angelegenheiten, die meine Anwesenheit dort nothwendig machten; und noch weniger verdiene ich es, zu den unruhigen Köpfen gezählt zu werden, denen überall die Welt zu enge ist. Indeß das kaufmännische Geschäftsleben hat ohne Ausnahme etwas Einförmiges, und langweilet am Ende. Waarenhändler (wozu ich nun leider bestimmt war) entdecken jene Mängel weit geschwinder, als Banquiers, Fabrikanten etc. etc. Wie! dachte ich eines Abends, als ich mich in meiner wohleingerichteten Wohnung in mein sehr comfortables Bett niederlegte, sollst du hier sauer werden? Kannst du nicht auf Reisen das Leben besser genießen? Nicht auch dich besser belehren, und Andern nützlicher seyn, als wenn du hier den alten Schlendrian immer von Neuem durcharbeitest? Mußt du denn stehen bleiben auf der Stelle, wohin der Zufall dich geworfen hat? — — Diese und andere Gedanken, die mich oft aufgeregt hatten,gingen mir jetzt so sehr im Kopfe herum, daß ich noch vor dem Einschlafen den Entschluß faßte, baldmöglichst nach dem neuen Welttheil abzureisen.

Mit demselben Gedanken erwachte ich den andern Morgen, und sogleich hätte ich in den Wagen springen mögen. Ich gratulirte mir selbst zu meinem glücklichen Entschluß, und um mir alle Bedenklichkeiten und Rückwege abzuschneiden, theilte ich sofort mehreren Bekannten meinen Entschluß als unumstößlich mit. Nachdem ich mich auf diese Weise selbst gebunden hatte, fühlte ich mich leichter, und heiterer, und eilte jetzt mit raschen Schritten zur Beendigung meiner Angelegenheiten in Berlin. Es währte gar nicht lange und ich saß in der Schnellpost, bot der Königsstraße, der Schloßfreiheit, Berlin und Charlottenburg ein fröhliches Lebewohl, und näherte mich meinem guten altbefreundeten Hamburg. Meine zahlreichen Freunde daselbst wunderten sich nicht wenig, als sie meinen festen Entschluß vernahmen, und meinten, sie würden mich wohl in einigen Monaten von London zurückkommen sehen. Ungefähr acht Tage blieb ich bei denselben, und fand die alten bekannten Müßiggänger (deren Anzahl hier nicht geringer als in Berlin ist) noch in ihrer alten Arbeit (die Zeit todtschlagen) begriffen, d. h. in Hamburg vom Frühstück bis zum Mittagsessen in den Pavillons, vom Mittagsessen bis zum Theater in den Pavillons, und nach dem Theater bis um Mitternacht in den Pavillons zubringen. Nachdem ich sie hinlänglich angestaunt, und mich über ihre Virtuosität im Müßiggang mehr als jemals zuvor gewundert hatte, befiel mich dennoch die Furcht, davon angesteckt zu werden, und beschloß daher, zur Vermeidung dieser Krankheit, mich dem ersten besten Dampfschiff zur Ueberfahrt nach England zu übergeben.

Durch Güte der hamburger Bootsknechte, und unter Mitwirkung einer hinreichenden Anzahl holsteinischerZweidrittelstücke (Gulden) befand ich mich bald in der Cajüte des Huller-DampfschiffsRob-Roy, ein „höchst bequemes, elegantes, auch überaus rasches Schiff,“ wie die Huller Times meint. Allein mir kommt es so vor, als sei der Redacteur dieses Blattes sehr oft verhältnißmäßig rascher in seinen Urtheilen, wie jenes Dampfschiff auf seinen Fahrten, denn es bewegte sich so langsam fort, daß ich über alle Erwartung spät, und in England viel zu spät ankam, um meine Reise, wie ich berechnet hatte, in der Great Western nach New-York fortsetzen zu können. Sollten die Maschinen vielleicht irrthümlicher Weise den Herrn Redacteur der Times im Schiff vermuthet haben, und, um demselben Zeit zum Nachdenken zu geben, in mäßiger Bewegung geblieben sein? In diesem Falle wäre es für die Passagiere höchst wünschenswerth, daß der Herr Redacteur die Maschinen jenes Schiffs kaufen und sie in seinem Arbeitszimmer aufstellen möchte. — Mir blieb jetzt nichts Anderes übrig, als mit einem noch weit langsameren Dampfschiff von Hull nach London zu reisen, um von dort meine Reise in einem Paquetboot fortzusetzen.

Die Reise nach London bot wenig Bemerkenswerthes dar, die Gesellschaft — inclusive der vielen Schafe die von Hull nach London zur Schlachtbank geführt wurden, — bot auch keinen Stoff zur Unterhaltung dar, und ich behielt Zeit, über die Ausführung meines Reisezweckes nachzudenken, welcher hauptsächlich darauf hinausging, mich der europäischen merkantilischen Welt durch mein Wirken in der neuen Welt eben so nützlich zu machen, als ich, meinen geringen Kräften nach, durch Anordnung beim Expediren ausländischer Waaren an ausländische Kaufleute auf den Meßplätzen für die deutschen Zollverband-Staaten geworden war. Die Zeit verstrich rasch; bald sah ich Londons Zollhaus vor mir, und bald darauf fand ich mich in London wegen der Fortsetzung meiner Reise beschäftigt.

„Für 43 L. Sterl.“ sagte Jemand, „können Sie auf dem Königlichen Post-Paquet die Ueberfahrt nach Havanna mitmachen, wobei Sie jedoch für Bett und Proviant selbst sorgen müssen.“ Für die Planke erschien mir der Preis zu hoch; ich ging deshalb nach den West-Indischen Docks, woselbst ich das PaquetschiffQuebecksegelfertig antraf. Der dienstfertige Capitain forderte 36 L. 15 Sh. inclusive der Lebensmittel, und gab mir nur eine Stunde Bedenkzeit, wenn ich das letzte vorräthige Bett haben wollte. Sofort schloß ich den Handel, und zahlte 16 L. Sterl. à Conto. Die Abreise erfolgte zur bestimmten Stunde, und ein Dampfschiff stand bereit, unser Schiff in’s Schlepptau zu nehmen und es nach Gravesand hinüber zu bringen. Das Wetter war ausgezeichnet schön, was nicht wenig dazu beitrug, mich zu erheitern, denn meine Gemüthsstimmung war durch Verhältnisse, die ich bald an einem andern Ort zu erzählen Gelegenheit haben werde, fürchterlich, jedoch, wie schon bemerkt, keineswegs durch den Spleen. Außer der Cajüten-Gesellschaft waren noch etwa 130 bis 150 Auswanderer meine Reisegefährten. Um den vom Capitain mir zugetheilten Schlaf-Cameraden kennen zu lernen, ging ich jetzt die steile Cajüten-Treppe hinunter. Wie erstaunte ich, als ich das bedungene Bett anderweitig vermiethet, und mich in ein weit kleineres Gemach, nahe der Treppe, verwiesen fand. Der mir zugetheilte Schlaf-Camerad war ein schmutziger Schottländer, der auf eine nicht sehr ergötzliche Weise ein Falset und durch die Nase sprach; er hatte schon acht Tage vor der Abreise am Bord logirt, und das bessere Bett eingenommen. Ich wollte mich beim Capitain beschweren, allein — er war in London, und mir blieb daher nichts übrig, als den Schottländer im Diskant als meinen Schlaf-Cameraden aufzunehmen. Er war in jeder Hinsicht schmutzig, ja der schmutzigste aller Schmutzigen, welche ich auf meinen vielen Reisen kennen gelernt habe.

Bis nach Gravesand begleiteten uns viele Spekulanten mit Proviant allerlei Art; sie fanden, wie es mir schien, ihre Rechnung, indem sie Vieles an die Auswanderer absetzten. Von Gravesand kamen wir nach einer Fahrt von drei Tagen vor Portsmouth an. Der Capitain, der sich einfand, lud sämmtliche Passagiere ein, mit ihm Portsmouth zu besuchen, da wir vor unserer Abfahrt erst bessern Wind abwarten müßten. Nur eine Dame verließ das Schiff, eine Dame, die aus keinem andern Grunde nach Portsmouth mitgereist war, als um durch eine Seekrankheit — der Leser rathe — ihre Schönheit zu restauriren. O Schönheit! Welche Macht übt nur der Gedanke an dich über das schöne Geschlecht aus! Wenn dieses seltsame Schönheitsmittel die erwartete Wirkung nicht verfehlt, so kann die Dame Londons Venus geworden sein, und es dürfte in Folge dessen vielleicht sehr bald an Schiffen für Geschäftsreisende fehlen, denn sie bekam in der That von der Seekrankheit eine gute Dosis, und befand sich während der ganzen Reise in einem beklagenswerthen Zustande.

Schon warten wir bereits vier Tage auf bessern Wind; der Capitain versorgt sein Schiff mit Proviant jeder Art. Unter und mit den vielen Schafen, die derselbe an Bord schickte, erschien auch ein — Constabler, mit dem Auftrage, eine aus London entflohene Ehegattin, welche aus des Gemahls Geldkiste 40 L. Sterl. mitgenommen hatte, in dessen Arme zurückzuführen. Der Capitain stellte es dem Polizeidiener frei, jeden der Passagiere nach Belieben zu arretiren. Eine herrliche Finanz-Operation für den Paquetboots-Verein, indem die Passagiere sammt und sonders ihre Passage bezahlt hatten. Der Beamte kann die gesuchte Person, ungeachtet er von derselben bis zum Kutter begleitet wird, nicht vorfinden; sie sagt ihm ein herzliches Lebewohl und vielleicht noch im Stillen mitDon Juan: „Sagen Sie Ihrer Behörde, daß sie in Zukunft nicht solchen Esel schicke.“

Noch ein kleines Abenteuer will ich erzählen, um den Lesern, die in einen ähnlichen Fall kommen, Vorsicht zu empfehlen. Es war bereits der zehnte Tag, daß wir London verlassen hatten; meine Geduld war bald erschöpft, ich nahm daher jetzt die Einladung des Capitains an, mit ihm und noch einigen anderen Passagieren nach Portsmouth zu fahren. Ich kaufte daselbst mehreres ein, da ich aber Portsmouth langweilig finde, und in keinem von allen Wirthshäusern ein Bett für mich finden kann, so beschließe ich, auf das Schiff, welches etwa vier Seemeilen entfernt lag, zurückzukehren. Es ist sehr finster, das Meer tobt, und bald bin ich von den Wellen durchnäßt.

Wir fahren in der Dunkelheit immer fort, können jedoch das Schiff nicht finden; über eine Stunde müssen die braven Bootsleute suchen, ehe wir es finden. Und nun wieder eine neue Verlegenheit! Das kleine Boot wird dermaßen von den Wellen geworfen, daß mir das Erklimmen der Strickleiter unmöglich wird. Wir rufen, wir schreien um Beistand, Niemand hört uns. Erst nach einer großen gemeinschaftlichen Anstrengung gelang es mir, hinauf zu kommen. Die Passagiere waren nicht wenig überrascht, als sie mich in dieser Dunkelheit ankommen sahen. Der mitreisende Dr.Morganbesonders machte mich auf die bei dieser Fahrt stattgefundene dreifache Gefahr aufmerksam, der ich mich ausgesetzt hatte: 1. Bei diesen tobenden Wellen in einem kleinen Boot zu fahren; 2. hinsichtlich der Mordlust von Seiten der Bootsknechte, welche schon, um zehn Schilling Sterling zu erbeuten, Reisende ins Meer gestürzt haben; 3. die Gefahr beim Ersteigen des Schiffs. Ich dankte nach dieser Auseinandersetzung meinem Schöpfer im Stillen, der Gefahr entwischt zu sein, kleidete mich um, und ließ mir vomSteward ein Glas heißen Punsch zubereiten, ein bei solchen Gelegenheiten willkommener nützlicher Freund.

Am folgenden Morgen, nachdem wir noch mehreres frisches Wasser eingenommen hatten, gingen wir unter Segel. Jetzt nun, da wir endlich mit günstigem Winde auf dem Meere sind, wird es Zeit sein, die Reisegesellschaft etwas näher zu betrachten. Wenn ich sage, daß sämmtliche Mitreisende, mit Ausnahme eines Italieners, Engländer waren, so werden die geehrten Leser schon den Mangel an Unterhaltungs-Stoff begreiflich finden.

Die Krone der Gesellschaft war der Director des National-Theaters in New-York, der eben mit neuangeworbenen Subjekten (zu welchen auch der Italiener gehörte) zurückkehrte. Es war ein sehr unterrichteter Mann und höchst angenehmer Gesellschafter — jedoch nur dann, wenn er nicht an sein Unternehmen dachte. Er klagte sehr häufig über unruhige Nächte, und zeigte mir sogar eines Morgens eine Masse von Contracten, die er mit den engagirten Mitgliedern abgeschlossen hatte, mit den Worten: „solcher Packen kann wohl zu unruhigen Nächten beitragen.“ Seine beiden Söhne (die er bei sich hatte) waren so eben aus der Schule entlassen worden; der älteste, obgleich ohne Stimme, zeigte viel Neigung für Gesang, und suchte mit einem verstimmten Instrumente die Mängel seiner eigenen Stimme zu bemänteln; er gefiel daher sich selbst weit mehr, wie den mitreisenden Frauen. Beide, der ältere und der jüngere Sohn, waren Günstlinge eines jungen Mädchens, der Tochter eines Malers. In pecuniärer Beziehung wurde von den Schauspielern und den übrigen ein Zucker-Fabrikant verehrt, der früher in Amerika gewohnt hatte, jenes Land aber vor etwa 30 Jahren, um der Strafe wegen einer begangenen Schmuggelei zu entgehen, bei Nacht und Nebel verlassen mußte. Sein in Amerika wohnender Sohn hatte Gnade für ihn ausgewirkt, und er kehrte jetzt mit seinem Hab und Gutzurück; auch hatte er mehrere deutsche Arbeiter, denen er in der Fabrik Arbeit zu geben versprach, auf ihre eigenen Kosten zum Mitreisen bewogen. Dieser Mann dünkte sich ein Krösus zu sein, wofür ich ihn jedoch, auch in Hinsicht seines Verstandes, nicht passiren lassen konnte. Um sich bei der Gesellschaft in Respect zu setzen, mußte der Thee oder Caffee in aller Frühe für ihn in seinem silbernen Geräthe aufgetragen werden, und er lud auch wohl den einen oder andern aus der Gesellschaft zum Frühstück ein, welches die großen Kosten für ihn verursachte, daß die Getränke ausseinensilbernen Geschirren, jedoch in die dem Schiff Quebeck zugehörigen Tassen, auf Unkosten des Capitains — flossen. Er war angewiesen, seinen eigenen Wein zu trinken und hatte eine Sorte Teneriffa-Wein, dem Grüneberger an Säure gleich. Unter dem Namen weißer Madeira offerirte er hin und wieder ein Glas einem aus der Gesellschaft. Auch mir wurde diese Ehre zu Theil, und als er mein Urtheil über die Qualität forderte, worauf ich freimüthig erwiederte, daß ich diesen nicht für die beste Sorte von Teneriffa-Weinen halte, so soll er, wie der Director mir erzählte, mich für wahnsinnig erklärt haben. Einer von seinen Arbeitern mußte als Aufwärter für die besten Bissen aus den Schüsseln sorgen. Fiel diese Auswahl nicht aus, wie der Herr Zucker-Fabrikant es erwartet hatte, so war der Aufwärter angewiesen, die Schüssel dem Vorschneider wegzunehmen, und sie seinem Herrn vorzusetzen.

Der bereits erwähnte Maler war zu der Zeit der Krönung der Königin nach London gereist, um ein treffendes Bild derselben für Amerika zu gewinnen, und hatte, wie er behauptete, seinen Zweck über Erwarten erreicht. Die Königin, versicherte er, habe die Gnade gehabt, seiner Tochter den Purpur zum Anlegen herzugeben. Die Königin sei stets zugegen gewesen, um die sitzende Tochter auf ihre (der Königin) eigenthümlichen Attitüden aufmerksam zu machen — wodurch er denn das korrekteste Bild zu erzeugen im Stande war. Der Herr Maler leerte übrigens, wie alle Genies und Künstler, sein Gläschen, so oft er es gefüllt vor sich stehen sah; daß es unter diesen Umständen wenig volle Flaschen gab, ist leicht zu ermessen.

Der Italiener B... war seit dem Jahre 1811 erster Buffo bei der italienischen Oper in London gewesen, er verläßt die alte Welt aus Verzweiflung, weil sein Talent durchLablachein Schatten gestellt war. „Meine Superiorität“ sprach er „ist anerkannt; durch MadameCatalanianerkannt; sagte doch die große Sängerin im Jahre 1816 zu mir: Herr B... Sie sind der erste Figaro, und werden es stets sein!“ Seiner Ungestalt ungeachtet, (denn seine Figur war die eines Schlächters, oder Brauerknechts) wollte er, dem Ausspruch jener gefeierten Künstlerin zufolge, ein niedlicher Figaro sein. In allem dünkte er sich vollkommen: wenn er Whist spielte und, seines schlechten Spiels wegen, verlor, so offerirte er seinen Gegnern eine Parthie um eine sehr hohe Summe, und triumphirte, wenn es nicht acceptirt wurde, mit den Worten: „Sie fürchten mich, weil sie meine Superiorität kennen.“ Standen mehrere des Abends in Mäntel gehüllt auf dem Verdeck, so warf er auch rasch den seinigen über, stellte sich jenen gegenüber, und sagte leise zu mir: „Nun sehen Sie meine Stellung im Mantel, im Vergleich zu den gegenüberstehenden Philistern!“ Die See fürchtete er dermaßen, daß er jede Nacht auf dem Verdeck zubrachte, um bei entstehender Gefahr der Erste im Rettungsboot sein zu können. Sehr spaßhaft war er in den Morgenstunden gekleidet. Man denke sich eine ungeheure Figur in einem sehr langen und weiten, vielfarbig-türkischen Schlafrock, durch einen sehr breiten Gürtel am Unterleibe befestiget; ferner drei von den grellfarbigsten seidenen Tüchern, nachlässig alsHalsbinden mit den langen Zipfeln auf der Brust hängend, den Kopf mit einem schwarz-seidenen Baret bedeckt; ferner an jedem seiner dicken Finger zwei oder drei Ringe von Edelstein, Granaten etc., deren Glanz jedoch durch den Glanz des Fetts, welches gewöhnlich an seinen Fingern klebte, sehr verdunkelt wurde. Er bediente sich nie des Messers und der Gabel, und da es keine Servietten gab, so folgte er dem Beispiel der Bären und säuberte seine Finger im Munde. Es war nichts Seltenes, daß er sich eine ovale Schüssel mit 8 bis 10 Cotelettes vorsetzen ließ, und zum Frühstück allein verzehrte. Nach beendigtem Frühstück ging er sogleich zu Bett. Im Trinken dagegen suchte mein Schlaf-Camerad, der schmutzige Schottländer, alles Mögliche zu leisten, wahrscheinlich, weil er früher in den Vereinigten Staaten, woselbst er ein Detail-Geschäft führte, hierin nicht viel gethan haben mochte. Da der Wein im Passagiergelde mit einbegriffen ist, so war er zu jeder Tageszeit zum Trinken bereit, und schien, wo möglich, für einige Jahre voraus trinken zu wollen.

Ein ähnliches Subjekt, wie jener Schottländer, war ein Mützenhändler, der mit einem Lager seiner Waaren nach Canada eilte; weil die Bewohner jener Kolonie sich auf die Köpfe stellten, glaubte er, ein bedeutendes Geschäft dort machen zu können; wenn er indeß im Handel eben so dumm war, als in der Conversation, so dürfte er wohl ohne Mützen, aber auch ohne Schuhe nach Europa zurückkehren.

Ein junger Amerikaner, Sohn eines Gutsbesitzers, kehrte von seinen Reisen in Europa zurück. Er hatte, wie er versicherte, in Zeit von drei Monaten einen großen Theil Frankreichs, die Niederlande und den Rhein bereist; er brachte als Documente dafür Französische Handschuhe, Brüsseler Kanten und ein Faß Laubenheimer mit, und schlief fast den ganzen Tag auf seinen Lorbeeren.

Ein für das National-Theater engagirter Violinspieler reiste mit seiner unpäßlichen, starken brannt- und portweinsüchtigen Frau und einem allerliebsten muntern Knaben, der sich so an mich attachirt hatte, daß er fast nicht von meiner Seite kam. — Ein Staatsbeamter aus Canada kehrte mit Depeschen fürLord Durhamzurück. Mit Ausnahme der recht liebenswürdigen Tochter des Malers, bestand das weibliche Personal aus Frauen von Schiffs-Capitainen, die, in jüngern Jahren von England entführt, jetzt nach 20 Jahren einmal ihre Verwandten besucht hatten; der Zahn der Zeit, welcher Alles erreicht, hatte auch an ihnen bedeutend genagt.

Von dem Dr. und dessen Bruder, einem Schiffs-Capitain, ist nicht viel zu sagen, als daß der Letztere von seinem heftigen Wein- und Branntwein-Durst nur dadurch geheilt werden konnte, daß unser Schiffs-Capitain Geld dafür forderte. Dieser selbst war ein nicht sehr gebildeter, aber erträglicher Mensch, äußerst lustig, so daß es oft Scenen gab, und so lachlustig, daß er wohl dreißigmal lachte, ehe ereinmalsprach.

Dieses waren die Häupter und Matadore unserer Gesellschaft, die ich dem geneigten, nicht auf der See gereisten Leser nur darum so ausführlich beschrieben habe, damit er wisse, was er auf einem Schiffe zu erwarten habe. Wer gern a son aise, und comfortable lebt, muß an keine Seereise denken. Hiervon sind freilich die Dampfschiffe Brittish Queen und Great Western ausgenommen, allein hier ist die Feuersgefahr, welche durch das beständige Heizen, und die dadurch verursachte Gluth in den Schornsteinen entstehet, für jeden Beobachter abschreckend, und realisirt sich weit häufiger, als das Zerspringen des Kessels oder andere Unglücksfälle auf der See.

Die Unterhaltung war, wie man sich leicht denken kann, sehr mittelmäßig. Das Haupt-Thema der Unterhaltung war, wie immer, die Vorzüge, der Reichthum, das Vielwissen der Engländer. Nur der Schauspiel-Director und ich banden wohl miteinander an, und da setzte es von beiden Seiten Hiebe; ohne ihn und den Staatsbeamten aus Canada wäre mir die Reise noch viel langweiliger gewesen. Der Wind war uns ganz entgegen, so daß wir mehrere hundert Meilen außer den Cours geriethen, und näher bei New-Foundland ankamen, als bei New-York. Wir erreichten jetzt die Bank, etwa 1100 Seemeilen von New-York.

Da die Vorräthe unsres Proviants sich ihrem Ende näherten, und die Portionen kleiner wurden, so war es uns sehr erwünscht, daß wir auf eine von den vielen hier stationirten Fischer-Briggs trafen, von welcher unser Capitain sechzig sehr große Fische für 2½ Dollar erhandelte. Nach der Erzählung der Schiffer, die sie abholten, hatte jene Brigg in einer Zeit von 6 Wochen, von New-York hierher segelnd, gegen 10,000 von den großen Fischen gefangen. Uebrigens hatte ich wenig Genuß von diesem Einkauf, da ich durch folgendes unglückliche Ereigniß auf das Krankenlager geworfen wurde. Der kleine, liebe Knabe des Musikers, den ich auf seinen dringenden Wunsch auf das Bett im Rauchzimmer gebracht hatte, war dort eingeschlafen; denn die portweinkranke Mutter desselben bat mich, ihr Söhnchen herabzutragen, da sie selbst nicht dazu im Stande sei. Nun sind aber diese Cajüten-Treppen äußerst steil, und schon im trockenen Zustande zum Herabsteigen gefährlich; jetzt war sie durch den Nebel noch schlüpfriger geworden; mit Einem Worte, ich stürzte trotz aller Vorsicht die Treppe hinunter, wendete mich aber im Fallen so, daß der Knabe keinen Schaden litt, ich selbst hatte eine Rippe gebrochen. —

Der Dr.Morganwollte mich mit einem Glas heißen Brandy und Water kuriren, welches ich nicht annahm;ich ersuchte ihn öfters und dringend, mir zur Ader zu lassen, welches er seinerseits abschlug. Man denke sich meinen Zustand! Der Steward hatte, um einem Anderen gefällig zu sein, mein Kopfkissen, und eine meiner Matratzen jenem überliefert und ich mußte nun, einem Sträfling gleich, auf Latten liegen, was der gebrochenen Rippe nicht besonders behagte. Die Schmerzen wurden immer heftiger; — der schmutzige Schottländer schlief ruhig unter mir auf seinem guten Bette. Erst beim Frühstück kam meine Lage zur Sprache; der Arzt überzeugte sich jetzt von meinem bedenklichen Zustande, er berathschlagte mit den Andern, und es wurde beschlossen, daß der Diener des Zucker-Fabrikanten sein Zimmer, das er für sich allein hatte, für mich räumen, und dafür mein Bett nehmen sollte — welcher Beschluß dann am Abend endlich durchgesetzt wurde.

Liegen konnte und durfte ich nicht, es wurden daher alle Reisebeutel zu einer — freilich harten — Rückenlehne angewendet, an welche ich, da das Schiff auf längere Zeit auf eine ungestüme Weise von den Wellen geworfen wurde, fortdauernd sehr aufrecht anstieß. Mein Zustand wurde immer schlimmer; Fieber, Kopfweh, und Husten, mit dem stärksten Auswurf begleitet, nahmen stündlich zu. Die sonderbarste Theilnahme hierbei zeigte der Mützenhändler, um Abbitte zu thun, wegen einer ungerechten Behauptung, er wolle das Wissen und Vermögen aller Deutschen in den zwei Taschen seiner Pantalons forttragen; er verlangte, daß ich ihm die Hand reiche und zugleich verspreche, ich wolle keinen Haß gegen ihn mit ins Grab nehmen — was ich denn auch that und ihn beruhigte. — Der kleine Knabe saß fast immer bei mir, und erkundigte sich stets nach meinem Befinden. — Das Krankenlager ist freilich unter allen Umständen eine — unangenehme Gegend, wie der Berliner Trinkkünstler, HerrDrucker, sagt; doppelt und zehnfach wird es dies,wenn der Schlaf, der doch sonst von Zeit zu Zeit die Schmerzen etwas weniger fühlbar macht, durch Sing- und Musik-Proben ganz verscheucht wird, wie es hier der Fall war, so daß ich mich keine Viertelstunde der Ruhe erfreuen durfte.

Am neunten Tage trat für meine Krankheit eine glückliche Krisis durch einen heftigen Schweiß ein. Am folgenden Tage kamen wir bei New-York an; ein Dampfschiff hörte ich, soll von der Stadt kommen, um die Passagiere abzuholen. Welch einen erfreulichen Eindruck dies auf mich machte, vermag ich nicht zu beschreiben. Ich hörte das Hinauf- und auch Hinabsteigen der Passagiere (indem die Treppe über meinem Lager sich befand) sehr deutlich, und jetzt auf einmal einen Fall und allgemeines Wehklagen. Mit großer Mühe erhob ich mich von meinem Lager, und siehe da! der jüngste Sohn des Schauspiel-Directors war es, dem ein ähnliches Schicksal, wie mich, getroffen zu haben schien. Der Vater raufte sich die Haare, die Frauen wurden ohnmächtig; der Gefallene indessen trank aufs zierlichste ein Glas Brandy mit Wasser aus. Unterdessen war das Dampfschiff herangekommen und bald — waren die Meisten fort. Der Knabe befand sich noch an demselben Abend wieder gesund.

Das Schiff Quebeck wurde nach der Abfahrt des Capitains wie gewöhnlich von Lootsen geführt und zwar glücklicher Weise mit großer Vorsicht; fast alle anderen Schiffe wurden in jener Nacht entmastet, und gegen 30 große Schiffe fanden wir am folgenden Morgen auf den Strand getrieben. Der Capitain, der um Mittag mit einem Steuer-Beamten zur Revision unserer Effecten auf einem Dampfschiffe ankam, erzählte, daß er die letzte Nacht in den größten Sorgen, fast schlaflos zugebracht habe. Ehe wir nach New-York abfahren, muß ich noch die Revision durch den Quarantaine-Arzt erwähnen, dieauf folgende Weise geschieht. Sämmtliche Personen auf einem Haufen versammelt, werden mit einer Barriere von Tauen umgeben; einzeln werden sie jetzt von dem Doctor und seinem Gehülfen aus dem Haufen gelassen, der Arzt sieht jeden genau an, und im Fall, daß Jemand den Kopf hängen läßt, wird kommandirt: Kopf in die Höhe! Und eben so muß Jeder die Stirn beim Gehülfen passiren. Die Quarantaine-Anstalt ist in den V. S. ganz vortrefflich, aber freilich für das Land von großer Bedeutung. Der Steuerbeamte revidirte alle Gegenstände mit großer Loyalität und fand nichts Verdächtiges, als einige blecherne Kochgeschirre bei dem schmutzigen Schottländer, worüber man sich jedoch verständigte.

Das Wetter war herrlich, so schön, wie es in Deutschland nur im Monat Juni sein mag. Nach Verlauf von etwa einer Stunde langten wir in New-York an. Hier findet man nicht wie in England, oder Hamburg am Ufer eine Menge dienstbarer Geister zum Fortschaffen der Sachen. Zwar standen mehrere einspännige Karren am Ufer des Stroms, aber Niemand meldete sich; keiner von diesen freien Menschen will sich gern zum Diener hergeben, sie wollen besonders aufgefordert sein zu einer Dienstleistung.

Auf Anrathen einer der Frauen der Schiffs-Capitaine kehrte ich in Beverley-House (broadway) ein; ein Zimmer konnte mir vorläufig nicht angewiesen werden, weilalle besetzt waren. Das Erste, was mir auffiel, war das Signal zum Mittagsessen, welches auf einer rauhen Metall-Platte mit einem solchen Getöse gegeben wurde, daß alle meine Nerven erzitterten. Bald war auch denn auf dem Hausflur ein Publicum versammelt, welches man für eine Börsenversammlung hätte ansehen können. Die Speise-Charte war brillant, obgleich nicht für mich, denn etwas Suppe war Alles, was ich genießen konnte, wofür jedoch der Wirth 1½ Piaster einstrich. (Ein Piaster beträgt in unserm Gelde 43 Silbergroschen.) Sogleich nach Tische suchte ich meinen Correspondenten Herrn P... auf, der bereits ein Zimmer für mich gemiethet hatte, und der auch so gefällig war, mir bald einen Arzt zuzuschicken. Dieser Arzt, ein Deutscher, ein theilnehmender junger Mann, fand mich, was ich freilich selbst am besten fühlte, ernsthaft krank. Ein Aderlaß gleich nach dem Fall, behauptete er, würde von den meisten Leiden mich befreit haben. Jetzt aber nahm Husten und Auswurf mit jedem Tage zu, so daß ich die Gestalt einer Mumie bekam, und mit jedem Tage meinem Grabe näher zu rücken schien. Ich gebrauchte Medicamente auf Medicamente, ohne sonderliche Besserung. Ein sehr warmes Bad, welches ich eines Tages auf mein eigenes Risico nahm, that mir wesentliche Dienste, ich wurde durch fortgesetztes Baden mit jedem Tage besser, konnte jedoch den Husten nicht los werden. „Sie müssen das Klima verändern“ sagte zuletzt der Arzt zu mir, „sonst fürchte ich das Schlimmste für Sie; in Havana, das glauben Sie mir, werden Sie bald von Ihrem Uebel befreit sein.“ Gern hätte ich seinen Rath sogleich befolgt, allein das Wetter und andere zufällige Umstände verzögerten die Abreise. Mit regem Geist sah ich meine gewohnte Thätigkeit gefesselt, indessen war mir mein einsames Zimmer doch tausend Mal lieber, als die Schiffs-Cajüte auf dem Quebeck, wo ich zudem beständig die Lobpreisungen der Engländer von Engländernanhören mußte. Ich hatte jetzt Zeit, meine Betrachtungen über diesen Gegenstand zusammenzufassen, und das Resultat war folgendes:

Die Engländer sind das reichste Volk — an Eigendünkel sowohl, wie an Geld; sie halten sich wegen des letztern für das klügste, vornehmste, erste Volk auf dem Erdball. Es ist wahr, sie sind im Technischen am weitesten, aber warum? weil Frankreich und Deutschland, mit andern Dingen beschäftigt, sich wenig um die praktische Technik bekümmert haben. Lasset diese, wie es jetzt geschieht, auch allmählig hieran Theil nehmen, und wir wollen sehen, wie lange sie die ersten bleiben. Die von Napoleon den Engländern beigebrachte Wunde ist nach meiner Ueberzeugung unheilbar. Wie sehr sie auch prahlen, so büßen sie doch jeden Tag mehr von ihrem Handel ein; ihr Gewicht in der politischen, so wie in der Fabrikwelt, wird immer geringer, und wird, wenn wir 30 - 40 Jahre Frieden behalten, immer mehr sinken, indem Preußen, vermöge Dinte, Feder und Papier zerstörender für das englische Volk gewirkt hat, als Napoleon mit allem Geschütz zu wirken vermochte. Großbrittanien, und alle englischen Colonieen zusammengenommen erfreuen sich einer nicht viel geringern Bevölkerung als die des großen russischen Reichs; dieses bestehet aber durch sich selbst, in Hinsicht auf Ackerbau, Fabrikation, und Handel; England aber will für sämmtliche Bewohner der Welt (wovon dessen eigene Bevölkerung noch nicht den1⁄50Theil ausmacht) fabriciren und Handel treiben, obgleich die andern Völker dazu doch meistens eben so fähig sind, welches die Engländer nicht begreifen können. Ist das nicht absurd? Wird das nicht immer mehr aufhören? England kann eben so wohl wie Rußland durch Ackerbau und Fabrikation für sich bestehen. Man versetze Leute von den Spinn- und Webestühlen an den Pflug und die Egge, damit für die enorme Anzahl des englischenVolkes das allernöthigste Product, Korn — in hinreichender Menge erzeugt wird; und die Wunde, welche (wie jetzt Handel und Gewerbe sich gestellt haben) unheilbar scheint, weniger fühlbar werde für die Armen und Hungrigen in den vereinigten drei Königreichen. So gut wie die vielen Joint Stock-Banks, und Banking Compagnieen zur Ausdehnung des Fabrikgeschäfts in England dienten, in demselben Grad müssen sie jetzt den Untergang vieler Fabriken (nachdem in allen Ländern fabricirt wird) herbeiführen, wenn die Bank von England fortfahren sollte, jeden von jenen Banken gerirten Wechsel für 3½ Procent Zinsen zu discontiren. Denn die Fabrikanten fertigen, ohne die Consumtion zu berechnen, ungeheure Massen von Waaren an, und die Amerikanischen Waarenhändler kaufen sie mit demselben Leichtsinn, ohne zuvor über die Möglichkeit des Absatzes nachzudenken. Die Bank von England mußte daher unbedingt zu denselben Maßregeln schreiten, welche der Präsident der V. S., um das Land gegen eine Ueberschwemmung von englischen Manufactur-Waaren zu schützen, adoptirte, d. h. den Credit für Fabrikanten einschränken. Für welches von beiden Ländern diese Maßregeln schädlicher sich zeigen werden, davon wird später die Rede sein, wenn wir mehrere Thatsachen genau kennen gelernt haben.

Von England nur will ich noch bemerken, daß seine Reßourcen, die hauptsächlich in Fabriken und Maschinen liegen, immer mehr versiegen. In den frühern Zeiten lieferte für England eine Tonne Kohlen, wenn sie zur Fabrikation verbraucht wurde, einen Klumpen Goldes; es war daher nicht fühlbar, wenn damals (wie jetzt) Bedürfnisse an Holz, Flachs, Hanf, Wolle, Talg, Pottasche, Häute, Taback, Korn, Weine, Borsten, Wachs, Oele, Lumpen etc. mit baarem Gelde bezahlt wurden, indem die ausgegangenen Summen unbedingt wieder eingehen mußten. Allein jetzt, da jedes Land mehr und mehrfür seine Manufactur- und Fabrik-Bedürfnisse selbst sorgt, England dagegen alle oben angeführten Artikel einführen und baar bezahlen muß, jetzt muß wohl die Regierung, welche die ganze Baarschaft der vereinigten Königreiche auf nicht mehr als höchstens drei und zwanzig Millionen Pfund berechnen kann, dem Abfluß des baaren Geldes aus dem Lande entgegenarbeiten, wenn die Nation nicht das Schicksal aller früheren Handelsnationen — d. h. baldigen Untergang theilen soll. Daher ist die von der englischen Bank (Bank of England) ergriffene Maßregel zu loben, der übermäßigen Fabrikation wird hierdurch Einhalt gethan, und alle Fabrikanten in allen Ländern werden sich bei dieser Maßregel besser befinden, weil der Waarenüberfluß dadurch aufhören wird, und Verkäufe zu bessern Preisen gemacht werden können.

Diese und andere Bemerkungen schrieb ich während der kalten und nassen Tage nieder, da ich das Zimmer hüten mußte. Meine Abreise nach Westindien wurde verzögert, indem das SchiffNorma, womit ich fahren wollte, noch nicht geladen hatte. Während dieser Zeit hatte ich eine Angelegenheit mit Amerikanischen Advokaten, die der Leser bei dieser Gelegenheit genau kennen lernen wird. Ich suchte auf Empfehlung meines Freundes P... einen Advokaten, Herrn J...... auf, damit er mir in den Besitz von 180 L. St. verhelfen möchte, welche mir ein New-Yorker Handlungshaus M.... und H..... bei einer Abrechnung gekürzt hatte. Der Advokat findet nach Durchsicht meiner Papiere meine Forderung rechtmäßig, lehnt es jedoch ab, etwas gegen diese Leute, deren Anwalt er sei, zu unternehmen, verspricht dagegen, die Zahlung in Güte für mich auszuwirken, und mir binnen zwei Tagen darüber zu berichten. Indessen der Bericht erfolgt nicht, und ich muß mich nach einem andern Advokaten umsehen. In den Zeitungen finde ich, daß ein gewisser L.... bei einer Prozeßsache gegen eine Versicherungs-Gesellschaft sich tüchtig und trefflich gezeigt hat; ich begebe mich sogleich zu ihm. Der Doctor, dessen Aeusseres einen gewandten und denkenden Rechtsgelehrten verrieth, gab mir sogleich nach meiner Eröffnung die Papiere zurück, da er der Anwalt meiner Opponenten sei. Nachdem ich meine Verwunderung bezeigt hatte, daß mich das Schicksal treffe, nur zu Anwalten meiner Gegner zu kommen, und ihm das Ergebniß der Conferenz mit dem Advokaten J...... mitgetheilt hatte, fand er sich bereit, sich meiner Sache anzunehmen, nur mußte ich zuvor die Correspondenz, und alle Documente, welche in deutscher Sprache geschrieben waren, ins Englische übersetzen. Da meine physischen Kräfte zu dieser Arbeit nicht hinreichten, so ersuchte ich meinen Arzt, mir einen jungen Menschen zu recommandiren. Dieser war denn auch so gütig, mir einen solchen zuzuschicken, der die Arbeit in kurzer Zeit beendete. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß man in New-York mit Regenschirmen sehr vorsichtig sein müsse, denn der junge Mann, dem ich den meinigen ganz neuen von 1 L. St. — Werth geborgt hatte, brachte mir denselben nicht wieder, und als ich hierüber dem Arzt mein Befremden äußerte, entgegnete derselbe: „Regenschirme haben in diesem Lande keine Eigenthümer, jeder hilft sich mit diesem Artikel so gut wie er kann, aus der Verlegenheit, Sie werden ihn ohne Zweifel nie wieder bekommen.“

Die Deutschen stehen hier in keiner Achtung, und so weit meine Erfahrung reicht, glaube ich auch nicht, daß der größere Theil dieselbe besonders verdiene; ich wenigstens bin von dreien, mit denen ich in Berührung kam, betrogen worden. —

Noch muß ich der Artigkeit des Theater-Directors erwähnen, der mich zum Mittags-Essen einlud und mir einen bequemen Sitz in der Directions-Loge, auch beiaußerordentlichen Vorstellungen, anbot — was ich jedoch ablehnte.

Meine Gesundheit stellt sich allmählig wieder ein, ich kann an der Gesellschaft im Hause Theil nehmen, fand mich aber bewogen, aus meinem bisherigen Logis auszuziehen, da ich für vieles Geld erbärmlich und ohne Bequemlichkeit logirte. Bald finde ich auch eine weit wohlfeilere und comfortable Wohnung bei der Frau eines französischen Buchhändlers. Hier finde ich eine Gesellschaft von 15 Personen, bestehend aus Deutschen, Franzosen und Schweizern.

Beim Abziehen aus dem frühern Logis wurde ich noch recht tüchtig geprellt, und konnte nicht einmal alle Stücke meiner Wäsche zurückerhalten, diese Schuld war nur der Dienerschaft beizumessen, welche in diesem Lande miserable ist. Die weiße Dienerschaft besteht größtentheils aus Vagabonden die aus Europa herüber gekommen sind, weshalb die meisten hier Ansässigen sich der schwarzen bedienen. Die Deutschen der untern Stände, welche herüber kommen, werden entweder Ackerbauer oder Lumpen- und Knochen-Einsammler; zum Dienen will sich kein Einziger verstehen, weshalb sie verachtet sind und zur Ehre Deutschlands nicht Deutsche, sondern Holländer genannt werden.

So viele Gebrechen es in diesem Lande in Hinsicht der Dienerschaft giebt, eben so groß sind die des Logirens. Die Miethen sind enorm theuer, nach dem Zinsfuße reguliren sich natürlich dieselben. Es ist gar nichts Seltenes, daß die Pfandleiher hier 12–15 Procent pro Monat nehmen. In einem der hiesigen Blätter las ich eine Verhandlung vor einem Gerichtshofe, die neulich hier statt gefunden hatte. Ein Ausländer hatte einen Diamant-Ring und eine Uhr mit Perlen zu 15 Procent monatlich versetzt und reklamirte solche, weil sie ein theures Erbgut von einem Verwandten seien, von dem Pfandleiher,welcher die Rückgabe verweigerte, weil der stipulirte Termin der Auslösung verstrichen war. Der Kläger wurde abgewiesen. Nach unsern Gesetzen würde ein solcher unerhörter Wucher bestraft, allein in diesem Lande heißt es: Jeder kann den Werth seines Geldes selbst feststellen, und wenn sich ein Narr findet, der für einen Solitair ein Stück Silber im Werth eines Piasters kaufen will, so kann er es immerhin thun, die Gesetze können nichts dagegen einwenden.

Jeder Hauseigenthümer ist daher Wucherer, und schlägt nach dem Maaßstabe des Zinsfußes die Miethe an; so bezahlt jeder enorme Miethen, und aus diesem Grunde giebt es hier sehr wenige Haushaltungen. Die meisten Familien leben in Boarding Houses (Pensions), die eigentlich nichts mehr und nichts weniger sind als Gasthöfe; es giebt deren ungemein viele. Die Deutschen nennen sie Kosthäuser, auch findet man in den Straßen, an vielen Häusern Aushängeschilder mit der Aufschrift:deutsche Kosthäuser; vorzüglich findet man diese in den Straßen, wo sich die ärmere Klasse der Deutschen aufhält. Mit Ausnahme sehr weniger Kaufleute und Banquiers ersten Ranges wohnt jeder Geschäftsmann hier in einem solchen Boarding-Haus. Der Preis wird pro Woche bestimmt, die Mahlzeiten sind folgende: ein Frühstück, bestehend aus Thee, Caffee, Fisch-, Fleisch-, Eier- und Mehlspeisen; ein Mittags-Essen nach englischer, französischer, oder deutscher Weise, am Abend kalte Küche (Ueberreste von Mittag) und Desert, Thee; der Preis regulirt sich nach dem Zimmer, fängt von sieben Piaster pro Woche an, und steigt bis 20 pro Kopf. Um 7 Uhr des Morgens giebt eine Glocke das Signal zum Aufstehen, um 8 Uhr verkündet dieselbe, daß das Frühstück aufgetragen ist; um 4 Uhr hört man sie das Mittags-Essen, um 7 Uhr Abends die Theezeit verkünden. Von dieser Zeit an bleiben die Herren und Damen in dem gut decorirten und beleuchteten Saal zusammen. Unter denDamen findet man hier sehr gute Schachspielerinnen, die mit ihren in französischen Glacé-Handschuhen verschleierten Fingern so geschickt zu manövriren verstehen, daß ihre männlichen Gegner bald matt sind.

Zwei oder dreimal wöchentlich wird nach der Musik eines Piano getanzt. Man findet verschiedene Klassen von Boarding-Häusern, sehr lustige, und auch sehr solide.

Die jährliche Miethe für solche Häuser ist von 6 bis 10,000 Piaster; bringt man nun noch Silberzeug, Mobilien, Domestiken, und die höchst brillante Beleuchtung in Anschlag, so muß man sich wundern, daß sie bestehen können. Hinsichtlich der Weinpreise sind diese Häuser (ersten Ranges) alle übereinstimmend; weniger als 1 Piaster verdient Niemand an einer Flasche, wohl aber mehr, weshalb Jeder, der sich hier einmiethet, in Kenntniß gesetzt wird, daß er sich gegen Bezahlung von funfzig Cens (etwa 18 Ggr.) pro Flasche seinen eigenen Wein halten könne (hierbei ist indeß Gefahr).

Der Amerikaner ist kein Weinkenner, Madeira ist sein Lieblingswein und von dieser Sorte giebt es denn hin und wieder einen Kenner. Der theuerste Wein ist der beliebteste, und es würde kein Gastwirth eine Flasche unter 1½ Piaster anbringen können. Aster-House, das erste Hotel in New-York, verkauft den besten Madeira für 12 Piaster. Der Eigenthümer dieses Hauses ist als armer Kürschner-Geselle eingewandert, und soll jetzt über ein Vermögen von 10 Millionen Piaster commandiren (?)

New-York ist in den Monaten August, September und October am besuchtesten, denn die Reichen aus dem südlichen Amerika kommen um diese Zeit hierher, um sich gegen die Fieber zu schützen, und kehren erst im November nach Hause; es ist daher in diesen Monaten sehr schwierig, ein Unterkommen zu finden. Hinsichtlich des Bodens ist Amerika ein Land von ungeheuern Ressourcen (wovon später mehr), die Gutsbesitzer sind diejenigen, welche so zu sagen, das Geld zum Fenster hinaus werfen. Der Boden ist ergiebig, die Erzeugnisse finden stets Abnehmer; wer etwas Vermögen hat, kauft sich Land, und befindet sich alsdann wohl. Das Arbeitslohn wird hier stets hoch sein, weil jeder Arbeitsmann, sobald er sich ein kleines Vermögen erspart hat, sofort Gutsbesitzer wird. Ich fand in einem öffentlichen Blatte folgenden Artikel:

„Als Beweis, wie hoch man den Werth des Hornviehs von Durham in diesem Bezirk schätzt, sei nur dieses angeführt. Samuel Smith verkaufte in dieser Woche mehrere seiner Kühe: eine säugende Kuh nebst dem Kalbe würde mit 2000 Piaster (etwa 3000 Rthlr) eine zweite mit 1350, andere für 1200 und 1000 Piaster verkauft; er verkaufte von seinen Kühen für den Werth von 20 bis 30,000 Piaster.“ Welcher Preis für einen Gutsbesitzer, selbst wenn man auch den geringen Werth des Geldes in den V. S. in Anschlag bringt! In demselben Grade, als die Umstände der Gutsbesitzer brillant sind, eben so morsch scheinen mir die des Handelsstandes zu sein. Als es noch wenige Commissionaire hier gab, und die Europäer es beinahe für unmöglich hielten, jene zu kontrolliren, da erwarben sie viel Geld, denn sie ließen ihren Freunden etwa die Hälfte des Ertrags von den an sie consignirten Waaren zukommen, und jene mußten mit dem, was ihnen zuerkannt wurde, zufrieden sein. Wie haben aber die Verhältnisse sich jetzt gestaltet! Man denke sich einen Bezirk von der Größe der Stadt Leipzig, welcher nichts als 4–5 Etagen hohe Speicher enthält, die mit englischen, französischen und deutschen Fabrikwaaren jeder Art überfüllt sind. Viele Tausende stehen hier stets zum Ein- und Verkaufe bereit; zu dem ersteren findet sich jede Minute Gelegenheit, denn jeden Tag langen doch mit Manufacturen beladene Schiffe an, welche theils von europäischen Kaufleuten auf Speculation, zum Theil aber auch von New-Yorker Kaufleuten bestellt worden sind, und daher so rasch wie möglich verborgt werden müssen, um von den Borgern schriftliche Versprechungen dafür zu erhalten, welche die Banken gegen gedruckte Bank-Versprechungen discontiren.

Obgleich ich hinsichtlich des Betriebs solcher Art bereits viele Erfahrungen gesammelt habe, so will ich doch noch näher in das Specielle eindringen, um später für unsere europäischen Kaufleute desto belehrender sein und erweislich machen zu können, daß jedes Geschäft von Europa in der neuen Welt durch Commissionaire besorgt, nur allein für Letztere von Nutzen sein muß.

Vier Wochen hatte ich jetzt (den 30sten September) größtentheils auf dem Krankenlager zugebracht. Ein freundlicher Sommerabend, wie wir ihn wohl in Deutschland im Juni haben, zog mich aus meiner Wohnung; kein Wölkchen trübte den Horizont, der Mond verbreitete ein herrliches Licht über Broad-Way, die Hauptstraße New-Yorks; ich war so entzückt, als ich auf die Straße heraustrat und dies alles empfand, daß ich hätte weinen mögen. Ich muß zuvor bemerken, daß diese Straße, vielleicht nur um ⅓ länger und ¼ breiter als die Leipziger Straße in Berlin, etwas sehr Eigenthümliches und Anziehendes hat. In dieser Straße befinden sich alle Hotels, Boarding- und Caffee-Häuser, alle Kaufmanns- und Conditor-Läden von ungeheurer Tiefe, welche sämmtlich sehr brillante Gasbeleuchtung haben. Wer ein Geschäft von Bedeutung machen will, muß einen Laden in Broad-Way haben. Die Miethen sind daher in dieser Straße enorm hoch, ein Chemist (Droguist) unter der Firma Rushton et Aspiewald soll, wie mir versichert worden ist, 7000 Piaster jährlich bezahlen; allein in Soda-Wasser (welches ein Lieblings-Getränk der Amerikaner und Amerikanerinnen ist) 20,000 verdienen. (?)

Bemerkenswerth ist es, daß, obgleich es in den Wochentagen 500 Omnibus und einige 100 andere Miethswagen giebt, am Sonntag doch kein einziger in den Straßen anzutreffen ist; Alles, die beau monde und die ganze Stadt ist in Bewegung — aber zu Fuße; ich möchte behaupten, daß die Anzahl der an jenem Abend sich in Broad-Way bewegenden Personen sehr wenig der beim Einzug der Kaiserin von Rußland in Berlin versammelten Menge nachgab. Weder Polizei noch Constabler wurden bemerkt, und doch war die Sittlichkeit, wie ich sie in keiner Stadt angetroffen habe. Frauenzimmer ohne männliche Begleitung, gehen, ohne die Aufmerksamkeit des Mannes rege zu machen, mit der größten Sicherheit — ein großer Contrast gegen die Ungeschliffenheit der Europäer, besonders der Engländer, welche sans façons die Frauen, den Hunden gleich, in den Straßen herumzausen (hierbei ist jedoch nur von den untern Ständen die Rede, denen der Sonntag allein zu einer ungestümen Erholung angewiesen ist). Auch der Amerikaner der untern Klasse unterfängt sich nicht, den Anstand gegen Frauenzimmer zu verletzen; selbst das verworfenste behandelt er mit Schonung, weshalb denn auch dieser Theil der weiblichen Bevölkerung sehr zurückgezogen und unbemerkbar ist. Man sieht hier in den Straßen eben so wenig öffentliche Dirnen als einen Betrunkenen. Wohlgekleidet in sehr reiner Wäsche ziehet Jung und Alt mit brennender Cigarr ruhig durch die Straße und man glaubt sich eher in einer Kirche als auf der Straße zu befinden. Während ich durch Broad-Way schlendere, lese ich auf einem Schilde: Rochés Café de mille colonnes, mit großer Schrift; das ist eine französische Windbeutelei dachte ich, und so fand ich es auch. Ich trete ein und befinde mich in einem Zimmer von 20 Fuß Länge, und 15 Fuß Breite; die beiden Wände haben an jeder Seite 15 Säulen, und zwischen jedem Paar von Säulen finden sich Spiegelgläser, welche denn freilich in brillanter Gasbeleuchtung die Säulen vervielfachen.Weiterhin finde ich in New-York-Garden ein ziemlich enges, von Oel-Lampen und altmodischen Laternen erleuchtetes, nicht besonders comfortables Local.

Die Franzosen deren es in New-York 12–15000 giebt, beschäftigen sich mit Allem, und verdienen viel Geld. Die Wirthe der Restaurationen, Conditoreien und Caffee-Häuser sind größtentheils aus Frankreich, und werden vorzugsweise besucht. Die Preise, welche sie festgesetzt haben, übersteigen die bei uns um das Dreifache. Eine kleine Tasse Caffee, der in der Regel sauer schmeckt, kostet ⅛ Piaster, und eben so viel kostet die geringste Kleinigkeit. Eine meiner nächsten Wanderungen führte mich nach Chatham-Street, das Judenviertel, ungefähr so wie die Elb-Straße in Hamburg und die Reetzen-Gasse in Berlin, jedoch im großartigsten Stil, etwa ¼ deutsche Meile lang, von beiden Seiten mit Kleiderläden, Kram-, Galanterie- und aller Arten Waaren-Läden angefüllt. Juden von allen Nationen sind in dieser Straße anzutreffen. Alle Waaren, welche im Lande gestohlen oder aufgeschwindelt sind, werden in Chatham abgesetzt, und wer wohlfeil kaufen will, gehet hieher. Die Ladenherren, obgleich sie von Posen oder Schermeisel abstammen, haben Namen angenommen, wodurch ihre Geburts-Länder nicht verrathen werden, z. B. King, Christalli, etc. etc. etc. Hierbei muß ich ein Verhör im Polizei-Amte, welches heute statt fand, anführen. Seit mehreren Wochen war die Polizei bemüht gewesen, Diebstählen, die seit einiger Zeit durch Einbrüche in Waarenläger verübt worden waren, auf die Spur zu kommen. Dies gelang endlich und der Dieb wurde eingezogen. Als er gefragt wurde, für wie viel Werth er die Zeit hindurch aus jenem Laden entwendet habe, erwiederte er: für circa 15,000 Piaster, von welchen jedoch noch für etwa 1500 Piaster unverkauft da lägen, weil der gewöhnliche Abnehmer, Mr. King in Chatham, sie zu kaufen verweigert und ihm eröffnet habe, er besitzevon dergleichen Waaren jetzt zu viel Vorrath, er werde jetzt nur wollene oder seidene Waaren für baares Geld kaufen, worauf denn, wie natürlich, Mr. Kings Locale unter polizeiliche Aufsicht gestellt und er selbst eingezogen worden ist. Diebereien werden hier sehr hart bestraft, Mordthaten hingegen mit weniger Strenge als in Europa instruirt, weshalb sehr viele Mörder der verdienten Strafe entgehen. Das Treiben in Chatham ist großartig; jüdische Actionaire halten ihre Verkäufe auf einem Karren, worauf sich die zu verkaufenden Gegenstände befinden (über diese Straße später ein Mehreres).

Als ich von Chatham zurückkehrte, fand ich in meinem Logis ein Schreiben von einem jungen Berliner vor, für welchen ich von seinen dortigen Verwandten einen Brief mitgebracht hatte. In jenem Schreiben wurde ich ersucht, ihn doch im Stadt-Hospitale, wohin er wegen eines Armbruchs gebracht worden sei, zu besuchen. Ich war um so begieriger, diese Anstalt kennen zu lernen, da sie mir früher, bei meinem Kranksein, von unserm Schiffs-Capitain empfohlen worden war. Nach dessen Schilderung erwartete ich etwas dem Hamburger Krankenhause oder der Berliner Charité Aehnliches; die Fonds, erzählte er, müßten beträchtlich sein, da jeder Capitain der in New-York ankommenden Schiffe für jeden Reisenden 1½ Piaster und für jeden Matrosen 1 Piaster zu diesem Fonds einliefern müsse, und die Einkünfte dieser Art werden nur zur Bequemlichkeit der Kranken verwendet; es sei in ganz New-York kein Haus, was in Betreff der Pflege, Reinlichkeit und Aufwartung etwas Aehnliches zu leisten im Stande sei. Ob ich Recht oder Unrecht gehabt, den Rath des Capitains unbefolgt zu lassen, war mir sehr interessant zu erfahren.

Die Apotheke dieser Anstalt, welche ich passirte, fand ich geregelter als die sogenannten Droguist-Shops, da sich in derselben nicht, wie in den letztern, Spielkarten, Wachslichte, Zahnbürsten, Cigarren etc. sondern nichts als Medicamente befanden. Das Zimmer Nro. 10, in welchem der Kranke lag, wurde mir geöffnet. Es war von ziemlicher Breite; an jeder Seite befanden sich 5–6 Lager, aber keins derselben war eine Bettstelle, es waren Bretter, auf welchen sich ein mit wenigem Stroh gefüllter Sack, ein sehr dünnes Kopfkissen, und eine sehr dünne wollene Decke befand. Da indessen der Brodherr dieses jungen Mannes für die meisten Chirurgen New-Yorks die Instrumente verfertigt, so hatte man dem Patienten vorzugsweise ein kleines Kissen, auf welchem der gebrochene Arm ruhte, hergegeben. In den klinischen Anstalten zu Berlin, und Deutschland überhaupt, liegen doch die Patienten auf Betten und nicht auf Stroh. Am meisten wunderte ich mich, diese Jämmerlichkeit in einem Lande anzutreffen, in welchem man das Geld sonst wegwirft für lumpige Kleinigkeiten. Wie pries ich mich glücklich, daß ich nicht hierher gerathen war! Unterdessen wurde während meiner Anwesenheit das Essen aufgetragen, und zwar auf einen in der Mitte des Zimmers befindlichen langen Tisch, an dessen beiden Seiten sich Bänke ohne Rückenlehne befanden; jeder der Patienten erhielt eine Schale voll Suppe, und eine Portion gekochtes Rindfleisch mit einem Stück Brod. Dem kranken Landsmanne wurde seine Portion auf den Fensterkopf neben seinem Lager mit einer ungewöhnlichen Gefühllosigkeit hingesetzt. Mittlerweile kam der Oberarzt, gefolgt von 8–9 sehr jungen Unterärzten, oder vielleicht Studenten, welche ihm die Krankheit der Patienten vortrugen; zuletzt sagte er: „nun will ich das deutsche Gesicht sehen!“ Die jungen Chirurgen zeigten ihm flüchtig die Stellen des doppelten Armbruchs, „schon gut!“ sagte er, und hiermit zogen sie ab. „Ach Gott!“ rief der Kranke aus, „wie gleichgültig wird ein Ausländer in diesem Lande behandelt: so ist es vom ersten Augenblick an gewesen, als ich hierher gebrachtwurde, und drei volle Stunden ohne Hülfe blieb, und so bleibt es immer.“ Welcher Deutsche im Auslande auch sonst wenig an sein theures Vaterland denkt, der vermißt es sicherlich, wenn er krank wird; diese Erfahrung habe ich auch oft an mir selbst gemacht; nirgends, in keinem Lande, in keiner Stadt habe ich die deutsche Herzlichkeit gefunden. Wir wollen sehen, junger Mann, dachte ich, als ich den Kranken verließ, ob du sechs Jahre, wie du dir vorgenommen, hier aushalten wirst!

Ich ging jetzt nach dem Platze Wall (nach der Straße dieses Namens), um mehreren Wein-, Colonial- und andern Waaren-Auctionen beizuwohnen. Da stehen die Auctions-Commissarien auf den Fässern, Säcken u. s. w. und jeder derselben hat seine Anzahl von Kauflustigen um sich; sie rufen die gebotenen Preise wohl funfzig Mal mit einer erstaunlichen Schnelligkeit und Unverständlichkeit aus, so daß ihre Mäuler in einer wirbelnden Bewegung bleiben; nur dann weiß man, daß der Zuschlag nicht mehr fern ist, wenn siegoingrufen; beim zweitengoingist der gebotene Preis vernehmbar, jedoch nur für die in der englischen Sprache sehr geübten. Täglich giebt es in New-York hunderte von Auctionen; rothe Flaggen, an welchen Cataloge baumeln, sind die Zeichen, daß im Hause, oder auf dem Platze, wo sie wehen, Auctionen statt finden. Es soll, so ist mir versichert worden, hier Auctions-Commissarien geben, die ein jährliches Einkommen von 200,000 Piaster haben.

Es giebt in New-York Importeurs, welche ihre Waaren nur per Auction absetzen, indem die Commissarien gegen Abzug von sieben Procent Zinsen pro Anno und 2½ Procent Provision, sofort den Belauf auszahlen. Da das Creditgeben in diesem Lande sehr riskant ist, so ist diese Verkaufsweise die sicherste. Der Gewinn ist natürlich sehr gering, ja häufig ist sogar Verlust damit verbunden. Jedoch gegen den letztern kann man sich einigermaßen dadurch sichern, daß man die Auctionen nur in der Frühjahrs- oder Herbst-Season, wenn sich alle Käufer aus dem Innern in New-York eingefunden haben, statt finden läßt. Der solide Handel wird freilich dadurch zu Grabe gebracht; denn in der Voraussetzung, daß die Land-Krämer, von den Zwischenhändlern kaufen werden, haben diese ihre Waaren-Läger gepfropft voll, und sind den Importeurs dafür alles schuldig; ist nun auch der eine oder der andere von den Land-Krämern wirklich gesonnen, seinen Bedarf von einem Zwischenhändler zu erstehen, so wird er durch die rothen Fahnen, die in den Gewölben der Commissarien, zwischen denen der Kaufleute aushängen, abgezogen. Er geräth in ein den Commissarien zugehöriges Lokal, und wird gesättigt. Die Folge ist, daß die Zwischenhändler ihre Vorräthe per Auction zu verkaufen gezwungen sind.

Siehet man die Waarenmassen, die in den Stadttheilen liegen, in welchen das Waarengeschäft betrieben wird (welche Massen unstreitig bedeutender sind, als die auf allen Meßplätzen Deutschlands zusammengenommen) sieht man die hohen Häuser von den Böden bis zu den Kellern hinab vollgepfropft von Waaren jeder Art, so muß man erstaunen und kann die Frage nicht unterdrücken: Wie, wann und wo soll dieses Alles verbraucht werden? Man kann sich keine Idee von der Größe des Fabrications-Wesens in Europa machen, wenn man nicht in New-York gewesen ist, und die Waaren-Vorräthe daselbst gesehen hat; ich gestehe, daß ich von Furcht und Schrecken ergriffen wurde, als ich mich orientirt hatte. Der Gedanke, mich von meinen Waaren sobald und so gut wie möglich los zu machen, gelangte nach jenem Augenblick bei mir zur völligen Reife. Meines Erachtens geht man im Waarenfache einer fürchterlichen Zeit entgegen; es dürfte in einigen Jahren eine weit gefährlichere Krisis eintreten, als diejenige war, die wir vor zwei Jahren erlebten. Amerikahat zu viel Ressourcen, um nicht fortwährend groß zu bleiben; wenn selbst die große Hälfte der Waaren-Händler untergehen müßte, wird Amerika nichts von seiner Größe eingebüßt haben. Die Regierung ist sehr vernünftig, sie hält den Waaren-Händlern die Zügel kurz; durch die hohen Preise, welche der europäische Fabrikant für die prima Materie hergiebt, verliert er oft das ganze Arbeitslohn, und vielleicht noch mehr. Dieses war vor zwei Jahren der Fall, und dieser Fall wird wiederum, noch ehe zwei Jahre vergangen sind, eintreten. Daß es der americanischen Regierung nur darum zu thun ist, den Ackerbau, und nicht die Fabriken zu begünstigen, beweist sie dadurch klar und deutlich, daß sie jedem Kaufmann den Zoll für seine eingehenden Waaren auf sechs Monate creditirt; thäte sie dieses nicht, so würden weit weniger Waaren eingeführt werden, indem die Summen für Zollgefälle von vielen Importeurs nicht ohne Mühe würden angeschafft werden können, und ein großer Theil derselben vom Importiren würde abstehen müssen, wodurch die in Amerika fabricirten Waaren bessern Absatz finden würden. Allein die Regierung denkt, Ackerbau ist einträglicher als Fabriken, und denkt, so lange europäische Fabrikanten das Arbeitslohn verlieren wollen, sehr richtig (hierüber weiterhin ein Mehreres).

Nach dem, was ich hier im Geschäft wahrgenommen habe, muß jede zwei, spätestens drei Jahre eine allgemeine Stockung im Zahlen eintreten, und die nächste dürfte die furchtbarste von allen bisherigen werden, da England jetzt nicht im Stande ist, wie vor zwei Jahren, eine Baarsendung von 2 Millionen L. Sterl. zum Stützen der für die englischen Fabrikanten unentbehrlichen americanischen Banken zu machen. Am deutlichsten kann der Schwindel bemerkt werden, wenn man sich während der Börsenzeit unter den Stock-Jobbers und Broakers umsieht. Unter den letztern findet man Subjecte, welche60,000 Piaster Courtage jährlich verdienen; sie arbeiten darauf hin, einen Wirrwarr zu Stande zu bringen. Der Handelsstand hier ist das größte Kunstwerk der menschlichen Gesellschaft. Jeder handelt, und wie handelt er? Im Großen. Man sieht Kram-Läden von der Länge, oder besser Tiefe eines kleinen Exerzier-Platzes; in solchen Läden liegen vielleicht für 60,000 Piaster Waaren, von denen nicht ein einziger Cens (der hundertste Theil eines Dollars) bezahlt ist. Ist der Mann durch gute Lösung in Stand gesetzt, einem Theil seiner Verpflichtungen nachzukommen, nun, so geschieht es; ist dies aber nicht der Fall, so stellt er für sich den größten Theil in Sicherheit, läßt seine Creditoren zu sich kommen, und ersucht diese, das Nachgebliebene für ihre Schuld zu empfangen. Die Handlungsbücher sind vielleicht schon einige Tage vorher den Flammen überliefert worden, und kömmt einer von den Creditoren auf den Einfall, nach den Büchern zu fragen, so kann der sich auf die Antwort gefaßt machen: „das ist mein Geheimniß, deshalb werde ich sie Ihnen nicht zeigen.“

Das Wetter fand ich hier im Anfang October noch den Sommertagen in Deutschland gleich; es war sehr heiß und man wird von den Musquitos, welche unsere Mücken auch hier an Bosheit weit übertreffen, ungemein geplagt. Dieses Ungeziefer findet sich hier erst im September mit aller Kraft ein, und man darf sich vor Eintritt eines Frostes, im November, keine Ruhe versprechen. Es ist jedoch ein Leichtes, sich von ihnen im Schlafzimmer zu befreien: man schließt nämlich vor dem Anzünden der Lichter die Fenster, und macht mit dem brennenden Lichte Jagd auf sie. Bevor ich dies that, hatte ich in der Nacht wenig Ruhe, und mehrere meiner Tischgenossen adoptirten meine Kriegsweise.

Noch muß ich einiges von den Straßen New-Yorks bemerken; ich fand, daß die Straße Broad-Way vieleAehnlichkeit mit dem Newski Perspective in St. Petersburg hat; jedoch hat die erstere, außer dem ihr zugehörigen freien Platze (Park-place) viel Eigenthümliches; der freie Platz gewährt des Abends bei der Gasbeleuchtung einen herrlichen Anblick, da sich auf demselben mehrere öffentliche Gebäude, nämlich das Rathhaus, Theater, Museum etc. befinden. Die Nebenstraßen von Broad-Way laufen parallel und in grader Linie, wie die der großen Friedrichsstraße in Berlin, jedoch sind die Häuser in derselben nicht so schön. Das Eigenthümliche besteht besonders darin, daß man, da New-York eine Insel ist, an jedem Ende der Straße die Masten von großen Schiffen wahrnimmt, was einen höchst angenehmen Eindruck macht — besonders nach Untergang der Sonne, wenn so viele Masten der großen Schiffe mit den vielen Tauen, durch welche man die herrliche Abendröthe erblickt, einem Walde gleich, sich dem Auge darbieten. An Vergnügungen kann es in einer so reichen Stadt nicht fehlen. Der Yankee (Amerikaner der V. S.) ist, was den Lebensgenuß betrifft, mit dem Wiener zu vergleichen; er ist für das Materielle; kein Preis ist ihm zu hoch, wenn der Gegenstand reellen Genuß verspricht. Ein Hauptvergnügen ist ihm das Kegelspiel, wobei die Damen mit den Herrn wetteifern; man findet viele Keller (den Hamburgischen ähnlich), woselbst Restaurationen und Kegelbahnen eingerichtet sind, und Erfrischungen aller Art gereicht werden. Die Austern sind hier, obgleich um sehr vieles größer als die holsteinischen, die allerfeinsten und schmackhaftesten, die ich genossen habe; sie werden in allen Kegelbahn-Kellern zubereitet, und für einen nicht übertriebenen Preis gereicht: ½ Dutzend kostet etwa 4 Ggr., wozu man noch eine ziemliche Quantität Kohl-Sallat, Butter, Brod, und Zwiebacke bekommt. Schäferstunden sind nach der Versicherung eines meiner Freunde, die theuersten Genüsse in dieser Stadt, die Schäferinnen, entweder aus England, oderTöchter der aus Irland als Arbeitsleute Eingewanderten, sind die einzigen von allen englischen Erzeugnissen, wie mein Freund meint, die sich im Preise halten; 10–15 Piaster ist der fixe Preis für eine Schäferstunde. Für wenig bemittelte aber kräftige Männer sollen die couleurten Frauen ein vortreffliches Surrogat sein, man sieht diese in heller Kleidung mit seidenen Schnupftüchern in der Hand, sehr anständig umherziehen. Damen von Stande bedienen sich der weißen Tücher, die sie stets in den Händen tragen.

Die Theater werden hier sehr besucht, und mein Reisegefährte, der Director W....., machte gute Geschäfte. Das Personal ist von London (woselbst jeder amerikanische Schauspiel-Director eine Anwerbungs-Anstalt erhält), und die angeworbenen Mitglieder finden gute Rechnung, so lange die Direction Rechnung dabei findet. Das Entrée ist 1 Piaster, fürs Parterre ½ Piaster. Von Ausländern, die in New-York sonst den dritten Theil der Bevölkerung ausmachen, werden die Theater im Allgemeinen wenig besucht. Der Yankee ist nicht Kunstkenner genug, um über die Poesie und mimische Darstellung des Dramas richtig zu urtheilen, daher denn die Directoren, um ein großes Publikum von Yankees für sich zu gewinnen, ein leichtes Spiel haben. Die für Gastrollen engagirten Subjecte langen von England successive an, denn jeder derselben ist für 8, 10 bis 12 Rollen, d. h. Vorstellungen, und zwar, je nachdem er unter den Künstlern einen Rang einnimmt, für die Hälfte oder ⅔ der Einnahme engagirt, und tritt daher nur in zwei, höchstens drei seiner vorzüglichsten Rollen auf. Jetzt liest man auf den Theaterzetteln von 2 Yard (2 Ellen) Länge, die am Eingange in den Straßen an den Häusern und großen Hotels auf Bretter geklebt sind, die Londoner Theater-Kritiken der Times, des Examiner, Courier etc. etc. wörtlich abgedruckt, in Beziehung auf die Rolle des Gastes; das Hauswird demnach am ersten Abend gefüllt und nun liest man am folgenden Morgen in allen Morgenblättern, wie gedrückt voll das Haus gewesen, mit welchem Applaus der berühmte Gast empfangen und begleitet worden sei. Die natürlichste Folge ist, daß Alles sich beeilt, das Wunderkind in der Kunst zu sehen, und somit sind denn auch die Schauspielhäuser in den übrigen Städten der V. S., wohin die Wunderkinder reisen, jeden Abend gefüllt.

Es herrscht über die Geringfügigkeit der Militairmacht der V. S. ein bedeutender Irrthum, den ich vorläufig bloß durch die Copie, oder vielmehr Uebersetzung einer Ordre, die mir irrthümlicherweise zugestellt wurde, widerlegen will. Sie ist folgende:


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