Im Sommer 1788
Als die Pläne für den Landaufenthalt bestimmte Formen angenommen hatten, suchten die Schwestern ihrem Freunde eine Wohnung. Sie sollte nicht gar zu weit von ihrem eigenen Heim abliegen und doch ungestörte Arbeitszeit ermöglichen. Zuerst meinten sie, das Rechte gefunden zu haben bei dem Hofgärtner Callenius in Cumbach. Doch bemerkten sie bald, daß dort nicht die Stille herrschte, auf die es ankam. Der fürstliche Gewächsgarten mit der Orangerie zog täglich Verkehr und laute Geselligkeit an, auch ein Gestüt, das dort gehalten wurde, brachte Geräusch in die Nähe. Darum fiel ihre Wahl auf Volkstedt, wo all diese Bedenken nicht entstehen konnten.
Am 24. April meldet Charlotte in aller Eile das Ergebnis ihrer Fürsorge nach Weimar: »Das Dorf hat eine schöne Lage, am Ufer der Saale, hinter ihm erheben sich Berge, an deren Fuß liebliche Fruchtfelder sich ziehen, und die Gipfel mit dunklem Holze bekränzt, gegenüber an der anderen Seite der Saale schöne Wiesen und die Aussicht in ein weites, langes Tal. Ich denke, diese Gegend wird Ihnen lieb sein, mir brachte sie gestern einen Eindruck von Ruhe in die Seele, der mir innig wohltat.
Die Stube, die ich für Sie bestimmte, ist nicht sehr groß, aber reinlich, auch die Stühle sind nicht ganz ländlich, denn sie sind beschlagen, eine Kammer daneben, wo das Bett stehen kann, und auch eine für den Bedienten nicht weit davon. Für Betten will der Schulmeister sorgen, dem das Haus gehört, auch wohnt eine Frau darin, die Ihnen Kaffee machen kann, und auch bedienen könnte, zur Not auch kochen, wenn das Wetter zu böse wäre, um es sich aus der Stadt holen zu lassen. Ich denke, es ist alles gut besorgt.«
Am 2. Mai erfolgt die Danksagung: »Sie haben die Angelegenheit, deren Besorgung Sie so gütig übernahmen, so ganz nach meinen Wünschen und über alle meine Erwartungen zustande gebracht, daß ich Ihnen unendlich Mal dafür verbunden bin. Der Ort, die Lage, die Einrichtung im Hause, alles ist vortrefflich. Sie haben aus meiner Seele gewählt. Ich habe Ihnen viele Mühe gemacht, aber ich weiß auch, daß Ihnen das Vergnügen, welches Sie mir dadurch verschafften, statt alles Dankes ist. – Ich werde in Ihren schönen Gegenden, in dieser ländlichen Stille mein eigenes Herz wiederfinden, und Ihre und der Ihrigen Gesellschaft wird mich für alles, was ich hier zurücklasse, reichlich entschädigen.«
Dem hilfreichen Freund und Berater in Dresden geht die Nachricht zu: »Ich werde mich eine kleine Stunde von Rudolstadt niederlassen. Die Gegenden sind dort überaus ländlich und angenehm, und ich kann da in seliger Abgeschiedenheit von der Welt leben. Das LengenfeldischeHaus, von dem ich Dir nach meiner Rückreise von Meiningen geschrieben habe, wird mir den ganzen Mangel an Gesellschaft hinlänglich ersetzen. Es sind dort mir sehr schätzbare Menschen beisammen, von sehr vieler Bildung und dem edelsten Gefühl. Sie sind auch schon in der Welt gewesen und haben eine glückliche Gemütsstimmung daraus zurückgebracht. Alles was Lektüre und guter Ton einer glücklichen Geistesanlage und einem empfänglichen Herzen zusetzen kann, finde ich da in vollem Maße, außerdem auch viele musikalische Fertigkeit, die nicht den kleinsten Teil der Erholung ausmachen wird, die ich mir dort verspreche. Diesem Zirkel gedenke ich alle Tage einige Stunden zu widmen. Sonst erwarten meiner die mannigfaltigsten und, ich muß leider sagen, die drückendsten Arbeiten. Aber ich gehe ihnen mit ziemlichem Mut, ja selbst mit Vergnügen entgegen.«
Körner durchschaut jedoch die innere Bewegung, die sich hinter diesen Plänen und Sorgen verstecken will: »In Deinem Sommeraufenthalt wird Dirs an Vergnügen nicht fehlen. Ist nicht auch ein Interesse des Herzens dabei? Ich bin neugierig, ob Deine Stimmung an dichterischen Arbeiten fruchtbar sein wird.«
Die Woche nach dem Pfingstfest ließ Schiller noch vorübergehen, dann kam er, ohne sich besonders anzukündigen, in Rudolstadt an. Am 20. Mai schreibt er aus dem Gasthaus: »In der Hoffnung, daß mein künftiges Logis auf dem Dorfe, dessen Namen ich nicht weiß, durch Ihre Güte berichtigt sei, bin ich ohne weiteres hierhergereist. Seit gestern Abend halb zehn Uhr bin ich hier. – Ich bitte Sie, mich zugleich durch den Überbringer den Namen des Ortes, den Sie für mich bestimmt haben, wie auch des Hauswirts, bei dem ich wohnen soll, wissen zu lassen, weil ich womöglich noch vor Mittag dort sein und jetzt gleich meinen Koffer hinschaffen lassen möchte. Ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß mir der nächste Augenblick, wo ich Sie und die Ihrigen sehen kann, der liebste sein wird.«
Die Freude über erfüllte Wünsche und die Pläne und Hoffnungen für die nächste Zeit verrät wiederum sein Brief an Körner:
Volkstedt bei Rudolstadt, 26. Mai 1788.
»Seit acht Tagen bin ich nun hier in einer sehr angenehmen Gegend, eine kleine halbe Stunde von der Stadt und in einer sehr bequemen heitern und reinlichen Wohnung. Das Glück hat es gefügt, daß ich ein neues Haus, das besser, als auf dem Lande sonst geschieht, gebaut ist, finden mußte. Es gehört einem wohlhabenden Manne, dem Kantor des Orts. Das Dorf liegt in einem schmalen, aber lieblichen Tale, das die Saale durchfließt, zwischen sanft ansteigenden Bergen. Von diesen habe ich eine sehr reizende Aussicht auf die Stadt, die sich am Fuße eines Berges herumschlingt, von weitem schon durch das fürstliche Schloß, das auf die Spitze des Felsens gepflanzt ist, sehr vorteilhaft angekündigt wird, und zu der mich ein sehr angenehmer Fußpfad, längs des Flusses, an Gärten und Kornfeldern vorüberführt. In dem Dorfe selbst istdie Porzellanfabrik, die Du vielleicht kennst. Ich habe zwei kleine Stunden nach Saalfeld, ebenso weit nach dem Schlosse Schwarzburg und zu verschiedenen zerstörten Schlössern, die ich alle nach und nach besuchen will.
In der Stadt selbst habe ich an der Lengefeldschen und Beulwitzschen Familie eine sehr angenehme Bekanntschaft, und bis jetzt noch die einzige, wie sie es vielleicht auch bleiben wird. Doch werde ich eine sehr nahe Anhänglichkeit an dieses Haus, und eine ausschließende an irgend eine einzelne Person aus demselben, sehr ernstlich zu vermeiden suchen. Es hätte mir etwas der Art begegnen können, wenn ich mich mir selbst ganz hätte überlassen wollen. Aber jetzt wäre es gerade der schlimmste Zeitpunkt, wenn ich das bißchen Ordnung, das ich mit Mühe in meinen Kopf, mein Herz und in meine Geschäfte gebracht habe, durch eine solche Distraktion wieder über den Haufen werfen wollte.
Die Arbeiten, mit denen ich diesen Sommer zustande kommen möchte, sind der Geisterseher, der leicht auf 25 bis 30 Bogen anlaufen dürfte, der zweite Teil meiner Niederländischen Rebellion und der Rest des ersten, ein Theaterstück, noch steht es dahin, ob dieses der Menschenfeind oder ein anderes sein werde, das ich, wie der Schwabe sagt, an der Kunkel habe, und hier und da ein Aufsatz für den Merkur. Aus dem bisherigen Lauf meiner Schreibereien zu schließen, dürfte dieses Unternehmen wohl fast übertrieben sein. Indessen wollen wir sehen. Geschieht auch nicht alles, so ist doch immer das gewonnen, wasgeschieht. Ganz bin ich hier doch noch nicht zuhause, auch meine Arbeiten strömen noch nicht.«
Wie weit der Wille mit seinen Plänen zur Geltung kommen würde, und wie bald das Schicksal die Vorsätze durchkreuzen sollte, geht aus den Briefen und kurzen Grußblättern hervor, die zwischen Rudolstadt und Volkstedt fast täglich gewechselt werden: »Montag, den 26. Mai. Ich hoffe, daß Ihnen allen die gestrige Partie so gut bekommen sei wie mir. Es war ein gar lieblicher vertraulicher Abend, der mir für diesen Sommer die schönsten Hoffnungen gibt. Mehr solche Abende und in so lieber Gesellschaft, mehr verlange ich nicht. Rudolstadt und diese Gegend überhaupt soll, wie ich hoffe, der Hain der Diana für mich werden.« Er vergleicht sich mit Orestes in Goethes Iphigenie, den die Eumeniden umhertreiben, und hofft, die Schwestern werden ihn vor den bösen unterirdischen Mächten beschützen. Zu Grunde lag dabei eine Eifersuchtsregung. Er weigert sich, in trüber Stimmung die Gesellschaft von Fröhlichen aufzusuchen, und entschuldigt seine wandelbare Laune mit dem Fluch, der auf allen Musensöhnen ruht, bittet aber doch um Nachricht, was für den andern Tag geplant wird, damit er sich anschließen kann.
Am 27. Mai redet ihm Charlotte gut zu, heiter und froh zu sein, Knebel, der gefürchtete Nebenbuhler, hat am Morgen Rudolstadt verlassen. Sie bittet, den Geisterseher mitzubringen, der Abend wird in Cumbach den kleinen Bekanntenkreis vereinen. Um sechs Uhr wollen sie den Freundam Wasserdamm erwarten, doch soll er ihnen auch zu jeder anderen Stunde lieb und willkommen sein. Schiller sagt zu, ist aber mit der Örtlichkeit noch nicht vertraut und meint, am Schaalbach die Schwestern erwarten zu sollen. Deshalb bittet ihn Karoline, lieber in ihre Wohnung zu kommen, damit sie einander nicht verfehlen.
Hier trifft zwei Tage später der Erbprinz Ludwig Friedrich mit ihm zusammen: »Den 29. Mai machte ich wieder eine neue Bekanntschaft mit einem jungen Gelehrten, der, so jung als er ist, doch schon viel Lesenswürdiges geschrieben hat, mit dem Herrn Rat Schiller. Er war im Beulwitzschen Garten, wo ich bis einviertel elf Uhr des Abends in einer vergnügten Gesellschaft den angenehmen Geruch der schönen Baumblüten genoß.«
Im Volkstedter Haus fühlt sich Schiller wohl: »Ich bin auf meine vier Wände reduziert, und wenn nicht manchmal eine Kuh blökte, oder meine Pfauen mir vor dem Hause mit ihrer Silberstimme die Honneurs machten, so würde ich gar nicht gewahr, daß Leben um mich ist.«
Wenn kühle Witterung eintritt, klagt er über Erkältung. Dann kann er die Neue Gasse nicht aufsuchen und bittet nur um ein Lebenszeichen durch den Boten, seine Stimmung leidet unter der Trennung. Charlotte tröstet und bedauert, daß er, ein großer Mann, der der Öffentlichkeit so viel in seinen Schriften beschert, auch nur eine trübe Viertelstunde erlebt. Arm und verlassen wie Robinson kommt er sich vor, die Freundinnen so nah, und er kann nicht bei ihnen sein! Wagt er trotz feuchter Luft undNebel den Gang nach Rudolstadt, so tritt ein Rückfall in seinem Katarrh ein, namentlich die Heimwege am späten Abend verbittern ihm das Landleben, auch der Zeitverlust, den seine Arbeiten erleiden, verdrießt ihn. Charlotte redet gut zu, so gern sie ihn sieht, soll er doch nur bei mildem Wetter ausgehen, wenn es seiner Gesundheit zuträglich ist.
Dazwischen erreicht ihn ein Freundesgruß aus Dresden mit der schalkhaften Zustimmung: »Dein Aufenthalt auf dem Lande ist sehr nach meinem Sinn. Freilich ists für Deine Arbeiten besser, wenn Du eine ausschließende Anhänglichkeit an irgend ein Wesen in der Nähe vermeiden kannst!«
Die Abendunterhaltungen bei Lengefelds bestreitet Beulwitz, indem er aus Schillers jüngsten Werken vorliest. Sonnabend, den 14. Juni, feiert die Gesellschaft eine italienische Nacht im Baumgarten. Der Erbprinz trägt in sein Tagebuch ein: »Die Frau von Lengefeld hatte mit ihrer Familie und noch mit andern Damen, und mit dem Herrn Rat Schiller da gegessen. Es wurde gesungen, auf dem Schiffchen gefahren und spazieren gegangen. Erst nach elf Uhr ging die ganze Gesellschaft mit uns singend den Schloßberg hinauf und sodann, auch Herr Rat Schiller nebst den übrigen Damen, in die Stadt nach Hause.«
Immer einmal wieder vernehmen wir, wie hart und sauer es ihn ankommt, sich für den Heimweg loszureißen.
Als der Blitz in Volkstedt eingeschlagen hat, hörtKaroline mit Schrecken davon und dankt dem Himmel und allen guten Geistern, daß der Strahl Schillers Haus verschont hat. Das eine Mal versüßt sie ihm das Buchstudium durch Backwerk, das andere Mal durch Aprikosen und Tee. Charlotte begleitet den nächtlichen Wanderer im Geiste durch Sturm und Wolken und hofft, daß ihm nichts zugestoßen ist. Er bittet, in Charlottes Stübchen studieren zu dürfen, weil in Beulwitzens Zimmern viel Unruhe herrscht. Sie geht gern darauf ein, ihn an ihrem Schreibtisch arbeiten zu lassen; das soll ihr eine freundliche Erinnerung bleiben. Des schlechten Wetters wegen übernachtet er in Rudolstadt.
Am 2. Juli ist Kirchweih in Cumbach. Die Hofgesellschaft beteiligt sich daran bis zehn Uhr abends. Obschon er derartige Feste am liebsten vermeidet, nimmt er doch daran teil, aber die Eifersucht regt sich, als er andere mit der von ihm geliebten Person tanzen sieht. Den Heimweg legt er allein zurück, geht ziellos durch das Tal in die Berge hinein und gelangt, ohne es zu wissen, nach Schaala. Auf dem Wege kommen ihm dichterische Eingebungen.
Sehnsucht nach regerer Verbindung mit der Außenwelt wird laut. Da Rudolstadt noch keinen regelmäßigen Postverkehr hat, werden Briefe oft nur gelegentlich durch Boten befördert und kommen so erst auf Umwegen an ihr Ziel.
Der Erbprinz führt das Ehepaar Beulwitz nebst Schiller und Lotte auf das Schloß und zeigt ihnen die neueingerichtetenZimmer, die Bibliothek und das Bilderkabinett. Weil Schiller ein Freund von weiten Ausblicken in die Landschaft ist, besteigen sie den Schloßturm, wo ein schönes Geläut von drei Glocken aus Mayers Gießerei sie erfreut. Im Lengefeldischen Garten wird französische Komödie gespielt, oft auch eifrig gezeichnet. Der Erbprinz, gewandt als Zeichner und geübt als Radierer, entwirft Szenen aus dem Geisterseher.
Der Gedanke an die Trennung beschäftigt Schiller in einem Briefe an Körner: »Ich habe mich hier immer noch ganz vortrefflich wohl. Nur entwischt mir manches schöne Stündchen in dieser angenehmen Gesellschaft, das ich eigentlich vor dem Schreibtisch zubringen sollte. Wir sind einander hier notwendig geworden, und keine Freude wird mehr allein genossen. Die Trennung von diesem Hause wird mir sehr schwer sein, und vielleicht desto schwerer, weil ich durch keine leidenschaftliche Heftigkeit, sondern durch eine ruhige Anhänglichkeit, die sich nach und nach so gemacht hat, daran gehalten werde. Mutter und Töchter sind mir gleich lieb und wert geworden, und ich bin es ihnen auch. – Es war recht gut getan, daß ich mich gleich auf einen vernünftigen Fuß gesetzt habe und einem ausschließenden Verhältnis so glücklich ausgewichen bin. Es hätte mich um den besten Reiz dieser Gesellschaft gebracht. – Beide Schwestern haben etwas Schwärmerei, doch ist sie bei beiden dem Verstande subordiniert und durch Geisteskultur gemildert. Die jüngere ist nicht ganz frei von einer gewissenCoquetterie d’esprit, die aberdurch Bescheidenheit und immer gleiche Lebhaftigkeit mehr Vergnügen gibt als drückt. Ich rede gern von ernsthaften Dingen, von Geisteswerken, von Empfindungen, hier kann ich es nach Herzenslust und ebenso leicht wieder auf Possen überspringen.«
Im August kam das Vogelschießen, ein großes Volksfest mit starkem Fremdenzulauf. Es war die einzige Veranstaltung, bei welcher der Hof sich unter die Stadtleute mischte. Der Ball der vornehmen Gesellschaft wurde im Schönfeldschen Saale, im heutigen alten Rathaus, abgehalten. Schiller klagt, er taugt nicht für laute Gesellschaft, und macht sich Vorwürfe, daß er nicht Stärke genug besitzt, von solchem Getriebe fernzubleiben, sein Geist wirke mehr im stillen, im Umgang mit sich selbst.
Vorübergehend wohnt er in Rudolstadt selbst. In dieser Zeit kann er die Wohnung Schloßaufgang II 3 bezogen haben, bis ihn die Anhänglichkeit an Volkstedt und an den fürsorglichen Hauswirt wieder hinauszieht.
Allmählich tritt eine gewisse Vorsicht im Verkehr ein. Vielleicht fiel es auf, daß der fremde Gast täglich in dem Hause der Damen ein- und ausging. Er bittet, die Gartentüre aufzuschließen, damit er weniger eifrig beobachtet wird.
Als Charlotte ihrer Freundin Frau von Stein in Kochberg einen Besuch abstattet, reitet Schiller ihrem Wagen bis Teichröda entgegen. Als Mutter und Töchter von einer Reise aus Jena zurückkommen, wird das Wiedersehen in Uhlstädt gefeiert bei einem sublimen Kaffee, den Beulwitzauf festlich geschmückter Tafel anrichtet. Endlich ergeht auch eine Einladung zum Sonntagskloß, und Frau von Lengefeld hofft, daß das beliebte Thüringer Festgericht dem Schwaben nicht schaden wird.
Der Sommer in Rudolstadt darf nicht zu Ende gehen, ohne daß der Gast Schwarzburg gesehen hat. Dort wird ihm das Fremdenbuch im Wirtshaus vorgelegt, und in der Eile mag ihm das Verlegenheitserzeugnis aus der Feder geflossen sein:
Auf diesen Höhen sah auch ichDich, freundliche Natur, ja dich!
Auf diesen Höhen sah auch ichDich, freundliche Natur, ja dich!
Auf diesen Höhen sah auch ichDich, freundliche Natur, ja dich!
Auf diesen Höhen sah auch ich
Dich, freundliche Natur, ja dich!
Die Fahrt geht über Königsee, wo Beulwitz Amtsgeschäfte zu erledigen hat, nach Paulinzelle, und hier trägt die Stimmung bessere Frucht. In den Anblick der Ruine mischen sich wehmütige Gedanken an die Trennung und an die Ungewißheit danach.
Einsam stehn des öden Tempels Säulen,Efeu rankt am unverschloßnen Tor,Sang und Klang verstummt, des Uhu HeulenSchallet nun im eingestürzten Chor.Weg sind Prunk und alle Herrlichkeiten,Schon enteilt im langen Strom der ZeitenBischofshut mit Siegel, Ring und StabIn der Vorwelt ewig offnes Grab.Nichts ist bleibend, alles eilt von hinnen,Jammer und erhörter Liebe Glück;Unser Streben, unser Hoffen, Sinnen,Wichtig nur auf einen Augenblick;Was im Lenz wir liebevoll umfassen,Sehen wir im Herbste schon verblassen,Und der Schöpfung größtes MeisterstückSinkt veraltet in den Staub zurück.
Einsam stehn des öden Tempels Säulen,Efeu rankt am unverschloßnen Tor,Sang und Klang verstummt, des Uhu HeulenSchallet nun im eingestürzten Chor.Weg sind Prunk und alle Herrlichkeiten,Schon enteilt im langen Strom der ZeitenBischofshut mit Siegel, Ring und StabIn der Vorwelt ewig offnes Grab.Nichts ist bleibend, alles eilt von hinnen,Jammer und erhörter Liebe Glück;Unser Streben, unser Hoffen, Sinnen,Wichtig nur auf einen Augenblick;Was im Lenz wir liebevoll umfassen,Sehen wir im Herbste schon verblassen,Und der Schöpfung größtes MeisterstückSinkt veraltet in den Staub zurück.
Einsam stehn des öden Tempels Säulen,Efeu rankt am unverschloßnen Tor,Sang und Klang verstummt, des Uhu HeulenSchallet nun im eingestürzten Chor.Weg sind Prunk und alle Herrlichkeiten,Schon enteilt im langen Strom der ZeitenBischofshut mit Siegel, Ring und StabIn der Vorwelt ewig offnes Grab.
Einsam stehn des öden Tempels Säulen,
Efeu rankt am unverschloßnen Tor,
Sang und Klang verstummt, des Uhu Heulen
Schallet nun im eingestürzten Chor.
Weg sind Prunk und alle Herrlichkeiten,
Schon enteilt im langen Strom der Zeiten
Bischofshut mit Siegel, Ring und Stab
In der Vorwelt ewig offnes Grab.
Nichts ist bleibend, alles eilt von hinnen,Jammer und erhörter Liebe Glück;Unser Streben, unser Hoffen, Sinnen,Wichtig nur auf einen Augenblick;Was im Lenz wir liebevoll umfassen,Sehen wir im Herbste schon verblassen,Und der Schöpfung größtes MeisterstückSinkt veraltet in den Staub zurück.
Nichts ist bleibend, alles eilt von hinnen,
Jammer und erhörter Liebe Glück;
Unser Streben, unser Hoffen, Sinnen,
Wichtig nur auf einen Augenblick;
Was im Lenz wir liebevoll umfassen,
Sehen wir im Herbste schon verblassen,
Und der Schöpfung größtes Meisterstück
Sinkt veraltet in den Staub zurück.
Milde Herbsttage gestatten, daß Schiller wieder in Volkstedt wohnt. In alle Freude am täglichen Wiedersehen mischt sich der Abschiedsschmerz, darüber hinaus erhebt der Trost, daß die liebe wohltätige Zeit alles gut zur Reife bringen wird: »Ich weiß und fühle, daß mein Andenken unter Ihnen leben wird, und dies ist eine freudige Erinnerung für mich.«
Im Oktober werden die kurzen Briefgrüße häufiger und die Besuche immer mehr vorsichtig abgemessen. Schiller verliert den Mut, auf eine gute Zukunft zu hoffen, aber Charlotte rechnet schon wieder auf seine Anwesenheit im nächsten Sommer. Ihr und den Kochberger Freundinnen in Oberhasel zu begegnen, entschließt er sich nur ungern. Die heitere Freundin bekehrt ihn schließlich doch zu freudiger Verfassung, und er gesteht: »Mein hiesiger Aufenthalt neigt zum Ende; er hat mir viel angenehme Stunden verschafft, und, was das beste ist, er hat mich mir selbst wieder zurückgegeben und überhaupt einen wohltätigen Einfluß auf mein inneres Wesen gehabt.«
Die letzten Tage verbringt er wieder im Gasthaus,wenige Schritte von Charlottes Wohnung entfernt. Eine Zeichnung, die ihm die Freundin schickt, soll als sichtbares Zeichen mit unsichtbarer Wirkung künftig auf seinem Schreibtisch stehen. Erst als der Glückwunsch eintrifft, kommt dem Traumverlorenen zum Bewußtsein, daß sein Geburtstag ist, und dieser letzte Gruß aus dem Hause, wo er seine Heimat gefunden hat, preßt ihm Tränen aus. Noch war er nicht entschlossen abzureisen, erst die Gewißheit, daß die Schwestern ihre Fahrt nach Erfurt festgelegt haben, überzeugt ihn, daß auch seine Stunde gekommen ist.
Als er sich persönlich verabschiedet hat, ist der am stärksten gefürchtete Augenblick vorüber. Es tröstet ihn, noch erblickt er dieselben Gegenstände, auf denen auch ihr Auge ruht, noch umgeben dieselben Berge die Geliebte und ihn selbst. Am Morgen des 12. November sieht er ihren Reisewagen die Straße hinauf vorfahren, dann besteigt er die Post. Bis Teichröda sucht er noch mit den Blicken einen Gruß zu erhaschen, dann fällt ihm schwer auf das Herz, daß sich die Wege trennen. Einen Geranienstock und eine Porzellanvase mit Blumen hütet er zärtlich, sie sollten der Stube des einsamen Gelehrten einen neuen heimeligen Hauch verleihen.
Den Rudolstädter Sommer 1788 faßt Karoline zu einem wohlgelungenen Bilde zusammen: »In unserm Hause begann für Schiller ein neues Leben. Lange hatte er den Reiz eines freien freundschaftlichen Umgangs entbehrt. Uns fand er immer empfänglich für die Gedanken, die eben seine Seele erfüllten. Er wollte auf uns wirken, unsvon Poesie, Kunst und philosophischen Ansichten das mitteilen, was uns frommen könnte, und dies Bestreben gab ihm selbst eine milde harmonische Gemütsstimmung. Sein Gespräch floß über in heitrer Laune; sie erzeugte witzige Einfälle, und wenn oft störende Gestalten unsern kleinen Kreis beengten, so ließ ihre Entfernung uns das Vergnügen des reinen Zusammenklangs unter uns nur noch lebhafter empfinden. Wie wohl war uns, wenn wir nach einer langweiligen Kaffeevisite unserm genialen Freunde unter den schönen Bäumen des Saalufers entgegengehen konnten! Ein Waldbach, der sich in die Saale ergießt, und über den eine schmale Brücke führt, war das Ziel, wo wir ihn erwarteten. Wenn wir ihn im Schimmer der Abendröte auf uns zukommen erblickten, dann erschloß sich ein heiteres ideales Leben unserm innern Sinn. Hoher Ernst und anmutige geistreiche Leichtigkeit des offnen reinen Gemüts waren in Schillers Umgang immer lebendig, man wandelte wie zwischen den unwandelbaren Sternen des Himmels und den Blumen der Erde in seinen Gesprächen.
Wie ein Blumen- und Fruchtgewinde war das Leben dieses ganzen Sommers mit seinen genußreichen und bildenden Tagen und Stunden für uns alle. Schiller wurde ruhiger, klarer, seine Erscheinung, wie sein Wesen, anmutiger, sein Geist den phantastischen Ansichten des Lebens, die er bis dahin nicht ganz verbannen konnte, abgeneigter.
Meine Schwester konnte wohl in jeder Beziehung eine wünschenswerte Verbindung für Schiller sein. Sie hatteeine sehr anmutige Gestalt und Gesichtsbildung. Der Ausdruck reinster Herzensgüte belebte ihre Züge, und ihr Auge blitzte nur Wahrheit und Unschuld. Sinnig und empfänglich für alles Gute und Schöne im Leben und in der Kunst, hatte ihr ganzes Wesen eine schöne Harmonie. Mäßig, aber treu und anhaltend in ihren Neigungen, schien sie geschaffen, das reinste Glück zu genießen. Sie hatte Talent zum Landschaftzeichnen, einen feinen und tiefen Sinn für die Natur, und Reinheit und Zartheit in der Darstellung. Unter günstigern Umgebungen hätte sie in dieser Kunst etwas leisten können. Auch sprach sich jedes erhöhtere Gefühl in ihr oft in Gedichten aus, unter denen einige, von der Erinnerung an lebhaftere zärtliche Herzensverhältnisse eingegeben, voll Grazie und sanfter Empfindung sind.«
Schillerstraße 25: Wohnung des Ehepaares von Beulwitz
Schillerstraße 25: Wohnung des Ehepaares von Beulwitz
Durch Charlottes Winter gehen die Sommererinnerungen als ständige Begleiter:
»Wir waren auch in Hasel zusammen. Der Weg, den ich von Kochberg dazumal machte, mag jetzt recht wüste sein und traurig. Auch die Steine, auf denen wir saßen, waren voll Schnee, der Bach zugefroren, und die entblätterten Bäume gaben mir ein trauriges Bild der Vergänglichkeit. Ach, der Winter ist doch recht unangenehm! Auch der schöne Weg auf den Wiesen hin, den wir doch einigemal zusammen gingen, alles war so leer, so öde, die Weiden hoben ihre entblätterten Zweige empor, und das Geschrei der Raben, die traurig auf den weißen Feldern herumflogen, ließen nur Leben ahnen. Was ist dererfreuende Anblick der grünen Wiesen doch dagegen so schön!«
»Heute vorm Jahre waren wir uns fremd. Den sechsten sahen wir uns erst, es war ein schöner Zufall, der Sie eben mit Wolzogen zu uns brachte. Ich weiß noch, daß ich den Tag so ganz in mir verschlossen war, der Regen und Wind machte mir so unheimlich, und den Abend freute ich mich so, ich hätte mir es nie am Morgen träumen lassen.«
»Unsere schönen Berge freuen mich jetzt gar nicht, die schwarzen Bäume in der Allee machen so eine traurige Wirkung auf den Schnee, und der dunkle Wald auf die weißen Berge, da ist nichts, was einem liebliche Bilder erwecken könnte.«
Das Gartenhaus an der Allee: Wohnung der Frau von Lengefeld
Das Gartenhaus an der Allee: Wohnung der Frau von Lengefeld